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Full text of "Friedrich Ueberwegs Grundriss der Geschichte der Philosophie des Altertums"

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University of Toronto 



http://www.archive.org/details/friedrichueberw01uebe 



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Friedrich Ueberwegs 
Grundrifs 

der 

Geschichte der Philosophie 

fortgeführt von Max Heinze 



Erster Teil 

Das Altertum 



Elfte, Tollständig neubearbeitete und stark vermehrte, mit einem 
Philosophen- und Literatorenregister versehene Auflage, 

herausgegeben 



Dr. Karl Praechter 

ord. Professor der klassischen Philologie an der rniversität Halle 




Berlin 1920 

Ernst Siegfried Mittler und Sohn 

Kochstraße GS— 71 



Friedrich Ueberwegs 
Griiiidrifs 

der 

Geschichte der Philosophie 

des Altertums 



Elfte, vollständig neubearbeitete und stark vermehrte, mit einem 
Philosophen- und Literatorenregister versehene Auflage, 

herausgegeben 



Dr. Karl Praechter 

ord. Professor der klassischen Philologie an der Universität Halle 




Berlin 1920 
Ernst Siegfried Mittler und Sohn 

KochstraCe 68—71 



Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901 

sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten. 
Copyright 1919 by E. S. Mittler & Sohn, Berlin. 




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LIBRARY 

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GEDENKTAFEL 

ZU EHREN DER HERAUSGEBER. 



FRIEDRICH UEBERWEG 

Zuerst Privatdozent an der Universität Bonn, zuletzt ord. Professor 

an der Universität Königsberg 

* 22. Januar 1826, f 9. Juni 1871 

verfaßte auf Antrag und nach dem Plan des Verlagsbuchhändlers Dr. Theodor 
ToECHE-MiTTLER diesen Grundriß in drei Bänden (1862 — 1866) und bearbeitete 
auch die nächsten beiden Auflagen. 

Der erste Band erschien 1862, der zweite 1864, der dritte 1866. 



RUDOLF REICKE 

Dr. phil. und Bibliothekar an der Universität Königsberg 
* 5. Februar 1825, f 16. Oktober 1905 

besorgte die Bearbeitung der 4. Auflage (1871— 1875). 



MAX HEINZE 

k. sächsischer Geheimer Rat und ord. Professor an der Universität Leipzig 
''13. Dezember 1835, t ^7- September 1909 

übernahm im Jahre 1875 auf Wunsch der Verlagsbuchhandlung die Bearbeitung 
des Grundrisses und besorgte sie von der 5. bis 9. x\uflage (1876 — 1906). 

Die Abtrennung der Philosophie der Gegenwart von den drei frühe»- 
erschienenen Bänden in einen vierten Band erfolgte im Jahre 1901. 



VI 



Als im Jahre 1907 Geheimrat Heinze aus Altersrücksichteri von der 
weiteren Bearbeitung des Werkes zurücktrat, sah sich der Verlag veranlaßt, 
sie fortan in die Hände mehrerer Gelehrter zu legen, weil die mit jeder 
neuen Durchsicht eines Bandes verbundene Arbeit in ständigem Wachsen 
begrififen ist. Auch bietet diese Teilung den Vorteil, daß neue Auflagen 
mehrerer Bände gleichzeitig in Angriff genommen werden können. 

Seit dem Jahre 1907 besorgt die Bearbeitung des 

I. Bandes, Das Altertum: 

Karl Praechter, ordentlicher Professor an der Universität 
Halle. 

Von seiner Hand bearbeitet, erschien die zehnte Auflage des I. Bandes im 
Jahre 1909, die elfte, vollständig neubearbeitete und stark vermehrte im Herbst 1919. 

In die Bearbeitung der übrigen Bände teilen sich: 

IL Band, Die mittlere oder die patristische und 

scholastische Zeit: 

Matthias Baumgartner, ordentlicher Professor an der 

Universität Breslau. 

Die zehnte, vollständig neubearbeitete und stark vermehrte Auflage wurde 
im Winter 1 914/15 ausgegeben. 

III. Band, Die Neuzeit bis zum Ende des achtzehnten 

Jahrhunderts: 

Max Frischeisen-Koehler, Professor an der Universität 
Berlin. 
Die zehnte Auflage erschien 19 14. 

IV. Band, Das neunzehnte Jahrhundert und die 

Gegenwart: 

Konstantin Oesterreich, Dr. phil. und Privatdozent an 
der Universität Tübingen. 

Die elfte, völlig neubearbeitete und vermehrte Auflage erschien 191 5- 



Vorwort. 



Der erste Band des „Ueberweg" hat in seiner elften Auflage 
eine tiefgreifende Umgestaltung seines Inhaltes und eine 
Vermehrung seines Umfanges auf nahezu das Doppelte der 
nächst vorangegangenen Ausgabe erfahren und erscheint 
als ein neues Buch. Bei der Bearbeitung war mein Be- 
streben darauf gerichtet, neben der Vervollständigung des 
Literaturverzeichnisses, die bei diesem Grundriß nach alter Tra- 
dition selbstverständlich ist, vor allem auch den Textteil den 
jetzigen Ergebnissen und Forderungen der Wissenschaft anzu- 
passen. Dazu schien mir zunächst eine veränderte Einteilung 
des geschichtlichen Stoffes vonnöten. Die in den früheren 
Auflagen einseitig unter die Kategorien: Welt, Mensch, Gott, 
gezwungene Periodisierung mußte einer natürlicheren und 
der Gesamtentwicklung besser Rechnung tragenden den Platz 
räumen. Für die Ausführung im einzelnen kann auf S. 37 ff. und 
47 ff. verwiesen werden. Auch sonst erfuhr die Anordnung viel- 
fache Änderungen, z. T. im Zusammenhange mit der größeren 
Ausführlichkeit der Darstellung, die es u. a. ermöglichte, die 
früher nur in knappen Notizen berührten späteren Stadien des 
Kynismus sowie der peripatetischen und epikureischen Lehre in 
besonderen Paragraphen unter den verschiedenen zeitlichen Ab- 
schnitten zu behandeln und dabei das Charakteristische in ihrer 
Entwicklung hervortreten zu lassen. Das Einteilungsprinzip der 
Schulzugehörigkeit wurde straffer durchgeführt und demgemäß 
das dieses Prinzip durchbrechende Kapitel „Eklektizismus" (§ 66 
der 10. Aufl.) beseitigt. Varro und Cicero erhielten ihre Stelle 
In der Akademie des Antiochos (§ 65), Lukian bildet mit anderen 
zur Philosophie nur in loser Beziehung Stehenden eine Gruppe 
der „durch verschiedene Schulen philosophisch Beeinflußten" (§ 77). 
Daß Cicero vor die mittlere Stoa, die er voraussetzt, zu stehen 
kam, ist ein Ubelstand, der sich nicht wohl vermeiden ließ, da 
eine Zerlegung der Akademie, deren Polemik ihrerseits wieder 



Yin Vorwort. 

ZU den Entstehimgsgründen des mittleren Stoizismus gehört, aus 
Kücksichten der Übersichtlichkeit ausgeschlossen war. 

Die Umgestaltung beschränkte sich aber nicht auf Änderungen 
der Disposition. Läßt man die übernommenen Bestandteile 
der Ausgaben- und Literaturverzeichnisse aui.jer Rechnung, so 
wurde der überwiegende Teil des Bandes von Grund aus neu 
geschrieben. Der Hauptanteil entfiel dabei auf Piaton und die 
hellenistische Philosophie. Der letzteren suchte ich im Gegen- 
satze zu ihi'er immer noch stiefmütterhchen Behandlung in den 
meisten neueren Handbüchern zu dem Rechte zu verhelfen, das 
ihr angesichts ihrer immensen Bedeutung nicht nur für das spät- 
antike, sondern auch für das mittelalterliche und neuzeitliche 
Kulturleben zukommt. Schon die sich immer enger knüpfenden 
Beziehungen der christhch -theologischen und der allgemein 
rehgionswissenschafthchen Forschung zur hellenistischen Philo- 
sophiegeschichte verlangten eine eingehendere Behandlung dieses 
Gebietes, ganz abgesehen davon, daß sich trotz der klassizistischen 
Beschränktheit unseres Schulkanons auch in weiteren Kreisen 
ein wachsendes Interesse für philosophische Erscheinungen der 
späteren Antike, wie Epiktet, Plutarch und den Neuplatonismus, 
bemerkbar macht. Der namentlich bei Piaton sehr starken 
Lockung, mich Schritt für Schritt mit der intensiven Forschung 
der letzten Jahi'e auseinanderzusetzen, durfte ich in Rücksicht 
auf die dem L'mfange des Werkes gezogenen Grenzen nicht in 
vollem Maße nachgeben. Immerhin wird das, was nach dieser 
Richtung geschehen ist, genügen, um einen Einblick in die 
Probleme und ihre verschiedenartige Lösung zu geben und den 
Leser zur Stellungnahme auf Grund eigener Prüfung anzuregen. 
Gerade darauf aber kam es mir in erster Linie an, da ein Buch 
wie das vorliegende nur dann wirklich fördert, wenn es zum 
Quellenstudium den Anreiz gibt und den Weg zeigt. Es wurden 
deshalb zur Kontrolle und weiteren Verfolgung det Vorgetragenen 
zahlreiche Zitate von Autorenstellen eingefügt und — größtenteils 
nach dem Vorgange der früheren Bearbeitungen — mancher Passus 
ausgeschrieben, wobei ich mich der landläufigen Graecophobie 
zum Trotz ganz und gar nicht scheute, den griechischen Wort- 
laut als solchen zu belassen. Nur bei den schwierigeren Vor- 
sokratikertexten glaubte ich dem Verständnis durch Beigabe 
einer deutschen Übersetzung zu Hilfe kommen zu sollen. In 
FäUen, in denen dies besonders bemerkt ist, wurde Diels' Über- 
setzung übernommen, da jede Abweichung von ihr als Ver- 
schlechterung erschien. Selbstverständlich ist aber auch in allen 



Vorwort JX 

anderen Fällen diese Übersetzung, die zugleich den besten Kom- 
mentar bietet, zu Rate gezogen worden. 

Die äußere Einrichtung des Buches ist die gleiche, wie sie 
schon in der zehnten Auflage bestand, und beruht in der Haupt- 
sache auf der von der Verlagsbuchhandlung für alle Bände des 
Grundrisses getroffenen Anordnung, wonach Text und Lite- 
raturverzeichnis als gesonderte Teile des Bandes auftreten und 
die Ausgaben nebst Übersetzungen dem Textteile zugewiesen 
werden. Den Ausgaben ließ ich — immer wieder in Rücksicht auf 
die eigene Arbeit des Lesers, zu der das Buch anleiten soll — 
den Nachweis des Materials vorangehen, das für die selbständige 
Beschäftigung mit dem Philosophen oder der Philosophenschule^ 
in Betracht kommt, in erster Linie der antiken QueUen für Leben, 
Schriften und Lehre. Die unmittelbare Angabe dieses Materials- 
ist gegebenen Falles ersetzt durch den Hinweis auf Stellen neuerer 
Arbeiten, an welchen es zusammengestellt zu finden ist. Die 
Scheidung zwischen „Literatur" und „Ausgaben" war nicht über- 
all leicht durchzuführen. Besonders bei den auf Papyrus er- 
haltenen Schriftstellern bieten mehrfach die ihnen gewidmeten 
Abhandlungen in weiterem Kontexte zugleich auch mehr oder 
minder umfassende Editionen. In solchen Fällen wurde zu- 
gunsten der „Ausgabe" entschieden. Man wird also beispiels- 
Aveise für Philodem zunächst S. 463 ff. und dann erst S. 158* f. 
nachzuschlagen haben. Bei den Vorsokratikern erschien mir ab- 
gesehen von dem Bywaterschen Heraklit die Aufnahme der 
älteren Editionen neben Diels' Ausgaben nur als eine störende 
Belastung des Textes. Sie wurden daher, wie schon in der 
letzten Auflage, ausnahmsweise in das Literaturverzeichnis ver- 
wiesen. 

Im Textteile bildet in der Regel das Kleingedruekte die lei- 
tende Darstellung. Die großgedruckten Abschnitte zu Anfang 
der Paragraphen sollen daraus zur Orientierung und Rekapitu- 
lation das Wichtigste hervorheben. Eine Ausnahme machen die 
§§ 41—44 über die Lehre Piatons. Hier bestand die Schwierig- 
keit, daß einerseits das Verständnis dieser Lehre nur erreichbar 
ist, wenn man sie im Flusse ihrer an Wandlungen reichen Ent- 
wicklung betrachtet, andererseits aber der Zweck des Buches auch 
eine systematische Übersicht über die Philosophie Piatons als 
wünschenswert erscheinen ließ. Der ersteren Aufgabe konnte die 
Besprechung der platonischen Schriften in § 40 S. 238 ff. genügen, 
die ohne weiteres auch zu einer genetischen Behandlung seiner 
Theoreme führte. Der zweiten Aufgabe suchte ich in der Weise. 



X Vorwort. 

gerecht zu werden, daß ich in dem großgedruckten Texte der 
§§ 41 — 44 die Haiiptlehren des Philosophen in sachlicher Grup- 
IDierung und in knappster Form wiedergab, im Kleingedruckten 
aber unter Stich Worten auf die in Frage kommenden Stellen der 
ausfühiiicheren genetischen Darstellung verwies. Ich verkenne 
die leicht ersichtlichen Nachteile nicht, die auch mit dieser 
Lösung der Schwierigkeit verknüpft sind, sah aber keinen 
besseren Weg, das genetische und das systematische Verfahren 
zu verbinden, ohne durch Wiederholungen d^n Umfang der Dai-- 
stelhmg über Gebühr anwachsen zu lassen. 

Eine durchgehende Revision aller Titel in den älteren Teilen 
der Ausgaben-, Übersetzungen- und Literaturverzeichnisse erwies 
sich als untunlich. Doch habe ich da, wo L'nvollständigkeit 
einer Angabe oder sonstige Umstände Bedenken erweckten, keine 
Mühe der Nachforschung und Berichtigung gescheut. Auch eine 
Ergänzung dieser älteren Literaturnachweise zu lückenloser ^'oll- 
ständigkeit war ausgeschlossen. Schon ein Blick in die Bibliotheca 
scriptorum classicorum von Engelmann-Preuss und Klussmann 
belehrt, daß dadurch der Rahmen eines Grundrisses gesprengt 
worden wäre. So wurde nur nachgetragen, was an Bemei'kens- 
wertem zu fehlen schien, im übrigen aber nach Möglichkeit auf 
die Stellen neuerer Arbeiten verwiesen, in denen auch die ältere 
Literatur verzeichnet ist. Dagegen fiel alles Gewicht auf die Ver- 
öffentlichungen der neueren und neuesten Zeit, für welche Zu- 
sammenstellungen teils überhaupt nicht vorhanden, teils nur sehr 
unbequem zu benutzen sind. Ich war darauf bedacht, dabei je- 
weilen auch solche Erscheinungen zu nennen, die sich durch ihren 
Titel nicht ohne weiteres als in Frage kommend verraten. Leitend 
Avar auch hier das Bestreben, dem Arbeitenden nach Kräften zur 
Hand zu gehen und ihm mehr zu bieten, als eine einfache biblio- 
graphische Zusammenstellung der einschlägigen Titel zu geben 
imstande ist. Unter diesem Gesichtspunkte wurde es auch nicht 
vermieden, die gleiche Arbeit an verschiedenen Stellen anzuführen, 
sofern ihre Kenntnis in jedem einzelnen Falle für die Beschäf- 
tigung mit dem betreffenden Philosophen oder der in Rede 
stehenden Schule förderlich sein konnte. 

Die chronologische Ordnung der Literatur ist im wesenthchen 
beibehalten, mehrfach aber der Überblick durch Einführung neuer 
sachlich orientierter Unterabteilungen erleichtert worden. So 
wurde bei Cicero die Literatur, soweit sie nicht allgemeineren In- 
haltes ist, nach den einzelnen Schriften, denen sie gilt, gesondert, 
ebenso bei Philodem die nach dem oben Bemerkten unter den 



Vonvort. XI 

Ausgaben zu verzeichnenden Erscheinungen, und bei der stark 
angeschwollenen Produktion über Poseidonios, die großenteils 
seine Einwirkungen auf Spätere betrifft, boten die verschiedenen 
von ihm beeinflußten Schriftsteller ein gut benutzbares Ein- 
teilungsprinzip. Für manche anderen Autoren mit reicher 
moderner Literatur, wie Seneca und Luerez, wird es Aufgabe 
späterer Auflagen sein, durch eingehendere Scheidung nach sach- 
lichen Kategorien die Übersicht über die für den jeweiligen Zweck 
zu berücksichtigenden Arbeiten zu fördern. 

Als Beihilfen für Auffindung und Kontrolle des Literatur- 
materials wurden neben den Bibliographien von Engelmann- 
Preuss und Klussmann die Jahresberichte, die Bibliotheca philo- 
logica classica und die Rezensionszeitschriften mit Dank benutzt. 
Persönlichen Dank schulde ich zalilreichen Fachgenossen, be- 
sonders den Herren Dr. Th. 0. Achelis und Dr. A. Rüstow, für Hin- 
weise auf Unrichtigkeiten und Lücken in der Literatursammlung 
der früheren Auflagen. Den Kollegen Hultzsch, Robert und 
V. Stern verdanke ich freundliche Auskunft in Fragen ihrer engeren 
Forschungsgebiete. Weiterer Dank gebührt den Herren candd. phil. 
E. Fritz, Fr. Kegler, AV. Friedemann, Fr. Gabelick und P. Raue, 
die mich nacheinander bei der Druckkorrektur und der Verzette- 
lung des Registermaterials unterstützten. LTnter ihnen hat sich 
für den weitaus größten und schwierigsten Teil des Werkes 
Hr. Raue in den Stunden, die ihm Studium und vaterländischer 
Hilfsdienst übrig ließen, mit nie ermüdender Sorgfalt dieser Auf- 
gabe gewidmet. 

Die Drucklegung zog sich infolge der mannigfachen durch 
den Krieg" verursachten Schwierigkeiten über fünf Jahre hin. 
Das hatte mancherlei Ungleichmäßigkeiten in äußerlichen 
Dingen — der Wiedergabe griechischer und lateinischer 
Namen, der Zitierweise u. dgl. — zur Folge, von denen ich 
hoffen darf, daß sie nicht als allzu störend empfunden werden. 
Schwerer wiegt, daß manche neueren Erscheinungen, da der be- 
treffende xlbschnitt schon in Reindruck vorlag, nicht mehr an 
ihrem Platze eingehend berücksichtigt, sondern nur noch mit 
kurzer Titelangabe am Schlüsse des Bandes nachgetragen werden 
konnten. So war es, um nur Wichtigeres zu erwähnen, nicht 
mehr möglich, zu Reinhardts Buche über Parmenides Stellung 
zu nehmen — zu einer tiefer greifenden Umarbeitung der Vor- 
sokratik hätte es mich übrigens auch bei früherem Erscheinen 
nicht veranlaßt — . Das von Diels beleuchtete neue Antiphon- 
fragment ließ sich für die Sophistik nicht mehr verwerten und 



XII Vorwort. 

V. Wilamowitz' bedeutsames Piatonbuch konnte eben noch 
unter den Nachträgen genannt, Xestles Bearbeitung des ersten 
Zellerbandes bei der letzten Korrektur der Nachträge angefügt 
werden. Von § 37 an gab ich um des leichteren Verweisens 
willen das gesamte weitere Literaturverzeichnis vor dem Texte 
zum Druck, der im Spät.jahr 1916 beendigt wurde. Die unge- 
ahnt lange Dauer des Krieges und in ihrer Folge die Yerlang- 
samung des Weiterdi'uckes ließ die Nachträge stark anschwellen, 
brachte aber auf der andern Seite den VortQÜ, daß dem Bande, 
der nun gleichzeitig mit dem Wiedereinsetzen intensiverer wissen- 
schaftlicher Friedensarbeit erscheint, die Veröffentlichungen bis 
in die erste Hälfte d. J. 1919 beigegeben werden konnten, freilich 
nicht ohne Lücken, namentlich in der großenteils schwer erreich- 
baren ausländischen Literatur. 

Möge das Buch, das seinem Bearbeiter während der Stürme 
des Weltkrieges ein Mittelpunkt stiller Sammlung und zuletzt 
in bitterster Enttäuschung ein Trost gewesen ist, an seinem kleinen 
Teile dazu mithelfen, die geistigen Interessen aus Deutschlands 
großer Zeit hinüberzutragen in eine noch dunkle und wenig ver- 
heißungsvolle Zukunft. 

Halle a. S. im Herbst 1919. 

K. Praechter. 



Inhaltsyerzeiehiiis. 



Seite 

Gedenktafel zu Ehren der Herausgeber V — VI 

Vorwort VII-XII 

Einleitung. 

Über den Begriff, die Methode und die allge- 
meinen Quellen und Hilfsmittel der Geschichte 
der Philosophie. 

§ 1. Der Begriff der Philosophie 1—8 

§ 2. Der Begriff der Geschichte 8 

§ 3. Die Methoden der Geschichtsbetrachtung 8 — 10 

§ 4. Die Quellen und Hilfsmittel unserer Kenntnis der Geschichte der 

Philosophie 10 



Die Philosophie des Altertums. 

§ 5. Der allgemeine Charakter des vorchristlichen, insbesondere des 

griechischen Altertums und seiner Philosophie 11 

§ (3. Verschiedene Stellung der Griechen, Eömer und Orientalen zur 

Philosophie. Die Philosophien des Orients 11—15 



Die Philosophie der Griechen. 

§ 7. Die Quellen und Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der 

Griechen 16—31 

A. Direkte Quellen (Werke der Philosophen selbst) S. 16 
bis 17. B. Berichte S. 17—31. a) Biographische Berichte 
S. 17. 20 — 24. bj Arbeiten nach dem Prinzip der diaöoyj'i 
S. 17—18. 24 — 29. c) Doxographische Berichte S. 18. 
29 — 30. d) Behandlung der Sekten in übersichtlicher 
Weise; Darstellung des einen oder andern Systems in 
seiner Gliederung S. 18. 30 (dazu S. 232*). e) 'Gelegent- 
liche Behandlung philosophischer Lehren S. 18—19. 30 
bis 31. — Hilfsmittel S. 31. 

§ 8. Vorbereitung der griechischen Philosophie. Beziehungen zum Orient. 

Theologische, kosmologische und gnomische Dichtung ... 31-37 

§ 9. Die Perioden der griechischen Philosophiegeschichte 37—50 



Erste Periode. 

Die vorattisclie Philosophie 

etwa von Anfang des 6. bis Mitte des 5. Jahr- 
hunderts vor Chr. 

§ 10. Überblick über die Systeme dieser Periode 50—52 

§ 11. Die ältere ionische Naturphilosophie. Überblick 53—54 

§ 12. Thaies von Milet und Hippon 54—58 



Xl\ Inhaltsverzeichnis. 

fcieite 

§ 13. Anaxiniandros von Milet 58—62 

§ 14. Anaximenes von ^lilet, Idaios von Himera und Diogenes von 

ApoUonia. Anhang: Ps.-Hippokrates von der Siebenzahl . 62—65 

§ 15. Herakleitos von Ephesos und Kratylos von Athen 65 — 73 

§ 16. Pythagoras von Samos und die Pythagoreer 73 — 86 

Äußere Geschichte S. 75—78. Altpythagoreische Lehre 
im allgemeinen (Mathematisches und Metaphysisches. 
Weltbild, Psychologisches, Ethisches) S. 79—83. Lehren 
einzelner Altpythagoreer und pythagoreisch beeinflußter 
Männer (Philolaos, Eurytos, Archytas, Alkmaion, Epi- 
charmos, Hippodamos und Phaleas, Ion v. Chios, Polv- 
kleitos) S. 83—86. 
§ 17. Die Eleaten. Überblick. Ps.-Aristoteles de Melisse Xenophane 

Gorgia ■ . . . . 86-88 

§ 18. Xenophanes von Kolophon 88 — 94 

§ 19. Parmenides von Elea 94—100 

§ 20. Zenon von Elea 100—102 

§ 21. Melissos von Samos 102—103 

§ 22. Die jüngeren Naturphilosophen. Überblick 103 — 104 

§ 23. Empedokles von Akragas 104—110 

§ 24. Anaxagoras von Klazomenai, Archelaos von Athen und Metro- 

doros von Lampsakos 110-117 

§ 25. Die Atomiker: Leukippos von Milet, Demokritos von Abdera 

und die Demokriteer 117 — 125 



Zweite Periode. 

Die attische Philosophie 

etwa Mitte des 5. bis Ende des 4. Jahrhunderts vor Chr. 

§ 26. Überblick über die Philosophie dieser Periode 125 — 126 

§ 27. Die Sophistik im allgemeinen 126—128 

§ 28. Protagoras von Abdera 128—134 

§ 29. Gorgias von Leontinoi 134—137 

§ 30. Hippias von Elis 137 

§ 31. Prodikos von Keos 137—139 

§ 31a. Der Anonymus lamblichi. Die Ataooi köyot. . 139 — 141 

§ 32. Die späteren Sophisten 141 — 143 

§ 33. Sokrates von Athen 143—163 

Leben bis zur Anklage S. 145 — 147. Quellen für Persön- 
lichkeit und Lehre S. 147. Quellenbewertung bei Schleier- 
macher. ZeUer u. a. S. 148, Joel S. 148—149, Döring 
S. 149-151, ßurnet und Taylor S. 151, Maier S. 151-153, 
Busse, Ed. Schwartz, Ed. Meyer, Pöhlmann S. 15:5. Philo- 
sophische Methode und Lehre S. 154—160. Verhältnis 
zur Sophistik S. 160 — 161. Anklage, Verurteilung und 
Tod S. 161—163. 

§ 34. Die Sokratiker überhaupt. Xenophon, Aischines u. a 163 — 169 

Xenophon S. 165—167. Aischines S. 167— 1 GS. Xritias 
und Alkibiades S. 168. Der „Schuster Simon" S. 168—169. 

§ 35. Die megarische Schule 169 — 172 

Eukleides von Megara S. 170—171. Eubulides, Alexinos 
S. 171. Diodoros Kronos, Stilpon S. 172. 
§ 36. Die elisch-eretrische Schule. Phaidon von Elis, Menedemos 

und Asklepiades 172— lv3 



Inhaltsverzeichnis. XV 

Seite 

§ 37. Die ältere kynische Schule (Kynismus I. Teil) 173—185 

Allgemeines S. 174—175. Antisthenes S. 175—182. Dio- 
genes S. 182—184. Monimos, Onesikritos, Philiskos, 
Krates, Metrokies, Hipparchia S. 184—185. 

§ 88. Die kyrenaische Schule. Euhemeros 185—192 

Aristippos S. 187 — 191. Theodoros Atheos, Hegesias. An- 
nikeris S. 191. Euhemeros S. 191-192. 

§ 39. Piatons Leben 192—202 

§ 40. Piatons Schriften 202—337 

Überlieferung S. 204. Beschäftigung des Altertums mit 
Piatons Schriften S. 205. Ausgaben und Übersetzungen 
S. 205—209. 

A. Piatons Schriften im allgemeinen S. 209—237: 
I. Die Echtheit der einzelnen als platonisch überlieferten 
Schriften S. 210—215. Echtheitskriterien: 1. Über- 
lieferung S. 211, 2. antike Zeugnisse S. 211 — 212, 3. Lehr- 
gehalt S. 212, 4. künstlerische Darstellung S. 212—213, 
5. Sprachgebrauch S. 213 — 214. Übersicht über den 
Bestand unseres Corpus Platonicum mit Be- 
rücksichtigung der Echtheitsfrage S. 214 — 215. 
IL Die Abfassungszeit und chronologische Reihenfolge 
der platonischen Schriften S. 215 — 237. Kriterien: 1. An- 
gaben aus dem Altertume S. 215—216, 2. Anspielungen 
auf Personen und Ereignisse der äußeren Zeitgeschichte 
S. 216—218, 3. Beziehungen Piatons auf Männer der Phi- 
losophie und Literatur seiner Zeit und umgekehrt S. 218 
bis 224 (Isokrates S. 219-222, Aristophanes S. 222—223, 
Antisthenes S. 223, Polykrates S. 223—224, Alkidamas 
S. 224, Aristoteles S. 2-;4), 4. Hinweise einer Schrift auf 
eine andere S. 225 — 226, 5. der philosophische Inhalt der 
Dialoge S. 226-228, 6. ihr künstlerischer Aufbau S. 228 
bis 229, 7. ihre Sprache S. 229—232. Methodische Norm 
für Anwendung der Kriterien S. 232. Ergebnisse, Streit 
iiber die Entstehungszeit des Phaidros S. 232-233. 
Übersicht über Piatons Schriften nach ihrer 
zeitlichen Reihenfolge S. 233. III. Das Verhältnis 
der Reihenfolge der Schriften zu Piatons eigener geistiger 
Entwicklung S. 234 — 235. IV. Verteilung der einzelnen 
Schriften auf zeitüch oder sachlich bestimmte Gruppen 
S. 235-287. Übersicht S. 237. 

B. Piatons Schriften im einzelnen. Genetische 
Darstellung seiner Philosophie an Hand dieser 
Schriften S. 238-337: I. Die Jugendschriften S. 238 
bis 254: Allgemeines S. 238—239. Apologie und Kritou 
S. 239. Ion S. 239—240. Protagoras S. 240—244. Laches 
S. 244-245. Charmides S. 245—246. Das erste Buch 
der Politeia (der Thrasymachos) S. 246 — 249. Euthvphron 
S. 249—251. Lysis S. 251—254. — II. Die Schriften der 
Übergangszeit S. 254 — 275: Allgeraeines S. 254—255. 
Gorgias S. 255—262. Menon S. 262-265. Euthvdemos 
S. 265-268. Kleinerer Hippias S. 268—270. Größerer 
Hippias S. 270-271. Kratylos S. 271—274. Menexenos 
S. 274—275. — HL Die Schriften der reifen Mannesjahre 
S. 275-299: Allgemeines S. 275—276. Symposion S. 276 
bis 280 (Xatorps Auffassung der Ideenlehre S. 278—280). 
Phaidon S. 280-284. Politeia B. II— X S. 284-294. . 
Phaidros S. 294-299. — IV. Die Schriften der Alters- 
jahre S. 299—337: Allgemeines S. 299 -300. Theaitetos 
S. 300—304. Parmenides S. 304-307. Sophistes S. 307 
bis 311. Politikos S. 311—314. Philebos S. 314-319. 
Timaios S. 319-326. Kritias S. 326. Nomoi S. 326 bis 
334. Epinomis S. 334-337. 



^VI Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Systematischer Überblick über Piatons Philosophie. 

§ 41. Piatons Philosophie I: Allgemeines. Dialektik (^Metaphysik. 
Ideenlehre, Zahlenlehre, Erkenntnistheorie). Methodologie. 

Sprachphilosophie 337—342 

§ 42. Piatons Philosophie II: Theologie. Naturphilosophie. Psycho- 
logie ■ . . 343-346 

§ 43. Piatons Philosophie III: Ethik, a) Allgemeines. Ethik des 

Individuums 347—349 

§ 44. Piatons Philosophie IV: Ethik, b) Ethik des Gemeinwesens: 

Staats- und Gesellschafts-, Erziehungs- und Kunstlehre . . 349 — 352 

■§ 45. Die ältere Akademie 352—358 

Allgemeines S. 353 — 3.54. Speusippo's S. 354—355. Xeno- 
krates S. 355—356. Herakleides Pontikos S. 356— .357. 
Eudoxos. Polemon, Krates, Krantor, Hermodoros S. 357. 
Chion S. 3.58. 

§ 46. Aristoteles' Leben 358—363 

§ 47. Aristoteles' Schriften 363—384 

Überlieferung S. 364. Beschäftigung des Altertums mit 
Aristoteles' Schriften: Antike Schriftenverzeichnisse, Ein- 
teilung des Corpus Aristotelicum, Kommentare S. 364 bis 
366. Commentaria in Aristotelem Graeca und Supple- 
mentum Aristotelicum der Berliner Akademie S. 365—366. 
Aristoteles in Mittelalter und Neuzeit S. 306 — 367. Aus- 
gaben und Übersetzungen S. 367 — 372. 

A. Aristoteles' Schriften im allgemeinen S. 372 — 377. 
Dialoge und Lehrschriften S. 372—374. 'E'^oiXEoiy.ol köyoi 
S. 374—375. Aristoteles' Schriften und die aristotelische 
Schule S. 375. Der Keller von Skepsis S. 375 - 376. 
Chronologie der aristotelischen Schriften S. 376—377. 

B. Aristoteles' Schriften im einzelnen S. 377 — 384. 
a) Dialoge S. 378. b) Lehrschriften S 378-384. a) Logische 
Schriften S. 378—379. ß) Die Metaphysik S. 379-380. 
r) Schriften zur Naturphilosophie und Naturwissenschaft, 
Mathematik, Psychologie. Die Probleme und Wunder- 
erzählungen S. 380—381. d) Schriften zur Ethik, Politik, 
Ökonomik, Poetik und Ehetorik S. 381—384. — Verlorene 
Monographien zur Philosophiegeschichte S. 384. 

^ 4Ö. Aristoteles' Svstem im allgemeinen. Einteilung der Philosophie. 

Logik .' 384-392 

§ 49. Die aristotelische Metaphysik 392—398 

S .50. Die aristotelische Naturphilosophie feinschüeßlich der Psycho- 
logie) . . ■ . . 39S-404 

§ 51. Die aristotelische Ethik 404—412 

§ 52. Die aristotelische Politik 412—419 

§ 53. Die aristotelische Kunstlehre 419—422 

§ 54. Die älteren Peripatetiker 423—427 

Theophrastos und Eudemos S. 425—426. Aristoxenos und 
Dikaiarchos S. 426. Demetrios der Phalereer S. 427. 



Dritte Periode. 
Die hellenistiseh-rö mische Philosophie 

etwa von Ende des 4. Jahrhunderts vor bis gegen 
Mitte des 6. Jahrhunderts nach Chr. 

§ 54a. Die hellenistisch-römische Philosophie im allgemeinen. Ihre 

kulturgeschichtliche Grundlage und Bedeutung 427—432 



Inhaltsverzeichnis. XVII 

Seite 

Erster Abschnitt. 

Kampf zwischen Stoizismus, Epikureismus 
1111(1 Sliepsis. Elilektizismiis 

etwa von Ende des 4. bis Mitte des 1. Jahrhunderts vor Chr. 

§ 55. Die Stoa im allgemeinen. Die alte Stoa. Die Philosophen der 

alten Stoa 432—437 

Antike Nachrichten, Chronologie, Bildnisse, Schriften 
S. 432-433. Zenon von Kition S. 433-435. Ariston von 
Chios, Herillos, Dionysios von Herakleia, Persaios S. 435. 
Kleanthes S. 435 — 436. Chrysippos, Sphairos, Zenon von 
Tarsos, Diogenes von Seleukeia, Antipatros von Tarsos, 
Boethos, Apollodoros von Seleukeia, Archedemos S. 436. 
Stoisch Beeinflußte: Aratos S. 436, Krates von Mallos, 
Apollodoros von Athen, C Blossius S. 437. 

§ 56. Die alte Stoa: Das System, I: Einteilung der Philosophie, Logik 187-442 

§ 57. Die alte Stoa: Das System, II: Physik 442—448 

§ 58. Die alte Stoa: Das System, III: Ethik 448—455 

§ 59. Der Kynismus im ersten Abschnitt der hellenistisch-römischen 

Periode (Kynismus II. Teil, Fortsetzung zu § 37) .... 456—459 
Allgemeines. Die Diatribe S. 456-457. Bion von Bory- 
sthenes S. 457-458. Teles S. 4.58. Menippos von Gadara 
S. 458—459. Kerkidas von Megalopolis, Menedemos, Me- 
leagros von Gadara S. 459. 

§ 60. Die epikureische Schule. Ihre Vertreter im ersten Abschnitt 

der hellenistisch-römischen Periode 460—470 

Antike Nachrichten, Chronologie, Bildnisse S. 460 — 461. 
Ausgaben usw. S. 461—466. Epikur S. 466—469. Metro- 
doros von Lampsakos, Hermarchos, Philodemos S. 469. 
Lucretius S. 469 — 470. Asklepiades von Bithynien S. 470. 

§ 61. Das epikureische System, I: Allgemeines. Kanonik (Logik, Er- 
kenntnistheorie, Sprachphilosophie, Rhetorik) 470 — 474 

§ 62. Das epikureische System, II: Physik (Metaphysik, Theologie, 

Kosmologie, Naturphilosophie, Psychologie) 474—479 

§ 63. Das epikureische System, III: Ethik (Individualethik, Politik, 

Rechtsphilosophie) 479-486 

§ 64. Die Skepsis im allgemeinen. Die älteren Skeptiker 486—489 

Antike Nachrichten usw. S. 486 — 487. Pyrron von Elis 
S. 487—488. Philon von Athen, Nausiphanes von Teos 
S. 488. Timon von Phlius S. 488-489. 

§ 65. Die mittlere und neuere Akademie 489—500 

Antike Nachrichten S. 490. Ausgaben S. 490—492. Arke- 
silaos S. 492 — 493 Lakydes, Telekles, Euandros, Hege- 
sinus S. 493. Karneades von Kyrene S 493 — 494. Kleito- 
machos, Charmadas. Philon von Larisa S. 494. Antiochos 
von Askalon S. 494-495. Varro S. 495—496. Cicero 
S. 496 -.500. 

§ 66. Die mittlere Stoa (Stoische Schule II. Teil, Fortsetzung zu 

§§ 55—58) 500-504 

Antike Nachrichten usw. S. 501. Panaitios S. 501—502. 
Hekaton, Dionysios von Kyrene, Mnesarchos S. 502. Po- 
seidonios S. 502— 504. Asklepiodotos, Geminos, Phainias, 
lason S. 504. 

§ 67. Die Peripatetiker im ersten Abschnitt der hellenistisch-römischen 

Periode (Peripatetische Schule II. Teil, Fortsetzung zu § 54) .504-507 
Antike Nachrichten usw. S. 505. Straton von Lampsakos 
S. 505 — 506. Aristarchos von Samos, Lykon von Troas, 
üeberweg, Grundriß I. b 



XVIII Inhaltsverzeichnis. 

Seite 
Hieronymos von Rhodos S. 506". Ariston von Keos, Piy- 
taiiis, Kritolaos, Diodoros von Tyros, Hermippos, Sotion, 
Satyros. Herakleides Lenibos, Antisthenes von Rhodos, 
Agatharchides, Demetrios von Byzanz S. 507. 



Zweiter Abschnitt. 

Eklektizismus und erneute Ortliodoxie, gelehrte 
Beschäftigung mit den Werken der Schul- 
begründer, religiöser 3Iystizismus 

etwa von Mitte des 1. vorchristlichen bis Mitte 
des 3. christlichen Jahrhunderts. 

§ 68. Die spätere Stoa (Stoische Schule III. Teil, Fortsetzung zu 

§ 66) 508-526 

Antike Nachrichten, Bildnisse S. 509. Ausgaben S. 509 
bis 512. Athenodoros Kordylion, Antipatros von Tyros, 
ApoUonides, Diodotos, Apollonios von Tyros S. 512. Cato, 
Athenodoros des Sandon Sohn, Areios Didymos, Theon 
von Alexandreia, Manilius, Geriuanicus, Strabon, Hera- 
kleitos, Attalos, Chairemon S. 513. Seneca S. 513—516. 
Kornutos, Persius, Lucanus S. 516. Musonios S. 516 bis 
518. Epiktetos S. 518-521. Arrianos S. 521-522. Hie- 
rokles S. 522. Kleomedes S. 522 - .523. Marc Aurel 
S. 523—525. Pinax des Kebes S. 525. Paetus Thrasea, 
Helvidius Priscus S. 526. 

§ 69. Die Kyniker im zweiten Abschnitt der hellenistisch-römischen 

Periode (Kynismus III. Teil, Fortsetzung zu § 59) . . . . 526—536 
Antike Nachrichten usw. S. 527. Kynikerbriefe S. 527 
bis 528. Demetrios S. 528—529. Dion Chrysostomos 
S. .529—532. Oinomaos S. 532—533. Demonax S. 533 
bis 534. Peregrinos Proteus B. 534 — 536. 

§ 70. Der mittlere Piatonismus 536—568 

Antike Nachrichten, Bildnisse, Ausgaben usw. S. 538 bis 
540. Der mittlere Piatonismus im allgemeinen S. 540 bis 
542. Derkylides S. 542—543. Eudoros S. 543 544. 
Thrasyllos S. 544. Plutarchos von Chaironeia S. 544 bis 
552. Theon von Smyrna S. 552 — 553. Gaios S. 553. 
Albinos S. 553-557. Apuleius S. 557 — .558. Kalvisios 
Tauros S. 558. Favorinus S. 558 - 559. Herodes Attikos 
♦ S. 559. Nigrinos S. 559-560. Attikos S. 560-561. 

Harpokration, Celsus S. 562. Maximos von Tyros S. 562 
bis 563. Hierax S. 563-564. lunkos S. 564. Anonymer 
Theaitetkommentar (Papyr. 9782) S. 564 - 565. Papyrus 
Berolinensis N. 8, Severus S. 565. Die Quelle des Dio- 
genes Laertios für die platonische Lehre S. 565 - 566. 
Ausführungen über die Heimarmene bei Ps.-Plutarch de 
fato, Chalcidius und Nemesios S. 566 — 568. Apollonios 
Syros S. 568, 

§ 71. Die Peripatetiker im zweiten Abschnitt der hellenistisch-römi- 
schen Periode (Peripatetische Schule III. Teil, Fortsetzung 

zu § 67) .568-577 

Antike Xachrichten, Bildnisse, Ausgaben usw. S. 569 bis 
571. Die peripatetische Schule dieser Epoche im allge- 
meinen S. 571. Andronikos von Rhodos S. 571 — 572. 
Boethos von Sidon S. 572. Ariston von Alexandreia 
S. 572—573. Staseas, Kratippos, Xenärchos, Nikolaos 
von Damaskus, Alexandros von Aigai S. 573. Ptolemaios 
Chennos S. 573 — 574. Die pseudaristotelische Schrift von 



Inhaltsverzeichnis. XIX 

Seite 

der Welt, Aspasios 8. 574. Adrastos r?. .574:— 575. Her- 
minos S. 575. Klaudios Ptolemaios S. 575. Galenos, 
Aristokles von Messene S. 57f). Alexandros von Aphro- 
disias S. 576—577. 

§ 72. Die Neupythagoreer. Die Hermetische Literatur. Die Chal- 

däischen Orakel .'j78— .")88 

Antike Nachrichten, Bildnisse, Ausgaben usw. S. 579 bis 
581. Der Neupythagoreismus im allgemeinen S. 581 — 582. 
Alexandros Polyhistor, Nigidius Figulus, Fälschungen auf 
altpythagreische Namen, das Goldene Gedicht, Okellos 
Ö. 582. Apollonios von Tyana S. 583. Moderatos, Niko- 
raachos S. 584. Philostratos S. 584 — 585. Numenios 
S. 585—586. Kronios, Pythagoras (Inschrift von Ala- 
schehir) S 586. Die Hermetische Literatur S. 586—587. 
Die Chaldäischen Orakel, das Sextos-P'lorilegium S. 587. 
Sekundos S. 587—588. Neupythagoreische Spruch- und 
Unterhaltungsliteratur S. 588. 

§ 73. Die Sextier. Potamons eklektische Schule 588 — 590 

Die Sextier .588—589. Potaraon 589—590. 

§ 74. Die jüdisch-hellenistische Philosophie 590—604 

Antike Nachrichten, Ausgaben S. 592—598. Septuaginta 
S. 593 f. Apokryphen des Alten Testaments S. 594. 
Aristeas S. 594 f. Aristobulos S. 595 — 597. Das Pseudo- 
phokylideische Gedicht S. 597. Essäer und Therapeuten 
S. 597-598. Philon von Alexandreia S. 598—604. 

§ 75. Der spätere Epikureismus 604—606 

Antike Nachrichten, Ausgaben usw. S. 604. Der spätere 
Epikureismus im allgemeinen S. 605. Diogenes von 
Oinoanda S. 605-606. Diogenianos S. 606. 

§ 70. Der spätere Skeptizismus 606- (il3 

Antike Nachrichten, Ausgaben usw. S. 607. Der spätere 
Skeptizismus im allgemeinen S. 607 — 608. Ainesidemos 
S. 608. Die zehn Tropen S. 608—609. Sextos der Em- 
piriker, Saturninos, die fünf Tropen S. 609—610. Die 
zwei Tropen S. 610. Skeptische Argumente gegen die 
syllogistische Beweisführung, gegen den Begriff der Ur- 
sache, gegen die Gotteslehre S. 610—612. Das praktische 
Verhalten des Skeptikers S. 612. Die pyrronische und 
die akademische Skepsis S. 612—613. Favorinus S. 613. 
Die empirischen Ärzte, Menodotos S. 613. 

§ 77. Durch verschiedene Schulen philosophisch Beeinflußte dieses 

Periodenabschnittes 613 — 616 

Vergil S. 613-614. Horaz S. 614. Ovid S. 615. Lukian 
S. 615 616. 

Dritter Abschnitt. 
Die Herrschaft des Neuplatonismus 

etwa von Mitte des 3. bis Mitte des 6. Jahrhunderts nach Chr. 

§ 78. Die Neuplatoniker überhaupt 616—617 

§ 79. Ammonios Sakkas und seine unmittelbaren Schüler außer 

Plotinos 618—620 

Antike Nachrichten ; Ausgaben S. 618. Ammonios Sakkas 
S. 618—619. Origenes der Heide und Origenes der Christ 
S. 619. Herennios S. 619—620. Longinos S. 620. 

§ 80. Plotinos, Amelios und Porphyrios 620—637 

Antike Nachrichten; Ausgaben und Übersetzungen S. 622 
bis 624. Plotinos: Leben S. 624-625. Schriften S. 625 

b* 



^X Inhaltsverzeichnis. 

Seite 
bis (r27. Metaphysik S. 627—633. Kategorienlehre S. 633. 
Ästhetik S. 633.' Ethik 8. 633-634. Ekstase S. 634 bis 
635. — Amelios S. 635. Porphyrios S. 635 — 637. 

§ 81. lamblichos und die syrische Schule . 637 — 644 

Antike Nachrichten; Ausgaben 8. 638 — 639. lamblichos: 
Schriften S. 639. Metaphysik S. 639—641. Exegetische 
Methode S. 641—642. Ethik S. 642-643. — Theodoros 
von Asine S. 643. Sopatros S. 643—644. Dexippos 
S. 644. 

^ 82. Die pergamenische Schule B 14— 647 

Antike Nachrichten; Ausgaben S. 644—645. Die perga- 
menische Schule im allgemeinen S. 645 — 646. Julian 
S. 646—647. Sallustios, Eunapios S. 647. 

-§ 83. Die athenische Schule ü47— 659 

Antike Nachrichten; Schriftenverzeichnisse; Ausgaben 
S. 648—651. Plutarchos von Athen, Syrianos S. 651. 
Domninos S. 652. Proklos : Schriften S. 652, Metaphysik 
S. 652—655, Anthropologie S. 655—656, Ethik S. 656* bis 

657. — Marinos, Isidoros S. 657 Damaskios S. 657 bis 

658. Simplikios S. 658—659. Priskianos S. 659. 

§ 84. Die alexaudrinische Schule 659-672 

Antike Nachrichten; Schriftenverzeichnisse; Ausgaben 
S. 661- 662. Die alexandrinische Schule im allgemeinen 
S. 662—664. Hypatia S 664—665. Synesios S. 665. 
Hierokles von Aiexandreia S. 665—667. Hermeias von 
Alexandreia S. 667. Ammonios Hermeiu, Joannes Philo- 
ponos. Asklepios, Olympiodoros, Elias, David S. 667—668. 
Stephanos von Alexandreia S. 668. — Anhang : Alexandros 
von Lykopolis S. 669. Asklepiodotos von Alexandreia 
S, 669—670. Nemesios S. 670—671. Joannes Lydos S, 671. 
Tij; XaoiyJ.eiag ig/iujvevua ttj? aäxpQOvo? ex q^covijg ^>t?ujiJTov 
rov q^i'/.ooöffov S. 671 — 672. 

§ 85. Die Neuplatoniker des lateinischen Westens 672— (580 

Antike Nachrichten; Ausgaben S. 672-673. Cornelius 
Labeo S. 673-674. Chalcidius S. 674—675. Marius 
Victorinus S. 675. Vettius Agorius Praetextatus S. 676. 
Macrobius S. 676—677. Favonius Eulogius, Martianus 
Capeila S. 677. Boethius S. 678 - 680. 

§ 86. Die Peripatetiker im dritten Abschnitt der hellenistisch-römi- 
schen Periode (Peripatetische Schule IV. Teil, Fortsetzung 

zu § 71) . 680-684 

Antike Nachrichten; Ausgaben S. 680—681. Anatolios 
S. 681. Themistios S 681—684. Doros S. 684. 

§ 87. Die Kvniker im dritten Abschnitt der hellenistisch-römischen 

Periode (.Kynismus IV. Teil, Fortsetzung zu § 69) . . . . 684—687 
Antike Nachrichten S. 684. Der Kynismus dieser Zeit 
im allgemeinen S. 684 -685. Maximos von Alexandreia, 
Heron von Alexandreia S. 686. Sallustios S. 686—687. 

Anhang I: Tabelle über die Sukzession der Scholarchen in Athen . . 688—691 

Anhang II: Apollodors chronologische Angaben über griechische 

Philosophen 692—696 

Literaturverzeichnis 1* — 231* 

Berichtigungen und Nachträge . • 232'*— 244* 

Kegister 245^^-300* 



Einleitung. 

über 

<ien Begriff, die Methode und die allgemeinen Quellen und 

Hilfsmittel der Geschichte der Philosophie. 

§ 1. Die Philosophie ist erst spät zur Stellung einer beson- 
deren Disziphn mit eigenartigem Inhalte innerhalb des Gesamt- 
kreises der Wissenschaft gelangt. Im Altertum fanden zur Ab- 
grenzung ihres Gegenstandes von dem der Fachwissenschaften, 
insbesondere der Naturwissenschaften, nur Anläufe statt. Nach 
allgemeiner Anschauung deckte sich ihr Inhalt mit dem des 
mensclilichen Wissens ohne Einschränkung, soweit man über- 
haupt Philosophieren als theoretisches und nicht als praktisches 
Verhalten betrachtete : manchen war Philosophie gleichbedeutend 
mit vernunftgemäL^em Leben. Die Neueren zeigen, so sehr auch 
über die Begriffsbestimmung der Philosophie im einzelnen Streit 
herrscht, doch im aUgemeinen die Neigung, die Philosopliie von 
den übrigen Wissenschaften durch das spezifische Merkmal zu 
unterscheiden, daß sie nicht auf irgendein beschränktes Gebiet 
und auch nicht auf die Gesamtheit aller Gebiete nach deren 
voUem Umfange, sondern auf das Wesen, die Gesetze und den 
Zusanmienhang alles Wirklichen, aUes Seienden und Werdenden, 
so'VN'ie auf die Gesetze des Handelns und Erkennens gehe. Diesem 
gemeinsamen Grundzuge in den mannigfachsten neueren Auf- 
fassungen der Philosophie entspricht die Definition, die von aUen 
Philosopliierenden am ehesten angenommen werden kann: die 
Philosophie ist die Wissenschaft der Prinzipien. 

Die Worte: cpi).6ooq.og, (fü.oootpia, (püooorfsiv finden sich bei Homer und 
Hesiod noch nicht. Der herrschende Ausdruck für jede auf Sachkunde be- 
ruhende Tüchtigkeit ist hier aorfla. Dieses Wort gebraucht Homer (II. 15, 412) 
von der Kunst des Zimmermanns. Bei Hesiod steht in gleichem Sinne (Op. 651) : 
vavzdirjg asoocpiafiEfog. Spätere gebrauchen oocpia auch von der Tüchtigkeit in der 
Tonkunst und Dichtung, Auch bei Herodot heißt ao(p6; ein jeder, der sich 

Ueberweg, Grundriß I. 1 



9 § 1. Der Begriff der Philosopliie. 

durch irgendeine Kunst oder Geschicklichkeit vor der Menge hervortut. Die- 
sogenannten sieben Weisen werden von ihm (1, 29 u. ö.) als oocpioTai bezeichnet;, 
auch Pythagoras ist ihm (4, 95) ein oocpioxi]?. Das Wort (püdoocpog ist zuerst nach- 
weisbar bei Herakleitos. fr. 35 D. (vgl. dazu Diels, der mit Recht unter Hin- 
weis auf die Übereinstimmung von Klemens von Alexandreia und Porphyrios den 
Ausdruck für Heraklit selbst in Anspruch nimmt), das Verbum (fi/.oaoq:£h' bei 
Herodot (1, 30). Die Geschichte dieser Worte hat auszugehen von ihrer populären, 
der Etymologie entsprechenden Bedeutung, die sich freilich gleich bei Heraklit 
in auffallender Weise verengt findet (s. u. S. 3): (fi'/.ooocfia ist Weisheits- (Wissens-) 
Liebe, (fdöoorpog der Weisheits-(Wissens-)Freund im allgemeinsten Sinne. So sagt 
bei Herod. 1, 30, Kroisos zu Solon : ich habe gehört, 'daß du (pü.oaofpson' viele 
Länder um der Betrachtung (decoQirjg el'vey.ev) willen durchwandert hast. Ebenso- 
Avenig wie Herodot denkt Thukydides 2, 40 an eine technische Bedeutung des- 
Wortes, wenn er Perikles von sich und den Athenern sagen läßt: rfü.oy.a'/.ov^iEv 
fier" evTF/.Eiag y.ul <fü.ooo(fovuEv avev ftcüay.iag. Auch hier ist (fü.oaocfla ganz all- 
gemein das Streben nach geistiger Bildung. So bestätigt sich für diese Zeit der 
Ausspruch des Cicero: omnis rerum optimarum cognitio atque in iis exercitatio 
phUosophia nominata est. Diese allgemeinere Bedeutung, wonach der cpdöaofpog 
mit demjenigen gleichgesetzt wird, der fi£xei'/.rj(fe .-laidsiag diacpÖQov y.al nsQixxfjg, 
hat das Wort auch später neben derjenigen, die es als Terminus gewann, noch, 
lange behalten. Eine bemerkenswerte Ausfühi-ung hierüber und über die frühere 
Geschichte des Wortes überhaupt, insbesondere sein Verhältnis zu dem Parallel- 
worte aof/ loxtjg, bietet der im 2. Jahrh, nach Chr. lebende Ehetor Ailios Aristeides 
(or. 46, II p. 407 f. Dind.). Seine Gegner, so führt er aus, die hinter dem Ehren- 
namen der Philosophie sich decken, wüßten nichts vom ursprünglichen Gebrauche 
des Wortes. Herodot habe Solon und Pythagoras Sophisten genannt, mit dem- 
selben Xamen habe Androtion (Historiker um 350 vor Chr.) die sieben Weisen 
und Sokrates belegt. Dann habe wieder (der Redner und Politiker) Isokrates mit 
dem Worte „Sophist'' die Eristiker und Dialektiker, mit „Philosoph" sich selbst 
sowie überhaupt die Redner und Politiker bezeichnet, und ebenso seien einige 
Zeitgenossen des Isokrates verfahren. Auf Piaton und Aischines habe Lysias das 
Wort „Sophist'' angewandt. „Sophist" war eben, bemerkt Aristeides, eine recht 
weitreichende Allgemeinbezeichnung, und unter Philosophie wurde verstanden q)iXo- 
xa'/.ia xig xal biaxoißtj Jtegl Äöyovg yal oi'x o vvv xqönog ovxog, d?./.ä aaiöeia 
y.oirojg, wie Demosthenes und tausend andere Schriftsteller in gebundener und 
ungebundener Rede bewiesen. Auch bei Piaton erkennt Aristeides diese allgemeine 
populäre Bedeutung neben der speziellen technischen: xovg xe yäg (pdoy.ä'/.ovg xai 
(fi/.ofiadeig i:zieiHci}g evqoi xig av avxov Cfi/.oo6(fovg ovo^iuQovxa eyyvg xi xijg xcöv 
jI o '/.'/. ü)v y./.ii]aeiog, y.al n:d/uv nov öiaiQOVfievog xovxovg lÖin ^iQoascgfjue (pi/.oa6(povg 
xovg ziSQi xag iöeag nQuy/iiaxevofievovg xal xcöv oco/näxcov vjteQOQwvxag. 

Altester Vertreter einer engeren Wortbedeutung, nach der (pi?.6oo(pog den 
nach der Xatur der Dinge Forschenden bezeichnet, wäre, wenn wir einer auf den 
Piatonschüler Herakleides Pontikos zurückgehenden, von zahlreichen Autoren (Diog. 
Laert. prooem. 12; Cic. Tusc. 5, 3, 9; dem Diadochenschreiber Sosikrates bei Diog^ 
Laert. 8, 8 ; lambl. vit. Pyth. 12 , 58 f.) berücksichtigten Erzählung glauben 
dürften, Pythagoras, dem auch die Bildung des Wortes zuzuschreiben wäre (vgl. 
auch Aetios 1, 3, 8 [Diels Vorsokr. 45 B 15, I» p. 349, 20], Herm. in Plat. Phaedr. 
p. 204, 12 f.). Nach dieser Tradition hätte Pythagoras im Gespräch mit dem 
ßikyonischen oder phliasischen Tyrannen Leon das Leben mit einem Feste ver- 
glichen, zu dem die einen kommen, um durch Handelsgeschäfte mit den Fest- 
besuchern Geldgewinn zu erzielen, andere, um ihre Künste zu zeigen, eine dritte 



§ 1. Der Begriff der Philosophie. 3 

Kategorie — den Philosophen entsprechend — um zu schauen. Bei dieser philo- 
sophischen Schau hätte Pythagoras an die Betrachtung des Himmels und der 
Stempelt und der damit verbundenen Probleme gedacht (lamblich a. a. ü. : 
Ha/.^v fiiv ovv eivai Tt]v zov cvunavTOS ovQavov diav y.al xojv iv avzcö (fooovfiercov 
uGiegcov ei' rig xadoQför] Tt]v xä^iv ht/.. Cicero a, a. O. : raros esse quosdam, qui 
ceteris omnibus pro nihilo habitis rerum naturam studiose intuerentur; hos se 
appellare sapientiae studiosos, id est enim philosophos). Die Xeuschöpfung des 
Wortes cfüöooffog zur Bezeichnung dieser Menschenkategorie an Stelle des bis 
dahin üblichen oor^og wäre von Pythagoras damit begründet Avorden, daß nur Gott, 
aber kein Mensch, weise sei. 

Daß diese Erzählung historische Wahrheit habe, ist sehr unwahrscheinlich; 
ohne Zweifel ist sie nur eine von Herakleides ausgegangene Übertragung eines 
Bokratisch-platonischen Gedankens (s. unten) auf Pythagoras, Zu dem ungebrochenen 
Vertrauen des Pythagoreismus auf die Kraft wissenschaftlicher Forschung stimmt 
nicht wohl die sokratische Bescheidenheit des Verzichts auf die Weisheit, noch 
auch zu der ungetrennten Einheit seiner theoretischen und praktischen Tendenz 
die platonisch -aristotelische Bevorzugung der reinen Theorie vor jeder Praxis. 
Auch der später ungemein beliebte Vergleich des Lebens mit einem Feste stünde 
in der Zeit des Pythagoras, wie es scheint, vereinzelt. Ferner ist bemerkenswert, 
daß der Pythagoreer Philolaos zur Bezeichnung der astronomisch-philosophischen 
Erkenntnis der Ordnung, die im Weltall herrscht, nicht das AVort (pdooocpia, 
sondern ootfia brauchte (Aet, 2, 7, 7, Diels Vorsokr. 32 A 16; vgl. Boeckh, Philolaos, 
S. 95 und 102 f.). 

Mit einiger Sicherheit ist eine engere Wortbedeutung bei Heraklit, unserem 
ältesten Zeugen für das Wort (fü.öoocfog (s. o. S. 2), nachweisbar. In Fragm. 35 heißt 
es: xoh 7^Q ^^' /'ö/.a 7io'/.'/.ü)v lorogag <fi'/.ooö(fovg ävdoag sivai aad' 'Hoäy.'/.sirov. Die 
bloße Weisheitsliebe im allgemeinsten Sinne erfordert noch nicht, daß man vieler 
Dinge kundig sei. Daraus folgt, daß unter Philosophen hier mehr oder minder 
berufsmäßige Vertreter der Wissenspflege oder Vertreter einer Wissenschaft ver- 
standen sein müssen, die ihrerseits fachliche Einzelstudien zux Voraussetzung 
hat, wie Xaturphilosophie Studien in den naturwissenschaftlichen Fachdis- 
ziplinen erfordert. Möglich auch, daß Heraklit mit dem Ausdruck die 
Männer bezeichnen wollte, die das mit der Gottheit und dem ).6yog identische 
Weise lieben; denn zur Erkenntnis des ).6yog gelangt nach Heraklit nur der 
Gereifte, der jegliches nach seiner Xatur zu zerlegen weiß (vgl. Diels, Herakl."^ 
S. X). Auf festeren Boden gelangen wir in der Sophistik imd Sokratik. 
Hier begegnet uns das Wort Philosophie zunächst in der Bedeutung einer 
systematisch geübten theoretischen Betätigung. Der Sophist Prodikos stellte 
nach Plat. Euthyd. 305 c (Diels Vorsokr. 77 B 6j den (fü.öooq^og avrjo dem 
:to)uxi>'.6g gegenüber und Piaton läßt ebenda Sokrates den prodikeischen Ausdruck 
fteOÖQia (fi/.oo6(fov zs drdoog y.al ao'/.iziy.ov auf eine bestimmte Persönlichkeit an- 
wenden. Plat. Euthyd. 307 a, Gorg. 485a erscheint (pdooocpia als Sache des Jugend- 
imterrichtes. Ahnlich Plat. Menex. 234 a, wo jtaiSevotg und (fi/.ooo(fia verbunden 
werden und die Vorstufe zu höherer, politischer Tätigkeit bilden. Wie wenig 
dabei „Philosophie" auf ein begrenztes Gebiet beschränkt ist, zeigt Plat. Theaet. 
143 d: et ziveg avzödi Tiegl yemuezotav yj ziva ä/.'/.rjV (f i/.oooq lav eiol zcöv vioiv e.Tt- 
ILi£/.eiav noiovuevoc (vgl. auch Tim. 88c /uovoiy^ y.al jidot] (fi/.ooo<fiq}. Was bei 
Xenoph. memor. 4, 2, 23 Euthydem als seine (fü.ooocfia bezeichnet, ist nach 4, 2, 1 
die im Jugend unterrichte herkömmliche Beschäftigung mit Dichtern und Sophisten, 
und in ähnlicher Weise ist in Xenophons Symposion 1, 5 (füooo(fia eine Bildung, 
die Kallias von den Sophisten Protagoras, Gorgias, Prodikos u. a. für Geld ein- 

1* 



4 § 1. Der Begriff der Philosophie. 

zuhandehi sucht, während sie Sokrates sich selbst erarbeitet. Auch hier werden 
die in diesem Sinne Gebildeten den Männern des praktischen Lebens wie Strategen 
und Hipparchen gegenübergestellt (1 , 4). (Vgl. auch Aristot. Pol. 1, 7, 
1255 b 37.) Auch dieser Gebrauch von qdoao<pia im Sinne von wissen- 
schaftlicher Beschäftigung überhaupt hat sich durch die Jahrhunderte hin- 
durch erhalten. Der Mathematiker Theon heißt bei Suidas (pd6aoq?og. von 
dessen Tochter Hypatia sagt der gleiche Autor (nach Damasc. vit. Isid.): 
ov>{ rjQXEO'drj xoig dia tmv fia&r]uär(ov Tzaidev/uaaiv vtio reo nazQi, aXXa xal qnXo- 
aocpiag rjyjaro xfjg aXXijg ovx ayevvwg^ Andererseits zeigt sich auch schon im 
Kreise der Sophisten und Sokratiker der Übergang zu der später geläufigen tech- 
nischen Verwendung von qdoooqüa und fpiX6oo(po?. Gorg. Helen. 13 (Diels 
Vorsokr. 76 B 11, 13, II» S. 253, 4 ff.) führt als Beweis für die Macht der nei^d) 
neben den Reden der fisrecoooX.oyoi und den Redekämpfen der politischen Be- 
redsamkeit auch an (pdoaöqcor X.öywr ä/iiüJ.ag, fv alg beiy.vviai xal yvo'jfit^g rd/og 
(bg evuEzdßoXov noiovv rijv xfjg do^tjg niaxiv. Dabei ist aber bemerkenswert, daß 
hier die Philosophen von den (isxscoQoXöyoi geschieden und ihr Gebiet auf die im 
sophistischen Unterrichte stark betonte Eristik beschränkt wird, die auch im plato- 
nischen Euthydem (304 e f.) als Probe philosophischer naidsia eine Rolle spielt. 
Näher führt an den üblichen technischen Gebrauch durch Einschluß der Natur- 
forschung Plat. apol. 23 d. Die Vorwürfe, die gegen alle (piXoootpovvxeg erhoben 
zu werden pflegen, sind nach dieser Stelle, daß sie rä /ierecoga xal xä vjio yfjg 
erforschen, keine Götter anerkennen und (durch rabulistische Redekunst) der 
schlechteren Sache zum Siege verhelfen. Bei Xenoph. mera. 1, 2, 19 sind oi 
q>daxopxsg (pdoaoqsTv Vertreter einer psychologisch-ethischen These. 

Neben dieser Entwicklung des Wortgebrauches geht eine andere einher, bei 
welcher dem ersten Bestandteil der Ausdrücke ff iXöoorpog, cpiXoooq ia, (ptXoooq'slv 
sein volles Gewicht erhalten bleibt, Philosophie also Weisheitst streben bedeutet. 
In diesem Sinne bewundert der jilatonische Sokrates Protag. 335 d die (pd.oaorfla 
des Kallias, der dem Disput zwischen Sokrates und Protagoras das größte Inter- 
esse entgegenbringt (vgl. auch Rep. 2 p. 37Gb, 9 p. 581b, 5 p. 475 b). Eine 
solche q)iXoao(pia kann zur ooqüa, der <p iXöaocpog zum oo(p6g in Gegensatz gerückt 
werden, wie es die oben berührte Anekdote für Pythagoras in Anspruch nimmt, 
tatsächlich aber wahrscheinlich von Sokrates, jedenfalls von Piaton geschehen ist. 
Nach Plat. apol. 21a hat das delphische Orakel erklärt, niemand sei norpdnenog 
als Sokrates. Im Verkehr mit Menschen aller Art prüft Sokrates dieses 
Orakel auf seine "Wahrheit und erkennt es schließlich als insofern gerecht- 
fertigt, als er im Unterschiede von den anderen wisse, daß er keine aocpia 
besitze, die tatsächlich nur der Gottheit zukomme (23 a f.). Dadurch erhält 
es seine besondere Beleuchtung, wenn Sokrates die ihm zuteil gewordene Mission 
28 e mit den Worten bezeichnet: (piXoaotpovvxd fis dsTv !^fjv xal i^sxä^orxa e^iavxov 
xal xovg a/j.ovg. In gleichem Sinne läßt Plat. Phaedr. 278 d Sokrates sagen : T6 
(.lEV aocföv . . . xaXeTr e'/toiys /.leya Eirai ÖoxsT xal dso) i^iövco Jigeirsiv x6 8e t) (piXöoo- 
<por rj xoiovxöv xt /.läXXöv xe är avxco ägfiöxrot xal ijuiiie/.saxgQcog t'/oi Im Symposion 
wird dieser Gegensatz mit der Eroslehre verflochten und so zu zentralen Teilen 
des platonischen Systems in engste Beziehung gesetzt. Der Eros steht zwischen 
Besitz und Nichtbesitz des Schönen in der Mitte. Dementsprechend „philosophiert" 
weder wer schon aoq)6g ist, noch auch sein Gegensatz, der dfiadi'ig. sondern wer 
zwischen beiden in der Mitte steht (Sympos. 203 e f.; vgl. auch Lysis 218a). Die 
aoq>la, die das Ziel dieser qnXoooqüa bildet, ist identisch mit der Inioxfmri (Theaet. 
p. 145e; vgl. auch Euthyd. p. 288 d: »/ hk ys (pd.oaorpia xxi]aig EJiiaxf'jfirjg). Diese 
geht auf die Ideen als auf das, was wahrhaft ist, die Meinung oder Vorstellung 



§ ]. Der Begriff der Philosophie. 5 

(dö^a) dagegen auf das Sinnliche als auf das, was dem Werden und dem Wechsel 
unterworfen ist (Rep. 5 p. 477 a). Demgemäß definiert Piaton (Rep. 5 p. 480a): lovg 
uvxö (iga k'xaoxov i6 uv doTraCoftivorg <fi/.oo6(fovg y.h^reov, oder (ibid. 6 p. 484 b): 
ffi}.6ao(foi Ol Tov del xaxä ravrä loaavzcog K/ovzog Svrd/Aeroi iffäjtTso&ai. Terminus 
für den Vertreter einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin ist das Wort 
<ftX6oo<pog eigentlich auch hier nicht. 'Pdoaocpoi sind vielmehr die Anhänger der 
wahren Wissenschaft überhaupt; ihnen stehen gegenüber die 'fdöSo^oi und if 
jio'/.'/.oTg xai mlvzcog lo/ovoc ji?.ava)/iievoi. Immerhin läßt sich aus solchen Stellen 
verstehen, wie sich die spätere Begriffsbestimmung der Philosophie als Metaphysik 
und Prinzipienlehre ausbilden konnte. 

Einen Fortschritt auf dem Wege zur späteren Umgrenzung der Philosophie 
zeigt Aristoteles mit der Ansetzung einer :jQa>rr] cpiÄoaorft'a. Die (füooocpia im 
weiteren Sinne (Metaph. 5, 1, 1026 a 18 u. ö.), wofür selten (Metaph. 3, 3, 1005b 1: 
eoTt ds ao(pia xig xal fj (fvoix)), d/./f ov nocoxr], vgl. Metaph. 10, 4, 1061b 32) ooffia 
vorkommt, ist die Wissenschaft überhaupt, wozu auch die Mathematik und Physik, 
die Ethik und die Poetik gehören; die ^iQwxrj (pdoao(pia aber (Metaph. 5, 1, 
1026 a 24 und 30; 10, 4, 1061b 19), die Aristoteles auch oocpia (Ethic. Nicom. 6, 7, 
1141a 16 ff.; Metaph. 1, 1, 981b28; 1, 2, 982a 6) nennt, und die er vorzugsweise 
als die Wissenschaft des Philosophen {>; xov (pdoaöqov sjiioxrjfxt], Metaph. 3, 3, 
1005 a 21, vgl. (pdoaofpia Metaph. 10, 4, 1061b 25) bezeichnet, ist ihm diejenige 
Doktrin, die wir heute Metaphysik zu nennen pflegen, nämlich die Wissen- 
schaft, welche auf das Seiende als solches {x6 ov fj ov, Metaph. 5, 1, 1026a 31; 
vgl. 10, 3, 1060b 31; 10, 4, 1061b 26), nicht auf irgendein einzelnes Gebiet allein 
gerichtet ist, also die ersten Gründe oder die Prinzipien (insbesondere die Materie, 
die Form, die wirkende Ursache und den Zweck) von allem Existierenden be- 
trachtet. Metaph. 1, 2, 982b 9: 8el yuQ xavxrjv (xijv ejxiazrjjxrjv) xcjv :jqojzojv dg/cöv 
xal alziöJv eivai {fscoQr]ziHi]v. Im Gegensatz zu deTJZQcozrj (pdoaocpia heißen Äletaph. 3, 
1, 1003a 25 die Spezialdoktrinen ijziazyjtiai iv ^egei ?.sy6/:ievai. Den Plural (pd.oao(fiai 
gebraucht Aristoteles teils in dem Sinne: philosophische Doktrinen (Metaph. 5, 1, 
1026a 18, wo die i.iaßt]^axixr], rfvoix}) und deoloyixr] als die drei <fd.oao(fiai ßem- 
Qtjxixai bezeichnet werden, vgl. Ethic. Xicomach. 1, 4, 1096b 31, wo von der 
Ethik eine andere philosophische Doktrin, ällrj (pd.ooorfia, unterschieden Avird, die 
nach dem Zusammenhange der Stelle die Metaphysik sein muß), teils in dem 
Sinne : philosophische Richtungen oder Systeme , Weisen des Philosophierens 
(Metaph. 1, 6, 987a 29; [Xträ 8'e xdi eiQrj/nivag cfdooocpiag fj UXdxoivog e:zsysrsxo 
Jigayf^axeia). 

Bei den Stoikern tritt in der Begriffsbestimmung der Philosophie bald eine 
theoretische, bald eine praktische Seite mehr hervor, über deren Zusammenhang 
Bonhöffer, Epictet u. d. Stoa Iff. zu vergleichen ist. Sie definieren (Aet. 1 prooem.2, 
vgl. Galen hist. phil. 5 [Diels, Doxogr. 273. 602; v. Arnim, Stoic. vet. fragm. II 
No. 35. 36J), die Weisheit {aorfia) als die Wissenschaft der göttlichen und mensch- 
lichen Dinge, die Philosophie {(pi'/.ooocfia) aber als äoxrjoig ijxirtjSeiov reyrtjg und 
setzen diese iTzat'jdsiog xi/itj der oofft'a (= xaxd'/.tjrpig ßeimv xe xal drdgojn-ivcov 
jzQayudxco%-) gleich oder verstehen darunter die dgex/j, wobei sie dann wieder der 
üblichen Einteilung der Philosophie entsprechend eine physische, ethische und 
logische doExfj unterscheiden (vgl. auch Cic. de fin. 3, 21, 72). Einfacher ist die 
Definition bei Sext. Emp. math. 9, 13 xijv cpdooocfiav (faolv E7xixt'j8evair slvai 
oofpiag, xrjv de coq^iav i:zioztj/urjv üeUov xe xal dvßQCOJzivojv crgay/^dzcov; Senec. Epist. 
89, 4: philosophia sapientiae amor est et affectatio (ähnlich schon Piaton, Politeia 
475b: ovxovv xal xov (fÜMOoqov aoffi'ag qr'joofiev i:jidi\utjxijv ehat ;) . . . sapientiam 



6 § 1. Der Begriff der Philosophie. 

quidani ita finierunt, ut dicerent divinorum et humanorum scientiani. Anders 
Seneka ebenda 5: alii Studium illam virtutis (s. o.) esse dixerunt, alii Studium 
corrigendae mentis, a quibusdam dicta est adpetitio rectae rationis (vgl. papyr. 
HercT 1020 [Stoie. vet. fragra. ed. Arnim II zu S. 15, 12, vgl. S. 41, 28; ähn- 
lich wie bei Seneka steht hier die allgemeinere Auffassung der speziell theoretischen 
ge^'enüber: (/H?.oao(fia, ehs ijiiTt'jd. ).6y. 6od6T}]T. eli' eniozi)u7f\ ennr^^evaiv löyov 
ogdÖTtjTog; ebenso Stoic. vet. fragm. III No. 293; die Definition ist chrysippisch 
nach Alex. Peius, bei Migne Patrol. Gr. 78, 1637. Zunutze gemacht hat sie sich 
der Verfasser des gefälschten Musoniosbriefes S. 141, 2 f. Hense). Ebenda 8 : philo- 
sophia Studium virtutis est, sed per ipsara virtutem. Im Anschluß an diese 
stoisch-praktische Auffassung bezeichnet auch Cicero de.fin. 3, 2, 4 die Philosophie 
als ars vitae. Auch in diesen Definitionen fehlt die Grenze, welche bei Aristo- 
teles die „erste Philosophie'' von den übrigen Doktrinen scheidet, die Philosophie 
umfaßt vielmehr die Gesamtheit der wissenschaftlichen Erkenntnis nebst ihrer 
Beziehung zum sittlichen Leben. 

Epikur erklärt die Philosophie für das rationelle Erstreben der Glückselig- 
keit. Sext. Empir. adv. math. 11, 169: ^Eniy.ovQog sÄsys rijv (pü.ooocinar ir^gysiav 
elvai Xöyoig xai SialoyiafioTg rov svöaUiova ßiov negiTioiovoav. 

Die Einleitungen in die Philosophie, wie sie im 5. und 6. Jahrh. nach Chr. in 
Alexandreia exegetischen Vorlesungen voran geschickt wurden, stellen sechs z umTeil 
sehr verschiedenartige Definitionen der Philosophie nebeneinander 
(Ammon. in Porph. Isag. [Comm. in Aristot. Graeca IV, 3] p. 1 ff., David Prol. [Comm. 
in Arist. Gr. XVIII, 2] p. 20, 25 ff., Elias [Comm. in Arist. Gr. XVIII, 1] p. 7, 
26 ff.; vgl. auch Julian or. ü p. 237, 2 ff. Hertl.); die Philosophie ist danach 
1. yvwoig rcöv övTmr f/ orra earl (der jiocori] rpd. des Aristot. sich nähernd) ; 2. yvöyaig 
■&SIIOV re y.al a.v&QO>:iiroiv :roayitäT(or ; 3. fisXht] darärov; 4. 6/ioioiatg {^eoi y.axa x6 
övvazov ardociiTico; 5. rsyvr) zsyröjv xal sjiiaTrjfit] e;TiaTt]ficöv; 6. (pcXia aocpiag. Die 
beiden ersten Definitionen sind vom Gegenstande der Philosophie (ouio rov vno- 
y.etfisvov) hergeleitet, die beiden folgenden von ihrem Ziel fix rov xiXovg), die fünfte 
von ihrer Überlegenheit (ey. rijg v.-tsqo/jj;), die sechste aus der Etymologie. Die 
beiden ersten und die letzte werden auf Pythagoras zurückgeführt, sind aber selbst- 
verständlich viel jünger (zur zweiten vgl. das oben zur Stoa Bemerkte), die dritte 
und die vierte auf Piaton (Phaedo p. 64 A, Theaet. p. 176 A; die erstere Stelle hat 
schon der Platoniker des 2. Jahrh. nach Chr. Albinos im Auge, wenn er Isag. 1, 
p. 152 Herm. die Philosophie definiert als ?.vaig y.al Tisoiaycoyi] ipvyf]g ä;rö acofiaTog; 
die TheaetetsteUe ist zur Bestimmung des rilog vom ersten Jahrhundert vor Chr. 
an unzählige Male verwertet worden ; vgl. Gott. gel. Anz. 1906 S. 904), die fünfte 
auf Aristoteles. Diese Definitionen haben sich ins Mittelalter hinein fortgepflanzt. 
Zur Definition re/v)] Tsyrcör y.al i.-riazi^fa] i.-TioTij/iicör, die auf die Seelsorgekunst 
des christlichen Priesters übertragen wurde, vgl. C. Weyman, Festg. z. 70. Ge- 
burtst. V. Georg Frh. v. Hertling, Freib. i. B. 1913, S. 371 ff. Die angeführte 
Zusammenstellung dieser Begriffsbestimmungen bei den Exegeten des 5. und 6. 
Jahrh. zeigt nun, wie weit man von einer prinzipiellen Abgrenzung der Philosophie 
von den Einzelwissenschaften auch in diesem späteren Stadium der griechischen 
Philosophiegeschichte entfernt war, so sehr auch einzelne Stellen, wie z. B. David 
Prol. 21, 12 ff. (yal yäg rj <pi?.ooo(pia fit'jifjg tcbv reyvütv y.al iTTiaztjiimr koriv i^ 
avrtig yäg rag dgyäg xal ai rsyrai xal al sjrioTTjfiai ).a;ißärovaiv) an die 
moderne Begriffsbestimmung erinnern, an die auch aus der vorangehenden Zeit 
Philons Bemerkung anklingt (de congr. erud. grat. 26, 146 p. 102, 15 W.) ov8e 
Tovrö Tig ayvoeT an tjdoaig raTg xaxa. fisoog (den fachwissenschaftlichen Disziplinen) 



§ 1. Der Begriff der Philosophie. 7 

zag dgxag y.al rä a:TEOi(aTa, i^ o)v diaß?.aaTsTv £Öo$s rä &scoo7'juaTa, fpiXoaofpia 
Sedcoorjxai. Vgl. auch Dav. proleg. philos. p. 40, 13 ff. Aus der Sphäre des 
Neuplatonisraus sei noch der Satz des Ammonios (in Porphyr. Isag. p. 2, 12 ff.) 
angeführt: laxiov ovv oxi ai fikv aXlai ijiioiijfiai xai zsyvai negi nva /^sQixä xaxa- 
yivovxai, otov jy xExxoviy.t] jisgl fiova xä ^vXa, ^ doxoovof^iia jxeoi fiöva xä ovQavia, 
^lövrj 8e ■)) (p ikooocp ia tieqI jzdvxa xä ovxa y.axayivexai (ganz im Einklang 
mit modernen Begriffsbestimmungen, vgl. z. B. Zeller, Philos. d. Gr. I 1^ S. 6). 

Da spätere Bestimmungen des Begriffs der Philosophie bis auf die neuere 
Zeit hin sich immer wieder an die angeführten angelehnt haben und deshalb hier 
übergangen werden dürfen, so ist zunächst die in der Leibniz-Wolffschen Schule 
geltende Definition zu erwähnen. Christian Wolff stellt (Philos. rationalis, 
disc. praelim. § 6) folgende Erklärung als eine von ihm selbst gefundene auf: 
(cognitio philosophica est) cognitio rationis eorum, quae sunt vel fiunt, unde 
Intelligatur, cur sint vel fiant, und (ebend, § 29): philosophia est scientia 
possibiliura, quatenus esse possunt. Offenbar ist diese Definition der platonischen 
und aristotelischen verwandt, sofern sie auf den vernunftgemäßen Grund (ratio) 
und auf die Ursachen, durch welche die Objekte und Vorgänge möglich werden, 
die Philosophie bezieht; sie enthält nicht die Einschränkung auf die primitiven 
Ursachen, so daß Wolffs Begriff der Philosophie der weitere ist, worin aber 
-wiederum (wie bei Piaton und Aristoteles, sofern diese q:ü.oaorfia im weiteren 
Sinne als mit snioxyiu] gleichbedeutend gebrauchen) die Abgrenzung gegen die 
positiven Wissenschaften, insbesondere gegen die mathematischen, fehlt. In dieser 
letzteren Beziehung sucht Kant eine schärfere Bestimmung zu gewinnen. 

Kant teilt (Krit. der reinen Vern., Methodenl., 3. Hauptst.) die Erkenntnis 
überhaupt ihrer Form nach ein in die historische (cognitio ex datis) und die 
rationale (cognitio ex principiis), und die letzte wiederum in die mathematische 
(Vemunfterkenntnis aus der Konstruktion von Begriffen) und die philosophische 
•(Vernunfterkenntnis aus Begriffen als solchen). Die Philosophie nach ihrem 
Schulbegriff ist ihm das System aller philosophischen Erkenntnisse, nach 
ihrem Weltbegriff aber die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis 
auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis 
humanae). 

Her hart definiert (Einl. in d. PhUos. § 4 f.) die Philosophie als Bearbeitung 
•der Begriffe. Diese Bearbeitung ist teils Verdeutlichung, teils Berichtigung, 
teils Ergänzung durch Wertbestimmungen ; die Hauptzweige der Philosophie sind 
demnach Logik, Metaphysik und Ästhetik. Die Ästhetik im Herbartschen Sinne 
umfaßt teils die Ethik, die nach Herbart auf Geschmacksurteilen über Willens- 
verhältnisse beruht, teils die Ästhetik in dem engeren Sinne, wie das Wort sonst 
üblich ist, die nach ihm auf Urteilen des Gefallens oder Mißfallens über andere 
Verhältnisse beruht. 

NTach Hegels, formell durch Fichte und materiell durch Schelling an- 
gebahnter Lehre (Enzykl. § 14) ist die Philosophie die Wissenschaft des Absoluten 
in der Form dialektischer Entwicklung oder die Wissenschaft der sich selbst be- 
greifenden Vernunft. 

Viel zu weit ist die Definition Paulsens, der die Philosophie faßt als 
Inbegriff aller wissenschaftlichen Erkenntnis, bestimmter die Wundts, nach dem 
sie ist „die allgemeine Wissenschaft, welche die durch die Einzelwissenschaften 
vermittelten Erkenntnisse zu einem widerspruchslosen System zu vereinigen und 



8 § 2. Der Begriff der Geschichte. 

die von der Wissenschaft benutzten allgemeinen Methoden und Voraussetzungen» 
des Erkennens auf ihre Prinzipien zurückzuführen hat". 

Definitionen, welche die Philosophie auf ein bestimmtes Gebiet einschränken, 
wie namentlich die in neuer Zeit öfters aufgestellte Erklärung, die Philosophie 
sei die Wissenschaft des Geistes, entsprechen mindestens nicht dem universellen 
Charakter der bisherigen großen Systeme der Philosophie. Ebensowenig würde 
sich zur Xorm einer geschichtlichen Darstellung der Philosophie eignen die auf 
Kant basierende Erklärung Windelbands, der unter Philosophie versteht: die 
kritische Wissenschaft von den allgemein gültigen Werten, die sie nicht als Tat- 
sachen, sondern als Normen behandelt. 

Über andere Definitionen neuerer Philosophen s. d. Literatur zu 
diesem Paragraphen. 

Die oben aufgestellte Definition der Philosophie wird auch den zu ein- 
seitigen Fassungen wenigstens gerecht und kann sogar auf solche Eichtungen, 
welche die Prinzipien für nicht erkennbar erklären, insofern Anwendung finden, 
als dieselben eben diese Unerkennbarkeit zu beweisen suchen, da die Untersuchung 
über die Erkennbarkeit der Prinzipien gerade der Wissenschaft von den Prin- 
zipien selbst angehört, und diese Wissenschaft demnach auch dann noch besteht, 
wenn sie sich auf den Versuch des Nachweises der Unerkennbarkeit der Prinzipien 
reduziert. 

§ 2. Die Geschichte im objektiven Sinne ist der Ent- 
wickhmgsiDrozeß der Natur und des Geistes. Die Geschichte im 
subjektiven Sinne ist die Erforschung und Darstellung dessen,, 
was der Geschichte im objektiven Sinne angehört. 

Die griechischen Worte larogia und larogeTv, die mit eIöevui wurzelverwandt 
sind, bezeichnen nicht die Geschichte im objektiven Sinne, sondern die subjektive 
Tätigkeit des Erforschens der Tatsachen. Das deutsche Wort geht auf das Ge- 
schehene, hat also ursprünglich die objektive Bedeutung. Die Entwicklung 
läßt sich definieren als die sukzessive Realisierung des Wesens in einer Stufen- 
folge von Erscheinungen. Ihre Form ist häufig das Auseinandertreten in Gegen- 
sätze und deren Aufhebung und Vermittlung zu einer höheren Einheit, was sich 
z. B. in der Entwicklungsreihe von Sokrates, den sogenannten einseitigen Sokra- 
tikern, und Piaton deutlich bekundet. Doch muß man sich hüten, in Hegelscher 
Manier den freien geschichtlichen Verlauf gewaltsam in dieses Schema zu pressen. 

Durch das Studium der Geschichte erneuert sich in dem einzelnen gleichsani 
in verjüngtem Maßstabe das Gesamtleben des Geschlechts. Der geistige Besitz, 
der jedesmaligen Gegenwart ruht gleich dem materielleii auf dem Erwerbe der 
Vergangenheit; einen gewissen Anteil an diesem Gemeingut erlangt ein jeder auch 
ohne das historische Bewußtsein, aber der Gewinn ist um so umfassender und 
gediegener, je mehr dieses sieh erweitert und vertieft. Den wahrhaften Fortschritt 
zu höheren Stufen begründet nur diejenige Produktion, welche die aneignende 
Reproduktion der vorangegangenen Arbeit des Geistes zur Voraussetzung hat. 

§ 3. Die Methoden der Geschichtsbetrachtung (von 
Hegel in die naive, reflektierende und spekulative eingeteilt) lassen 
sich nach dem Vorwiegen der einfachen Zusammenstellung des 



§ 3. Die Methoden. 9 

Stoffes oder der Prüfung der Glaubhaftigkeit der Überlieferung 
oder des Strebens nach dem Verständnis der Ursachen und der 
Bedeutung des Geschehenen als die empirische, kritische und 
philosophische bestimmen. Die philosophische Betrachtung 
schließt in sich: die Erklärung des Zusammenhangs und die Be- 
urteilung des Wertes der geschichtlichen Erscheinungen. Auf 
den kausalen Zusammenhang geht die genetische Betrachtung. 
Auch die sogenannte materialistische Geschichtsauffassung, 
die namentlich die wirtschaftlichen Verhältnisse als Faktoren der 
geschichthchen Entwicklung ins Auge faßt, ist in der Behand- 
lung der Philosophiegeschichte zur Geltung gekommen. 

Die Beurteilung des Wertes findet den Maßstab entweder 
unmittelbar in dem Bewußtsein des urteilenden Subjekts, oder in 
der eigenen Tendenz des zu beurteilenden Objekts, oder endlich 
in der Gesamtentwicklung, welcher sowohl das historische Objekt, 
als auch das Bewußtsein des urteilenden Subjekts, jedes auf seiner 
Stufe, angehört; es läßt sich hiernach die materiale, die formale 
und die geschichtsphilosophische (spekulative) Würdigung unter- 
scheiden. Die vollendete Geschichtsdarstellung beruht auf der 
Vereinigung aller jener methodischen Elemente. 

Die Geschichtsschreiber der Philosophie im späteren Altertum, wie auch die 
frühesten unter den neueren, befolgen vorwiegend die Methode der bloßen empi- 
rischen Zusammenstellung des Materials. Die kritische Sichtung ist zu- 
meist in der neueren Zeit durch Philologen und Philosophen geübt worden. Die 
Einsicht in den Kausalzusammenhang und in den Wert der verschiedenen 
Systeme wurde von Anfang an und schon vor den Versuchen ausführlicher Ge- 
samtdarstellung erstrebt und für die ältesten Philosophen bereits durch Piaton 
und Aristoteles begründet; ihre Erweiterung und Vertiefung aber ist eine Aufgabe^ 
zu deren Lösung jedes Zeitalter seinen Beitrag zu liefern versucht hat und auch, 
weiterhin wird versuchen müssen. Die subjektive Würdigung nach der unmittel- 
bar als Maßstab angelegten philosophischen (und theologischen) Doktrin des 
Historikers ist in der neueren Zeit besonders durch Leibnizianer, wie Brucker u. a., 
Kantianer, wie namentlich Tennemann, und Herbartianer, wie Strümpell, Thilo u. a.^ 
die formale Kritik, welche die einzelnen Sätze eines Systems an dessen Prinzip 
und dieses Prinzip selbst an seiner Durchführbarkeit prüft, durch Schleiermacher 
(besonders in seiner „Kritik der bisherigen Sittenlehre") und seine Nachfolger, 
namentlich durch Brandis, weniger durch Eitter, der mehr auch materiale Kritik 
übt, die spekulative Betrachtung endlich durch Hegel in seiner Geschichte der 
Philosophie und Philosophie der Geschichte und durch seine Schule geübt worden. 

Die öfters verhandelte Frage, ob die Geschichte der Philosophie vermittelst 
unseres eigenen philosophischen Bewußtseins zu verstehen, oder umgekehrt diese?^ 
vermittelst des historischen Studiums zu bilden, zu enveitern und zu berichtigen 
sei, erledigt sich dahin, daß in naturgemäßer Wechselwirkung beides geschehen 
müsse, jedes zu seiner Zeit. Die philosophische Bildungsstufe, die der einzelne 
vor seiner Bekanntschaft oder doch vor seiner genaueren Vertrautheit mit der Ge- 
schichte der Philosophie schon erreicht hat, soll das Verständnis dieser Geschichte 



10 § 4. Die Quellen und Hilfsmittel der Geschichte der Philosophie. 

ermöglichen, jedoch ebensowohl auch durch das historische Studium erhöht iind 
geläutert werden ; danach aber muß wiederum das bereits mittels der Geschichte 
und Systematik durchgebildete philosophische Bewußtsein für ein tieferes und 
■wahreres Verständnis der Geschichte sich fruchtbar erweisen. 

s? 4. Quellen unserer Kenntnis der Geschichte der 
Philosoi3hie bilden L die eigenen Ausführungen der Philosophen, 
wie sie uns a) in deren vollständig oder doch zum großen Teil 
erhaltenen Werken oder b) in gelegentlichen Anführungen Späterer 
(Fragmenten) vorliegen, IL die Berichte anderer über die Lehren 
der Philosophen. L^^nter den Berichten über philosophische Lehren, 
die uns nicht in der eigenen Darstellung ihrer Urheber zugäng- 
lich sind, hat man diejenigen für die gesichertsten zu halten, 
welche unmittelbar auf die Schriften der Philosophen sich gründen, 
wie auch die Berichte unmittelbarer Schüler über mündliche 
Aussagen. Ist die Tendenz des Schriftstellers, dessen Angaben 
uns als Quelle dienen (oder des sogenannten „Zeugen"), nicht die 
historische der Berichterstattung, sondern die philosophisch-kri- 
tische der Prüfung der Wahrheit der von ihm erwähnten Lehren, 
so ist bei der Benutzung eines solchen Zeugnisses besondere Vor- 
sieht vonnöten. da die Kritik vom Standpunkte des Beurteilers 
leicht dazu führt, die Lehren des zu beurteilenden Systems in 
falscher Perspektive zu schauen und deren Sinn und Zusammen- 
hang anders zu deuten, als es der Meinung ihres Urhebers ent- 
■sp rieht. Nächst den Quellen, woraus der „Zeuge" schöpfte, und 
■der Tendenz seiner Sclirift ist seine eigene philosophische Durch- 
bildung und Befähigung zum Verständnis der betreffenden Lehren 
das wesentlichste Kriterium seiner Glaubwürdigkeit. 

Der Wert der Hilfsmittel zur Erlangung der Kenntnis und 
«des Verständnisses der Geschichte der Philosophie bestimmt sich 
teils nach dem Maße der Genauigkeit in der Mitteilung und der 
Schärfe in der Prüfung des Materials, teils nach dem Maße der 
Einsicht, mit welcher in denselben aus der Gesamtheit der philo- 
.sophisehen Gedanken das Wesentlichste ausgehoben und sowolil 
der Zusammenhang des einzelnen Systems in sich als auch die 
Entwicklungsfolge der verschiedenen philosophischen Standpunkte 
dargelegt wird. 



Die Philosophie des Altertums. 



§ 5. Als allgemeiner Charakter des vorchristlichen 
und insbesondere des hellenischen Altertums läßt sich die 
vergleichsweise noch unmittelbare Einheit des Geistes in sich und 
mit der Natur bezeichnen. Die Philosophie des Altertums, wie 
einer Jeden Periode, teilt ihren zeitlichen xlnfängen und ihrer 
bleibenden Grundlage nach mit Notwendigkeit den Charakter 
ihrer Zeit, strebt jedoch nach ihrer wesentlichen Tendenz frei 
über denselben hinaus und bahnt so auch den Fortgang der all- 
gemeinen Bildung zu neuen und höheren Stufen an. 

Um die Lösung der schwierigen, jedoch unabweisbaren Aufgabe einer all- 
gemeinen geschichtsphilosophischen Charakteristik der großen Periode des geistigen 
Lebens der Menschheit hat sich besonders die Hegeische Philosophie bemüht. 
Sie hat einer geistigen Durchdringung großer Zusammenhänge in mannigfacher 
Weise vorgearbeitet, andererseits aber durch die gewaltsame Einzwängung des ge- 
schichtlichen Verlaufes in einen aus rein logischen Kategorien abgeleiteten Schema- 
tismus viel Unheil gestiftet. Die Begriffe, welche sie zu ihren geschichtsphilosophi- 
schen Zwecken anwendet, sind solche, von denen sie annimmt, daß sie sich auf das 
Wesen der geistigen Entwicklung überhaupt gründen und bei einem historischen 
Überblick über die einzelnen Erscheinungen in den verschiedenen Perioden auch 
empirisch als sachgemäß und zutreffend erweisen. Nicht zu billigen ist aber u. a. 
jedenfalls die Ansicht, daß die Philosophie jedesmal nur dem allgemeinen Be- 
wußtsein der Zeit seinen reinsten Ausdruck gebe; sie erhebt sich vielmehr auch 
über den Inhalt des Bewußtseins ihrer Zeit durch die Macht des freien Ge- 
dankens, erzeugt und entwickelt neue Keime und antizipiert theoretisch den 
wesentlichen Charakter von Bildungen, die in einer späteren Zeit zum Dasein 
gelangen (wie z. B. der platonische Staat wesentliche Grundzüge der Form der 
christlichen Kirche, das Xaturrecht in seiner Entwicklung seit Grotius den Kon- 
stitutionalismus des Staates der Neuzeit). 

§ 6. Die Philosophie des Abendlandes, mit der es der Grund- 
riß vornehmlich zu tun hat, konnte als Wissenschaft nicht bei 
den durch körperliche Kraft und Mut hervorragenden, aber mehr 
oder minder kulturlosen nordischen Völkern, sondern nur bei den 



J2 § ß- I^i^ Orientalen. 

geistige Kraft und Empfänglichkeit harmonisch in sich ver- 
einigenden Hellenen ihren Ursprung nehmen. Die Römer^ 
praktischen und insbesondere politischen Aufgaben zugewandt, 
haben an der Philosophie fast nur durch Aneignung hellenischer 
Gedanken und kaum irgendwie durch eigene Produktivität sich 
beteihgt. 

Die Orientalen waren zwar befähigt genug, eine höhere 
Kultur hervorzubringen, bewahrten aber die erworbene mehr 
passiv auf, als daß sie imstande gewesen wären, sie in geistiger 
Tätigkeit fort- und auszubilden. Ihrer Philosophie felilt vielfach 
die Tendenz zu strenger Beweisführung und so der wissenschaft- 
hche Charakter; auch ist sie häufig mit den religiösen Vorstel- 
lungen so eng verwachsen, daß eine gesonderte Darstellung von 
ihr kaum möglich ist. Als eigentliche Parallele zu der abend- 
ländischen Philosophie kann allein die indische bezeichnet 
werden, in der vielfach tiefe hervorragende Spekulation, logische 
und dialektische Schärfe sich finden. Da aber ein Einfluß der 
einen auf die andere kaum nachzuweisen ist, die indischen Philo- 
sopheme also nicht in direkte Verbindung mit den griechischen 
zu bringen sind, ist hier von einer ausführlicheren Darstellung 
derselben abzusehen; es muß genügen, wie über die morgen- 
ländische Philosophie überhaupt, so auch über die indische allge- 
meinere Angaben zu machen, trotzdem, daß man über sie in den 
letzten Jahrzehnten allmählich mehr Klarheit gewonnen hat. Auf 
die einzelnen Theorien kann hier nicht näher eingegangen werden. 

Die Lehre des Konfuzius (Kliung-tse, 551—479 v. Chr.), wie auch seiner 
Nachfolger (Meng-tse, geb. 371 v. Chr., u. a.) macht im Großen die chinesische 
Staatsreligion aus. Sie richtet sich zwar vomehmlich auf das Praktische, ist aber 
nicht von besonders utilitaristischer Tendenz ; sie weiß das wahrhaft Nützliche 
mit dem Sittlichen in schönen Einklang zu bringen. Jeder Mensch ist in sitt- 
licher Vollkommenheit geboren, und diese wieder zu erlangen, ist die sittliche 
Aufgabe. Die einige Tugend ist Wissen und kann durch Denken erreicht werden. 
Die umfassendste Menschenliebe ist die nächste Forderung. Die theoretische 
Spekulation (die auf der verallgemeinerten Anschauung von dem Gegensatze des 
Männüchen und Weiblichen, des Himmels und der Erde usw. beruht) ist bei 
Konfuzius nicht wissenschaftlich durchgebildet, doch fehlt es ihm nicht an 
logischer Schärfe. Nach seinen Schülern reicht das Wissen über die Erscheinungen 
nicht hinaus. Gleichzeitig mit Konfuzius lebte der Theosoph und pantheistische 
Mystiker Lao-tse, dessen Schüler annahmen, daß der phänomenalen Welt ein 
unerkennbares Urwesen, Tao, zugrunde liege. — Einen großen Aufschwung nahm 
die chinesische Philosophie wieder unter der Sung-Dynastie (960—1280 n. Chr.), 
und hier ist zunächst zu nennen Tscheu-tsi, Verfasser der Tafel vom Urprinzip, 
die Doch jetzt dem gebildeten Chinesen unentbehrlich ist. Er versuchte, eine 
letzte höchste Einheit aufzufinden und zu erkennen . wie die Zweiheit daraus 



§ 6. Die Orientalen. 13 

■werden mußte. Sein Kommentator ist der berühmte Tschu-hi (1 129 — 1200 n. Chr.), 
Verfasser des Sing-li, der das Verdienst einer mehr systematischen, fast dialeii- 
tischen Darstellung der früheren Lehren hat. 

Die reiche Phantasie der Inder hat auf dem Grunde einer pantheistischen 
Weltansicht eine Fülle von Göttergestalten erzeugt, ohne denselben harmonische 
Form und individuellen Charakter zu verleihen. Schon im Rigveda, dem ältesten 
Teile der Veden, finden wir Anfänge philosophischen Denkens. Die Götter, von 
•denen die Vedas handeln, gruppieren sich um drei oberste Naturgottheiten : Indra, 
Waruna und Agni. Später ward die höchste Verehrung den drei Götterwesen zu- 
teil, welche den indischen Trimurti bilden: Brahma als Urgrund der Welt, die ein 
durch die täuschende Maja bedingtes Spiegelbild in seinem Geiste ist, Wischnu 
als Erhalter und Regierer, Siva als Zerstörer und Erzeuger. Von den sechs 
großen bra;hmanischen Systemen sind Vedanta und Sankhya jetzt recht wohl 
bekannt (s. d. Literatur). Das älteste Lehrgebäude der Brahmanen ist die 
Mimansa, welche in einen theoretischen Teil, die Brahmamimansa oder Vedanta, 
und einen noch mit dem Ritual eng zusammenhängenden Teil, die Karmamimansa, 
zerfällt. Die Grundauffassung des Vedantasystems ist, daß alles physische 
empirische Wissen ein Nichtwissen ist, welchem die Metaphysik des Vedanta als 
•das Wissen von dem wahrhaft Seienden, das freilich nur negativ bestimmt werden 
kann, entgegentritt. Kapila setzte der (universalistischen) Mimansa (Untersxichung) 
die (individualistische, nicht eine Weltseele, sondern nur Einzelseelen anerkennende) 
8ankhya (Überlegung, Kritik?) entgegen. (In welchem Sinne dieses System 
8ankhya heißt, ist immer noch nicht sicher ausgemacht.) Nahe verwandt mit dem 
Sankhyasystem ist die Yogalehre, die eine abstrakte Meditation (Yoga) als 
Mittel zur Erlösung noch über die philosophische Erkenntnis setzt. Am meisten 
formal wissenschaftlich verfährt die Nyayalehrc, welche den Syllogismus kennt 
und überhaupt schon eine ausführliche und spitzfindige Logik enthält; bereits in 
der Sankhya findet sich eine Lehre von den Arten und Objekten der Erkenntnis. 
Eine naturphilosophische Ergänzung zum Nyayasystem ist die Vaiseshikalehre, so 
genannt nach dem Prinzip der Differenz (visesha), das auch in der Atomlehre 
dieses Systems zutage kommt. Das Alter dieser Lehren ist ungewiß, doch kann 
man sie bis in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, ja darüber hinaus, 
zurückverfolgen. — Die L^ichtung Bhagavadgita (aus Mahabharata) setzt sich 
zusammen aus Vedanta- und Sankhya-Lehre und Theismus und erregt als späteres 
Produkt jetzt weitaus nicht mehr dasselbe Interesse wie früher. 

Der Brahma-Religion trat (um 480 v. Chr.) der Buddhismus als Versuch 
einer moralischen Reformation entgegen, den Kasten feindlich, aber eine neue 
Hierarchie begründend. Als letztes Ziel gilt ihm die Erhebung über die bunte 
Welt des wechselnden Scheins mit ihrem Schmerz und ihrer eitlen Lust, aber nicht 
sowohl durch positive sittliche und intellektuelle Geistesbildung, als vielmehr 
durch den die Qual der Seelen Wanderung aufhebenden Eingang in das Nirwana 
zur bewußtlosen Einheit des Individiuums mit dem All. Neben dem Buddhismus 
steht der Dschainismus (Jainismus), der ungefähr gleichzeitig mit dem Buddhis- 
mus entstanden ist und wie dieser ein asketisches, heiliges Leben empfiehlt. 

Die pars is che Religion, von Zarathustra (Zoroaster) begründet oder 
reformiert, steht in Opposition zu der altindischen, deren Götter ihr als böse 
Dämonen erscheinen. Dem Reiche des Lichtes oder des Guten steht dualistisch 
das Reich der Finsternis oder des Bösen entgegen, physisch und ethisch : 
Ahuramazda, später Ormuzd, der gute, weise Geist, ist Schöpfer und Regierer der 
Welt, ihm gegenüber steht der böse Geist, Anromainyu, später Ahriman, der 



14 § ^^- ßie Orientalen. 

Urheber alles Schlechten in der "Welt. Nach langem Kampf wird endlich da& 
Gute siegen. 

Die Religion der Ägypter -war ursprünglich keine einheitliche, vielmehr 
wurden in den verschiedenen Gauen und Ortschaften verschiedene Lokalgottheiten 
verehrt: so in Memphis der Gott Ptah, den man hier als ., Vater der Götter' und 
„Schöpfer des Himmels und der Erde" verehrte, in Bubastis die Göttin ßastet, in 
Theben der Erntegott Amnion, in Elephantine der Kataraktengott Chnum, in 
Abydos der Gott Osiris, im Faijum der Krokodilgott Sobek u. a. m. Meist wurden 
diese Lokalgötter als Tiere, aber auch in Steinen, Bäumen, Pfählen gedacht. 
Neben ihnen genossen die großen kosmischen Mächte, der Erdgott Geb, die 
Hiramelsgöttin Newt, der Xilgott Haj), vor allem der Sonnengott Re allgemeine 
V^erehrung. Die von der Priesterschaft von Heliopolis lOn) ausgebildete Lehre 
von dem Sonuengotte und seiner Allmacht (die Könige selbst nannten sich „Söhne 
des Sonnengottes") drang überall durch und hatte zur Folge, daß die Lokal- 
gottheiten dem Sonnengotte gleich gesetzt und so selbst zu Lichtgöttern wurden. 
Doch ließ man trotz dieser Identifikation der verschiedenen Götter die verschie- 
denen Namen nicht fallen und kam nicht dazu, den einen Gott überall unter 
einem Namen zu verehren. Ein Versuch dieser Art, den König Amenophis IV. 
(um 1400 v. Chr.) unternahm, indem er den Kultus der Sonnenscheibe als alleinige 
Religion durchführte, ist bald am Widerstände der Priesterschaft gescheitert. 
Auch über das Fortleben des Menschen nach dem Tode gingen die Ansichten 
vielfach auseinander. Man glaubte, daß der Mensch aus verschiedenen Teilen 
zusammengesetzt sei, dem Körper, der Seele, und daß von der Erhaltung dieser 
Teile die Fortexistenz im Jenseits abhängig sei. Der Körper Avurde deshalb 
sorgfältig einbalsamiert, damit die Seele beliebig zu ihm zurückkehren könne. Im 
wesentlichen führte der Mensch nach dem Tode dasselbe Dasein wie zu seinen 
Lebzeiten, nur nicht auf der Erde, sondern im „Westlande", das man sich später 
von dem Totengotte Osiris beherrscht dachte. Speise und Trank galten auch für 
die Toten als die notwendigsten Existenzmittel; sie wurden von den Hinter- 
bliebenen am Grabe dargebracht, wo sie die Statue des Toten in Empfang nahm. 
Auch die Lehre von einem Gericht über die Abgeschiedenen scheint allgemein 
verbreitet gewesen zu sein. Von einer Seelenwanderung, wie sie Herodot (2, 123) 
schildert, wissen die ägyptischen Texte nichts. Zu einem systematisch geordneten 
religiösen System haben es die Ägypter aus eigener Kraft nicht gebracht. Auch 
von einer einheimischen Philosophie der Ägypter ist uns nichts bekannt; sie 
haben nur eme Art von Spruchpoesie gepflegt, in der ähnlich wie bei den bib- 
lischen Spruchbüchern praktische Regeln der Lebensklugheit imd des guten Tons- 
gegeben werden. Aber als in der hellenistischen Zeit die Ägypter mit der griechi- 
schen Bildung in engere Berührung kamen, traten auch ihre religiösen Vor- 
stellungen mit der griechischen Philosophie in regste Wechselbeziehung. Die 
ägyptische Religion wurde mittelst der griechischen Spekulation philosophisch be- 
gründet, vertieft und systematisiert, und auf griechischer Seite bereicherte sich der 
religiös-philosophische Synkretismus mit den neu gedeuteten Gestalten und Sagen 
der ägyptischen Mythologie. (Man vergleiche über diese Verhältnisse besonders. 
R. Reitzenstein in den im Literaturverzeichnis angeführten Schriften.) In ältester 
Zeit mögen auch astronomische Beobachtungen der Ägypter den Griechen zugute 
gekommen sein. Mehr haben diese freiüch von den Babyloniern erhalten, deren 
Einfluß aber auch nicht überschätzt werden darf (vgl. Boll, Die Erforschung der 
antiken Astrologie, Neue Jahrb. 21 [1908J S. 115 f., Die Entw. d. astron. Welt- 
bildes im Zusammenh. mit Rehgion u. Philosophie, Kultur d. Gegenwart 1113, 



§ 6. Die Orientalen. 15- 

S. 27 f.). Einzelne geometrische Sätze scheinen die Ägypter nur empirisch bei der 
Messung der Felder gefunden, nicht aber wissenschaftlich bewiesen zu haben. Die 
Aiiffindung der Beweise und die Aufstellung eines Systems der Geometrie war 
ein Werk der Griechen. 

Der jüdische Monotheismus, der nicht philosophisch begründet oder aus- 
gebildet war, wird von der Zeit des Neupythagoreismus an, nachdem Juden durch 
Mitaufnahme griechischer Bildungselemente eine Richtung auf wissenschaftliches- 
Denken gewonnen haben, ein in den Entwicklungsgang der griechischen Philo- 
sophie bedeutsam miteingreifendes Moment. 



Die Philosophie der Griechen. 



v^ 7. Die Quellen unserer Kenntnis der Philosophie der 
Griechen hegen teils (A) in den auf uns gekommenen Original- 
schriften der Philosophen und deren Fragmenten, teils (B) in Be- 
richten, biographischen Darstellungen sowie dogmengeschicht- 
hchen (doxographischen) Übersichten und gelegentlichen Erwäh- 
nungen. 

Als Hilfsmittel dienen die neueren Bearbeitungen der Ge- 
schichte der griechischen Philosophie (an welche sich die römische 
ohne wesentliche Eigentümlichkeiten anschließt) und einzelner Aus- 
schnitte derselben. Diese Bearbeitungen haben sich fortschreitend 
von lediglich referierender Zusammenstellung des bio- und doxo- 
graphischen Materials zur schärferen historischen Kritik und zum 
reineren und tieferen philosophischen Verständnis erhoben. 

Ausgaben. 

A. Direkte Quellen (Werke der Philosophen selbstj. 

1. Vollständig oder größtenteils erhaltene Werke. S. unter den 
einzelnen Philosophen. 

2. Fragmente. 

Bruchstücke philosophischer Werke finden sich fast in der gesamten griechi- 
schen und römischen Literatur verstreut. Einige besonders wichtige Fundstätten 
s. unten unter e). 

F r a g m e n t s a m m 1 u n g e u : 

Fragmenta philosophorum Graecorum, ed. F. W. A. Mullach, Vol. I., Paris 
Ib&J (poeseos philosophicae caeterorumque ante Socratem philosophorum quae 
supersunt). Vol. II, ib. 1S67 (Pythagoreos, Sophistas, Cynicos et Chalcidii in 
priorem Timaei Platonici partem commentarios continens), Vol. III, ib. 1S81 
(Platonicos et Peripateticos contLnensj. Durchaus ungenügende, auch die be- 
scheidensten Ansprüche nicht befriedigende Fragmentsammlungen mit ebenso un- 
genügenden, unkritischen Einleitungen über die Philosophen. 

Poetarum philosophorum fragmenta. Ed. Herrn. Diels, Berl. 1901, 
-als voluminis III. fasciculus prior der Poetarum Graecorum fragmenta auctore 
Udalr. de Wüamowitz-Moellendorff coUecta et edita. Enthalten sind in den Poe- 
tarum philos. fragmenta Thaies, Cleostratus, Xenophanes, Parmenides, Empedocles, 
Scythinus, Menecrates, Sminthes, Timon, Grates, Demetrius, Die Fragmente sind 
sehr sorgfältig mit kritischem und exegetischem Apparat und Wortindex heraus- 
gegeben; vorangeschickt sind ihnen die Testimonia vitae, scripturae (carminum), 
doctrinae (in Auswahl >. In der Rekonstruktion der Texte herrscht behutsamste 
jede Willkür ausschließende Methode. Tiefgründende Sachkenntnis ermöglicht 



§ 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 17 

aber gleichwohl Sinn und Zusammenhang oft in überraschender Weise zutage 
treten zu lassen. Das Werk ist für jede Sammlung von Philosophenfragmenten 
vorbildlich. 

Philosophenfragmeute finden sich ferner auch in den Sammlungen: Frag- 
menta historicorum Graecorum coli, dispos. notis et prolegomenis illustravit Carol. 
Müllerus, 4 voll. Parisiis 1841 — 1851; vol. V 1870. Corpus medicorum Graec. ausp. 
academiarum associatarum ed. acaderaiae Berol. Havn. Li})s. Bis jetzt zwei Bde. 
•erschienen. Übersicht über den Plan der Sammlung am Schlüsse von Y 9, 1. 
Scriptores physiognomonici Graeci et Latini rec. Eich. Foerster, 2 Bde., Leipzig 
1893 (dazu R. Asmus, Vergessene Physiognomonika, Philol. 65 [1906], 410 — 424». 
Vieles die Philosophie Angehende auch im Catalogus codicum astrol. Graec. ed. 
Bassi, Boll, Cumont, Kroll, Martini, Olivieri. 

Die Sammlungen der Fragmente einzeln er Philosophen, Schulen 
amd zeitlich abgegrenzter Gruppen (Epikur, Stoiker, Vorsokratiker 
usw.) s. unten an ihrem Orte. 

B. Berichte. (Das Nähere über die Einteilung s. unten S. 20 ff.) 

a) Biographische. 

Erhaltene Viten des Piaton und Aristoteles und Suidasartikel über weitere 
Philosophen bei A. Westermann, Vitar. Script. Graec. min., Brunsv. 1845 lib. VII. 
Fragmente bei Müller, Fragm. hist. Graec. Im übrigen s. d. Ausgaben der er- 
haltenen Einzelviten unter den Philosophen, denen sie gelten, oder ihren Ver- 
fassern, soweit diese als Philosophen in diesen Band mit aufgenommen sind. 
Suidas ist zu benutzen in der Ausgabe: Suidae Lexicon rec. Godofr. Bernhardv. 
2 voll., Halis et Brunsvigae 1834—1853. 

Apollodors Chronik. Eine Sammlung der Fragmente von Felix Jacoby 
(Philol. Untersuch, herausg. von A. Kießling und U. v. Wilamowitz-Moellendorff 
16. Heft) Berlin 1902. S. auch Diels unter Literatur. Neues Fragment bei Jules 
Nicole, Le proc^s de Pheidias dans les Chroniques d'Apollodore. D'ajires un 
pa23yrus inedit de la coUection de Genfeve, Geneve 1910. J. van Leeuwen, Apollo 
dori chronicorum fragmenta nova, Mnemos. 38, 278. 

Antigonos von Karystos. Fragmente bei E. Köpke, De Antigono Carystio, 
Berün 1862, S. 34 ff. S. auch Wilamowitz unter Literatur. 

b) Arbeiten nach dem Prinzip der Öiadoyj]. 
Fragmente bei Müller, Fragm. hist. Graec. 

Über die erhaltenen Stücke aus Philoderas Zvvia^ig zojr cfüooocpcor s. unter 
Philodem. 

Diogenis Laertii jieqI jUcov doy/idrcoi' xai ä::ioq üey/^äzcov (oder .t. ßi'cor y.ai 
yvo/iicöv) x<x)v er (pilooofjHu svdonifu^advKOv ßißUa öey.a. Ed. Hübner, 2 voll., Lips. 
1828—1831; dazu Comm.' vol. I. und IL, Lips. 1830-1833 (u. a. die Noten des 
Is. Casaubonus und des Aegid. Menagius enthaltend). Der Kommentar des Mena- 
gius zum Diog. Laert. ist zuerst 1652 erschienen. Diog. L. de vitis etc. ex 
Italicis codicibus nunc primum excussis recensuit C. Gabr. Cobet. Accedunt 
Olympiodori, Ammonii, lamblichi, PorjDhyrii et aliorum vitae Platouis, Aristotelis, 
Pythagorae;, Plotini et Isidori Ant. Westermanno et Marini vita Prodi J. F. 
Boissonadio edentibus. Graece et latine cum indicibus, Parisiis 1850. Der Text 
•dieser Ausgaben ist ungenügend. Kritische Bearbeitung einzelner Partien : 
C. Wachsmuth, Sillographorum Graecorum reliquiae, Lipsiae 1885. Das 10. 
Buch bei Usener, Epicurea S. 2 ff. Zahlreiche andere zumeist Vorsokratiker 
betreffende Abschnitte bei Diels, Poetarum philosophorum fragmenta. und 
Vorsokratiker, sowie in der Ausgabe des Herakleilos. Das Stück 3 , SO 
dii'/osi — 109 'AgioToie/.ijv bei H. Mutschmann, Divisiones quae vulgo dicuntur 
Aristoteleae, Lipsiae 1906. I)as ganze dritte Buch in der Ausgabe: Diogenis 
Laertii vita Piatonis, recensebant Herm. Breitenbach, Frid. Buddenhagen, Alb. 
Debrunner, Frid. von der Muehll, Basel 1907. Die die alten Stoiker betreffenden 
Partien bei v. Arnim, Stoic. vet. fragm. (vgl. dort I p. IV). Über eine anonym 
■erschienene Ausgabe Bywaters 'ÄQioxoTeXovg ßiog iy. tojv Aaeortov, Oxonii 1879 s. 
■<^Tercke, Hermes 37 (1902) S. 402. Drei Epigramme aus Diog. Laert. 3, 32 bei Stadt- 
müller, Anthol. Pal. 5, 77—79 (nach Diels' Kollationen, vgl. Praefat. zu vol. I 

Ueberweg, Grundriß I. 2 



18 § 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen^ 

p. XIV). Eine neue Ausgabe des ganzen Laertios plant Edg. Martini. Vgl. auch 
Sp. Laiupros, 'AvFxSora d.-iardiofiara Atoysvovg zov Aargrlov, Neog 'Elhp'Ofrvi^fuov 
III 257-376; IV 121 und ÄManges Nicole p. 639—651. 

c) Doxographische Berichte. 

üoxographi Graeci. Collegit, recensuit, prolegomenis indicibusque in- 
strusit Herrn. Diels, ßerolini 1879. Piacitorum scriptores insunt: Aetii de Pia- 
citis reliquiae (Plutarchi epitome, Stobaei excerpta), Arii Didymi epitomes frag- 
menta physica, Theophrasti physic. opinionum, de sensibus fr., Ciceronis ex 1. I, 
de natura deorum, Philodemi ex 1. 1. de pietate, Hippolyti philosophumena, Plu- 
tarchi stromateon fr., Epiphanii varia excerpta, Galeni historia philosopha, Hermiae 
irrisio gentilium philosophorum. Kritische Bearbeitung aller dieser Texte. Grund- 
legendes Werk für die gesamte antike Tradition über *die physikalischen Lehren 
der griechischen Philosophen. Die Prolegomena (8. 1—263) geben auf Grund 
eindringendster Untersuchungen einen genauen Einblick in die Filiation innerhalb 
der ganzen doxographischen Literatur. Die scharfsinnige Aufdeckung der viel- 
verschhuigenen Wege, auf denen das doxographische Material zu unseren sekun- 
dären Quellen gelangt ist, führt zu den wichtigsten Ergebnissen auch für die 
Quellenkritik des Cicero, Diog. Laert., Klemens v. Alexandreia u. a. Sehr ein- 
gehende Indices erleichtern die Orientierung. Ergänzungen: P. Wendland, 
Eine doxographische Quelle Philos, Sitzungsber. d. Berl. Akad. 1897 S. 1074—1079' 
(weist Reste der Vetusta plaeita bei Philon nach und stellt Einfluß des Poseidonios 
auf die Vetusta plaeita fest). R. v. Scala, Doxographische und stoische Reste bei 
Ammianus ]\Iarcellinus, Festg. zu Ehren M. Büdingers, Innsbruck 1898. A. Baum- 
stark, Zi]irj^iaTu ßaQßuQiy.ä, Philol.-histor. Beitr. C. Wachsmuth z. 60. Geb. überr,, 
Leipz. 1897, S. 145—154 (al Shahrastäni in seinen Schriften über Religionen und 
Philosophenschulen von den pseudo-plut. Plaeita abhängig). Giorgio Pasquali,- 
Doxographica aus Basiliusscholien, Nachr. d. Ges. d. Wiss. z. Gott., phil.-histor. 
Kl. 1910, S. 194-228. 

d) Behandlung der Sekten in übersichtlicher Weise; Dar- 
stellung des einen oder andern Systems in seiner Gliederung. 

Ps.-Galen, Hist. philos.: Diels Doxogr. p. 595—648. Areios Didymos: Diels 
Doxogr. p. 445—472. 

Über Ciceros philosoph. Schriften s. unten. Hier zu erwähnen ist: Ciceronis- 
historia philosophiae antiquae ex omnibus illius scriptis collegit Fr. Gedike, Berhn 

1782, 1801, 1814. 

e) Gelegentliche Behandlung philosophischerLehren (in anderer 
Absicht als derjenigen der Berichterstattung). 

Von Plutarchs erhaltenen Schriften sind besonders diejenigen, in welchen 
er sich mit den Lehren der Stoiker und Epikureer auseinandersetzt, wichtige 
Fundgruben für die Lehren dieser Philosophen : TJfp* ^tcoixwv harz loji^mr cor, "Ort 
nagado^öreoa ot ^kolhoI tcov jioirjzcov liyovoir [nur im Auszug erhalten], iTs^t 
Tföj' Hoii'Mi- fvvouov -Tpös zoh? Szcoinovg, "Ozi ovhi Lfjr f'oztv tjSsco; xaz' 'Ettixovqox', 
flgog Ko/.wziji', El xa/.cog Etgi/zai z6 ^läds ßicooag). Aber auch sonst bieten die 
„Moralia" und einige der Vitae (wie die des Dion zur Lebensgeschichte Piatons) 
reiches Material. Eine Anzahl philosophiegeschichtlich wichtiger Schriften de& 
Plutarch ist verloren. Ausgaben s. unter Plutarch. 

Galen greift in seinen philosophischen und medizinischen Schriften in unser 
Gebiet vielfach ein. Erwähnt sei hier die Schrift IJfoI zwv 'Injioy.QäzovQ xal 
n/MZ(ovog doy^mzMv. Ausgaben der Schriften d. Galen s. unter Galen. 

Über Sextus Empirikus s. unten. 

Unter den Neuplatonikern sind als besonders ertragreich für die Philo- 
sophiegeschichte Porphyrios (außer den oben schon genannten Resten der 4>d6oo(fog 
lozoQt'a die Schriften IJegi djropjg efixjwxiov , Utgl zov ev 'OSvaoeia vvfi(föJr ävzgovy 
die Quaestiones Homericae u. a.) und Proklos (Kommentar zum platonischen 
Timaios) zu nennen (Ausgaben unter Porphyrios u. Proklos). Sehr ergiebig sind 
einige Aristoteleskommentatoren, unter denen Simplikios, namenthch in seinem 
Kommentar zur Physik, durch seinen Reichtum an Vorsokratikerfragmenten her- 
vorragt (Ausgaben der Kommentatoren s. unter Aristoteles). 



§ 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 19 

Die Ausgaben der hier in Betracht kommenden Schriften der Kirchenväter 
8. 11. a. bei Bardenhewer, Gesch. d. altkirchl. Lit. I— III, Freiburg i. B. 1902 — 
1912, Jordan, Gesch. d. altchristl. Lit., Leipzig 1911. 

A. Gellii Xoctium Atticarum libri XX ex recensione Martini Hertz, Berol. 
1883, 1886. Editio minor, Lipsiae 1853, 1886. Rec. C. Hosius, Lipsiae 1903. 

Athenaei Deipnosophistae. Ed. Casaubonus 1598 — 1600; ed. Schweighäuser, 
Argentorati 1801—1807; ed. G. Dindorf, Lips. 1827; ed. Aug. Meineke, Lips. 1858 
bis 1867; rec. G. Kaibel, 3 voll., Lips. 1887—1890. 

Photios. Bibliotheca ed. Iram. Bekker, Berol. 1824. Migne, Patrol. Graec. 
101-104, Paris 1860. 

Ig. Stobaei Florilegium, ed. Thom. Gaisford, Oxon. 1822; Lips. 1823—1824; 
ed. Aug. Meineke, Lips. 1855 — 1857. Eclogae physieae et ethicae, ed. Arnold 
Herm. Lud. Heeren, Gott. 1791 — 1801; ed. Thom. Gaisford, Oxonii 1850; ed. Aug. 
Meineke, vol. I. Lips. 1860, vol. IL ib. 1864. Stobaei Anthologium rec. C. Wachs- 
niuth et Ü. Hense. Vol. I. et. IL: Libri duo priores (Eclogae physieae et ethicae), 
rec. C. Wachsmuth, Berl. 1884. Libri duo poster. rec. O. Hense, Vol. I 1894. 
Vol. II 1909, Vol. III 1912. Auch die Gnomica, die Anton Elter (Leipzig 1892) 
herausgegeben hat, sind hier zu nennen. 

A. Über die erhaltenen Schriften und Fragmente einzelner Philosophen 
und Schulen s. an ihrem Orte. 

B. Was die Angaben Dritter betrifft, so sind die Erwähnungen älterer 
Philosopheme bei Piaton und Aristoteles nicht bloße Berichterstattungen in 
historischer Absicht, sie finden vielmehr zumeist in kritischem Sinne statt und 
dienen so der Ermittlung der philosophischen Wahrheit. Piaton entwirft mit 
historischer Treue in den wesentlichen Grundzügen, aber zugleich mit poetischer 
Freiheit in der Ausführung und L'mmodelung nach seinen Zwecken anschauliche 
Bilder von den philosophischen Richtungen und auch von der Persönlichkeit ihrer 
Vertreter. Die Benutzung der platonischen Schriften als Quelle für Sokrates' 
Philosophie begegnet jedoch großen Schwierigkeiten, da der Verfasser großenteils 
seine eigene Lehre Sokrates in den Mund legt (s. unten § 33). Wie weit die Sophisten 
im einzelnen von Piaton naturgetreu geschildert und nicht zu Typen ausgestaltet 
worden sind, ist strittig. Außer über Sokrates und die Sophisten finden sich bei 
Piaton zahlreiche Angaben über vorsokratische Philosophen (s. das Stellenregister 
bei Diels, Vorsokr. II l'^ S. 778 ff.). In Aristoteles' erhaltenen Schriften fehlt 
die künstlerisch freie dramatische Charakterisierung der Philosophenpersönlich- 
keiten. Er berichtet vorzugsweise als Kritiker, aber eben deshalb sind auch seine 
Angaben nicht überall unbedingt zuverlässig, besonders da er an fremde Lehren 
den Maßstab seiner eigenen Grundbegriffe legt. Neben Piaton ist für die Sokra- 
tik Xenophon (besonders in den Memorabilien) die bedeutendste Quelle. Auch 
er schrieb nicht um der bloßen Berichterstattung willen, sondern verfolgte eine 
apologetische Tendenz (s. den Anfang der Memorabilien). Von Piatons Schülern 
handelten einige über ihren Lehrer (s. unter Piaton); ferner haben manche unter 
ihnen zu den Lehren früherer Philosophen in historischen oder polemischen 
Schriften Stellung genommen; so schrieb Speusippos einen Dialog 'Agion.-T.Tog, 
Xenokrates Jlegl zwv IlagfieviÖov und Uvidayögsia, Herakleides der Pon- 
tiker Ugo? xa Z^vcovog, 'HQaxÄeizov l^rjyrjoeig, Hqo? zov Atj/iÖHQizov i^rjy^asig, JIsqI 
zMv Tlvßayoofliov. Planmäßig aber wurde die Geschichte wie der Einzelwissen- 
schaften so auch der Philosophie erst von Aristoteles in Angriff genommen. 
Durch das Streben nach urkundlicher Begründung sowie nach umfassender 
Sammlung und kritischer Sichtung des Materials gab er der Philosophiegeschichte 
eine feste Basis. Die von ihm ausgehenden Anregungen haben die folgende Zeit 

2* 



20 § 7, Die Quellen ii. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosopliie der Griechen. 

beherrscht, so wenig auch eine weitverbreitete Richtung innerhalb seiner Schule den 
aristotelischen Grundsätzen der Forschung und Darstellung treu geblieben ist. 

Innerhalb der an Aristoteles anschließenden philosophiegeschichtliehen Lite- 
ratur kann man im allgemeinen vier Gruppen luiterscheiden, ohne daß sich 
zwischen diesen überall durchaus scharfe Grenzen ziehen Hessen: 

a) Die biographische Gruppe. Im Vordergrunde steht die Einzelpersön- 
lichkeit, die nach ihren äußeren Lebensschicksalen, ihrer Lehre und literarischen 
I'roduktion behandelt wird. Begründer dieser Methode ist Aiistoteles' Schüler 
Aristoxenos durch seine Bloi. Sie ist auch weiter zunächst in der peripatetischen 
Schule heimisch geblieben. Von Aristoteles übernahmen seine Nachfolger das Inter- 
esse und die feine Empfindung für das ethisch Charakterfstische. Es galt von Philo- 
sophen wie von anderen geschichtlichen Persönlichkeiten ein möglichst scharfes 
und anschauliches Charakterbild zu zeichnen. Das urkundliche Material versagte 
für diesen Zweck so gut wie völlig. So sah man sich auf eine legendenhafte 
Tradition angewiesen, der man signifikante aber unverbürgte Züge entnahm und 
der man durch willkürliche Ausgestaltung und freie Erfindung nachhalf. Dabei 
machte sich ein starker Hang zu gehässiger Nachrede geltend. Das Temperament 
des Aristoxenos, der für diese literarhistorische Richtung den Ton angab, weiter- 
hin wohl auch die Rücksicht auf die Sensationslust des Lesepublikums bewirkte, 
daß aus dem Privatleben der großen Männer vor allem angebliche Tatsachen mit- 
geteilt wurden, die in den Bereich der chronique scandaleuse gehörten. Typisch 
wurde dabei die Verkehrung der Beziehungen von Lehrer und Schüler in ein 
päderastisches Verhältnis. In dieser böswilligen Weise waren bei Aristoxenos So- 
krates und Piaton behandelt. Im Gegensatze dazu hegte er für Pythagoras leb- 
hafte Sympathie, die in seiner Schrift IIvdayoQov ßt'og oder IIsol IIvßayÖQov xal 
töjv yvcoQiucov avxov zum Ausdruck kam und ein wichtiges Ferment für die 
weitere Ausgestaltung der Pythagoraslegende bildete. Von anderen Biographen 
der perii^atetischen Richtung sei noch Neanthes von Kyzikos (um 300 vor Chr.) 
genannt, in dessen Werk Usol srböiiov ärbowv von Philosophen jedenfalls Pytha- 
goras, Heraklit, Empedokles, Piaton und Antisthenes behandelt waren. 

Die peripatetische Arbeit fand ihre Fortsetzung in der hterarhistorischen 
Tätigkeit der Alexandriner. Das Verbindungsglied zwischen den an den alten 
Stätten griechischer Gelehrsamkeit heimischen peripatetischen Studien und der 
Arbeit in dem neuen Gelehrtenzentrum des ptolemäischen Ägyptens bildete der 
Schüler des Theophrast Demetrios von Phaleron, der 297 vor Chr. oder wenig später 
nach Alexandreia kam. Ihre Nahrung fanden die gelehrten Bestrebungen in den 
alexandrinischen Biljliotheken, deren Gründung Demetrios bei Ptolemaios I. Soter 
angeregt und des letzteren Nachfolger Ptolemaios II. Philadelphos bald nach 
seinem Regierungsantritte (285) ausgeführt hatte. Durch die an diese Bibliotheken 
sich knüpfende exakte philologische Tätigkeit erhielt die geschichtüche Behandlung 
der Philosophen namentlich hinsichtlich der Chronologie und der literarhistorischen 
Bearbeitung ihres schriftstellerischen Nachlasses — Verzeichnis und Einteilung 
ihrer Werke, Entscheidung über Echtheit und Unechtheit einzelner Schriften u. 
dgl. — eine stärkere Richtung auf das Urkundliche, neben der freilich die alte 
Verwendung des Legendenhaften auch weiter einherging. Aus dem Bereich der 
vielseitigen gelehrten Arbeit der Alexandriner wäre hier manches Erzeugnis zu 
nennen, das ohne unmittelbar Philosophen biographie zu sein doch als Grundlage 
und Vorarbeit biographischer Darstellung von bestimmender Bedeutung war. So 
entwarf Kalli machos aus Kyrene, der etwa von 310—235 vor Chr. lebte, wahr- 
scheinlich als alexandrinischer Bibliothekar an der Hand der Bibliotheksbestände 
Verzeichnisse berühmter Schriftsteller und ihrer Werke — Ilivay.s; tojv Iv .-räai) 



§ 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unstrcr Kenntnis der Philosophie der Griechen. 21 

jTaidein Sui/.afiipdrzcov xal (ov avreyoay'av — ein Riesenwerk in 120 Büchern, 
das neben den nnnmgänglichen Angaben eines Bibliothekskatalogs auch bio- 
graphische Nachrichten über die einzelnen Schriftsteller und Mitteilungen über 
den Umfang ihrer literarischen Produktion sowie Bemerkungen über Eehtheits- 
fragen enthielt. Dieses Werk, in dem eine besondere Abteilung den Philosophen 
gewidmet war, bildete den Ausgangspunkt einer weitverzweigten literarhistorischen 
Tätigkeit, die z. T. wohl von Kallimachos selbst veranlaßt und organisiert wurde. 
Wir verdanken dieser Tätigkeit u. a. die Schriftenverzeichnisse philosophischer 
Autoren, die in dem philosophiegeschichtlichen Werke des Diogenes Laertios er- 
halten sind. Ein Hauptbestreben galt dabei einer brauchbaren Einteilung der 
oft umfangreichen Schriftenkorpora. Bekannt ist die trilogische Einteilung eines 
Teiles des platonischen Nachlasses (unterschieden wurden fünf Trilogien, das 
übrige blieb ungeordnet) durch den Kallimachosschüler und (seit etwa 195 vor 
Chr.) alexandrinischen Bibliothekar Aristophanes von Byzanz, eine Einteilung, 
der in der Zeit des Kaisers Tiberius Thrasyllos eine umfassendere tetralogische 
Gruppierung entgegenstellte. 

Für die Chronologie waren bahnbrechend die XoovoyQucfiai des Era- 
tosthenes von Kyrene (etwa 276—194 vor Chr.), der von Ptolemaios III. Euer- 
getes um 235 vor Chr. als Bibliothekar nach Alexandreia berufen wurde. Dieses 
Werk wurde frühzeitig verdrängt durch die in iambischen Trimetern abgefaßten 
und dadurch das Auswendiglernen erleichternden XQoviy.d des Apollo doros von 
Athen, deren erste bis 145/4 vor Chr. herabreichende Ausgabe später von dem 
Verfasser um einen jedenfalls bis 120/19, vielleicht bis etwa 110 vor Chr. gehen- 
den Nachtrag vermehrt wurde. In seiner ersten Hälfte stützte sich das Werk 
auf Eratosthenes' Chronographie, so freilich, daß der Verfasser sich im einzelnen 
die Freiheit des Urteils wahrte; der zweite, die Fortsetzung des Eratosthenes 
bildende Teil war durchaus geistiges Eigentum ApoUodors. Dieser sowohl wie 
Eratosthenes schenkten den Philosophen besonderes Interesse. Die Angaben der 
apollodorischen Chronik, aus der u. a. Diogenes Laertios mittelbar geschöpft hat, 
bilden für die Chronologie der Philosophen das beste Material, das Avir besitzen, 
und sind überall in erster Linie zu berücksichtigen. Urkundlich gesicherte posi- 
tive Angaben über Geburts- und Todesjahr der Philosophen, die Zeitpunkte ihrer 
Lebensereignisse und des Erscheinens ihrer Werke standen zwar auch Apollodor 
nicht in irgend ausreichendem Maße zur Verfügung. Er war daher genötigt seine 
Ansätze zu errechnen, was man berücksichtigen muß, um nicht seinen bestimmten 
Angaben mehr Gewicht beizrJegen, als sie der Natur der Sache nach beanspruchen 
können. Bei dieser Rechnung kam eine eigenartige Methode zur Verwendung. 
Ein datierbares ungefähr in die reifen Lebensjahre eines Mannes fallendes Ereig- 
nis diente zur Bestimmung von dessen Blütezeit — anf-iri (ob Apollodor den Ausdruck 
selbst gebraucht hat, ist zweifelhaft). Diese wurde nach einer volkstümlichen, von 
den Pythagoreern aufgenommenen Anschauung, in deren biographischer Ver- 
wendung sich Apollodor wohl an Aristoxenos anschloß, in das vierzigste Lebens- 
jahr verlegt. Durch Rückrechnung ergab sich darnach das Geburtsjahr. So gab 
beispielsweise die von Thaies vorausgesagte Sonnenfinsternis von 585/4 den Anlaß, 
in dieses .Jahr die «>«,«»; des Philosophen anzusetzen und seine Geburt ins Jahr 
624/3 (das Jahr, das den Ausgangspunkt der Rechnung bildet [585/4], zählt mit, 
daher nicht 625/4) zu verlegen. Gewisse Epochejahre, wie das der Gründung von 
Thurioi 444/3, waren als feste Punkte für die Bestimmung der uxi.ir) besonders be- 
liebt. Protagoras verfaßte für Thurioi Gesetze, Empedokles besuchte die neu ent- 
standene Stadt: Grund genug, beider uHf^it) ins Jahr 444 anzusetzen. In eben 
dieses Jahr wurde auch die durch das Erscheinen der Schrift .Tfg< (fvosco? markierte 



22 § 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 

Blüte des Gorgias verlegt — um nur die für die Geschichte der Philosophie 
wichtigen Männer zu nennen, die mit diesem Epochejahr in Verbindung gebracht 
wurden. Für die Berechnung des Todesjahres emj^fahl sich, soweit nicht positive 
Angaben über das erreichte Lebensalter vorlagen, die Verdoppelimg der bis zur d«/«/ 
verlaufenen Lebenszeit, wieder in Anlehnung an volkstümliche und pythagoreische 
Vorstellungen, nach denen ein menschliches Volleben 80 Jahre umfaßt. Auch die 
chronologische Fixierung von Lehrer und Schüler in ihrem gegenseitigen Verhält- 
nis war von dieser Methode beherrscht: Lehrer und Schüler sind voneinander 
durch eine Akmeperiode getrennt, der Schüler 40 Jahre jünger als der Lehrer. 
So besteht beispielsweise zwischen den axuai des Xenophanes, Parmenides und 
Zenon je ein Abstand von 40 .Jahren (vgl. über die volkstümlich-pythagoreischen 
Grundlagen der apollodorischen Methode Franz BoU, Die Lebensalter, Neue 
Jahrb. f. d. klass. Altert, usw. 31 [1913], S. 102 ff.; über Apollodors Werk und 
Methode die Arbeiten von Diels und Jacoby, s. Literatur). 

Eine bedeutsame gelehrte Vorarbeit anderer Art für die philosophische Bio- 
graphie leistete Demetrios von Magnesia im 1. Jahrh. vor Chr. Eine crux jeder 
literargeschichtlichen Arbeit war die Gleichnamigkeit verschiedener Schriftsteller. 
Die Zahl literarisch tätiger Männer — darunter auch Philosophen — mit Namen 
wie Apollonios, ApoUodoros usw. war schier unübersehbar. Demetrios erwarb sich 
durch sein Werk über gleichnamige Dichter und Prosaiker (IIeqI 6i.ioivviio}v 
TioitjTtöv TS y.al avyygacpiwr) das Verdienst, hier durch Scheidung der Namens- 
vettern Ordnung begründet zu haben. Er begnügte sich aber nicht mit den zur 
L^nterscheidung der Gleichnamigen nötigsten Angaben, sondern trug darüber hinaus 
für die einzelnen Personen in verschiedenem Umfange biographisches und literar- 
historisches Material zusammen (Näheres Leo, Griech.-röm. Biogr. S. 40 ff.j und 
arbeitete so der Biographie noch in weiterem Maße in die Hände. Eine spätere 
von Diogenes Laertios benutzte Bearbeitung fügte zu den literarischen Personen 
auch solche anderer Tätigkeitskreise, wie Ärzte und Künstler. Analoge Zwecke 
auf geographischem Gebiete verfolgte — ebenfalls nicht ohne Nutzen für die 
Biographie — Demetrios' Werk über gleichnamige Städte {Ileoi ofum'Vfioiv 

-TO/fW)'). 

Das für die Philosophengeschichte wichtigste biographische Werk der Alexandriner, 
dieÄot des KalUmacheers Hermippos aus Smyrna (um 2(X) vor Chr.), war wohl zu- 
nächst als Ergänzung der nivuy.E^ des Kallimachos gedacht. Es vereinigte aber 
mit der urkundlich fundierten alexandrinischen Gelehrsamkeit in charakteristischer 
Weise die Art der alten peripatetischen Biographie, wie denn Hermippos auch als 
Peripatetiker bezeichnet wurde. Er gab auf Grund der alexandrinischen Biblio- 
theksbestände geordnete Schriftenverzeichnisse der behandelten Autoren, war aber 
auf der anderen Seite in der Aufnahme und Erfindung böswilligen Klatsches der 
würdige Nachfolger des Aristoxenos. In ähnhcher Weise kreuzten sich in 
den ßloi des Satyros, der gleichfalls Peripatetiker genannt wird (unter Ptole- 
maios Philopator 221 — 204), die peripatetische Richtung auf das ethisch Charak- 
teristische und die gelehrte Art der kallimacheischen Schule. Einseitig auf die 
Spitze getrieben wurde die Manier des Aristoxenos in einer wahrscheinlich um 
die Mitte des 3. Jahrhunderts vor Chr. entstandenen Schrift, die von ihrem uns 
unbekannten Verfasser 'AoioT injiog tieqI rcalaiäg r ovtpfj? betitelt wurde, indem 
er den Namen des Hedonikers Aristippos zum Aushängeschild für seine Erzäh- 
lungen von Genußsucht der Alten wählte. Der Verfasser war von dem Be- 
streben geleitet, die geistig Großen Griechenlands, darunter auch Philosophen 
wie Sokrates, Piaton, Aristoteles, Theophrast, durch Beleuchtung ihrer besonders 
auf geschlechtlichem Gebiete hervortretenden angeblichen TQV(ptj henmterzuziehen 



§ 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 23 

und so dem Ungeschmaeke eines alles Große benörgelnden und nach pilianten Ent- 
hüllungen lüsternen Lesepublilcums entgegenzukommen. Das Nähere über diese 
Schrift bei v. Wilamowitz-Moellendorff, Antig. v. Karyst. S. 48 ff. 

Die alexandrinischen gelehrten Arbeiten bildeten das große Sammelbecken, 
aus dem die spätere Tradition über Leben und Schriften der Philosophen gespeist 
wurde. Einen Hauptkanal, durch den das alexandrinische Material den Späteren 
zufloß, boten die Einleitungen der Schriftstellerausgaben und -kommen tare, in 
denen ähnlich wie es heute noch zu geschehen pflegt das AVissenswerteste über 
Leben und Werke des Autors dem Texte und seiner Erklärung vorausgeschickt 
wurde. Auf diesem Wege sind — aus der von Andronikos veranstalteten Ari- 
stotelesausgabe — Viten des Aristoteles auf uns gekommen. Der Neuplatoniker 
•Olympiodor begann seinen Kommentar zum platonischen Alkibiades mit biogra- 
phischen Mitteilungen über den Verfasser. Auch für nach der alexandrinischen 
^eit lebende Philosophen wurde der Brauch beibehalten. So schickte im dritten 
Jahrhundert nach Chr. der Neuplatoniker Porphyrios der Ausgabe der Werke 
seines Lehrers Plotin Nachrichten über dessen Leben und die Ordnung seiner 
Werke voraus. 

Abseits der Reihe der peripatetisch-alexandrinischen Biographen, unter denen 
noch Diokles von Magnesia mit seinen Bloi cpi'/.oa6(fo)v (falls dieses Werk nicht 
identisch war mit der später zu nennenden 'E^ridooiiij xdv (pü.ooöcfoiv) hier erwähnt 
sein mag, steht Antigonos von Karystos, der nicht lange nach 225 vor Chr. 
ßioi von Philosophen verfaßte. Auch sein Interesse gilt dem für den persönlichen 
Gharakter Bezeichnenden mehr als den philosophischen Lehren und den äußeren 
Lebensereignissen. So konnte auch er der Mitteilung anekdotenhafter für den 
Charakter der einzelnen Philosophen signifikanter Züge nicht entraten. Aber sein 
Orundstreben geht auf Überlieferung des Wahren. Seine Hauptquelle waren 
•eigene Erinnerungen an berühmte Philosophen, die er kennen gelernt hatte, und 
«die er in seinen Aufzeichnungen, abweichend von der aristoxenisch-hermippischen 
Art, mit Wohlwollen besprach. Für uns ist er besonders als Quelle des Diogenes 
Laertios (s. u.) von Interesse. Vgl. über ihn v. Wilamowitz-MoeUendorff, siehe 
Literatur. 

Die bisher genannten Werke sind bis auf im ganzen spärliche Fragmente 
verloren. Aber ein reicher Niederschlag dieser und verwandter biographischer 
Literatur findet sich in den erhaltenen Schriften Späterer, so besonders in der 
Philosophiegeschichte des Diogenes Laertios. Ein günstigeres Geschick waltete 
über zahlreichen biographischen Werken und kleineren Abrissen der nachalexan- 
drinischen Zeit. Von Viten des Piaton und Aristoteles und der von Porphyrios 
verfaßten Lebensbeschreibung Plotins war bereits die Rede. Hierher gehören 
weiter das unter dem Verfassernamen des Lukian (2. Jahrh. nach Chr.) über- 
lieferte, für die typische Form der Philosophen- wie sonstiger Biographie inter- 
essante Leben des Kynikers Demonax, die romanhaften Pythagorasviten des Por- 
phyrios (erhaltener Teil einer sonst bis auf Bruchstücke verlorenen bis auf Piaton 
herabreichenden Philosophiegeschichte \^i).6oorpo!; toioQia]), lamblichos (4. Jahrh. 
nach Chr.) und eines Anonymus, das gleichfalls romanhafte Leben des Apollonios 
von Tyana von der Hand des Philostratos (Anfang des 3. Jahrh. nach Chr.), die 
von Wunderglauben beherrschten Neuplatonikerbiographien in des Eiuiapios (um 
400 nach Chr.) Bt'oi rpdoaöq^oyv xal aocpioxöiv, die Vita des Proklos aus der 
Feder des Marinos (Ende des 5. Jahrh. nach Chr.), die von Damaskios (im 6. 
Jahrh. n. Chr.) verfaßte Lebensbeschreibung des Isidoros, die auch für das Leben 
anderer zeitgenössischer Philosophen eine wichtige Quelle bildet, die biographischen 
Artikel in dem Lexikon des Suidas (im 10. Jahrh. nach Chr.). Für letztere ist 



24 § "• l^ie Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen^ 

durch Vermittlung des uns verlorenen Hesychios, 'Ovoiiaro/.öyog >} :Tirn^ twv 
iv :rai8ein dvo/iiaoTwv (6. Jahrh. nach Chr.; das unter Hesychs Namen erhaltene 
Behriftchen ITsgi tc5»' iv :Tat8et'a öia^.nfiipdvrcov oocfcov ist eine zwischen dem 10. und 
13. Jahrh. verfertigte Kompilation aus Diog. Laert. und Suidas) die Vorlage 
des Laertios benutzt; aber auch Laertios selbst wurde von Suidas herangezogen. 

Vgl. zu den Philosophenbiographien besonders die im Literaturverzeichnis 
angeführten Arbeiten von Wilamowitz und Leo. für die alexandrinischen Arbeiten, 
auch Susemihl, Gesch. d. griech. Lit. in d. Alexandrinerzeit. 

b) Die bisher besprochene Methode ließ sich erweitern. Einzelbiographieii 
gruppierten sich zur Geschichte einer philosophischen Schule mit be- 
sonderer Betonung des äußeren Verlaufes ihrer Entwicklung, der für die Schule 
wichtigen Handlungen und Erlebnisse ihrer Mitglieder," der Abfolge von Lehrern 
und Schülern. Der Faden für diese Darstellung ergab sich aus der Verfassung 
der Schulen, insofern mit ihrer Ijeitung wechselnde Schuloberhäupter betraut 
waren. Wie für die politische Geschichte monarchischer Staaten die Eeihe ihrer 
Herrscher ein bequem brauchbares Gerüste abgibt, so lieferte für die äußere Ent- 
wicklungsgeschichte der Philosophenschulen die Kette der Schulleiter, die sich mit 
der Kette von Lehrer, Schüler, Enkelschüler usw. zu decken pflegte, ein nahe- 
liegendes Dispositionsprinzip. Als Sukzedierender ist das Schulhaupt ein Scddo/o?^ 
und Schulgeschichten nach dem Sukzessionsprinzip pflegen den Titel hadoyal 
<fi/.0G6(f(ov zu führen. Die Anwendung dieser Methode ist so selbstverständlich, 
daß es sich nicht lohnt, nach einem Erfinder derselben zu suchen. Wohl aber 
ist Sotion aus Alexandreia als derjenige zu nennen, der in seiner zwischen 200 
und 170 vor Chr. verfaßten Aiaöo/Jj tojv cpi'/.ooöcfcov durch Ausgestaltung dieses Ver- 
fahrens die gesamte Geschichte der griechischen Philosophenschulen in ein großes- 
System zu bringen suchte und damit den Grund für die folgende Diadochen- 
schriftstellerei legte. Das Eigentümliche seines Verfahrens bestand darin, daß er nicht 
nur innerhalb der einzelnen Schule die Abfolge von Lehrer und Schüler zum leiten- 
den Faden machte, sondern auch die Schulen untereinander in den gleichen Suk- 
zessionszusammenhang brachte, indem er das tatsächliche oder ad hoc angenom- 
mene Schülerverhältnis eines Schulgründers zu einem Mitgliede einer älteren Schule 
zur Verbindung benutzte. Zu dem äußersten Ziele, die ganze griechische Philosophie 
von einem letzten L'rheber herzuleiten und die gesamte Entwicklung in einem 
einheitlichen Stammbaum darzustellen, schritt er nicht fort, sondern beließ es bei 
der Aufstellung zweier paralleler Entwicklungsreihen. Da sein System in der 
Folgezeit an der Herrschaft geblieben und über Mittelstufen auch in die Philo- 
sophengeschichte des Diogenes Laertios übergegangen ist, so ist es, schon um des 
Verständnisses des Diogenes willen, nötig ihm näher zu treten. Es läßt sich aus 
der Übersicht in Diogenes' Prooem. 13 — 15 im wesentlichen herstellen, wenn 
man die Erweiterungen des Diogenes tilgt (vgl. Alfr. Gercke, De quibusdam Laert. 
Diog. auctor., Greifsw. 1899 S. 52) und einige in dieser Übersicht nicht genannte 
Avohl aber in der späteren Ausführung von Diogenes berücksichtigte Philosophen 
ergänzt. Festzuhalten ist dabei allerdings, daß die Diadoche des Diogenes nicht 
in allen ihren Einzelheiten für Sotion in Anspruch genommen werden darf. Da 
es aber hier nur auf das System im ganzen und seine Beziehungen zu Diogenes 
ankommt, mag es gestattet sein, die Differenzen zurücktreten zu lassen und nur 
an einigen Punkten kurz darauf hinzuweisen. Zur Orientierung füge ich jeweilen 
die Zahl des Buches, in welchem die betreffenden Philosophen bei Sotion be- 
handelt waren (S, I, II usw., vgl. die Rekonstruktion bei Diels Doxogr, S, 147, 
Gercke a. a. O. S. 51) und die entsprechende Buchzahl des Diogenes Laertios 
(D. I. II usw.) bei. Sotions System war folgendes: 



§ 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 25 



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Die Quellen u, Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 



II. Italische Reihe 

(Diogenes zufolge so benannt nach Pythagoras' Aufenthalt in Italien. Ebendorthin 
wiesen auch die Eleaten). 

( Pvthagoras. ) 

S. IX. /X [ D. VIII. 

l Telauges. Erai)edokles (vgl. Diog. 8, 50; nach einigen J 
Abhängigkeit von Pythagoras durch 
Telauges vermittelt; vgl. Diels Vors. 
21 A 2. 8). 



S. X. 



Xenophanes. 

I* 
Parmenides. 

I 
Zenon. 

I 
Leukippos. 

Demokritos. 



Herakleitos (vgl. Diels Doxogr. 152. 178). D. IX. 



D. IX. 



Protagoras. D. IX. Mittelglieder Diels Vors. 56 A 1. 2; 57 A 1. 

I 
S. XI. Pvrron und Pvrroneer. D. IX. 

I 
Nausiphanes. 
I 
S. XII. Epikuros. D. X. 

S. XIII. Ein Anhang enthielt die Philosophen der niehtgriechischen 
Völker (vgl. D. prooem.). 

"" Diese Verbindungen hält E. Schwartz, Pauly-Wissowa Art. Diogenes 40 Sp. 
75(3 für nicht sotionisch. Diogenes berücksichtigt in der Ausführung (9, 18 ff.) 
die Abhängigkeit des Xenophanes von Telauges nicht, und nach Diog. 9, 20 be- 
zeichnete Sotion den Xenophanes als ersten Vertreter der Akatalepsie, also als 
Skeptiker, was freilich seiner Verbindung mit einem pythagoreischen Lehrer so 
wenig wie der Anknüpfung der schließlich in den Pyrronismus ausmündenden 
eleatisch demokritischen Reihe an seine Person unbedingt im Wege steht. Für 
Parmenides berichtete Sotion nach Diog. 9, 21 von einem Schülervernältnis zu dem 
Pythagoreer Ameinias, der auf ihn größeren Einfluß als Xenophanes gewonnen 
habe {iy.oircövtjos öi y.al 'JuEivia). Wie Gercke a. a. O. S. 55 f. mit Recht bemerkt, 
verträgt sieh diese Angabe wohl mit der Einreihung des Parmenides in die 
Sukzession des Xenophanes. 

Vgl. zu dem ganzen Stemma auch Ps.-Galen Ilsoi cfüooöcpov iatogia^ 3 (Diels 
Doxogr. 598 ff.) und Clem. Alex. Strom. 1, 14, 62-64 II p. 39 ff. Stählm, Diels 
Doxogr. p. 244. 

Aus dem Werke des Sotion machte um 150 vor Chr. Herakleides Lembos 
einen Auszug, den er mit einer Epitorae aus den Bioi des Satyros (Diels Dox. 149) 
und anderer biographischer Literatur (Wüamowitz, Antigonos v. Kar. 88 f., Suse- 
mihl. Gesch. d. griech. Lit. in d. Alex. I 503 f.) zusammenschweißte. Von Sotion oder 
Herakleides waren vermutlich die sonstigen uns bekannten nach dem Prinzip der 
diado/ai arbeitenden Philosophiehistoriker sämtlich mehr oder weniger abhängig. 
Doch ist fraglich, ob nicht Antisthenes von Rhodos — derselbe, den Polybios 
16, 14, 2; 15, 8 als Verfasser einer Zeitgeschichte erwähnt — mit seinen Aiadoyal 
<fi/.oo6(fcov Herakleides Lembos zeitlich voranging. Von anderen sind zu nennen 
Alexander Polyhistor (zur Zeit Sullas), Verfasser von ^iXoaötpmv diadoxai, 



§ 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 27 

lason von Rhodos (nur von Suidas erwähnter Neffe und Nachfolger des 
Stoikers Poseidonios, schrieb 4H).oa6(po}v dtado/ai), Philode mos von Gadara, 
aus dessen ^vria^ig zwv qi).oo6(f(av in den herkulanensischen Rollen die Abschnitte 
über die Akademiker und Stoiker erhalten sind, Sosikrates (etwa 130 vor Chr.), 
Nikias von Nikaia (wohl erst unter Nero), beide Verfasser von Aiaöoyal, Hippo- 
botos (vermutlich zu Ende des 3. oder zu Anfang des 2. Jahrh. vor Chr., vgl. 
V. Arnim bei Pauly-Wissowa s. v.), der ein Philosophenverzeichnis (Twv (pdooorpon- 
■avayoa(frj) wahrscheinlich nach dem Diadochensystem verfaßte. Ahnlich war wohl 
auch die ' E^iiSoo/ui] qidooöqmyv des Diokles von Magnesia (im 1. Jahrh. vor 
■Chr.) angelegt, doch waren hier, wie wohl auch bei anderen Diadochenschreibeni, 
in die äußere Schulgeschichte zusammenhängende Abschnitte über die Lehren 
der Schulen eingefügt (Diog. L. 7, 48 ff.). 

Das wichtigste Werk dieser ganzen Literatur, das einzige, das uns im wesent- 
lichen vollständig vorliegt, ist des Diogenes Laertios im dritten Jahrhundert 
nach Chr. verfaßte Schrift Bioi xat yvoöfiac twv kv opiXocorpm svöoxi^r]odvT(oi' xal 
T&v Exäaii] aiQsaei äoeay.ovxcov sv ijtizö^o) ovvaywyrj in 10 Büchern (der Titel er- 
scheint auch in anderer Form, und es ist fraglich, ob er vom Verfasser selbst 
herrührt, vgl. E. Schwartz bei Pauly-Wissowa s. v. S. 739). Über die Ein- 
teilung des Werkes s. o. S. 24 ff. Die Geschichte der Akademie ist bis auf 
Kleitomachos, die der aristotelischen Schule bis auf Lykon, die der Stoa in 
unserem Texte bis auf Chrysippos herabgeführt; letztere reichte aber ur- 
sprünglich bis auf Kornutos (vgl. Eose, Hermes 1 [1866], 370 ff., Usener, Epicurea 
p. XI Anm. 2, Martini, Leipziger Studien 19 [1899], 86 ff.). Die namhaftesten 
Epikureer nennt Diogenes bis auf Zenon von Sidon, Demetrios Lakon, Diogenes 
von Tarsos und Orion. Nur die Geschichte des Skeptizismus führt er bis gegen 
200 nach Chr. herab. Diogenes' 'W'erk enthält ein überaus reiches in vielfacher 
Schichtung zusammengetragenes Material, das nach Herkunft und Art sehr ver- 
schieden ist. Neben Biographischem im engeren Sinne bietet es eingehende Be- 
richte über die Schullehren (vgl. den Titel), Apophthegmensammlungen, Schriften- 
verzeichnisse einzelner Autoren, Homonymenlisten, Urkunden (Testamente, Briefe) 
U.S. f., neben wertloser Tradition Stücke auserlesenster Gelehrsamkeit. Die Vereinigung 
dieses Materials hat sich nicht etwa in der Weise vollzogen, daß sich an eine 
einheitliche dtaöop'j das fremdartige Material angerankt hätte. Der gesamte Stoff 
setzt sich von Hause aus vielmehr aus Stücken sehr verschiedenen Charakters zu- 
sammen. Das ganze Material wurde aber schließlich nach dem Prinzip der 
diadoyi'! geordnet, und insofern gehört das Werk in die hier in Rede stehende 
Gruppe von Quellen. Für uns ist die Schrift des Diogenes das Hauptwerk über 
antike Philosophiegeschichte, und in ihrer Erklärung und Verwertung laufen die 
Fäden der Forschung zusammen. Dabei bietet aber gerade die Analyse dieses 
Werkes nach Quellen und Kompositionsweise eine Reihe eigenartiger Probleme, 
deren Lösung um so schwieriger ist, als es uns noch immer an einer für wissen- 
schaftliche Zwecke brauchbaren Ausgabe fehlt. Denn die Fragen nach der Her- 
kunft der einzelnen Teile der Schrift und der Art ihrer Vereinigung sind hier wie 
überall von der Einzelkritik des textlichen Wortlautes untrennbar. Den besten 
Beleg dafür bietet der von L'^sener erbrachte von anderen weiter verfolgte Nach- 
weis, daß zahlreiche für die Frage der Komposition schwierige Stellen nichts 
anderes sind als Zusätze, die im letzten Schichtungsstadium des Stoffes als Rand- 
bemerkungen beigefügt und von den Schreibern in den Text eingesetzt wurden, 
wo sie nun den Zusammenhang stören. 

Das Diogenesproblem läßt sich in doppelter Weise anfassen. Man kann die 
in dem Werke vereinigten Schichten von oben nach unten abzuheben versuchen: 



9^ § 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 

d. h. man kann fragen, vrelches die von Diogenes selbst als letztem Bearbeiter der 
Kompilation beigegebenen Zutaten seien, und nach deren Ausscheidung den zurück- 
bleibenden Stoff wieder hinsichtlich seines sukzessiven Anwachsens analysieren. 
^lan kann aber auch von unten nach oben fortschreitend von einzelnen in die 
Kompilation eingegangenen primären Quellen unter Ausnützung alles verfügbaren 
Materials ein möglichst adäquates Bild zu gewinnen, ihi-en Anteil an der Ent- 
stehung und Ausgestaltung des Gesamtwerkes zu verstehen und ihren Weg vom 
Verfasser bis zu Diogenes zu verfolgen suchen. Beide Wege sind zu beschreiten, nur 
muß, werden ei-sten begeht, sich davor hüten, auf einen bestimmten, benannten oder 
tmbenannten Autor als nächste Vorlage des Diogenes zti fahnden. Nietzsche suchte 
als solche Diokles, Maaß Favorinus zti erweisen, beide mit geringem Glück. Usener 
schloß, an eine Beobachtung von Diels anknüpfend, aus Diog. Laert. 9, 109 'A^to/./m- 
vibtjg 6 Nixaevg, 6 :iag' r)iiu>v („unser Landsmann") auf Nikias von Nikaia als 
Unterlage des Diogenes. Nur sollte ihm Xikias in verkürzter Bearbeitung vor- 
gelegen haben, Gercke, der auf die der Hypothese Useners entgegenstehenden 
Widersprüche zwischen Nikias und Diogenes hinwies, nahm seinerseits einen 
nicht mit Sicherheit namhaft zu machenden zwischen 125 und 145 nach Chr. 
blühenden Platoniker als Diogenes' nächste Quelle in Anspruch; er denkt, indem 
er in der Erklärung der Stelle 9, 109 Diels und Usener folgt, an einen Schrift- 
steller aus Nikaia, und zwar an den von Proklos im Komm. z. piaton. Rep. II 
96, 12 Kroll genannten Maximos. Aber so förderlich die von Gercke heran- 
gezogenen Tatsachen für die weitere Diogenesforschung auch sind, so reichen sie 
doch zu einer genügenden Stützung seiner These nicht aus. Was Diogenes vor 
sich hatte, waren verschiedenartige einer einheitlichen Verarbeitung entbehrende 
Kompilationen, die er vergleichend, ausscheidend und zusammenklitternd für sein 
Sammelwerk verwertete (vgl. Schwartz, Artikel Diogenes Laert. bei Pauly-Wissowa). 
Aus der so vereinigten Gesamtmasse lassen sich einige Partien als Produkte einer 
gesonderten Entwicklung herausheben, so die Bücher 3 (Piaton), 4 (die Akademie), 
5 — 10 (Aristoteles und seine Nachfolger, Kynismus, Stoa, Pythagoras imd die 
Pythagoreer, die Eleaten, Atomiker, Skeptiker, Epikur). Vgl. über diese Gruppen 
V. AVüamowitz, Antigonos von Karystos S. 320 ff. u. ö-, Leo, Griech.-röm. Biogr. 
S. 37. Zu der traditionellen Stoffmasse fügte Diogenes selbst auf Grund eigener 
Sammelarbeit neben anderem Auszüge aus Favorins '^.-roi.irijfiovEVfiaTa und Ilay- 
Toda.-T>j lüiooia und Diokles' Bloi und ^Eniögo/ii] Twr <fi/.oaö(pcor, in das EiDikurbuch 
legte er drei Lehrbriefe als Dokumente epikurischer Lehre sowie die y.voiai bö'^ai 
ein und gab an verschiedenen Stellen eingehende in letzter Linie auf Theophrast 
zurückreichende (s. u. S. 29) doxographische Mitteilungen bei (über weiteres Zu- 
satzmaterial Schwartz, a. a. O. S. 742 ff., 758 ff.). Freilich ist auch bei diesem 
hier als Zusatzstoff bezeichneten Material nicht mit Sicherheit festzustellen, daß 
es sich in der Tat um Zufügungen des Diogenes handelt tmd das IMaterial nicht 
bereits vor ihm in die Kompilationsmasse eingegangen war. 

Auf dem zweiten der oben beschriebenen Wege haben, um nur Wichtigstes 
zu nennen, Diels durch die Bearbeitung der doxographischen Literatur, Diels und 
Jacoby durch ihre Forschungen über ApoUodors Chronik, v. Wilamowitz durch 
die Behandlung des Antigonos von Karystos und Leo durch die Durchforschung 
der biographischen Literatur, die Verfolgung der Spuren des Demetrios von 
Magnesia u. s. f. sich um die Quellenkritik des Diogenes im höchsten Maße ver- 
dient gemacht. 

Weiteren Bemühungen wird es, besonders wenn einmal die versprochene kri- 
tische Ausgabe vorliegt, gelingen, über die rohe, aber durch das in ihr enthaltene 
Gut kostbare Kompilation des Diogenes noch helleres Licht zu verbreiten. Dann 



5) 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 29 

uird auch der Mann, der dem ^^'erke seinen Namen gegeben hat, hinsichtlich 
«einer Art und Arbeitsweise klarer hervortreten. Vorläufig hat 8chwartz, a. a. O. 
S. 762 f. mit Recht gegen die übliche übertreibende Auffassung des Diogenes als 
■eines ganz unpersönlichen, am Stoffe nicht interessierten, rein mechanisch ar- 
beitenden Zusammenschreibers Einspruch erhoben. 

c) In den beiden bisher besprochenen Gruppen philosophiegeschichtlicher 
Arbeiten bildete der äußere Verlauf des Philosophenlebens oder der Schulentwick- 
lung zwar keineswegs den einzigen Inhalt der Darstellung, aber doch einen wesent- 
lichen Teil derselben und vor allem den Faden, an dem die Erzählung aufgereiht 
wurde. In den beiden folgenden Gruppen sind die Lehren der Philosophen das 
Maßgebende. Grundlegend war auch hier wieder Aristoteles, der in seinen 
Schriften den Grundsatz befolgte, bei einem jeden Problem zunächst in geschicht- 
licher Übersicht festzustellen, was seine Vorgänger geleistet hatten. In diesem 
Sinne gibt er insbesondere im Eingange seiner Metaphysik einen kritischen Über- 
blick über die Prinzipienlehren der früheren Philosophen von Thaies bis auf 
Piaton (Metai^h. 1 c. 3 — 10). Solche Übersichten ließen sich zu einer Geschichte 
■der Philoso])hie nach Problemen ausgestalten: Probleme wurden aufgestellt 
und jeweilen die Lehrmeinungen (do^ai) der verschiedenen Philosophen darüber 
mitgeteilt; so gelangte man zur doxographischen Methode. Grundwerk waren 
hier die ^voiy.cöv dö^ai (in 18 Büchern) des Aristotelesschülers Theophrast, 
eine erste Geschichte der Philosophie, freilich ohne Berücksichtigung der Logik 
luid Ethik (das daraus Erhaltene, dariuiter ein größeres Fragment jisqI aiodi'joeorv, 
bei Diels Doxogr. S. 475—527. Vgl. auch den Index zu Diels' Ausgabe von 
Bimplikios' Kommentar zur Physik S. 14-47). Das theophras tische Werk, das nach 
■den Problemen: Prinzipien {dg^al), Gottheit, Kosmos, Meteora, Psychologisches, 
Physiologisches geordnet war, bildete den Ausgangspunkt und die Hauptquelle einer 
weitverzweigten doxographischen Literatur, deren Sammlung und Sichtung Diels 
in seinen Doxographi Graeci in meisterhafter Weise vollzogen hat. 

Die beiden wesentlichsten doxographischen Zusammenstellungen, die wir be- 
sitzen, sind Pseudoplutarc hs Placita philosoi^horum {UeQi ra>r aoeoy.6rzo)v qnlo- 
oöcfoig (fvoiy.öjv doy^iäicov) und die entsprechenden Exzerpte im 1. Buche dev'EyJ.oyai des 
Johannes von Stoboi (Stobaeus, frühestens um 400 n, Chr.). Beide gehen, wie 
Diels in den Prolegomena zu den Doxographi nachgewiesen hat, auf eine gemeinsame 
Quelle zurück, aus der auch manche Angaben in der 'E?.h]riy.ä)r Tradtjfmrojv i)eQa- 
TiEvrixri (Graecarum affectionum curatio) des 457 verstorbenen Bischofs Theodoretos 
sowie des Bischofs Nemesios von Emesa (um 400) in seinem Werke Ileoi ffwoeco; 
ävdQo'mov entstammen. Als diese QueUe erweist Diels die Placita eines gewissen 
Aetios (um 100 nach Chr.), der von Theodoret neben Plutarch und Porphyrios 
erwähnt wird als Verfasser einer 2'wj'avcoy>) Tcör aoeoHovxcov. Dieser Aetios fußte 
nach Diels auf den Aö'^ui (,,Vetusta placita") eines Unbekannten (Posidonianers) 
aus der 1. Hälfte des 1. Jahrh. v. Chr.; der wertvollste Teil ihrer Nachrichten 
stammt aus den fpvoixöjv do^ai des Theophrast. Das Schriftchen des Pseudo- 
Galen IIsqI (fi/.oo6(pov lozogiag ist in seinem größten Teil (c. 25 bis zum Schluß) 
lediglich Exzerpt aus den pseudoplutarchischen Placita, im ersten Teile benutzt 
der Verfasser ein Kompendium, das auch Sextus Empirikus (s. u.) vorgelegen hat. 
Ebenso wurde Ps.-Plutarch von anderen Autoren späterer Zeit ausgebeutet, so 
dem Interpolator bei Philon Tiegl jiQoroiag 1, 22, Athenag. Jigsaß. tio. Xqiox., 
Ps.-Justin Xöyog :raQaiv. .-rg. "Elhp'., der wieder dem Hermeias für seinen Aiaovo/uog 
Tcör f'^o) (pdooö(pcov vorgelegen hat, dem Aratkommentator Achilleus, Eusebios in 
der jiQOJtuQaoy. svayy., Kyrillos, loannes Lyd. .t. /ojvcör. Über einen späten Aus- 
läufer dieser Tradition (al-Shahrastani) s. o. S. 18. Wertvolle doxographische Nach- 



30 § 7. Die Quellen u. Hilfsmittel unserer Kenntnis der Philosophie der Griechen. 

richten, die ebenfalls auf Theophrast zurückgehen, finden sich femer im ersten 
Buche (fpi/.ooo(fovfieva) der Refutatio oninium haeresium CE/.ey/og xam jtaowv 
uigioEcov, in 10 BB., B. 2 und 3 fehlen), die den um 220 nach Chr. lebenden 
Kirchenlehrer Hippolytos, einen Schüler des Irenaeus, zum Verfasser hat; 
bis 1842 war nur jenes erste Buch bekannt und galt fälschlich als Werk des 
Origenes. 

d) Man konnte aber auch die Darstellung nach Problemen verlassen und die 
Sekten in übersichtlicher Weise nach ihrem philosophischen Zu- 
sammenhange und der gegenseitigen Abgrenzung ihrer Lehren be- 
handeln oder das eine oder andere System in seiner Gliederung dar- 
stellen. Hierher gehört wohl, so wenig uns von den einschlägigen Werken im 
einzelnen bekannt ist, die Literatur tieqI [tcov y.ara (pi/.ocoqi'av oder tojv q i/.ooö(pcov) 
aiQEoeiov. als deren Vertreter uns Eratosthenes, Hippobotos, der Akademiker 
Kleitomachos, der Stoiker Panaitios, der Epikureer ApoUodoros („der Garten- 
tyrann"; seine Schrift IIeqI twv (füooötpiov uIqeoewv ist wohl mit der anderwärts 
angeführten ^waycoyi] nov doy/närcov identisch) und ein sonst nicht bekannter 
Theodoros genannt werden, aus der uns ferner bei Ps. Galen hist. philos. 7 
p. 603 f. Diels und bei Diog. Laert. 1, 18 ff. Auszüge vorliegen, und deren Nach- 
wirkungen noch in Varros Klassifizierung der philosophischen Sekten (Cic. Acad. 
1, 2, 4 ff., vgl. auch Varros Satire JJeoI aloioEcov fr. 1 Riese) zu erkennen sind. 
Eine Probe dieser übersichtüch-systematischen Darstellung mag Diog. Laert. 1, 18 f. 
bieten. Es gibt, so heißt es hier, drei Teile der Philosophie, den physikalischen, 
den ethischen und den dialektischen. Nach der näheren Charakterisierung dieser 
drei Teile wird weiter ausgeführt, bis Archelaos habe (nur) die Physik bestanden, 
mit Sokrates die Ethik, mit dem Eleaten Zenon die Dialektik begonnen. In der 
Ethik seien zehn Sekten entstanden, die akademische, kyrenaische, elisehe, mega- 
rische, kynische u. s. f. Alsdann werden die Gründer der verschiedenen Sekten 
bzw. ihrer verschiedenen Entwicklungsphasen (der alten, mittleren und neuen 
Akademie) aufgezählt und besondere Auffassungen hinsichtlich einzelner Punkte 
dieses AiQEOEig-Qystems berührt. 

Eine eingehende zusammenhängende Darstellung der platonisch-akademischen, 
der aristotelisch-peripatetischen, der zenonisch-stoischen und vielleicht der epiku- 
reischen Lehren, innerhalb deren jeweilen das Logische, Physikalische und Ethische 
geschieden waren, gab der zu Augustus' Zeit lebende Stoiker Areios Didymos 
aus Alexandreia in seiner 'Ertiroiia] (der Titel ÜEgl aigioEcov ist zweifelhaft). Zu 
diesem Werke gehören außer physikaüschen Fragmenten (Diels Doxogr. p. 447 — 
472) die Prolegomena sowie die Abschnitte über die stoische und die peripatetische 
Ethik bei Stob. ecl. II p. 37, 16—152, 25, eine Feststellung, die im wesentlichen 
Meinekes Verdienst ist. Über die Quellen und die geschichtliche Stellung dieser 
Darlegungen ist die treffliche Dissertation von Hans Strache zu vergleichen (siehe 
Literatur). 

In der Form, daß er im Gespräch größere Abschnitte aus den Systemen der 
einzelnen Schulen erörtern läßt, führt Cicero in die wichtigsten Partien der 
philosophischen Dogmatik ein. 

e) Mehrfach sind spätere Philosophen ohne von der Absicht der Bericht- 
erstattung geleitet zu werden, durch kritische Auseinandersetzungen mit 
früheren Philosophen veranlaßt worden, über deren Lehren nähere Angaben zu 
machen. So hat Plutarch in mehreren Schriften stoische und epikureische 
Lehren bekämpft und in diesem Zusammenhange wertvolle Nachrichten über die 
bekämpften Thesen gegeben. Ebenso war Galen durch die Kritik früherer Philo- 
sophen zu Referaten über diese veranlaßt, und Sextus Empirikus stützte seine 



§ 8. Vorbereitung der griech. Philos. Verh. z. Orient. }]\ 

Skepsis auf eingehende Analyse der dogmatischen Systeme. Nur auf diesem Wege 
sind wir über die von griechischen Philosophen gegen das Christentum gerichteten 
Ausführungen unterrichtet, deren Fortpflanzung die Kirche verhinderte, die uns 
aber in den Gegenschriften ihrer christlichen Bestreiter z. T. noch vorliegen. So 
sind uns die Schriften des Celsus, Hierokles, Julian durch die apologetischen Er- 
örteningen des Origenes, Laktanz, Eusebios und Kyrillos bekannt. Weiter ist 
hier der zahlreichen gelegentlichen Erwähnungen zu gedenken, durch die 
sich Stellen der philosophischen Literatur sowie Reste biographischer und doxo- 
graphischer Literatur erhalten haben. Durch solche Erwähnungen sind beispiels- 
weise die Kommentare des Proklos und Siraplikios wichtige Fundgruben für Vor- 
Bokratikerfragmente. Mancherlei z. T. sehr Wertvolles enthalten u. a. Gellius 
(um 150 nach Chr.) in den Xoctes Atticae, Athenaios (um 200 nach Chr.) in den 
A'-i.-Trooo<) toTai, Ailian (um 200 nach Chr.) in der IJoiy.i/.t] larogia und eine Reihe 
von christlichen Schriftstellern wie Justinus Martyr, Klemens von Alexandreia 
{IjQOTQeinTiHÖg, UacSaycoyög und ürgcofiarsTg), Origenes, Eusebios (besonders wichtig 
dessen Evayyshy.rj .TQOJiagaoitevt] , praeparatio evangelica), Theodoret {'E?M]viy.cöv 
ßeQa.-ievTiy.i) jradtjfidTcor), Tertullianus, Lactantius, Augustinus u. a. Von be- 
sonderem Werte sind endlich die großen Exzerptensammlungen des loannes- 
Stobaios {\4vd-o/.öytov. jetzt geteilt in I. Eclogae physicae und ethicae, IL Florile- 
gium) und des Photios (um 850. Biß/.iodi)>ofj. 

Die neueren Hilfsmittel zum Studium der antiken Philosophie- 
geschichte s. u. Literatur. 

§8. Vorbereitung der griechischen Philosophie. Be- 
ziehungen zum Orient. Theologische, kosmologische 
und gno mische Dichtung. Die Griechen der späteren Zeit 
waren geneigt, die griechische Philosophie aus dem Orient her- 
zuleiten. Dem Verkehr mit den Weisen des Ostens sollten die 
bedeutendsten griechischen Philosophen der früheren Jahrhunderte 
ihre Systeme verdanken. Diese Annahmen beruhen teils auf 
dem Glauben an eine überlegene uralte Weisheit der orientalischen 
Völker, teils auf den das spätere Altertum beherrschenden 
Bestrebungen, griechische und orientalische Weisheit in einem 
allumfassenden religiös-philosophischen SjTikretismus zu mischen 
und auszugleichen; sie sind ebenso wie die entsprechenden Hypo- 
thesen neuerer Gelehrten, die sich auf teils nur vermeintliche, teils 
wirkhche, aber in ihrer Bedeutung überschätzte Übereinstimmungen 
zwischen orientahschen und griechischen Anschauungen stützen, 
geschichtlich unbegründet und nötigen bei ihrer Durchführung, 
dem natürhchen Entwicklungsgange der griechischen Philosophie 
Gewalt anzutun. Was che Griechen von fremden Völkern über- 
kamen, waren im wesentlichen nur aus der Praxis gewonnene 
und für die Praxis bestimmte mathematische Sätze und astro- 
nomische Beobachtungen, denen in der Gestalt, in der sie den 
Griechen zukamen, jede Beziehung zur Philosophie abging. Inner- 



32 § ö. Vorbereitung der griech. Philos. Die Dichtung. 

halb des einheimischen griechischen Geisteslebens bilden die 
Versuche der dichtenden Phantasie, sich das Wesen und die 
Entwicklung der göttlichen und mensclilichen Dinge zu A^er- 
anschaulichen, eine Vorbereitung der philosophischen Spekulation. 
Die theogonischen und kosmogonischen Anschauungen des Homer 
undHesiod üben nur einen entfernteren und geringen, vielleicht 
aber gewisse orphis che Dichtungen, welche dem sechsten Jahr- 
hundert Y. Chr. anzugehören scheinen, wie auch die Kosmologie 
des Pherekydes von Syros (der einer der ersten Prosaschrift- 
steller war, wahrscheinlich in der Mitte des 6. Jahrhunderts ), und 
andererseits die beginnende ethische Reflexion, die sich in 
Sprüchen und Dichtungen des Theognis u. a. kund gibt, einen 
näheren und wesentlichen Einfluß auf die Entwicklung der 
ältesten gi'iechischen Philosophie. 

Übe rlieferuiig über die die Philosophie berührende älteste Lite- 
ratur und erhaltene Fragmentebei Diels, Vorsokratiker, im Anhange Kap. 66 
— 73a (11^ S. 163 ff.): Kosiuologische Dichtung des sechsten Jahrhunderts: 
Orpheus, Musaios. Epimenides, Kap. 66-68 (II^* S. 163—194). Astrologische 
Dichtung des sechsten Jahrhunderts: Hesiodos, Phokos, Kleostratos, Kap. 
68—70 (11^ 8. 194—198). Kosmologische und gnomische Prosa: Phere- 
kydes von Svros, Theagenes, Akusilaos. Die sieben Weisen, Kap. 71— 73a (11^ 
S. 198-217).* 

Verhältnis zum Orient. Im späteren Altertum waren es besonders 
Juden, Xeupythagoreer, Neui^latoniker und Christen, die die Sage von der orien- 
talischen Herkunft der griechischen Philosophie verbreiteten. Bekannt ist die Be- 
hauptung des Neupythagoreers Numenios (2. Jahrh. nach Chr.), Piaton sei nichts 
anderes als ein attisch redender Moses. Die neuere Kritik hat schon früh be- 
gonnen, solche Annahmen zu beseitigen und immer mehr aus einem inneren Ent- 
wicklungsfortschritt des hellenischen Geistes die Philosopheme zu verstehen ge- 
sucht. In neuerer Zeit ist die Annahme einer tiefgehenden Beeinflussung durch 
die Orientalen am schärfsten vertreten durch Roth und Gladisch. Ersterer läßt 
die griechische Philosophie aus der ägyptischen Religion und beigemengten zoro- 
astrischen Lehren entstanden sein. Gladisch geht zunächst mehr auf Vergleichiuig 
griechischer Philosopheme mit orientalischen Religionslehren, als auf Nachweisung 
der Genesis aus; sofern er sich über die letztere erklärt, will er nicht eine un- 
mittelbare Überlieferung des Orientalischen zur Zeit der ersten griechischen Philo- 
sophen behaupten, sondern hält allein den Gedanken für zulässig, daß dasselbe 
durch Vermittlung der griechischen Religion in die Philosophie gekommen sei; 
die Überlieferung müsse bereits im höheren Altertum in religiöser Form von den 
Hellenen aufgenommen worden imd in ihr geistiges Leben verschmolzen sein; die 
Wiedergeburt des indischen Bewußtseins bei den Eleaten, des chinesischen bei den 
Pythagoreern, des persischen bei Heraklit, des ägyptischen bei Empedokles, des 
jüdischen bei Anaxagoras, sei zunächst aus dem hellenischen Wesen selbst hervor- 
gegangen. Aber die Richtigkeit dieser Annahme ist dadurch ausgeschlossen, daß 
in der Religion der Griechen die Spuren altorientalischen Ursprungs durch den 
ethisch-anthropomorphistischen Charakter, den die Dichter ihrer Mythologie auf- 
geprägt haben, durchaus verwischt, am wenigsten aber die Einflüsse verschiedener 



I 



§ 8. Vorbereitung der griech. Philos. Die Dichtung. 33 

orientalischer Völker gesondert zu erkennen sind, und daher die gesonderte Re- 
j)roduktion derselben durch verschiedene Philosophen schwer begreiflieh wäre. 
Die Hauptsache ist, daß die religiösen Vorstellungen des Orients, selbst wenn 
:8ie von den Griechen übernommen worden wären, nicht genügen würden, um ge- 
rade das Wesentliche und Eigenartige der gi-iechischen Philosophie, die freie 
iSpekulation über das AVesen der Dinge, zu erklären. Eine Philosophie aber 
hatte außer den Indern keines der in Betracht kommenden Völker. Bei den 
Indern aber wäre zunächst die Frage zu entscheiden, ob nicht, wie neuere For- 
:scher annehmen, ihre großen Systeme jünger als die entsprechenden griechi- 
:schen Lehren und aus diesen abgeleitet sind. Was die Griechen von den Ägyptern 
«nd Babyloniern empfangen konnten und wohl auch tatsächlich empfingen, waren 
mathematische und astronomische Kenntnisse. Wiewohl sich nun in Griechenland 
•die Philosophie in unlösbarem Zusammenhange mit Mathematik und Astronomie 
•entwickelt hat, so ist doch das, was die griechische Philosophie auf diesem Wege 
■den fremden Völkern verdankt, sehr gering. Denn Mathematik und Astronomie 
wurden bei den Ägyptern und Orientalen in der den Anfängen der griechischen 
Philosophie vorangehenden Zeit wesentlich nur in empirisch-praktischer Weise be- 
trieben. Erst die Griechen verwerteten das Überkommene in theoretischem Inter- 
<esse zum Aufbau der Wissenschaft. Das wurde schon bei den Griechen selbst 
trotz ihrer Ehrfurcht vor der vermeintlichen Urweisheit jener alten Kulturvölker 
von nüchternen Betrachtern erkannt. So heißt es bei dem auf den gelehrten Peri- 
patetiker Adrastos zurückgehenden Platoniker Theon von Smyma in seinem Werke 
über das Mathematische bei Piaton (S. 177, 11 ff. Hiller), daß die Babylonier, 
Chaldäer und Ägypter jroög zä (p airSfiera uovov y.ai rag y.uzä avjii ßsßijxog 
ycrofiivag twv jT/.arcofdrcov y.ivrjoeig ihr Augenmerk richteten, indem sie von der 
Natur ihrer Länder begünstigt lange Perioden hindurch Beobachtungen anstellten ; 
■es wird ihnen auch zugestanden, daß sie zur Kontrolle ihrer Beobachtungen und 
zum Zwecke der Voraussage künftiger Erscheinungen ^TQo&vuoyg do/dg nvag xal. 
vjTodsaeig äve^i]zo>n- aig irpag/iiöCsi rä cpaivöjiei'u, aber, SO wird betont, sie wandten 
•dabei nur arithmetische und geometrische Methoden an, jiävzeg [ih> ävsv q^vaio- 
loylag äzs/.sig :zoiovfisroi zag /iie&oöovg , deor äf^ia aal (pvaixcog jibqI zovzoiv 
■t7tiay.o::TEiV) on:eo ol jragä zoTg "E'/.h]oiv aozQO/.oyrjoavzeg ijtsigcövzo jIOisXv zag Tzaoä 
zovziov Äaßörze; äq/ag y.al zöiv (paivonercov ztjg/jaeig. Theon beruft sich dabei auf 
die platonische Epinomis, wo es (S. 987 d) heißt : '/.äßo^iiev bs wg ozijreo «r "E/./.yrsg 
ßaoßäocov :Taoa/.dßcoai, y.äl'/uor zovzo sig rs/.og d:isgyd^orzai. Eine Bestätigung 
solcher antiker L'rteile bringt die neuere Forschung, vor der das lange gepflegte 
Phantasiegebilde einer altorientalischen Weltanschauung mehr und mehr zerrinnt. 
Vgl. Boll an den o. S. 14 genannten Stellen. S. zu der Frage nach dem Verhält- 
mis der griechischen Philosophie zum Orient auch Burnet, Early Greek philosophy*, 
■S. 17 ff. (S. 13 ff. der Übersetzung). 

Vorbereitung der Philosophie in Griechenland selbst. Dich- 
tung und Philosophie. Homer und Hesiod haben die im Volke herrschenden 
religiösen Anschauungen nicht einfach poetisch verarbeitet und weitergegeben, 
sondern vielfach in neue Formen gegossen und umgestaltet. Nach einer viel- 
zitierten Stelle des Herodot (2, 53) waren sie es, die den Griechen eine Theogonie 
«chufen, den Göttern ihre Namen gaben, ihre Würden und Künste schieden und 
ihre Gestalten bezeichneten. In der Konstruktion der Götterfamilie durch die 
Ilias (vgl. Finsler, Homer 1'^ S. 235) liegt, so unphilosophisch auch die anthro- 
pomorphistische Umformung der der/erezai in Stammväter und -mütter und Ab- 
kömmlinge sein mag, doch ein philosophischer Zug zur Systematisierung, der uns 
«och weit stärker in dem großen Götterstammbaum der hesiodischen Theogonie 

Ueberweg, Grundriß I. 3 



34 § 8. Vorbereitung der griech. Philos. Myth. Kosmogonien. 

entgegentritt. Die Auffassung der Ilias vom Weltregiment (vgl. Finsler, a. a. O., 
S. 281) verrät ferner den Trieb zu einer einheitlichen Weltanschauung, die freilich 
noch ganz mit den Mitteln des alten Götterglaubens aufgebaut, aber doch von 
dem Suchen nach einer Ratio im Geschehen der Dinge beherrscht ist. Diese 
homerisch-hesiodische Götterwelt bildet aber nicht nur durch das in ihr ver- 
körperte erste Aufkommen der Spekulation eine Vorstufe der griechischen Philo- 
sophie. Sie hat diese Philosophie auch weiterhin vielfach angeregt und befruchtet. 
Durch die Jahrhunderte hindurch von Xenophanes über Piaton und die Kyniker 
zu den Epikureern und Skeptikern zieht sich in ununterbrochener Linie der 
Kampf gegen die unwürdigen und widerspruchsvollen Vorstellungen der dichte- 
rischen Mythologie, und eben dieser Gegensatz drängt zur Ausbildung einer mög- 
lichst reinen und konsequenten philosophischen Theologie. Neben diesen Kampf 
tritt in der Folge der Kompromiß. Spätere Schulen, vor allen die Stoa und der 
Neuplatonismus, bemühen sich, den zu einem untilgbaren Bestandteil der griechi- 
schen Anschauungswelt gewordenen Götterhimmel durch allegorische Umdeutung. 
mit ihren Philosophemen in Einklang zu bringen. 

Noch näher als durch seine Systematisierung der Götterwelt rückt Hesiod 
an die beginnende Philosophie durch seine in den Versen Theog. 116 ff. ent- 
haltene Kosmologie: 

H TOI ukv agcörioTa Xäog yh'sr , aizäo ejzeira 

Faf evovoTsgvog, :Tävrcüv söog do(fa/.eg alei 

aßavätoiv, oi eyovai xägt] vitföevrog ^OkvfXTtov, 

Tägragä t TjegoEVTa f^vx^ -/.^ovog evQvodei'tjg 

»/(5' "Eoog, og xd/./.iazog ev ä&avdroiai deoioi, 

Xvoii(e/.i]g, crävTCOv de &ewv n^dvrwv t dv&QMJicov 

bdfxvaxai ev orrjdEooi vöov xai £n:i(fQOva ßov/.rjv. 

EX Xdsog 8' "Egeßäg ze fiE/.aivd ze Xv^ iyEvovzo, 

Nvxzog b avz' Aid 1)0 ze xal 'U/HEOt] e^eyivovzo, 

ovg ZE/CE y.voauEvrj 'Egeßsi cfi'/.6zr]zi fiiyEioa. 

Paia Öe zoi .-zgcözov fiev iyEi'vazo loov iavzfj 

Ovgavov dozEQÖErd' , Iva uiv jieqI nidvza xaXvjizoi, 

otpo' £11} /uaxdQEoai "^Eolg ISog do(pa).Eg ahi. 

YEivazo 6' Oi'gea jxaxgd, dEcöv yagi'Evzag £vav?.ovg, 

Ni'ft(fEcov, ai valovGiv dv oi'gea ßtjooijsvza, 

rj Se xai dzgvyezov n:e/.ayog zdxev oi'dftari dvTov, 

IIövzov, äzEg <pik6zrjzog £(fifi£got\ avzäg ejiEiza 

Ovgar-qj Evi-t^ßEioa zix ' Qxeavov ßadvdi'vijv .... 
Diese Kosmogonie läßt sehr deutlich die Eigenart dieser noch ganz an die 
Mythologie gebundenen ersten Spekulation erkennen. Philosophisch ist in ihr die 
Frage nach einem Zustande, der herrschte, ehe die uns jetzt umgebenden Dinge 
waren, und aus dem sich eben diese Dinge entwickelten. Philosophisch ist auch 
das Problem der bewegenden Kraft, die die Entwicklung in die Wege leitete (vgl. 
zur Beurteilung der Stelle in diesem Sinne auch Aristot. Metaph. 1, 4, 984b 29ff.). 
Aber alles Nähere über das ., Gähnende" ist noch unausgedacht, die Kraft erscheint 
ebenso wie das ..Gähnende" selbst und die weiteren Produkte der Entwicklung. 
("Egeßag^ iW'|, Ovgavdg usw.) sofort in Gestalt einer mythischen Person und der 
Entwicklungsprozeß selbst in Form der geschlechtlichen Zeugung. 

Außer der hesiodischen Kosmogonie kannte das Altertum noch andere ähn- 
lichen Charakters. Als in spätantiker Zeit die philosophische Spekulation der 
ältesten Dichtung die oberste Autorität zuzugestehen geneigt war, fand die schon 
früh aufgekommene Annahme vielen Beifall, daß der homerischen und hesiodischen» 



§ 8. Vorbereitung der griech. Philo?. Myth. Kosmogonien. ;35 

Dichtung eine andere von mehr spekulativer Haltung, nämlich die orphische, 
vorangegangen sei. Nach der ursprünglichen Sage ist Orpheus der Stifter des 
thrakischen Dionysosdienstes. Bei den sogenannten Orphikem handelt es sich im 
wesentlichen um eine sich im 6. Jahrh. erhebende religiöse Bewegung (s. Kohde, 
Psyche, IP S. 103— 136). Schon früh wurden Orpheus kosmogonische Dichtungen 
durch Ononiakritos, der bei den Pisistratiden lebte, und andere untergeschoben. 
Herodot sagt 2, 53: „Die Dichter, die früher als diese Männer (Hesiod und Homer) 
gewesen sein sollen, lebten nach meiner Ansicht später"; 2, 81 (vgl. 123) erklärt er 
die sogenannten orphischen und bacchischen Bräuche für ägyptisch und pytha- 
goreisch. Die orphischen Kosmogonien, von denen wir Näheres wissen, stammen 
größtenteils aus einer noch viel jüngeren Zeit und sind unter dem Einfluß der 
späteren Philosophie entstanden. Die Neuplatoniker von Syrians Zeiten an er- 
klärten eine iv r«r,- ouii'ojSt'atg 'Ooffixai? deo'/.oyia (rhapsodische Theogonie), die 
in der von ihnen gebrauchten Redaktion späterer Zeit angehört, aber einen alten 
Kern enthält. Von einer der Kosmogonien läßt sich wahrscheinlich machen, daß 
sie aus einer ziemlich frühen Zeit stammt. Der Neuplatoniker Damaskios, der 
drei Theogonien unterscheidet, berichtet (de princ. 124, I p. 319, 8 ff. R., Diels 
Vorsokr. 66 B 12 (II^ S. 171, 7 ff.), daß der Peripatetiker Eudemos, ein unmittel- 
barer Schüler des Aristoteles, den Inhalt einer orphischen Theogonie angebe, in 
welcher (von dem Intelligibeln als einem durchaus Unsagbaren, wie Damaskios 
von seinem Standpunkte aus deutet, geschwiegen und) mit der Nacht der Anfang 
gemacht werde. Gewiß dürfen wir voraussetzen, daß auch Aristoteles diese Theo- 
gonie gekannt hat (vgl. auch Plat. Tim. p. 40e). Nun sagt Aristoteles Metaph. 
13, 4, 1091a 34 ff., die alten Dichter und wiederum die jüngsten (philosophischen) 
^eoköyoi ließen das Höchste und Beste nicht der Zeit nach das Erste sein, sondern 
ein Späteres, ein Resultat fortschreitender Entwicklung. Diejenigen aber, welche 
(der Zeit und der Denk- und Darstellungsweise nach) zwischen den Dichtern 
und Philosophen in der Mitte stehen (oi fiefuyuh'oc avTcöf), wie namentlich Phere- 
kydes. der nicht mehr durchaus mythisch redet, ferner auch die Magier und 
einige griechische Philosophen betrachteten das Vollkommenste als das Erste der 
Zeit nach. Welche ,. alten" Dichter (äo/aToi jroirjTai. deren Zeit übrigens zum 
Teil noch bis in das sechste Jahrhundert v. Chr. herabreichen kann) gemeint seien, 
deutet Aristoteles nur an in der Bezeichnung ihrer Prinzipien : oTov Nvy.xa xai 
Ovgarov t} Xdog f] 'üxeavöv. Hiervon ist Xäo? unzweifelhaft auf Hesiod zu be- 
ziehen (s. 0.), 'Qyeai'og auf Homer (Qxeavöv re, deöJv yh'eaiv, xal /ntjrsga Ttjßvv, 
II. 14. 201; 'Qxearov, öo^ieg yh-eoi? jrävreaoi zhvxtai, II. 14. 246), Nr^ xai Ovoavog 
demnach auf eine andere namhafte Theogonie, und aller Wahrscheinlichkeit nach 
auf eben jene orphische, von der Eudemos berichtet hat. Dann also muß diese, 
da Aristoteles ihren Verfasser den uoyuToi :toit]xai zurechnet, spätestens im sechsten 
Jahrhundert vor Christo entstanden sein. Aber eben diese Theogonie und über- 
haupt alle diejenigen, welchen durch das aristotelische Zeugnis ein verhältnismäßig 
hohes Alter zuerkannt wird, teilen auch nach eben diesem Zeugnis die homerische 
und hesiodische Religionsanschauung im wesentlichen. Als der ewige Herrscher 
im All und als die Seele der Welt erscheint Zeus in dem Verse, auf den wohl 
schon Piaton, Leg. 4, 715e als einen na).aiog /.6yog anspielt: Zevg xecfuh], Zevg 
f.ieaoa, Aiog d' ex advra Thvxrai. 

Eine dem zur Zeit des Solon lebenden Weihepriester Epimenides aus Kreta 
zugeschriebene Kosmologie, Qeoyovia, nach dem Inhalt auch XQrjofioi genannt, 
läßt aus der Luft (dem arig) und der Nacht (der vi^), die zuerst den Tartaros 
erzeugt haben, vermittelst des Welteies die Welt hervorgehen. Der Verfasser 
gehört somit zu den von Aristoteles sogenannten rx wxrdg ytfvcövreg deo'/.öyoi. 

3* 



36 § 8. Vorbereitung der griech. Philos. Myth. Kosmogonien. 

Die Schrift stammte nach Diels aus dem Kreise des Ouomakritos und wurde 
Endo des sechsten Jahrhunderts vor Christi Geb. verfaßt. Bei Akusilaos in den 
rerfn/.oyiai ist das Chaos das Erste; aus demselben gehen der P>ebos und die 
Nyx hervor. 

Selbstverständlich läßt sich zwischen mythischer und philosophischer Kos- 
mogonie keine haarscharfe Grenze ziehen, am wenigsten in der Weise, daß man 
die mythische lediglich als Vorstufe auffaßt, die zu Ende wäre, sobald die philo- 
sophische beginnt. Nicht nur ist bei Parmenides in dem vom Standpunkte der 
f>o;« gezeichneten Weltbilde die Daimon, die alles lenkt und überall zu geschlecht- 
licher Vereinigung und Zeugung anregt, ein mythisches Wesen und ihre erste 
Schöpfung wieder der Eros (Diels Vorsokr. 18 B 12. 13), auch bei Erapedokles 
haben Xeikos und Philia mythisches Gepräge, von dem religiös-philosophischen 
Synkretismus des späteren Altertums ganz zu schweigen, der in weitestem Maße 
Mythus und Spekulation verschmolz (vgl. die von Dieterich, Abraxas, und Reitzen- 
stein, Zwei religionsgeschichtl. Fragen, S. 47 ff. behandelten Schöpfungsmythen). 
Wie sich die kosmologische Sagenbildung an die philosophische Weltanschauung 
anschließen und diese sich dienstbar machen konnte, zeigt für die ältere Zeit in 
lehrreicher Weise Pherekydes von Syros, der im sechsten Jahrhundert vor 
Chr. in Prosa eine Kosmogonie verfaßte unter dem Titel IlEvrsuvyog („Fünf- 
schluft''. Suidas gibt als Titel 'EjTzäftvyog und erklärt : eon de ßsoXoyta iv ßißUoig i' 
[Buchzahl zweifelhaft, vgl. Diels, Vorsokr. 71 A 2J). Ihr Anfang lautete: Zäg 
fuv y.al Xoövoq -fjoav ael xai X&orä]. Xdovi'»] 8k ovo/iia lyevexo Fr], EJistSi] avxi} 
Zag yijv ysgag didoT. Veranlassung zu diesem Ehrengeschenk ist die Hochzeit des 
Zas (= Zeus) mit der Chthonie: die Erde ist die von Zeus gespendete Hoch- 
zeitsgabe. Am dritten Tage der Hochzeit macht Zas ein großes schönes Gewand, 
so wird ausgeführt, und stellt darauf dar die Erde, den Ogenos (= Okeanos) 
und den Palast des Ogenos (vgl. Hom. II. 18. 483. 607). Dieses Gewand spannt 
er über einen geflügelten Baum, d. i. die freischwebende, baumstammartig gedachte 
Erdmasse, die mit der mannigfache Erscheinungen zeigenden Oberfläche be- 
kleidet ist. Beides, das freie Schweben, wie auch die hier angenommene Gestalt 
der Erde, setzt das Weltbild des Anaximander voraus. Bei der Ersetzung der 
Säulentrommel des Anaximander durch den Baumstamm hat wohl die Erinnerung 
an Vorgänge ähnlicher Art wie den der Panathenäenprozession eingewirkt, bei 
der der Peplos der Athena segelartig an einem Mastbaum aufgespannt wurde (vgl. 
Diels. Vorsokr. Anm. zu 76 B 2). Auch die alte freilich Anaximander wider- 
sprechende Vorstellung von den Wurzeln der Erde (Hesiod oper. 19, Xenophanes 
b. Diels, Vorsokr. 11 A 47) mag Einfluß geübt haben (vgl. Diels, Arch. f. Gesch. 
d. Phüos. 1 [1888], S. 15). 

Als zu den sogenannten ,, sieben Weisen" gehörend werden überall genannt: 
Thaies, Blas von Priene, Pittakos, Tyrann von Mytilene, und Solon; die Namen 
der übrigen schwanken; bei Piaton gehören dazu: Kleobulos, Myson und Chilon. 
Sonst werden erwähnt: Periander, Anacharsis, Epimenides und noch andere, im 
ganzen 22. Diese Männer, denen Sinnsprüche beigelegt wurden (Thaies: yvw&i 
aavzöt', oder: ri övoy.olor ; zo kavzov yvwvar zi ös evy.oXov ; z6 äV.co VTtozidsa&ai, 
Selon: f^ü] if'Evöov zä anovSala fislha' ägx^ tiqwzov fiadoav agysodar ovfißovlevs 
fii] zä ydiara, dV.ä zä xd?J.iaza' /Lirjdsv äyav, Blas: OLQjri] ärÖQU dsi^si, angef. von 
Arist. Eth. Nie. 5, 3, 1130a 1; auch oi TtlsTozoi y.axol, Anacharsis: ylmaoijg, 
yuoxQog, alboknv y.oazsTv etc), sind Repräsentanten praktischer Lebensweisheit auf 
einer Reflexionsstufe, die noch nicht Philosophie ist, aber eine philosophische 
Forschung nach ethischen Prinzipien anbahnen kann. Als Repräsentanten lake- 



§ 9. Die Perioden der Entwicklung der grieeh.-röniischeii Philosophie. 37 

diünonisther Bildung, die sich in ethischen Kcrnsprücheu bekunde, werden sie bei 
Plat. Protag. p. 343a bezeichnet ((-Jcüi]; 6 Mi/.i'/oiog .... orroc jrdiTc, ^7j/.onai 
xai fguorai xal fiadtjiai ijoav t;)? ^laxeSatuoyüop :jaid£i'ag). Der Aristoteliker 
Dikaiarehos (bei Diog. Laert. 1, 40) nennt diese Männer mit Recht ovis oocpovg 
ovTE (f. uoo6(povg , ovvETovg öe rii'ag y.<u vo/no&eTcxovg. Thaies, der mitunter der 
Weiseste dieser sieben Weisen genannt wird, ist zugleich Astronom und Begründer 
der ionischen Xaturphilosophie. 

^ 9. Perioden der griechischen Philosophiege- 
schichte. Wir unterscheiden 

I. die vorattische Philosophie (etwa von Anfang des 
(). bis Mitte des 5. Jahi'hunderts vor Chr.). Ihr Forschungs- 
objekt ist im wesentlichen die Entstehung und Entwicklung des 
Alls. Sie fragt nach den Urgründen, aus deren Entfaltung und 
Wirken die jetzt bestehende Welt zu erklären ist. Diese Speku- 
lation steht mit faehwissenschaftlichen Studien im engsten Bunde. 
So ist dieses früheste Denken eine Vereinigung von Kosmologie 
(einschheßlich der Astronomie), Mathematik, Meteorologie und Phy- 
siologie, greift aber in den durch die kosmologische Forschung 
angeregten Fragen nach Sein, Werden und Vergehen, nach Ein- 
heit und Vielheit auch in das Gebiet der ^letaphysik. Hingegen 
zeigen sich zu Erkenntnistheorie und Ethik nur erste Anläufe. 
Seiner Methode nach ist dieses Denken ein naiver, noch nicht 
durch den Zweifel zu rationeller Selbstbegründung erweckter 
Dogmatismus. Schauplätze der philosophischen Tätigkeit in dieser 
Periode sind teils im Osten des griechischen Kulturgebietes die 
von loniern besiedelten Landstriche an der Westküste Kleinasiens 
(Thaies, Anaximander und Anaximenes, Heraklit), teils im Westen 
ünteritahen (Pythagoreer und Eleaten) und Sizihen (Empedo- 
kles), teils im Norden Abdera an der thrakischen Küste (Leukipp 
und Demokrit). Doch greift die Philosophie auch jetzt schon in 
Anaxagoras nach dem zentralen Schauplatze der griechischen 
Geistesentwicklung, Athen, hinüber. 

IL die attische Philosophie (etwa Mitte des 5. bis Ende 
des 4. Jahrhunderts vor Chr.). In ihr wendet sich das Denken 
zunächst dem Menschen als erkennendem und handelndem Sub- 
jekte zu und entfaltet sich in Erkenntnistheorie und Ethik. 
Seinem prinzipiellen Standpunkte nach kennzeichnet es sich bei 
den philosophisch bedeutsamsten unter den am Anfange dieser 
Periode stehenden Sophisten als Relativismus und Skeptizismus, 
an deren Stelle in der sokratischen Begriffsphilosophie ein be- 
wußter auf wissenschaftlicher Basis ruhender Dogmatismus tritt. 
Unter Sokrates' nächsten Nachfolgern begnügen sich die meisten, 
unter Festhaltung des sokratischen Prinzips seine Gedanken nach 



38 § 9. Die Perioden der Entwicklung der griech.-röniischen Philosophie. 

der ethischen oder begrifllieh-logischen Seite weiter auszugestalten. 
Dagegen schreiten Piaton und Aristoteles, ebenfalls auf sokra- 
tiscliem Boden stehend, zugleich aber auch an die Interessen und 
Ergebnisse der vorsokratischen Philosophie anknüpfend zum 
Bau großer, Metaphysik, Kosmologie und Physiologie wie auch 
Ethik und Erkenntnistheorie umfassender Systeme, deren weitere 
Ausführung, Fortpflanzung und ]Modifizierung die Arbeit ihrer 
Schulen, der akademischen (Piatons) und der peripatetischen (des 
Aristoteles) bildet. Schauplatz der Tätigkeit -ist in dieser Periode 
in der Hauptsache Athen. 

III. die hellenistisch-römische Philosophie (etwa vom 
Ende des 4. Jahrhunderts vor bis gegen Mitte des 6. Jahrhunderts 
nach Chr.) sondert sich ihrer inneren Entwicklung nach in drei 
Unterabschnitte : 

1. Epoche (etwa vom Ende des 4. bis zur Mitte des 1. Jahrh. vor 
Chr.): Kampf zwischen Stoizismus, Epikureismus und 
Skepsis. Eklektizismus. Die neu in Erscheinung tretenden 
Systeme der Stoa und Epikurs legen das Hauptgewicht auf die 
durch richtige Lebensauffassung und -führung zu gewinnende 
innerhche Beglückung des Subjektes und betonen damit die Be- 
ziehungen der Philosophie zur Praxis. Ihren Dogmatismus be- 
kämpft die SkejDsis Pyrrons und der mittleren und neuen Akademie. 
Die praktische Richtung und die Berührungen der Schulen unter- 
einander führen in der Stoa, der im ersten Jahrhundert vor Chr. 
zum Dogmatismus wieder zurückgekehrten Akademie und dem 
Peripatos zu einer teilweisen Absclileifung ihres Sondergepräges 
und damit zur Ausbildung des Eklektizismus. 

2. Epoche (etwa von Mitte des 1. vorchristlichen bis zur 
Mitte des 3. christlichen Jahrhunderts): Eklektizismus und 
erneute Orthodoxie, gelehrte Beschäftigung mit den 
Werken der Schulbegründer, religiöser Mystizismus. 
Neben dem Eklektizismus macht sich eine an die Anfänge der 
Schulen wieder anknüpfende orthodoxe Richtung geltend. Re- 
trospektives Interesse betätigt sich auch in gelehrter Beschäfti- 
gung mit den Werken der Schulgründer (Edition, Ordnung der 
Werke, Kommentierung). Mit dieser nach Autoritäten zurück- 
blickenden Tendenz geht Hand in Hand eine Berücksichtigung 
griechischer und fremder, besonders orientalischer und ägyptischer, 
rehgiöser Tradition, deren Offenbarungen die unzulänglich er- 
scheinende verstandesmäßige Erkenntnis stützen soUen. Die ver- 
schiedenen Elemente des philosophischen und religiösen Synkre- 
tismus gruppieren sich in den mannigfachen Schul- und Einzel- 



§ 9. Die Perioden der Entwicklung der grieeh.-römischen Philosophie. 39 

bekenntnissen in buntester Weise. Im Gegensatze hierzu unter- 
nimmt es in der 

3. Epoche (etwa von Mitte des 3. bis Mitte des 6. Jahr- 
hunderts nach Chr.) der Neuplatonismus, in einen durch 
ein neues metaphysisches Prinzip gebotenen einheit- 
lichen Grundril^ den ganzen überlieferten Bestand philo- 
sophischer und religiöser Anschauungen griechischen 
und orientalischen Ursprungs einzuzeichnen. Seine 
■durch konsequente Systematik hervorragende Lehre verdrängt im 
wesentlichen alle anderen, seine Philosophie ist die Philosophie 
■des ausgehenden Altertums. 

Der Entwicklungsboden der griechischen Philosophie in der 
dritten Periode ist neben dem griechischen Mutterlande zunächst 
der seit Alexander dem Großen und den Diadochen mit griechi- 
schem Wesen durchtränkte Osten — die griechische Philosophie 
wird zu einem Teile der „hellenistischen" Kultur — , erstreckt 
sich aber alsdann infolge der immer intensiver werdenden Be- 
ziehungen Roms zu Griechenland und dem Orient auch über 
Italien und die römisch kultivierten Länder und umfaßt schließ- 
hch das gesamte Gebiet der zivilisierten Oikumene. 

Anfang aller Philosophie ist nach einer richtigen Bemerkung des Piaton 
(Theaet. 155 d) und Aristoteles (Metaphys. 1, 2, 982 b 12) das dav/tidiieir. In 
unserer Umgebung auf und über der Erde, die der gewöhnliche Mensch als be- 
stehend einfach hinnimmt, sieht der philosophisch Veranlagte Auffallendes, der 
Erklärung Bedürftiges und stellt Probleme. Nur diese Außenwelt und seine 
•eigene physische Natur ist für den zum philosophischen Denken erst Erwachen- 
den Gegenstand eigentlicher wissenschaftlicher Problemstellung. Wert und Un- 
wert menschlicher Handlungen waren zwar jederzeit Objekt des Nachdenkens, die 
Eeflexion verließ aber hier erst sj^ät die von der Vätersitte gebotenen Normen, 
um zu unabhängigen ethischen Theorien fortzuschreiten. Erst recht bedurfte es 
gereifterer Denkkraft, um den eigenen Geist als Quelle der Erkenntnis zu objek- 
tivieren. So ist die griechische Philosophie zunächst Kosmologie, Meteorologie 
und Physiologie. Die Kosmologie mündet aus in die Behandlung der großen 
ontologischen Fragen nach Einheit und Vielheit, Werden und Vergehen. 
Die Schauplätze dieser ersten Forschungstätigkeit liegen wesentlich an der Peri- 
pherie des griechischen Kulturgebietes im kleinasiatischen lonien, in Unteritalien 
und Sizilien, in Abdera an der thrakischen Küste, Gegenden, in denen durch 
enge Berührung mit Griechen anderer Stämme und mit nichtgriechischen Be- 
völkerungen, z. T. auch durch einen ausgedehnten Seeverkehr, geistige Regsamkeit 
und Forschersinn gefördert wurden. Erst gegen Ende dieser Periode wird die 
Philosophie durch Anaxagoras auch in Athen heimisch. 

Nachdem die philosophische Spekulation sich in einer Reihe z. T. weit aus- 
einandergehender Versuche zur Lösung kosmologisch-ontologischer Fragen be- 
tätigt hatte, trat in der Sophistik — mit der übrigens das letzte Stadium der 
kosmologisch-ontologischen Forschung zeitlich zusammenfällt — eine Wendung in 
•Gegenstand und Methode des Philosophierens ein. Der Mensch nach der Seite 



40 § 9, Die Perioden der Entwicklung der griech.-romischen Philosophie. 

seines Ei'kennens und Handelns wird Objekt der ^Spekulation : es beginnen Er- 
kenn tnistheorie und Ethik. Dabei wird der naive absolute Dogmatismus, 
der durch die Vielheit und den gegenseitigen Widerspruch der bisherigen Welt- 
anschauungen ad absurdum geführt zu sein schien, durch Kelativismus und Skeptizis- 
mus verdrängt. Mit dieser Wandlung vollzieht sich zugleich auch ein Wechsel- 
des Schauplatzes. Athen, das im fünften Jahrhundert in den Mittelpunkt des. 
griechischen Geisteslebens tritt, wird die Hauptstätte auch der philosophischen 
Entwicklung. Die Beschränkung der Philosophie auf die menschlichen Dinge- 
wird auch von Sokrates beibehalten. Aber er stellt dem skeptisch-destruktiven 
Verfahren der Sophistik in seiner Begriffsphilosophie eine konstruktive Methode 
entgegen und begründet so einen neuen, aber auf wissenschaftlich kritischer Basis- 
beruhenden Dogmatismus. Mittelst dieser Methode errichten die an Sokrates an- 
knüpfenden Schulen ihre Lehrgebäude. Der in der sokratischen Begriffsphilosophie 
liegende obtologische Keim wurde von Piaton unter Berücksichtigung vor- 
sophistiseher Lehren (des Heraklit und Parmenides) zu einer umfassenden Meta- 
physik entwickelt, deren Herrschaft Erkenntnistheorie, Psychologie, Ethik und 
Politik sowie die wieder aufgenommene Kosmologie unterstellt wurden. Auf 
Piatons Wegen geht seine Schvde in ihrem früheren Entwicklungsstadium (die 
alte Akademie). Auch Aristoteles verfolgt, freilich unter wesentlicher Ver- 
änderung des metaphysischen Ausgangspunktes, die von seinem Lehrer ein- 
geschlagene Bahn, wendet aber sein Interesse in umfassenderer Weise allen Ge- 
bieten menschlichen Wissens, insbesondere auch den Naturwissenschaften, der 
Geschichte und Literatur zu. 

In der Zeit nach Aristoteles empfängt die Philosophie ein neues Gepräge 
unter dem Einfluß der seit Alexanders Perserzuge und der Gründung der Dia- 
dochenreiche über den ganzen Orient verbreiteten hellenistischen Kultur, die 
sich seit der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts mehr und mehr 
auch westwärts erstreckt und zu einer hellenistisch-römischen erweitert. Mit 
der Gesaratkultur erhielt auch die Philosophie die weitesten Gebiete der bewohnten. 
Erde zum Schauplatz ihrer ferneren Entwicklung. Ein großer Teil ihrer Ver- 
treter entstammt neu hellenisierten Gegenden. Für die Philosophie wesentlich, 
in dem neuen Kulturverlaufe ist, daß der bisher herrschende griechische Nationa- 
lismus jetzt dem Kosmopolitismus das Feld räumt. Nur eine Kehrseite dieses- 
Kosmopolitismus ist der praktische Subjektivismus. Der Unterschied zwischen 
Griechen und Barbaren trat zurück, die politischen Grenzen verloren ihre Be- 
deutung. An Stelle des Bürgers trat der Mensch. Mit dem Zurückweichen des- 
Interesses für den Staat rückte das Glücksstreben des Individuums in den Vorder- 
grund. Die Philosophie soll nun die Wege weisen, auf denen der Einzelne zur 
inneren Befriedigung gelangt. Auf diese praktische Aufgabe legen die in An- 
knüpfung an frühere Bekenntnisse neu entstehenden Systeme des Stoizismus 
lind Epikureismus den Nachdruck. Daneben bleiben die alten erkenntnis- 
theoretischen, metaphysischen und naturphilosophischen Probleme bestehen, mit 
denen sich neben der Stoa und der Schule Epikurs auch die Nachfolger des 
Aristoteles (die peripatetische Schule) befassen, die letzteren zugleich auch die eifrigen 
Förderer fachwissenschaftücher Gelehrsamkeit. Dem Dogmatismus dieser Schulerk 
tritt die Skepsis Pyrrons und seiner Anhänger sowie der mittleren und neueren. 
Akademie gegenüber. Ihre Opposition übt auf die Fortbildung jener dogmatischen 
Systeme starken Einfluß aus. Das Ergebnis des Reibungsprozesses der Sekten 
ist eine gegenseitige Annäherung der Stoa (im mittleren Stoizismus), des Peripatos 
und der wieder zum Dogmatismus zurückkehrenden Akademie durch eklek- 
tische Vermischung und Ausgleichung ihrer Lehren, ein Prozeß, zu dem auch 



§ 9. Die Perioden der Entwicklung der grioch.-rümischen Philosophie. 41 

der Eintritt der Philosophie in den Gesichtskreis des praktisch gerichteten, gegen 
strenge philosophische Systematik gleichgültigen Röraertums das Seinige beiträgt. 

So ist dieser Zeitabschnitt durch Neugründung von Schulen, gegenseitige 
JBefehdung und innere Umgestaltung der Systeme von regstem schaffendem und 
kämpfendem Leben . erlullt. Anders in der nächstfolgenden Epoche. Da» 
Erhalten überwiegt jetzt das Neuschaffen, das Nebeneinander obsiegt über da& 
Gegeneinander der Sekten. Der Eklektizismus lebt fort, neben ihm freilich auch 
der Skeptizismus als Widerpart der dogmatischen Systeme. Das Bestimmende in 
dem neuen Bilde sind zwei Züge, deren Prägung scnon in der vorangehenden Zeit 
begonnen hat, die aber jetzt erst ihre volle Schärfe erreichen Der eine ist retro- 
spektiv. Es erwacht ein lebhafteres Interesse für die Begründer der Schulen, 
ihr Leben, ihre Werke und Lehren. So entsteht neben dem Eklektizismus und 
z. T. in bewußtem Gegensatze zu ihm eine neue Orthodoxie. Die Stoa 
zeigt neben den Eklektikern Seneka und Mark Aurel den auf die alte Lehre 
zurückgreifenden Epiktet, die Akademie neben Gaius, Apuleius, Albinos und ihren 
eklektisch philosophierenden Bekenn tu isgenossen Männer wie Taiirus, der die 
Unterschiede der platonischen, aristotelischen und stoischen Lehre betont, und 
Attikus, der zwar stoizisiert, aber auf scharfe Scheidung der platonischen und 
aristotelischen Dogmen dringt. Hand in Hand mit diesem rückblickenden Inter- 
esse geht eine lebhafte gelehrte Tätigkeit. Es galt, die Werke der Begründer 
und ältesten Vertreter der Schulen neu herauszugeben, zu ordnen und durch Ein- 
leitung und Erklärung dem Verständnis zu erschließen. Die Wahrheit galt ais- 
in jenen Werken beschlossen; die Aufgabe war, sie durch Interpretation ihnen ab- 
zugewinnen. So rückt die in kleinerem Umfange freilich schon längst (so in der 
platonischen Schule bereits durch Krantor) geübte Exegese in den IMittelpunkt 
des philosophischen Unterrichtes, und der Kommentar wird zur Haupterscheinung 
der philosophischen Literatur. Neben dem fortlaufenden v.-röiu'tjua und den den 
Text begleitenden G/ö/.ta gehen einher eiaaycoyai, ^tjzt'juuTa, d.-TOQiai xai /.vosi; und 
eingehendere Abhandlungen über einzelne exegetische Probleme, wie Plutarchs 
Schrift über die Psychogonie im platonischen Timaios. Mit dem philosophi- 
schen Interesse paart sich das durch die Tätigkeit der Alexandriner hoch ent- 
wickelte philologische. Die alexandrinische Vorarbeit bot der Philosophenschule 
vielfach Material und Methode. Für die Biographie der philosophischen Schrift- 
steller, die Verzeichnisse ihrer Schriften, die Scheidung des Echten und Unechten, 
war hier ein Grund gelegt. Der Platoniker Thrasyllos knüpft in seiner tetralo- 
gischen Einteilung der platonischen Werke durch die Vermittelung des Gramma- 
tikers Derkyllides im Prinzip an die trilogische Gruppierung des alexandrinischea 
Philologen Aristophanes von Byzanz an. Auch in der Methode der Einleitungen, 
und Kommentare Avaren die Alexandriner vorangegangen. 

Diese gelehrte Tätigkeit dauert in den Schulen des Piaton und Aristoteles in. 
ununterbrochener Tradition bis zum Ausgange des Altertums. Die Akademie ist 
hier in unserer Epoche durch Eudoros, Thrasyllos, Plutarch, Gaius, Albinos. Apu- 
leius u. a. vertreten, denen sich in dem folgenden Zeitabschnitte die lange Kette 
neuplatonischer Kommentatoren anschließt. Im Peripatos legt schon zu Ende der 
vorangehenden Epoche Andronikos von Rhodos durch seine dem aristotelischen 
Schriftenkorpus gewidmeten Studien einen neuen Grund. Auch hier spiegelt sich 
die Weiterarbeit der Schule in der durch eine stattliche Reihe von Kommen- 
tatoren, unter denen hier nur Alexander von Aphrodisias genannt sei, geübten 
Exegese. Weniger augenfällig ist für uns die kommentierende Tätigkeit in der 
Stoa. Gleichwohl läßt auch hier Epiktet erkennen, daß der Exegese Chrysipps 
und anderer Altstoiker im Unterrichte große Bedeutung zukam (vgl. I. Bruns, 



42 § y« Die Perioden der Entwicklung der griech.-römischen Philosophie. 

De schola Epicteti p. 13 ff.). Für den Kynismus sei beispielshalber auf die Tle- 
pristination eines /.6yo; doyaTog des Antisthenes in der dreizehnten Rede des Dien 
von Prusa. für den Epikureisraus, bei dessen jederzeit stagnierendem Wesen sich 
die Orthodoxie auch in unserer Epoche von selbst versteht, auf die Verwertung 
altepikureischen Älaterials in der Inschrift von Oinoanda hingewiesen. Die Tra- 
<lition erloschener Schulen wird in der Skepsis Ainesidems und im Neupytha- 
goreismus wieder aufgenommen. So stark auch beide von der geistigen Be- 
wegung der Zwischenzeit beeinflußt sind, so knüpfen sie doch ausdrücklich, 
Ainesidem in der Betitelung seiner IIvQQojrsiot Xöyot, die Xeupythagoreer in der 
Ausgestaltung des Pythagorasideals, an die Person der alten Schulbegründer aii. 

Zu der nüchtern gelehrten Behandlung alter Schulschriften, wie sie die 
Philosophenschulen zu einem großen Teile beschäftigt, steht das zweite Kennzeichen 
11 n serer Epoche auf den ersten Blick in einem auffallenden Gegensatze. Es ist 
•die zunehmende mystisch-religiöse Färbung des philosophischen Denkens. 
Auch sie setzt nicht plötzlich ein. An der AVende des zweiten und ersten vor- 
<-hnstlichen Jahrhunderts hatte Poseidonios eine innige Verbindung religiöser 
Mystik und philosophischer Spekulation in sich verkörpert. Aber neu ist die 
mehr und mehr zunehmende Intensität und Verbreitung dieser Färbung. Sie 
bildet einen Grundton in dem Bilde der neuen Zeit. Ihre Erklärung liegt ein- 
mal in der philosophischen Entwicklung selbst. Auf Perioden produktiver Speku- 
lation und lebhaften Meinungskampfes pflegt ein Rückschlag zu folgen. Die 
frohe Zuversicht, mittelst verstandesmäßiger Erwägung die Wahrheit zu ergründen, 
geht verloren. Schon der Eklektizismus mit seiner Preisgabe streng konsequenter 
Dogmatik war ein Zurückweichen vor dem Skei^tizismus. Ein anderer Weg des 
Rückzugs führt zur Anlehnung an göttliche oder menschliche Autorität. So 
haben archaisierende Schulphilologie und religiöse Mystik trotz ihrer scheinbaren 
Heterogenität doch den gleichen Ursprung. Dort sollen die von der Glorie alter 
Weisheit umstrahlten Schulhäupter in ihren Werken, hier die Götter selbst in 
ihren Offenbarungen die Wahrheit spenden, und die Grenzen zwischen beiden 
Richtungen verschwimmen, wenn im Neupythagoreismus der Schulbegründer 
Pythagoras als der mit besonderen Kräften begnadete übermenschliche Heros er- 
scheint. Die Neigung zur Mystik, die so mit der inneren Entwicklung der Philo- 
sophie selbst gegeben war, wurde noch unterstützt durch das auch im gemeinen 
Leben hervortretende mystisch-reUgiöse Empfinden der Zeit, das seinerseits wieder 
angeregt wurde durch die wachsende Bekanntschaft mit den Religionen des 
Orients und Ägyptens. Diese wirken in solcher Weise mittelbar ein auf die 
philosophische Bewegung. Ihr Einfluß ist zugleich aber auch ein unmittelbarer. 
Man suchte sich auf griechischer Seite der fremden Anschauungen dadurch zu 
bemächtigen, daß man sie, gerade wie es die Stoa schon längst mit der griechi- 
schen Volksreligion getan hatte, in das Fachwerk der philosophischen Systeme 
einfügte : Götter und Göttergeschichten unterliegen der Umdeutung in meta- 
I^hysische oder physische Potenzen und Prozesse. Dieselbe Methode befolgen aber 
-auch Orientalen und Agyjjter selbst, teils in der apologetischen Tendenz, die Ab- 
neigung oder Gleichgültigkeit der Griechen gegen die ihnen innerlich fremden 
Vorstellungen zu überwinden, teils in scholastischer Absicht, um ihre religiösen 
Anschauungen mittelst der griechischen Philosophie zu systematisieren und speku- 
lativ zu festigen. Das greifbarste Beisj^iel dieses Verfahrens zeigt die jüdisch- 
hellenistische Philosophie des Philon von Alexandreia. 

Blickt unsere Epoche mit ihren rekonstruktiven und philologischen Be- 
strebungen in die Vergangenheit zurück, so eröffnet sie andererseits durch ihren 
Mystizismus den Ausblick in die folgende Zeit, die des Neuplatonismus. Sie ist 



§ 9. Die Perioden der Entwicklung der griech.-römischen Philosophie. 43 

<cine Übergangsperiode, reich durch ein großes Erbe philosophischer Gedanken 
und Strömungen. Aber die Bahnen, auf denen sie kombinierend und umgestaltend 
■dieses Erbes waltet, durchkreuzen sich mannigfach, und so bietet die Epoche, wie 
•es bei Übergangszeiten der Fall zu sein pflegt, kein einheitliches Bild. Eklekti- 
zismus und Orthodoxie behaupten nebeneinander das Feld, Gelehrsamkeit und 
Mystik. Platonisches, Aristotelisches, Stoisches mischen sich bald in verschieden- 
artigster Weise, bald sondern sie sich und stoßen sich ab. Die Schulen bestehen 
weiter, aber ihr traditionelles Gepräge verwischt sich. In jedem ihrer Angehörigen 
vereinigen sich die gegebenen Elemente in neuer Xuancierung. Im Kynismus 
•steht neben dem Freigeist Oinomaos der Mystiker Peregrinos, und der Stoizismus 
birgt, wie schon oben berührt wurde, in Seneka, Epiktet und Mark Aurel, der 
Platouismus in Albmos, Attikus und Taurus ähnliehe Gegensätze. Das Ziel, den 
•ererbten Schatz einheitUch zu ordnen und jedes Stück philosophischer und reli- 
giöser Tradition als Baustein in entsprechender Bearbeitung dem Riesengebäude 
eines allumfassenden, durch ein neues metaphysisches Prinzip zusammengehaltenen 
Systems einzufügen, verfolgt in der nächsten Epoche der Neuplatonism us. 
Seinen Erfolg beweist die Tatsache, daß er alle Sekten im wesentlichen absorbiert 
und Jahrhunderte hindurch die philosophische Entwicklung allein beherrscht hat. 

Historischer Rückblick auf die bisherigen Versuche einer 
Periodisierung der griechischen Philosophiegeschichte. 

Vorbereitung und Anknüpfungspunkte boten die o. S. 20 ff. besprochenen an- 
tiken Arbeiten zur Philosophiegeschichte. Indes lag eine eigentliche Periodi- 
sierung dieser Geschichte dem Altertum fern, in dessen Arbeiten überhaupt das 
Interesse für die innere Entwicklung der Philosophie, den gegenseitigen Zusammen- 
hang und den Charakter der Systeme gegenüber der Erforschung der äußeren 
Oeschichte der Schulen und der Feststelliuig des Tatsächlichen ihrer Dogmatik 
im allgemeinen zurücktritt. Unter den Neueren folgt 

Brücke r im wesentlichen der Anordnung des Diogenes Laertios (s. o. S. 24 ff.), 
läßt aber mit der Philosophie unter den Römern eine neue Periode beginnen, 
-welcher er außer den römischen Philosophen die Erneuerer älterer Richtungen, 
■wie namentlich die Neupythagoreer und die (von ihm im Anschluß an die Notiz 
des Diogenes Laertios 1, 21 über Potamon als Begründer einer eklektischen 
Richtung sogenannte) „eklektische Sekte", d. h. die Neuplatoniker, auch die 
späteren Peripatetiker, Kyniker usw., dann auch die jüdischen, arabischen und 
■christlichen Philosophen bis zu dem Ausgang des Mittelalters, der Wieder- 
herstellung der Wissenschaften und dem Beginn der Philosophie der Neuzeit zu- 
rechnet. 

Tennemann setzt drei Abschnitte der griechisch-römischen Philosophie: 
1. von Thaies bis Sokrates (ausgehend von fragmentarischen Spekulationen über 
<lie Außenwelt); 2. von Sokrates bis zum Ende des Streits der Stoa und der 
Akademie (Rückgang der Spekulation auf den menschlichen Geist als die Quelle 
aller Wahrscheinlichkeit); 3. von der Philosophie unter den Römern und dem 
neuen Skeptizismus des Ainesidemos bis auf Johannes von Damaskos (Vermählung 
mit dem orientalischem Geiste; der Geist sucht außer sich die Quelle der Ge- 
wißheit und zerfällt in Synkretismus und Schwärmerei). 

In ähnlicher Weise unterscheidet H. Ritter drei Perioden der philosophischen 
Entwicklung: die vorsokratische Philosophie, die sokratischen Schulen (wozu er 
auch die älteren Skeptiker, Epikureer und Stoiker rechnet) und die Philosophie in 
der späteren Zeit bis zum Neuplatonismus. Die erste Periode iimfaßt „das erste 



44 § ö. Die Perioden der Entwicklung der grieoh.-römischen Philosophie. 

Aufwachsen des philosophischen Geistes", die zweite „die vollkommenste Blüte 
der philosophischen Systeme", die dritte „den Verfall der griechischen Philosophie". 
Näher betrachtet ist der Charakter der ersten Periode das Ausgehen der philo- 
sophischen Forschung von einem einseitigen wissenschaftlichen Interesse, wobei 
die Verschiedenheit der Richtungen sich an die Stammesverschiedenheit gebunden 
zeigt. Der Charakter der zweiten Periode ist die vollständige systematische 
Verzweigung der Philosophie (oder doch „dessen, was den Griechen überhaupt 
Philosophie war"), wobei nicht mehr die einzelnen Stämme jeder in seiner Weise 
philosophierten, sondern ,, gleichsam die geistige Gesamtheit des griechischen Volkes- 
diese Philosophie hervorbrachte". Der Charakter der dritten Periode ist der Verlust 
des Verständnisses der systematischen Anordnung der griechischen Philosophie 
dem Wesen nach, wenngleich die Überlieferung sich erhielt, zugleich mit dem 
Verfall der Eigentümlichkeit und Kräftigkeit des griechischen Geistes bei fort- 
schreitender Extension der wissenschaftlichen Bildung über einen größeren Kreis- 
von Erfahrungen und einen größeren Kreis von Menschen. (Ritters Einteilung 
beruht im wesentlichen auf der Schleiermacherschen Ansicht von der philosophischen 
Bedeutung des Sokrates, der durch sein Prinzip des Wissens die Vereinigung 
der früher vereinzelten Zweige der philosophischen Forschung zum allumfassenden 
philosophischen System ermöglicht habe, die dann zuerst von Piaton realisiert 
worden sei. Schleiermacher nimmt hiernach in seinen von Ritter herausgegebenen 
Vorlesungen zwei Perioden der griechischen Philosophie an, eine vorsokratische und 
eine von Sokrates bis auf die Neuplatoniker herabreichende; doch hat auch 
Schleiermacher selbst bereits mitunter die Zeit seit Sokrates in zwei Perioden, 
nämlich die der Blüte und die des Verfalls, zerlegt.) 

Brand is teilt im ganzen die Rittersche Aiilfassung der Entwicklung der 
griechischen Philosophie, jedoch mit der Abweichung, daß er die Stoiker und 
Epikureer und die pyrronischen und akademischen Skeptiker aus der zweiten 
Entwicklungsperiode (der Zeit männlicher Reife) in die dritte (die Periode der 
Dekreszenz) versetzt. 

Hegel unterscheidet drei Perioden: 1. von Thaies bis Aristoteles; 2. die 
griechische Philosophie in der römischen Welt; 3. die neuplatonische Philosophie. 
Die erste Periode stellt den Anfang des philosophierenden Gedankens dar bis zu 
seiner Entwicklung und Ausbildung als Totalität der Wissenschaft in sich selbst. 
Die zweite Periode ist das Auseinandergehen der Wissenschaft in besondere 
Systeme; durch das Ganze der Weltvorstellung wird ein einseitiges Prinzip hin- 
durchgeführt; jede Seite ist, im Extrem gegen die andere, in sich zur Totalität 
ausgebildet (Systeme des Stoizismus und Epikureismus, gegen deren Dogmatismus 
der Skeptizismus das Negative ausmacht). Die dritte Periode ist hierzu das Affir- 
mative, die Rücknahme des Gegensatzes in eine göttliche Gedankenwelt. Die 
erste Periode zerlegt Hegel in drei Abschnitte: a) von Thaies bis Anaxagoras, 
vom abstrakten Gedanken, der in unmittelbarer Bestimmtheit ist, bis zum Gedanken 
des sich selbst bestimmenden Gedankens; b) Sophisten, Sokrates und. Sokratiker; 
der sich selbst bestimmende Gedanke ist als gegenwärtig, konkret in mir auf- 
gefaßt ; das ist das Prinzip der Subjektivität ; c) Piaton und Aristoteles ; der 
objektive Gedanke, die Idee, gestaltet sich zum Ganzen (bei Piaton nur in der 
Form der Allgemeinheit, bei Aristoteles in wirklicher Durchführung). 

Zeller führt die erste Periode von Thaies bis einschließlich zur Sophistik^ 
rechnet der zweiten Sokrates und die unvollkommenen Sokratiker, Piaton und die 
ältere Akademie, Aristoteles und die älteren Peripatetiker zu, der dritten die ge- 
samte nacharistotelische Philosophie. In der ersten Periode ist alle Philosophie 



I 



§ 9. Die Perioden der Entwicklung der griech. -römischen Philosophie. 45 

■unmittelbar auf das Objekt gerichtet. In der zweiten Periode bildet die Grund- 
anschauung der objektive Begriff, der an und für sich seiende Gedanke, in welchem 
•Sokrates das alleinige Älittel zur Erreichung wahren Wissens und wahrer Tugend, 
Piaton die absolute, substantielle Wirklichkeit, Aristoteles nicht bloß das Wesen, 
«ondern auch das formende und bewegende Prinzip des empirisch \\'irklichen er- 
kennt. In der dritten Periode konzentriert sich alle selbständige Spekulation in 
■der Frage nach der Wahrheit des subjektiven Denkens und der subjektiv be- 
friedigenden Weise des Lebens: der Gedanke zieht sich aus dem Objekt in sich 
zurück. „Der Geist, können wir sagen" — so wird Philos. d. Griech. I, 1^ g. 160 f. 
ausgeführt — ,.ist sich auf der ersten Stufe des griechischen Denkens unmittelbar 
in dem natüi'lichen Objekt gegenwärtig, auf der zweiten unterscheidet er sich von 
ihm, um im Gedanken des übersinnlichen Objekts eine höhere Wahrheit zu ge- 
winnen, und auf der dritten behauptet er sich im Gegensatz gegen das Objekt, 
in seiner Subjektivität, als das höchste und unbedingt berechtigte". Auch der 
Neuplatonismus, dessen wesentlicher Charakter in der durch den vorangegangenen 
Skeptizismus bedingten transzendenten Theosophie liegt, ist nach Zellers Ansicht, 
da es demselben durchgängig um die Gemütsbefriedigung des Subjekts zu tun 
sei, noch unter eben diesen Begriff des Subjektivismus zu subsumieren. 

Eine Dreiteilung, aber nach wesentlich anderen Gesichtspunkten, ist auch in 
■den bisherigen Auflagen des Ueberweg- Heinzeschen Grundrisses durch- 
geführt. Es werden hier folgende Perioden unterschieden: .,1. Vonviegende Rich- 
tung der philosophischen Forschung auf das Ganze der Xatur und Welt, oder 
Vorherrschaft der Kosmologie (kosmozentrischer Standpunkt). Von Thaies 
bis auf Anaxagoras und die Atomiker. 2. Vorwiegende Richtung der philo- 
sophischen Forschung auf den Menschen als wollendes und denkendes Wesen, 
oder Vorherrschaft der Ethik und Logik, jedoch mit allmählicher AViederaufnahme 
und zunehmender Begünstigung der Naturphilosophie (anthropozentrischer 
Standpunkt). Von den Sophisten bis auf die Stoiker, Epikureer und Skeptiker. 
3. Vorwiegende Richtung der philosophischen Forschung auf die Gottheit und 
das Verhältnis der Welt und des Menschen zu ihr, oder Vorherrschaft der 
Theosophie, jedoch unter Mitaufnahme der Physik, Ethik und Logik (theo- 
zentrischer Standpunkt). Vom Neupythagoreismus bis zum Ausgang der 
iilten Philosophie in der neuplatonischen Schule." Vgl. auch die Überschriften 
vor § 10, 26. 67. 

Windelband nimmt zwei große Teile an: die griechische und die helle- 
nistisch-römische Philosophie, einschließlich der Patristik, welche beide durch das 
Todesjahr des Aristoteles voneinander getrennt sein sollen. In seiner Geschichte 
■der antiken Philosophie (ich zitiere nach der dritten von Ad. Bonhöffer bearbeiteten 
Aufl., München 1912) S. 3 führt er aus : ,,Die griechische Philosophie beginnt 
mit der Verselbständigung des Erkenntnistriebes, sie bewegt sich durchgängig um 
■eine von Nebenzwecken freie Erstrebung des W^issens und vollendet sich in 
Aristoteles teils durch die allgemeine Theorie der W^issenschaft (Logik), teils durch 
den Entwurf eines daraus entwickelten Systems der Wissenschaften. Die Energie 
dieses rein theoretischen Interesses erlischt in der Folgezeit und erhält sich nur 
teilweise" (Bonhöffer fügt hinzu: „jedoch mit um so reiferer und fruchtbarerer 
Betätigung'') .,in der stillen Arbeit der sachlichen Einzelwissenschaften: für die 
,. Philosophie" dagegen tritt in den Mittelpunkt die praktische Frage nach der 
Lebensweisheit; das Wissen wird nicht mehr um seiner selbst willen, sondern nur 
als ein Mitiel zur rechten Einrichtung des Lebens gesucht. Dadurch gerät die 
hellenistisch-römische Philosophie in eine Abhängigkeit von den allgemeinen Zeit- 



46 § 9- Die Perioden der Entwicklung der griech. -römischen Philosophie. 

Strömungen, wie es bei der rein griechischen niemals der Fall gewesen war, und 
so verwandelt sich ihre anfänglich ethische Tendenz mit der Zeit vollständig in 
das Bestreben, mit den Mitteln des wissenschaftlichen Denkens der religiösen 
Sehnsucht Genüge zu tun. Im Griechentum ist die Philosophie die zur Selb- 
ständigkeit reifende Wissenschaft ; im Hellenismus und im römischen Reich tritt 
sie mit Bewußtsein in den Dienst der sittlichen und religiösen Bestimmung de& 
Menschen." Windelband betont, daß diese Gegensätze keine absolute, sondern 
nur eine relative Geltung haben. 

Nach Döring ist die antike Philosophie wesentlich Güter- und Glückselig- 
keitslehre. Unter dieser Voraussetzung gelangt er in seiner Geschichte der grie- 
chischen Philosophie (Leipz. 1903) S. 6 zu folgender Periodeneinteilung: „I. All- 
gemeinwissenschaftliche Vorbereitungszeit (ca. 600 bis gegen 300 vor Chr.)^ 
II. Übergänge zur eigentlichen Philosophie als wissenschaftlich begründeter Güter- 
lehre (ca. 450 bis nach 300 vor Chr.). III. Herrschaft der wissenschaftlich be- 
gründeten Güterlehre (ca. 360 vor Chr. bis nach 200 nach Chr.). IV. Auflösung 
der Philosophie als Güterlehre (ca. lüO vor Chr, bis 550 nach Chr.)." Zur ersten 
Periode rechnet er die Vorsokratiker mit Ausschluß der Sophisten, zur zweiten 
die Sophisten, Sokrates und die reinen Sokratiker (Xenophon. Aischines, Eukleides 
und Phaidon). die kleineren sokratischen Schulen und Piaton, die dritte umfaßt die 
alte Akademie, Aristoteles und die Peripatetiker, die pyrronische Skepsis und die 
des Ainesidemos und seiner Nachfolger, die mittlere und neuere Akademie, 
Stoizismus und Epikureismus, die vierte den Xeupythagoreismus, die jüdisch- 
alexandrinische Philosophie, die vom Xeupythagoreismus beeinflußten Platoniker 
und den Neuplatonismus. 

Zwei durch den Tod des Aristoteles geschiedene Perioden nimmt wieder 
Goedeckemeyer an in dem Aufsatze: Einteilung der griechischen Philosophie. 
Arch. f. Gesch. d. Philos. 18 (1905), 303—314. In der Hauptsache mit Zeller 
und Windelband zusammentreffend bemerkt er von der nacharistotelischen Philo- 
sophie: „In ihr Avendet sich das philosophische Denken nicht mehr wie bisher in 
erster Linie der Erkenntnis des wahrhaft Seienden zu, sondern macht die Frage 
nach dem Erreichen der Glückseligkeit zu seinem Hauptproblem und behandelt 
alle übrigen Fragen nur insoweit, als sie unmittelbar oder mittelbar mit dieser 
wichtigen Frage in Zusammenhang stehen." Sein Schema ist dieses: I. Die onto- 
logische Periode: 1. Der naive Ontologismus (die vorsokratische Xaturphilosophie) ; 

2. die Sophisten und der methodische Ontologismus (Sokrates, Piaton, Aristoteles). 
II. Die eudämonologische Periode: 1. Die pyrronische Skepsis und Epikur und die 
Stoa; 2. die karneadeische Skepsis und die Korapromißphilosophie (Eklektizismus); 

3. die änesidemische Skepsis und die Offenbarungsphilosophie (der Neuplatonismus) 
und der Positivismus (die Schule der empirischen Ärzte). 

Nach dem Schauplatze der jeweiligen Entwicklimg und dem die Philosophie 
nährenden Kulturboden unterscheidet v. Arnim in seiner Darstellung der euro- 
päischen Philosophie des Altertums (Kultur d. Gegenwart, Teil I, Abt. V S. 115 ff.,^ 
Berl. u. Leipz. 1909) S. 117 eine vorattische (6. — 5. Jahrh. v. Chr.), attische 
(5.-4. Jahrh. v. Chr.) und hellenistische (4.-2. Jahrh. v. Chr.) Periode und läßt 
sich der letzteren das Nachleben der Philosophie in der römischen Epoche an- 
schließen. Zur ersten Periode zieht er die Vorsokratiker ausschließlich der 
Sophisten, zur zweiten Sophistik und Sokratik, Piaton, Aristoteles, die peripa te- 
tische und altakademische Schule, zur dritten die pyrronische Skepsis, den Epi- 
kureismus, den Stoizismus und die mittlere Akademie, zur römischen Epoche 
Kameades, Philon von Larisa und Antiochos von Askalon, Ainesidem, den Neu- 



§ 9. Die Perioden der Entwicklung der griec-h.-römischcn Philosophie. 47 

pythagoreismus und pythagoreisierenden Piatonismus, Philon von Alexandreia 
und den Neuplatonismus. 

Eine Vermischung verschiedener Gesichtspunkte, des lokalen und des inner- 
lich sachlichen, liegt der Periodisierung Deussens (Die Philosophie der Griechen, 
Leipzig 1911, S. 6) zugrunde, wenn er scheidet: ,,I. Die Philosophie der Stämme bis 
auf Sokrates; II. die Zentralisation der griechischen Philosophie ni Attika: Sokrates, 
Piaton, Aristoteles; III. die großen, auf das Praktische und die Lebensführung 
gerichteten Systeme der nacharistotelischen Zeit: Stoiker, Epikureer und Skep- 
tiker, Alexandriner [die jüdisch-alexandrinische Philosophie) und Xeuplatoniker". 

Eine Aufführung aller in neueren Darstellungen der antiken Philosophie- 
geschichte zugrunde gelegten Einteilungen ist an diesem Orte nicht möglich. Die 
beschriebenen Averden genügen, um die verbreitetsten Prinzipien der Periodi- 
sierung erkennen zu lassen. Es gilt in kurzem dazu Stellung zu nehmen (ich 
berücksichtige dabei nur Zeller und die Späteren) und damit zu begründen, wes- 
halb ich diese Einteilungen oben durch eine teils anders orientierte, 
teils im einzelnen verschiedene glaubte ersetzen zu sollen. Vorwegnehme 
ich dabei das von allen übrigen stark abweichende Schema Dörings. Ich sehe dabei 
ab von den formalen Bedenken gegen eine Einteilung, deren Perioden nicht nur in 
ihren Enden und Anfängen zeitlich übereinandergreifen — bei einer nach sachlichen 
Kriterien angelegten Periodisierung wird sich das nur selten vöUig vermeiden 
lassen — , sondern einander im größten Teile ihres Verlaufes decken. Schwerer 
wiegt ein sachlicher Fehler. Wie oben (§ 1) ausgeführt wurde, kannte das 
Altertum keine grundsätzliche Scheidung von Philosophie und Fachwissenschaften. 
Der Historiker der alten Philosophie muß deshalb, wenn er nicht, was in innigstem 
Zusammenhange erwuchs, gewaltsam auseinanderreißen will, seinen Standpunkt 
möglichst hoch wählen. Er muß Naturwissenschaft und Mathematik, Astronomie, 
Medizin und die sonstigen Einzelwissenschaften insgesamt in ihrer Verbindung 
mit dem eigentlich Philosophischen fort und fort im Auge behalten und damit 
das Gebiet der Philosophiegeschichte über die üblichen Grenzen hinaus erweitern. 
Döring geht gerade den entgegengesetzten Weg. Er verengt das Gebiet und be- 
trachtet mit willkürlicher Beschränkung den gesamten Verlauf unter dem Ge- 
sichtspunkte der Glückseligkeits- und Güterlehre, den höchstens einige Schulen 
innerhalb der nacharistotelischen Philosophie als allein maßgebend anerkannt 
haben würden. Welch verzerrtes Bild auf diesem Wege entstehen mußte, zeigt 
sich am besten darin, daß Piaton nach Döring einer Periode des Überganges von 
der allgemeinwissenschaftlichen Vorbereitung zur eigentlichen Philosophie an- 
gehört. 

Die übrigen oben beschriebenen Einteilungen, mit Ausnahme derjenigen von 
Arnims, zeigen mehr oder minder deutlich das Bestreben, innerhalb der Haupt- 
perioden gewisse entscheidende Hauptrichtungen zu erkennen, die einander ent- 
gegengesetzte begriffliche Kategorien (Objekt — Subjekt, Welt — Mensch — 
Gott, Theorie — Praxis, Ontologismus — Eudämonologismus) in sich verkörpern, 
imd die Perioden dementsprechend durch kurze Stichworte zu charakterisieren. 
Dabei pflegt man die Eigentümlichkeit der nacharistotelischen Philosophie in der 
praktischen Tendenz auf Beglückung des Subjektes zu erkennen — im Gegen- 
satz zu der theoretischen Hinwendung auf das Objekt in der vorhergehenden 
Zeit — und so das Vorwiegen des praktisch-ethischen, bzw. religiös- 
ethischen Interesses als das wesentliche Kennzeichen dieser Periode zu be- 
trachten. Nun steht außer Zweifel, daß in gewissen Richtungen der nacharisto- 
tehschen Philosophie, vor allem dem Stoizismus und Epikureismus, der praktische 



4b! § 9. Die i'erioden der Entwicklung der griech.-römischen Philosophie. 

■Gesichtspunkt in letzter Linie der bestimmende ist — obwohl man sich beim 
Stoizismus vor einer allzu einseitigen Hervorkehrung der praktischen Seite hüten 
muß (das Richtige liegt wohl zwischen Zellers und Schmekels fPhilos. d. mittl- 
Stoa S. 473] Auffassung in der Mitte). Ebenso unzweifelhaft ist die Bedeutung 
des Religiösen für die ganze Spätzeit der griechischen Philosophie (s. auch oben 
^. 42). Gleichwohl eignen sich diese Züge nicht, um darauf eine allgemeine 
■Charakteristik der nacharistotelischen Periode zu begründen. Unzutreffend wäre 
■diese zunächst für den Skeptizismus. Obwohl Pyrron seiner Skepsis in der 
Ataraxie eine praktische Spitze gegeben hat, liegt doch der Antrieb zu seiner 
Spekulation, wie schon seine persönliche Entwicklung zeigt, und ihr Vollgewicht 
im erkenntnistheoretischen Problem, nicht in der Ethijj:. Gleiches gilt, trotz der 
Berücksichtigung des Praktischen in der Wahrscheinlichkeitslehre, von der 
skeptischen Akademie. Unzutreffend wäre die Charakteristik auch für den 
■das antike Denken Jahrhunderte hindurch beherrschenden Neuplatonismus. 
Gewiß tritt bei manchen Neuplatonikern, wie Porphyrios und Plutarch, das 
Ethische stark in den Vordergrund. Gewiß stellen Julian und ihm nahe- 
stehende Xeuplatoniker die Philosophie in den Dienst der polytheistischen 
Religion und geben ihr so ein praktisches Ziel. Aber das ist nicht die 
Richtung des Neuplatonismus im allgemeinen. Sein Schwerpunkt liegt wie der- 
jenige des platonischen Systems in der Metaphysik. Sein Interesse gilt in erster 
Linie der Lösung ontologischer Problen?e, ist also theoretisch. Der Neuplatonismus 
•will Piatonismus sein, er will die platonische Lehre erklären und weitergeben. 
Dabei stellen sich freilich die Ergebnisse der gesamten zwischenliegenden philo- 
sophischen Entwicklung ein, die er, der seit Antiochos in der Akademie herr- 
schenden eklektischen Richtung getreu, in den Piatonismus hineinarbeitet, in der 
Meinung, ihn so im Sinne seines Urhebers auszudeuten. Auch der inzwischen 
•erstarkte religiöse Mystizismus erhält seinen hervorragenden Anteil. Griechische 
und außergriechische religiöse Tradition wird in die Philosophie einbezogen. 
Offenbarungen bilden die Quellen der Erkenntnis. Mit dieser Betonung religiöser 
Anschauungen und Überlieferungen im Zusammenhange der philosophischen Theorie 
tritt nun allerdings auch ein starkes Moment subjektiven religiösen Empfindens und 
Strebens in die philosophische Betätigung ein, das in Askese und Katharsis auch 
•ethisch bedeutsam wird. Männer wie Plotin, lamblich und Proklos sind fromme 
Gottesverehrer, Pfleger des Kultus und Verkörperungen heiliger Reinheit. Die 
Ekstase, ihrem AVesen nach ein unmittelbares Schauen und Erfassen des Ersten 
«nd somit eine jenseits des bewußten Denkens gelegene Vollendung theoretischen 
Verhaltens, befriedigt auch ein religiöses Sehnen. Aber an der prinzipiellen Auf- 
fassung der Aufgabe der Philosophie wird dadurch nichts geändert. Ausgangs- 
punkt und Ziel sind hier die alten platonisch-aristotelischen. Die Dialektik ist 
bei Plotin (1, 3, 4 ff.) ganz im Sinne Piatons der xar^ F^oyrjv wertvolle Teil der 
Philosophie und steht über der Ethik, wie die durch sie vermittelte theoretische 
coi^ia über der praktischen (fgortjoig. Ganz im Sinne des Aristoteles gilt das 
theoretische Leben höher als das praktische (1, 1, 12). Die theoretische Schau 
■des Urgrundes der Dinge ist das letzte Ziel des Lebens. Nirgends wird gesagt, daß 
sie lediglich die Unterlage und Voraussetzung einer nur dem Gefühlsleben angehö- 
rigen religiösen Beglückung sei. Und das sind nicht etwa alte Formulierungen, 
zu denen der wahre Gehalt der neuen Philosophie nicht mehr paßte. Wir sind 
in der glücklichen Lage, an der Hand einer ziemlich reichen, von Plotin bis zu 
Stephanos von Alexandreia sich erstreckenden Literatur die Kontrolle zu üben. 
Nimmt man eine beschränkte Zahl individuellen Interessen und Zwecken ent- 
sprungener Schriften aus, wie beispielsweise Porphyrios' Schreiben an MarceUa, 



§ 9. Die Perioden der Entwicklung der griech.-römischen Philosophie. 49 

«inige Reden des Julian und Synesios, die Kommentaro des Hierokles zum 
Ooldenen Gedichte und des Simplikios zu Epiktets Encheiridion, ßoethius' Trost- 
schrift, so tritt uns hier keineswegs der Geist einer wesentlich auf ethische Leitung 
oder religiöse Befriedigung des Subjekts abzielenden Spekulation entgegen. In 
so umfangreichen und für das Wesen der Schule charakteristischen Werken wie 
Plotins Enneaden und Damaskios' Aporien sind es in erster Linie die höchsten 
Hypostasen und ihre theoretische Erfassung und Systematisierung, sowie der 
ganze Komplex ontologischer, kosmologischer, psychologischer und erkenntnis- 
theoretischer Grundfragen, die die Verfasser beschäftigen. Man durchmustere 
insbesondere die durch die Sammlung der Berliner Akademie zugänglich ge- 
wordenen neuplatonischen Kommentare zu aristotelischen Schriften sowie die z. T. 
gleichfalls durch neue Ausgaben uns näher gebrachten Kommentare zu plato- 
nischen Dialogen, wie beispielshalber des Proklos voluminöses Werk über den 
platonischen Tiniaios. Überall gilt es dem Philosophen, die Anschauungen der 
beiden großen Schulstifter über die in Frage kommenden Probleme ins Licht zu 
•setzen, zu verteidigen oder zu berichtigen, kaum je in größerem Zusammenhange, 
für die praktische Lebensführung Wegeleitung zu bieten oder für religiöses 
Sehnen Genüge zu finden. Und dabei sind diese Kommentare nicht etwa Parerga, 
sondern führen in den Mittelpunkt der philosophischen Arbeit der Schule (siehe 
oben S. 41). 

Nicht das gleiche Bedenken ist es, daß der Ueberweg-Heinzeschen Periodisie- 
rung entgegensteht. Da sich die Metaphysik der Neuplatoniker in erster Linie 
mit den göttlich gedachten höchsten Hypostasen beschäftigt, so ginge es wohl an, 
ihre Spekulation als wesentlich theologisch zu bezeichnen. Aber unmöglich ist 
Anthropologie als Stichwort für die mittlere Periode. Der Gedanke, Piatons und 
Aristoteles" vor allem auf Metaphysik gerichtete und durch ihre Metaphysik be- 
deutsame Philosophie einer vorwiegend anthropologischen Periode zuzuweisen, 
•wäre schwerlich erwacht, hätte nicht auch hier wieder das Suchen nach einem 
begrifflichen Schematismus dazu geführt, zwischen eine kosmologische und eine 
theologische Periode eine anthropologische einzuschieben. Nur gestreift sei der 
fernere Übelstand, daß bei dieser Abgrenzung, die mit Piaton und Aristoteles die 
Stoa und den Epikureismus in eine und dieselbe Periode zusammenrückt, tief- 
gehende Richtungsunterschiede nicht zu ihrem Rechte kommen. 

Die oben vorgeschlagene und im Folgenden durchgeführte Einteilung 
nimmt davon Abstand, in der beschriebenen Weise im Verlaufe der grie- 
•chischen Spekulation begriffliche Kategorien sich darstellen zu lassen. Sie 
sucht ohne Tendenz auf irgendwelchen logischen Schematismus die Haupt- 
richtungen und Wendepunkte im äußeren und inneren Lebenslaufe der 
griechischen Philosophie festzustellen und danach die Marksteine zwischen den 
Perioden zu setzen. Dabei betont sie insbesondere den auch die innere Ent- 
wicklung wesentlich berührenden äußeren Schauplatz der philosophischen Tätig- 
keit. Sie trifft in diesen Punkten mit v. Arnims Darstellung zusammen, von 
der sie sich aber im einzelnen dadurch unterscheidet, daß sie die Philosophie der 
römischen Epoche von der hellenistischen Philosophie nicht abtrennt. Es ist zwar 
richtig und seit Zellers Ausführungen anerkannt, daß der Eintritt der Philosophie 
in den Gesichtskreis der Römer auf ihren Inhalt und ihre Darstellung nicht ohne 
Rückwirkung geblieben ist, die besonders in der mittleren Stoa und der eklek- 
tischen Akademie zutage tritt. Aber diese Wirkung ist doch nicht derart, daß sie 
■die ganze Folgezeit bis zum Ausgange des Altertums beherrschte und Erschei- 
nungen wie die jüdisch-griechische Philosophie und der Neuplatonismus als 
spezifische Erzeugnisse römischen Wesens angesehen werden könnten. Was diese 

Ueberweg, Grundriß I. 4 



50 § 10- Di^ vier Hauptabschnitte der ersten Periode. 

Erscheinungen mit Rom verbindet, ist nur das äußerliche ^Moment, daß sie- 
in die Zeit fallen, in der Rom die Weltherrschaft übte, wie denn auch v. Arnim 
mit Änderung der Formulierung, zugleich aber auch mit Verschiebung des- 
Kriteriums, der ..hellenistischen Philosophie" die „Philosophie der römischen 
Epoche" gegenüberstellt. Dazu kommt, daß v. Arnims Scheidung der helle- 
nistischen lind der römischen Periode die unlösbare Kontinuität der akademischen- 
Skepsis zerschneidet: die Fuge fällt — und sie kann kaum anders gelegt werden — 
z wischen Arkesilaos und Karneades. Wird hier Zusammengehöriges auseinander- 
gerissen, so bleibt auf der andern Seite die wichtige Rückwendung der Akademie 
zum Dogmatismus und die auch in anderen Schulen im ersten Jahrhundert vor 
Chr. einsetzende retrospektive Entwicklung für die Periodisierung außer Be- 
tracht. Ich ziehe es deshalb vor, die hellenistisch-römische Periode unzertrennt 
zu lassen, innerhalb ihrer aber, wie es oben geschehen ist, nach Gesichtspunkten 
der inneren Entwicklung drei Unterabteilungen zu sondern. Daß sich die hier 
gegebene Periodisierung in den meisten der von ihr angenommenen Wendepunkte 
mit der von Tannery. Pour l'histoire de la science hellene, p. 1 ff., unter dem 
Beifall von Gomperz, Griech. Denker I *, S. 420 f. für die griechische Wissenschaft 
überhaupt empfohlenen teils deckt, teils nahe berührt, sei erwähnt. 



Erste Periode der arrieehischen Philosophie. 

Die vorattische Philosophie. 

fSiehe die allgemeine Charakteristik oben Seite 37. 39.) 

§ 10. Der ersten Periode der griechischen Philosophie 
gehören an: 1. die älteren ionischen Naturphilosophen (die 
Schule von Milet. Heraklit). 2. die Pythagoreer, 3. die Eleaten, 
4. die jüngeren Naturphilosophen (Empedokles, Anaxagoras^ 
die Atomiker). Die ionischen Physiologen forschen nach 
dem stofflichen Urgründe der Dinge und der Weise ihrer Ent- 
stehung und ihres Untergangs. Dabei unterscheiden sie nicht 
den Stoff von einem ihn belebenden oder ordnenden Prinzip^ 
sondern lassen den Stoff infolge einer immanenten ewigen Be- 
wegung zu den Dingen sich gestalten, sei es, daß sie, wie nach 
Aristoteles anzunehmen wäre, eine solche Bewegung ausdrücklich 
behaupteten, sei es, daß sie sie nur stillschweigend voraussetzten. 
Die Neueren nennen eine solche Lehre Hylozoismus. Die Pytha- 
goreer richten ihre Spekulation auf ein formales, aber von ihnen 
doch zugleich auch als substantiell vorgesteUtes Prinzip; sie 
finden dieses Prinzip in der Zalil und Gestalt. Die Philosophie 
der Eleaten behauptet ein einheitliches unwandelbares Sein und 
bestreitet Vielheit, Werden und Vergehen. 

Die jüngeren Naturphilosophen werden durch den 
Gegensatz der eleatischen Spekulation gegen die ältere Natur- 



§ 10. Die erste Periode der griechischen Philosophie. 51 

Philosophie zu Vermittlungsversuchen veranlaßt; sie nehmen mit 
den Eleaten die Unveränderlichkeit des Seienden, mit den vor- 
eleatisehen Philosophen aber eine Vielheit des Seienden an und 
erklären die anseheinenden Veränderungen für Verbindungen und 
Trennungen unwandelbarer Urstoffe. Bei den letzten Vertretern 
der Naturphilosophie bahnt sich bereits der Übergang in die 
folgende Periode an, insbesondere in der Lehre des Anaxagoras 
von der selbständigen Existenz und der weltordnenden Macht 
des Novg, den er als erster Vertreter eines entschiedenen Dualismus 
dem Stoffe gegenüberstellt. 

Antike Angaben über Leben, Lehre iind Schritten der Philo- 
sophen; Fragmente: Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und deutsch 
von Hermann Diels. Berlin 1903. Dritte Aufl. Berl. 1912. Bd. I und II S. 1— 
160 (hier Leukipp, Demokrit und ihre Anhänger) enthalten die Vorsokratiker. 
Voran geht jeweilen das antike bio-, biblio- und doxographische iMaterial in Aus- 
wahl des Wesentlichen (,,A"). Es folgen die Fragmente mit kritischem Apparat 
und deutscher Übersetzung in möglichster Scheidung des Echten, Zweifelhaften 
und L'nechten (,,B''). Den Schluß bilden Imitation (,.C") und sonstige je nach 
Lage der Dinge gebotene Abschnitte. Auf die Vorsokratiker folgen als Anhänge: 

1. Kosmologische Dichtung des sechsten Jahrhunderts (II S. 163 — 194). IL Astro- 
logische Dichtung des sechsten Jahrhunderts (II S. 194 — 198). III. Kosmologische 
und gnomische Prosa (II S. 198-217). IV. Ältere Sophistik (II S. 218—345). 
Die Anordnung (,.A'' ,,ß" ,,0") ist in den Anhängen die gleiche wie bei den Vor- 
sokratikern. Die in der 3. Aufl. noch nicht erschienenen Register sind nach der 

2. zu benutzen (Seitenzahlen der 2. Aufl. in der 3. am Eande): Stellen- und 
Namenregister II, 1. Hälfte (Berlin 1907) S. 735-864; Wortindex verf. von 
Walther Kranz II, 2. Hälfte (Berlin 1910). Grundlegendes Werk für das gesamte 
Gebiet. Das riesenhafte Material ist hier auf Grund einer staunenswerten Be- 
herrschung der ganzen in Betracht kommenden antiken Literatur gesammelt und 
gesichtet. Für die Texte der in gebundener Rede schreibenden Philosophen bietet 
durch Beigabe des kritischen Apparates eine Ergänzung der ..Vorsokratiker" das 
Werk: Poetarijm philosophorum fragmenta edid, Herm. Diels. Berolini 1901, s. o. 
S. 16 ff. Eine Übersetzung d. Vorsokratiker in Auswahl mit Einleitung bietet Wilh. 
Nestle, Jena 1908. 

Diels' Vorsokratiker werden im Folgenden so zitiert werden: Vors. c. 1 = 
Diels Vorsokr. Kap. 1 (Thaies). Vors. 12 A 1, 1 = Vorsokr. Kap. 12 (Hera- 
kleitos) A (Leben u. Lehre) No. 1 (Diogenesstelle) § 1. Vors. 12 B 1 = Vorsokr. 
Kap. 12 (Herakleitos) B (Fragmente) Nr. 1. Entsprechend ist Vors. 12 1 usw. 
zu verstehen. 

Im Unterschiede von ihrer mythischen Vorstufe ist die eigentliche griechische 
Philosophie in ihren Anfängen dadurch gekennzeichnet, daß in ihr das Welt- 
geschehen nicht mehr auf die Willkür sagenhafter Persönlichkeiten, sondern auf 
das gesetzmäßige Wirken unpersönlicher Faktoren zurückgeführt wird und die 
Hauptfrage nicht mehr ist: Was geschah einmal? W^as war? sondern: Was ge- 
schieht fort und fort und wie ist das jetzt Seiende zu erklären ? Das war zunächst 
ein kosmologisches Problem. Aber mit der Natur der kosmologischen Prinzipien 
bei den Pythagoreern und Eleaten hängt zusammen, daß bereits die Ethik bei 
jenen und die Dialektik bei diesen keimartig erwuchs. Aber darum ist doch nicht 
(mit Schleiermacher) in die Ethik und Dialektik der Grundcharakter dieser Philo- 
sophien zu setzen; sie sind vielmehr, gleichwie die ionische Spekulation, wesentlich 
Kosmologie, und es folgt nur aus der Art, wie sie das kosmologische Problem 
zu lösen suchen, die ethische und dialektische Tendenz. Die Pythagoreer haben 
nicht die Ethik, sondern nur die mathematisch-philosophische Naturbetrachtung 

4* 



52 § 10. Die erste Periode der griechischen Philosophie. 

auf eine wissenschaftliche Form gebracht, und die Eleaten haben keine 
Theorie der Dialektik entworfen. 

Die verschiedenen Richtungen in der ersten Periode der griechischen l'hilo- 
sophie setzt Boeckh (in seiner Schrift: Philolaos des Pythagoreers Lehren, S.40ff.) 
zu den Stamraescharakteren so in Beziehung, daß er annimmt, der lonier 
Sinnlichkeit, ihr Befangensein in dem Äußern, ihre Empfänglichkeit für die Ein- 
drücke desselben und ihre lebendige Beweglichkeit darin stelle sich uns in der 
materialistischen Ansicht von den Gründen der Dinge und dem mannigfaltigen 
Leben und Treiben der Stoffe dar, die innere Tiefe der Dorer dagegen, aus welcher 
die kräftige Tat hervorbreche, und ihr ruhiges Beharren in festen, fast unzerbrech- 
lichen Formen erscheine in den ethischen Bestrebungen, obgleich diese nicht bis 
zu einer ausgebildeten Theorie durchgedrungen seien, vorzüglich aber darin, daß 
die dorischen Denker das Wesen der Dinge nicht in einem eigentlich materialen, 
sondern formalen, Einheit und Ordnung gebenden Grunde suchten, wie denn 
Pythagoras zuerst die Welt Kosmos genannt haben solle, und angemessen der 
Eigentümlichkeit der Dorer und selbst ihrem bürgerlichen Leben habe sich die 
äußere Erscheinung der dorischen Philosophie in einem streng geregelten Bunde 
oder Orden gestaltet. Dagegen ist aber einzuwenden, daß Pythagoras selbst 
ionischen, nicht dorischen Stammes war, daß der pythagoreische Bund seine Tätigkeit 
■wesentlich unter achäischer Bevölkerung ausübte, und daß sein politisches Wirken 
mit dem spezifisch dorischen Aristokratismus wenig gemein hat. Auch das Wesen 
des pythagoreischen Bundes ist nicht aus dorischer Eigenart zu erklären, sondern 
hat seinen nächsten Anknüpfungspunkt in den gerade in Attika, also auf ionischem 
Boden, besonders gepflegten orphischen Verbindungen (vgl. auch Burnet, Early 
Greek philosophy^ S. 97 |S. 77 der Übersetzung]). Auch der Annahme Boeckhs 
von einer stufenförmigen Entwicklung der griechischen Philosophie bis auf Piaton 
stehen Bedenken entgegen. Die Philosophie, sagt Boeckh, ging von dem sinn- 
lichsten Anfang bei den loniern durch die pythagoreische Mittelstufe (der mathe- 
matischen Anschauung) bis zu der unsinnlichen Ansicht des Piaton über, welcher 
an den Eleaten geistreiche, aber zu einseitige Vorarbeiter hatte und sowohl diese 
einseitige Betrachtungsweise als die übrigen vor ihm durch die gehörige Einschrän- 
kung und Begrenzung der einen durch die andere mittels der sokratischen Kj:itik 
zu der vollkommensten Ansicht erhob, deren der hellenische Geist fähig war. 
Diese Konstruktion eines kontinuierlichen Aufsteigens zu einer immer abstrakteren 
reiner geistigen Anschauungsweise innerhalb der vorplatonischen Philosophie wird 
aber der Bedeutung nicht gerecht, die dem Materiellen selbst bei Parmenides, vor 
allem aber bei Empedokles, Anaxagoras und den Atomikern zukommt. Ein geist- 
reiches Spiel ist es auch nur, wenn Boeckh die historische Stufenfolge der Lehren 
von den Prinzipien der Dinge mit der von Piaton (s. unten § 41) angenommenen 
dialektischen Stufenfolge folgendermaßen in Parallele setzt: die der eigentlichen 
Philosophie vorangehenden poetisch-mythischen Symbole entsprechen der 8l>caota, die 
lonier erforschen das Sinnliche, die aladtjrä, die Pythagoreer das Mathematische, 
die diarotjTÜ, die Eleaten bereits rein Geistiges, Intelligibles, vorjxöv. Tatsächlich 
sind weder die Gestalten und Vorgänge, von denen der Mythus berichtet, im all- 
gemeinen Abbilder und Symbole der Dinge, noch handelt es sich im Eleatismus 
um rein Geistiges. — Die Bedingtheit der Lehren der späteren Naturphilosophen 
durch den Eleatismus hat namentlich Zell er nachgewiesen (der jedoch auch 
Heraklit von den älteren loniern absondert und nach den Eleaten behandelt). 

Über die Pflege der Philosophie in Schulverbänden vgl. H. Diels, Über die 
Philosophenschulen der Griechen (s. Liter.). 



§ 11. Die ältere ionische Naturphilosophie. 53 

i? 11. Die ältere ionische Naturphilosophie. Ihr ge- 
hören an die milesische Schule (Thaies, Anaximander und Anaxi- 
menes) und Heraklit. Ihre Lehre ist sog. Hylozoismus ; d. h. sie 
nimmt einen Uistoff an — Thaies das Wasser, Anaximander das 
arceiQOv, x\naximenes die Luft, Heraklit das Feuer — , aus dem 
alle Dinge entstanden sind (durch Ausscheidung nach Anaxi- 
mander, durch Verdichtung und Verdünnung nach Anaximenes 
und Heraklit), und zwar so, daß mit dem Urstoffe dessen Ent- 
wicklung zu den Dingen (infolge seiner ewigen Bewegung) ohne 
weiteres gegeben ist, ohne daß ein zweites dem Stoffe gegenüber- 
stehendes bewegendes und ordnendes Prinzip anzusetzen wäre. 
Bei der milesischen Schule fällt auf den stofflichen Urgrund, bei 
Heraklit auf den Prozeß des Werdens, des Entstehens und Ver- 
gehens, das Hauptgewicht. Dabei erweitert Heraklit den Kreis 
altionischer Xaturanschauung durch Ansätze metaphysischer und 
ethischer Spekulation. 

Mit der philosophischen Betätigung gehen in der mile- 
sischen Schule naturwissenschaftliche und astronomische Studien 
Hand in Hand, die auch die Richtung des philosophischen Denkens 
beeinflußt haben. 

Der milesischen Schule lassen sich einige Denker späterer 
Zeit (Hippon, Idaios, Diogenes von ApoUonia) anfügen, die in 
den Grundprinzipien mit ihr übereinstimmen , wenn sie auch 
teilweise schon Einflüsse der nachfolgenden Spekulation erkennen 
lassen. 

Zur Rechtfertigung der Mitaufnahme des Heraklit in diese erste Entwick- 
lungsreihe vgl. unten §§15 und 22. 

Der Ausdruck Hylozoismus — ,, Stoff lebenstheorie" — kann leicht zu einem 
Mißverständnis führen, wie er einem solchen wohl auch seine Entstehung ver- 
dankt, der Annahme nämlich, diese Philosophen hätten sich den Stoff nach 
Analogie eines organischen AVesens belebt oder beseelt vorgestellt und überhaupt 
die Kategorien Stoff und Leben bewußt geschieden, beide aber in derselben Sub- 
stanz verwirklicht und vereinigt gedacht. Hylozoismus im Sinne einer solchen 
Vereinigung ist nur denkbar als Rückschlag gegen eine dualistische Weltanschauung 
wie die des Anaxagoras, die dem Stoffe eine belebende und ordnende Macht zur 
Seite setzt, und trat tatsächlich in der Lehre des Diogenes von Apollonia in Er- 
scheinung. Das Charakteristische der altionischen Anschauung ist dagegen, daß 
auch innerhalb der Materie selbst das Moment des Stoffliehen und das Moment 
des Bewegenden und EntAvickelnden nicht geschieden und einander koordiniert, 
sondern die Bewegung als mit dem Stofflichen gegeben betrachtet wird (vgl. auch 
Burnet, Early Gr. phil.« S. 15 f. [S. 12 d. Übersetzung)). 

Den engen Zusammenhang zwischen den eigentlich philosophischen und den 
astronomischen und anderen fachwissenschaftlichen Interessen innerhalb der 
ionischen Schule muß im Auge behalten, wer zu einem wirklichen Verständnis 



54 § 12. Thaies von Milet und Hippoii, 

ihrer Theorien gelangen will. In neuerer Zeit haben Gelehrte wie Diels, Tannery, 
Koscher, BoU, Buruet u. a. durch Eingehen auf die fachwissenschaftlichen Lehren 
unsere Einsicht in das Wesen der ionischen Philosophie ungemein gefördert. 
Versuche, deren Systeme auf abstrakt begrifflichem Wege zu rekonstruieren, sind 
aussichtslos. 

§ 12. Tliales von Milet, aus thebanischem Gesclilecht, 
blühte um 585 vor Chr. Er wird von Aristoteles als der Ur- 
heber der ionischen Naturphilosophie (und demnach mittelbar 
auch der gesamten griechischen Philosophi-e) bezeichnet. Seine 
naturphilosophische Lehre lautet: Aus Wasser ist alles ge- 
worden. Er hat damit die Frage nach dem letzten Grund der 
Dinge auf natürliche Weise zu beantworten versucht, alles My- 
thische beiseite lassend und die vielgestaltige Welt der Erschei- 
nungen auf eine Einheit zurückführend. 

Auch der spätere Philosoph Hippon aus Samos oder aus 
Rhegion, ein Physiker der perikleischen Epoche, der eine Zeitlang 
zu Athen gelebt zu haben scheint, sieht in dem Wasser oder 
dem Feuchten das Prinzip aller Dinge. 

Thaies. Antike Überlieferun g über Leben und Lehre, angebl. 
Fragmente: Diels, Poet, phil, S. 3 ff., Vorsokr. c. 1. Chronologie: Jacoby 
Apollod. Chronik, S. 175 ff. Fr. Eühl, Rhein. Mus. 62 (1907), 426. 

Hippon. Antike Uberlieferung_ über Leben und Lehre, Frag- 
mente: Diels, Vorsokr. c. 26. Diels, Üb. d. Genfer Fragmente des Xeno- 
phanes u. Hippon, Ber. d. Berl. Akad., 1891, S. 575—583; s. auch denselben üb. 
d. Exzerpte von Menons latrika, Hermes, 28 (1893), 406-434. 

Den Anhaltspunkt für die Bestimmung der Lebenszeit des Thaies bietet 
seine vielgerühmte Vorhersage der Sonnenfinsternis, die während der Schlacht 
zwischen Lydern und Medern am Halysflusse eintrat (Herod. 1, 74). Die Zeit- 
ansätze der neueren Gelehrten für diese Sonnenfinsternis bewegen sich in dem 
Spielraum von 626-581 (vgl. Franz BoU, Artikel Finsternisse bei Pauly-Wissowa 
Sp. 2353). Die zu den antiken Angaben am besten stimmende und von den 
Neueren gewöhnlich angenommene Identifizierung mit der Finsternis vom 
28. Mai 585 wird dadurch unterstützt, daß nach einer wohlbegründeten Ver- 
mutung von H. Diels ApoUodor in dieses Jahr (allerdings nicht, wie es dem Datum 
entspräche, in Olymp. 48, 3, sondern 48, 4) die «;<//// des Thaies verlegt zu haben 
scheint (Jacoby, Apollod. Chron. S. 179). Demetrios von Phaleron ließ in seinem 
Archontenverzeichnis Thaies unter dem Archonten Damasias (582/1) den Namen 
oo(f^6? erhalten. Über die hier zugrunde liegende Berechnung s. Jacoby a. a. 0. 
S. 182 f. (vgl. auch ßurnet, Early Greek phil.^ S. 43 [s. 33 der Übers.]). Die 
Geburt des Philosophen setzte ApoUodor nach seinem gewöhnlichen Verfahren 
40 Jahre vor der äy.nij an und gelangte so (unter Mitzählung des den Ausgangs- 
punkt der Berechnung bildenden Akmejahres) zum Jahre 624/3 (Diog. Laert. 1, 37 
mit Diels' Emendation), seinen Tod in Olymp. 58 = 548/5 vor Chr., d. h. in das 
wichtige Epochejahr der Zerstörung von Sardes Ol. 58, 3 = 546/5 vor Chr. (Jacoby 
a. a. S. 178), womit seine Lebensdauer auf 78 Jahre bestimmt ist und so dem 
Volleben von 80 Jahren (gleich der Verdoppelung der Zeit bis zur dxfj,i^, Jacoby 



§ 12. Thaies von Milet und Hippon. 55 

a. a. Ü. 44 f., ßoll, Lebensalter [Neue Jahrb. f. d. klass. Altert, usw. 31 (1913)J 
,S. 102) nahekommt. 

Thaies war nach Diog. L. 1, 22 aus dem Geschlecht der Theliden (iy. löiv 
St]).i8cov), die von Kadmos abstammten und nach Herod. 1, 146 aus Theben nach 
lonien auswanderten. Wenn Thaies von Herodot als Phönizier — also Semite — 
bezeichnet wird, so beruht dies auf der Sage, daß Kadmos aus Phönizien in Theben 
-eingewandert sei. Der Name von Thaies' Vater Examyes ist karisch, der seiner 
Mutter Kleobuline griechisch. Vgl. zu der Frage Diels, Arch. f. Gesch. d. Philos. 2 
-(1889), 165—170, Immisch, ebenda 515 f. Daß die Erwähnung der phönizischen Ab- 
kunft bei Herodot durch gewisse Vervollkommnungen im Schiffahrtswesen veranlaßt 
■worden sei, die Thaies nach allgemeiner Meinung aus Phönizien eingeführt haben 
.sollte (Kallimachos, Vorsokr. 1 A 3a), glaubt Burnet, Early Greek philos."^ S. 40 
{S. 31 der Übers.). Wie als Forscher , so hat sich Thaies auch als Politiker aus- 
gezeichnet; er soll insbesondere den Milesiern geraten haben, sich nicht mit 
Kroisos gegen Kyros zu verbünden (Diog. L. 1, 25, Vorsokr. 1 A 1, 25) imd den 
loniern überhaupt, in Teos als dem Mittelpunkte von lonien eine gemeinsame 
Eatsversammlung zu begründen und ganz lonien zu einer politischen Einheit 
zusammenzufassen (Herod. 1, 170, Vors. I A 4). Dem Kufe seiner praktischen 
Weisheit entspricht seine Aufnahme unter die sieben Weisen (s. o. S. 36). Im 
Gegensatze zu dieser Vorstellung von Thaies' PersönUchkeit entwickelte sich eine 
andere, die in ihm die weitabgewandte gelehrte Forschung verkörpert sah, wie die 
Anekdote bei Piaton, Theaet. 174a (Vors. l.A 9) zeigt. Gegen diese Auffassung 
richtet sich wieder die von Aristoteles, Polit. 1, 11, 1259 a 6 (Vors. 1 A 10) u. a. 
wiedergegebene Erzählung. 

Eine philosophische Schrift scheint Thaies nicht hinterlassen zu haben. 
•Geschah es doch, so war sie jedenfalls bald verschollen. Ein unter seinem Namen 
«ralaufendes astronomisches Handbuch für Seefahrer {vuvzixr] aozoo/.oyla) wurde 
schon im Altertum von manchen, und zwar vermutlich mit größerem Rechte, einem 
Phokos aus Samos zugeschrieben. Anderes, darunter auch zwei Briefe, ist sicher 
gefälscht (Vors. 1 B). 

Aus dem Fehlen schriftlicher Darstellung erklärt sich die frühzeitige Un- 
gewißheit über alles Nähere in Thaies' Lehre. Schon Aristoteles konnte über 
•die Gründe, auf die der Philosoph seine These vom Wasser als dem Grundstoff 
stützte, nur Vermutungen bringen , die dann Spätere als sichere Tatsachen wieder- 
holten. Er berichtet Metaph. 1, 3. 983b 7 ff. (Vors. 1 A 12), von denen, welche zuerst 
philosophierten, hätten die meisten bloß materielle Urgründe (aQyal, Prinzipien) 
angenommen, aus denen sie alles entstehen, und in die sie aUes wieder vergehen 
ließen, und fährt dann (20 ff.) fort: „Thaies, der Urheber dieser Eichtung [Salt]; 
6 lijg zoiumrjg dg/rjydg (pi?.oao(fiag), erklärt das Wasser für das Prinzip. Er 
schöpft diese Meinung vielleicht aus der Beobachtung, daß die Nahrung von allem 
feucht ist, und daß das Warme selbst hieraus wird und hierdurch lebt, — das, 
woraus sie werden, ist aber für alle Dmge ihr Prinzip; — ferner aus der Be- 
obachtung, daß der Same seiner Natur nach feucht ist; das Wasser aber ist für 
das Feuchte das Prinzip seiner Natur." Möglicherweise leiht hier Aristoteles dem 
ersten Begründer der Lehre vom Wasser als der aop] der Dinge Argumente, die 
.später dessen medizinisch interessierter Nachfolger Hippon vorbrachte (vgl. Zeller 
I 1-^ S. 188 Anm. 1, Burnet ^ S. 49 [S. 38 f. d. Übers.]). Suchen wir selbst nach 
möglichen kosmologischen oder meteorologischen Beweggründen für jene Lehre, 
.150 läßt sich auf die in der täglichen Erfahrung gegebene Wandelbarkeit des 
Wassers hinweisen, kraft deren es für die RoUe des allen zugrunde liegenden 
ürstoffes besonders geeignet scheinen mochte. In seiner normalen Gestalt zeigt 



56 § 12. Thaleß von Milet und Hippon. 

es sich in flüssiger, als Eis in fester (erdartiger), als Dampf in luftartiger Form, 
Verdampftes Wasser schwebt über der Erde als Wolke, die als Eegen wieder zur 
Erde herabkommt. Durch Zurückweichen des Meeres besteht jetzt vielfach da 
Erde, wo früher Wasser war. Auch geognostische Beobachtungen (wie etwa von 
Seemuscheln in Gebirgen) ließen sich verwerten, und Schleidens Deutung (in 
seiner Schrift über die Geschöpfe des Meeres) mag in Frage kommen: „Das Meer 
ist die Mutter und die Wiege alles Lebendigen." Andererseits erhebt sich Feuch- 
tigkeit aus der Erde, und Quellen springen aus ihr hervor, Prozesse, die es nahe 
legten, wie vorher Erde aus dem Wasser, so jetzt Wasser aus der Erde entstehen 
zu lassen. Selbst das Feuer entzog sich diesem Zusammenhange nicht. Das- 
,, Wasserziehen" der Sonne ist eine so sinnenfällige Erscheinung, daß schon Thales^ 
auf den nachweislich freilich erst von Späteren geäußerten Gedanken kommei» 
mochte, die Sonne nähre sich vom Wasser (vgl. Burnet^ S. 49 f. [S. 39 d. Übers. |, 
s. auch Zeller I 1^ S. 188). 

Zu Thaies' Prinziplehre stimmt es, wenn er die Erde auf dem Wasser ruhen 
läßt (Aristot. Metaph. 1, 3, 983 b 21 f., de caelo 2, 13, 294 a 28, Vors. 1 A 12- 
[' p. 10, 5 f.]. 14). Weitere die Kosmologie und Meteorologie des Thaies betreffende- 
antike Angaben, auf die im Rahmen dieser Darstellung nicht eingegangen werder» 
kann, s. Vors. 1 A 1, 37; 1 A 13 ff. 

Weitgehende Folgerungen hat man schon im Altertum aus dem von Thale» 
berichteten Ausspruch gezogen, alles sei voll von Göttern (die Stellen Vors. 1 A 22; 
vgl. auch 23). Schon Aristoteles schloß aus dem Satze vermutungsweise, Thaies- 
lasse dem All Seele beigemischt sein (de anima 1, 5, 411a 7 f.: fcal iv tw oho de 
Tiveg avzr/y iieuT/dai ffuaiv, oßer looi? xal ßa/.fjg ojrjdt] mirra .t/?;o?/ üecöv eivai). 
Viel weiter gingen Spätere. Am letzten Ende führte der Ausspruch dazu, die 
Dinge völlig auf den Kopf zu stellen und Thaies zum Dualisten zu machen, wie 
es bei Cicero de nat. deor. 1, 10, 25 geschieht, wenn es heißt: Thaies enim Milesius, 
qui primus de talibus rebus quaesivit, aquam dixit esse initium rerum, deum 
autem eam meutern quae ex aqua cuncta fingeret (den Zusammenhang dieser 
Auffassung mit dem Satze Tidvxa :i).riQr] ßswv zeigt eine Vergleichung mit Aet. 
1, 7, 11, Vors. 1 A 23). Tatsächlich ist der Satz in seiner aphoristischen Iso- 
lierung viel zu unbestimmt, um Schlüsse auf Thaies' Weltansioht zu gestatten. 
Dazu kommt, daß der gleiche Gedanke bei Diog. Laert. 9, 7 (Vors. 12 A 1, 7, zu 
vergleichen mit Act. 1. 7, 11 ; s. auch Aristot. de part. anim. 1, 5, 645 a 17, Vors, 
12 A 9) Heraklit zugeschrieben wird und so an die herrenlosen Apophthegmen 
erinnert, die bald diesem bald jenem berühmten Manne geliehen werden (hierauf 
weist hin Burnet, Early Gr. philos.* S. 51 [S. 40 d. Übers.], der im übrigen für 
wahrscheinlich hält, daß das Diktum Thaies als einem der sieben Weisen zu- 
geschrieben wurde). Ebensowenig ergiebig für Thaies' allgemeine Weltanschauung 
ist die Angabe, er habe den Magneten und den Bernstein wegen ihrer Anziehungskraft 
für beseelt erklärt (Aristot. de anima 1, 2, 405a 19; Diog. Laert. 1, 24. Vors. 1 A22; 1 A 
1, 24). Wenn Diogenes bemerkt, nach Aristoteles und Hippias habe Thaies xat 
TOI? a.y)v-/oi? an Seele Anteil gegeben, so ist das eine mißverständliche Ausdrucks- 
weise oder eine unberechtigte Verallgemeinerung, die auch Neuere begehen, wenn 
sie auf Grund jener Angabe annehmen, Thaies habe seinen Urstoff allgemein für 
beseelt erklärt. Aus der Angabe selbst folgt das Gegenteil. Denn die beiden 
Körper galten dem Philosophen Avegen ihrer eigentümlichen Kraft als seelen- 
begabt — er sah in der Seele y.ivr)zi>i6v n, meint Aristoteles, daher ihre An- 
ziehungskraft als Folge ihrer Beseeltheit — und unterschieden sich eben dadurch 
von anderen, die diese Kraft nicht besitzen (^s. aiTch Burnet a. a. O. S. 51 f, 
TS. 41 d. Übers.]). 



§ 12. Thaies von Milet und Hippon. 57 

Nach dem auf Eudemos, einen Schüler des Aristoteles, zurückgehenden Be- 
richte des Neuplatonikers Proklos hätte Thaies die wissenschaftliche Geometrie 
in Griechenland begründet. In seinem Kommentar zu Eukleides (p. 65, 3 ff. 
Friedl., Vors. 1 A 11) sagt er, die Arithmetik sei unter den Phöniziern, die Geo- 
metrie unter den Ägyptern aufgekommen, ßalfjg 8s jiqcöxov elg Al'yvjirov sÄdöjv 
HExriyaytv tig xrjv 'E/.?.dda xi]v Oewotuv xuixrjv xul jio}.}.a. f.i£v avxog evge, 7io)J).Giv bk 
xag aQ'/ag xoXg i.itx avxöv vcfy^yrjouxo, xoTg /.tkv xado'/.iy.onsQov Emßä'/.'/.ojv, xoTg Sk 
ataOijxiy.MTFoor. Im einzelnen legt ihm Proklos (und zwar, wie er bei 3 und 4 
ausdrücklich sagt, wahrscheinlich aber auch bei 1 und 2, im Anschluß an Eude- 
mos) vier Sätze bei: 1. daß der Kreis durch den Diameter halbiert werde (ebd. 
p. 157, 10 Friedl., Vors. 1 A 20), 2. daß die Winkel an der Basis des gleich- 
scheukeligen Dreiecks einander gleich seien (p. 250, 20 Fr., Vors. a. a. O.), 3. daß 
die Scheitelwinkel einander gleich seien (p. 299, 1 Fr., Vors, a. a. O.), 4. daß Drei- 
ecke kongruent seien, wenn eine Seite und die beiden anliegenden Winkel des 
einen den entsprechenden Stücken des andern gleich seien (p. 352, 14 Fr., Vors. 
a. a. O.), Xach dem Zeugnis der Pamphile bei Diog. Laert, 1, 24 (Vors. 1 A 1, 
24) war Thaies auf Grund seiner in Ägypten betriebenen geometrischen Studien 
der erste, der dem Kreise (Halbkreise?) das rechtwinklige Dreieck aufzeichnete, 
d. h. erkannte, daß ein über dem Durchmesser des Kreises errichtetes Dreieck, 
dessen Spitze in der Peripherie liegt, rechtwinklig ist (., Lehrsatz des Thaies") ;^ 
andere schrieben, wie Diogenes berichtet, dieses Verdienst Pythagoras zu. Es 
spricht nicht für die Zuverlässigkeit der Angaben des Eudemos, daß die Kenntnis 
des Kongruenzsatzes unter 4 von ihm zugestandenermaßen aus der Methode er- 
schlossen ist, nach der Thaies die Entfernung zur See fahrender Schiffe gemessen 
haben sollte (xijv yäg xöJv h i)a/.dxx)/ :t/.occov a:t6oxaoiv f)i ov ro6:Tov (faotv avxoi' 
öeifivvvai, xovxci) (sc. rw OecoQ^/uaxi, gemeint ist der vorher erwähnte Kongruenz- 
satz) .looa/gija&fH (prjoiv dvayxaZov). Solche Messungsmethoden lassen sich aber, 
nachdem sie einmal gefunden sind, rein empirisch und ohne jedes theoretische 
mathematische Wissen handhaben. Das Gleiche gilt von der Messung der Höhe 
der Pyramiden, die Thaies ebenfalls zugeschrieben wird (Diog. Laert. 1, 27, Plin. 
nat. bist, 36, 82, Plut. conv. sept. sap. 2 p. 147 a, Vors. 1 A 1, 27; 1 A 21). Diese 
praktischen Fertigkeiten mag Thaies in der Tat den Ägyptern abgelernt haben, 
und sie trugen ihm den berechtigten Ruf eines tüchtigen Ingenieurs ein, der auch 
in der Erzählung Herodots (1, 75, Vors, 1 A 6) von der Ableitung des Halys- 
flusses zutage tritt. Für die Annahme, daß sich Thaies auch um die wissen- 
schaftliche Mathematik verdient gemacht habe, bieten sie keine genügende Grund- 
lage (vgl, auch Burnet a, a. O, S. 45 [S. 35 der Übers.J). 

Ähnlich verhält es sich mit Thaies' Stellung zur Astronomie. An der Tat- 
sache, daß er die Sonnenfinsternis, die während der Schlacht zwischen den 
Lydern und Medern eintrat (s, o.), voraussagte, ist nicht zu rütteln. Um eine genaue 
Angabe von Tag und Stunde handelte es sich dabei freilich nicht. Nach Herodot 
1, 74 bezeichnete als er Grenze für den Eintritt der Finsternis das Jahr, in welchem 
diese dann tatsächlich ei"folgte (ovgov jigodiiievog iviavxöv xovxov, er xcö Sl) y.al 
iyevsxo rj fX£xaßo/.7j). Immerhin steht die Vorhersage in diesem Umfange fest. 
Aber daß Thaies von der Ursache der Sonnenfinsternisse ein Wissen besessen und 
darauf seine Berechnung aufgebaut habe, ist kaum denkbar. Es bliebe unerklär- 
lich, daß seine Nachfolger die gewonnene Erkenntnis wieder aufgegeben haben 
sollten, um zu den unzulänglichsten Erklärungen der Finsternisse zurückzukehren. 
Ein Rückschritt in astronomischen Vorstellungen erfolgte freilich auch auf dem 
Wege von Anaximander zu Anaximenes. Aber es handelt sich dabei nicht um 
Dinge, die in gleicher Weise durch die Beobachtung zu kontrollieren waren, wie 



^^ § 13. Anaximandros von Milet. 

die einmal gefundene richtige Erklärung der Sonnenfinsternisse. Ohne Zweifel 
verfuhr Thaies auch hier rein empirisch, indem er sich auf die von den Babvloniern 
nach jahrhundertelangen tatsächlichen Beobachtungen aufgestellten Finsternis- 
perioden stützte (Boll bei Pauly-Wissowa, Art. Finsternisse S. 2341 f., Burnet 
a. a. O. S. 40 f. [S. 31 d. Übers.]. Diels, Vorsokrat. Anm. zu 1 A 5 [» S. 7, 23|). 
— Die in der antiken Tradition Thaies zugeschriebenen astronomischen Ent- 
deckungen s. bei Diels, Yorsokr. 1 A 1, 23. 24; 1 A 2. 3. 3 a. 5. 13 e. 

Von Hippon, den nach den Schollen zu Aristoph. Wölk. 96 Kratinos in 
•den Ilarö.-iTui verspottet hat, spricht Aristoteles selten und nicht ehrend. Er 
nennt ihn ffoony.onsno;, berichtet, daß er auch die Seele für Wasser — richtiger 
-wohl für etwas Feuchtes — gehalten habe (de anima 1, 2, 405 b 1), und meint, 
man könne ihn um seiner Einfalt willen (diä zijv Evifleiar avxov zfjs biavoia;) kaum 
den Philosophen zurechnen (Metaph. 1, 3, 984a 3). In einem uns bekannten 
Fragment, Vors. 26 B 1, spricht er die Ansicht aus, auch das Süßwasser stamme 
aus dem Meere, da das Meer tiefer liege als die Brunnen. Hippon scheint stark 
Ton medizinischen Interessen beherrscht gewesen zu sein. Nach den Excerpta 
Menonia 11, 22 ff., Vors. 26 A 11, wo wenigstens höchstwahrscheinlich Hippon 
7.\x lesen ist, hat er gelehrt, Gesundheit und Wahrnehmung richte sich nach der 
Feuchtigkeit in uns. Trete Trockenheit ein, so werde das lebende Wesen un- 
empfindlich und sterbe. Worauf sich der Vorwurf des Atheismus stützt, der ihm 
im Altertum öfters gemacht wird, läßt sich nicht ermitteln. Als äoeßt'ig kenn- 
zeichnete ihn schon Kratinos nach dem Schol. zu Klem. Protr. 2, 24, 2 I p. 304, 
28 f. St., Vors. 26 A 2, vgl. 4. 8 und 9. 

Die weiteren anthropologisch-medizinischen Sätze des Hippon s. bei Diels, 
Vorsokr. 26 A 12 ff. 

§ 13. Anaximandros von Milet, geboren um Olymp. 42, 3 
<= 610/9 V. Chr.), verfaßte unter den Griechen zuerst eine philo- 
sophische Schrift über die Natur. Er lehrt: ,, Woraus die Dinge 
■entstehen, in eben dasselbe müssen sie auch vergehen nach der 
Notwendigkeit: denn sie müssen Buße und Strafe einander geben 
um der Ungerechtigkeit willen nach der Ordnung der Zeit.'' Ana- 
ximander nennt zuerst ausdrücklich das materielle Urwesen Prinzip 
iaoyjj). Er setzt als solches einen der Qualität nach unbestimmten 
und der Masse nach unendlichen Stoff, das aneiQov, welcher 
^,unsterblich und unvergänglich" ist, und aus dem durch die 
•ewige Bewegung die Gegensätze sich aussondern und so die 
Dinge entstehen. Unendlich muß der Stoff sein, damit das 
Werden nicht aufhöre. Die Entstehung dieser Welt vollzieht sich 
in der Weise, daß sich aus dem Urstoffe zunächst ein Teil aus- 
sondert, der aus sich den Gegensatz des Warmen und Kalten 
erzeugt. Das Warme umgibt als feurige Kugel das Kalte, d. h. 
die Erde mit der um sie gelagerten Luft, wie die Rinde den 
Baum. Durch Zersprengung dieser Feuerkugel und Einschließung 
des Feuers in Radkreise, die auf der inneren Seite Öffnungen 
zeigen, entstehen Sonne, Mond und Sterne. Die Erde war ur- 



§ 13. Anaximandros von Milet. 59 

spi'üiiglieh rings von Feuchtigkeit umgeben. Der bei dem Aus- 
trocknungsprozeß verbliebene Rest ist das Meer. Aus dem Feuch- 
ten sind unter dem Einfluß der Wärme in stufenweiser Entwick- 
lung die lebenden Wesen hervorgegangen. Auch die Landtiere 
waren anfangs fischartig und haben erst mit der Abtrocknung 
der Erdoberfläche ihre jetzige Gestalt gewonnen. Die Seele soll 
Anaximander als luftartig bezeichnet haben. 

Antike Zeugnisse über Leben und Lehre: Diels, Vorsokr. c. 2. 
Chronologie: Jacoby, Apollod. Chron. S. 189 ff. Porträts: Relieffragment des 
Thermenmuseums, nach Heibig Führer"^ II No. 1097 von einem hellenistischen 
Künstler frei erfunden. — Unterer Teil einer Gewandstatue in Milet, ['Ar'] a^i/iärSoo, 
zweifelhaft, ob den Philosophen darstellend. Vgl. Milet, Ergebnisse d. Ausgrab, 
herausg. v. Theod. Wiegand II, Berlin 1908, S. 112. 

Die Bestimmung der Geburtszeit des Anaximander beruht auf der 
Angabe des ApoUodoros (bei Diog. L. 2, 2, Vors. 2, 1, 2), daß er im zweiten 
Jahr der 58. Ol. (547/546 v. Chr.) ein Alter von 64 Jahren gehabt habe, woraus 
sich unter Berücksichtigung der Rechnuugsmethode des ApoUodor Ol. 42, 3 = 610/9 
vor Chr. als Geburtsjahr ergibt. Dieser Ansatz scheint zuverlässig. Er ist wohl 
mit Diels so zu erklären, daß Apollodor, dem nach Diog. Laert. a. a. O. Anaxi- 
manders Schrift noch vorlag, in dieser autobiographische Angaben fand, aus denen 
sich 64 Jahre als Alter des Verfassers ergaben, das Datum der Schrift selbst aber 
durch Erwähnung astronomischer Tatsachen bestimmbar war (anders Jacoby 
S. 190; vgl. auch Burnet, Early Greek philos.S S. 53 [S. 42 der Übers.]). Ge- 
storben ist Anaximander nach Apollodor bald nach 547/6, der Chronograph ver- 
legte seinen Tod also wohl ins Epochejahr der Zerstörung von Sardes, 546/5. 

Anaximander war Schüler und Nachfolger des Thaies. Wie diesem so 
wurden auch ihm praktisch nützliche Kenntnisse und Erfindungen zugeschrieben. 
Nach Cic. de divin. 1, 50, 112 (Vors. 2, 5 a) suchte er die Lakedaimonier durch 
Vorhersagung eines Erdbebens vor großem Schaden zu bewahren. Ergebnisse 
seiner astronomischen und geographischen Studien waren eine von ihm ent- 
worfene Himmelskugel und eine die bcAvohnte Erde darstellende Tafel, 
■die dann sein vielgereister Landsmann Hekataios genauer ausarbeitete und zur 
Berühmtheit brachte (Diog. Laert. 2, 2; Eratosthenes bei Agathem. 1, 1 imd Strab. 
1 p. 7, Vors. 2, 1. 2; 2, 6). In einer möglicherweise auf einem Versehen be- 
ruhenden (s. Diels z. d. St.) Angabe bei Diog. Laert. 2, 1 wird ihm auch die Er- 
findung der Sonnenuhr zugeschrieben, die nach Herodot 2, 109 von den Baby- 
loniern zu den Griechen kam, nach Plin. 2, 186 (A^ors. 3 A 14) ein Werk des 
Anaximenes ist. 

Seine Ansichten legte Anaximander in übersichtlicher Form in einer Schrift 
nieder, die. wie eben erwähnt, von Apollodor noch gelesen wurde, Simplikios aber nicht 
mehr vorgelegen zu haben scheint. Sie galt als älteste philosophische Schrift der 
Oriechen. In der Angabe des Themistios or. 86 p. 317 (Vors. 2, 7) sßäoo)jos 
jioojTog MV i'o/.iEv 'E/J.tp'Mr ?.6yov e'Seveyaelr tteoI (pvoecog avyyeygafA/nivov braucht tieqi 
<pvascog nicht als Titel verstanden zu werden. Wahrscheinlich aber wurde seinem 
Werke wie anderen Werken der ältesten Philosophen von Späteren dieser Titel 
gegeben. Die von Suidas (Vors. 2, 2) angeführten Aufschriften verschiedener 
Werke beruhen auf willkürlicher Konstnxktion. Von der an Heraklit erinnernden 
Gedankentiefe der Schrift gibt das gleich zu erwähnende Fragment eine Vor- 



6Q § 13. Anaximandros von Milet. 

Stellung. Es hat sich nämlich aus ihr der (wohl von dem Berichterstatter in die 
indirekte Kede umgesetzte) Satz erhalten (bei Simpiic. in Arist. Phys. 24, 18, 
Vors. 2, 9): i^ ibv de »/ ysvsai's eoxi xoTg ovoi, xal ttjv (pdogäv elg Tuvra yiveoüac 
xarä t6 ygecöv öiSöt-ai yäo uvrä 8iy.y]v y.al rioiv d/./.rj/.oig (fehlt in der Aldina, auch 
Ziegler will es streichen ; zur Erklärung vgl. Diels, Voi^sokr. z. d. St.) rfjg 
dSiy.iag y.ard tiji- tov yoövov rü^iv. Die bestimmte individuelle Existenz aU 
solche erscheint als eine äöiy.i'a, die nach strengem Gesetz durch den Untergang 
gebüßt werden muß, und zwar zahlt ,,das Untergehende dem Überlebenden und 
dieses wieder untergehend dem künftig Entstehenden" (Diels) Buße. In der Stelle 
Arist. Phys. 3, 4, 203b 6 (Vors. 2, 15), wo von dem ä:isigor gesagt wird: y.al 
jiSQisyeiv (LTcavia y.al :iävza y.vßeQväv, tög (paaiv oooi f.irj Tioiovai rragä t6 äjisigov 
ä/.Äag ahiag oiov vovv rj (fiXiav. y.al rovr eirai ro deiov dßävaTor yäg y.al 
dvcü/.sd oov , öog (ptjaiv 6 ^Ara^ifiarSgog y.al ol jr/.sTazoi rtov q voio/.öywr sind die 
Worte uddvaxov nal d r <w /.£ ö o o r mit Sicherheit dem Anaximander zuzuschreiben, 
bei ntoif/fiv äziavxa y.al .-rdvxa y.i'ßsoräv, die man in der Regel auch für anaxi- 
raandrisch hält, und noch mehr bei xovt dvai x6 ßeiov muß der anaximandrische 
Ursprung zweifelhaft bleiben. 

Anaximander nahm eine unendliche Eeihe nebeneinander bestehender und 
aufeinander folgender, in ewigem Wechsel entstehender und vergehender Welter» 
an (s. d. Zeugnisse Vors. 2, lü. 11. 14. 17). Die Gestirne entstehen nach ihn> 
dadurch, daß Luftmassen von der Erde her gegen die feurige Sphäre andrängen 
und diese zerteilen. Das Feuer sammelt sich in Schläuchen, deren Wandung aus 
Luft besteht, und die in Gestalt gewaltiger Radkränze die Erde umgeben, durch 
die Luft zu kreisender Bewegung angetrieben. Auf der inneren Seite dieser 
Schläuche befinden sich Öffnungen. Die durch diese sichtbaren Feuerteile er- 
scheinen uns als Sonne, Mond und Gestirne. Wenn diese Öffnungen sich ver- 
stopfen, entstehen Finsternisse. Auf analoge Weise erklären sich die Mondphasen 
(s. d. Stellen Vors. 2, 11, 4 f.; 2, 18. 21. 22). Diese Theorie empfahl sich dem 
noch ungeübten astronomischen Denken wohl dadurch, daß die Regelmäßigkeit in 
Abständen und Bewegungsbahnen der Gestirne auf diesem Wege erklärbar schien. 
Daß Anaximander sich mit den Abständen der Gestirne, ihrer Größe und der 
Größe ihrer Kreise beschäftigte, überliefert die antike Doxographie ausdrücklich 
(Vors. 2, 11, 5; 2, 18. 19. 21. 22). An die oberste Stelle setzte er die Sonne, 
d. h. er gab ihrem Kreise den größten Durchmesser; er bemaß ihn 27mal so 
groß als den des Mondes. Es folgt der Mond, dessen Kreis 19mal so groß ist als die 
Erde. Am tiefsten stehen mit kleinsten Kreisen die Fixsterne und Planeten. 
Daß die Milchstraße den Anstoß zur Ausbildung der Rädertheorie gegeben hat, 
liegt nahe zu vermuten. Xeben ihr nahm aber Anaximander zweifellos noch 
■weitere Radkreise an, denen Fixsterne zugehören. Bei dieser Auffassung fällt der 
Grund weg, mit Burnet, Early Gr. philos,^, S. 69 f. [S. 55 d. Übers.] in den 
außerhalb der ]Milchstraße gelegenen Fixsternen nicht feuerzeigende Radkranz- 
öffnungen im Sinne der anaximandrischen Theorie, sondern die zahllosen von 
Anaximander angenommenen Welten zu erkennen, von denen jede mit ihrer 
feurigen L'mhüllung umgeben wäre. 

Bemerkenswert ist, daß Anaximander der erste gewesen zu sein scheint, der 
die unserm Auge sich darstellende Halbkugel des Himmels zur Vollkugel er- 
gänzte. Daß er das tat, zeigt eben seine Rädertheorie (vgl. auch die ihm zu- 
geschriebene offaloa). Daß er nicht etwa eine schon bei den Babyloniern ein- 
gebürgerte Kugelanschauung vorfand, wird durch die primitiven Vorstellungen 
seines Nachfolgers von der Sonnen- und den Sternenbahnen wahrscheinlich (Boll, 
Entw. d. astron. Weltbildes, S. 31). 



§ 13. Anaximandros von Milet. ßl 

Wie in diesem Punkte so zeigt sich auch in zwei weiteren Anaximander als 
genialer Neuerer. Einmal ist ihm die Erde nicht mehr eine flache Scheibe. 
Er hält sie für zylindrisch und vergleicht sie einem Säulenstumpf; ihre Höhe 
verhält sich zur Breite, Mie 1 zu 3 (Vors. 2, 10; 2, 11, 3; 2, 25). Ihre Oberfläche 
ist gewölbt (so ist Hippel. 1, 6, 3 [t6 ds oyiifia avTtjg yrgöv, atQoyyv/.ov, xlovi ).i'Do> 
jTaQaJt).r}oiov] das j'i'oor zu verstehen, soll es sich nicht zu otQoyyv/.or rein tautologisch 
verhalten; vgl. Diels Doxogr. p. 218). Wir treffen also hier schon eine An- 
näherung an die Kugelgestalt. Zweitens wird die Frde nicht mehr vom Wasser 
getragen. Sie ruht überhaui^t auf keiner Stütze, sondern schwebt frei infolge 
ihrer Lage in der Mitte der Welt und infolge des gleichen Abstandes von deren 
•Grenzen, wodurch — wie Aristoteles wohl im Sinne des Anaximander erklärt — 
ihre Bewegung nach irgendeiner Seite ausgeschlossen ist (Aristot. de caelo 2, 13, 
295 b 10 ff., Vors. 2, 26, vgl. 2, 11, 3;, Es ist als ob Anaximander das Wirken 
■der Attraktion schon geahnt, aber ihr Wesen imd ihren Begriff noch nicht zu 
voller Klarheit ausgestaltet habe (vgl. auch Boll, Entw. d. astron. Weltb., S. 31). 

In Anaximanders Lehre über die Entstehung der Tiere hat man, nicht ganz mit 
Unrecht, eine gewisse Ähnlichkeit mit der Deszendenztheorie zu finden geglaubt. 
Nicht nur sucht Anaximander die frühesten tierischen Organismen im Meere, wie 
manche anderen alten Philosophen die organischen Bildungen aus dem Erdschlamm 
hervorgehen ließen, sondern er redet auch davon, daß die Menschen aus Lebewesen 
anderer Art entstanden seien (Ps.-Plut. Strom. 2 [Vors. 2, 10] : n aD.oeiöwr i;d>oyv 
■d ard(io)nog iyeyy/jdtj), lind hier bringt er sogar als Beweis vor, daß der Mensch 
«iner langen Pflege bedürfe und sich, als Mensch geboren, nicht hätte erhalten 
können. Erst als diese Wesen, die sich zu Menschen entwickelten, oder in deren 
fischartiger Hülle menschliche Organismen sich gebildet hatten, fähig waren, sich 
selbst weiter zu helfen, wurden sie ans Land geworfen (Plut. Quaest. symp. 8, 8, 
4: er lydvoir syysvso&ai ro :TQCöror dvdQomovg — xai zgatpsviag — xal yevofierovg 
ixavovg iavtoTg ßorjßgZv ey.ßhiOfjvai np'ixavTa xai yijg laßiodai. Vgl. Aet. | Ps.- 
Plut plac] 5, 19, 4; Vors. 2, 30). 

An das ämiQov des Anaximander, das als das „Unendliche", nicht etwa als 
■das ,UInbestimmte", zu fassen ist, knüpfen sich mehrere Streitfragen. Die wich- 
tigste ist, ob dasselbe für eine Mischung aller bestimmten Elementarstoffe zu 
halten sei, woraus mechanisch die einzelnen Objekte sich ausgeschieden hätten 
(wie Ritter will), oder für einen einfachen, der Qualität nach unbestimmten 
Stoff, in welchem nur potentiell die Unterschiede der bestimmten Stoffe enthalten 
seien (wie Zeller und die meisten anderen neueren Historiker annehmen). Die 
aristotelischen Zeugnisse könnten, für sich genommen, mehr auf die erste Ansicht 
zu führen scheinen. Aristoteles sagt Phys. 1, 4, 187a 20, Vors. 2, 9: ol h' ex xov 
evog fvovaag lug iravKOTijTag exxQt'reo&ai (Isyovoir), woJieQ ^Ava^i/iavSQog cprjai 
xai oaoi ö' IV aal Jiollä (paoir eivai, Üojieq 'E/njredoxkfjg xal ^ Ava^ayöoag' ex rov 
liet'yfiarog yäo xal ovzoi exxQivovoi t&Um. Der Gegensatz liegt in der Ansicht (des 
Anaximenes und anderer Naturphilosophen), daß durch Verdichtung und Ver- 
dünnung aus dem Einen das Mannigfache hervorgehe. Vgl. auch Metaph. 11, 2, 
1069 b 20 (Vors. 46 A 61) xul rovr sorl ro 'Ava^ayÖQOV er . . . xal ^ Ei-ijreboxXiovg ro 
fiely^ia xal 'AvaSiuärÖQov. Theophrasts Worte bei Simplic. (in Arist. Phys. 154, 
19, Vors. 2, 9a), daß, wofern man die von Anaxagoras behauptete Mischung als 
eine Substanz auffasse, die nach Art und Größe unbestimmt sei, dann durch die- 
selbe ein uTteioov gebildet werde, welches dem des Anaximander gleiche {el de 
xi; rljv f^iT^iv xcöv ajxdvrcov (bei Anaccagoras) vicokdßoi fiiar elrai cpvair dÖQiaxov xal 
xax sldog xal xaxä fiiyedog, otieq av öö^eie ßovXeadai leyen>, ovfißaivei ovo xäg aQydg 
avxcö ksysiv x'^v xs xov änsiQOV <pvoiv xal xov vovv, &axe Tidvxcog (paivsxai xä aoifiaxixd 



()2 § 14. Anaximenes von Milet. 

oToi/sTa ^aganh^oko? :toi<ov \4ra:iiiür6f>(o). begünstigen jedoch entschieden die 
zweite Ansicht. Diese allein aber entspricht der Konsequenz des Systems. Denn 
nach der ersten würde man einen vovc neben dem Gemische fordern, den doch 
Anaximander nicht annimmt; sein Hylozoismus ist im Altertum vielfach bezeugt, 
auch Arist. Phys. 3, 4, 203 b 12 f., Vors. 2, 15. Das Wahrscheinliche ist, daß er 
sich über die Xatur seines ä:TeiQov ebensowenig mit voller Bestimmtheit aus- 
gesprochen hatte, wie Hesiod über die Xatur seines Chaos, und hieraus möchte 
auch das Schwankende in den Angaben der Berichterstatter sich erklären lassen» 
Eine zweite Streitfrage ist, ob das uTreioov des Anaximander eine Mittel- 
substanz zwischen Luft und Wasser sei. wie die alten Kommentatoren des- 
Aristoteles glauben, oder nicht. Nach Aristoteles de caelo 3, 5, 303b 13 ff.^ 
Vors. c. 50, ist anzunehmen, daß alle Physiker, welche eine solche Mittelsubstanz 
ansetzten, aus derselben die Dinge durch Verdichtung und Verdünnung ent- 
stehen ließen; dem Anaximander aber spricht Aristoteles (Phys. 1, 4, 187a 12 ff., 
Vors. 2, 16) die Annahme dieses Entstehungsprozesses ab; also kann er da& 
äjTEigor desselben nicht als eine solche Mittelsubstanz betrachtet haben, um so- 
weniger, wenn es ihm. nach dem Obigen, als usTyuu galt. Wer die seien, die ein 
Mittleres zwischen Wasser und Luft, und auch, wer die seien, die nach Phys. 1. 4 
ein Mittleres zwischen Luft und Feuer annahmen, ist unbekannt. Wahrschein- 
lich ist an jüngere Physiologen zu denken, deren Lehre vielleicht aus der de& 
Anaximenes erwachsen war, und zwar wohl unter dem Miteiufluß der Doktrin 
des Empedokles von den vier Elementen. Vgl. zu der Frage Zeller, Philos. d. 
Gr. I 15, S. 208 ff., Diels. Vors. Anm. zu 2, 16 und c. .50. 

Über Anaximanders Einwirkung auf Pherekydes s. oben S. 36. 

i? 14. Anaximenes von Milet, jünger als Anaximander 
und vielleicht auch persönlich ein Schüler desselben, setzt als 
Prinzip die Luft, die er für unendhch hält, und läßt daraus ver- 
mittels der Verdichtung (Tivy.viooic) und Verdünnung (uävcoaig 
oder doaiojotg) Feuer, Wind, Wolken, Wasser und Erde werden. 
Der Erdkörper, eine zylinderförmige Platte, wird von der Luft 
getragen. ,,Wie unsere Seele, die Luft ist, uns zusammenhält, 
so umfaßt Hauch und Luft auch die gesamte Weltordnung." 

Wie Anaximenes erklärt auchldaios aus Hi nie ra die Luft 
für den Urstoff. Diogenes von Apollonia, ein jüngerer Zeit- 
genosse des Anaxagoras und von diesem beeinflußt, geht insofern 
über Anaximenes hinaus, als er nicht nur in der Luft den Ur- 
grund der Dinge sieht, sondern ihr auch geistige Eigenschaften, 
Vernunft und Wissen zuspricht. 

Anaximenes. Antike Angaben über Leben und Lehre, Frag- 
mente: Diels, Vorsokr. c. 3. Chronologie: Jacoby, Apollod. Chronik 
S. 193 ff. 

Idaios. Das Material bei Diels, Vorsokr. c. 50. 

Diogenes von Apollonia. Antike Angaben über Leben, Schrift- 
stellerei und Lehre, Fragmente: Diels, Vorsokr. c. 51. 

Anaximenes. Die Daten Apollodors, die unser Text des Diogenes Laertios 
verwirrt wiedergibt, sind nach unzweifelhaft richtiger Herstellung 546/5 (Einnahme 



§ 14. Anaximcncs von Milet. ß3 

von Sardes) für die uxftr] und 528/5 (Olymp. G3) für den Tod des Philosophen. 
Sie benihen auf einer Kombination, bei der die Absicht leitete, das Geburtsjahr 
(40 Jahre vor der äxfir], nach apollodorischer Rechnungsmethode 585/4) mit der 
Epoche der sieben Weisen und der uxut) des Thaies, die äxf^ir] des A. außer mit 
der Epoche von Sardes auch mit dem Todesjahr des Thaies und wohl auch des 
Anaximander in synchronistische Verbindung zu bringen. Auch für die An- 
setzung des Todes scheint eine ähnliche Absicht maßgebend gewesen zu sein (vgl. 
Jacoby a. a. 0. S. 194 f.). Diog. L. 2, 3 und Simplikios (nach Theophrast) nennen 
Anaximenes Schüler des Anaximander (Vors. 3 A 1. 5). Der Dialekt in seiner 
Schrift war (nach Diog. L. 2, 3) der ionische. 

Aristoteles bezeugt Metaph. 1, 3. 984a 5: Anaximenes und Diogenes 
halten die Luft für früher als das Wasser (das erst durch Verdichtung aus der 
Luft entstanden ist) und setzen sie vor allen anderen einfachen Körpern als Prin- 
zip. Weder das Kalte noch das Warme — so gibt Plut. de prim. frig. 7 p. 947 f.. 
(Vors. 3 B 1) die Lehre des Anaximenes der Sache nach zutreffend,- wenn auch 
in den Wendungen späterer Zeit, wieder — sind wesenhaft, sondern beide sind 
nur durch Veränderungen herbeigeführte Gemeinzustände der Materie. Was näm- 
Mch von der Materie sich zusammenzieht und verdichtet, ist das Kalte, das Dünne 
und Schlaffe {xu'/mo6v, der Ausdruck wird an dieser Stelle als anaximenisch be- 
zeugt) aber ist das Warme. Anaximenes glaubte dafür einen Beleg aus der täg- 
lichen Beobachtung beibringen zu können: die Luft, die wir mit einander ge- 
näherten Lippen [wie etwa beim Blasen einer heißen SpeiseJ dem Munde ent- 
strömen lassen, also zusammendrängen und verdichten, ist kalt, die Luft hingegen, 
die wir mit geöffnetem Munde [wie etwa beim Auftauen gefrorener Fenster- 
scheiben] aushauchen, also verdünnen, ist warm (daß der Beweis auf einem Miß- 
verständnis beruht, war nach Plutarch a. a. O. schon in einer aristotelischen [oder 
pseudaristotelischen] Schrift bemerkt). Durch Verdünnung wird aus der Luft 
Feuer, durch Verdichtung Wind, dann Gewölk, weiterhin Wasser, dann Erde, 
dann Steine, und was aus diesen Stoffen besteht. Die Lehre von nvy.vmnig und 
uQauooig berichtete Theophrast nach Simpl. zu Aristot. Phys. 149, 32 (Vors. 3 A 5) 
von Anaximenes allein (dagegen Aristot. Phys. 1, 4, 187 a 12, Vors. 2, 16: ot ixkv 
yag ev jioii^oavxsg x6 ov ocö/na x6 vjioxeijusvov rj xcöv xgiöjv [Wasser, Luft, Feuer] 
XI 7] äXXo, d iaxi nvQog fikv tivxvoxeqov df.Qog 8s äsjixöxsqov, xäl/.a ysvvoioi jxvxvöxtjxt 
xai fiavöxrjxi,; die beiden Stellen sind wohl so auszugleichen, daß Theophrast nur 
die älteren ionischen Philosophen im Sinne hat, Aristoteles aber verallgemeinert, 
ohne eine entsprechende ausdrückliche Lehre von Thaies bezeugen zu können). 
Als Ursache der Veränderung nimmt auch Anaximenes eine ewige Bewegung an. 
Wie Anaximander erklärt auch er seinen Urstoff für unbegrenzt (Vors. 3 A 1. 
5. 6. 7, 1). Die Welt ist, wie sie geworden ist, so auch vergänglich. Welt- 
entstehung und Weltzerstörung folgen einander in nie aufhörendem Wechsel 
(Vorsokr. 2, 17; 3 A 11, B 2). 

Ein Fortschritt des Anaximenes gegen seine Vorgänger liegt teils in dem 
Versuche, in nvxvmoig und dgakoaig einen bestimmten Weg für die Verwandlung 
der Urstoffs in die uns umgebenden Dinge aufzuzeigen, teils auch darin, daß er mit 
der Luft ein Prinzip aufstellte, das durch seine Beweglichkeit und Leichtveränder- 
lichkeit zum Urstoff besonders geeignet und infolge seiner Feinheit mit der 
lebendigen und belebenden Seele leicht in Analogie zu bringen war. Aus seiner 
Schrift ist bei Aet. 1, 3, 4 (Vors. 3 B 2) der Satz erhalten: olov fj yjv/Ji t) ytie- 
xiga di]Q ovaa ovyxQaxsT ■^(A.äg, xal oAov xov xöo^iov :tv£Vfia xai drjQ Tiegieyei. Damit 
ist ein neuer fruchtreicher Gedanke ausgesprochen : diese Parallelsetzung von 



(54 § 14. Anaxhuenes von Milet. 

Welt und Individuum, Luft und Seele enthält den Keim der später ausgebildeten 
Lehre von Makro- und Mikrokosmos, 

Diesen Fortschritten steht aber in Anaximenes' Weltbild ein entschiedener 
Rücksehritt hinter Anaximander gegenüber. Die Erde gilt ihm wieder als flache 
Scheibe, ähnlich einer Tischi>latte. Auch eine Stütze ist wieder vorhanden. Wie 
bei Thaies auf dem Wasser ruht sie bei Anaximenes auf der Luft. Wie er- 
fahrungsgemäß Körper mit breiter Fläche vpn der Luft getragen werden, statt 
sie zu durchschneiden, so auch die Erde. Der unter ihr befindlichen Luft fehlt der 
genügende Kaum zum Entweichen und so verbleibt sie in Ruhe (Vors. 3 A 20). 
Dasselbe gilt von Sonne, Mond und den übrigen Gestirnen. Entstanden sind 
sie aus der Erde: die aus ihr aufsteigende Feuchtigkeit wird durch Ver- 
dünnung zu Feuer, dieses steigt empor und bildet die Gestirne. Aber auch erd- 
artige Stoffe schweben in der Sternregion (Vors. 3 A 7). Letzteres nahm Anaxi- 
menes vermutlich an, um aus der Verdeckung der Sonne und des IMondes durch 
diese erd artigen Körper die Finsternisse zu erklären. Ist das der Fall, so hat er in 
■diesem Punkte wenigstens astronomisch richtiger gedacht als sein Vorgänger (vgl. 
Boll bei Pauly-Wissowa Art. Finsternisse S. 2342). Im übrigen gab er dessen Ansicht 
von der Kreisbewegung der Gestirne und der Vollkugelgestalt des Hmimels wieder 
auf. Sonne und Sterne setzen zur Zeit ihrer Unsichtbarkeit ihren ^Veg nicht unter- 
halb der Erde fort, sondern bewegen sich bis zu ihrem Aufgangspunkte seitlich 
um die Erde herum, ,,wie der Hut um den Kopf sich dreht". (Eine besondere 
Annahme über die genauere Richtung dieser Drehung im Sinne des Anaximenes 
s. bei H. Berger, Gesch. d. wissensch. Erdkunde d. Griechen*, S. 79.) Daß wir 
die Sonne zu dieser Zeit nicht sehen, erklärte Anaximenes teils mit einer großen 
Zahl alter iiezEcooo'/.öyoi daraus, daß sie durch Erhöhungen im Norden der Erde 
verdeckt Averde, teils aus ihrer vergrößerten Entfernung. Große Entfernung ist 
auch die Ursache, daß die Sterne nicht wärmen (Vors. 3 A 7, 6; 3 A 14). 

Idaios.von Himera ist nur aus Sext. Emp. adv. math. 9, 360 bekannt, wo 
er als Vertreter des Luftprinzips mit Anaximenes, Diogenes von Apollonia und 
Archelaos von Athen, dem angeblichen Lehrer des Sokrates, zusammengestellt 
wird. 

Diogenes von Apollonia (Stephanos v. Byzanz denkt an die kretische, 
Ailian an die phrygische Stadt dieses Namens) war Zeitgenosse des Anaxagoras, 
<Diog. L. 9, 57, Vors. 51 A 1, 57) und muß in Athen wohl bekannt gewesen sein, 
da Aristophanes in den Wolken verschiedentlich, namentlich 225 ff., auf ihn 
Rücksicht nimmt und ebenso Euripides einmal in den Troades, 884 ff. Noch im 
4. Jahrhundert vor Chr. durfte der Komiker Philemon auf seine Lufttheorie als 
eine bekannte Lehre anspielen (vgl. Vors. 51 C 4). Seine Schrift trug den Titel 
Uegi (pvazoiq und wurde in hellenistischer Zeit in mindestens zwei Bücher ge- 
teilt. Erhalten ist uns daraus außer anderen Fragmenten der Anfangssatz, in 
welchem der Verfasser für jede Darlegung einen unbestreitbaren Ausgangspunkt 
und eine einfache und würdige Sprache verlangt. Die Lehre des Diogenes scheint 
als ein Versuch aufgefaßt werden zu müssen, den monistischen Standpunkt des 
Hylozoismus gegenüber dem Dualismus des Anaxagoras aufrecht zu erhalten, zu- 
gleich aber auch die Lehre von der Einheitlichkeit des Urstoffes durch einen 
anaxagoreischen Gedanken zu stützen. Nachdem Anaxagoras den vovg als geisti- 
ges, wissendes und wirkendes Prinzip dem Stoffe zur Seite gestellt hatte, kehrte 
Diogenes zu der Annahme eines Prinzips zurück, verlieh diesem aber zugleich 
Eigenschaft und Wirkung des zweiten. Das, woraus alles wird und worein alles 
wieder zurückkehrt, ist ihm ^ikya xal loyvoor y.al dtdiör ts y.ul uflüruTov xal .-To?^?.ä 
£id6g (Vorsokr. 51 B 8i, es kann nicht ohne vörjoig gedacht werden; und weiter 



§ 14. Anaxinienes, Idaios, Diogenes v. Apollonia. § 15. Heraklit v. Ephesos. ()5 

heißt es: xai 1.101 ÖoxeT 16 rijv röijoiv e/or eivai 6 dijo y.alovfievoi v.tu z(j)v uvdooj:TOjr 
y.al v.-TO rovTov Trävtag y.ai y.vßeoväodai y.ai :iävT(av y.ouieiv amo v«j> /<ot toi'tu üso; 
■doy.ei eJrai xni tTzi jtür nr/T/Oai y.ai n-«)T« Öiariüerac xal er .-ravTi ErfTvat (Simpl. in 
Arist. Phys. 152, 22, Vorsokr. 51 B 5). Diogenes ist damit Begründer eines 
,.Hylozoisraus'' in dem eigentlichen Sinne des Wortes, in dem es, wie oben S. 53 be- 
merkt wurde, auf die älteren ionischen Physiologen nicht anwendbar ist. Wenn 
Diogenes die Luft für das Feinste erklärt und doch durch Verdichtung und 
Verdünnung das Übrige werden läßt, so kann dies offenbar nicht heißen, daß 
auch die Urluft selbst sich verdünne, sondern nur, daß der Bildungsprozeß über- 
haupt auf :Tvy.r(oöi: und uoakooig beruhe, SO daß jene dieser vorangegangen sein 
muß, gleichwie bei Heraklit die y.üxo} 666^ der lirco 6()6g. Für die Theorie von 
•der Einheit des Urstoffs muß nun zugleich Anaxagoras das Hauptargument liefern. 
Er hatte geschlossen, daß alles in allem sei, weil alles aus allem werde. Der 
Übergang eines Dinges in ein anderes erschien ihm nur denkbar, wenn beide 
nicht von Grund aus wesens verschieden sind, sondern die Stoffteile des einen sich 
auch in dem andern finden, wobei der Unterschied der Dinge sich aus der 
wechselnden Quantität der verschiedenen Stoffteile erklärt. Diogenes erschließt 
aus der in der nämlichen Weise begründeten Wesensgleichheit der Dinge die 
Einheithchkeit des Urstoffes, indem er bemerkt (Vors. 51 B 2) : et yäg zä er twös 
TO) y6a/.iq) iövza vvr, yij y.ai vÖcoo y.ai aijQ y.ai jivo y.ai rä äV.Aa 00a cpairezai ir XMÖe 
xoi >c6aficp eörza, si zovxcor zi t'jr k'xsQor zov ezsgov, szeqov ov zfj Idia qpvoei, xal juij 
rö amo ior i^iezejzijtzs TZoU.a^wg xal ezeqoiovxo, ovSafifj ovze /nioyEoßai äkXrj- 
}.oig vjdvvazo ovze UKpekrjaig xm ezepcj (yEvia&ai dno zov izEgov} ovze 
ß/.dßtj, oi'd' av OVZE cpvzor ex zi]? yfjg q'vvai ovze ^ojor ovze ä)./.o 
yereodat ovöer, ei fti] ovzoi ovviozazo &oze zavro sirai. 

Andere Physiologen bildeten die l^ehre des Anaximenes dahin um, daß der 
Urstoff an Dichtigkeit zwischen Luft und Wasser oder zwischen Feuer und Luft 
stehe. Auch sie ließen aus dem Urstoff die anderen Stoffe durch Verdünnung 
und Verdichtung entstehen. S. d. Stellen bei Diels, Vorsokr. c. 50 imd 
vgl. oben S. 62. 

Ein noch vorhandenes Dokument aus dem Kreise der Milesier Anaximan- 
■dros und Anaximenes glaubte W. H. Röscher in den ersten elf Kapiteln der 
pseudo-hippokratischen Schrift von der Siebenzahl {.-renl fßdojuddcor) 
nachweisen zu können. Seine scharfsinnigen und gelehrten Ausführungen haben 
eine reiche teils zustimmende teils ablehnende Literatur hervorgerufen. Im wesent- 
lichen abschließend ist die Untersuchung von Franz BoU, der durch Prüfung der 
Geographie, der Windlehre und des Weltbildes der Schrift negl ißdofiddcor im 
Gegensatze zu Röscher zu dem Ergebnisse gelangte, daß sie einem um 450 vor 
Chr. oder später lebenden Verfasser zugehört, der in unklarer und unkonsequenter 
Weise zusammenstellte, was ihm zur Durchführung des Prinzips der Siebenzahl 
•dienlich schien, und dabei auch Lehren, wie die von der Kugelgestalt der Erde, 
•die den Milesiern noch fremd waren, voraussetzte, ohne sie als neue Entdeckung 
zu kennzeichnen. (S. das Literaturverzeichnis.) 

§ 15. Herakleitos von Ephesos, wahrscheinlich Jünger als 
Pythagoras und Xenophanes, welche er nennt und bekämpft, aber 
als Schriftsteller früher denn Parmenides, der seinerseits auf ihn 
Bezug nimmt und mit Polemik gegen ihn sein metaphysisches 
Prinzip durchführt, gibt der in den ionischen Lehren hegenden 

Ueberweg, Grundriß I. 5 



ßg § 15. Heraklit von Ephesos und Kratylos von Athen. 

Anschauung- einer fortwährenden Wandlung des Urstoffs durch 
seine Sätze vom Feuer als dem Urwesen und vom be- 
ständigen Flusse aller Dinge den schärfsten Ausdruck. AI» 
substantielles Prinzip setzt Herakht das Feuer. Gegen Feuer 
wird alles umgesetzt und Feuer gegen alles in dem Doppel- 
prozesse des Weges nach unten, der vom Feuer (welches mit 
der reinsten Luft identisch ist) zum Wasser und zur Erde herab- 
führt, und des Weges nach oben, der von der Erde und dem 
Wasser zum Feuer hinaufführt. Beide Seiten des Doppelprozesses 
sind miteinander verflochten. Doch bewegt sich die Entwicklung- 
überwiegend bald in der einen, bald in der andern Richtung: 
Krieg und Streit führen aus dem Urfeuer zum Werden der Welt 
— „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König" — , 
Eintracht und Friede zur Rückkehr der Welt ins Urfeuer 
{ex:riQiooig). So baut sich die Welt und geht wieder in Feuer 
auf, um sich dann wieder aufs neue zu bauen. 

Das Feuer als rastlos bewegtes Element genügt zugleich am 
besten einem von Herakht betonten metaphysischen Ge- 
sichtspunkte: es gibt kein beharrendes Sein, sondern nur ein 
stets wechselndes Werden. Was uns als Seiendes erscheint,, 
sind nur augenblickliche Kreuzungen und Schnittpunkte ver- 
schiedener Werdeströmungen. Alles fließt. In denselben Fluß 
steigen wir kein zweites Mal hinab. Kein Ding befindet sich in 
einem bestimmten Zustande, jedes trägt zugleich auch den ent- 
gegengesetzten Zustand in sich. Alles ist identisch und nicht 
identisch. Aller Wechsel aber ist beherrscht von einem einheit- 
hehen Weltgesetze (/o/o5\ das zugleich auch für den Menschen 
die Norm seines Handels abgeben muß. Der Erkenntnis, daß die 
wenigsten von diesem Weltgesetze wissen und wissen wollen, 
entspricht die fih' Heraklit charakteristische Menschenver- 
a c h t u n g. 

Unter den Anhängern Heraklits ist Kratylos, Platons 
Lehrer in Athen, der bekannteste, der den Satz des Heraklit vom 
Flusse der Dinge auf die Spitze trieb und in seine äußersten 
Konsequenzen verfolgte. Er bestritt die Zulässigkeit irgend eine» 
Urteüs, da man über das absolut Veränderliche nichts Wahres- 
aussagen könne. 

Heraklit. Antike Angaben über Leben und Lehre. Fragmente: 
Heracliti Ephesii reliquiae reo. I. Bywater, Oxonii 1877 (mit kritischem Apparat, 
Quellen- und Wortregister). Herakleitos von Ephesos, griech. und deutsch von 
H. Diels. Berlin 1901 (mit Anmerkungen u. Wortregister [Auswahl]), 2. Aufl. 
1909. Diels, Vorsokr. c. 12. Diels' Übers, ins Italien, übertr. v. Em. Teza, Parole 
di Eraclito, Padova 1903. — Die unechten Briefe: Heracliti epistolae quae feruntur 
ed. Ant. Westerraann. Lipsiae 1857. Dieselben auch bei Bywater und in der 



§ 15. Heraklit von Ephesos und Kratylos von Athen. ßj 

Sammlung Epistolographi Graeci reo. Rud. Hercher. Chronologie: Jacoby, 
ApoUodors Chronik, 8. 227 ff. Porträt: Kupfermünzen mit d. Bilde d. H.: s. 
die Titelvignetten von Diels' Herakleitos ^ und '^ (verschiedene), Vorsokr. II. Er- 
klärung u. Verzeichnis weiterer Münzen Diels Herakl.* S. Xi f., * S. 83. Vors. 
I» S. 72, 113 s_ VI. G. Lippold. Das Bildnis d. Herakht {Marmorstatue von 
Gortvn, die mit den ephesischen Münzen Ähnlichkeit zeigt), Athen. Mitteil. 36, 
153 ff. 

Kratylos. Dosographie: Diels, Vorsokr. c. 52. 

Andere Herakliteer: Diels, Vorsokr. c. 53. 

Die Zeit der Blüte Heraklits fiel nach Diog. L. 9, 1 ^Vors, 12 A 1), der 
dem Apollodoros folgt, in Ol. 69 (504—501 v. Chr.), nach einer andern, weniger 
glaubhaften Nachricht des Euseb. (Chron.) und des sog. Chronicon Romanum in 
Ol. SO, 1 (460/59) oder 81, 1 (456/5). Beide Ansätze beruhen nach dem üblichen 
Verfahren auf Synchronismen. Für Apollodor waren wohl die angeblichen per- 
sönlichen Beziehungen des Philosophen zum König Dareios Hystaspis ein Grund, 
seine ax^n) etwa in die Mitte von dessen Eegierungszeit zu verlegen. Dazu paßte 
gut, daß Heraklit auf diese Weise 40 Jahre jünger wurde als Xenophanes, für 
dessen Schüler er galt, und gleichaltrig mit einem andern Schüler des Xeno- 
phanes, seinem eigenen Gegner, Parmenides (so Jacoby S. 228 f.). Die Er- 
klärung des zweiten, späteren Ansatzes ist strittig. Apollodors Angabe mag 
ungefähr das Richtige treffen, der andere Ansatz ist sicher falsch. 

Heraklit stammte aus einem vornehmen ephesischen Geschlechte. Die 
Stammesrechte eines ßaodsvg (Opferkönigs), welche sich im Geschlechte des 
Kodriden Androklos, des Stifters von Ephesos, forterbten, soll er seinem jüngeren 
Bruder abgetreten haben. Sein Aristokratismus steigerte sich bei der Verbannung 
seines Freundes Hermodoros bis ziun bittersten Hasse gegen den Demos. Auch 
über Denker und Dichter von abweichender Richtung äußerte er sich schroff, 
sofern er bei ihnen mehr ein Vielwissen als vernünftige Einsicht und Verständnis 
der das All leitenden Vernunft fand. Er sagt (bei Diog. L. 9, 1, Vors. 12 B 40): 
jioXi'fHidi?] röov P'yeiv ov Siddoxsi' 'Hoiodov yäg äv iöt'öu^s xai IIvüay6gt]y, avzig 
TS Esvocfävsa xal 'ExazaTov. Auch den Homer traf sein Tadel (Vors. 12 B 42) : 
röv re "OfirjQOV k'cfaoxev ä^iov ex löjv aywvwv ixßä/./.eodai xal ^asriCeo&ai xal '^g/i- 
Xo^ov ö/noicog. 

Seine in Prosa etwa im ersten Jahrzehnt des fünften Jahrhunderts verfaßte 
Schrift führte im Altertum den nicht vom Verfasser herrührenden Titel JIiqI 
(pvaecog. Ebenso wie die Authentizität des Titels ist ausgeschlossen, daß die Ein- 
teilung der Schrift in drei Abschnitte, welche die Sondertitel .legl rov .-raviög, 
jTohrixog, deokoyixog geführt haben sollen (Diog. L. 9, 5, Vorsokr. 12 A 1, 5), von 
ihm selbst getroffen wurde. Die .\ nordnung der Gedanken innerhalb dieser Schrift 
war möglicherweise, wie Diels annimmt, aphoristisch. Jedenfalls entziehen sich 
unsere verhältnismäßig wenigen Fragmente jeder auch nur einigermaßen sicheren 
Aufreihung an einem einheitlichen Gedankenfaden, und Diels hatte Recht, im 
Gegensatze zu allen in dieser Richtung unternommenen Versuchen die Fragmente 
nach den sie überliefernden Queilenschriftstellern zu gruppieren. — Damit ist nicht 
gesagt, daß die Gedanken Heraklits selbst nicht in gutem Zusammenhang ge- 
standen hätten und sich nicht leicht in eine Art System bringen ließen. Die 
Schrift, von der wir 130 Fragmente (dazu noch einiges Zweifelhafte ; auch falsche 
und gefälschte Fragmente gehen unter Heraklits Namen) noch besitzen, war im 
Altertum hochgeschätzt. Viel beklagt aber wurde ihre Dunkelheit, die ihrem 
Verfasser den Beinamen 6 oxoreivög eintrug. Dieser Beiname läßt sich aus 
Livius 39, 3 (215 vor Chr.) schon für das Ende des dritten Jahrhunderts vor Chr. 
erschließen (Zeller, Phil. d. Gr. I 2^ S. 628/9 Anm.); die ältesten ausdrücklichen 



{^ § 15. Heraklit von Ephesos und Kratylos von Athen, 

Belege finden sich bei Cicero de fin. 2, 5, 15, Strabo 14 p. 642 und Ps.-Aristot. 
de mundo 5, 396 b 20. Doch deutet bereits das dritte Buch der aristotelischen 
Khetorik (Arist. Rhet. 3, 5, 1407 b 11 ; Vors. 12 A 4) an, daß die syntaktische 
Beziehung der Worte sich nicht immer leicht ergebe, und von dem Sillographen 
Timon (um 250 v.Chr.) wird H. alvixz'/]? genannt (Timon fragm. 43 D.; Vors. 12 A 
1, 6). Diese Dunkelheit ist möglicherweise nicht unbeabsichtigt. Von einer Ab- 
sicht spricht ausdrücklich Cicero a. a. O., wo es heißt, es sei in zwei Fällen ent- 
schuldbar unverständlich zu reden: si aut de industria facias, ut Heraclitus, 
cognomento qui oy.oTEirög perhibetur, quia de natura nimis obscure memoravit, 
aut cum rerum obscuritas non verborum facit ut non intellegatur oratio, qualis est 
in Timaeo Piatonis. Die verderbte Stelle Clem. Alex. Strom. 5, 13, 88, II 384 St. ist 
möglicherweis6 mit Diels zu Herakl. fr. 86 so herzustellen, daß Heraklit selbst es 
für ein gutes Werk erklärte, den Logos möglichst zu verhüllen, da er, wenn er 
keinen Glauben finde, der Kenntnis des Pöbels sich entziehe. Vgl. auch fragm. 
92 u. 93. Doch lag es auch in der damaligen angeregten und religiös aufgeregten 
Zeit, worauf Diels (Herakl.'^ Einleit. VII) mit Recht aufmerksam macht, einen 
hieratischen, gewissermaßen gotterfüllten Stil anzuwenden, wie es auch bei Pindar 
und Aischylos geschieht. Sokrates soll gesagt haben, es bedürfe zum Verständnis 
Heraklits eines delischen (tüchtigen) Tauchers. Doch lag die Dunkelheit, anders 
als bei Parmenides, nur in der Form, nicht im Inhalt, über den bei Heraklit 
selbst keine Unklarheit herrschte, und dessen Verständnis der denkende Leser 
erreichen konnte. Unecht sind die Briefe, die uns unter Heraklits Namen über- 
liefert sind, wenn auch ihr Inhalt zum Teil auf gute Quellen zurückgehen mag. 
Aristoteles stellt in seiner historischen Übersicht über den Entwickhmgsgang 
der älteren griechischen Philosophie (Metaph. 1, 3 ff., 984 a 2 ff.) Heraklit 
einfach mit den früheren loniern zusammen, ohne einen Unterschied der An- 
schauungsweise und einen Fortschritt bei Heraklit hervorzuheben, indem er nach 
den Angaben über das Prinzip des Thaies und das des Anaximenes und Diogenes 
fortfährt: "IjiJiaooc de jivq 6 Msrajroi'iTvog xai 'Hgafikstzog 6 'EqTsaiog (Vors. 8, 7). 
In der Tat ist Heraklit von Hause aus Hylozoist. Auch er stellt einen Grund- 
stoff auf, aus dem er alles werden, und in den er alles zurückkehren läßt. Darin 
liegt die Berechtigung, ihn hier den Milesiern anzuschließen, so sehr sich auch 
sein Gesichtskreis über den der früheren ionischen Kosraologen hinaus erweitert 
und den Ausblick in metaphysisch-ontologische Probleme eröffnet. Wie Thaies 
das Wasser, Anaximenes die Luft, so erklärt Heraklit das Feuer für den Urstoff. 
Feuer setzt sich um in alles, und alles in Feuer (Diels Vors, 12 ß 90): jivQÖg zs 
m'zuj-ioißrj zä Jiävra xal jivq anävzoiv okojojieq xqvoov ygrjfJLaza xal yQrjßäzoiv XQ^oog 
(„Austausch für Feuer sind alle Dinge und Feuer für alle Dinge, wie Waren für 
Gold und Gold für Waren"). Kna/jor zövds, z6v avzöv äjidvTOiv, ovze zig ßsön' 
ovze ävdoo)jio)r ijioiijogv, aXl' ijv dsl xal eaziv xal sozai jivq dsi^coor a7rzö/isro%' 
fiizga xal d.-ioaßevrvftErov /netga (Vors. 12 B 30: „Diese Weltordnung, die 
dieselbe ist in allen Dingen, hat weder der Götter noch der Menschen 
einer geschaffen, sondern sie war immer und ist und wird sein ein ewig 
lebendes Feuer >.nach Maßen erglimmend und nach Maßen erlöschend«"; 
Schluß der Übersetzung nach Diels). Das Feuer verwandelt sich zunächst 
in Meer, vom Meere wird die Hälfte Erde, die Hälfte Gluthauch, d. h. 
diese Hälfte wird durch Verdunstung zu Feuer (Vors. 12 B31 : nvQog tQojrai .-tqmzoi' 
düluaaa, daMaotjg de z6 /lev y/iiai' yij, z6 Se {j/iiov 7tqi]özijq). Das ist nicht so zu 
verstehen, als ob neben dem weiteren Kreislaufe (Feuer Meer Erde Meer Feuer) 
noch ein engerer (Feuer Meer Feuer) bestände, sondern so, daß im Meere als der 
mittleren Etappe die beiden Richtungen der Wandlung (»y em ro xdro) ödög und 



§ 15. Heraklit von Ephesos und Kratylos von Athen. f)9 

{] e.Ti 10 uyto odög Vors. 12 A 1, 9; B 60) sich begegnen: in einem gegebenen 
Momente ist die Hälfte des Meeres ein Stadium in der Entwickhing vom Feuer 
zur Erde, die andere Hälfte ein Stadium in der Entwicklung der Erde zu Feuer. 
Auch ist mit dem Satze nicht gesagt, daß das ^leer durch seine Verwandlung 
teils in Erde teils in Feuer verschwinden werde; vielmehr wird diese Zwischen- 
stufe durch immer neues Zufließen von Feuer, das Erde, und von Erde, die Feuer 
werden soll, in seinem Bestände erhalten. Auf alle Zeit halten sich freilich die 
beiden Prozesse nicht die Wage. In Perioden löst sich die Welt wieder in das 
Urfeuer auf, es findet nach späterer Terminologie eine iy.m'gojoig, eine Verfeuerung 
der Welt oder Weltverbrennung statt (Vors. 12 A 1, 8; 12 A 5; B 31. 65). Daß 
diese Lehre schon Heraklit angehörte und von ihm zu den Stoikern gelangte, 
haben nach Schleiermachers Vorgang manche neueren Gelehrten mit Unrecht be- 
zweifelt. Aristoteles decaelo 1, 10, 279 b 12 ff., Phys. .3, 5, 205a 3 (Vors. 12 A 10), 
Metaph. 10, 10, 1067 a 4 ('Hoäy./.eir6g rftjoiv ü:iavza yiyvEodai tiote :ivq) kennt sie. als 
herakliteisch, und auch Heraklit selbst deutet sie an in dem (später bekannt ge- 
wordenen) Bruchstück Hippol. 9, 10 (Vors. 12 B 66): nävxa yäg x6 jivq ijiE/.dov 
xoirn y.ai >tuTa/.7jrf)siai („denn das Feuer wird kommen und alles richten und er- 
greifen"), wo der Zusammenhang bei Hippolytos die Beziehung auf die iy.m'ocooig 
ausdrücklich bestätigt. Die Weltbildung nennt Heraklit Mangel {■/otjouoovvt]), den 
Weltbrand Sättigung {xöoog): Vors. 12 B 65. Eintracht und Friede {6iiio?.oyia xai 
Eiot'ivt]) führen zur kxnvQOiaig, Kiieg und Streit (rro'/£/.<o? y.al egig) zum Werden 
der Welt (Vors. 12 A 1, 8), So ist der Krieg Vater und König aller Dinge 
(.To/.feto? Tidvrcov /iiev :Tazr)Q iati, Jidvzcov ös ßaoiXevg, Vors. 12 B 53). Nichts 
törichter als der Wunsch, den Homer (II. 18, 107) seinem Achill eus in den Mund 
legt, daß der Streit aus der Welt der Götter und Menschen verschwinde. Denn 
dieses Verschwinden würde nichts anderes bedeuten als das Aufhören alles Ein- 
zelnen (Vors. 12 A 22). 

Die Dreiheit der Elemente: Feuer (mit Einschluß der Luft), Wasser, 
Erde (Vors. 12 A 1, 9), entspricht den drei heute sogenannten Aggregatzuständen; 
erst Empedokles ist durch strengere Scheidung zwischen Feuer und Luft zu der 
Vierzahl der sogenannten Elemente gelangt. 

Auch der Hergang bei der Verwandlung des Feuers in Wasser 
und Erde imd der Rückverwandlung dieser Stoffe in Feuer ist uns aus der 
ionischen Schule bekannt. Der Prozeß vollzieht sich durch Verdichtung und 
Verdünnung (Simpl. phys. 23, 33 nach Theophrast: ex jivgög :jotovoi [Hippasos 
und Herakleitos] rä clvza jivy.vcooet y.al fiavcooei y.ai dta/.vovoi .-lä/.iv elg tivo, 
Vors. 12 A 5; vgl. auch Diog. Laert. [ebenfalls nach Theophrast] ebenda 12 A 1, 
8f. ; in Aetios' [1, 3, 11] freilich stoisch beeinflußtem Berichte [ebenda 12 A 5] 
erinnert das ävaxoL^^<o(isvriv zrjv yfjv vjio zov nvQog rpvati vöcoq d}zozs?.sTadai an 
das xa/.ugöv des Anaximenes [s. oben S. 63]). 

Auch das Weltbild Heraklits schließt sich an das des Anaximenes an, 
trotz aller Verschiedenheit im einzelnen. Von Erde und Meer, so lehrte er nach 
Theophrast (bei Diog. Laert., 9, 9 ff., Vors. 12 A 1, 9 ff.), steigen zweierlei Aus- 
dünstungen auf, die einen hell und rein, die anderen dunkel. Die ersteren mehren 
das Feuer, die zweiten die Feuchtigkeit. Die hellen Ausdünstungen sammeln sich 
in nachenartigen Gebilden, die uns ihre hohle Seite zuwenden, und erzeugen dort 
Flammen. Das sind die Gestirne. Am heilsten und wärmsten ist die Flamme 
der Sonne; denn die übrigen Gestirne sind weiter von der Erde entfernt und 
leuchten und wärmen deshalb weniger (vgl. hierzu Anaximenes oben S. 64). Der 
Mond freilich ist der Erde näher, bewegt sich aber in weniger reinem und durch- 
sichtigem Eaume als die Sonne. Sonnen- und Mondfinsternisse erklärte 



JQ § IT. Heraklit von Ephesos und Kratylos von Athen. 

Heraklit aus einer Umdrehung des Sonnen- und Mondnachens, infolge deren sie 
ihre hohle (Feuer-) Seite nach oben kehren. Eine allmähliche Drehung sollte 
die Mondphasen bewirken. Den Wechsel von Tag und Nacht, Monaten, Jahres- 
zeiten, Jahren und meteorologischen Erscheinungen leitete er ebenfalls aus der 
Verschiedenheit der Erd- und Meeresausdünstungen ab: die in der Sonne ent- 
zündete helle Ausdünstung bewirkt Tag, obsiegt die entgegengesetzte, so entsteht 
Nacht; die erstere bringt durch Mehrung der Wärme den Sommer, die letztere 
durch Mehrung der Feuchtigkeit den Winter hervor. 

Diese an die milesische Spekulation anknüpfende Kosmologie steht nun aber 
bei Heraklit in Wechselbeziehung zu metaphysischen Gedanken, die sie beein- 
flussen und in ihr wieder ihre Stütze finden. Das zeigt sich schon in der 
Wahl des Feuers als Urstoffs. Mehr als Wasser und Luft verrät das Feuer 
schon dem oberflächlichen Beobachter seine Beweglichkeit und Wandelbarkeit. 
Züngelnd, fort und fort Körper ergreifend, in sich selbst umsetzend und dann 
als Asche zurücklassend zeigt es keinen Augenblick Stillstand und ruhiges Be- 
harren. Diese Beweglichkeit mochte — vielleicht neben anderem, der erzeugenden 
Kraft der Sonne, der Bedeutung der Wärme für die Organismen und des Feuers 
für das menschliche Kulturleben — das Feuer für die Rolle des Urstoffs als be- 
sonders geeignet erscheinen lassen. Für Heraklit aber verbindet sich damit sofort 
ein metaphysischer Gedanke. In der Unrast des Feuers stellt sich die Tat- 
sache dar, daß es keine Ruhe und kein Bestehen, sondern nur eine ewige Be- 
wegung — kein Sein, sondern nur ein Werden — gibt. Alles ist in fort- 
währendem Flusse. Wir können nicht zweimal in denselben Strom steigen, denn 
zwischen dem ersten und zweiten Male ist der Strom ein anderer geworden und 
ebenso wir selbst (Plat. Cratyl. p. 402 a, Vors. 12 A 6: Uysi ttov 'HoäyJ.siro; ort 
nävta ycOQei xai ovöh' f^isrsi xal Tioraiiov gofj antixu^tor tu ovxa }.£yei wg Ölg i; tov 
avTor Troiaixov ovx av ifißahjg. Vgl. Vors. 12 A 1, 8; B 12. 49 a. 91). In diesem all- 
gemeinen Fließen schwinden auch die festen Grenzen zwischen Gegensätzlichem. 
Alles liegt auf der Linie kontinuierlichen Fortganges von einem Zustande, den 
wir als a, zu einem andern, den wir nicht mehr als a, sondern als b zu bezeichnen 
gewohnt sind. Einen Scheidepunkt, bei dem a aufhört und b beginnt, gibt es 
nicht, und so hat aUes noch a und schon b in sich, es ist a und b zu gleicher 
Zeit. Tag und Nacht, Lebendes und Totes, Wachendes und Schlafendes, Junges 
und Altes sind ein und dasselbe (Vors, 12 B 57. 88). Dieser Theorie kam die 
ionische Lehre vom Urstoffe entgegen, dem gegenüber alles Einzelne nur ver- 
schiedene Erscheinungsformen einer und der nämlichen Substanz darstellt (vgl. 
auch Vors. 12 B 67). Bewußt oder unbewußt mag auch der später von Anaxagoras 
und Diogenes von Apollonia (s.o.S.65) zur Bedeutung erhobene Gedanke hereingespielt 
haben, daß die qualitative Identität (der Bestandteile) von a und b die Voraus- 
setzung für den Übergang des einen in das andere bildet (vgl. Vors. 12 B 88: 
ravTÖ X EVI fwv y.al z£&vj]xog y.al lo iyQ}]yoQd; xai x6 xadevöor y.ai rsor yal y>]oai6v' 
räde yäg uexanEoövxa iyeTrü iaxi xaysTvu Ttä/.ir fiexaneaövra ruvxa). 

Der das Paradoxe begünstigende ürakelton des Philosophen bestimmt ihn 
nun aber, die Identität des Gegensätzlichen auch für Fälle zu behaupten, die 
logisch anderer Art sind als die erwähnten, für Fälle nämlich, in denen ein 
Gegensatz nur dadurch hervortritt, daß man denselben Gegenstand an Verschiedenem 
mißt oder einem Worte verschiedenen Sinn unterlegt. So sagt er (Vors. 12 B 6i): 
das Meer ist das reinste und das abscheulichste Wasser. Die Erklärung enthält 
sein eigener Zusatz: für Fische ist es trinkbar und erhaltend, für Menschen un- 
trinkbar und verderblich. Vors. 12 B 49 a heißt es: in dieselben Fluten steigen 
wir und steigen wir nicht; wir sind es und sind es nicht (nach Diels' Übersetzung, 



§ 15. Heraklit von Ephesos und Kratylos von Athen. 71 

<ler die m. E. richtige Auffassung der Stelle zugrunde liegt) — je nach dem Sinne^ 
•den mau mit den Worten , .dieselben'- und ,.wir" verbindet. 

Alles geschieht y.at' gvavtiöxijTa, nach der :ia}.ivioo:Tia, der iravzia Qot) (Plat. 
Orat. 413 e), der Ivamorooni) (Diog. L. 9, 7) oder ivamodooiua (Aet. 1, 7, 22, 
Vors. 12 A 8 [iyaiTtodoofuag stellt Diels Vors. 12 A 7 auch bei Diog. Laert. 9, 7 her] ) : 
vgl Arist. Eth. Nicom. 8, 2 (Herakl. fragm. 8): 'Hquh'/.eiio; x6 uvzi^ow av/urpsijov 
■xai ex zöjv 8ia(fEQ6vzcov xa?Maz7]v aQuoviav y.ai nävxa yaz' k'Qiv yivsodat. In jeg- 
lichem ist Entgegengesetztes vereint, wie Leben und Tod, Wachen und Schlaf, 
Jugend und Alter, und jedes Glied des Gegensatzes schlägt in das andere um. 
Unerwartetes steht nach dem Tode den Menschen bevor, Sext. Emp. Pyrr. hy]io- 
typ. 3, 230: 6 de 'Hgäx/.eizo.; q)joir ozi y.ul zö i^rjv y.al z6 UTiodaveh' y.al ev zcZ ^fji' 
■jj^ds iazi y.ai iv zw zedrdvai, oze juer yäg rifiEi? Cojfier, zäg y^'V/ag ^fitöv zsitvävai 
.y.al Iv rjulv zedärpdac oze bk ^/tel; djio'dri'/ayofisv, zäg xpvyihg avaßiovv y.al Cfjv- 

Von der Menge der Menschen heißt es (fragm. 51) : ov ^vnäaiv oy.mg diarpsoöfisfov 
■toivzM ouo/.oyiei' :ja/.irzoo.i:og uoiiori?] oy.oia:n:eo zö^ov ;<at Ai'O?;? (,, sie verstehen nicht, 
wie es [das Eine] auseinander strebend ineinander geht: gegenstrebige Vereinigung 
wie beim Bogen und der Leier" Diels). 

Wie in der Lehre vom ewigen Fluß der Dinge und der Vereinigung des 
■Gegensätzlichen, so greift Heraküt auch in der Lehre vom Logos ins Gebiet des 
Metaphysischen. Allen Fluß und Wechsel der Dinge beherrscht ein einheitliches, 
■ewiges Weltgesetz {löyog), dessen Erkenntnis alle Weisheit umschließt (fragm. 
41 : eJvat vüq ev z6 oocpöv, sniazaodai yv(ö[j,t}v, ozet] Ey.vßEovt]aE Jiävza biä jravrwv), 
das aber freiüch der Menge unbekannt ist (fragm. 1 : zov de Xöyov zovd' iövzog 
del d^vfezoi ycvovzai avdooiTioi y.al noöodev tj dyovoai xal dxovaavzEg z6 noönov. 
yirofiEvwv yuo Tzdvzwr y.azd zov z.öyov zövde djiEiooiocv iolxaac y.z).. „von diesem 
Weltgesetze aber, obwohl es e^ig ist, gewinnen die Menschen kein Verständnis 
weder ehe sie davon gehört, noch sobald sie davon gehört haben. Denn obwohl 
alles nach diesem Weltgesetze geschieht, gleichen sie doch solchen, die nichts 
■davon erfahren haben"). Dieses Weltgesetz ist für alle verbindüch (fr. 114: '^vv v6q> 
}.Eyovzag lo/ygi^Eodai -/QV ^V ^vvco jzdvzcov oy.oJOJiEO vöfxoi nöhg, y.al jzo?.v loyvoozeoog. 
Trotz seiner allgemeinen Verbindlichkeit leben aber die meisten dahin, als ob sie 
•eine eigene Einsicht hätten (fragm. 2). Auch wenn sie von dem '/.oyog vernommen, 
.so gleichen sie doch tauben Menschen : wie es im Sprichwort heißt, anwesend sind 
:sie abwesend (fragm. 34j. Ein gleicher Ton klingt auch aus anderen Urteilen 
Heraklits über die Menge. Die meisten hegen gesättigt da wie Vieh (fragm. 29j. 
Insbesondere gilt seine Verachtung den religiösen Vorstellungen und Gepflogen- 
heiten der Menschen: sie beten zu den Götterbildern, wie werm einer sich mit 
Häusern unterhalten wollte (fragm. 5). Angesichts der Torheit der Menge zählt 
Einer für zehntausend, wenn er von hervorragender Tüchtigkeit ist (fragm. 4üj. 
Bloßes Vielwissen fördert nicht. Fragm. 107: y.ay.ol fidozvoEg dvi)ooj:zoion' 6(p&a/.iiol 
^cal toza ßaoßüoovg yn'/dg iyörrojv, d. h. wenn sie Seelen haben, welche die 
Sprache von Augen und Ohren nicht_verstehen. Bei Diog. L. 9, 1 (fragm. 40): 
7T0/.viiadnj vöov {eyEir) ov öiddoy.ei (bei Prokl. in Tim. I, p. 102, 24 Diehl .-TO/.vaai}EÜ] 
vöor ov ffVEi). Sextus sagt (adv. math. 7, 131, Vors. 12 A 16, 131), nach Heraklit 
sei diese gemeinsame und göttliche Vernunft, an der Teil habend wir i.oyixoi 
würden, das Zeichen der Wahrheit, und fährt fort: o^ev x6 h'ev xoivfj näai qpaivö- 
fiEvov, zovz' slvai niazöv (zu y.oivco yäo y.al ßeioi }.6yo) ?.a/ißdvFzai), zö Öi zivi iiovco 
7iQoojiT:izov ä:ziozov v:iäoyeiv biä zrjv ivavzt'av aizlav dem, was die einzelnen durch 
die Sinne aufnehmen, ist nicht zu trauen. 

Das allgemeine Weltgesetz ist es auch, das die himmlischen Körper in ihren 
Bahnen erhält. Die Sonne, sagt Heraklit, wird ihre Maße nicht überschreiten. 



yo § 15- Heraklit von Ephesos und Kratylos von Athen. 

Sollte sie es dennoch tun, so werden die Erinnyen, die Helferinnen der Dike, sie- 
ausfindig machen (fragni. 94). Für den Menschen gibt es die Norm auch seines- 
praktischen Verhaltens. Fragm. 112: rö (fgorsTy (so Diels für ooHf: ooreTv) 
doFTt) ueyloTi] y.ai aotfitj d/.tj^sa /Jyetv y.al :zoieTv y.arä qpvaiv (d. h. nach dem ge- 
meinsamen Gesetz, dem /.öyog) Liatovra?. Ein Absenker des Weltgesetzes ist das 
staatliche Gesetz (fragm. 114: Toiq-ovrai yäo .Tavre? ol dvdoojjteioi röfioi v:i6 h6<; 
rov Oei'ov), für das ein Volk kämpfen muß wie für seine Mauer (fragm. 44).. 
Die vßgi?, die eigenmächtige Auflehnung gegen das Gesetz, muß man in höherem 
Maße löschen als eine Feuersbrunst (fr. 43). 

Das höchste Ziel des Lebens, das jedenfalls nur dem zu erreichen gelingt,^ 
der sich dem allgemeinen Gesetze fügt, ist eine gewisse Gemütsstimraung, die- 
evagioTtjoig, „das Wohlgefallen" (die Zufriedenheit mit dem Weltgeschehen) (Clem. 
Strom. 2, 130, II 184, 6 St. [Vors. 12 A 21], falsch gedeutet von Theodor. Graec. 
äff. cur. 11, 7, S. 273 f. Raeder). 

Nach dem Satze des Heraklit: .Tdvza gel nennt Piaton (Theaet. 181a; cf. 
Cratyl. p. 402a: ort rrci»Ta yooeT y.ai ovöev usrei) die Herakliteer scherzweise 
Tov; grovTuc, indem er zugleich auf ihr unstetes Wesen, das jede ernste philo- 
sophische Diskussion mit ihnen unmöglich mache, tadelnd hindeutet. Kratylos, 
ein Lehrer des Piaton, überbot den Satz des Heraklit, daß man nicht zweimal in> 
denselben Fluß hinabsteigen könne, durch seine Behauptung, auch nicht ein- 
mal könne dies geschehen (Arist. Metaph. 3, 5, 1010a 7, Vors. 52 A 4), ein 
Extrem, als dessen äußerste Konsequenz Aristoteles bezeichnet, Kratylos habe 
nichts mehr sagen zu dürfen geglaubt, sondern nur den Finger bewegt. 

Die Veränderlichkeit, die nach Heraklit der Gesamtheit alles Wirklichen, 
eignet, beschränkt Parmenides auf die Sphäre des Sinnenscheins. Piaton auf die- 
der ytvtaig. untenvorfene Erscheinungswelt. Aber eben darum, weil Heraklit kein 
zweites Gebiet annimmt, fällt sein y.oauo? mit der bloßen Sinnenwelt späterer 
Denker nicht zusammen, denn Heraklit scheidet davon nicht das Göttliche und 
Ewige als ein anderes ab. 

Die heraklitische Lehre ist, sofern sie die ewige Vernunft dem Indivi- 
duellen und Veränderlichen selbst immanent sein läßt, als eine m onis tisch e- 
und, sofern sie allen Stoff als bewegt denkt, als eine hylozoistische zu be- 
zeichnen ; nur erhebt sie sich über den Hylozoismus vor ihr eben dadurch, daß sie den- 
Stoff nicht nur als schlechthin bewegt darstellt, sondern ihn sich auch nach ver- 
nünftigen Gesetzen, nach dem Logos, bewegen läßt. Piaton erkennt dem Ideellen 
eine selbständige und vom Sinnlichen gesonderte Existenz zu. Diesen platonischen 
//ogioark bekämpft Aristoteles, der das Allgemeine dem Einzelnen, das Ideelle 
dem SinnUchen innewohnen läßt; doch erkennt auch er dem Geist (rov;) eine von 
aller Materie gesonderte Existenz zu. Die Stoiker haben in ihrer Xaturj)hilo- 
sophie und Theologie die Lehre Heraklits wieder aufgenommen, die ihnen auch 
für ihre Ethik, obwohl diese wesentlich von Sokrates und Antisthenes stammt. 
Anknüpfungspunkte bot. Die Schrift Heraklits, der sie mit das Beste ihrer eigenen 
Philosophie verdankten, wurde von ihnen mehrfach kommentiert. 

Auch auf weitere Kreise hat Heraklit zeitig gewirkt, so daß man annehmen 
muß, daß seine Schrift oder wenigstens viele seiner Aphorismen vielleicht schoiii 
zur Zeit seines Lebens, sicher aber bald nach seinem Tode, verbreitet waren. So 
hat der Komiker Epicharmos (um 470 am Hofe Hierons) Heraklits Lehre 
nicht nur schon berücksichtigt, sondern sich auch über den Fluß der Dinge 
lustig gemacht (vgl. Vorsokr. 13 A 6). Daß Parmenides heraklitische Gedanken 
bekämpft und dabei auf bestimmte Sätze und Worte deutlich anspielt, insbesondere 
auf die Lehre von der Koinzidenz der Gegensätze und der sich in sich selbst 



§ 15. Horaklit von Ephosos usw. § 16. Pythagoras und die Pythagoreer. J/} 

zurückwendenden Harmonie der Welt, die Heraklit als .-Tu/JvTorog oder :raUvxoo:ro<; 
bezeichnet, hatte schon Steinhart (AUgem. Lit.-Ztg., Halle 1845, S. 892 f.) und 
haben nach ihm Schuster und Patin gezeigt. Starke Benutzung Heraklits ver- 
raten die pseudohippokratischen Schriften UfoI TQocf^g und TIfoI 
dtaix)]?, beide abgedruckt bei Diels (Herakl. und Vorsokr.). über die Quellen 
von 77. 8tatT>jg vgl. besonders 0. Fredrich, Hippokratische Untersuchungen (Phi- 
loJog. Unters, hrsgeg. von Kießling und v. Wilamowitz, Heft 15, Berlin 1899). 
So heißt es u. a. in der Schrift 77. TQorffjg 1 : Tgocf!) xai zgocpfjg eldog ;nu y.al 
7T0Ä/.ai („Nahrung [und Nahrungsart] ist eine und viele"). 9: do/y dk Ttävxoiv 
fu'n xal TF/.evT7] ;rd)TWf fiia xal r) uvtrj Tsksvzij y.al doyt] („der Anfang von allem 
ist einer und das Ende von allem ist eines, und das nämliche Ende ist auch der 
Anfang"). 17: ,Mta qi'Oig iazl jiävia ravza xal ov i-iia' tioDmI cpvoiig etoi .Trirra 
zavrn xal [.da („eine Natur ist das alles und nicht eine; viele Naturen sind das 
alles und eine"). 45 : 686g aro> xüzm um („der Weg nach oben und unten ist einer"). 
Unter den heraklitischen Anklängen der Schrift 77£o< öiuirqg, die wie zu Heraklit so 
auch zu Epicharm, Erapedokles, Anaxagoras, Archelaos, Gorgias und den Aiaaol /Jyoi 
(Dialexeis) Beziehungen aufweist, seien etwa hervorgehoben : 6 : jiqIovoiv avdqoinoi '^vlov 
6 fikv e'/.xfi, 6 8e cbflsT, x6 8s avzo xovzo Tioiovai ' fisTov Ss jzoiovvxeg jxXeov txoiovoi („es 
sägen Leute Holz; der eine zieht, der andere stößt, sie tun aber damit das näm- 
liche: durch ^Minderung vermehren sie [die Holzscheite]"); (vgl. 7. 16). 11: nävra 
yag ö'fioca drofioia sövza xal Gv^icfoqa :i.ävxa 8iä(p0Qa lövxa, Scaksyö/^isva ov 8ia- 
XeyöfiEva, yvwfitjv s'/ovxa ayv(ü^io%'a, v.-xevavxiog 6 zoojzog Exdozcov o/noXoyeofisvog' röftog 
yäfj xul (fvotg, oioi ::xdvza 8ia:xqi}Go6uEda, ovy^ oaoXoyeTxai ofioloyediieva (,,denn alles 
ist gleich indem es ungleich ist, zusammentreffend, indem es in Zwist ist, redend 
indem es nicht redet, vernünftig indem es unvernünftig ist. Entgegengesetzt ist 
die Art des einzelnen, indem sie übereinstimmt. Denn Gesetz und Natur, durch 
die wir alles wirken, stimmen übereinstimmend nicht überein"). 17: 01x0861101 Ix 
8ia(fÖQ0iv ovucfooa igydCovxai' zä [isv ^ijgä vyQalvovzeg zd 8k vygd '§i]oalrovzeg, xd 
fAEv o?M 8taiQ£orx£g , xd Se 8it]Qt]fiEva avrzidsvzEg. fit] ovx<o 8e iyövxMV ovx är e^oi. 
fl 8eT („die Bauleute machen Zusammenpassendes aus nicht Zusammenpassendem,. 
indem sie das Trockne befeuchten, das Feuchte aber trocknen, das Ganze ausein- 
andernehmen und das Getrennte zusammensetzen. Wenn sie nicht so verführen,. 
so würde nicht so verfahren wie es geschehen muß"). Die Bauleute bieten damit, 
wie im Folgenden ausgeführt wird, ein Bild des gesamten menschlichen Lebens. 
An weitreichender Nachwirkung wurde Heraklit von keinem der übrigen 
Vorsokratiker übertroffen. Wichtig ist vor allem sein Fortleben im Stoizismus. 
Aber auch von Juden, so von dem Verfasser des Buches Kohelet, des Buches der 
Weisheit, ferner von Philon und ebenso von Christen bis in das vierte Jahr- 
hundert wurde die Schrift Heraklits viel gelesen und benutzt; von Justin dem 
Märtyrer wurde Heraklit samt Sokrates, Abraham u. a. zu denen gerechnet, 
die mit dem Logos gelebt hätten und als Christen anzusehen wären. Der tiefe- 
und religiös-mystische Ernst, der sich in vielen seiner Sprüche kund gab, ließ ihn 
leicht als melancholisch, traurig gelten, so daß er als der „weinende" Philosoph 
erschien im Gegensatz zu dem „lachenden" Demokrit. 

i^ IB. Pythagoras von Samos, des Mnesarchos Sohn^ 
blühte nach dem Chronologen ApoUodor Ol. 62, 1 = 532/1 vor 
Chr. Nach einigen Angaben ein Schüler des Pherekydes und des 
Anaximander und mit den Lehren der ägyptischen Priester be- 
kannt, stiftete er zu Kroton in Unteritalien, wo er sich ansiedelte, 



Y4 § 16. Pythagora^ und die Pythagoiecr. 

einen cthiscli-religiüsen Bund, der in Kroton und anderen unter- 
italischen Städten auch puhtisch großen Einfluß ge^vann und zu- 
gleich auch wissenschaftliche — zunächst mathematische und im 
Anschluß daran philosophische — Studien pflegte. Feindselig- 
keiten einer gegnerischen (demokratischen) Partei gegen seinen 
Bund sollen Pythagoras veranlaßt haben, von Kroton nach Meta- 
pontion auszuwandern, avo er Ol. 70, 4 = 497/6 vor Chr. ge- 
storben wäre. Auf ihn selbst läßt sich mit Sicherheit nur die 
Lehre von der Seelen Wanderung und die Aufstellung gewisser 
religiöser und sittlicher Vorschriften zurückführen, vielleicht 
auch die erste Grundlegung der später sehr ausgebildeten mathe- 
niatisch-i)hilosophischen SjDekulation. Im ganzen können 
wir heute nur noch von einer Philosophie der altpythagoreischen 
Schule im allgemeinen reden, die von ihrer eklektischen Um- 
formung im Neupythagoreismus zu sondern ist. Nur wenige 
Sehulhäupter wie Philolaos heben sich in etwas faßbarerer indi- 
vidueller Gestalt von dem allgemeinen Hintergrunde ab. 

Pythagoras selbst hat kein Werk hinterlassen. Als der erste 
Pythagoreer, der das johilosophische Schulsystem in einer Schrift 
■dargestellt habe, gilt Philolaos, etwa ein Zeitgenosse des Sokra- 
tes. Von dieser Schrift, die den Titel trug üegl q^voiog, sind uns 
beträchtliche Bruchstücke erhalten. 

Unter den älteren Pythagoreern sind außer Philolaos be- 
i?onders seine Schüler Eurytos, Simmias und Kebes (die 
beiden letzteren nach Piatons Phaidon mit Sokrates befreundet), 
ferner Okkelos der Lukaner, Timaios von Lokroi, Eclie- 
krates und Arion, Archytas von Tarent und Lysis be- 
kannt. Der Arzt Alkmai on aus Kroton, ein jüngerer Zeit- 
o'enosse des Pythagoras, der die Lehre von den Gegensätzen mit 
den Pythagoreern teilte, ferner Hippasos von Metapont, der 
mit Herakht im Feuer das materielle Prinzip der Welt fand, 
Ekphantos, der mit der pythagoreischen Zahlentheorie die 
Atomistik und die anaxagoreische Lehre von dem welt- 
ordnenden Geiste kombinierte und, ebenso wie Hiketas, die Axen- 
drehung der Erde lehrte, Hippodamos von Milet, ein iVrchi- 
tekt und Politiker, und andere werden als Vertreter verwandter 
Richtungen genannt. Der Komödiendichter Epicharmos, der 
mitunter philosophische Streitfragen erwähnt, scheint von ver- 
schiedenen philosophischen Richtungen und darunter auch vom 
Pythagoreismus berührt worden zu sein. 

Die Lehre der Pythagoreer gipfelt in dem Satze, daß die 
!Zahl das Wesen der Dinge sei, wobei nicht nur an die P^orm 



§ 16. Pythagoras und die Pythagoreer. 75 

ZU denken ist. Gleichbedeutend damit ist der Satz, daß die Prin- 
zipien der Zahlen, d. h. das Gerade und das Ungerade, oder das 
Unbegrenzte und das Begrenzte, zugleich die Prinzipien aller 
Dinge seien. Die nähere Ausführung dieser Lehre steht nach 
den zuverlässigsten Berichten nicht sicher. Jedenfalls haben die 
Pythagoreer das Verdienst, den ionischen Philosophen gegenüber, 
■die nur nach der Qualität fragten, auf die quantitativen Verhält- 
nisse der Dinge das Augenmerk gerichtet zu haben. 

Die altpythagoreische Schule erlischt in der zweiten Hälfte 
des vierten Jahrhunderts vor Chr. Über ihre Wiedererstehung 
im Neupythagoreismus s. § 69. 

Einen Katalog der bekannteren Pythagoreer gibt laniblich. de vit. 
Pythag. 267, abgedruckt bei Diels, Vors. 45 A. Antike Angaben über Leben, 
Schriften und Lehre sowie die Fragmente bei Diels Vors. I. S. hier 
insbesondere über Pythagoras c. 4, ältere Pythagoreer c. 5 ff., Epicharm c. 13, 
Alkmaion c. 14, Philolaos c. 32, Archytas c. 35, Pythagoreische Schule (anonyme 
Pythagoreer) c. 45. 

Die erhaltenen neuplatonischen Pythagorasviten des Porphyrios und 
■des lamblichos sind wertvoll für die Kenntnis der Pythagoraslegende und der 
religiösen und philosophischen Anschauungen des Neupythagoreismus und Neu- 
platonismus. Geschichtlich brauchbare Nachrichten über Pythagoras und den 
älteren Pythagoreismus können aus jenen Darstellungen nur mit Behutsamkeit 
herausgeschält werden. Aus der ersten Aufzeichnung der Pythagoraslegende in 
Aristoteles' Buch Tlern tojv IIvdayogEicor ist uns ein Exzerpt erhalten (Diels Vors. 
c. 4 Nr. 7). Für ihre Weiterentwicklung und -Verbreitung war besonders ent- 
scheidend der für Pythagoras begeisterte Peripatetiker Aristoxenos durch zwei 
Schriften, die die Lebensführung der Pythagoreer darstellen sollten, Ilv&ayooiy.al 
<x.-TO(päo£i? und Uegi JJvdayoQixov (Ui'dayoQstov) ßi'ov, sowie das biographische Werk 
Bt'og Uvdayooov (oder JTeoi ITvdayöoov y.al tojv yvo)Qiuo>v avtov). Vgl. Diels, Vors. 
zu 45 D 1. 

Das meiste von dem, was uns unter altpythagoreischen Namen er- 
halten ist, erweist sich als neupythagoreische Fälschung und wird später beim 
Neupythagoreismus (§ 69) besprochen werden. 

Chronologie (Pythagoras) : Jacobv. Apollodors Chronik, S. 215 ff. Laqueur, 
Hermes 42 (1907), 530 ff., Kühl, Ehein.' Mus. G2 (1907), 435 (Epicharm). Por- 
trät (Pythagoras): Samische Kupfermünze mit dem Bilde des P., s. Diels, Vor- 
sokr. I. Titelvignette, Erklärung S. XIV, Weiteres im Jahrb. d. deutschen 
archäol. Jnstit. I 72. 77. 78. 

,,Über den Pythagoreismus und seinen Stifter weiß uns die Überlieferung 
um so mehr zu sagen, je weiter sie der Zeit nach von diesen Erscheinungen *ab- 
liegt, wogegen sie in demselben Maße einsilbiger wird, in dem wir uns dem 
Gegenstand selbst zeitlich annähern" (Zeller). Doch besitzen wir über Pytha- 
goras einige sehr alte und durchaus zuverlässige Angaben. Xenophanes, der 
Gründer der eleatischen Schule, verspottet (bei Diog. L. 8, 36, Vors. 11 B 7) die 
Lehre des Pythagoras von der Seelen Wanderung in den Versen : 
Kai .Tore /iiir oivq^e/.iQofjiivov ay.v).axog :naQiövia 

^aaiv eTtoixziQai xai roöe (päa&ai STiog' 

IJavaai fiT]8k QOLJiii^^ , i:rei /; qeü.ov dreoog iazl 

Wv/y'j, lijv eyvojv qp^ey^a/iisrrjg dttor. 

(„Und als er einst, da ein junger Hund geschlagen wurde, vorbeiging, wurde er, 

so erzählt man, von Mitleid ergriffen und sprach so: Höre auf und peitsche ihn 

nicht, denn es ist [in ihm] eines Freundes Seele, die ich an der Stimme er- 



jß § 16. Pythagoras und die Pythagoreer. 

kannte.") Ebenso spielt aller Wahrscheinlichkeit nach Empedokles auf Pytha- 
goras' Seelenwanderungslehre an in den Versen (Vors. 21 ß 129 4 ff.): 

o.T.To're yao jtÜoijocv oQs^ano jtQa:ji8eoair, 

oeV o ye zöjv ovzojv jidvTiov Xevaoeoxsv exaarov 

y.ai Tf ÖF-yJ dvdQio.-rcov xai x El'y.oaiv uubvEaoiv. 
(..Denn sobald er nur mit allen seinen Geisteskräften sich reckte, schaute er leicht 
in seinen zehn und ZAvanzig Menschenleben [mit Anspielung auf Pythagoras' an- 
gebliche Metempsychosen] jedes einzelne Ding in der ganzen Welt." Diels). Der 
Vorwurf unfruchtbarer jioAvixaßit], den Heraklit fragm. 40 dem Pythagoras macht,^ 
läßt erkennen, daß letzterer nicht nur religiöse oder ethisch-politische, sondern 
auch wissenschaftliche Ziele verfolgte (fragm. 129, in welchem ebenfalls von der 
jTo/.rfia&i>] des Pythagoras die Kede ist, kann jedenfalls in der vorliegenden Form 
nicht echt sein; s. Diels z. d, St.). Was Herodot (der 4, 95 [Vors. 4, 2] von 
Pvthagoras ehrend als 'Elh'jvcoi' ov toj uoOFVEOTära) ooqtoifi IIvß^ayoQj] redet) über 
gewisse Anschauungen und religiöse Vorschriften sagt (2, 123. 81, Vors. 4, 1), 
scheint eine Reise des Pythagoras nach Ägypten vorauszusetzen, allerdings nicht 
mit Notwendigkeit, sofern Pythagoras durch Vermittlung älterer Griechen zu 
Lehren und Gebräuchen von ägyptischem Ursprung gelangt sein kann. Soll doch 
nach Herod. 2, 49 schon Melampus den ägyptischen Dionysoskultus, von dem er 
durch Kadmos und dessen Begleiter Kunde gehabt habe, in Griechenland ein- 
geführt haben. Richtig ist jedenfalls, was Herodot von der Herkimft der pytha- 
goreischen Seelenwanderungslehre aus Ägypten andeutet, schon deshalb nicht, 
•vveil die Ägypter eine solche Lehre tatsächlich nicht gekannt haben. Ausdrück- 
lich redet erst Isokrates von einer solchen Reise, aber nur in einer Prunkrede- 
(Lob des Busiris 28, Vors. 4, 4), deren Angaben zugestandenermaßen keine histo- 
rische Glaubwürdigkeit beanspruchen. Wenn Isokrates hier von Pythagoras sagt: 
uqixöfiEfog Eig Al'yvjizov xui /laütjtfjg exeivwv y£v6f.isvoi; ttjv t ä?.?.'>]v q? i/.oaocp lav 
jTOiOTog Eig roi'g "EÄkrjvag iy.öfiioE y.ul zu .t£o< zag övoi'ug xal zag äyioisiag zag ev zoTg 
lEQotg . . . EOJiovdaoEv, so ist dies wie alles was Spätere über Reisen des Pytha- 
goras zu Ägyptern, Phönikern, Persern, Indern, Arabern usw\ und über die von 
diesen Völkern an Pythagoras übermittelten Kenntnisse zu melden wissen, nach 
dem oben S. 31 ff. Bemerkten zu beurteilen. 

Nach der ägyptischen Reise läßt die Legende Pythagoras in seine Vaterstadt 
Samos zurückkehren, da er aber dort den Tyrannen Polykrates im Regimente vor- 
fand, nach der griechischen Kolonie Kroton in Unteritalien auswandern (Diog. 
Laert. 8, 3 ; vgl. Porphyr, vit. Pyth. 9 [Vors. 4, 8]). Diese Legende benutzte Apollodor 
zur Bestimmung der äy.fit] des Pythagoras, die er in die Epoche des Polykrates (ol. 62, 
1 = 532/1 V. Chr.) setzte. Eratosthenes identifizierte den Philosophen mit einem 
Pythagoras, der Ol. 48 (588) in Olympia im Faustkampfe siegte (Diog. Laert. 8. 
47). Er ließ diesen zur Zeit seines Sieges 18 Jahre alt sein und gelangte so zu 
606 als dessen Geburtsjahr. Eine dritte Berechnung führte auf 538 als Epoche- 
jahr und fixierte Pythagoras' Tod auf 503. Indem man dieses Todesjahr mit dem 
eratosthenischen Geburtsdatum kombinierte, kam man zu einer Lebensdauer von 
104 Jahren. Vgl. über diese Ansätze Jacoby a. a. O., Laqueur a. a. O., Diels 
Vors. zu c. 4 Nr. 8 (^ S. 30, 1). 

In Kroton gründete Pythagoras einen Bund, der, den orphischen Vereinen 
vergleichbar, sittlich-religiöse Ziele verfolgte. Diesem Zwecke entsprechend 
herrschte in dem Bunde eine strenge Lebensordnung (der IIvdayÖQeiog zQÖJiog 
zov ßiov, den schon Piaton Rep. 10, p. 600b erwähnt). Die Berichte über die 
Einzelheiten dieser Ordnung haben wenig Gewähr und vieles darin ist tendenziöser Aus- 
schmückung dringend verdächtig. Der Aufnahme in den Bund, so heißt es, ging 



§ IG. Pythaporas und die Pythagoreer. 77 

<?inc Prüfung der Würdigkeit voraus; die h^ehüler waren lange zum schweigenden 
•dehorsani und zur unbedingten Unterwerfung unter die Autorität der überlieferten 
Lehre verpflichtet; durch die Berufung auf den Meister mit dem bekannten avrög 
■ecj'a galt die Tradition als gesichert; strenge tägliche Selbstprüfung wurde von 
allen gefordert (.tj) ^aoißtjr ; ri ö' e'ge^a; zi fioi 8sov ovx he}.ead)y, Diog. Laert. 
8, 22). Die Verbreitung der Lehren (insbesondere wohl der theosophischen Speku- 
lation) unter das Volk war veri^önt. Mit diesem Geheimniswesen steht die Ein- 
kleidung ethischer Vorschriften in symbolische Formeln in Verbindung, wie z. B. 
ti'j'ör //// vTiEoßaivsiv, nicht Über eine Wage schreiten = nicht auf (ungerechten) 
Gewinn ausgehen; //?) ro jtvo tjj fiayaiQn oy.a/.svsir . das Feuer nicht mit dem 
Messer schüren = den Zornigen nicht mit scharfen Worten reizen; oxEqmvov fii] 
TÜ.Xeiv, einen Kranz nicht zeqjflücken = die Gesetze (die den Kranz der Staaten 
bilden) nicht verletzen; /<») y-agöcuv sadisir, nicht Herz essen = sich nicht be- 
trüben; ^ir] Ejcl xoiviy.og xads^Eodai, nicht auf dem Scheffel sitzen = nicht in Un- 
tätigkeit leben ; /«) djiodijuovvTa E.-riarQErfea&ai, sich nicht beim Verreisen um- 
kehren = im Sterben nicht am Leben hängen; zag lEoicpöqovg fxi] ßaöl'QEiv, die 
Landstraßen nicht gehen = den Meinungen der Menge nicht folgen u. a. (s. die 
Sammlung Diels, Vors. 45 C 6). Gegen Freunde und Genossen des Bundes wurde 
•die aufopferndste Treue geübt. Zu der Lebensordnung gehörte Mäßigkeit im Ge- 
nuß von Nahrungsmitteln und Einfachheit in der Kleidung. Nach einer w^eit 
verbreiteten Überlieferung enthielten sich die Pythagoreer aller animalischen Kost. 
Dagegen war nach Aristoteles fragm, 194 und Aristoxenos bei Diog. Laert. 8, 20 
{Vors. 4, 9) der Fleischgenuß, wenn auch unter gewissen Einschränkungen, ge- 
fitattet. Nur dem Pflugochsen und dem Widder gegenüber verlangte Pythagoras 
nach Aristoxenos' Zeugnis Enthaltung. Ebensowenig erkennt Aristoxenos das viel- 
berufene Bohnen verbot als pythagoreisch an. Wenn er nun aber nach Gell. 4, 11, 
5 f. behauiJtete, Pythagoras habe die Bohne aus sanitären Gründen allen anderen 
Früchten vorgezogen und sich von Delikatessen wie dem Fleisch ganz junger 
Ferkel und zarter Böckchen genährt, so erweckt das sehr den Anschein einer ten- 
denziösen und daher übertreibenden Opposition gegen einen schon damals ver- 
breiteten Glauben an ein pythagoreisches Verbot der Fleisch- und der Bohnen- 
kost — vom Bohnenverbot wußte übrigens schon Herakleides der Pontiker nach 
Lyd. de mens. 4. 42 p. 99 W.; ebenso setzen Dichter der mittleren Komödie 
imi die Mitte des vierten Jahrhunderts mit ihrem Spott über die der Fleischkost 
sich enthaltenden IJvdayotji'CovTEg (die Stellen bei Diels, Vors. 45 Ej zum min- 
desten voraus, daß bei der Zuhörerschaft die Annahme einer solchen Enthaltung 
bestand. Erwägt man nun, daß das Gebot der Meidung animalischer Kost eine 
nahe liegende Folgerung aus der Seelenwanderungslehre ist (vgl. das Xenophanes- 
fragment oben S. 75), so empfiehlt sich die Annahme, daß in der Tat im weiten 
Kreise der Pythagoreer eine solche Enthaltung beobachtet, von einer gewissen 
Richtung aber in Anbequemung an die Praxis des gewöhnlichen Lebens auf den 
von Aristoteles berichteten Umfang beschränkt wurde, daß Aristoxenos aber sich 
zum Anwalt einer zeitgenössischen, ihm befreundeten Pythagoreergruppe machte, 
die sich gegen den Mystizismus und Symbolismus der alten Schule verwahrte. 
Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man mit solchen Divergenzen die mehrfach 
überlieferte L^nterscheidung verschiedener Klassen von Pythagoreern, wie Mathe- 
matiker und Akusmatiker, Esoteriker und Exoteriker, Pythagoreer und Pytha- 
goristen in Verbindung bringt (vgl. Burnet, Early Gr. philos.^, S. 96. 102 ff. 
[S. 70. 81 der Übers.]). 

Die asketische Tendenz veranlaßte nach dem Aufkommen des Kynismus 
manche Pythagoreer kynische Tracht und Lebensweise anzunehmen. So ver- 



7g § 16. Pythagoras und die Pythagoreer. 

einigten sich schon damals wie später wieder in den ersten Jahrhunderten der 
christlichen Zeitrechnung der religiöse Mystizismus und der ihm von Hause aus 
ganz entgegengesetzte Kynismus, Eine solche Eichtung war jedenfalls schon den 
Komikern Antiphanes und Aristophon in der ersten Hälfte und um die Mitte des- 
vierten Jahrhunderts bekannt (Vors. 4.ö E 1. 2. .3). Als ihr Inaugurator galt 
Diodoros von Aspeados, ein Schüler des Pythagoreers Aresas. (Über ihn vgl, 
P. Tannery, Arch. f. Gesch. d. Philos. 9 [1896J, S. 176 ff. und dazu Jahresber. 
über d. Fortschr. d. Altertumsw. 108 [1901 I], S. 188.) 

Der pythagoreische Bund gelangte allmählich in Kroton und anderen 
Städten Unteritaliens auch zu großer politischer Macht, die er seinen reli- 
giösen Voraussetzungen entsprechend im konservativ-aristokratischen Sinne aus- 
übte. Das erregte die Opposition der demokratischen Partei. Schon Pytha- 
goras soll, nachdem er gegen zwanzig Jahre in Kroton gelebt hatte, durch eine 
Gegenpartei unter Kylon vertrieben, nach Metapont übergesiedelt und dort bald 
darauf gestorben sein. Der ursächliche und zeitliche Zusammenhang der kylo- 
nischen Unruhen mit dem Siege der Krotoniaten über die unter der Alleinherr- 
schaft des Telys stehenden Sybariten und der Zerstörung von Sybaris im Jahre 
510 V. Chr. beruht nur auf der Angabe des ganz unsicheren Gewährsmanns Apol- 
lonios von Tyana, und es läßt sich also daraus kein Anhalt für die Zeit der Aus- 
wanderung und des Todes von Pythagoras gewinnen. Die Verfolgungen wieder- 
holten sich mehrmals. In Kroton standen, wie es scheint, noch lange nach dem 
Tode des Pythagoras seine Anhänger und die „Kyloneer" als politische Parteien 
einander gegenüber, bis endlich, geraume Zeit, vielleicht fast ein Jahrhundert 
später, die Pythagoreer bei einer Beratung im ,, Hause des Milon" (welcher selbst 
längst nicht mehr lebte) überfallen wurden und, da die Gegner das Haus an- 
zündeten und umstellt hielten, fast sämtlich mit Ausnahme der Tarentiner 
Archippos und Lysis umkamen. Xach anderen nicht glaubwürdigen Nach- 
richten hat die Verbrennung des Versammlungshauses der Pythagoreer schon bei 
der ersten Reaktion gegen den Bund zu Lebzeiten des Pythagoras stattgefunden. 
Lysis ging nach Theben und war dort bald nach 400 v. Chr. Lehrer des jungen 
Eparainondas. Er soll nach Diog. L. 8, 7 (Vors. 34, 3) der Verfasser einer ge- 
wöhnlich dem Pythagoras beigelegten Schrift sein. In Theben hielt sich gegen 
Ende des fünften Jahrhunderts auch Philolaos auf und hatte dort Simmiaa 
und Kebes, die aus dem platonischen Phaidon bekannt sind, zu Schülern. Später 
kehrte er nach Unteritalien zurück. Hier war inzwischen der Verein trotz des 
erlittenen Schlages nicht ausgestorben. In Tarent, avo Archippos sich wieder nieder- 
gelassen hatte, genoß in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts Archytas ein 
großes, durch seine politischen und militärischen ebenso wie durch seine wissenschaft- 
lichen Verdienste und seinen persönlichen Charakter begründetes Ansehen und 
stand lange Zeit an leitender Stelle im Gemeinwesen. Auch die Krotoniaten 
Philolaos und Eurytos werden in dem Sinne als Tarentiner bezeichnet sein 
(Vors. 32 A 4. 6; 83, 1), daß sie dort wirkten. Mit ihnen und Archytas ver- 
kehrte Piaton iVors. 32 A 5; 35 A 5>. Ihre Schüler waren Xenophilos aus dem 
thrakischen Chalkis, Phanton, Echekrates, Diokles und Polymnastos aus Phlius, 
alle dem Aristoxenos persönlich bekannt. Xenophilos lebte nach Aristoxenos bi& 
zu einem Alter von über 105 Jahren in Athen (Vors. 32 A 4; c. 39). Diese 
Männer werden die letzten der Pythagoreer genannt. Mit ihnen erlosch in der 
zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts der Pythagoreismus, um erst im letzten 
vorchristlichen Jahrhundert im Xeupythagoreismus wieder aufzuleben. 

Der pythagoreische Bund verfolgte neben seinen religiös-sittlichen Be- 
strebungen auch wissenschaftliche Ziele. Über die Art des Zusammenhanges 



§ 16. Pythagoras und die Pythagorecr. 79' 

zwischen dem primären religiösen Charakter und der sekundären wissenschaftlichen 
Betätigung läßt sich ein sicheres Urteil nicht fällen. Der allgemeine Gedanke, daß die 
religiöse Reinigung und Loslösung vom leiblichen Leben, nach der der Verein 
strebte, sich am besten durch Pflege der Wissenschaft vollzieht (Burnet a. a. O., 
8. 108 [S. 86 der L^bers.]), bietet keine genügende Erklärung dafür, daß im Pytha- 
goreisraus mehr als in anderen religiösen Vereinen ähnlicher Tendenz wissenschaft- 
liche Forschung betrieben wurde. Daß darin schon Pythagoras selbst seiner 
Schule vorangegangen sein muß, ist oben bemerkt worden. Eine Scheidung der 
eigenen Lehren des Schulbegründers von denen seiner Nachfolger war schon im 
Altertum nicht durchführbar, da für Pythagoras der sichere Untergrund einer 
schriftstellerischen Hinterlassenschaft fehlte und die Lehren der engeren Schule 
bis auf Philolaos nur mündlich fortgepflanzt wurden. In eine Erörterung darüber, 
was etwa aus inneren Gründen außer der Seelenwanderungslehre dem Schul- 
stifter selbst zuzuschreiben ist, kann hier nicht eingetreten werden. Im all- 
gemeinen gilt abgesehen von jener Lehre jedenfalls der Satz, daß wir nur von 
einer Philosophie der Pythagoreer, nicht des Pythagoras sprechen können, wie 
dies in der Tat auch schon bei Aristoteles geschieht. 

Unter den Zeugnissen über die Lehre der Pythagoreer sind die aristote- 
lischen die bedeutendsten; zuverlässig sind auch die Mitteilungen des Piaton und 
der ersten Aristoteliker, spätere nicht. Wertvoll sind ferner die Fragmente aus 
des Philolaos Schrift 77?^« (fvoiog. Philolaos ist nach glaubwürdiger Tradition der erste 
Pythagoreer der eigentlichen Schule, der eine im engeren Sinne philosophische 
Schrift veröffentlichte (Neanthes bei Diog. Laert. 8, 55; Vors. 21 A 1, 55; die 
angebliche Publikation des Hippasos, Vors. 8, 4, war mathematischen Inhalts, 
Alkmaion schrieb wesentlich als Arzt). Daß er dabei aber, wie Spätere sich vor- 
stellten, nur herausgegeben haben sollte, was von Pythagoras selbst aufgezeichnet 
oder nach dessen Vorträgen von Schülern niedergeschrieben, aber bis auf Philo- 
laos sorgsamst geheim gehalten worden wäre, ist ausgeschlossen. Gleichwohl sind 
die Fragmente seiner Schrift als Dokumente für die Lehre eines älteren Pytha- 
goreers für uns unschätzbar, ihre Echtheit vorausgesetzt, gegen die wie früher so 
auch neuerdings wieder erhebliche Bedenken geäußert worden sind (so von Heidel 
[s. Literatur] und Burnet, Early Gr. philos.«, S. 326 ff. [S. 247 ff. der Übers.]). 
Was den dorischen Dialekt der Schrift betrifft, so ist die auf den gleichen Dia- 
lekt des Arehytas gegründete Verteidigung von Burnet m. E. nicht entkräftet). 
Unter den sonstigen Resten altpythagoreischer Literatur sind die Fragmente des 
Alkmaion und des Arehytas hervorzuheben. 

Wir behandeln zunächst die altpythagoreische Lehre im allgemeinen und 
fügen dann bei, was von einzelnen Pythagoreern und pythagoreisch Beeinflußten 
Besonderes zu sagen ist. 

Altpythagoreische Lehre im allgemeinen. 

Maihematisehes und Metaphysisches. 

Den Ausgangspunkt der Philosophie der Pythagoreer bildeten ihre mathe- 
matischen Studien, durch die sie die Begründer der wissenschaftlichen Mathe- 
matik der Griechen geworden sind (vgl. J. L. Heiberg, Xaturwiss. u. Mathem. im 
klass. Altertum, S. 8 ff.). Allbekannt ist aus dem Kreise dieser Studien der 
„pythagoreische Lehrsatz" vom Verhältnis der Quadrate der Hypotenuse und der 
Katheten des rechtwinkligen Dreiecks. Alte Tradition führte den Satz auf Pytha- 
goras selbst zurück, der nach seiner Auffindung eine Hekatombe geopfert haben 
sollte (Diog. Laert. 8, 12). Auch den Satz, daß die drei Winkel des Dreiecks 
zwei Rechten gleich sind, leitete der Peripatetiker Eudemos von den Pythagoreern 
her (die Belege für dieses und anderes Mathematische Vors. 45 B 19 ff.). 



v<() § 16. Pythagoras und die Pylhagoreer. 

Über den Zusammenhanii der pythagoreischen metaphysischen Grundlage mit 
ihrer mathematischen Beschäftigung berichtet Aristoteles Metaph. 1, 5, 985 b 
23 ff. (Vors. 45 B 4) wohl im ganzen richtig folgendermaßen: „Die Pythagoreer 
varen die ersten, welche sich mit der Älathematik ernstlich beschäftigten und sie 
förderten. Aus der Vertrautheit mit dieser Wissenschaft entwickelte sich ihre 
Ansicht, die Prinzipien des Mathematischen seien auch die Prinzipien alles Seien- 
den. Da nun in dem Mathematischen die Zahlen der Natur nach das Erste sind, 
die Pythagoreer aber in den Zahlen viele Ähnlichkeit mit dem Seienden und 
Werdenden zu erblicken glaubten, mehr als in Feuer, Erde und Wasser, so war 
ihnen der eine arithmetische Vorgang [t6 rotordl twv dQiOfuor :Täßog) Gerechtig- 
keit, der andere Seele und Verstand, wieder ein anderer der rechte Zeitpunkt und 
so Aveiter. Außerdem sahen sie in den Zahlen die Eigenschaften und Ver- 
hältnisse der Harmonie, und da ihnen alles andere seiner Natur nach den Zahlen 
nachgebildet zu sein schien, die Zahlen aber das Erste in der ganzen Natur, so 
nahmen sie auch an, die Elemente der Zahlen seien die Elemente alles Seienden, 
und der ganze Himmel sei Harmonie und Zahl. Was sie nun für Ähnlichkeiten 
in den Zahlen und Harmonien mit den Vorgängen am Himmel und seinen Teilen 
und der gesamten Weltordnung finden konnten, das gebrauchten sie, wo aber 
etwas fehlte, da suchten sie etwas hinzu, damit ihre ganze Darstellung einen 
(abgeschlossenen) Zusammenhang bilde." Aus dieser Darstellung des Aristoteles 
ersehen Avir, wie die Pythagoreer, entzückt von der Natur der Zahlen und von der 
apodeiktischen Erkenntnis der den Dingen innewohnenden mathematischen 
Ordnung, die Kraft des mathematischen Prinzips in ihrer die exakte mathe- 
matische Wissenschaft überschreitenden Zahlen Spekulation überspannten und 
die quantitativen Verhältnisse als das eigentlich Konstituierende der Dinge an- 
sahen. Nicht nur die Eigenschaften der Dinge, sondern auch ihren Stoff finden 
sie in den Zahlen. 

Die Prinzipien der Zahlen, Grenze und Unbegrenztheit, oder Un- 
gerades und Gerades (ungerade Zahlen sind die, welche der Teilung durch 
zwei eine Grenze setzen), galten demnach den Pythagoreern nicht als Prädikate 
einer anderen Substanz, sondern selbst als die Substanz der Dinge (Aristot. 
Metaph. 1, 5, 986b 6, Vors. 45 B 5: ioiaaoi d' wg Iv vh]g el'dei rä otoiyeTa [d. h. 
die Gegensätze äonor — Tregazüj' usw.] Täzxeiv • ex tovtcov yag (bg srvjiaQ/urrMr 
ovvsozärat y.ul nesx'/MoOai quol rijv ovoiav. Vgl, ebenda 987 a 15, Vors. 45 B 8; 
12, 8, 1083 b 11, Vors. 45 B 10). Zugleich aber Avurden die Dinge auch Avieder 
als Abbilder dieser Prinzipien und der Zahlen angesehen. Der pythagoreische 
Ausdruck für dieses Verhältnis ist nach Aristoteles Metaph. 1, 6, 987 b 11 (Vors. 
45 B 12) {.äfiijaig gewesen {oi fih' yäg IJvdayögfioi fiifujoei rä oviu (paolv aivat iwr 
aoiOficör. Vgl. auch Aristoxenos bei Stob. 1, 1 prooem. 6 [Vors. 45 B 2J: yrärza 
zä :ioüyuaxa utts ly.ü'Cmv [sc. Ilv&ayöoag] zoTg dotßfioTg). Es scheint nicht, daß 
diese beiden Angaben auf verschiedene Parteien der Pythagoreer zu beziehen 
seien ; vielleicht legte die Redeweise der einen diese, die der andern jene Aus- 
deutung näher, doch konnten die nämlichen in gewissem Sinne beides annehmen. 
Schwerlich hat irgend einer der alten Pythagoreer sich genau jener aristotelischen 
Bezeichnungen bedient; vielmehr scheint Aristoteles zum Teil Anschauungen, die 
«r nur imi^licite bei ihnen fand, in seiner eigenen Sprache auszudrücken. Die 
Stufenfolge der Erzeugungen wird durch die Reihenfolge der Zahlen symbolisiert, 
Avobei die Vierzahl (jerouxzvg, bekannt ist der SchAvur bei der Tetraktys) und die 
Zehnzahl (bfy.üg) eine hervorragende Rolle spielen. Die letztere ist die Zahl der 
Vollendung und faßt die Natur aller Zahlen in sich (Arist. Metaph. 1, .5, 9S6a 
S, Vors. 45 B 4, vgl. 32 A 13). — Die Welt soll Pythagoras zuerst Avegen der 



§ 1(5. Pythagoras und die Pythaj^oreer. gj[ 

Ordnung und Harmonir in ihr y.öo/io; genannt haben (Aet. 2, 1, 1 ; Diels, 
Dox. 327, 8). 

Den Gegensätzen: Begrenztes und Unbegrenztes, Ungerades und Gerades 
fügten manche Pythagoreer noch weitere bei, die sie ohne ein durchgreifendes 
•einheitliches Prinzip einfach aus den im Leben ihnen begegnenden Gegensätzen 
in der Weise auswählten, daß die Gesamtzahl der Gegensatzpaare mit der heiUgen 
iiehnzahl zusammenfiel. Diese Tafel der Gegensätze, unter denen ein Paar das 
ethische Gebiet berührt, macht daher den Eindruck einer ziemlich willkürlichen 
zufälligen Zusammenstellung. Sie verdient nicht den Namen einer Kategorientafel, 
mit dem sie öfter bezeichnet worden ist, da sie nicht allgemeinste, gleichmäßig 
auf Natur und Geist bezügliche, formale Grundbegriffe enthält. Die Tafel ist 
folgende (Arist. Metaph. 1, 5, 986a 22 ff., Vors. 45 B 5): 

.TEoag y.ai ä:Tsioor (Grenze und Unbegrenztheit), 

.-isoirtör y.ai agriof (Ungerades und Gerades), 

er y.ai jt/SjOo; (Eins und Vieles), 

Senior y.ai aQtmeoöv (Rechtes und Linkes), 

aQQEv y.ai ß^/.v (Männliches und Weibliches), 

t}osjjovv y.ai y.ivov/iisrov (Ruhendes und Be\vegtes), 

svdv y.ai y.afiTtv/.oy (Geradliniges und Gebogenes), 

(pwg y.ai oy.özog (Licht und Finsternis), 

dyaßdr y.ai ya>eör (Gutes und Böses), 

rsrgdyoiyor y.ai hsQÖ/^ajxsg (Quadrat und Oblongum). 

^Vier Gegensatzpaare: Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, 
♦Sättigung und Hunger, gibt Herakl. fr. 67. IVIischung eines heraklitischen imd 
■eines pythagoreischen mit anderweitigen Gegensatzj^aaren bei Porphyr, de antro 
iiymph. 29. Auf Philo quis rer. div. her. 207 [III 47 ff. Wendl.J als vollständigste 
Tafel der Gegensätze verweist Diels zu Herakl. fr. 67). 
Weltbild. 

Daß die Lehre von einer der Erde gegenüberliegenden Gegenerde {dvTi/ßcov), 
■die der Zehnzahl zu Liebe zu den neun übrigen Himmelskörioern hinzugefügt 
wurde, und die Lehre von der Bewegung beider um das ruhende Zentralfeuer 
•den älteren Pythagoreern, sei es allen oder einzelnen, angehört hat, wissen wir aus 
•dem vermutlich auf Theophrast zurückgehenden Bericht des Aet. 2, 7, 7 über 
Philolaos (Diels, Vors. 32 A 16; vgl. auch Aet. 3. 11, 3, Diels ebenda 17) und aus 
Aristoteles (De caelo 2, 13, 293 a 18, Diels, Vors. 45 B 37, und Metaph. 1, 5, 986 a 
10, Diels, Vors. 45 B 4. Vgl. auch unten S. 83 unter Philolaos). Von Hiketas be- 
zeugt Aet. 3, 9, 2 (Vors. 37, 2), daß er eine doppelte Erde angenommen habe, 
<iie unsere und die Gegenerde. Diog. L. sagt (8, 85, Vors. 32 A 1 ; vgl. Aet. 3, 
13. 1. 2, Vors. 32 A 21j, die kreisartige Erdbewegung (um das Zentralfeuer) habe 
zuerst Philolaos, nach andern aber Hiketas gelehrt. Hingegen erscheint 
letzterer bei Cic. Acad. pr. 2, 39, 123 (Vors. 37, 1) als Vertreter der Theorie von 
der Axendrehung der Erde (mit Ausschluß der Bewegung um das Zentralfeuer): 
Hicetas Syracusius, ut ait Theophrastus, caelum solem lunam Stellas, supera deni- 
•que omnia stare censet ueque praeter terram rem uUam in mundo rnoveri: quae 
cum circum axem se summa celeritate convertat et torqueat, eadem effici 
orania quae si staute terra caelum moveretur. Die gleiche Axen- 
drehung geben der Erde auch der Schüler Piatons Herakleides der Pontiker und 
der Pythagoreer Ekphantos (Vors. 38, 5: ' Hoay./.eidijg 6 TIorziy.oQ y.ai "Ey.rpavro; 6 
JlvOayöosiog y.ivovoi inr tijv yijr, ov jn/jv ys fjExaßariy.öjg [d. h. sie verändert ihren 
Platz im Weltenraume nicht], dU.ä ros:iziy.ü>g Tooyov öly.tp' errj'^oviofisvrjv, d:^6 6vo- 
Ueberweg, Grundriß I. 6 



^O § 16. Pythagoras und die Pythagoreer. 

fiiör rn drnTo/.nc .tfoI to ('dio7- «fr/}^ yJrToov). Eine doppelte Bewegung der Erde, 
ihre Axendrehung und ihren Lauf in der Ekliptik, lehrte Aristarchos von Samos^ 
(um 281/0 vor Chr.). der Schüler des Perii^atetikers Straten von Lampsakos. 
Seine in Form einer bloßen Hypothese geäußerte Ansicht wurde von dem Koper- 
nikus des Altertums, Seleukos von Seleukeia (um 150 vor Chr.), wissenschaftlich 
begründet (Flut, de fac. in orbe lunae 6, Piaton. quaest. 8, 2, Aet. 2, 24, 8; 
3, 17. 9, Diels. Doxogr. p. 355, l ff., 383 a 17 ff. b 26 ff.). Es fehlte jedoch der 
Lehre von der Erdbewegung schon im Altertum nicht an Verketzeniugen, wie 
z. B. der Stoiker Kleanthes den Aristarchos von Samos um seiner astronomischen 
Ansichten willen der Gottlosigkeit beschuldigte (Plut. de fac. 6). 

Die Lehre von der Sphären harmonie, über die Aristot. de caelo 2, 9, 
290b 12 ff. (Diels, Vors. 45 B 35) berichtet, beruht auf der Beobachtung, daß alle 
schnell bewegten Körper einen Ton erzeugen. Das soll auch von den Gestirnen 
(zunächst den Planeten) gelten, und zwar soll die Höhe der von den einzelnen 
Gestirnen hervorgebrachten Töne der Entfernung der Gestirne und diese Ent- 
fernung der Distanz der Töne in der Oktave analog sein. Xikomachos (Harm. (>.. 
33 f.) macht Mitteilung von einem System der Sphärenharmonie, in welchem die 
sieben Planeten in ihren Entfernungen und in ihren Tönen genau den sieben 
Saiten der Lyra entsprechen und dem Mond als dem niedrigsten Planeten der 
höchste, dem Saturn als dem höchsten Planeten der tiefste Ton zugeschriebe» 
wird. Daß wir diese Sphärenharmonie nicht wahrnehmen, erklärten die Pytha- 
goreer nach Aristot. de caelo 2, 9, 290 b 24 daraus, daß dieselbe von unserer Ge- 
burt an unausgesetzt unser Ohr trifft, Tonempfindungen uns aber nur dann zum. 
Bewußtsein kommen können, wenn sie durch Zeiten der Stille unterbrochen, 
werden. 

P.^ycli log iscli es. 

Ob eine von Piaton (Phaedo 85 e ff.; Simraias, der Schüler des Philolaos. 
spricht) und Arist. d. anima 1, 4, 407 b 30, Polit. 8, 5, 1340 b 18 (Vors. 32 A 23) 
erwähnte psychologische Theorie, nach welcher die Seele die Harmonie des Leibes 
ist (von Harmonie schlechtweg spricht Macrob. somn. Scip. 1, 14, 19 [Vors. ebenda] 
unter ausdrücklicher Nennung des Pythagoras und Philolaos^, auf Pythagoreer 
zurückzuführen sei, ist zweifelhaft; zum pythagoreischen Unsterblichkeits- und 
Seelenwanderungsglauben würde diese Lehre, die die Annahme der Vergänglich- 
keit der Seele zur notwendigen Folge hat, schlecht passen. Daß yv/yj und rof? 
als ngiducöv jrctjJog bezeichnet werden (Aristot. Metaph. 1, 5, 985b 30. Vors. 4» 
B 4), stimmt zu den allgemeinen metaphysischen Voraussetzungen des Pythago- 
reismus. Bemerkenswert ist, daß nach Aristot. de anima 1, 2, 404 a 17 (Vors. 4ä 
B 40) einige unter den Pythagoreern die in der Luft spielenden Sonnenstäubchen, 
andere das, was diese Stäubchen bewege, für Seele hielten, wie Aristoteles ver- 
mutet wegen ihrer auch bei Windstille sich bewährenden Lebendigkeit. 

Nach der Angabe des Aristotelikers Eudemos in seinen Vorträgen über die 
Physik (bei Simplikios zur Physik des Arist. 732, Vors. 45 B 34) haben die 
Pythagoreer angenommen, daß dieselben Personen und Ereignisse in verschiedenen 
Weltperioden wiederkehren: et ös zig thoxevoeie roT? IIvßayoQeioig üoie jtdhv rä 
avzä uQidiKp, y.ayoi uvüo/.oy>]ao} t6 oaßSi'ov eyoiv viiiv y.ad)jfth-oig ovrco, y.al rä ä/.'/.a 
jiävTu ouoicog i^ei .... Die gleiche Lehre findet sich später bei den Stoikern, bei 
diesen aber in Verbindung mit der heraklitischen ßy.-rvQcooig. s. unten. 

Ethisches. 

Pythagoras war nach dem Verfasser der Magna moraüa (1, 1, 1182 a 11 
[Vors. 45 B 4]) der erste, der es unternahm über die Tugend zu sprechen, und 
zwar führte er die Tugenden auf Zahlen zurück. Überhaupt trugen die ethischen 



§ 16. Pythagoras und die Pythagoreer. 83 

Begriffe bei den Pythagoreern eine mathematische Form, so daß Symbole die 
Stelle der Definitionen vertraten. Die Gerechtigkeit war ihnen zoiordi tmv 
aQt&ftcöv mido; (Arist. Metaph. 1, 5, 985 b 29; Vors. 45 B 4) und zwar näher 
dgidiiog loüy.ig l'oog (Magna mor. a. a. O.) d. i. die Qiiadratzahl. Maßgebend für 
diese Bestimmung wie auch für die andere, nach welcher tö dt'xaiov t6 övr<.Tf.-ro)'- 
06? «//r.j (Aristot. Eth. Mcom. 5, 8, 1132b 22, Diels, Vors. 45 B 4), war die An- 
schauung, daß die Gerechtigkeit Gleiches mit Gleichem vergelte. 

Lehren einzelner Alt pythagoreer und pythagoreisch beein- 
flußter Männer. 

Philolaos erkennt in dem Unbegrenzten und dem Begrenzenden die Prin- 
zipien aUer Dinge (Diels Vors. 32 A 9. B 1. 2). Die Weltordnung war nur da- 
durch möglich, daß zu diesen Prinzipien die Harmonie hinzutrat und sie zu- 
sammenschloß (ebenda B 6). Diese Harmonie ist .-ro/.cuiynov n-coaig y.nl biya 
qffooreövTcor ovu(fg6r)]aig (ebenda B 10). Auf Zahlen werden wie die rätimlichen 
Bestimmtheiten der Körper, so auch deren weitere Eigenschaften zurückgeführt: 
dem Mathematischen liegt die Vierzahl zugrunde (Punkt, Linie, Fläche, Körper), 
der Qualität und Färbung die Fünfzahl, der Beseelung die Sechszahl, der Ver- 
nunft, Gesundheit und dem, was Philolaos das Licht nannte (entweder allgemein 
eine glückliche Verfassung des Menschen oder intellektuell der Zustand erleuchteten 
Verstandes), die Siebenzahl, der Liebe, Freundschaft, Klugheit und Gabe glück- 
lichen Einfalls die Achtzahl (Vors. 32 A 12). L^nbegrenztes und Begrenzendes 
und die Zahl sind auch die Prinzipien der Erkennbarkeit der Dinge (Diels, Vors. 
32 B 3. 4. 6. 11): ..Die Natur der Zahl ist erkenutuisspendend, führend und lehrend 
für jegüchen in jeglichem Dinge, das ihm zweifelhaft oder unbekannt ist. Denn 
nichts von den L>ingen wäre irgendwem klar weder in ihrem Verhältnis zu sich 
noch zu anderen, wenn die Zahl nicht wäre und ihr Wesen" (Übers, von Diels). 
Die musikalische Harmonie beruht auf Zahlenverhältnissen (nämlich der Saiten- 
längen, welchen bei gleicher Dicke und Spannkraft die Höhe der Töne umgekehrt 
proportional ist), insbesondere die Oktave oder die Harmonie im engeren Sinne 
auf dem Verhältnis 1 : 2, welches die beiden Verhältnisse der Quarte (3 : 4) und 
Quinte (2 : 3 oder 4:6) in sich schließt (fragm. 6). Die fünf regelmäßigen 
Körper: Kubus, Tetraeder, Oktaeder, Ikosaeder, Dodekaeder sind die Grund- 
formen der Erde, des Feuers, der Luft, des Wassers und des fünften Elementes, 
das die Weltkugel trägt (Vors. 32 B 12 verglichen mit A 15). 

Die Welt besteht aus folgenden Teilen: die Mitte nimmt das Feuer ein, das 
Philolaos koila (xov jtavTÖg) nennt (32 B 7) und auch mit anderen, mythischen, 
Namen, wie Jiog olxog. ti/]T>]g &ecov belegt. Es folgt die Gegenerde und auf diese 
unsere bewohnte Erde-, die bei der Drehung um das Feuer sich stets der Gegen- 
erde gegenüber befindet, so daß letztere für uns nicht sichtbar ist. Weiter folgen 
Mond, Sonne und die fünf Planeten, alsdann die Fixsternsphäre. Letztere hat 
den Namen Olyrapos, die Sphäre der Planeten, der Sonne und des Mondes heißt 
Kosmos, die Region unterhalb des Mondes und im Umkreis der Erde Uranos. 
Für die Welt bestimmend als ihr Grund und Halt ist das Feuer der Mitte, das 
für die Welt das Gleiche bedeutet wie der Kiel für das Schiff und in dem Be- 
richt des Aetios (2, 4, 15) unter Anwendung stoischer Terminologie, aber dem 
Grundgedanken nach richtig, als >)ysuovty.öi' bezeichnet wird (Diels Vors. 32 A 16. 
17, zu vergleichen mit den Berichten über die Kosmologie der Pythagoreer im 
allgemeinen, Vors. 45 B 37). Die Welt ist einer Zerstörung in doppelter Weise 
unterworfen, durch vom Himmel niederströmendes Feuer und durch vom Monde 
ausfließendes Wasser (Aet. 2, 5, 3, Vors. 32 A 18). 

6* 



^^ § 16. Fythagonis und die Pythagoreer. 

Was die Seele und ihr Verhältnis zum Leibe betrifft, sagt Philolaos (Vors. 

32 B 14): fiagrvogorTai de y.al oi nu).aiol üsoXöyot zt y.al fiämig dig biä iivag zi/uoi- 
o/a,' d yv/ä tiT> oio/inTi ovrE^Fvy.TUt xui yaÜdjreo er aäuaxt tovto) reOuTixat. Wir 
leben wie in einem Gefängnis, in welchem uns als ein Stück ihres Besitztums die 
(tottheit umschlossen hält (B 15). Im einzelnen lehrt Philolaos über die psychischen 
und vitalen Funktionen das Folgende : „Hirn ist das Prmzip des Verstandes, Herz 
das der Seele und Empfindung, Nabel das des Anwurzeins und Emporwachsens 
des Embryo, Schamglied das der Sameuentleerung und Zeugung. Das Hirn aber 
bezeichnet das Prinzip des Menschen, das Herz das des Tieres, der Nabel das der 
Pflanze, das Glied das aller zusammen. Denn alle blühen und wachsen" (B 13 
in Diels' Übersetzung). 

Medizinische Theorien des Philolaos enthält der Anon. Londin. (Su2)pl. Arist. 
cd. Acad. Bor. III 1) 18, 8 p. 31 (Vors. 32 A 27). Stark betont wird hier die Be- 
deutung der Wärme für den menschlichen Körper [<PiX6laog dk KQoron'iätijg awe- 
orärai q?t]aiv rn tjfiheQa ocöfiara ey. ßegfiov y.zk.). Ein weiterer Abschnitt handelt 
über die Ursachen der Krankheiten. In seinen medizinischen Ansichten zeigt sich 
Philolaos als Eklektiker. 

Eurytos, Philolaos' Schüler, suchte die Gleichsetzung' der Dinge mit Zahlen 
konsequent und erschöpfend durchzuführen. Während sich die meisten darauf 
beschränkten, gewisse allgemeine Begriffe aus Zahlen herzuleiten und z. B. den 
Raum und das leere Unendliche auf die unbegrenzte Zweiheit, die Seele u. a. auf 
bestimmte Zahlen und die Einheit zurückführten, um das Konkretere, Einzelne 
aber sich nicht kümmerten, setzte Eurytos eine Zahl an für den Menschen, eine 
andere für das Pferd usw. (die Stellen bei Diels Vors. c. 33). 

Archytas berührt in den erhaltenen Bruchstücken seines 'Aq^wny.ög (Vors. 

33 B 1 ff.) in erster Linie akustische und musikalische Fragen, streift aber auch 
das Gebiet der Soziologie und — ebenso wie in dem Fragment der AiaxQißal — 
der Wissenschaftslehre, wobei natürlich die pythagoreische Hochschätzung der 
Mathematik hervortritt. Da die Mathematiker, so wird ausgeführt, über die Natur 
der Gesamtheit der Dinge zu guten Kenntnissen gelangt sind, so mußten sie 
auch in die Beschaffenheit der Einzeldinge einen guten Einblick gewinnen, und 
so gaben sie uns denn über die Geschwindigkeit und Auf- und Untergänge der 
Gestirne, sowie über Geometrie, Arithmetik, Sphärik und nicht zum wenigsten 
über Musik sichere Kenntnis. Denn diese Wissenschaften scheinen Schwester- 
wissenschaften zu sein. Sie befassen sich nämlich mit den beiden schwesterUchen 
Erstgestalten des Seienden (Zahl und Größe). Unter diesen Schwesterwissen- 
schaften hat aber nach dem Diatribenfragment wieder die elementarste, die Arith- 
metik, den Vorrang. Denn wo die anderen Wissenschaften versagen, beweist die 
Geometrie, wo aber die Geometrie versagt, beweist die Arithmetik (nach Diels' 
Ergänzung der Stelle, Vors. 35 B 4). 

Alkmaion, der Krotoniate (nach Arist. Metaph. 1, 5, 98üa 29, Vors, 14 A 3), 
jüngerer Zeitgenosse des Pythagoras (dessen Schüler er nach Diog. Laert. 8, 
83 war), verfaßte eine Schrift: IleQi cpvaeojg und war als Arzt und Anatom 
bahnbrechend. Er stellte nach Arist. a. a. O. die Lehre auf, slrat dvo zd nolld 
r(7)r urüoox-rivon' (vgl. 0. S. 81 die pythagor. Tafel der Gegensätze), fixierte aber nicht 
eine bestimmte Zahl von Gegensätzen, sondern gab die ihm jedesmal gerade auf- 
stoßenden an, wie weiß und schwarz, süß und bitter, gut und schlecht, groß und 
klein. Er fand den Sitz der Seele im Gehirn, zu dem alle Emj^findungen von 
den Sinnesorganen aus durch Kanäle {:^6()oi) hingeleitet werden (Theophrast. de 
sensu 25 f.; Act. 4, 17, 1, Vors. 14 A 5. 8; vgl. auch Plat, Phaedo p. 96 b, Vors. 
14 A 11) und bemühte sich, die Vorgänge der Sinneswahrnehmungen aus der 



§ 16. Pythagoras imd die Pylhagorecr. g5 

eigentümlichen Beschaffenheit der Sinnesorgane zu erklären. Dabei betonte er 
den Unterschied der sinnlichen Wahrnehmung und des Denkens: der Mensch 
unterscheidet sich dadurch von allen anderen Wesen, daß er allein versteht 
(^vt'i'>]c,i), während alle anderen nur wahrnehmen ohne zu verstehen (Vors. 14 B 
la). Hinsichtlich der Seele äußerte er einen später von Flaton zu großer Be- 
deutung erhobenen Gedanken : ihr Wesen ist ewige Bewegung, die sie mit allem 
Göttlichen, dem Mond, der Sonne, den Sternen und dem gesamten Himmel ge- 
mein hat, imd so ist sie unsterbhch (Vors. 14 A 12). Die Gesundheit beruht 
nach Alkmaion auf einem Gleichgewicht der Kräfte, des Feuchten und Trocknen, 
Kalten und Warmen, Bitteni und Süßen usw., einem Gleichgewicht, das er unter 
einem der Politik entnommenen Bilde als Gleichberechtigung, loovoitlu, bezeichnete, 
während er das Krankheit herbeiführende Überwiegen einer Kraft Alleinherrschaft, 
/Koragyia, nannte. Nach Aetios' (5, 30, 1) vielleicht spätere Systematik ein- 
mengendem Berichte hätte er dabei das vqp' ov der Krankheit (Übermaß von 
Wärme oder Kälte) von dem i^ ov (Fülle oder Mangel an Nahrung) und dem iv 
oFc iBlut, Mark, Gehirn) geschieden (Vors. 14 B 4). Hervorhebung verdient noch 
das sinnvolle 2. Fragment : die Menschen, so heißt es da, gehen darum zugrunde, 
weil sie den Anfang nicht an das Ende anknüpfen können. Alkmaion geht dabei 
aus von der Vorstellung einer Kreislinie, bei der es kein Aufhören gibt, weil 
hier überall neben dem Ende der Anfang liegt. Eine solche Kreislinie ist unser 
(leibliches) Leben nicht, wir vermögen nicht an den Tod die Geburt anzuknüpfen. 
Veranlassung zu der Bemerkung bot vielleicht die Parallele der Seele mit den 
Gestirnen: während diese auch körperlich in ihren Kreisbahnen ewig bestehen, ist 
das Gleiche dem Menschen nach seinem leiblichen Wesen nicht vergönnt. 

Epicharmos aus Kos, der Sohn des Elothales, geb. um 550, gest. zu Syrakus 
um 4(i0, läßt in der ersten der von Diog. Laert. (3, 9 — 17) angeführten Dich- 
tungen einen mit eleatischer, pythagoreischer und besonders mit heraklitischer 
Philosophie bekannten Mann mit einem der Philosophie fernstehenden Anhänger 
der religiösen Vorstellungen der alten Dichter und des Volkes sich unterreden. 
In einem andern der dort erhaltenen Fragmente wird der Unterschied erörtert, der 
zwischen der Kunst und dem Künstler bestehe, wie auch zwischen der Güte und 
dem Manne, der gut sei, und zwar in Ausdrücken, die an die platonische Ideen- 
lehre erinnern, aber doch nicht ganz im platonischen Sinne zu nehmen sind, 
der auf den Unterschied zwischen dem Allgemeinen und Individuellen geht, sondern 
vielmehr im Sinne der Unterscheidung zwischen Abstraktem und Konkretem. Ein 
drittes Fragment folgert aus Kunstfertigkeiten der Tiere, daß auch sie Vernunft 
haben. Ein viertes enthält in seinen Ausdrücken über die Verschiedenheit des 
Geschmacks Anklänge an die Verse des Eleaten Xenophanes über die Verschieden- 
heit der Göttervorstellungen. Ein philosophisches System läßt sich dem Epichar- 
mos nicht zuschreiben. Piaton sagt Theaet. p. 152 a, der Komiker Epicharmos 
huldige, gleich wie Homer, der von Heraklit auf ihren allgemeinsten philosophischen 
Ausdruck gebrachten Weltanschauung (die in dem Wahrnehmbaren und Ver- 
änderhchen das Eeale finde). Klassische Aussprüche des Epicharmos sind: iw/s 
H(u uhirao d.-Ttozeiv, äoüoa tuvtu xäv (foeviov (,,sei nüchtern und vergiß nicht zu 
mißtrauen; das sind die Gelenke [die für jede Bewegung entscheidenden] des 
Geistes"; anders Diels: „Nüchternheit und Mißtrauen, das sind des Geistes Arme" 
Vors. 13 B 13) und: vovg oorj xai vov? ay.ovei, rä'/J.a y.cocpä xai xvtpXa („der Ver- 
stand sieht und der Verstand hört: alles andere ist taub und blind" Vors. 13 B 
12). Der römische Dichter Ennius hat ein pythagoreisierendes Lehrgedicht einem 
(angeblich) epicharmischen nachgebildet. Es gab frühzeitig mancherlei Fälschungen 



36 § 16. Pythagoras und die Pythagoreer. § 17. Die Eleateu überhaupt. 

unter dem Namen des Epicharmos. Zur Frage nach der Echtheit der die Philo- 
sophie berührenden Fragmente s. Diels, Vors. 13 B Vorbemerkung. 

Hippodamos aus Milet, ein Zeitgenosse des Sokrates, Architekt, der die 
Straßenanlage im Peiraieus geleitet, den Plan zur Xeuanlage der Stadt Rhodos aus- 
gearbeitet und sich auch in Thurioi aufgehalten hat, ist (nach Arist. Polit. 2, 8, 1267 b 
22 ff., Diels, Vors. 27, 1) ebenso wie (nach Arist. Polit. 2, 7, 1266 a 36, Diels ebenda) 
Phaleas, der Chalkedonier, und (nach D. L. 3, 37 und 57) der Sophist Protagoras, ein 
Vorgänger Piatons in der Bildung politischer Theorien. Er war nach der Angabe des 
Aristoteles der erste Privatmann, der es unternahm, etwas'über die beste Staatsver- 
fassung zu sagen. Das Gebiet des Landes soll in drei Teile zerfallen: das heilige 
für den Gottesdienst, das Gemeinland für den Unterhalt des Wehrstandes und 
das Privatgebiet. Es soU drei Arten von Gesetzen geben, nämlich in bezug auf 
vßgig, ß^Mßt], ■davajo?. Den Gerichtshöfen soll ein Appellationsgericht über- 
geordnet sein. Ob und wie weit Hippodamos zum Pythagoreismus in Beziehung 
stand, ist nicht sicher. Zu den späteren Fälschungen unter den Namen von Alt- 
pythagoreern gehörte auch eine unter dem von ,, Hippodamos dem Pythagoreer-' 
und eine unter dem von ,, Hippodamos dem Thurier", womit der nämliche gemeint 
zu sein scheint. Fragmente dieser Fälschungen sind bei Stobaios erhalten (Flori- 
leg. 43, 93—95; 98, 71; 103, 26). Phaleas strebte danach, der Ungleichheit 
des Besitzes der Staatsbürger vorzubeugen, die leicht zu revolutionären Bewegungen 
führe; er forderte, imd zwar zuerst, l'aag elrai läg y.n'joeig tojv -rolixöir (Arist. Pol. 
2, 7, 1266 a 40). 

Auch der tragische Dichter Ion von Chios in der zweiten Hälfte des 
fünften Jahrhunderts vor Chr. zeigte sich in einer rgiayfwg („Dreisieg'') oder 
ronr-iioi betitelten Prosaschrift von pythagoreischer Lehre beinflußt. Und zwar 
knüpfte er an die Hochhaltung der Zahl drei an, die als Anfang, Mitte und Ende 
umfassend von den Pythagoreern als die bestimmende Zahl für das All betrachtet 
wurde (Vors. 45 A 17). So schrieb er in dem angeführten Werke: „Alles ist drei 
und nichts ist mehr oder weniger als diese drei. Eines jeden einzelnen Trefflichkeit 
ist eine Dreiheit, Verstand und Kraft und Glück" (Vors. 25 B 1 ; zu der hier dem 
Glück angewiesenen Stellung vgl. auch 25 B 3). Neben einer Erwähnung des 
Pythagoras in dem Triagmos (Vors. 25 B 2) liegt auch eine Anspielung auf dessen 
Unsterblichkeitslehre in einem Epigramm vor, dessen Echtheit freilich nicht un- 
zweifelhaft ist (Vors. 25 B 4). 

Pythagoreische Gedanken haben auch auf den Bildhauer Polykleitos 
eingewirkt, der in einer Kcwmv betitelten Schrift über die normalen Maßverhält- 
nisse zwischen den Teilen des menschlichen Körpers handelte und die hier dar- 
gelegte Theorie in einer gleichfalls Kunöv benannten Musterstatue veranschaulichte. 
Er begründete seine Lehre auf die ov/tfieTgia der Körperteile untereinander (für 
den pythagoreischen Begriff der Symmetrie vgl. das Wortregister zu Diels' Vor- 
sokratikern u. d. W. avfifXFToi'u) und behauptete: rö ev naga fuyoov biä 7io).).ö)y agtdnwv 
yiv£Tui („das Gelingen [eines Kunstwerks] hängt von vielen Zahlenverhältnissen 
ab, wobei eine Kleinigkeit den Ausschlag gibt", Übers, von Diels 28 B 2). 

i^ 17. Die eleatische Lehre von der Einheit des Alls 
wurde in engerer, theologischer Form von Xeno]Dhanes aus 
KolojDlion begründet, allgemeiner als Lehre vom Sein durch 
Parmenides von Elea weiter entwickelt, dialektisch in der 
Polemik gegen die gewöhnliche Annahme einer Vielheit von Ob- 
jekten und eines Werdens und Wechseins durch Zenon von 



§ 17. Die Eleaten überhaupt. gj 

Elea in der Weise verteidigt, daß die gangbaren Anschauungen 
vermittels eines indirekten Beweis Verfahrens ad absurdum ge- 
führt wurden, während Melissos aus Samos die eleatischen 
Grundlehren wieder auf direktem Wege zu festigen suchte. 

Daß die unter den aristotelischen Schriften auf uns gekommene, von einigen 
gewiß mit Unrecht dem Theophrast zugeschriebene, sicher erst von einem späteren 
eklektischen Peripatetiker (nach Diels, Abh. der Berliner Ak. 1900, ungefähr zur 
Zeit der Geburt Chi-isti) vielleicht mit Benutzung von Aristoteles Tlgog za Sevoqm- 
rovg ä ITgo; rä Msllooov ä verfaßte Abhandlung „De Xenophane, Zenone, Gorgia" 
in ihrem ersten Abschnitt (Kap. 1 und 2) nicht von Xenophanes, sondern von 
MeUssos handle, hat bereits Buhle in der (unter Liter, zu § 17 angeführten) 
Abhandlung über den Pantheismus bemerkt, das Gleiche hat Spalding nachge- 
■wiesen, und nimmt mit ihm auch Fülleborn, der früher anders geurteilt hatte, in 
den ,,Beitr." an, ebenso auch Brandis und alle späteren Forscher, da es aus der 
Vergleichung mit den anderweitig uns bekannten Lehren des Melissos sich ganz 
evident ergibt. Auf wen der zweite Abschnitt (Kap. 3 und 4) geht, ob auf Xeno- 
phanes oder auf Zenon, ist lange Zeit unentschieden gewesen. Doch kann jetzt 
als gesichert gelten, daß die Lehre des Xenophanes darin dargestellt wird. Der 
letzte Abschnitt (Kap. 5 und 6) handelt unzweifelhaft von Gorgias. 

Die Frage ist, wie weit die Schrift in den Abschnitten über die beiden 
Eleaten Zuverlässiges bietet. Hier erregen nun die Ausführungen über Xeno- 
phanes die größten Bedenken, auf die Zeller, Phil. d. Gr. I P, 507 ff. hingewiesen 
hat. Jenen Ausführungen zufolge hätte der Philosoph u. a. gelehrt, die Gottheit 
sei weder unbegrenzt noch begrenzt. Unbegrenzt sei das Nichtseiende. Denn 
dieses habe weder Anfang noch Mitte noch Ende noch sonst einen Teil. Derart 
aber sei das Unbegrenzte. Das Seiende aber (die Gottheit) sei nicht wie das 
Nichtseiende. Andererseits setze das Begrenzte eine Mehrheit voraus (jede Grenze 
trennt mindestens zwei Dinge). So widerspreche die Begrenztheit der Einheit der 
(mit dem All identischen) Gottheit. Ferner hätte Xenophanes behauptet, die 
Gottheit sei weder bewegt noch unbewegt. Unbewegt sei das Nichtseiende (dem 
das Seiende nicht gleiche). Die Bewegung aber setze mit der Veränderung wieder 
die Mehrheit voraus (Vors. 11 A 28, 8—11). Diese Angaben widersprechen nun 
den sichersten Zeugnissen über Xenophanes' Lehre. Er selbst erklärt mit deut- 
lichen Worten Gott für unbewegt (Vors. 11 B 26): aiel d' sr zavro) fu'firei xivov- 
fievog ovdsv ovös UEzeQyeodat /iiv ejiijiqejzei äkloze ä?J.ij: „immer am gleichen Orte 
verbleibt er sich gar nicht bewegend, und es ziemt ihm nicht bald hier- bald 
dorthin zu gehen"). Ferner sagt Aristoteles Metaph. 1, 5, 986 b 18 ff. (Vors. 11 A 
30), Xenophanes habe sich über die begriffliche oder materielle Natur des Einen 
und im Zusammenhange damit über seine Begrenztheit oder Unbegrenztheit nicht 
näher geäußert {UuQ/nevidijg fiev yäg eoixe zov xaza zov Xöyor kvog obirea&ai, 
MeXiooo? 8e zov y.aza ztjv vlt]V 8i6 xai 6 (.ihr jiEJZEQaojiiErov, 6 8' ä:iecQÖv q^ijaiv 
■Birai avzö. Zevo(pdv7]g 8k jzgönog zovzcov sviaag .... ovSkr SiEaaqirjvioEV ov8e zijg 
•fpvasoig zovzcov ov8EZEQag eoixe dr/Eiv, a).)' eig zov o).ov ovquvov d:zoßXB^'ag z6 ev 
■slvai (ft]oi zöv dsöv). Dazu stimmt, daß man auch in späterer Zeit darüber stritt, 
ob Xenophanes sein Seiendes als unbegrenzt oder begrenzt gedacht habe: Niko- 
laos von Damaskos war der ersteren, Alexander von Aphrodisias der letzteren 
Ansicht. Danach läßt sich mit Sicherheit annehmen, daß Simplikios seine 
mit De Mel. Xenoph. Gorg. übereinstimmende Angabe (Phvs. 22, 26 ff., Vors. 
11 A 31, 2) nicht aus Theophrast hat, auf den er sich beruft. Er hat viel- 



gj^ § 18. Xenophanes aus Kolophon. 

mehr Theophrast, den er durch Vermittlung des Alexander benutzte, mit den» 
betreffenden Abschnitt der Schrift De Mel. Xen. Gorg. kombiniert (s. Diels, Vors. 
z. d. Stelle) und den Widerspruch mit Xenophanes Fragm. 26 durch eine künst- 
liche Interpretation des letzteren auszugleichen versucht (Vors. 11 A 31, 7). Auch 
die in fortlaufender Aufstellung von Dilemmen und Widerlegung beider Glieder 
der Dilemmen sich bewegende Darstellung in dem Xenophanes behandelnden Ab- 
schnitt von De Mel. Xen. Gorg. paßt nicht zu der Vorstellung, die wir uns von 
der Weise des Xenophanes machen müssen, besonders da er und Melissos von. 
Aristot. Metaph. 1, 5, 986 b 26 (Vors. 11 A 30) als /luxqov dygotnÖTsgoi bezeichnet 
werden. ]\fan wird also diese Quelle für die Lehre unserer Philosophen nur mit 
größter Vorsicht zu benutzen haben. 

§ 18. Xenophanes aus Kolof)hon in Kleinasien, geb. 
etAva 580/77, der später nach Elea in Unteritalien übersiedelte,, 
bekämpft in seinen Gedichten die anthropomorphischen und 
anthropopathischen Göttervorstellungen des Homer und Hesiod 
und stellt die Lehre von der einen, allwaltenden Gottheit 
auf. Dieser einige Gott ist ihm aber zugleich die Welt, ist nicht 
geworden — denn das Seiende kann nicht werden — , ist ohne 
Bewegung und Veränderung, den ganzen Raum ausfüllend. Er 
ist ganz Auge, ganz Ohr, ganz Denkkraft; mühelos bewegt und 
lenkt er alle Dinge durch die Macht seines Gedankens. Mit 
diesen Sätzen von dem einen und allein Seienden ist Xenophanes 
der Stifter der eleatischen Schule und zugleich der erste Meta- 
physiker. 

Antike Überlieferung über Leben, Schriften und Lehre. Frag- 
mente: Diels, Poet."philos. fragm. p. 20 ff., Vors. c. 11. (Frühere Sammlungerfc 
s. im Literaturverzeichnis zu §§ 17. 18.) Chronologie: Jacobv, Apollod. Chron.. 
8. 204 ff. Kühl. Rhein. Mus. 62 (1907), 427. 

Xenophanes hat nach seiner eigenen Aussage (bei Diog. L. 9, 18, fragni^ 
8 Diels) im Alter von 25 Jahren seine Wanderungen durch Hellas begonnen und 
ist nach dem gleichen Zeugnis jedenfalls mehr als 92 Jahre, nach der Angabe- 
des Censorinus (Vors. 11 A 7) über 100 Jahre alt geworden. ApoUodoros bei 
Klem. AI, Strom. 1, 64 (fragm. 22 Jacoby, Diels Vors. 11 A 8) setzt nach Ritters 
sicherer Emendation eines von Klemens schon aus seiner Quelle übernommenen 
Fehlers seine Geburt in Ol. 50 (580/77 v. Chr.); seine Blüte verlegt Apollodor 
(Diog. Laert. 9, 20, fragm. 21 b Jacoby, Vors. 11 A 1, 20) in Ol. 60 (540/37). 
Daß er Pythagoras überlebt hat, wie gewöhnlich angenommen wird, läßt 
sich nicht nachweisen; jedenfalls berücksichtigt er in fragm. 7 dessen Seelen- 
wanderungslehre. Auch Diog. Laert. 9, 18 (Vors. 11 A 1, 18) erwähnt die Be- 
kämpfung des Pythagoras durch ihn. Er wird seinerseits bereits von Heraklit 
genannt, der ihm .-To/.v^ai9it] zuschreibt ebenso wie dem Pythagoras. In seinem 
höheren Alter lebte er in Elea {'EXea, ' Yfhj, Velia), einer 540_vor Chr. gegründeten 
Kolonie der, um der Perserherrschaft zu entgehen, ausgewanderten Phokäer. 
Seinen Lebensunterhalt erwarb er sich durch den Vortrag seiner Gedichte. Vo]> 
seinen Elegien haben sich längere Fragmente, von den philosophisch aggressiver* 
Zi'/J.oi, den Uuoojfilat, die mit den Sillen vielleicht identisch sind, und dem Gc- 



§ 18. Xenophancs aus Kolophon. ^\) 

dicht rffgi f/ voecoc nur kürzere, und auch nur wenige, erhalten. Seine Dichtung 
trägt durchweg einen sittlich-religösen Charakter. In einem von Athenaios (11, 
p. 402) erhaltenen längeren Fragmente (1 Diels), wo er ein heiteres Gastmahl 
schildert, fordert er auf, zuerst die Gottheit (die Xenophanes bald durch Osög, 
bald durch Oeoi bezeichnet) mit reinen, heiligen Worten zu preisen, mäßig zu sein, 
von Beweisen der Tugend zu reden, nicht von Titanenkämpfen und ähnlichen 
Fabeln der Alten {.-i/.dnuuTa tcD»' :;iqotsqcov); in einem anderen Fragmente (bei 
Athen. 10, p. 413 f., Vors. 11 B 2) warnt er vor Überschätzung der Überlegen- 
heit in den Kampfspieleu und hält es nicht für billig, dieselbe der Geistesbildung 
vorzuziehen {ovde Sixaiov :rooy.qiveiv §o\u>jv rf/g dyadt'jg on'fi);g). 

Daß der Gott des Xenophanes die Welt selbst oder das Weltganze, seine 
Einheit die Einheit der Welt sei, ist schon früh angenommen worden. Zwar 
finden wir diese Lehren von der Identität Gottes und des Weltganzen und von 
der Einheit der Welt nicht in den auf uns gekommenen Fragmenten des Xeno- 
phanes selbst, aber sie sind doch sonst aufs sicherste bezeugt. In dem ])lato- 
nischen Dialog Sophistes (p. 242 c d, Vors. 11 A 29) sagt der Leiter der l'nter- 
redung, ein Gast aus Elea, in zusammenfassendem Ausdruck: die von uns aus- 
gegangene Eleatensekte, von Xenophanes her und seit noch früherer Zeit, macht 
in ihren philosophischen Vorträgen die Voraussetzung, daß dasjenige eins sei, 
was mau alles zu nennen pflegt (oS? irog orrog xwv jiärrojv y.a'/.oviiiviov). Die 
j.noch Früheren" sind wohl gewisse Orphiker, die den Zeus als die allein- 
herrschende Macht, als Anfang, Mitte und Ende aller Dinge preisen. Aristoteles 
sagt Metaph. 1, 5, 986 b 21: „Xenophanes, der erste Einheitslehrer unter den 
eleatischen Philosophen — Farmenides wird sein Schüler genannt — , hat sich 
über das Wesen des Einen nicht deutlich erklärt (so daß man nicht sieht, ob er 
begriffliche und daher begrenzte Einheit, wie später Parmeuides, oder eine mate- 
rielle und daher unbegrenzte, wie später Melissos, meint; er scheint diesen Unter- 
schied noch nicht ins Auge gefaßt zu haben), sondern sagt nur, auf das AU 
blickend, das Eine sei der Gott'" {Esrocfdrtjg dk jzQ'Jörog tovtmv kvioag — etg Tor o/.ov 
ovQuvöv d7ioß?Jtfag x6 ev slvai (fr]ai zöv üeöv). Auch liegt kein Grund vor,. 
Xenophanes von dem zusammenfassenden Ausdruck bei Aristoteles Metaph. 1, 5^ 
986 b 10: elol 8s iivsg, ot rrtot rov .Tarrö? cbg dr fiiäg oi'ofjg (fi'aso)c drrFffi'jvavro, 
auszunehmen, zumal er unmittelbar darauf unter den Betreffenden genannt wird. 
Simplikios sagt zur aristotelischen Physik, S. 22 Diels (Vors. 11 A 31): IV t6 ov 
Hai :i:uv Esvorfdvrjv . . . vjiOTidsadai <prjoiv 6 Oeörpouarog und weiter: ro yuQ sv 
Tovro y.al miv rov dsov sleyev o Eevo(pdvrjg (aus dieser Stelle scheint der für das 
eleatische Seiende übliche Ausdruck: ev y.al näv entnommen; ebenso bemerkt 
Theophrast nach Alexand. z. Metaph. p. 31 Hayd. [Vors. 18 A 7] von Parmenides: 
xar' dh]deiav f.iev ev z6 Tiäv y.al dysvfjzov Hat offaioosiöeg i'n:o/.aiißdro}r). Die Ein- 
heit Gottes bewies Xenophanes daraus, daß Gott das Beste von allem sei (Simpl.. 
ebendas. : oV [öedrj sva fikr öeiyvvoiv ey. rov ndvTon' y.oäriorov eiruf :i}.ei6yior ydo, 
(pt]Oiv, ovTcov 6/.coicog vjtÜQxeiv dvdyy.rj nüoi ro y.oarsTv' ro 8s :rdvro)v y.odrtoror y.al 
doiorov Osog, was aus De Mel. Xen. Gorg. 3, 3 f. hergeleitet sein kann, aber nicht 
unglaubwürdig klingt). Der SUlograph Timon (bei Sext. Empir. hypotyp. Pyrron, 
1, 224, Timon fragm. 59 D., s. auch Vors. 11 A 35) legt ihm die Worte in den 
Mund, wohin er auch seinen Blick wenden möge, löse sich ihm alles in eine Einheit 
auf (o.T.'zt) yäg sfiov vöov sigvoai/xt, elg sv ravzö ze näv dvs'/.vsro, cräv 8' sdv alsi ndvit] 
dvs/.HÖfierov fit'av stg (fvoiv iozad' ouoi'tjv). — Wenn Xenophanes öfters von Göt- 
tern redet, so will er sieh damit nicht etwa selbst zum Polytheismus bekennen,, 
sondern er braucht die Mehrzahl in herkömmlicher Weise, wie das bei entschiedenen 
Monotheisten häufig vorkommt. 



t)(l § 18. Xenophanes aus Kolophon. 

Von dieser einheitlichen, ewigen und unveränderlichen Gottheit, besonders 
in ihrem Gegensatze zu den polytheistischen und anthropomorphistischen Vor- 
stellungen der Volksreligion, handeln zahlreiche unter den erhaltenen Fragmenten 
des Xenophanes, darunter manche von großer poetischer Schönheit und Kraft. 
So heißt es bei Clem. Alex. Strom. 5, 109 (II p. 399, 16 Stähl.; Vors. 11 B 23): 

Eig deo; er zs &£oToi xai avÜQWJToioi /liyiorog, 
ovTE dsfiag ßvrjToiaiv S/uouog ovre r6)]fia 

(,,[Es ist nurj Ein Gott, unter Göttern und Menschen der größte, weder an 
Gestalt den Sterblichen gleich noch an Gedanken," Mit den Worten „unter Göttern 
und Menschen der größte" soll dieser Gott nicht etwa mit anderen Göttern ver- 
glichen, sondern es soU nur — m Anbequemung an herkömmliche Ausdrucks- 
weise — seine alles überragende Größe bezeichnet werden); 
bei Sextus Empir. adv. math. 9, 144, vgl. Diog. L. 9, 19 (Vors. 11 B 24): 
Ov?m; oqu, ov}.og de vosT, ov?m; Öe r' äy.ovf.i 

(„[Die Gottheit] ist ganz Auge, ganz Geist, ganz Ohr" Diels); 
bei Simplic. ad Arist. phys. p. 22, 9 (Vors. 11 B 26): 

AIeI ?> fv ravTO) ^i/irei y.i).. (s. oben S. 87); 
«bendaselbst p. 23, 19 (Vors. B 25): 

^AkV ajrävevdE Tiövoio vöov qoev'i Trävia y.Qa8aivEi 
i.,Doch sonder Mühe schwingt er das All mit des Geistes Denkkraft" Diels); 
bei Clem. Alex. Strom. 5, 109 (II p. 399, 19 Stähl.; Vors. 11 B 14): 

^A)J' Ol ßQOToi boxEOvai yEvväodai deovg, 

xrjv arpEiEOijv d' Eodrjxa e/eiv q^wvt)v te ds/nag re 

(„Aber die Sterblichen glauben, die Götter würden geboren und hätten ihre 
[der Sterblichen] Kleidung und Stiraeie und Gestalt"); 
ebenda (.II 401 Stähl, Vors. 11 B 15; Text nach Diels): 

'^?J.' El yEiQa? E/or ßÖE? (Jtijioi t') yk ).eoviE?, 

i) (1. xail) YQayai ysigEoai xai EQya xeXeTv Üjteq ävÖQES, 

i'jTJTOi fiEV #' i'jrjioiai, ßÖFg ds te ßovair o^ioiag 

Hai {he) {^EÜiv IÖeus syQaqov y.ai adi^iar i.-toiovv 

Toiavß' otör TTEQ y.avrol dsfiag Eiyov (^Ey.aoxoi) 
(„Aber wenn die Ochsen und Pferde und Löwen Hände hätten oder [und?] 
malen könnten mit ihren Händen und Werke schaffen, wie die Menschen, dann 
würden die Pferde pferdegleiche, die Ochsen ochsengleiche Götterbilder malen und 
<ler Götter Leiber je ihrer eigenen Gestalt entsprechend bilden"). 
Vgl. Clem. Alex. Strom. 7, 22 (III p. 16, 6 Stähl.; Vors. 11 B 16; Text nach 
Diels): üg rprjaiv o Eevo(pä%'i]g' 

AWioTTEg TE (ßEovg aq)EXEQovg} oifiovg fiü.aväg xe 

OQfjxEg XE ylavxovg xai ixvQQOvg (ifmai TXEha&ai} 
(.,Die Athiopen sagen von ihren Göttern, sie seien stumj^fnasig und schwarz^ 
die Thraker von den ihrigen, sie seien blauäugig und rothaarig"). 
Bei Sext. Empir. adv. math. 9, 193 (Vors. 11 B 11) heißt es ferner: 

IJärxa ßsoTo' drs^tjyav "0/iT]oög ??' 'Hoiodög xe, 

oooa Jiao' dv&gcojxoiair ovEiÖEa y.al yöyog ioxiv, 

>i?JjrxEiv fioi/Evsir xe y.ai a).h']/.ovg ajTaxEVEtr 



§ 18. Xenophanes aus Kolophoii. 91 

(„Alles haben Homer und Hesiod den Göttern zugeschrieben, was bei Men- 
schen Schimpf und Tadel ist, stehlen, ehebrechen und einander betrügen"); 
ebendaselbst 1, 289 (Vors. 11 B 12): 

{"OfiTjQOg dk y.al 'HaloÖog aazä xov Koloff^wrior EFrnii'ävrfi 

cos TiXelax l(p^iy^avzo -^swv dde/niaTia egya, 

xXejixsiv ^loiyevsiv re xal älXi^?.ovg aTiaxevsiv 

(,,Wie SO gar viele frevelhafte Taten haben Homer und Hesiod von den 
Göttern erzählt, stehlen, ehebrechen und einander betrügen'*). 

Arist. Ehet. 2, 23, 1399 b 6, Vors. IIA 12, bemerkt : Esvof:'dvi]g ehyev, Sri o/^wloig 
•aoeßovaiv oi yevsoOai (pdoyorreg xovg ■dsovg xoTg dnodavsTv ksyovoiV dnqiOTEnojg yaQ 
<fv/iißuirEi uij elvai xovg deovg hote („Nach Xenophanes ist es die gleiche Irre- 
ligiosität zu sagen, die Götter würden geboren, wie zu behaupten, sie stürben; denn 
in beiden Fällen folgt, daß die Götter zu einer gewissen Zeit nicht sind"). Als 
■Gegner der widerspruchsvollen landläufigen reügiösen Anschauungen und Kult- 
gebräuche erscheint Xenophanes auch in der ebenda 26, 1400 b 5, Vors. 11 A 13, 
berührten Anekdote : Zsyoq-ävijg 'E/.Eäxaig eQcoxcäaiv, sl ßvcooi xfj Aevxo&eu y.ai &(j>j- 
1'cöoii' 7] fitj, ovvEßov).EVEV, El fiEV d^Eov VjioXafißävovoiv , fii] ■dQtjreir, sl d' ärdoojTTOv, 
ftij dvsir („Als die Eleaten Xenophanes fragten, ob sie der [aus einer mensch- 
lichen Frau zur Göttin gewordenen] Leukothea opfern und sie [als Tote] betrauern 
sollten, riet er ihnen, wenn sie sie für eine Göttin hielten, sie nicht zu beklagen, 
wenn aber für einen Menschen, ihr nicht zu opfern"). 

Nach einer weitverbreiteten Überlieferung hätte sich nun Xenophanes seine 
Gottheit als kugelförmig vorgestellt (s. d. Stellen Vors. 11 AI, 19 ; 11 A 28, 
3, 7. 11: 11 A 31, 9; 11 A 33, 2. 34. 35. 36). Diese Angabe, die sich auch in 
■der aus Theophrast hergeleiteten (s. Diels z. d. Stelle) Doxographie bei Diog. Laert. 
9, 19 findet, widerspricht aber der oben angeführten Stelle der aristotelischen 
Metaphysik, nach der sich Xenophanes über Begrenztheit oder Unbegrenztheit 
seines sr nicht erklärt hat. Sie muß auf einem Mißverständnis beruhen: aus der 
Lehre des Xenophanes von der Gleichmäßigkeit der Gottheit (Vors. 11 A 28, 3, 11; 
11 A 33. 35), d. h. der Unveränderlichkeit und Unterschiedslosigkeit des allem 
wechselnden Einzelnen immanenten ei>, schloß man auf eine mathematische Gleich- 
mäßigkeit ihrer Gestalt, die man als Charakteristikum der Kugel zu betrachten 
pflegte (vgl. etwa Plat. Tim. 33 b : öi6 y.al arpaiQostdeg ex ftsaov Träri)] noog rag 
XE/.EVxag l'oov ujxiyov xvyJ.oxEQEg avro ixogvEvoaxo, jrdvxcor xsXEOJxaxov 6 /^loiöx axov 
xe avro iavxM ayi] fiäxcov , voiiloag fivoico xä)J.iov ofioior dvofwiov ; Vgl. auch 
Cic. de nat. deor. 2, 18, 47). Dazu kam die parmenideische Lehre von der Kugel- 
gestalt des Seienden, die es nahe legte, auch Xenophanes in diesem Sinne zu 
verstehen (vgl. auch ZeUer I 1» S. 537 ff.). 

Nur scheinbar ist ein ^V^iderspruch zwischen Xenophanes' eigenen Worten 
und der schon mehrfach erwähnten Metaphysikstelle. Xenoph. fragm. 28 lautet: 
rah]g fikr xods Tieioag ävo) Jiagd jroaoir ooäxai 
■fjEOi nooojtkd^ov , x6 xdxco 5' lg äjiEioov ixrEixai 

(„Von der Erde ist eine Grenze hier oben zu unseren Füßen sichtbar und stößt an 
4ie Luft, ihr unterer Teil aber erstreckt sich ins L^nbegrenzte"). Hier ist dneit^ov 
im Sinne von „unbegrenzt", nicht von „grenzenlos", „unendlich" zu fassen, d. h. 
eine Grenze läßt sich hier — im Gegensatze zu der unseren Augen sichtbaren 
oberen Grenze — nicht ziehen („ins Unermeßliche" übersetzt Diels und erklärt 
aTTEiooi' als ,,indefinitum nicht infinitum"; s. auch Zeller I P S. 539 f.). 

Im Sinne einer Fortsetzung der altionischen Urstofflehre ist viel- 
fach fragm. 27 verstanden worden: 



92 § 18. Xcnophanes aus Kolophon. 

^ Ey. yaii/g yay .Tärrn xal eig yfjv rruvTd Tfkei'To. 

(,,Denii aus Erde ist alles und zur Erde kehrt alles am Ende zurück"). Ho 
schon im Altertum Olympiodor de arte sacr. 24 p. 82, 21 (Vors. 11 A 36): ri/v 
ftfy yn(J yfji- ovfict; iöo^aaFv nvai uoytjv, ei tilj Eerocpdvt]? 6 KoXocpcjrtog. In einer 
Doxographie scheint die gleiche Angabe der unter Hadrian lebende Sophist Sabinos 
gefunden zu haben, wenn er nach Galen, in Hippocr. d. nat. hom. 15, 25 K. 
(Vors. ebenda) schrieb: ovxe yäg Jid/njiav dega PJyco zöv ardQCOjiov mojteq '^va^i/nivtjg^ 
oi'TE v(i(og cog ßa/.t]g ovxe yfjv cog ev xivi (geraeint ist wohl die Stelle, aus der unser 
F'ragment stammt) EEvoffdvtjg. Dagegen bemerkt schon Galen, daß sich von einer 
solchen Lehre des Xenophanes doch etwas in Theojjhrasts (Pvoiy.wv dötai finden 
müßte. Wir können noch hinzusetzen, daß Aristot.. Metaph. 1, 8, 989 a 5 aus- 
drücklich sagt, niemand unter denen, die einen Urstoff aufstellten, habe die 
Erde als solchen bezeichnet. Xenophanes' Worte können demnach nur in dem 
Sinne verstanden werden, daß alles, was in der uns umgebenden Welt entsteht 
und vergeht, von der Erde seinen Ausgang nimmt und wieder zu Erde wird, 
woraus nicht folgt, daß die Erde der 1 e t z t erreichbare Stoff, der Urstoff, wäre. 
Der Philosoph knüpft hier wohl an alte volkstümliche Vorstellungen von der 
Erde als der Allerzeugerin an (vgl. Albr. Dieterich, Mutter Erde^ S. 66). 

Ahnliches gilt von zwei Aveiteren Sätzen des Philosophen, aus denen gleich- 
falls falsche Schlüsse auf seinen philosophischen Standpunkt gezogen worden sind. 
Fragm. 29 lautet: 

r>] HUI vötOQ Jidvx'' iad^ oaa yivovxai ^8e cfvovxai 
(„Erde und Wasser ist alles was entsteht und wächst"). Fragm. 33: 

nävxEg yuQ yairjg xe xal vSaxog ixyEvö/nEO&a 
(„Denn wir alle sind aus Erde und Wasser entstanden"). 

Danach machten antike Berichterstatter Xenophanes zum Vertreter einer 
Lehre von zwei Grundstoffen, der Erde und dem Wasser oder dem Trocknen und 
Feuchten, so u. a. Porphyrios bei Philopon. in Arist. Phys. 125, 27 Vit. unter Be- 
rufung auf den in Fragm. 29 erhaltenen Vers. Philoponos setzt dazu Homer 
Ilias 7, 99 («/A' v/nEig ixev jxdvxsg vScoq xal yala yEvoiaÜE) in Parallele. Die Zu- 
sammenstellung, für die auch Fragm. 33 zu berücksichtigen wäre (wie es vom 
Schol. zu Hom. II. 7, 99 geschieht), ist lehrreich. Nur werden wir daraus nicht 
mit Porphyrios schließen, daß schon Homer das Dogma von jenen beiden Prin- 
zipien vertreten habe, sondern umgekehrt, daß die beiden Sätze des Xenophanes 
wie der homerische Vers durchaus undogmatisch und als Anlehnung an die 
populäre Beobachtung aufzufassen sind, daß alle organischen Wesen aus trocknen 
und flüssigen Stoffen bestehen. So bleiben auch diese Fragmente im Einklang 
mit Aristoteles, nach dessen Bemerkungen über Xenophanes in seinem Verhältnis 
zu Parmenides (Metaph. 1, 5, 986 b 21—34) eine Lehre des ersteren von zwei 
o-QY.ai völlig ausgeschlossen ist. 

Aus Xenophanes' physikalischen Theoremen ist hervorzuheben, daß die 
Gestirne nach ihm aus entzündeten Wolken entstehen. Im letzten Grunde ist 
also auch bei ihm wie bei Anaximenes und Heraklit die Ausdünstung der Erde 
der Entstehungsgrund für die Gestirne. Die Entzündung der W^olken erfolgt 
durch ihre Bewegung. Die Gestirne verlöschen täglich (Untergang) und entzünden 
sich wieder aufs neue (Aufgang). Die Bahn der Sonne ist geradlinig; ihre Kreis- 
bewegung ist eine durch die große Entfernung zu erklärende optische Täuschung 
(s. die Stellen Vors. 11 A 38 ff. 33). Auch die Iris war ihm ein rE(iog (Vors. 
11 B 32). Die Beobachtung, daß sich Versteinerungen von Seetieren in den 



§ 18. Xenoi^hanes aus Kolophon. 93 

syrakusischeii Bergwerken, auf der Insel Faros in den Marmorbrüchen und über- 
haupt vielfach inmitten des Landes und auf Bergen fanden, erklärte Xenophanes 
(nach Hippol. Ref. 1, 14, Vors. 11 A 33) durch die Annahme, daß einst das 
Meer das Land bedeckt habe, die sich ihm sofort zur Theorie eines periodischen 
Wechsels zwischen einer Mischung und Sonderung von Erde und Wasser er- 
weiterte. Nicht nur Wolken und Büßwasser bilden sich nach Xenophanes aus den 
Dünsten des Meeres, sondern auch der Wind, wie die Verse aus den Genfer 
Schollen zur Ilias (Vors. 11 B 30) bezeugen (Text nach Diels' Herstellung): 

^'ly'l '^' *'^'^' i)a.)Maa vÖaiog, Tirjyi) S' dve^ioio. 
ovze yoLQ er vecpeaiv {jiroiai y dvefioio qpi'oi.vro 
iHTtvelovrog) eacoßsv ävsv tiövtov /usynloio 
ovze ooai Troraficjv ovz' aldsgog o/ißgiov vdcog, 
äD.d ftsyag rrorzo; yFvhcüo req^icor arefixov zf 
xal TTOzaiKor 

(„Quelle ist das Meer für das Wasser, Quelle für den Wind. Denn es würde 
weder in den Wolken das Wehen des AVindes, der von innen herausfährt, ent- 
stehen ohne das große Meer, noch die Ströme der Flüsse noch des Äthers 
Eegenwasser, vielmehr ist das große Meer Erzeuger der Wolken und Winde und 
Flüsse"). 

Die philosophische Bedeutung des Xenophanes liegt lediglich in seiner 
Einheitslehre und seiner Bekämpfung des landläufigen Götterglaubens. Hier steht er 
am Anfang einer langen durch die ganze griechische Geistesgeschichte sich hindurch- 
ziehenden Entwicklung (s. o. S. 34). Ethiker und Erkenntnistheoretiker ist er nicht. 
Zwar finden sich in seinen Fragmenten manche recht verständigen Gedanken, die 
Wert und Unwert menschlicher Handlungen berühren (so betont er in Fragm. 2 in 
sehr beherzigenswerter Weise den auch hinsichtlich des Staatswohls bestehenden 
Vorrang geistiger Verdienste vor Leistungen des Sports — auch hier Inaugurator 
•einer von späteren Philosophen wieder aufgenommenen Kritik an volkstümlichen 
Anschauungen), aber eine wissenschaftlich argumentierende systematische Wert- 
lehre liegt ihm noch fern. Ein erkenntnistheoretisches Dogma glaubte man aus 
Sätzen ableiten zu dürfen, in denen sich Xenophanes über die Unsicherheit des 
Wissens ausspricht. So sagt er (fragm. 34): 

Kai z6 /itkr oi'r narpi^ ovzig m'i]o yh'EZ ovÖs zig eazai 

Eidcog aiKpi deöjv zs y.ai äooa Xsyco jisqI nävzoiv. 

ei yao xal zä iiäXioza zv/oi zezelsofierov eijtxöv, 

ai'zog ofiog ovx aide, dösiog S" sjtI jiäai ZEZvxzai 
(„Und ein Mann , der das Sichere wüßte über die Götter und alle Dinge, 
von denen immer ich rede, hat nie gelebt und wird auch nie leben. Denn wenn 
einer auch zu allermeist in seiner Rede einmal das Vollendete [d. h. das Wirk- 
liche; Hom. II. 1, 388; 8, 286 u. a. St.J träfe, so weiß er's doch selbst nicht, 
sondern bloßes Meinen herrscht überall"). 

Ebenso, wohl als Abschluß einer Erörterung (fragm. 35): 

Tavza bebo^äa&oi fihv eoixöza zöig ezv^ioioi 
{„Das nun als das Wahrscheinliche soll für meine Meinung gelten"). 

Antike Berichterstatter aus der Zeit des ausgebildeten Skeptizismus, vor allem 
Anhänger der Skepsis selbst, sahen in Xenophanes den vollendeten Skeptiker. 
So erklärte nach Diog. Laert. 9, 20 (Vors. 11 A 1, 20) Sotion .-toojzov avzov (näml. 
Xenophanes) eI:zfTv axazä.h]:iza elvai zä jrävza, und nach Diog. Laert. 9, 72 rech- 
neten die Pyrroneer Xenophanes zu den Vertretern der Skepsis. Andere ließen 



C)^ § 19- Parmcnidcs aus Elca. 

ihn den Zweifel auf die sinnlichen Wahrnehmungen und die Vorstellungen be- 
schränken, hingegen dem Verstände vertrauen (Vors. 11 A 49), oder die wissen- 
schaftliche und unfehlbare Erkenntnis bestreiten, die mutmaßliebe hingegen auf- 
rechterhalten; die letzteren leiteten daraus in seinem Sinne einen (W=aoi6s ).öyog 
als xQirriQiov ab (Sext. Empir. adv. math. 7, 110). Auch abgesehen von Ausdrücken 
einer späteren Terminologie, wie äxaraXriTiTog. können wir mit Bestimmtheit sagen, 
daß hier aus gewissen Äußerungen des Philosophen zu weitgehende Folgerungen 
gezogen worden sind. Von einem wissenschaftlich begründeten Skeptizismus de& 
Xenophanes würden wir ohne Zweifel durch Aristoteles oder aus Theophrast 
schöpfende Autoren Näheres hören. Zudem verraten mehrere unter denen, die 
den Philosophen für den Skeptizismus in Anspruch nehmen, mit deutlichen 
Worten, daß sie die Berechtigung dazu nur aus den in fragm. 34 erhaltenen 
Versen herleiten (so Diog. Laert. 9, 72; Sext. Empir, adv. math. 7, 49. 110). 
Diese enthalten aber doch nur allgemeinere Erwägungen, wie sie sich jedem Nach- 
denkenden aufdrängen, auch ehe er zur Stellung eines erkenntnistheoretischen 
Problems und einem Versuche zu seiner wissenschaftlichen Lösung vorgeschritten 
ist. (S. auch Zeller I 1^ S. 548 ff.). Dem Skeptizismus widersprechen, ab- 
gesehen von dem dogmatischen Tone, in dem er seine Einheitslehre vorträgt, auch 
die Verse (fragm. 18): 

OvTOi ari oLQxijg jidvia deol &v}]zoTa' vjiedei^av, 

dA/ct yiQÖvo) ^rjTOVvxeg ecpevQioxovoiv äfiEivov 

(, .Nicht von Anfang an haben die Götter den Sterblichen alles gezeigt, sondern 
erst mit der Zeit finden sie suchend das Bessere''). 

§ 19. Parmenides aus Elea, geboren etwa 540/39 v. Chr.,, 
so daß seine Jugend in die reifen Jalire des Xenophanes fällt^ 
führte die Behauptung der Einheit des Seienden nicht wie Xeno- 
phanes mit Beschränkung auf die Gottheit und das All, sondern 
in voller Allgemeinheit durch, so daß er auch die Vielheit des 
Einzelnen innerhalb der einheitlichen Welt-Gottheit aufhob. Da 
diese Vielheit ebenso wie Werden und Vergehen uns aber durch 
die Sinne dargeboten wird und Inhalt der gewöhnlichen Meinung 
ist, so ergab sich die Notwendigkeit, den Gegensatz zwischen 
dem einheithchen unwandelbaren, wahren Sein, das durch das 
Denken ergriffen und begriffen wird, und dem trügerischen Schein 
der Vielheit und des Werdens, welchen die Sinne bieten, und 
infolgedessen auch den Gegensatz zwischen Wissen und Meinen 
in voller Schärfe aufzustellen. Er lehrt: Nur das Sein ist, 
das Nichtsein ist nicht. Es gibt kein Werden und kein 
Vergehen. Denn das Werden setzt als Übergang vom Nicht- 
sein ins Sein das Nichtsein voraus, ebenso das Vergehen als 
Übergang vom Sein ins Nichtsein. Das Seiende dachte sich 
Parmenides als räumlich und begrenzt. Es hat die Gestalt einer 
einheithchen und ewigen Kugel, deren Raum es kontinuierlich 
erfüllt. Das Viele und Wechselnde ist ein nichtiger Schein. Das 
Denken ist mit dem Sein identisch, d. h. nur Seiendes kann 



§ 19. Parmenides aus Elca. 95 

Gegenstand des Denkens sein: was nicht ist, ist undenkbar. Von 
dem Einen, das allein wahrhaft ist, kann das Denken eine über- 
zeugungskräftige Erkenntnis gewinnen ; der Sinnentrug aber ver- 
führt die ^lenschen zu der ^Meinung und zu dem trügerischen 
Schmuck der Rede von den vielen und Avechselnden Dingen. 

Dieser seiner Meinung nach den Anforderungen des Denkens 
allein entsiDrechenden Lehre stellt Parmenides eine zweite, hypo- 
thetische, zur Seite. Er will zeigen, wie die Welt vom Stand- 
punkte der gewölinlichen in den Grundfragen des ' Seins und 
Werdens, der Einheit und Vielheit irregehenden ^leinung erklärt 
werden müßte. Dabei geht er von zwei einander entgegen- 
gesetzten Prinzipien aus, die innerhalb der Sphäre der Erschei- 
nungen ein Verhältnis zueinander haben, das dem ähnhch ist, 
welches zwischen dem Sein und Nichtsein besteht, nämlich Licht 
und Nacht, woran sich der Gegensatz von Feuer und Erde an- 
schließt. 

Antike Überlieferung über Leben, Schrift u. Lehre. Fragmente: 
Diels, Poet, philos. fragm. p. 48 ff., Vors. c. 18. Fragmente: Parmenides' Lehr- 
gedicht, griech. ii. deutsch von Herrn. Diels. Mit einem Anhang über griech. 
Türen und Schlösser. Berlin 1897 (mit methodisch u. literarhistorisch hoch- 
bedeutsamer Einleitung, kritischem Apparat, Kommentar, Sach- und Wortregister), 
(Altere Sammlungen im Literaturverzeichnis zu §§ 17 und 19.) 

Chronologie: Jacoby. ApoUodors Chronik, S. 231 ff. 

Daß Parmenides durch Xenophanes die für sein eigenes Denken maßgebenden 
philosoi:)hischen Anregungen empfangen habe, müssen wir, auch abgesehen von 
späteren Zeugnissen, schon nach der Zusammenstellung in dem platonischen Dialog 
Sophistes (p. 242 d) annehmen: „das eleatische Philosoijhengeschlecht , das mit 
Xenophanes und noch früher begann". Aristoteles sagt (Metai^h. 1, 5, 986 b 22): 
6 yäg Ilaguevidt]; tovtov (nämlich tov Eevo<fävov:) /JysTai ftaßijxi]g, wobei das 
XeysTcu nicht auf eine Unsicherheit des Aristoteles über das historische Faktum 
gedeutet werden darf, sondern in der nicht ungewöhnlichen AVeise steht, nach 
welcher /Jyetai, üg cpaoiv gebraucht werden, wo von ganz zweifellosen Tatsachen 
die Rede ist. Theophrast Phys. Opin. fr. 6 (Diels, Dox. p. 482, 7 ; Vors. 18 A 7) 
bezeichnet das Verhältnis des Parmenides zu Xenophanes durch den Ausdruck 
sjiiyevofisi'og: tovtco dk srriyevöusi'o; Ilagiisri'd»]; UrgtjTog 6 'E/.edrtjg. Andere An- 
gaben bringen Parmenides mit Anaximander und mit der pythagoreischen Schule 
in Verbindung (Vors. 18 A 1, 21; 18 A 2. 3. 4. 12). Das Schülerverhältnis zu 
Xenophanes war auch für den von ApoUodor gegebenen Ansatz der dy.faj des P. 
(50l;0, danach fällt seine Geburt 540/39, d. h. in die Zeit der äy.fitj des Xeno- 
phanes) maßgebend. Der geschichtlichen Wahrheit kommt dieser Ansatz jeden- 
falls am nächsten. Die damit im Widerspruch stehenden Angaben bei Piaton 
(Parm. p. 127 b. Theaet. p. 183 e, Soph. p. 217 c) gehören zu den Anachronismen, 
die sich dieser Schriftsteller mit dichterischer Freiheit erlaubt, und fallen dem 
Ansätze ApoUodors gegenüber nicht in Betracht. S. Jacoby a. a. O. S. 232 f., 234 f. 
Auch die Polemik des Parmenides gegen Herakht ist kein Hindernis, beider 
dy.ft/j in die gleiche Zeit zu setzen. Parmenides' Schrift mag etwa 480 vor Chr. 
verfaßt sein. 



<-(() § 19. Parmenides aus Elcii. 

Auf die Gesetzgebung und Sitte seiner Vaterstadt soll Parmenides wohltätig 
eingewirkt haben im Anschluß an die ethisch-politische Richtung der Pytha- 
goreer. Diog. L. sagt (9, 23; Vors. 18 A 1, 23): ksyetat bs y.al rö/iov.; Oelvai 
ToT^ noUraig. Ws fp>]oi I!:Tevai7iTcog er reo jisqI c^H).oö6q^o)r. — Dem sittlichen Cha- 
rakter und der Philosophie des Parmenides zollt Piaton die höchste Achtung; im 
Sophist. 237 a heißt Parmenides — allerdings im Munde des eleatischeu Fremd- 
lings — ö usyuc, und im Theaetet 183 e wird das homerische aidoTög re äfia dstvög xe 
auf ihn angewandt und weiter von ihm gesagt: y.al fioi irfänj ßddog n f'/fiv 
miriärtnoi yevraior. Seine Lebensführung setzte man der pythagoreischen zur Seite 
(Ceb. Tab. 2. 2 Ilvßayooeior Tira y.al Uaoitsribstoi' iuj/.oyy.cog ßt'ov). Aristoteles 
stellt seine Lehre und Argumentation weniger hoch, erkennt aber doch auch 
seinerseits in ihm den tüchtigsten Denker unter den Eleaten und soll seiner Lehre 
eine eigene Widerlegungsschrift gewidmet haben (Vors. 18 A vor 22). Xeno- 
phanes und ^lelissos gegenüber, die er beide ungünstig beurteilt, nennt er den 
Parmenides ^Nletaph. 1, 5, 986 b 28 uä/./.or ß?.E.-ro)v. 

Das Lehrgedicht des Parmenides, dessen dichterisches und philosophisches 
Verständnis im wesentlichen erst durch Diels erschlossen worden ist, führt bei 
Simpl. de caelo p. 556, 25 (vgl. auch Sextus Empir. adv. math, 7, 111, wo aber 
in der Handschrift C das rov fehlt und damit die grammatische Beziehung eine 
andere ist) den wahrscheinlich nicht vom Verfasser selbst gegebenen Titel Ueol 
(f vnscog. Es zerfällt deutlich in zwei ungleiche Hälften, in die Lehre von der 
Wahrheit (>} ä/.tjdirhj oder to. :TQÖg Ttjr d/.ijd^tijr) und die Lehre vom Schein 
(rä 8o?uarä oder rä .Toog öo^av). Das uns Erhaltene im Umfange von 154 voll- 
ständigen Versen (von denen sechs nur in lateinischer Übersetzung vorliegen) 
und einigen Versstücken findet sich bei Piaton, Aristoteles, Sext. Empir. adv. 
math. 7, 111, Diog. Laert. 9, 22, Klem. Strom., Proklos zu Piatons Timaios 
und Parmenides, Simplikios zu Arist. Phys. , Cael. Aurelianus de morbis 
chron. 4, 9 u. a. Der Philosoph läßt sich in diesem Gedicht durch die Göttin, 
zu deren Sitz ihn Rosse führen, gelenkt von heliadischen Jungfrauen, die zwei- 
fache Einsicht erschließen, sowohl in die überzeugungskräftige Wahrheit, als 
in die trügerischen Meinungen der Sterblichen (fr. 1, 28ff. : XQ^*^ ^^ '^^ Jidna 
sTv&ia&ai, rjuiv 'Alr]i')£i>]g Evy.vyJdog dxQEfisg fjtoQ fjds ßgorcov öö^ac, raig ovx eri 
srinrig ä/.)jd))g\ Die Wahrheit liegt in der Erkenntnis, daß das Sein ist und 
das Nichtsein nicht ist; der Trug in der Meinung, daß auch das Nichtsein 
sei und sein müsse. Parmenides läßt fragm. 4, 3 ff. Diels die Göttin sagen (Text 
hier wie im Folgenden durchweg nach Diels' Vors.): 

'U /iikr ojccog eatir xs xai (hg ovh eoxi /nij elvai, 

Uei&ovg eoTi y.sXtvdog, 'AXrjdsh] yäg on^dsT, 

fj b' d)g oi'H Fnzir xe xal <hg XQ^^^' ^"^^ /*') £*''««! 

xr]v btj xoi (fQÜ^w ^uvajiEvdea k'iijiev axaQjiov 

ovxs ycLO av yi'ohjg xö ys firj gor (ov yao avvaxöv) 

ovxF fj oäoaig 
(..Der eine Weg [unter den beiden unmittelbar vorher unterschiedenen einzig 
denkbaren Wegen der Forschung], daß es [das Seiende] ist und unmöglich nicht 
sein kann, ist der Überzeugung Bahn (denn er folgt der Wahrheit); der andere 
aber, daß es nicht ist und notwendigerweise nicht sein muß, dieser Pfad ist, sage 
ich dir, ganz unerkundbar. Denn du kannst das nicht Seiende weder erkennen 
— es ist ja unvoUführbar — noch sagen"), 

woran sich unmittelbar die Worte angeschlossen zu haben scheinen (fragm. 5 Diels), 
in welchen eine Identität des Denkens, genauer des Gedachtwerdens, mit dem 
Sein behauptet wird: 



§ 19. Parmenides aus Elea. 97 

rö yf'-'J uvTO roeir iozt'v re y.ai elvni 
(„Denn ein und dasselbe ist denken und sein"), 
<1. h. was gedacht wird, ist auch, es läßt sich nichts mit dem Denken erreichen, 
was nicht Existenz hätte, da das Nichts kein Objekt des Denkens sein kann; das 
Nichtseiende ist eben nicht zu denken. — Diese Bedeutung der Worte geht aus 
dem Zusammenhange und auch aus folgenden Versen hervor (fragm. 8, 34 ff.): 
Tavrör d' iar'i voslv ze y.al ovveyJv inzi ror/ua' 
ov yäg ävsv lov eövzog, iv a> jisrpaziof^ievor snziv, 
EVOTjösig z6 vosTi'' ov8sv yäg (i)) foziv ij f'ozai 
ä).).o Tzäge^ zov eövxog 
(„Ein und dasselbe ist denken und das was der Grund des Gedankens [sein 
Objekt] ist. Denn du wirst das Denken nicht ohne das Seiende finden, in dem 
es ausgesprochen ist. Denn es gibt nichts anderes und wird nichts geben außer- 
halb des Seienden"). 

Die Lehre, daß das Nichtsein nicht ist, spricht Parmenides auch in fragm. 
7, 1 aus: 

oi) yao /.irjjroze xovzo öafifj eivai f.ii] iovza 
(„Denn das kann niemals erzwungen [d. h. zwingend erwiesen] werden, daß 
nicht Seiendes sei"). 

Zur Wahrheit führen nicht die Sinne, die uns Vielheit und Wechsel vor- 
spiegeln, sondern nur die Vernunft, welche das Sein des Seienden als notwendig, 
die Existenz des Nichtseins aber als unmöglich erkennt. Fragm. 1, 33 ff.: 
'A/./.ä Gv zrjod' acp ööov öiCfjoiog sloye viirjua, 
firjös a k'dog :TO/.v:^eigov odor xuxä zrjvÖE ßiäaüoi, 
vwfiäv äayojTOv ofiua xat fjyjjEooav äy.ovrjv 
y.al y/.cöaaav y.oXvai f>i /.6yq> :jo/.vö}]oiv F/.eyyov 
ig kuidcv orjßsvza 

(„Doch du halte von diesem Wege der Forschung [dem Wege der unzu- 
verlässigen menschlichen Meinungen, V, 30] deinen Gedanken fem, und lass' dich 
nicht durch die vielerfahrene Gewohnheit auf diesen Weg zwingen, walten zu 
lassen den ziellosen Blick und das schallvolle Gehör. Vielmehr entscheide mit 
dem Verstände die vielumstrittene Prüfung, von der ich redete"). 

Viel feindlicher noch, als dem naiven Beharren im Sinnentrug, tritt Parme- 
nides einer philosophischen Lehre entgegen, die, wie er annimmt, eben diesen 
Sinnentrug (und zwar nicht als Trug, in welchem Sinne Parmenides selbst eme 
Theorie des Sinnlichen aufstellt, sondern als vermeintliche Wahrheit) auf eine den 
Gedanken selbst fälschende Theorie bringt, indem sie das Nichtsein für identisch 
mit dem Sein erklärt. Es ist als sicher anzunehmen, daß die heraklitische Theorie 
gemeint ist, wie sehr auch Heraklit der 6//.o/.oidooog selbst diese Gleichsetzung 
derselben mit dem Vorurteil der im Sinnenschein befangenen Menge mit Ent- 
rüstung abgewiesen haben würde. Das L'rteil des Aristoteles (de anima 1, 2, 
405 a 28: iv yivt'jGei 5' eivai zä öna y.ay.ETrog mezo y.al oi :io/.koi) kommt in dem 
angegebenen Betracht mit dem parmenideischen überein. Parmenides sagt (fragm. 
6, 1 ff.): 

Xof] z6 f.EyEiv ZE vosTv X iov E^/j.Evar k'ozi yäo Etvai, 

urjdkv d' oi'y. ioziv zä o iyw rfod^sodai ävcoya. — 

Tzo(l)zrjg yäo d äcp 68ov zavT7]g 6iCi]Oiog (etoj-o)), 

avzäo Ejisa ojto xfjg, fjv 8t] ßoozol stbozEg ovÖev 

rr/.äoaovzat, öiy.oavof dfiTj/avirj yäo iv avzöiv 

ozrjßEaiv idvvei ::i}.ay.z6v vöov, oi ös cpOQOvvxai 
üeberweg, Grundriß I, 7 



9j^ § ^9- Parraenides aus Elea. 

xwtpol 6(Ai05 TV(f/.oc xe, Tedr^n-oreg, äxQiza (pvka, 
oJg x6 jisXsiv XE xal ovx eivai xavxov vevo/niaxai 
xov xavxöv, Tiävxcov 8e :t a/.irx Qon:6g (vgl. Herakl. fragra. 51) iaxc 

xiÄEvdog 

(..Das Sagen luid Denken ist notwendig ein Seiendes. Denn möglich ist das 
Sein, das Nichts aber ist unmöglich; das heiße ich dich bedenken. Zuerst näm- 
lich muß ich dich von diesem Wege der Forschung zurückhalten [der Annahme 
nämlich, daß neben dem Seienden auch Xichtseiendes existiere]. Dann aber auch 
von dem, auf dem die nichtswissenden Sterblichen umherirren, Doj)pelköpfe. Denn 
Eatlosigkeit lenkt in ihrer Brust den irrenden Sinn, sie aber treiben dahin taub 
zugleich und blind, staunend, urteilslose Haufen, denen das Sein und das Nicht- 
sein für ein und dasselbe gilt und nicht für dasselbe [vgl. Heraklit], und denen 
es in allem einen gegenläufigen Weg gibt"). 

Dem wahrhaft Seienden erkennt Parmenides (fragm, 8, 1 ff.) alle die 
Prädikate zu, die sich an den abstrakten Begriff des Seins knüpfen, setzt es- 
dann aber doch auch wieder einer wohlgerundeten Kugel gleich, worin wir keines- 
wegs ein bloß vergleichsweises Hinübergreifen ins Gebiet des Eäumlich-stofflichen 
zu sehen berechtigt sind. Er stellt sich vielmehr nach seinen klaren Worten das- 
Seiende wirklich als eine raumerfüllende und räumlich begrenzte Masse vor. Das- 
wahrhaft Seiende ist ungeworden und unzerstörbar, ein einheitliches Ganzes, ein- 
geboren, unbeweglich und ewig; es war nicht und wird nicht sein, sondern ist^ 
als ein Kontinuum: 

Movvog ö" exi (xvdog 68010 
XeiTiejai log eoxiv xavrtj ö' istl orjixax' saoi 
jioXXa fid/.\ (bg ay Evrjxov lov xal ävo) /.e^qöv eoxiv, 
ovXov novvoyEvig xe xal dxQEfieg ?}6' dz eIeoxov, 
ovSe Jiox' rjv ovo' k'axai, e:xeI vvv eoxiv 6/xov :xäv, 
Ev , ovvE'/^Eg' xiva ydg yivvav di^i^oEac avxov; 
nfj Tiödsv av^rjdiv; (...) ovx ex ni] iövxog idooco 
(pdodai d ovde voeZv ov ydo cpaxov ovdk vorjxöv 
EOiiv o:i(og ovx k'axi. xi 8' äv fiiv xal XQ^c? (oqoev 
VOTEQOV t] JIQÖO&EV XOV fiTjSsvog aQ^d/HEVOV (pvv ; 
ovxwg rj :idu:zav tie'/.evui XQECov eoxiv ?} ov^i. 
42 ff. : avxÖQ e:xeI rrsTgag Tivfiaxov, xexe/.£o/.i£VOV ioxc 
jiävxodEv Evxvx/.ov OffaiQYjg iva/.cyxiov öyxco 
fiEoaö^EV ioo:ra/.Eg ^rävxtj. x6 yciQ ovxe xi fiEi^ov 

OVXE XI ßaiÖXEQOV :iE/.EVaL YQEÖV EOXl xfj rj xfj 

(.,Es bleibt nur noch eine Wegesrede [d. h. eines Weges Darstellung], daß 
es [näml. das Seiende] ist. Auf diesem Wege aber sind gar viele Zeichen, daß- 
es als Ungewordenes auch imvergänglich ist, ganz, eingeboren und unbewegt und 
unendlich [letzteres in zeitlichem Sinne; räumlich ist das Seiende begrenzt, s. u,].. 
Und es war nicht einstmals noch wird es sein, da es jetzt ist insgesamt als ein 
Ganzes, Einiges, [unimterbrochen] Zusammenhängendes. Denn welche Entstehung 
willst du dafür [für das Seiende] suchen? Wie und woher soll es angewachsen 
sein? [Aus dem Seienden kann es nicht geworden sein, denn es ist selbst das 
Seiende], noch werde ich zugeben, daß du sagst oder (auch nur) denkst, es stamme 
aus dem Xichtseienden. Denn es ist weder sagbar noch denkbar, daß es nicht 
sein sollte. Welche Pflicht sollte es denn auch getrieben haben, eher später als vorher 
mit dem Nichts beginnend zu wachsen? So muß es notwendigerweise entweder 
ein für allemal sein oder gar nicht. (42 :) Aber da eine Grenze am äußerstere 



§ 19. Parmcnides aus Elea. 99 

Ende vorhanden ist, ist es von allen Seiten vollendet, gleich der Masse einer 
wohlgerundeten Kugel, von der Mitte überall gleich. Denn es darf Aveder größer 
noch kleiner sein hier oder dort''). 

Die Göttin geht von der Lehre des Seins zu der des Scheins mit fol- 
genden Versen über (fragni. 8. 50): 

'üV TW aot :Tavco :tioz6v loyov rjSe v6t]fia 

fiävdavE, xöo/iiov Fficov sjtecov dnaiif/.ov dxovtov 

(,, Damit beschließe ich mein verläßliches Reden und Denken über die Wahr- 
heit. Von hier ab lerne die menschlichen Wahngedanken kennen, indem du 
meiner Verse trüglichen Bau anhörst" Diels). 

Diese Lehre vom Schein ist nun eine teils an Anaximanders Lehre von dem 
Warmen und Kalten als den zuerst hervortretenden Gegensätzen und an Heraklits 
Wandlungen des Feuers, teils an die pythagoreische Entgegensetzung des :iEoag 
und ä.-TEiQov und an die pythagoreische Lehre von den Gegensätzen überhaupt 
erinnernde Kosmogonie, die auf der Annahme einer durchgängigen Mischung des 
Warmen und Kalten, Lichten und Dunkeln beruht. Das Warme und Helle ist 
das ätherische Feuer, ■welches als das positive und wirkende Prinzip innerhalb der 
Sphäre des Scheins die Stelle des Seienden vertritt ; das Dunkle und Kalte ist die 
Luft und die aus ihr durch Verdichtung entstandene Erde: Theophr. 0va. 86^. 
durch Vermittlung von [Plut.] Strom, bei Euseb. praepar. evang. 1, 8, 5 (Vors. 18 A 
22): /Jyei 8s ztjv yijv rov :ivxvov y.azaQQVsvzog degog ysyovevai. Die Mischung der 
Gegensätze wird durch die alles beherrschende Gottheit bewirkt (Aaiftcov, t) .-rdvia 
xvßfovä, fragm. 12, 3); diese hat als ersten der Götter den Eros entstehen lassen 
{.-Tu<öziazov fiiv "Eocoza deöjv utjzlaazo nävzcov, fragm. 13). Wie die Glieder ge- 
mischt sind, so ist die Denkweise der Menschen (fragm. 16). Die Erkenntnis- 
weise richtet sich nach dem Überwiegen des einen oder des anderen der beiden 
im Menschen und allem Seienden vorhandenen Elemente: je nachdem das W^arme 
oder das Kalte die Oberhand hat, ist die geistige Tätigkeit verschieden, besser 
und reiner aber ist die auf der Wärme beruhende. Aber auch sie bedarf des 
richtigen Maßes. Der Leichnam empfindet die Kälte und die Stille, aber nicht 
das Licht, die Wärme und die Stimme, weil ihm das Feuer fehlt. Theophrast de 
sensu 1 ff. (Vors. 18 A 46) unterscheidet hinsichtlich der Wahrnehmung zwei 
Grundansichten: die einen lassen sie durch den (mit dem wahrzunehmenden 
Stoffe) gleichen, die anderen durch den entgegengesetzten Stoff (in dem wahr- 
nehmenden Subjekte) zustande kommen (nach der ersteren Ansicht nehmen Avir 
also z. B. Feuer wahr durch das in uns befindliche Feuer, Wasser durch Wasser 
usw., nach der zweiten nehmen wir beispielsweise durch das Kalte das in uns 
befindliche Warme und umgekehrt wahr). Zur ersten Gruppe zählt er Parmenides 
unter Berufung auf das oben Bemerkte sowie Empedokles und Piaton, zur andern 
Anaxagoras und Heraklit. 

Unter den Einzelheiten des von Parmenides gezeichneten Weltbildes ver- 
dient Erwähnung, daß ihm die Beleuchtung des Mondes durch die Sonne nicht 
fremd war (fragm. 14. 15). Wahrscheinlich ist, daß er diese Entdeckung nicht 
selbst machte, sondern sie von Anaximenes oder den Pythagoreern übernahm 
(vgl. BoU bei Pauly-Wissowa, Art. Finsternisse S. 2342). 

Als zutreffendes Gesamturteil über die Entstehung von Parmenides' 
Lehre ist die Bemerkung des Aristoteles Metaph, 1, 5, 986b 28 (Vors. 18 A 24) von 
Interesse: da Parmenides die Existenz eines Nichtseienden neben dem Seienden 
bestritt, sei er mit Notwendigkeit zu der Annahme gekommen, das Seiende sei 



l(\0 § 19. Parnicuides aus Elea. § 20. Zeaon aus Elea. 

einheitlich und sonst sei nichts. Er sei aber andrerseits auch genötigt gewesen, 
den Erscheinungen zu folgen, und so habe er zwar gemäß der Vernunft das Eine, 
gemäß der sinnlichen Wahrnehmung aber Mehreres angenommen. In dieser 
Weise sei seine physikalische Lehre entstanden. 

Von philosophisch-religionsgeschichtlicher Bedeutung ist. daß Parmenides in 
der später besonders von den Stoikern geübten rationalistischen Umdeutung der 
Volksgottheiten auf Naturkörper und Naturkräfte voranging. In der gewöhnlich 
dem Menander zugewiesenen, richtiger dem Genethlios zuzuteilenden Schrift UfoI 
e.-iiörtxTiy.idv 1, 5, 2 (Vors. 18 A 20) ist von physiologischen Hymnen die Rede, 
deren Eigenart so beschrieben wird : verfaßt man einen Hymnus auf Apollon, so 
erklärt man diesen für die Sonne imd erörtert nun deren Natur; gilt der Hymnus 
Hera, so setzt man diese der Luft gleich, gilt er Zeus, so erkennt man in ihm 
das Warme. Als Vertreter dieser Art Hymnen nennt der Verfasser u. a. Par- 
menides. 

Eine Unterscheidung zwischen Schein und Erscheinung hat Parmenides noch 
nicht aufgestellt. Zwischen Sein und Schein fehlt bei ihm die philosophische 
Vermittlung; die Entstehung eines Scheins ist nicht erklärt und mit dem obersten 
Prinzip der parmenideischen Doktrin unverträglich. 

§ 20. Zenoii der Eleate, der um 464/60 v. Chr. blühte, 
verteidigt die parmenideische Lehre durch eine indirekte Beweis- 
führung, indem er zu zeigen sucht, daß die Annahme, es sei 
Vieles und Wechselndes, auf Widersprüche führe. Insbesondere 
richtet er gegen die Realität der Bewegung vier Argumente: 
1. Die Bewegung kann nicht beginnen, weil der Körper nicht 
an einen andern Ort gelangen kann, ohne zuvor eine unbegrenzte 
Zahl von Zwischenorten durchlaufen zu haben. 2. Achilleus 
kann die Schildkröte nicht einholen, weil dieselbe immer, so oft 
er an ihren bisherigen Ort gelangt ist, diesen schon Avieder ver- 
lassen hat. 3. Der fliegende Pfeil ruht; denn er ist in jedem 
Moment nur an einem Orte. 4. Der halbe Zeitabschnitt ist gleich 
dem ganzen; denn ein sich bewegender Körper durchläuft die 
nämliche durch eine Reihe anderer Körper bezeichnete Strecke 
bei gleicher Geschwindigkeit in dem ganzen und dem halben 
Zeitabschnitt, je nachdem diese Körper ruhen oder in einer gleich 
raschen gegenläufigen Bewegung begriffen sind. 

Antike Überlieferung über Leben, Schrift und Lehre; Apo- 
phthegmatik; Fragmente: Diels, Vors. c, 19. (Ältere Sammlungen s. im 
Literaturverzeichnis zu § 17.) 

Chronologie: Jacoby, Apollodors Chronik S. 231 ff. 

Für die Datierung Zenons bei Apollodor war sein Schülerverhältnis zu Par- 
menides maßgebend. Wie zwischen Xenophanes und Parmenides, so erscheint 
auch wieder zwischen Parmenides und Zenon der vierzigjährige Abstand. 

Als Parmenides' Schüler und Freund soll sich Zenon (nach Strabon 6, 1 p. 252) 
auch an dessen ethisch-politischen Bestrebungen beteiligt haben und zuletzt (nach 
Herakleides Lembos u. a. [s. die Stellen Vors. 19 A 1, 26 f.; 19 A 6. 7. 8. 9J) bei 



§ 20. Zenoii aus Elea. 101 

einem verunglückten Unternehmen gegen den Tyrannen Nearch (andere nennen 
andere Namen) ergriffen worden und unter Martern, die er standhaft erduldete, 
gestorben sein. 

Im platonischen „rarmenides" (127 c f., Vors. 19 A 11) wird eine in Prosa 
verfaßte Schrift (yoduftaza) des Zenon erwähnt, welche in mehrere Argumen- 
tationsreihen (?.6yoc) zerfiel, deren jede mehrere Voraussetzungen (v.-coüiaEig) auf- 
stellte, um dieselben ins Absurde zu führen und so indirekt die Wahrheit der 
Lehre von dem einen Sein zu erweisen. Wohl wegen dieser (indirekten) Beweis- 
führung aus Voraussetzungen hat Aristoteles (fragm. 65, Vors. 19 A 10) den Zenon 
den Erfinder der Dialektik {svqettjv rfj? dialexrixt'jg) genannt. Piaton bezeichnet 
ihn wegen seiner dialektischen Kunststücke als den eleatischen Palamedes (Phaedr. 
261 d, Vors. 19 A 13). 

Wenn Vieles wäre, argumentiert Zenon (Vors. 19 B 1), so müßte es zu- 
gleich unendlich klein und unendlich groß sein, jenes wegen der Größelosigkeit 
der letzten Teile, dieses wegen der unendlichen Vielheit derselben (wobei Zenon 
das bei der fortschreitenden Teilung beständig sich erhaltende umgekehrte Ver- 
hältnis zwischen Größe und Vielheit der Teile, wodurch stets das gleiche Produkt 
sich herstellt; außer acht läßt und die beiden Momente: Kleinheit und Vielheit 
gegeneinander isoliert). Das Viele müßte, zeigt Zenon in ähnlicher Weise, der 
Zahl nach begrenzt und doch auch unbegrenzt sein. 

Ferner argumentiert Zenon (s. d. Stellen Vors. 19 A 24) gegen die Realität 
des Raumes: Wenn alles Seiende in einem Räume wäre, so müßte der Raum 
auch wieder in einem Räume sein, und so fort ins Unendliche. 

Gegen die Wahrheit der Sinnes Wahrnehmung richtete Zenon (s. Vors. 
19 A 29) noch folgende Argumentation: Bringt ein fallender Kornhaufe ein 
Geräusch hervor, so müßte auch jedes einzelne Korn und jeder kleinste Teil 
eines Kornes noch ein Geräusch hervorbringen; ist aber das letztere nicht der 
Fall, so kann auch der ganze Kornhaufe, dessen Wirkung nur die Summe der 
Wirkungen seiner Teile ist, kein Geräusch hervorbringen (Verwandtschaft mit 
dem Sorites, s. u. § 35). Die Argumentationsweise ist der im ersten Beweise 
gegen die Vielheit analog. 

Die Realität der Bewegung leugnet Zenon nach Diog. h, 9, 72 (Vors. 
19 B 4) durch die kurze Begründung: z6 Hivovfievov ovzs Iv co sau zötzo) xiveTzai. 
ovze iv w firj k'oziv. Die ausführlichei'en Argumentationen finden sich bei Arist. 
Phys. 6, 2, 233 a 21 und 9, 239 b 5 ff. und den Kommentatoren (Vors. 19 A 25 ff.). 
Es haben diese Beweise in älterer und neuerer Zeit auf die Entwicklung der 
Metaphysik nicht unbedeutend eingewirkt. Sie beruhen auf der Unmöglichkeit, 
das Unendliche als zu Ende gebracht, d. h. als abgeschlossen vorzustellen, wonach 
es auch nicht möglich ist, die Teilung einer endlichen Größe in unendliche Teile 
als ausgeführt zu denken. Aristoteles beantwortet die beiden ersten Beweise 
(ebd. c. 2) mittels der Bemerkung (p. 233a 11 ff.): xäg avzäg yÜQ xai zag Xaag 
öcaiQsoeig 6 xQÖvog öiaigsTzui xai x6 /Lisyedog, denn beide, Zeit und Raum, seien 
etwas Kontinuierliches (awexeg); der ins Unendliche teilbare Weg könne daher 
allerdings in einer begrenzten Zeit durchlaufen werden, da auch diese ebenso ins 
Unendliche teilbar sei und der Zeitteil dem Raumteil entspreche; das a:TEiQov 
xazä SiaiQsoiv sei von dem ins Unendliche sich Erstreckenden, dem ä.-zeioov zoTg 
Eoxäzoig, zu unterscheiden ; das dritte Argument aber (c. 9) durch die Bemerkung, 
die Zeit bestehe nicht aus den einzelnen (diskontinuierlich gedachten) unteil- 
baren Zeitpunkten oder den „Jetzt" (239 b 8: ov yaq ovyxsizai 6 xQÖyog ex rcör 
vvv zöjv ufSiaiQEzcov). Bei dem vierten Argumente zeigt er die (wie es scheint, bei 



102 § 21. Mclissos von Samos. 

Zenon schlecht versteckte) Verschiedenheit der Messung auf (240 a 2 : ro iisv nagä 
y.troi'iisyov, ro de nao' TJosiiovv). 

Ob bei den drei ersten Argumenten (denn bei dem vierten ist der Para- 
logismus offenbar) die aristotelischen Antworten völlig genügen, kann bezweifelt 
werden. Bayle hat dieselben in seinem Dictionnaire hist. et crit, (Artikel Zenon) 
bekämpft. Hegel (Geschichte d. Phil. I, S. 316 ff.) verteidigt gegen ihn den 
Aristoteles. Aber auch Hegel selbst findet in der Bewegung einen Widerspruch ; 
gleichwohl gilt ihm dieselbe als existierend, Herbart spricht ihr um des Wider- 
spruchs willen, den sie involviere, die Realität ab. 

ij 21. Melissos von Samos, dessen' Blüte um Ol. 84 (444/1 
vor Chr.) anzusetzen ist, versucht durch eine direkte Beweis- 
führung die Wahrheit des eleatischen Grundgedankens, daß nur 
das Eine sei, darzutun, und führt denselben rein und konsequent 
durch, ohne wie Parmenides den Sinnen irgendwelche Konzession 
mit einer Scheinlehre zu machen. Das Seiende ist ewig, un- 
endlich, einheitlich, durchaus sich selbst gleich, unbewegt 
und leidlos. 

Antike Überlieferung über Leben, Schrift und Lehre; Frag- 
mente: Diels, Vors. c. 20. (Frühere Sammlungen s. im Literaturverzeichnis zu 
§ 17.) Chronologie: Jacoby, Aj^oUod. Chron. S. 270 f. 

Melissos, der Philosoph, spielte auch in der politischen Geschichte Griechen- 
lands eine Rolle. Er befehligte die Flotte der Samier bei ihrem Siege über die 
Athener (441/ü v. Chr.\ s. die Stellen Vors. 20 A 1—3, Jacoby S. 270. Diese 
Tatsache bestimmte ApoUodor, die Blüte des M. in Ol. 84 (444/1 vor Chr.) an- 
zusetzen. 

Mehrere Fragmente aus der in ionischer Prosa verfaßten Schrift des 
Melissos „Über die Natur oder über das Seiende" finden sich bei Simplikios zur 
arist. Physik p. 29. 109 ff. 162 Diels und zur arist. Schrift de caelo p. 557 Hei- 
berg (Vors. 20 B 1 ff.); mit denselben stimmt der erste Abschnitt der pseudo- 
aristotelischen Schrift De Melisso Xenophane Gorgia (Vors. 20 A 5). 

Ewig ist das Seiende; denn wäre es geworden, so hätte vor seiner Ent- 
stehung nichts sein können. Wenn aber nichts war, so hätte aus dem Nichts 
auch nichts werden können (Vors. 20 B 1). 

Als ungeworden und unvergänglich hat das Seiende keinen (zeitlichen) An- 
fang und kein (zeitliches) Ende. Nun begeht Melissos aber den logischen Fehler 
des quaternio terrainorum, indem er die Doppeldeutigkeit der Ausdrücke ag//j und 
rsleviy) (Anfang und Ende im zeitlichen und räumlichen Sinne) benutzt, um das 
Seiende für räumlich unendlich (uTreioor) zu erklären (Vors. 20 B 2—4), ein 
Verfahren, das wohl wesentlich dazu beigetragen hat, ihm seitens des Aristoteles 
den Vorwurf des ungeübteren und plumpen Denkens zuzuziehen: Phys. 1, 3, 186 a 6 : 
6 Me/.iooov {/.öyog) (pooiixög (Vors. 20 A 7). Metaph. 1, 5, 986 b 26 (Vors. ebenda) 
werden übrigens Melissos und Xenophanes zusammen nixoor dyooiy.ÖTegoi genannt. 

Als unendlich ist das Seiende eins; denn zwei oder mehrere Seiende würden 
einander gegenseitig begrenzen, also nicht unendlich sein (Vors. 20 B 5. 6). 

Als einheitlich ist das Seiende unveränderlich; denn jede Veränderung 
setzt ein Vergehen von etwas Vorhandenem und ein Entstehen von etwas nicht 
Vorhandenem voraus. Es ist auch leid los. Denn was Schmerz empfindet, kann 



§ 21. Melissos von Samos. § 22. Die jüngeren Naturphilosophen. 1Q3 

«icht ewig sein und hat nicht gleiche Kraft wie das Gesunde. Auch müßte der 
•Schmerz durch ein Schwinden oder Hinzukommen hervorgerufen sein, würde also 
veine Veränderung voraussetzen. Das Seiende ist ferner unbewegt; denn es gibt 
kein Leeres, in welchem es sich bewegen könnte, da das Leere ein existierendes 
Nichtseiendes wäre (Vors. 20 B 7). Wird die Vielheit und die Bewegung geleugnet, 
•so ist auch die Mischung der Stoffe unmöglich, die Melissos auch ausdrücklich 
bestreitet (Vors. 20 A 1, 7), wahrscheinlich gegen Empedokles, wie er überhaupt 
auf die Physiker Kücksicht nimmt. Die Sinne, welche Vielheit und Bewegung 
uns vorspiegeln, täuschen (Vors. 20 B 8). 

Die unendliche Ausdehnung, die Melissos dem Seienden zuschreibt, und die 
Bestreitung des Leeren nötigen, das Seiende als stofflich zu denken (vgl. auch 
Arist. Metaph. 1, 5, 986 b 19, Vors. 11 A 30). Gleichwohl behauptete Melissos 
(Vors. 20 B 9) — an und für sich vollkommen richtig — das Seiende könne, 
■wenn es eines sei, keinen Körper besitzen. Denn wenn ihm Dicke zukäme (die 
mit der Körperlichkeit gegeben ist), so hätte es auch Teile und wäre damit nicht 
mehr eines. 



§ 22. Die jüngeren Naturphilosophen behaupten mit 
den Eleaten die Unveränderlichkeit der Substanz und bestreiten 
Werden und Vergehen im absoluten Sinne, neiimen aber im 
Gegensatz gegen die Eleaten eine Vielheit unveränderlicher Sub- 
-stanzen an, die entweder in ihrer Qualität identisch sind oder sich 
nach dieser voneinander unterscheiden, und führen auf die Ver- 
■einigung solcher Substanzen miteinander und ihre Sonderung 
voneinander alles Werden und Geschehen, alles anscheinende 
Entstehen und Vergehen zurück. Um diesen Vereinigungs- und 
Sonderungsijrozeß zu erklären, erkennen Empedokles und 
Anaxagoras eine bewegende Macht neben den materiellen Sub- 
stanzen an, dieAtomiker aber, Leukippos und Demokritos, 
suchen aus der Materie und der nicht auf ein besonderes 
Prinzip zurückgeführten Bewegung allein alle Erscheinungen zu 
verstehen. Der Hylozoismus der älteren Naturphilosophen wird 
bei Empedokles und Anaxagoras durch die Scheidung der be- 
wegenden Ursache von dem Stoff prinzipiell aufgehoben, wirkt 
aber tatsächlich noch sehr beträchtlich nach, zumeist in den 
Anschauungen des Empedokles, doch auch in denen des Anaxa- 
goras, obschon Anaxagoras und in gewissem Sinne, sofern 
Liebe und Haß als selbständige, von den materiellen Elementen 
getrennte Mächte vorgestellt werden, auch Empedokles, im Prinzip 
zum Dualismus zwischen Geist und Stoff fortgehen. Die 
Atomiker hingegen lehren den konsequenten mechanischen 
Materialismus, während der Materialismus der Hylozoisten, 
namentlich wenn man Herakht zu ihnen rechnet, als ein orga- 
nischer zu bezeichnen ist. 



1(34 § 22. Die jüngeren Naturphilosophen. § 23. Empedokles von Akragas, 

Von der sinnliehen Anschauung aus sind die ersten griechischen Philosophea 
allmählich mehr und mehr zu Abstraktionen vorgeschritten ; nachdem man aber 
auf diesem Wege in der eleatischen Philosophie zu dem abstraktesten aller Be- 
griffe, dem Begriff des Seins, gelangt war, dabei jedoch die Möglichkeit einer 
Erklärung der Erscheinungen eingebüßt hatte, ging die Tendenz der Späteren 
dahin, das Prinzip selbst so zu fassen, daß ohne Verleugnung der Einheit und 
Konstanz des Seins doch wiederum ein Weg zu der Vielheit und dem Wechsel 
der Erscheinungen sich eröffne. Demgemäß haben sie die Prozesse des Werdens 
und Vergehens, in denen die naive Kosmologie der älteren Philosophen noch keine 
ontologischen Probleme erkannt und die sie daher einfach als Tatsachen gesetzt 
hatte, begrifflich zu bestimmen gesucht, und zwar in der Weise, daß sie durch 
Reduktion des Werdens und Vergehens auf Verbindung und Trennung unver- 
änderlicher Substanzen zugleich den ontologischen Anforderungen an den Seins- 
begriff und den in der Erfahrung gegebenen Tatsachen der Entwicklung und 
Veränderung gerecht zu werden suchten. Die Grenze zwischen beiden Entwick- 
hmgsreihen liegt in der eleatischen Philosophie, besonders in der bestimmteren 
Ausführung derselben durch Parmenides. Heraklit, der später als Xenophanes, 
aber früher als Parmenides gelehrt hat, gehört auch dem Charakter seiner Lehre 
nach zu den früheren Denkern, hat aber zweifellos mit seiner These vom ewigen 
Fluß der Dinge und mit der Verdrängung des Seins durch das Werden zur An- 
regung der ontologischen Frage beigetragen und so die weitere Entwicklung 
gefördert. 

§ 23. Empedokles von Akragas, geboren etwa Ol. 74, 2 
=: 483/2 V. Chr., stellt in seinem Lehrgedicht über die Natur, 
auf den loniern fußend, die vier Elemente: Erde, Wasser, Luft 
und Feuer, als materielle Prinzipien oder „AVurzeln" der Dinge 
auf und fügt denselben zwei Kräfte als Prinzipien der Bewegung 
bei: die Liebe als das Vereinende und den Haß als das Trennende. 
Innerhalb der ursprünglichen Mischung aller Elemente tritt durch 
den Haß eine Sonderung ein, die zur Entstehung der einzelnen 
Dinge führt. Die Liebe bewirkt die Aufhebung des Einzelnen 
und die Wiederherstellung des ursprünglichen ^lischungszustandes. 
Die wechselnden Perioden der Weltbildung und Weltauflösung 
beruhen auf dem wechselnden Übergewicht von Liebe und Haß: 
es gibt Zeiten, in welchen durch den Haß alles Verschiedenartige 
voneinander getrennt, andere, in welchen es durch die Liebe 
überall vereinigt ist. Wir erkennen die Dinge in ihren Ele- 
menten vermöge der gleichartigen Elemente, die in uns sind. 

Antike Überlieferung über Leben, Schriften und Lehre; Apo- 
phthegmatik; Fragmente: Diels, Poet, pliilos. fragm. p. 74 ff., Vors. c. 21. 
(Ältere Sammlungen im Literaturverzeichnis zu diesem Paragraphen.) Chrono- 
logie: Jacoby, Apollod. Chronik S. 271 ff. 

Apolk)dor, auf den Diog. Laert. 8, 74 (Vors. 21 A 1, 74) zurückgeht, setzte 
die Blüte des Empedokles in die Epoche von Thurioi, Ol. 84, 1, 444/3 vor Chr.^ 
jedenfalls auf Grund der Nachricht des kurz nach Empedokles lebenden Literar- 



§ 23. Eiupedokles von Akragas. 105 

historikers Glaukos von Rhegion, daß E. bald nach Gründung von Thurioi diese 
Stadt besucht habe (Diog. Laert. 8, 52, Vors. 21 A 1, 52, Apoll, fragm. 43 Jacoby). 
Nach apollodorischer Rechnungsweise ergibt sich danach als Geburtsjahr Ol. 74, 
2, 483/2 vor Chr., und mit diesem Ansatz verträgt sich sehr wohl die Angabe des 
Aristoteles, Metaph. 1, 3, 984 a 11, daß (der 499/98 geborene) Anaxagoras r// fiev 
fiXiptia .-TQÖieQOi, ToTg S' sQyotg voiegog gewesen sei als Empedokles. Gestorben ist 
dieser nach Aristoteles und Herakleides (Arist. fragm. 71 [bei Apollodor fr. 43 = 
Diog. Laert. 8, 52. 74] ; Vors. 21 A 1, 52. 74) im Alter von sechzig Jahren. Die 
Familie gehörte der demokratischen Partei zu Akragas (.Agrigentum) an, für die 
auch Empedokles gleich seinem Vater jMeton erfolgreich wirkte. Die ihm an- 
gebotene königliche Würde soll er verschmäht haben. Durch griechische Städte 
in Sizilien und Italien zog er hochgeehrt als Arzt, Sühnepriester, Redner und 
Wimdertäter umher; er selbst schrieb sich magische Kräfte zu. Wahrscheinlich 
starb er im Peloponnes, nachdem er sich in der Heimat die Mißgunst des Volkes 
zugezogen und seine Vaterstadt hatte verlassen müssen. Andere Berichte verlegten 
die späteste Zeit seines Lebens nach Sizilien. Eine Version, nach der er als Ver- 
bannter nach Syrakus gekommen wäre und sich dort am Kriege gegen Athen 
(415—413) beteiligt hätte, wurde von Apollodor wegen ihrer chronologischen Un- 
wahrscheinlichkeit zurückgewiesen. Über seinen Tod waren verschiedene z. T. 
abenteuerliche Sagen im Umlaufe. So hieß es, er sei nach einem Opfermahl 
plötzlich verschwunden, wie die einen berichteten, weil er zu den Göttern entrückt 
wurde, nach anderer Angabe, um sich in den Krater des Ätna zu stürzen und 
durch sein Verschwinden den Glauben an seine Göttlichkeit zu befestigen, was 
durch eine seiner ehernen Sandalen, die der Berg wieder auswarf, vereitelt wurde 
(s. die Stellen Vors. 21 A 1, 69; 21 A 2. 16; Luc. de morte Peregr. 1). Aristote- 
les soll ihn (nach Diog. Laert. 8, 57; 9, 25; Sext. Emp. 7, 6) den Erfinder der 
Rhetorik in gleicher Weise genannt haben wie den Zenon den der Dialektik 
(Vors. 21 A 1, 57; 21 A 19). 

Von den Schriften des Empedokles (Vors. 21 A 21 ff.) sind uns nur zwei 
durch sichere Fragmente bekannt: JIsqI cpvastog in zwei Büchern und Kaßagfioi; 
des weiteren sind noch zu erwähnen ein 'laxgixog löyog und Tragödien, die ihm aber 
schon im Altertum von einer Seite abgesprochen wurden. (Der gleichnamige Enkel 
des E., der nach Suidas s. v. Emped. [2. Artikel] 24 Tragödien verfaßt haben soll, 
ist wohl nur nach einer auch in neuerer Zeit geübten Methode erfunden, um die 
unter Empedokles' Namen umlaufenden Tragödien einem Empedokles, und doch 
nicht unserm Philosophen, zuschreiben zu können.) Aus seinen Gedichten sind 
uns gegen 450 Verse erhalten, 

Empedokles bekämpft die Annahme, daß etwas, was vorher nicht war, ent- 
stehen, und daß etwas in nichts vergehen könne; es gibt nach ihm nur Mi- 
schung und Trennung, Entstehung ((pvoig) aber ist ein leerer Name. 
Fragm. 8: 

'ÄXko 8s zoi eoew (pvoig ovösvög sariv äjiävicov 
OfTjzcöv ov8e rig ov?.ofiEvov d'aväxoio zeXevirj, 
a'ÜM /Liövov fii^ig rs 8i6.lka^ig xe /xiyevxcov 
iaxt. (fVGig d' im xoTg ovo/LiäCsxai äv&Qcbjioioiv 

(„Ein anderes will ich dir künden : Entstehung gibt es bei keinem unter allen 
sterblichen Dingen noch auch ein Ende im vernichtenden Tode, sondern |es gibt| 
nur Mischung und Sonderung des Gemischten, Entstehung aber ist nur ein Aus- 
druck der Menschen"). 

Die Mischung beruht auf der Li ehe (^<;.or>;?, (Püla (fragm. 17, 7, Vors. 21 A 28. 



j^yi) § 23. Empedokles von Akragas. 

W. 32. 33. 37 u. ö.]. 'Acpnoötr)] [fragm. 22, 5 u. ö., Vors. 21 A 29J; mit Ver- 
•wischiuig des Mythologisch-persönlichen atoQyt), fragm. 109, 3), die Trennung auf 
dem Haß {XsTxoc, fragm. 17, 8 u. ö. ; mit Verwischung des Persönlichen fragm. 
109, 3); jene nennt er fragm. 35, 13 d/isiiqi]g, ihren Drang ■t):ji6q)f)0iv, das Nsixo? 
hingegen ov/.öntvoy (fragm. 17, 19), Ivyoöv (fragm. 109, 3), iiaivöiusrov (fragm. 115, 
14), so daß ihm offenbar der Gegensatz dieser Kräfte in gewissem Sinne auf den 
des Guten und Bösen hinausläuft, wie Aristoteles Metaph. 1, 4, 984 b 32 (Vors. 
21 A 39) bemerkt. Die Urstoffe. welche in aller Mischung und Trennung unver- 
ändert beharren, sind die erstmals von Empedokles aufgestellten und durch ihn 
in die allgemeine Anschauung übergegangenen vier Elemente, Feuer, Wasser, Erde 
und Luft: (fragm. 17, 18) ttvq y.al vÖmo y.ui yaia xau 7)eoo; u:T?.£Tor vipo;; (fragm. 
71, 2) vfiaTog yaitjg re y.al aldeQog i)e}.Iov zs ytovafiercor; (fragm. 22, 2) rjUy.xwo re 
'/dcör re y.al ovgarog tjSs ßälaaoa ; (fragm. 6, 2) Zehg ägy>ig [der schimmernde Z. 
= das Feuer] "Ho7] xs q^eosoßio; [die lebenbringende H. = die Luft] »}(i' 'Aidon'svg 
\= die Erde] Nfjaxig d' [= das Wasser; eigentlich Name einer sizilischen Wasser- 
göttin] . . . (Eine andere antike Deutung bezieht Here auf die Erde und Aido- 
neus auf die Luft.) Mit Wechsel in der Bedeutung des alßi)o fragm. 38, 3 f.: 
yaTä re y.al :x6vrog 7ro?.vyvfiio%' tjÖ' vyoog ai]o Tixäv yh' alOijo (..luid der Titane 
Äther") offiyycov :reol y.vy./.ov änavxa. Andere Bezeichnungen sind für das Feuer 
"Hffuiaro:, fragm. 96, 3; 98, 2, für das Wasser ofißgog, fragm. 98, 2. Empedokles 
nennt diese Elemente die vier Wurzeln aller Dinge {reaaaoa ro>v nävxoiv qiCoj- 
jnura, fragm. 6, 1). 

Im Urzustände sind die Elemente sämtlich untereinander gemischt zu 
einem alles in sich befassenden ZqpaToog ; es herrscht darin nur Liebe, der Haß 
hat nicht teil an ihm. Allmählich findet er aber Eingang und wird groß gezogen; 
nun trennen sich durch ihn die Elemente voneinander, und so entstehen die 
Einzelwesen. Es kommt zu einem Extrem der Trennung, in welchem der 
Haß allein herrscht und die Liebe gleichsam unwirksam ist; in diesem Zustande 
-existieren wiederum keine Einzelwesen mehr. Dann gewinnt die Liebe wieder 
Macht und vereinigt das Getrennte, wodurch aufs neue Einzelwesen ent- 
-stehen, bis es zuletzt zur Alleinherrschaft der Liebe kommt, worin wieder die 
Einzelwesen aufgehoben sind, und der anfängliche Zustand hergestellt ist. 
Aus diesem gehen dann allmählich wieder die anderen Zustände hervor und so 
fort in periodischem Wechsel. Vgl, Plat. Soph. 242 d e, Arist. Phys. 8, 1, 252 a 7 
<Vors. 21 A 29. 38). 

Daß Empedokles den Sphairos als Gott bezeichnet, ergibt sich aus öimpl. 
Phys. 1184, 2 (Vors. 21 B 31): {do^a/nevov de 7ia/.tv xov Neixovg emy.oareu' röte 
srd/.iv y.ivrjOLg ev xoj 2(paiQq) yivsrai). 

jrdvxa yäg e§ei7]g neXeiii'Qexo yvTa deoTo 
{„Denn alle Glieder des Gottes der Reihe nach wurden in heftige Bewegung ver- 
setzt"). Vgl. auch Vors. 21 B 30, 1 ; 27, 4. 

Trotz dieser Ausdrucksweise bekämpft Empedokles in der Weise des Xeno- 
phanes den Anthropomorphismus der griechischen Volksreligion, so in Fragm. 22: 

Oi) ydo djto vojroio Ovo y.'/.dboi di'aaorxai, 

ov nööeg, ov dod yovv(a), ov fi7jdea yevvrjevia, 

dD.d orpaTgog erjv y.al (jidvxo&ev) loog eavxqi 
{„Denn nicht springen ihm vom Rücken zwei Zweige vor, nicht Füße, nicht 
schnelle Kniee, nicht zeugende Schamglieder, sondern er war eine Kugel und von 
^Uen Seiten sich selbst gleich"). 

Xoch näher steht dem Xenophanes eine andere Stelle, an welcher zwei dieser 



I 



§ 23. Empedokles von Akragas. 107 

Verse in einem neuen Zusammenhange wiederkehren. Den Gegensatz zu den 
populären anthropomorphischen Göttern bildet hier ein rein geistiger in Gedanken 
sieh betätigender Gott. Die schönen Verse lauten (fragm. 134) : 

Ovdk yäg drÖQOfii)] y.sfpa).}] xarä yvTa y.ey.aaxat, 

ov fiev ojial rcoroio bvo y.Xäboi aiaaovxai, 

ov Tiöds;, ov doa yovvla), ov f-irfbea Xayvijevxa, 

a.}.}.a (poip' Isoi] y.al adeafpazog £7T?.eT0 ftovvov 

f) oorilai y.öauor ä.-TavTn yarataaovaa dorjcin' 
(„Denn er ist nicht in seinem Gliederbau mit einem Menschenhaupt ausgerüstet, 
nicht springen ihm vom Eücken zwei Zweige vor, nicht Füße, nicht schnelle 
Kniee, nicht behaarte Schamglieder, sondern ein heiliger und unaussprechlicher 
Geist nur war es, mit raschen Gedanken die ganze Weltordnung durcheilend''). 

Von den organischen Wesen sind zuerst die Pflanzen aus der noch im 
Entwicklungsprozeß begriffenen Erde hervorgekeimt, danach die Tiere, indem 
deren einzelne Teile sich zuerst selbständig bildeten und dann durch die Liebe 
vereinigten ; später trat an die Stelle der Urzeugung die Wiedererzeugung (Aet. 5, 
19, 5 fVors. 21 A 72, vgl. Diels, Doxogr. S. 189] und 5, 26, 4 [Vors. 21 A 70J). 
Es gab Wesen, die nur Augen, andere, die nur Köpfe, Arme usw. waren nach 
Fragm. 57. 59 : 

^Hi :To}.).al fisr y.öooat avavyEVEg ißldatt^aay, 

yv(.i%'ol 8' en).aCovzo ßoa/iovs? evvideg ojfiojv. 

ofi/nard z" oV t7i}.aväzo Ttsrrjzevovza /nezo)rron'. 

— avzäg stzeI y.aza fiei^ov iftiayszo daiiiori öaifiojv, 

zavzd zs avft:zi:TzeGyov, o:j7) avvsy.VQöev e'yaaza, 

ä).).a ze :jQ6g zoTg no).).d bitjveytj e^syerovzo. 
(„Ihr [der Erde, vgl. Diels] sproßten viele halslose Köpfe, und bloße Arme irrten 
umher ohne Schultern, und Augen schweiften allein, die der Stirnen entbehrten. 
— Aber als der eine Gott mit dem andern (die Liebe mit dem Streite) in größerem 
Umfange handgemein wurde [so Diels], vereinigten sich diese Glieder, wo sie ge- 
rade im einzelnen sich trafen, und viel anderes entstand außerdem [durch weiteres 
Hervorsprossen von Gliedern] in fortlaufender Reihe"). 

Bei dieser Vereinigung ergaben sich nun vielfach Wesen, die nicht von Be- 
stand waren, wie Bildungen mit doppeltem Gesicht und doppelter Brust oder Ver- 
bindungen von Ochsenleibern und Menschengesichtern und umgekehrt. Erhalten 
blieben nur die Verbindungen, die — obwohl durch Zufall zustande gekommen, 
wie alle anderen, doch — so beschaffen waren, wie wenn bei ihnen ein Zweck 
(Ausübung gewisser leben erhalten der Funktionen) leitend gewesen wäre, eine Lehre, 
die Aristoteles Phys. 2, 8, 198 b 29 (Vors. 21 B 61) überliefert und durch die 
Bemerkung bekämpft, daß die zweckmäßig gebildeten Organismen nicht vereinzelt 
vorkommen, wie bei zufälliger Entstehung zu erwarten wäre, sondern /; dsi rj d)g 
em z6 jTO^.t').*) 

Die Wirkungen entfernter Körper aufeinander, insbesondere auch die Sin- 
neswahrnehmung, erklärt Empedokles mittels der Annahme von Ausflüssen 



*) Es kann diese Lehre mit der Lamarck-Darwinschen Deszendenztheorie verglichen 
und als Vorläuferin dieser angesehen werden; doch findet letztere den Grund des Fort- 
schritts mehr in sukzessiver Differenzierung einfacherer Formen, die erapedokleische Doktrin 
dagegen mehr in der Verbindung heterogener miteinander ; allerdings ist dieser Unterschied 
nur ein relativer. Über das Verhältnis dieser erapedokleischen Lehren zu denen Darwins 
nnd anderer Vertreter der modernen Naturwissenschaft s. auch die im Literaturverzeichnis 
zu § 7 angegebenen Arbeiten von Heinze, Zeller u. a. Vgl. auch Diimmler, Akademika 
S. 217 ff., Zeller, Phüos. d. Gr. P, S. 795 f., Gomperz, Griech. Denker I, S. 19G. 448. 



JQg § 23. Empedokles von Akragas. 

{d.^ooooal, Vors. 21 B 89) aus allen Dingen und von Poren (ttöooi), in -welche die 
Ausflüsse eintreten können; von den Ausflüsssen seien einige bestimmten Poren 
adäquat, andere aber kleiner oder größer; so kommt es, daß nicht jedes Sinnes- 
organ aller Art Ausflüsse aufnehmen kann, sondern nur gewisse seiner Struktur 
entsprechende (Theophr. de sensu 7, Vors. 21 A 86). Bei dem Sehen findet ein 
zweifaches Ausströmen statt; teils nämlich gehen Ausflüsse von den sichtbaren 
Dingen zum Auge hin (Plato Meno 76c d, Vors. 21 A 92), teils treten durch 
die Poren des Auges Ausflüsse des inneren Feuers hervor (Arist. de sensu 2, 
437 b 11 ff., Vors. 21 A 91), und indem beide Ausflüsse zusammentreffen, entsteht 
das Wahrnehraungsbild. Feine Netze halten im Auge die Masse des umher- 
schwimmenden Wassers zurück, die Feuerteilchen aber springen in langen Strahlen 
hindurch wie die Lichtstrahlen durch die Laterne (fragm. 84), wogegen Aristoteles 
de sensu 2, 437 b 13 (Vors. 21 A 91) einwendet, wir müßten dann auch im 
Dunkeln sehen können. Die Töne entstehen in dem trompetenförmigen Gehör- 
gang beim Einströmen der bewegten Luft. Auch die Empfindung des Geruch» 
beruht auf dem Eindringen feiner Stoffteilchen in das Geruchsorgan beim Einatmen. 
Über Geschmacks- und Tastempfindung äußerte sich Empedokles nach Theophrast 
nicht näher, doch sollte auch hier das Hineinpassen (von Stoffteilchen) in die 
Poren Bedingung für die Sinnesempfindung sein (Theophr. de sensu 9, Vors. 
21 A 86). Empfindung, Begierde und Verstand schrieb Empedokles, wie Anaxa- 
goras und Demokrit, auch den Pflanzen zu (Pseudo-Arist. UfoI q-vzwv 1, 1, 815 a 
15. Vors. 21 A 70). 

Wir erkennen jedes Element der Dinge durch das entsprechende Element 
in uns. Gleichartiges durch Gleichartiges; Empedokles huldigt also wie 
Parmenides (s. o. S. 99) der ersten unter den beiden von Theophr. de sensu 1 
(Vors. 21 A 86) unterschiedenen Theorien. So in fragm. 109: 

raitj /.isv yoLQ yaiav ojicönafxsv, vdati ö' vöojq, 
aidsQi ö' aldiga 8iov, äzäg nvgl :ivq aidrjkov, 
OTOo}'>]v de OTOQyfj, veTxog de zs vsixe'i kvygcö 

(.,Denn mit der Erde in uns erkennen wir die Erde, mit dem Wasser das 
Wasser, mit der Luft die göttliche Luft, mit dem Feuer aber das verderbliche 
Feuer, die Liebe mit der Liebe, den Haß aber mit dem traurigen Haß"). 

In diesem Sinne ist auch fragm. 107 zu verstehen: 

Ex zovzoiv (/'«ß) :iiävza jiEJirjyaoiv äQfxooßävza, 
xai zovzoti (fiQOviovoi xal rjdovz' rj8' ävuövzai 

(„Denn aus diesen [den Elementen] ist alles in harmonischer Fügung gebaut 
und durch diese denken, freuen und betrüben sie [die Menschen] sich"). 

Der in diesem Gedanken liegende poetische Reiz und die aus ihm zu ziehende 
Folgerung vom Göttlichen, das im Menschen liegen muß, insofern er die Gottheit 
erkennt, hat ihm in der folgenden Zeit großen Anhang verschafft. Piaton nennt 
im „Staat" 6 p. 508 a b das Auge rjXioeidkozazov zü>v jieqI zäg alo&rjosi? ÖQyävcov. 
Mit Erweiterung des Gedankens behauptete dann (nach Sext. Emp. adv. math. 
7, 93) der Stoiker Poseidonios in seinem Kommentar zum platonischen Timaios: 
CO? z6 h'ev (füjs vjio zrjg (pojzoeiöovg öipeiog xaza).a^ßävEzai, i] Si (fcovij vjio zyg 
aEQOEiSovg axofjg, ovzco xal fj zcöv oXcov (fvaig vno ovyyEvovg offsiXEi xaza/.a/ußävEoßat 
rov /.oyov. Von Poseidonios beeinflußt sagt der Verfasser der pseudo-aristoteUschen 
Schrift IJeqI xöofiov 1, 391 a 14 von der Seele: gadicog oliiai zä ovyysvi] yrcoQioaaa 
xal Oeüo ^)vxfjg ofifiazi zä ßEia xaza/.aßovoa. Unter demselben Einfluß dichtete 
Manilius Astron. 2, 115: 



§ 23. Empedokles von Akragas. 109 

Quis caeliim possit iiisi caeli inunere nosse 
et reperire deum, nisi qui pars ipse deoriim est, 
und 4, 905 ff.: 

(Der Mensch im Gegensätze zu den Tieren) 

stetit unus in arcem 
erectus capitis victorque ad sidera mittit 
sidereos oculos. 

Im Anschluß an Piaton schrieb der Neuplatoniker Plotin Ennead. 1, 6, 9: 
Ov yäo UV nwnors sISef 6q)^aXfi6g tjXiov TJXtosiSijg fir] yeyfi'fjfisvo; ovds rö y.a/.ov äv 
l'8oi tfi'xh f'-h '^o/r; ysvofiEvr). 

Unter den Neueren nahm Goethe den plotinischen Gedanken auf (Zahme 
Xenien IJI): 

War' nicht das Auge sonnenhaft, 
Die Sonne könnt' es nie erblicken. 
Lag' nicht in uns des Gottes eigne Kraft, 
Wie könnt' uns Göttliches entzücken! 

Auch die Verse aus dem zweiten Buch des Manilius waren Goethe bekannt : er 
schrieb sie am 4. Sept. 1784 ins Brockenbuch. Vgl. über diese und weitere Nach- 
wirkungen des empedokleischen Satzes Franz Boll, Studien üb. Claud. Ptolem. 
(Jahrb. f. Uass. Philol. Suppl. 21 [1894]), S. 228 (hier auch ParaUelen aus der 
altchristlichen Literatur), Em. Badstübner, Beiträge z. Erklär, u. Kritik d. philo- 
soph. Schriften Senecas, Hamburg 1901 Pr., S. 13 f., Albr. Dieterich, Eine IMithras- 
liturgie-, Leipz. u. Berl. 1910, S. 55 ff. (Zusammenhang mit weiterer, auch nicht- 
griechischer, religiöser Literatur), Herm. Binder, Dio Chrysostomus und Posidonius, 
Borna-Leipz. 1905, Tüb. Diss., S. 24. 

Von Empedokles' religiösen Lehren ist aus seine Bekämpfung des Anthro- 
pomorphismus schon oben begegnet. Hierher gehört auch die Umdeutung von 
Volksgottheiten in Naturerscheinungen, die wie für Parmenides (s. o. S. 100) so 
auch für Empedokles bezeugt ist (Vors. 21 A 23). Ebendahin führt die Benennung 
der Elemente mit Götternamen ; s. o. S. 106. Im übrigen scheint Empedokles seine 
religiösen Lehren mit seiner Philosophie nicht in engere Verbindung gebracht zu 
haben. Bemerkenswert ist besonders seine Seelenwanderungslehre. Wer von 
den langlebigen Dämonen sich mit Mord befleckt oder einen Meineid geschworen 
hat, der muß nach altem Götterbeschluß dreimal zehntausend Hören hindurch 
fern von den Sitzen der Seligen umherirren und im Laufe der Zeit in allerlei 
Gestalten sterblicher Wesen eingehen. Zu diesen Verurteilten rechnet Empedokles 
auch sich selbst (fragm. 115) und berichtet von sich (fragm. 117): 

"Hdrj yÜQ JTOi' iyü) yevö/xrjv y.ovQÖg xs xoQi] if. 
&dftvog T oloivög re xai k'^aXog eXkonog iyßvg 

(„Denn ich war schon einmal Jüngüng und Jungfrau und Busch und Vogel 
und meerentsprungener stummer Fisch"). 

Aus dem Dogma der Seelen Wanderung fließt auch bei Empedokles das strenge 
Verbot, Fleisch zu essen und Tiere zu töten, da man ja seine eigenen Eltern ver- 
zehren könnte (fragm. 137): 

Mooq?Tjv ö' dXkä^avta Jiazi]Q (plXov viov deioag 
aqpdCsc enevxönevog (isya vjjjtiog' — 
wg ö'avTO)g naxBQ vlog eXcov xal fxrjtsQa naXdsg 
^vuov oiTtooQaiaavTs qpiXag xazä aäoxag edovaiv 



2j^(j § 24. Anaxagoras, Arehelaos, Metrodoros. 

{,.Den lieben Sohn, der seine Gestalt verändert hat, hebt der Vater empor 
und schlachtet ihn, während er dazu noch betet, der gar törichte! — Ebenso 
aber faßt den Vater der Sohn und fassen die Mutter die Kinder, rauben ihnen das- 
Leben und verzehren das Fleisch ihrer Lieben"). 

In der Lehre von der Seelenwanderung ist ein Zusammenhang des Empedokles 
mit den Pythagoreern anzunehmen. In den philosophischen Lehren hat er sich 
einesteils an die Eleaten. namentlich an Parraenides, andern teils an Heraklit an- 
geschlossen und bildet so eine Vermittlung zwischen der Lehre vom ab- 
soluten alles Werden und Vergehen ausschließenden Sein und der- 
jenigen vom ewigen alles Sein ausschließenden Werden. 



§ 24. Anaxagoras aus Klazomenai (in Kleinasien), dessen 
Lebenszeit sich etwa von OL 70, 2 = 499/8 vor Chr. bis Ol. 88, 1 
= 428/7 vor Chr. erstreckt, führt alles Entstehen und Vergehen,, 
wie Empedokles, auf Mischung und Entmischung zurück, setzt 
aber als letzte Mischungselemente eine unbegrenzte Vielheit 
qualitativ bestimmter und voneinander verschiedener Urstoffe,. 
die von ihm Samen der Dinge, von Aristoteles in sich (in 
allen ihren Teilen) gleichartige Elemente, von Späteren (mit einem 
im Anschluß an den aristotelischen Ausdruck gebildeten Terminus) 
Homöomerien genannt werden. Ursprünglich bestand eine 
ordnungslose Mischung dieser Teilchen: „aUe Dinge waren zu- 
sammen". Der Geist (voig) aber, welcher als das feinste unter 
allen Dingen einfache, ungemischte und leidlose Vernunft ist, trat 
ordnend hinzu und bildete aus dem Chaos die Welt. Mit dieser 
Lehre tritt an die Stelle des mythisch gefärbten Dualismus des 
Empedokles ein rein philosophischer. Einem solchen begegnen 
wir hier zum erstenmal in der abendländischen Philosophie. In 
der Erklärung des Einzelnen aber beschränkte sich Anaxagoras 
nach dem Zeugnis des Piaton und Aristoteles auf die Aufsuchung 
der mechanischen Ursachen und griff nur da, avo er diese nicht 
zu erkennen vermochte, auf die Wirksamkeit der götthchen Ver- 
nunft zurück. Die Entwicklung der Welt geht ins Endlose fort, 
ohne daß wieder einmal zu deren Anfang (.,6{.iov Tiävxa") eine Rück- 
kehr stattfände. — Außer der Philosophie widmete sich Anaxa- 
goras sehr eifrig der ^lathematik und Astronomie. 

Aus der anaxagoreischen Schule ist uns Archelaos von 
Athen (nach anderer Angabe von Milet) als Vertreter einer in 
den Grundzügen mit der des Lehrers übereinstimmenden Philo- 
sophie bekannt. Ein anderer Schüler, Metrodoros von Lamp- 
sakos, pflegte die aUegorisierende Homerausdeutung, besonders 
in physikalischer Richtung, wobei er an ethische Homerinter- 
pretation des Anaxagoras angeknüpft haben soll. 



§ 24. Anaxagoras, Archelaos, Metrodoros. 1 [ 1 

Anaxagoras. Antike Überlieferung über Leben, Schrift und 
Lehre; Apophthegmatik ; Fragmente: Diels, Vors. c. 46. (Frühere Samm- 
lungen im Literaturverzeichnis zu diesem Paragraphen.) Chronologie: Jacoby, 
Apollod. Chron. S. 244 ff. Porträt (Münzen von Klazomenai): Diels, Vors. 
40 A 27. Der erste der dort besprochenen beiden Typen abgebildet Vors. II 2 *■ 
S. III (vgl. S. XIV). 

Archelaos. Antike Überlieferung: Diels, Vors. c. 47. 

Metrodoros. Antike Überlieferung: Diels, Vors. c. 48. 

Anaxagoras stammte aus einem angesehenen Geschlecht in Klazomenai,. 
begab sich aber später nach Athen und lebte dort lange als Freund des Perikles,. 
bis er von politischen Gegnern des großen Staatsmannes auf Grund seiner philo- 
sophischen Anschauung — es handelte sich dabei um den Satz, die Sonne sei 
eine glühende Masse (Vors. 46 A 1, 12; vgl. 42 A 35) — der Gottlosigkeit an- 
geklagt wurde. Er fand sich genötigt, den Folgen der Anklage durch Aus- 
wanderung nach Lampsakos auszuweichen, wo er nicht lange nachher gestorben, 
sein soll. Die chronologischen Angaben über ihn weichen zum Teil sehr von- 
einander ab. Die Anklage fiel nach Diodor 12, 39 (Vors. 46 A 17) unter Archon^ 
Euthydemos 431, nach Plur. Perikl. 32 (Vors. ebenda) in die Zeit um den Beginn 
des peloponnesischen Krieges. Schon hiernach ist es unstatthaft, mit K. F. Her- 
mann (De philos. lonic. aetatibus, Gott. 1849, S. 13 ff.) die Geburt des Philo- 
sophen in Ol. 61, 3 (534 v. Chr.) zu setzen; vielmehr ist wahrscheinlich die Angabe 
des Apollodor (bei Diog. L. 2, 7, Vors. 46 A 1, 7, fragm. 36 Jacoby) richtig, er 
sei Ol. 70 (500—497) geboren. Sein Tod fällt nach dem Texte des Diog. Laert- 
2, 7 Ol. 78, 1 (468/7), was nach dem eben über die Zeit der Anklage Bemerkten 
und nach dem von Apollodor selbst gegebenen Ansatz seiner Lebensdauer auf 
72 Jahre in Ol. 88, 1 (428/7) zu ändern ist. Danach wäre seine Geburt nach 
apollodorischer Rechnungsmethode 499/8 anzusetzen. In Athen soll er 30 Jahre 
gelebt haben (wohl von 461—431). Die von Diog. L. 2, 7 auf Demetrios Phale- 
reus zurückgeführte Angabe, er habe in seinem zwanzigsten Lebensjahre zu Athen,^ 
als Kallias (Abkürzung für Kalliades) Archon war (Kalliades war 480 Archon. 
Eponymos, ein Kallias, der aber schwerlich in Frage kommt, 456), zu philo- 
sophieren begonnen, ist wohl aus einer Mißdeutung der Notiz hervorgegangen,, 
er habe, als Kalliades zu Athen Archon war, angefangen zu philosophieren (vgl,. 
Zeller I 1^ S. 969). Wenn Aristoteles (Metaph. 1, 3, 984a 11, Vors. 21 A 6) sagt. 
Anaxagoras sei dem Lebensalter nach früher als Empedokles, komme aber mit 
seinen (philosophischen) Leistungen nach ihm (r?) /uh i)}.iHia .-roöiegog, toi; 6' eoyoig 
voTSQog), so läßt sich zweifeln, ob hier varegog auf ein chronologisches Verhältnis,, 
oder auf eine qualitative Inferiorität der Philosophie des Anaxagoras zu beziehen, 
ist (s. Diels z. d. St.). Der Unterschied des Alters kann nicht groß gewesen sein.. 
Anaxagoras scheint bereits die empedokleischen Lehren gekannt und umgebildet 
zu haben. 

Die philosophische Schrift des Anaxagoras (IleQi (fvaecog?) Avird von 
Piaton (Apol. 26 d. vgl. Phaedo 97 b) und anderen (vgl. die Stellen Vors. 46 A 
35 ff.) erwähnt. Bei Diog. L. 2, 6 (Vors. 46 A 1, 6) heißt sie ein ovyyoauiua, 
ö EOTiv rjöecog xal fteycü.ocfQÖrtog ^Qfxtjrsvfierov. 

Anstatt der vier Elemente des Empedokles nimmt Anaxagoras unendlich 
viele Urstoffe an. Alles, was Teile hat, die qualitativ das sind, was das Ganze 
ist (wie z. B. ein Teilquantum Wassers quaütativ dasselbe ist wie das Wasser über- 
haupt), ist nach der Lehre des Anaxagoras (wie Aristoteles Metaph. 1, 3, 984 a 11,. 
Vors. 46 A 43 bezeugt) dadurch entstanden, daß diese Teile, die von Anfang an 
vorhanden, aber unter anderes zerstreut waren, sich zueinander gesellt haben 



112 § 24. Anaxagoras, Archelaos, jSIetrodoros. 

{avyy.oioi;). Diese Verbindung des Gleichartigen sei dasjenige, was bei 
dem sogenannten Werden wirklich geschehe; jedes Teilchen bleibe dabei an sich 
unverändert. Ebenso sei, was man Zerstörung nenne, in der Tat nur Tren- 
nung {ötdpiQiois). Anaxagoras bei Sirapl. in Arist. Phys. 163, 18, Vors. 46 B 17: 
T6 dk yivFadai y.al anöD.vodai ovy. ogOw; vofiii^ovaiv ol "EV.tp'Fg" ovSev yno ygrii^ia 
yivetai ovds- ü:i6}j.viai, d/J.' d^rö iövicov ygiii-iäxcoy' ov^if-ilayEiai zt xai biay.oiverai,' 
y.al ovTOig äv oQ^cög xaXoTer x6 te yivsadai av/n/iiioysa&at xai to dn6).}.va^ai 
(iiayoivea&ai (,, Werden und Vergehen sind unrichtige Vorstellungen der 
Griechen. Denn kein Ding wird, noch vergeht es, sondern es mischt sich aus 
bereits vorhandenen Dingen oder zerscheidet sich wieder [d. h. löst sich wieder 
auf in diese ursprünglichen Bestandteile]. Und so könnte man richtigerweise das 
Werden einen Mischungs- und das Vergehen einen Zerscheidungsprozeß nennen";. 
Das, was dem Ganzen gleichartige Teile hat (z. B. Fleisch, Blut. Knochen, Gold, 
Silber), nennt Aristoteles in seiner Terminologie Sfioio/negsg im Gegensatz zu 
dem diOf^oiouEQeg (z B. dem Tier, überhaupt dem Organismus als Ganzem), dessen 
Teile verschiedene Qualitäten haben. Der Ausdruck tö öfioiofiEQsg, lä öfioio/nEQfj 
geht ursprünglich nicht auf die gleichartigen Teile selbst, sondern auf das Ganze, 
dessen Teile einander gleichartig sind; er kann aber auch auf die Teile selbst als 
kleinere Ganze bezogen werden, da bei einem Wesen, welches in sich selbst durch- 
gängig von gleicher Qualität ist, auch die Teile eines jeden Teils wiederum ein- 
ander gleichartig sein müssen. Metaph. 1, 3, 984a 11 nennt Aristoteles die nach 
Anaxagoras durch Zusammenmischung der gleichartigen Teile entstandenen 
Ganzen 6uoio/a.eq^', an anderen Stellen aber auch die Teile, z. B. de caelo 8, 
3, 302 b 1 (Vors. 46 A 43) heißt es von Luft und Feuer: elvat . . . sydiEgov avxwv 
Fi doodzwr ofioiojiiEOüir jidvzoiv ijdooiofiivov, cf. de gen. et corr. 1, 1, 314 a 19, 
Vors. 46 A46: Anaxagoras setzt die gleichteiligen Substanzen, z. B. Knochen usw., 
als Urstoffe {zd SfioioiiEoi] aror/ela rldrjoir, olov oazovv y.ui aägya y.ui f(VE?.6r y.al 
zcör d/./.(ov cor kydazov avrojvv/Lior zd /^isoog eozlv [dfioioßEoig also hier das Ganze]). 
Später bildete mau das Substantivum ouoiofiEQEia, dessen Singular Lukrez an- 
wendet, wenn er sagt (1, 834 ff., Vors. 46 A 44), nach Anaxagoras entstehe jede 
rerum homoeomeria, z. B. Knochen, Eingeweide usw., aus kleinsten Substanzen 
derselben Art. Den Plural öfwiofiEoeiai gebrauchten Spätere als Bezeichnung der 
Urteilchen selbst, z. B. sagt Plut. Pericl. c. 4 (Vors. 46 A 15) von Anaxagoras: 
vovr ETiEattjOE y.adaQov y.al äy.gazor er /nE/myjiih'oi; :räai zoig aD.oig d^oyQivorza raj 
onoiouEOEiag; Vgl. auch Vors. 46 A 1, 8; 46 A 45 a. E. ; 46 A 46; 46 B 5; Sext. 
Emp. adv. math. 10, 252 {ol ydg dzöuovg eljtövzEg i) ofioio/negetag 7} oyy.ovg). Anaxa- 
goras selbst nennt diese Urbestandteile der Dinge otie Qy.aza (püvzwv yotjimzcov): 
fragm. 4, oder auch unbestimmter (wie die Dinge selbst) ;j;e/5^tara: so am An- 
fange des Werkes (fragm. 1): öuov Jtdvza yqrjfiaza f]v äizEiQU xal :i).fjdog yal 
oifiygöz7]za. Die Annahme, daß schon Anaxagoras selbst das Wort ofioio/iEQsiai 
gebraucht habe, kann sich auf eine Stelle des Simplikios zu Aristot. Phys. 1123, 21 
(Vors. 46 A 45) stützen, wo es heißt: rd eI'öi], ünsg SuoiofiEQEiag y.a'/.El (seil, n 
'Ava'iayÖQag). Gleichwohl ist es sehr unwahrscheinlich, daß der Ausdruck, der 
allem Anschein nach in der aristotelischen Terminologie wurzelt, wirklich eine 
Schöpfung des Anaxagoras sein sollte. Es ist kaum zu bezweifeln, daß Simplikios, 
obwohl ihm Anaxagoras' Werk noch vorlag, gleichwohl dem Philosophen den 
dort nicht vorkommenden, aber später allgemein gangbaren Terminus zugeschrieben 
hat. Vgl. auch Diels, Vors. z. d. St. Eberiso ist über die Angabe des Aetios 
1, 3, 5, Vors. 46 A 46, (ö/wiofiEgeiag avzdg Eyd'/.Eos) zu urteilen. 

Nicht alles, was anscheinend gleichteilig ist, hält Anaxagoras für wirklich 
gleichteilig. Aristoteles führt zwar einmal (Metaph. 1, 3, 984 a 11, Vors. 46 A 43), 



I 



§ 24. Anaxagoras, Archelaos, Metrocioros. 113 

Tom Bericht über Empedokles herkommend, Wasser und Feuer als Beispiele gleich- 
teiliger Substanzen an; avo er sich aber genauer über die Ansicht des Anaxagoras 
erklärt (de gen. et corr. 1, 1, 314 a 24, de caelo 3, 3, 302 a 28, Vors. 46 A 43), 
sagt er ausdrücklich, daß dieser gerade die dem Empedokles für elementar 
geltenden Stoffe: Feuer, Luft, Wasser und Erde, nicht für glcichteilig, sondern 
für Gemenge aus vielen verschiedenartigen Teilchen gehalten habe. 

Die Entwicklung der Dinge aus den Urstoffen läßt Anaxagoras 
nicht etwa nach Art der altionischen Kosmologen mit der ewigen Bewegung der 
Urstoffe ohne weiteres gegeben sein, sondern er nimmt eine bewegende und ge- 
staltende Kraft an. Diese erkeiint er aber nicht mit Empedokles in bald mythisch 
personifizierten, bald unpersönlich gedachten psychischen Mächten, wie Liebe und 
Haß, sondern in einem weltordnenden Geist [vovg). So sagt er in fragm. 12: 
o.-zoia f//£//fr saeo&ai y.al 6:ioTa fjv, äaoa rvv fi!) sati, y.ai ojtola k'oti, näi'xa disxöa/iajos 
vovi („Und alles in der Beschaffenheit wie es werden sollte und wie es war, sofern 
es jetzt nicht mehr ist, und alles m der Beschaffenheit wie es jetzt ist, ordnete der 
Geist"). Der Geist unterscheidet sich von den materiellen Wesen durch Einfachheit, 
Selbständigkeit, Wissen und Obmacht über den Stoff. AUes andere ist vermischt 
mit Teilen von allem andern, der Geist aber ist rein, nicht mit anderm verflochten 
und nur sich selbst unterworfen. Der Geist ist das feinste und reinste unter allen 
Dingen, ).e7ci6xar6v xe jxdvxcov '/^()i]uäx<x)v nal y.a&agdcixaxov (fragm. 12j. Diese letztere 
Stelle zeigt zugleich, daß es A. nicht gelungen ist, in seiner Auffassung des 
Geistigen den prinzipiellen Gegensatz zwischen Geistigem und Körperlichem voll 
zur Geltung zu bringen : es genügt ihm, den Geist als feinsten und reinsten Stoff 
den gröberen zusammengesetzten Stoffen entgegenzusetzen. — Anaxagoras ist der 
Begründer dieser Lehre vom Nus als ordnendem Prinzip. Hermotimos von Klazo- 
menai, der nach Aristot. Metaph. 1, 3, 984 b 19 (Vors. 46 A 58j für seinen Vor- 
gänger galt, ist eine ganz sagenhafte Gestalt. Seine angebliche Nuslehre wurde 
wohl aus der Verwendung herausgesponnen, die sein Landsmann Anaxagoras von 
der Hermotimoslegende zur Stütze seiner eigenen Nustheorie machte. Das Nähere 
s. bei Diels z. d. St. 

Im Urzustände waren nach Anaxagoras die verschiedenartigsten Stoffe 
miteinander gemischt. Den Anfang seines Werkes bildete der oft angeführte Satz 
(fragm. 1): 'Ofiov ndvxa yQifjuaxa ^v (,,Alle Dinge waren zusammen"). Diese 
Dinge waren äjxstga xal TxXfj^og xai OfiixgöxTjxa- xal yäg x6 Ofiiy.qov äjxeigov fjv^ 
xai jxdi'xcov dfxov iovxcov oi'dsv k'vdtjkov fp' vjxo a/niHQÖxtjxog . nävxa yäg di'jQ xe xai 
aid>/Q xaxei'^sv, d/nq?6x£Qa äixsiQa eövxa. xavxa yäg /.isyiaxa evsoxiv sv xoig ovnjxaai 
y.al :xh']d£L y.al (.leyedei („unendlich an Menge sowohl wie an Kleinheit. Denn auch 
die Kleinheit war unendlich. Und da nun alles zusammen war, war infolge der 
Kleinheit nichts deutlich zu erkennen. Denn Dunst und Äther, beides unendliche 
Stoffe, hielten alles andere nieder. Denn dies sind die nach Menge und Größe 
hervorragendsten Stoffe, die in der Gesamtmasse enthalten sind'' [die beiden letzten 
Sätze in Diels' Übersetzung]). Nachdem der Stoff so eine unbestimmbare Zeit 
hindurch geruht hatte, wirkte der Geist bewegend und ordnend auf ihn ein. Diog. 
Laert. 2, 6 (Vors. 46 A 1, 6) gibt referierend den Eingang der Schrift in folgender 
Form: Udvxa yQtjfiaxa ^v öfiov' eixa rovg i/.&u>v avxä 8 cey.6afii]osv. (. . . „dann 
kam der Geist und ordnete sie"). Näher Arist. Phys. 8, 1, 250 b 24: 4'rjoi yäg 
iy.Eivog ( ^va^ayögag), o/nov Tcdvrcov ovxcov xai tjgef.iovvxo)v xor äi^sigor xgdvov, xivtjocv 
Efxjioirjaai xov vovv xai dtaxgtvai („als alle Dinge zusammen waren und die un- 
gemessene Zeit hindurch in Ruhe sich befanden, habe der Geist eine Bewegung 
unter ihnen bewirkt und sie gesondert"). Eine Einwirkung der eiinagfisvtj ist aus- 
geschlossen; diese ist nur ein leeres Wort (Vors. 46 A 66). 

Ueberweg, Grundriß I. 8 



224 § 24. Anaxagoras, Archelaos, Metrodoros. 

Näher stellte sich Anaxagoras den Hergang der durch den Nus vollzogenen' 
Ordnung folgendermaßen vor. Der Geist bewirkte (nach fragm. 12) einen Um- 
schwung zunächst an einem einzelnen Punkte; in diesen Umschwung, der an 
Schnelligkeit um ein Vielfaches alle jetzt in der Menschenwelt vorhandenen Dinge 
übertrifft (fragm. 9), wurden allmählich immer größere Massen hineingezogen, 
und noch immerfort verbreitet sich diese Bewegung weiter in dem unendlichen 
Stoffe. Infolge des Umschwunges schieden sich «>/{> (Dunst) und aWrjQ (nach 
Aristoteles de caelo 1, 3, 270 b 25; 3. 3, 302 b 4 [Vors. 46 A 73. 43] identisch mit 
dem Feuer) aus der umgebenden Masse aus (fragm. 2. 12). Der urjQ ist das 
Dichte, Feuchte, Kalte und Dunkele, der ald^t'jg das Dünne, Warme und Trockene 
(fragm. 15, verglichen mit Theophr. de sensu 59, Vors. 46 A 70). Ersteres „drängte 
sich auf die Stelle zusammen, wo jetzt die Erde ist", letzteres „aber drang hinaus 
in das Weite des Äthers". Aus den Wolken (die zum Dunst gehören) ,, scheidet 
sich das Wasser aus, aus dem Wasser die Erde, aus der Erde gerinnen die Steine 
unter Einwirkung der Kälte" (fragm. 15. 16 nach Diels' Übers.). Hiermit war 
noch keineswegs eine durchgängige Sonderung der ungleichartigen Körperchen 
und Verbindung der gleichartigen erreicht; sondern innerhalb einer jeden dieser 
Massen vollzog sich aufs neue eine Sonderung der in ihr enthaltenen ungleich- 
artigen Teile und Verbindung der gleichartigen, und erst hierdurch konnten Dinge 
entstehen, deren Teile wirklich untereinander gleichartig sind, wie z. B. Gold, 
Blut usw. Aber auch diese bestehen noch nicht durchweg, sondern nur über- 
wiegend aus gleichartigen Teilchen; im Gold z. B., wie rein es uns auch er- 
scheinen möge, sind doch nicht bloß Goldteilchen, sondern auch Teilchen von. 
anderen Metallen und allen anderen Dingen; die Benennung aber geschieht nach 
dem Vorwiegenden (fragm. 6. 12). Wenn nicht Alles in Allem wäre, könnte auch 
nicht Alles aus Allem werden. Arist. Phys. 3, 4, 203a 22 (Vors. 46 A 45): 'O /nkv 
(^Ava^ay.) oziovv xwv fiOQl(o%' eivat, /iieiyfia 6/noiu>g reo uiavxi öiä ro ogäv oxiovv e^ 
otovovv yiyvo/xsvov („Anaxagoras erklärte jedes Teilchen [der ursprünglichen 
Mischung] für eine Mischung so gut wie das Ganze, weil er jedes aus jedem 
entstehen sah". Vgl. auch die Erklärung des Simplikios z. d. St., Vors. ebenda), 
woraus Aristoteles Metaph. 3, 4, 1007 b 26; 3, 7, 1012 a 26; 10, 6, 1063 b 25 den 
ungerechtfertigten Schluß zieht, daß es nach Anaxagoras keine Wahrheit gebe. 
Rein und unvermischt ist nur der Geist, was natürlich nicht hindert, daß in 
manchem andern Geist enthalten ist (fragm. 11). In dieser Reinheit des Nus 
erkennt Anaxagoras eine notwendige Voraussetzung der Herrschaft des Nus über 
alle Dinge. Aus der Unvermischtheit des Geistes folgt, daß jeder Geist, sei er größer 
oder kleiner, gleichartig ist, während dies sonst von keinen zwei Dingen gilt, da 
auch in anscheinend und der Benennung nach gleichartigen Stücken, z. B. Goldes, 
die Mischungsverhältnisse verschieden sind (fragm. 12). 

In dem Weltbilde des Anaxagoras erinnert an Anaximenes die Vorstellung, 
daß die Erde in der Gestalt eines Tympanon, d. h. als flache Scheibe, in 
der Mitte der W'elt ruhe, von der Luft getragen, die wegen der Breite der 
Erde nicht (nach oben) entweichen kann (Vors. 46 A 88, vgl. Anaximenes oben 
S. 64). Die Gestirne sind nicht etwa (einer verbreiteten Anschauung ent- 
sprechend) lebende Wesen (göttlicher Natur), sondern unbeseelte Körper (Vors. 
46 A 12. 79). Der Mond hat Ebenen, Berge und Täler und Flüsse und ist be- 
wohnt gleich der Erde (Vors. 46 A 1, 8; 46 A 42, 10; 46 A 77), die Sonne ist 
eine glühende Steinmasse {/nvdgog did-ivgog, Diog. L. 2, 8. 12). Der Mond erhält 
sein Licht von der Sonne (Vors. 46 A 76. B 18; vgl. ob. S. 99 [ParmenidesJ ). Im 
Zusammenhange damit erklärteer die Mondfinsternisse richtig aus der Verdunklung 
des Mondes durch den Erdschatten, nahm aber dabei wohl im Anschluß an 



§ 24. Anaxagoras, Archelaos, Metrodoros. 115 

Anaxiinenes an, daß bisweilen auch andere unterhalb des Mondes sich bewegende 
Körper die Verdunklung herbeiführen (Vors. 46 A 42, 9 ; 46 A 77). Ob Anaxa- 
goras wirklich der Entdecker der Ursache der Mondfinstemisse ist (Hippol. ref. 
1, 8, 10, Vors. 46 A 42, 10, nach Theophrast), läßt sich bezweifeln. Jedenfalls 
ist die (mit dieser Behauptung ebendort verbundene) Angabe, daß er zuerst die 
Beleuchtung des Mondes durch die Sonne gelehrt habe, nachweislich falsch, da 
ihm hierin Parmenides und Empedokles vorangingen. Sicher aber hat Anaxagoras 
schon durch die besondere Beachtung, die er als Freund des Perikles fand, zur 
Verbreitung der richtigen Anschauung und damit zur Aufklärung und zur Be- 
siegung des an die Mondfinsternisse sich knüpfenden Aberglaubens am meisten 
beigetragen, so wenig er auch bei der großen Masse Beifall erlangte (Plut. Nie. 23). 
Die Erzählung, wie Perikles einem durch plötzliche Verfinsterung der Sonne in 
Sehrecken versetzten Steuermann das Wesen der Sonnenfinsternis dadurch demon- 
striert, daß er ihm seinen Bock vors Gesicht hält, ist bei Plut. Pericl. 35 von dem 
Zusatz begleitet ravza fikv ovv iv xaTg axo^aTg kiysrai xwv (ptkoaöqxuv, was zweifellos 
darauf deutet, daß dabei auch Anaxagoras als der Lehrer des Perikles erwähnt 
wurde. Ähnliches wird auch von der Mondfinsternis gelten, obwohl hier nach 
Plut. Nie. 23 das Richtige schwerer Eingang fand. Vgl. Boll, Art. Finsternisse 
bei Pauly-Wissowa (hier S. 2342 f. über den Anspruch des Anaxagoras auf die 
Priorität in der Erklärung der Mondfinsternisse). Der Himmel ist, so lehrte 
Anaxagoras weiter, voller Steine, von denen einzelne zur Erde niederfallen, wenn 
die Kraft des Umschwungs nachläßt (Vors. 46 A 1, 12). Den Meteorstein von 
Aigospotamoi, dessen Fall er vorausgesagt haben sollte, ließ er von der Sonne 
herabgekommen sein (Vors. 46 AI, 10; 46 A 11. 12). 

Bezüglich der irdischen Wesenheiten lehrte Anaxagoras, schon die Pflanzen 
seien beseelt; sie trauern und freuen sich, sie haben Verstand und Einsicht 
Sie sind ursprünglich dadurch entstanden, daß die feuchte Erde von den in der 
Luft enthaltenen Keimen befruchtet wurde (Ps.-Aristot. de plant. 1, 1, 815 a 15, 
b 16; Theophr. bist, plant. 3, 1, 4; de causis plantarum 1, 5, 2, Vors. 46 A 117). 
Auch die Tiere sind ursprünglich aus der feuchten Erde unter dem Einfluß der 
Wärme vermöge der vom Himmel, d. h. aus dem Äther, herabgefallenen Keime 
entstanden. So nach Iren. adv. haer. 2, 14, 2 : Anaxagoras dogmatizavit facta animalia 
decidentibus e caelo in terram seminibus (Vors. 46 A 113); Diog. Laert. 2, 9: tw« 
yiveadai e^ vygov xal deofiov xai ysojSovg, varegov ds s^ alh'fuov (ebenda 46 A 1, 9). 

Unsere Sinne empfinden die Dinge nicht durch Gleichartiges, sondern 
durch Ungleichartiges, z. B. W'ärme durch Kälte, Kälte durch Wärme; was 
mit uns gleich warm usw. ist, macht keinen Eindruck auf uns (Vors. 46 A 92). 
Seine Lehre ist also in diesem Punkte der des Parmenides (s. o. S. 99) und 
Empedokles (s. o. S. 108), die sagen : Gleiches durch Gleiches, entgegengesetzt. Die 
Sinne sind zu schwach, die Wahrheit zu erkennen; sie unterscheiden nicht ge- 
nügend die Bestandteile der Dinge (fragm. 21): i'.t' drpavoÖTtjTog aviojv (sc. rcör 
ulod/joeiov) Ol' övraroi iaiiev ypiveiv rälrj&sc: (,,infolge ihrer [der Sinne] Schwäche 
sind wir nicht imstande die Wahrheit zu erkennen"). Der Geist erkennt die 
Objekte; alles ist erkannt von der weltordnenden Vernunft (fragm. 12): xul zä 
ovfi/^iiayöusrä re xai oaioy.QivofiEva xal diaxgivöfisva jidvza k'yvco vov;. Die höchste 
Befriedigung liegt in der (denkenden) Betrachtung des Himmels und der ge- 
samten Weltordnung (Vors. 46 A 30; 46 A 1, 10). 

Wie die philosophische Betrachtung in dieser Weise nach Anaxagoras das 
gesamte Leben beherrscht, so rückte er, wenn auf das Zeugnis des Favorinus (Vors. 
46 A 1, 11) Verlaß ist, auch die klassische Literatur unter diesen Gesichtspunkt: 
als erster stellte er den Satz auf, die homerische Poesie bezwecke ethische Unter- 



] Iß § 24. Aüaxagoras, Archelaos, Metrodoros. 

Weisung {rijv'Oin'jQov Jioirjaiv slvai negl dgeri/g xal dixaioavvt]?), und eröffnete damit 
einen zwar in die Irre führenden, aber für die weitere Entwickhing der griechischen 
Dichtererklärung und Philosophie ungemein wichtigen Weg. 

Die Erklärung der Erscheinungen, welche Anaxagoras suchte, war wesentlich 
die genetisch-physikalische; das Wesen der Ordnung, die er auf den roP^ 
zurückführte, hat er nicht erforscht. Aus diesem Grunde werfen ihm Piaton und 
Aristoteles (an welche Plotin Ennead. 1, 4, 7 sich anschließt) vor, daß der vovg 
bei ihm eine ziemlich müßige Rolle spiele. Piaton läßt im Phädon (p. 97 b. 98 b, 
Vors. 46 A 47) Sokrates sagen, er habe sich gefreut, den vovg als Ursache der 
Weltordnung bezeichnet zu sehen, und geglaubt, als Ursache, warum ein jedes 
so sei, wie es sei, werde die Zweckmäßigkeit aufgezeigt werden; aber in dieser 
Erwartung sei er durchaus getäuscht worden, da Anaxagoras von seinem vov? 
keinen Gebrauch mache und nur mechanische Ursachen angebe. Vgl. auch 
Leg. 12, 967 b c. Aristoteles Metaph. 1, 3, 984 b 15 (Vors. 46 A 58) rühmt 
Anaxagoras wegen seines Prinzips: er sei durch Aufstellung des Begriffs eines 
weltordnenden Geistes wie ein Nüchterner iinter Trunkene getreten; tadelt aber 
!Metaph. 1, 4, 985 a 18 (Vors. 46 A 47), er wisse dieses Prinzip nicht zu verwerten, 
sondern gebrauche den rovs nur wie einen deus ex machina als Lückenbüßer, 
wo ihm die Erkenntnis der Xaturursachen fehle. Hielt sich nun ein anderer Denker 
nur an das, was der vovg dem Anaxagoras wirklich war, nicht an das Wort 
und den möglichen Inhalt des Begriffs, so mußte er einen vovg als bewegende 
Ursache neben den materiellen Objekten für entbehrlich halten (in ähnlichem Ge- 
dankengange, wie in späterer Zeit Laplace imd andere den „nur von außen 
stoßenden Gott'' älterer Astronomen) und wisseuschaftücher zu verfahren glauben, 
wenn er mit Aufhebung des anaxagoreischen Dualismus in dem Stofflichen selbst 
oder einem rein mechanischen Geschehen die zureichenden L'rsachen der Be- 
wegungen finde. In solchem Sinne stehen die Lehren des Diogenes von Apollonia 
(s. o. S. 64 f.) und der Atomistik der des Anaxagoras gegenüber. Ander- 
seits konnte der Begriff des vovg zu einer wirklichen Erforschung des Geistes ver- 
anlassen und somit über die bloße Kosmologie hinausführen. In dieser Weise 
hat das anaxagoreische Prinzip aber erst später in der Sokratik fortgewirkt und 
ist von großer Tragweite für die fernere Entwicklung der Philosophie namentlich 
bei Piaton und Aristoteles gewesen. 

Archelaos, der namhafteste unter den Schülern des Anaxagoras und, 
wie es liieß, der Lehrer des Sokrates, verfaßte eine vermutlich UeqI (pvoeoig betitelte 
naturphilosophische Schrift, aus der uns ein kurzes Fragment erhalten ist 
(Vors. 47 B 1). Er scheint das ursprüngliche Gemisch aller Stoffe der Luft 
gleichgesetzt und den Gegensatz zwischen Geist und jMaterie abgeschwächt zu 
haben, indem er eine Mischung von Geist und Materie annahm, so daß er 
auch die Luft und den Geist als Gott bezeichnet (Vors. 47 A 4. 7. 12). So 
näherte er sich der älteren ionischen Naturphilosophie wieder, und in diesem Be- 
tracht war seine Stellung zu Anaxagoras eine ähnliche wie die seines Zeitgenossen 
Diogenes von Apollonia. Eine sehr beachtenswerte, weil auf Theophrast zurück- 
gehende Tradition (Vors. 47 A 5) läßt ihn freilich in der Prinzipienlehre mit 
Anaxagoras übereinstimmen und nur in der weiteren Ausgestaltung der Theorie, 
insbesondere in der Lehre von der Weltentstehung, eigene Wege gehen. Nach 
einigen Berichten philosophierte er auch .Tf^t vöfiojv xai y.aXwv xai dixaiwv und 
war als Ethiker Vorläufer des Sokrates. Insbesondere wurde ihm die nach 
sonstiger Tradition in der Sophistik aufgekommene Lehre zugeschrieben, Recht 
und Unrecht seien nicht von Natur (q^vaei), sondern durch Satzung (fofio)) be- 
stimmt (Vors. 47 A 1, 16; 47 A 2. 6). 



§ 24. Aiiaxagoras, Archelaos, Metrodoros. § 25. Atomiker. 117 

Metrodoros von Lampsakos hatte einen Namen als Hauptvertretcr der 
schon von Anaxagoras geübten und in dessen Schule fortgesetzten philosophischen 
Homerinterpretation. Wie diese Schule im allgemeinen, so deutete auch er die 
homerischen Götter und Helden in allegorischer Weise auf Naturkörper und 
geistige Begriffe. So verstand er unter Zeus den vovg, unter Athena die reyvt], 
unter Agamemnon den Äther, unter Achilleus die Sonne, unter Helena die Erde, 
unter Alexander die Luft, unter Hektor den Älond usw. (Vors. c. 48). Neben 
Anaxagoras mochten hier auch Parmenides und Empedokles mit ihrer physika- 
lischen Mytheninterpretation (s. o. S. 100. 109) einwirken. 

Die Philosophie des Anaxagoras hat wie auf Perikles so auch auf Euri- 
pides und Sokrates (welcher letztere, obschon er die Naturforschung als 
solche abwies, den teleologisch- theologischen Grundgedanken des Anaxagoras. 
daß die Naturordnung auf einen ordnenden Geist zurückweise, mit vollster 
Überzeugung sich aneignete und fortbildete) einen mächtigen Einfluß geübt, ohne 
daß diese für Einwirkungen von anderen Seiten unzugänglich gewesen wären. Die 
schönen anapästischen Verse des Euripides, welche die Glückseligkeit des 
Forschers in unverkennbarem Hinblick auf Anaxagoras (s. o. S. 115) preisen 
(fragm. 910 N., Vors. 46 A 30), mögen hier eine Stelle finden : 

"OXßiog oGzig xfjg laxogiag 
s'oxs fiä&tjaiv, fir/rs jioXircöv 
i::ii jTt]/joovvi]v fitji sig döixovg 

Jiga^eig ÖQiiiöiv, 
dAA' a&aväxov xa^ogcüv (pvoeag 
y.oai^iov ayrjocov, 7/ rs avveozT] 

XOJJI]) ioi:j(üg- 
ToXg ds Toiovxoig ovSsjtox' aloyoöiv 
egycov /^slsdrjfta jiqooI'Qei 
(„Glücklich wer forschen gelernt hat, weder auf seiner Mitbürger Leid noch 
[sonst] auf ungerechte Taten ausgehend, sondern die nichtalternde Ordnung der 
unsterblichen Natur betrachtend, wie sie ist und auf welchem Wege und wie sie 
zustande kam. Solchen Männern wohnt niemals inne die Sorge um schimpfliche 
Werke"). 

Hinsichtlich physikalischer Lehre stellt Aet. 5, 19, 3 (Vors. 46 A 112) 
Anaxagoras und Euripides zusammen und führt von letzterem die Verse an (aus 
der Tragödie Chrysippos, Eurip. fragm. 839): 

&vfioxEi 6' ovdkv xcöv yiyvo/iievcov, 
diaxQivöfisvov d' äkko JtQog ä).).ov 
uoQ(p)]V EXEQav äjiedei^sv 
(„Es stirbt nichts von dem was entsteht. Es trennt sich vielmehr nur das 
eine vom andern und bildet eine andere Gestalt"). 

Vgl. dazu Anaxag. fragm. 17. S. auch Vors. 46 A 1, 10; 46 A 20a und 
b; 46 A 48. 62. 91. 105. 112. 

§ 25. Leukipp OS von Milet (als angeblicher Schüler des 
Parmenides auch Eleate, als Lehrer Demokrits Abderite genannt) 
und Demokrit von Abdera, welch letzterer um Ol. 90, 1, 
420/19 vor Chr., blühte, begründen die Atomistik, einen weiteren 
Versuch, die großen Gegensätze der eleatischen und der hera- 
khtisehen Philosophie, die des erfahrungsmäßigen Werdens und 



\1^ § 25. Die Atomiker: Leukippos und Demokritos. 

der anscheinenden metaphysischen UnmögHchkeit desselben, zu 
vermittehi, und geben eine streng konsequente mechanische 
Weherklärung unter Ausscliluß jedes Duahsmus, die für aUe 
späteren Zeiten von größter Bedeutung gewesen ist. Sie setzen 
als Prinzipien das Volle und das Leere und identifizieren 
diese mit dem Seienden und Nichtseienden oder dem Etwas und 
Nichts; auch von dem letztern behaupten sie, es existiere. Sie 
bestimmen das Volle näher als unteilbare Urkörperchen oder 
Atome, welche sich voneinander nicht nach inneren Qualitäten, 
sondern nur geometrisch durch Gestalt, Lage und Anordnung 
unterscheiden. Die runden Atome bilden das Feuer und die 
Seele. Die Wahrnehmung entsteht durch materielle Bilder, 
welche von den Dingen ausgehen und durch die Sinne zu der 
Seele gelangen. 

Das sittliche Ziel des Menschen hegt in der Glückselig- 
keit, einer aus richtig gewälilten Lustgefühlen sich ergebenden 
gleichmäßigen Gemütsstimmung. Erlangt wird sie durch Gerech- 
tigkeit und Bildung. 

Demokrits Lehren wirkten in einer Reihe unmittelbarer und 
mittelbarer Schüler fort, unter denen besonders Metrodoros von 
Chios Erwähnung verdient. 

Antike Überlieferung über Leben, Schriften und Lehre; Frag- 
mente: Diels, Vorsokr. c. 54 (Leukipp), 55 (Demokrit), 56 ff. (Demokriteer). 
(Frühere Sammlungen s. im Literaturverzeichnis zu diesem Paragraphen.) 
Chronologie (Demokrit): Jacoby, Apollod. Chron. S. 290ff. 

Über das Alter und die Lebensverhältnisse des Leukippos erfahren wir 
wenig Bestimmtes. Schon im Altertum scheint die nähere Kenntnis von ihm bald 
verschwunden zu sein, so daß Epikur (Vors. 54 A 2) behaupten konnte, es habe 
niemals emen Philosophen L. gegeben. Das war nur dadurch möglich, daß L. 
auch als Schriftsteller bald aufhörte, eine individuelle Sonderexistenz zu führen. 
„Die Schriften der älteren Abderiten scheinen im vierten Jahrhundert bereits 
ohne L'nterschied der Verfasser in einem a potiori genannten Corpus Democriteum 
vereinigt gewesen zu sein. Aristoteles und Theophrast, die in Makedonien wie in 
Assos mit der Schule der Abderiten in Verbindung getreten zu sein scheinen, 
hatten Genaueres von dieser über den Stifter und seine Schriftstellerei erfahren. 
Daher erscheint bei ihnen und fast nur bei ihnen eine deutüche Sonderling des 
leukippischen und demokritischen Nachlasses. Auch konnte vermutlich aus der 
Klage wegen Plagiats, die Demokrit im Miy.gog 6iay.ooi.iog gegen Anaxagoras er- 
hoben zu haben scheint (Demokr. fragm. 5), die Autorschaft des Leukippos für 
den Msyag diaHoofiog und ITeqI vov bestätigt werden" (Diels, Vors. zu 54 B). In 
den auf die Arbeiten der Alexandriner zurückgehenden Schriftenverzeichnissen 
standen auch der Meyag diäy.oaiiog (bei Laert. Diog. 9, 46 mit dem Zusatz 6V ol 
Tieoi OEÖrfoaozov Asvyi.i.-iov cpaolv slvat) imd die Schrift UsqI vov unter den Werken 
des Demokrit (vgl. Vors. 55 A 33). Bei Aristoteles wird Leukipp gewöhnlich mit 
Demokrit zusammen genannt. Durch den Charakter seiner Lehre erhält die Nachricht 



§ 25. Die Atoniiker: Leukippos und Demokritos. 119 

•eine Stütze, daß er den Eleaten Zenon gehört habe (Vors. 54 A 1, 30 u. ö.). Daß 
er an die eleatische Doktrin angeknüpft habe, bezeugt auch Arist. de gen. et 
corr. 1, 8, 325a 2(3 (Vors. 54 A 7). — Leukippos scheint auf Enipedokles und 
Diogenes von Apollonia Einflute gehabt zu haben. 

Deniokrit von Abdera hat (nach Diog. L. 9, 41 [Vors. 55 A 1. 41, B 5J) 
in seiner Schrift Miy.Qog Siuy.oofw^ gesagt, er sei noch jung gewesen, als Anaxa- 
goras schon bejahrt war. ApoUodor setzte daher nach der bei ihm üblichen 
Methode den Altersunterschied auf vierzig Jahre an und gelangte so zu Ol. 80, 1, 
460/59 vor Chr. als Geburtsjahr, indem er wie gewöhnlich Anfangs- und End- 
jahr der Rechnung voll einrechnete. Thrasyllos (unter Kaiser Tiberius) schob in 
seiner Einleitung in Demokrits Werke, vielleicht weil er auf Grund einiger ari- 
stotelischer Stellen glaubte Demokrit älter machen zu sollen als Sokrates, das Ge- 
burtsdatum um zehn Jahre zurück. Unter den Ansätzen für Demokrits Lebensdauer 
geht der auf neunzig Jahre lautende wahrscheinlich auf Apollodor zurück. Wie 
gewöhnlich, so wird auch bei Demokrit Apollodor, obwohl seine bestimmten An- 
sätze auf Kombination beruhen, doch im ganzen das Richtige getroffen haben. 
Aus Wißbegierde unternahm Demokrit ausgedehnte Eeisen, auch nach Ägypten und 
dem Orient. Piaton nennt ihn nirgends, berücksichtigt ihn aber öfter; von der 
materialistischen Doktrin redet er nur geringschätzig. Nach der Erzählung des 
Aristoxenos bei Diog. L. 9, 40, Vors. 55 A 1, 40. soll er Demokrits Schriften 
haben verbrennen wollen, jedoch auf den Rat der Pythagoreer Kleinias und Amy- 
klas die Demonstration unterlassen haben. Aristoteles erwähnt Demokrit häufig, 
spricht von ihm mit voller Achtung und hat ihn vielfach benutzt. Betreffs der 
romanhaften Ausschmückung, der Demokrits Leben unterworfen worden ist, s. d. 
Stellen Vors. 55 A Uff. C 2 ff . 

Als Verfasser eines Verzeichnisses der (in der alexandrinischen Bibliothek 
vorhandenen oder sonst damals nachweisbaren) Schriften Demokrits ist uns 
Kallimachos bekannt, der damit eine Zusammenstellung und Erklärung der dem 
Demokrit eigentümlichen Ausdrücke verband. Auf dieses Verzeichnis geht ein 
uns bei Diog. Laert. 9, 45 ff. (Vors. 55 A 33) erhaltenes zurück, das die Werke 
mit Ausschluß einer Gruppe von davvza>cza in tetralogischer Anordnung aufführt. 
Diese Anordnung wird auf Thrasyllos zurückgeführt, ist tatsächlich aber älter 
(vgl. Diels' Anmerk. zu Vors. 55 A 33). Der Ruf des Naturforschers y.cn l^oyjjv, 
den D. im Altertum genoß, hat Veranlassung geboten, vieles auf seinen Namen 
zu fälschen (Vors. 55 B 298 b ff.). Die echten Schriften behandelten die verschieden- 
artigsten Gegenstände aus den Gebieten der Ethik, der Physik im weitesten 
Sinne des Wortes, der Mathematik, der Musik, der angewandten Wissenschaften 
und der Künste (so schrieb D. beispielsweise über Medizin, Landbau, Malerei, 
Taktik, Hoplomachie) und zeigten die staunenswerte Vielseitigkeit des Mannes. 
Ein gefälschtes Fragment, das aber seine Bedeutung gut charakterisiert, läßt um 
von sich sagen, er sei unter den Zeitgenossen am weitesten gereist, habe am 
meisten geforscht, die größte Zahl von Himmelsstrichen und Ländern gesehen, 
die meisten Gelehrten gehört und sei in der Geometrie nicht einmal von den 
ägyptischen Landvermessern übertroffen worden (Vors. 55 B 299 mit Diels' Anm.). 
Sein Forschungseifer findet einen schönen Ausdruck in fragm. US: "EXeys ßovXs- 
o&ai fiäXXov /u.iav svqsTv ahioXoyiav i) rijvIIsQowr oi ßaatlsiav ysvec&m („er sagte, er wolle 
lieber einen einzigen Beweis finden als Perserkönig Averden"). Der Stil seiner 
Schriften wurde gerühmt. Nach dem Urteil mancher stand, wie Cicero berichtet, 
seine Sprache wie auch die Piatons der Poesie näher als die der komischen 
Dichter. Cicero hebt an ihr im Gegensatze zu derjenigen Heraklits ihre Klar- 



220 § 2j. Die Atomiker: Leukippos und Demokritos. 

heit hervor. Dionys von Halikarnaß aennt ihn neben Piaton und Aristoteles- 
ais beachtenswerten Vertreter des mittleren Stils (Vors. 55 A 34). 

Das atomistische System ist von Demokrit, der es durchgebildet und 
zu anerkannter Bedeutung erhoben hat, jedenfalls dem anaxagoreischen 
(in dem oben S. 116 bezeichneten Sinne) entgegengestellt worden. Das Ver- 
hältnis zwischen Leukippos und Anaxagoras ist unsicher. Daraus, daß- 
Demokrit von Aristoteles (Metaph. 1, 4, 985 b 4 f.) haTgog des Leukippos genannt 
■wird, läßt sich nicht mit Sicherheit entnehmen, daß der Altersunterschied kein 
bedeutender, daß also Leukippos ebenso wie Demokrit jünger als Anaxagoras ge- 
wesen sei, aber wenn Leukippos wirklich den Eleaten Zenon gehört hat, muß er 
beträchtlich später als Anaxagoras angesetzt werden. Wenn Anaxagoras nicht 
in frühem Lebensalter mit seinen philosophischen Leistungen hervortrat, so wäre 
denkbar, daß Leukippos (der unmittelbar an die Lehre des Parmenides polemisch 
anzuknüpfen scheint) ihm darin vorangegangen sei. Mit Sicherheit läßt sich dies 
freilich aus einigen Stellen des Anaxagoras nicht erschließen, worin derselbe 
Ansichten (insbesondere die Annahme leerer Zwischenräume) bekämpft, die zwar bei 
den Atomikern sich finden, aber wohl schon von Früheren (nämlich von Pytha- 
goreern) geäußert worden waren und teilweise auch schon von Parmenides und 
Empedokles bestritten werden. Bei dieser Ungewißheit über Leukippos und der 
unzweifelhaften Bezugnahme des Demokrit auf Anaxagoras lassen wir die Dar- 
stellung des atomistischen Systems der des anaxagoreischen nachfolgen. Auch 
steht dem Wesen nach die Homöomerienlehre, die gleichsam ein qualitativer 
Atomismus ist, in der Mitte zwischen der Vierzahl qualitativ verschiedener Elemente 
bei Empedokles und der Reduktion aller anscheinenden qualitativen Verschiedenheit 
auf die bloß formale der unendlich vielen Atome des Leukippos und Demokritos. 
In dem Bericht über die Prinzipien der älteren Philosophen im ersten Buche 
der Metaphysik sagt Aristoteles (c. 4, 985 b 4, Vors. 54 A 6), Leukippos und sein 
Genosse Demokritos setzten als Elemente das Volle (jikf/geg, oiegeor, Simpl. Phys^ 
p. 28, de caelo p. 242. 294 [Vors. 54 A 8. 14; 55 A 37; vgl. auch Aet., Vors. 55 A 4C. 
47. 125J gebraucht dafür vaaröi') und das Leere (xevöv, fiavör), und hießen jenes 
ein Seiendes (6V), dieses ein Nichtseiendes (int] dv); sie behaupteten demgemäß 
auch, es existiere ebensowohl das Nichtseiende wie das Seiende. Nach einem 
andern Berichte (Plutarch adv. Col. 4, Demokr. fragm. 156) drückte sich Demo- 
krit so aus: fii] fiäUov zd dh rj x6 //.rjösv sTvai, indem er mit dem seltsam ge- 
bildeten Worte div das Etwas bezeichnete („es gebe ebensowohl das Nichts wie das 
Ichts''). Die Ausdrucksweise erklärt sich aus der Anknüpfung an die eleatische- 
Lehre, die die Atomiker bekämpfen. Parmenides hatte nur das Körperliche als. 
Seiendes anerkannt, den leeren Raum als Nichtseiendes betrachtet. Wer sich den 
von den Eleaten gezogenen Folgerungen aus dieser Auffassung entziehen wollte, 
konnte einen doppelten Weg einschlagen. Er konnte dem Umfang des eleatischen 
Seinsbegriffes bestreiten und fordern, daß der Ausschluß des Leeren aus diesem 
Begriffe aufgegeben werde: das Körperliche und das Leere, so konnte er behaupten, 
sind Seiendes. Oder er konnte den Umfang des Seinsbegriffes in der eleatischen 
Begrenzung bestehen lassen, aber seinen Inhalt neu bestimmen: das Körperliche 
ist das Seiende, das Leere das Nichtseiende, aber Seiendsein und Nichtseiendsein 
fallen nicht mit Sein (Existenz) und Nichtsein (Nichtexistenz) zusammen. 
Das kann, soll darin nicht ein Widerspruch enthalten sein, nur so verstanden 
werden, daß die eleatLsche Seins- und Nichtseinsbestimmung im Sinne einer kon- 
ventionellen Terminologie beibehalten, ihrem Wesen nach aber aufgehoben wird. 
Aus der Beibehaltung ergab sich der Vorteil einer paradoxen Zuspitzung der 
neuen Lehre und einer scharfen Prägung ihres Gegensatzes gegen den Eleatismus^ 



§ 25. Die Atoniiker: Leukippos und Dcmokritos. 121 

Es gibt unendlich viele Seiende; jedes derselben ist unteilbar {ätoiiov). 
Zwischen ihnen ist der leere Raum. Für die Annahme des letzteren stellte Denio- 
krit nach Arist. Phys. 4, ü, 213 b, Vors. 54, 19, folgende Gründe auf: 1. die Be- 
wegung fordert ein Leeres; denn das Volle kann kein anderes in sich aufnehmen; 
2. die Verdünnung und Verdichtung wird nur durch leere ZAvischenräume mög- 
lich; 3. das Wachstum beruht auf einem Eindringen der Nahrung in die leeren 
Stellen der Körper; 4. ein Gefäß, mit Asche gefüllt, faßt (obschon weniger 
Wasser, als wenn es leer wäre) nicht um ebensoviel weniger Wasser, wie der 
Raum beträgt, den die Asche einnimmt; das eine muß also zum Teil in die 
Zwischenräume des andern eintreten. 

An den Atomen ist (nach Arist. Metaph. 1, 4, 985 b 14 ff., Vors. 54 A 6) 
ein Dreifaches zu unterscheiden: Gestalt (ö;u^^a, von den Atomikern selbst nach 
der Angabe des Aristoteles ovo/.i6g genannt), Ordnung {rd^ig,hei den Atomikern 
öia&iyr'j) und Lage (dioig, bei den Atomikern room]). Zur Erläuterung führt 
Aristoteles als Beispiel des Gestaltungsunterschiedes die Schriftzüge A und N an, 
des Unterschiedes der Ordnung oder Folge AN und NA, des Lagenunterschiedes 
endlich IX (alte Form des Z) und H. Als wesentlich durch die Gestalt bestimmt 
scheint Demokrit die Atome auch Idsag genannt zu haben (Plut. adv. Col. 8, 
Vors. 55. 57; Hesych. s. v. Idea). Diese Unterschiede reichen nach den Atomikern 
zu, die ganze Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu erklären ; es werde ja auch, 
aus den nämlichen Buchstaben die Tragödie und Komödie (Arist. de gen. et corr. 
1, 2, 315 b 6 ff., Vors. 54, 9). Die Größe der Atome ist verschieden; der Größe 
eines jeden aber entspricht seine Schwere (Vors. 55 A 60). 

Nach einer Ursache der Atome und ihrer Eigenschaften darf man nicht 
fragen, denn sie sind ewig, also ursachlos. Arist. Phys. 8, 1, 252a 35 (Vors. 
55, 65; vgl. Alex, zur Metaph. 36, 21, Vors. 54, 6): (Ar}fA.6xQizog) xov dei ovh d^ioi 
doxrjv ^t]Tstv. (Wohl nicht die Atomiker selbst, sondern erst Spätere haben die 
L'rsachlosigkeit zu einer Art von Ursache oder wirkendem Wesen, rd avtöuarovf 
hypostasiert.) Den Zufall leugnet Leukipp auf das bestimmteste in den Worten 
(fragm. 2): ovSh' yQijua itdztjv ylvEzai, dXXd Jidvia eh Xöyov ze xai vtc dvdyy.i}g, 
wobei man unter '/.6yoc nicht etwa eine vernünftige Kraft zu verstehen hat, son- 
dern nur einen Grund, ohne den nichts geschieht. 

Auch die Bewegung der Atome soll Demokrit für ursprünglich und ewig 
erklärt haben. Sehr ungewiß ist es, ob er hiermit die Annahme verbunden hat, 
daß die Schwere die größeren Atome rascher nach unten getrieben habe, wodurch 
die kleineren und leichteren nach oben gedrängt und zugleich durch den Zu- 
sammenstoß auch Seitenbewegungen bewirkt worden seien. Daß es in dem un- 
endlichen Raum kein Oben und Unten gebe, wendet gegen diese Theorie schon 
Aristoteles ein, Phys. 4, 8, 214 b 28 ff. u. ö., aber es ist nicht ausgemacht, daß 
hier die Lehre Demokrits bekämpft wird. AVahrscheinlich hat Demokrit trotz der 
Schwere der Atome eine Ursache für die Urbewegung ev ziZ xevoj xai zco djieiQco, 
die nicht in einem Fallen, sondern in einer ungeordneten Bewegung nach allen 
Seiten bestand, nicht angegeben, und wird auch deshalb von Aristoteles getadelt. 
An irgendeinem Orte des dnEigov häuften sich nun Atome von den verschieden- 
sten Seiten kommend zusammen xaz' dvdyxrjv, es entstand hierdurch ein Wirbel 
{^ivr)), der, indem er sich weiter und weiter ausbreitete, eine Weltenbildung her- 
beiführte. Das Gleichartige tritt dabei zueinander (nicht infolge der Einwirkung 
einer (pdörr^g und eines rsixog, oder eines vovg, sondern) vermöge der Natur- 
notwendigkeit, wonach das, was an Schwere und Gestalt gleich ist, an die gleichen 
Orte gelangen muß (Vors. 55 A 38): jtscfvxevai yüo z6 ofioiov vtio zov 6/iioiov xi- 



122 § 25. Die Atomiker: Leukippos und Demokritos. 

veiadai y.al (fFQEoOai rä ovyyerfj jigög älh]).a ; vgl. 55 A 165 und Demokrits eigene Worte 
55 B 164, in denen er auf die Erscheinungen beim Durchsieben verschiedener 
Samenarten (Linse ordnet sich zu Linse, Gerste zu Gerste) und bei der Sammlung 
von Steinen durch den Wogenschlag der Brandung (die länglichen Steine gesellen 
sich zu den länglichen, die runden zu den runden) hinweist. Indem bei dem 
Umschwung manche Atome sich dauernd miteinander verflechten (r?/ zovicov {lütv 
aro/zcor] avfi:i'/.oySj xai -reguiaXätEi jrdvza yEvväaßai, Arist. de caelo 3, 4, 303 a 4), 
bilden sich größere zusammengesetzte Körper und ganze Welten. Seit Ewigkeit 
entstehen und vergehen nach Notwendigkeit solche Welten, die der unsern teils ähn- 
lich, teils unähnlich sind. Vgl. über diese Weltbildung Vors. 54 AI, 31; 54 
A 10. 11. 14. 24; 55 A 1, 44; 55, 43; über die Zahllosigkeit der Welten 54 A 21 ; 
54 A 24, 89; 55 A 40, 2 ; 55 A 43. 

Die Erde war ursprünglich in Bewegung, solange sie noch klein und leicht 
war; allmählich gelangte sie zur Ruhe (^'^ors. 55 A 95). Aus der feuchten Erde, 
aus dem Erdschlamm, sind die Organismen hervorgegangen. Die Seele be- 
steht aus den feinen, glatten und runden Atomen, welche zugleich die Feuer- 
atome sind. Solche Atome sind durch den ganzen Leib verbreitet; zwischen je 
Äwei anderen Atomen findet sich ein Seelenatom, welches Bewegung hervor- 
bnngt. In besonderen Organen üben die Seelenatome besondere Funktionen; so 
ist das Gehirn der Sitz des Denkens, das Herz der des Zornes, die Leber 
der der Begierde. Durch das Einatmen schöpfen wir Seelenatome aus der 
Luft, durch das Ausatmen geben wir solche an sie ab, und das Leben besteht 
so lange, als dieser Prozeß andauert (Vors. 54 A 28; 55 A 101). 

Die Sinneswahrnehmung erklärt sich durch Ausflüsse von Atomen 
aus den Dingen, wodurch Bilder {El'doAa) erzeugt werden, die unsere Sinne treffen. 
So lehrte schon Leukippos, daß durch das Eindringen der sl'öcola in das Auge 
■das Sehen bewirkt werde (Vors. 54 A 29; 55 A 118). Die Sinnesempfindung be- 
ruht auf einer durch den äußern Eindruck in uns hervorgebrachten Veränderung 
(Vors. 54 A 29. 30). Die Frage, ob die Sinnesempfindungen durch Gleiches, wie Parme- 
nides und Empedokles wollten (s. o. S. 99. 108 f.), oder durch Entgegengesetztes, wie 
nach Anaxagoras (s. o. S. 115), zustande kommen, ließ D. unentschieden (Vors. 55 A 
135). Auch die Götter bekunden sich uns durch solche sl'dcoX.a, die wir von ihnen 
erhalten. Freilich hat Deraokrit unter diesen Göttern nur eine Art Dämonen ver- 
standen, die nicht unsterblich sind, sondern nur länger leben als die Menschen. 
Sie sind teils gut-, teils bösartig. Auf der Erscheinung solcher Dämonen beruht 
die Vorstellung einer Gottheit. In der Tat gibt es nach den Atomikern keine 
Gottheit — zu deren Begriff die UnvergängUchkeit gehört — und kann auch nach 
den Grundvoraussetzungen ihres Systems keine geben. Wohl aber sind diese el'öojXa 
höherer Wesen wenn auch nicht unzerstörbar (äffdagra), so doch schwer zerstörbar 
{8vo(pdaQza). Durch ihre Erscheinungen und stimmlichen Äußerungen verkünden 
sie den Menschen die Zukunft. Die Wahrnehmung hat nicht volle Wahrheit, 
sondern bildet die empfangenen Eindrücke um. Die Atome sind wegen ihrer Klein- 
heit unsichtbar. Atome und Leeres sind das Einzige, was an sich existiert, quali- 
tative Unterschiede gibt es nur für uns, in der sinnlichen Erscheinung. Nöf^co 
ykvy.v y.ai vöfiq) jIixqÖv, vo/lko degfiöv, vöfiip xpry^oör, vofiqj XQoirj' izsfj 8k äzofia xal 
xevöv (Deraokr. fragm. 9. 125). Vgl. auch Aet. 4, 9, 8 (Vors. 54 A 32): firjökv 6' 
elvai aXrideg /j,7]8s xaxaXrjmov ixrog zcjv ngcörcov ozoiy^sicov, dzöficov xai xsvov' xavza 
yäg Bivai /aöva qpvosc, zä ö' ex zovzcov ■&Eaei xai zd^si xai a)(^riixazi 8iaq?sQovza dAA^- 
Xcov avjußeßt]x6za. Es tritt hier schon die Unterscheidung zwischen sogenannten 
primären und sekundären Qualitäten hervor, wie sie in neuerer Zeit besonders von 
Descartes und Locke vorgenommen wurde. — Auf die sinnliche Erscheinung muß 



§ 25. Die Atomiker: Leukippos und Demokritos. 123 

wohl der Ausspruch des Demokrit bei Diog. L. 9, 72 (fragm. 117) beschränkt 
werden: hffj Sf ov()yr i'öiisv, h' ßvdcö yag fj ahj{)sta, denn auf die Atomenlehre 
selbst kann bei der Zuversicht, mit welcher Demokrit sie vorträgt, diese skeptische 
Äußerung nicht gehen, und Demokrit hat auch ausdrücklich (nach Sext. Empir. 
adv. math. 7, 138, fragm. 11) von der Sinneswahrnehmung als der dunklen Er- 
kenntnis iaxnrirj) die echte (yvjjöitj), die der Verstand durch Forschung gewinne, 
iinterschieden. Das philosophische Denken, durch welches über die Binneswahr- 
nehmung hinausgegangen und die Kealität der Dinge in den Atomen erkannt 
wird, hat Demokrit geübt, aber nicht selbst Avieder eigens zum Objekt philo- 
sophischer Reflexion gemacht, und die Weise, wie es zustande komme, ohne 
eingehende Erklärung gelassen ; erst der folgenden Periode, deren frühester Ver- 
treter freilich Demokrit gleichzeitig ist, gehört die strengere Eeflexion auf das 
Denken selbst an. Doch folgt aus den demokritischen Grundlehren, daß das Denken 
nichts von dem sinnlichen Empfinden oder der vovg nichts von der yv/i] Unab- 
hängiges sein kann, und diese Konsequenz hat Demokrit auch ausdrücklich ge- 
zogen (Aet. 4, 8, 10 [Vors. 54 A 30]: ^IsvyL-rjiog Ar][i.6xQizog'Eniy.ovQog zijv aVoßrjoir 
y. al xrjv vörjotv ylveodai eidcö/.OJV s^coßsv Tigoocövrcov fi7]8svl yag ijiißä/J.eiv u)]ös- 
TEoav xoiQig zov jiooo.-Ti.-norzog slöcÖÄov. Vgl. Cic. de fin. 1, 6, 21). Nur insofern 
scheint sich Demokrit über das Zustandekommen der echten Erkenntnis ausge- 
sprochen zu haben, als er in Übereinstimmung mit Anaxagoras forderte, daß aus 
■den Erscheinungen ((paiv6/j.sva) auf das Verborgene {ä8r]?.a) zu schließen sei (Sext. 
Emp. adv. math. 7, 140, Vors. 55 A 111), und lehrte, daß das q^goveTv entstehe 
tjvfiftizQCüg eyovoi}g xf]g xfv/Jjg xazä xijv y.ofjoiv (Theophr. de sensu 58, Vors. 
55 A 135). 

Die ethischen Sätze Demokrits sind zwar von einem Gedanken und einer 
und derselben Stimmung beherrscht, aber bei dem Philosophen selbst, soweit uns 
die Fragmente ein Urteil gestatten, nicht wissenschaftlich abgeleitet und ebenso- 
wenig in sicherstehende Verbindung mit der Atomistik gebracht. 

Das höchste Gut ist die Glückseligkeit {evdamoviT]), die in der andauernden, 
sicheren Heiterkeit des Gemüts besteht (evßvf.a'i], svsazco). Das Beste für den 
Menschen ist es, sich so viel als möglich zu freuen und sich so wenig als mög- 
lich zu betrüben, fragm. 189: "Aoiazov uvßomno) zov ßiov dinysiv oj? .-z/.eToza Ev&v^tj- 
§erzi yal eläyiaza dvi7]dh'ci. Ist hiermit der Hedonismus auch bestimmt aus- 
gesprochen, so ist Demokrit doch weit entfernt von allen unsittlichen Konse- 
quenzen, im Gegenteil nimmt er an Reinheit der moralischen Lehren unter den 
griechischen Philosophen eine hohe Stelle ein. In unmittelbarem Anschluß an die 
oben angeführte Stelle heißt es: zovto ö' äv el'r], el' zig /«) sjzl zoTg ■&v}]zoioi zag 
ijdorag tioloTzo. Nicht äußere Güter, Reichtum, Ruhm, die ohne Verstand un- 
sicherer Besitz sind, schaffen die Glückseligkeit: ihr Sitz ist die Seele (fragm. 170): 
evdaiuoriT] tf'v/fjg y.nl y.ay.oÖaiuovlt] ; fragm. 171 : svöacttovit] ovx iv ßooy/j/iiaoiv oly.El ovös 
SV xQvoM- xpvyj] oiy>]Z7]oiov daiuovog). Diese ist der edelste Teil des Menschen. Wer ihre 
Güter liebt, liebt das Göttliche und das Dauernde, wer die Güter des Leibes liebt, der 
das Zelt {oy.ijvog fragm. 223) der Seele ist, liebt das Menschliche und Vergäng- 
üche. Aus sich selbst seine Freuden zu schöpfen, muß sich der Mensch gewöhnen. 
Einsicht gehört dazu, die richtigen Freuden zu wählen (Vors. 167: avviozaoßai 
ö' avzTjv [die der ovufiezQia und dzaga^ia gleichgesetzte svdaifwvia] ix zov öiogi- 
G/^ov xal Z7]g öiaxgioeojg zcöv lijdovcöv y.ai zovz eivai z6 xäkXiozöv zs xal avucpogo'na- 
zov dvdQwjzoig); die Unverständigen können daher ihr Leben nicht recht genießen. 
Um eine gleichmäßig freudige Stimmung zu haben, muß man sich Mäßigung im 
Oenusse auferlegen: das Zuviel oder Zuwenig nach irgendeiner Seite ist nicht 



124 § 25. Die Atomiker: Leukii^pos und Demokritos. 

dauernd und bringt die Seele aus ihrem Gleichgewicht; sobald das Maß über- 
schritten wird, entsteht aus Lust die größte Unlust (fragra. 191: dvßQcojroim yaQ- 
tvdvidr] yivEzai (lEXQiorrjzi xsQxpiog xai ßlov avitfisigh], rä d' E/J.eiJiovTa y.ai vtieq- 
ßäXÄoria fisrajii'jTzeiv tb cpclsT y.al jueyd/.ag y.ivrjoiag etijroiETv rfj yjv/jl). Gestört wird 
das Gleichmaß der Stimmung durch Begierden, die der Mensch nicht befriedigen 
kann. Deshalb soll man das erstreben, was zu erreichen möglich ist, oder, was 
man hat, benutzen und sich daran genügen lassen, nicht auf die schauen, denen 
es besser, sondern auf die, denen es schlechter geht (Vors. 55 B 191). 
Die Götter geben den Menschen nur Gutes; durch den eigenen Unverstand ziehen 
sich die letzteren Übel zu. Durch das Zuviel in den Begierden und in den Ge- 
nüssen geht die Seele der äzaga^irj und äüafißirj (Vor^. 55 A 167; 62 B 3) verlustig,, 
welche die Vorbedingungen für die Glückseligkeit, aber nicht das höchste Ziel 
selbst sind. Das Vaterland des Weisen und Guten ist das AVeltall (ärdgi 
ao(p(Ö näou yi] ßazj'y r/'v/jjg yäg äyadr'jg jrazotg 6 ^vfjjiag y.öofiog, Vors. 55 B 247). 
Doch fordert Demokrit uneigennützige Hingabe an das Gemeinwesen imd legt 
großen Wert auf eine gute Staatsverwaltung. 

Die Reinheit der demokritischen Ethik, deren hedonistischer Charakter trotz. 
mancher gegenteiligen neueren Auffassung nicht zu bestreiten ist, zeigt sich nament- 
lich in Sätzen, wie: Nicht die Tat als solche, sondern die Gesinnung bestimmt 
den sittlichen Charakter (fragm. 62: äyaßov ov z6 firj uSixeTv, d/.kä ro utjök edü.eiv, 
vgl. auch fragm. 89. — fragm. 96: laQioziy.og o«'/ o ßliznov ngog zi]v ä/iwiß^v, 
dkX' 6 £v ÖQüv .-TooijorjfiEvog). Unrecht tun macht unglücklicher als Unrecht leiden. 
Sich selbst zu überwinden, ist der schönste von allen Siegen, sich selbst zu unter- 
liegen aber das Schimpflichste und Schlechteste. Nicht aus Furcht, sondern 
weil es nötig ist. soU man sich des Schlechten enthalten [nrj öiä (pößov, dX?.ä Siä 
z6 ösov XQsojv dTie/eodai äfiaQZ7]/ndzcov). 

In den ethischen Sätzen des Demokrit, wie auch in den zur Erkenntnislehre 
gehörenden über den Unterschied zwischen der Realität und der subjektiven Auf- 
fassung bekundet sich die fast bei keinem der älteren Philosophen ganz fehlende, 
besonders aber am Ende der ersten Periode natürliche Tendenz zur Überschrei- 
tung der Grenzen der Kosmologie; Demokrit, der Zeitgenosse des Sokrates, ist in 
dieser Richtung beträchtlich weiter gegangen als Anaxagoras und als irgendeiner 
der früheren Denker. 

Daß Piaton nicht nur öfter mit Demokrit zufällig übereinstimmt, sondern 
sich auch „bewußter und erklärter Maßen an ihn angeschlossen" und sich ihn 
in wichtigen Dingen, namentlich in der Ethik, zum Führer gewählt habe (Natorp, 
Die Ethika des L).), können wir nicht annehmen. 

Demokriteer. Die antike Tradition verknüpft einerseits durch die Suk- 
zessionsreihe Demokrit, Nessas, Metrodoros von Chios, Diogenes von Smyrna, 
Anaxarchos, Pyrron die pyrronische Skepsis, andererseits durch den Demokriteer und 
Pyrronschüler Nausiphanes (den Lehrer Epikurs) den Epikureismus mit Demokrit, 
mit dem auch als unmittelbarer Schüler Protagoras in Verbindung gebracht wird 
(Vors. c. 56 ff.; 55 A 9j. Von den Nachfolgern Demokrits scheinen einige in der 
Tat die skeptischen Elemente, die besonders in Demokrits Lehre von der sinn- 
lichen Wahrnehmung lagen, stärker betont und weiter ausgebildet zu haben. 
Metrodoros von Chios begann seine Schrift Ilsoi (pvosojg mit der Erklärung 
(fragm. 1): Ovösig fjfxwv ovder olSev ovo' avzo zovzo, jiözeqov oiSafiEv rj ovx oida/uEv 
(ov8' 6'?.(og jtozeqov eozi zi tj ovy. k'oziv), und von Nausiphanes berichtet Seneka 
epist. 88, 43 (Vors. 62, 4): Nausiphanes ait ex his quae videntur esse nihil magis 
esse quam non esse. Auch Anaxarchos wurde zu den Skeptikern gerechnet 



§ 26. Die Philosophen der zweiten Periode. * 125 

^Vors. 59 A 15). Andererseits betonte Anaxarchos, wohl an Demokrit anknüpfend, die 
■svöaifioi'i'a als Ziel (Vors. 59 A 14) und erhielt wahrscheinlich daher den Beinamen 
Evdaiuoriy.ög (Vors. 59 A 4. 8. 9), der ihm nach Diog. Laert. 9, 60 (Vors. 59, 1, 
60) freilich diä Tt/v djiäOeiav y.al svy.oUar xov ßi'ov gegeben Morden wäre. Diesem 
seinem Leben verdankte Anaxarchos wesentlich seinen Ruhm bei Späteren. Im Verkehr 
mit Alexander d. Gr. bekundete er eine Verbindung von Freimut und einer durch 
ethischen Nihilismus getragenen Schmeichelei. Am Ende seines Lebens ertrug er 
■einer verbreiteten Überlieferung zufolge die Martern, denen er von Nikokreon 
unterworfen wurde, standhaft mit den Worten: Uziaas jiziaos tov 'Ava'^äoyov 
-dvXaxov, 'Arä^aoyov ö'e ov Ttrioaei?. Aus Anaxarchos' Schrift Ufoi ßaoihiag sind 
zwei kleinere Fragmente erhalten (Vors. 59 ß). 



Zweite Periode der griechischen Philosophie. 

Die attische Philosophie. 

Die Sophisten, Sokrates und die kleineren von ihm aus- 
gehenden Philosophen und Schulen, Piaton, Aristoteles 
und die älteren Akademiker und Peripatetiker. 

(Siehe die allgemeine Charakteristik oben Seite 37 f. 39 f.) 

§ 26. Der zweiten Periode der griechischen Philosophie 
gehören an: die Sophisten, Sokrates, die konservativen und die 
einseitigen Sokratiker, Piaton und Aristoteles und ihre älteren 
Nachfolger. 

Die Sophisten, soweit sie philosophisch von Bedeutung sind, 
bringen der Philosophie die Neuerung einer wesentlich auf den 
Menschen als erkennendes und wollendes Subjekt gerichteten 
Reflexion (Erkenntnistheorie und Ethik). Ihr Ergebnis ist dabei 
Relativismus und Skeptizismus, an deren Stehe Sokrates einen 
auf Erarbeitung und Verwertung von Begriffsbestimmungen ge- 
gründeten Dogmatismus setzt, ohne diesen jedoch zu einem 
System auszugestalten. Der dogmatische Aufbau großer Systeme 
auf sokratischer und vorsokratischer Grundlage ist das Werk 
des Piaton und Aristoteles, die dabei neben der Erkenntnis- 
theorie und Ethik auch die Naturphilosophie wieder aufnehmen. 
Andere Schüler des Sokrates verharren auf seinem Stand- 
punkt ohne das Bestreben einer Weiterbildung seiner Lehre 
(Aischines, Xenophon), wieder andere suchen diese Weiterbil- 
dung in einseitiger Ausgestaltung einzelner Züge in Sokrates' 
Wesen und Philosophieren (Antisthenes, Aristippos, Eukleides). 

Der Geschichte der Literatur und der allgemeinen Bildung muß die Dar- 
stellung der ethisch-religiösen Ansichten der Dichter, Historiker, Eedner usw. 
dieser Periode, bei denen sich viel Philosophisches, aber nicht in wissenschaftlicher 
Form, findet, vorbehalten bleiben. 



126 • . § 27. Die Sophistik überhaupt. 

Athen wurde in dieser Periode zum Zentralpunkt der hellenischen Bildung 
und insbesondere der Philosophie. Als eine Bildungsschule für Griechenland wird 
es von Perikles bei Thukyd. (2, 41) bezeichnet. In dem platonischen Dialog 
Protagoras (p. 337 d) nennt der Sophist Hippias von Elis Athen t/)? 'EUäöog z6 
jTQviavFTov zi)g aocfiag. Isokrates sagt (Panegyr. .50), der athenische Staat habe 
bewirkt, daß der Name Hellenen viel mehr eine Bezeichnung der geistigen Bildung 
als der Abstammung sei. Vorzugsweise an die Empfänglichkeit der Athener für 
Kunst und Wissenschaft, an ihre Neigung zu philosophischem Denken und danach 
an den Bestand der philosophischen Schulen zu Athen hat sich während der 
zweiten Periode die Philosophie der Griechen geknüpft. 

§ 27. In der Sophistik treten an die Stelle der Kosmologie 
als bevorzugte Teile der Philosophie Erkenntnistheorie und Ethik. 
Angesichts dieser tief eingreifenden und folgenreichen Wandlung 
ist man — im Gegensatze zu manchen neueren DarsteUungen — 
berechtigt, mit der Sophistik die zweite Periode der griechischen 
Philosophie zu beginnen. Eine Unvollkommenheit der sophisti- 
schen Theorie liegt nun aber darin, daß es ihr nicht gelingt, für 
das theoretische und jDraktische Verhalten des ^Menschen objek- 
tive Normen zu gewinnen. So vermag sie Erkenntnis- und 
Sittenlehre durch Erschütterung der naiven Dogmatik und Auf- 
rollung der Probleme in Wirklichkeit nur anzubahnen, aber noch 
nicht iDOsitiv zu begründen. Die Hauptvertreter der Sophistik 
sind: Protagoras der Individualist, Gorgias der Rhetor und 
..Nihilist", Hippias der Polyhistor und Prodikos der Moralist 
und Synonymiker. Den Standpunkt dieser Sophistengeneration 
zeigen im wesenthchen auch der sog. Anonymus lamblichi und 
die Jioa Ol löyoi (Dialexeis). An jene Männer schließt sich eine 
jüngere Sophistengeneration an, welche das philosophische 
Prinzip des Subjektivismus mehr und mehr auf die Spitze treibt 
und ethisch destruktive Folgerungen daraus zieht. 

Das gesarate Material für die ältere Sophistik (Protagoras, Xeniades, 
Gorgias, Prodikos, Thrasymachos, Hippias, Antiphon den Sophisten, Kritias, den 
Anonymus larabUchi, die Aioool löyoi [die sog. Dialexeis]) bei Diels, Vors. c. 73 b ff. 
S. die einzelnen Sophisten. 

Das Wort „Sophist" ist von Hause aus kein Terminus für eine bestimmte 
philosophische Richtung, noch weniger für eine philosophische Schule. Zoifiozt'ig 
bedeutet zunächst nur einen Mann, der, sei es auf praktischem, sei es auf theore- 
tischem Gebiete durch Können oder AVissen sich auszeichnet oder auszuzeichnen 
bestrebt. So nannte Herodot (1, 29; 4, 95) den Solon und Pythagoras Sophisten, 
Androtion (fragm. 39) wandte das Wort auf die sieben Weisen und Sokrates an, 
Lysias (fragm. 281) auf Piaton (Vors. 73 b 1). Daneben entwickelte sich in der 
zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts vor Chr. eine engere Bedeutung des 
Wortes, durch die die ältere und weitere mehr und mehr verdrängt wurde. Das 
Aufblühen Athens nach den Perserkriegen hatte eine ungemeine Steigerung des 



§ 27. Die Sophistik überhaupt. 127 

geistigen und politischen Lebens zur Folge. Die Demokratisierung der athenischen 
Politik machte den Erfolg des einzelnen Bürgers wesentlich von seinem persön- 
lichen Auftreten, nicht von seiner Herkunft abhängig. So entwickelte sich das 
Bedürfnis nach einem systematischen Unterrichte hauptsächlich in den Zweigen 
des Wissens und Könnens, die für die politische Tätigkeit in Betracht kamen. 
Die Männer, die diesem Bedürfnisse entsprachen, hießen Sophisten. Plutarch 
Themist. 2 sagt, Sophisten seien diejenigen genannt worden, welche die bis dahin 
durch das politische Leben selbst begründete, durch Familientradition und durch 
Anschluß an ausgezeichnete Staatsmänner angeeignete und praktisch ausgebildete 
politische Einsicht {deivönjra jioXmxrjv xal dguoTriQiov avreoiv) mit den öixavixai 
zExvai — den Wissenschaften und Künsten der gerichtlichen Praxis, insbesondere 
der gerichtlichen Beredsamkeit — vermischt und an die Stelle der praktischen 
Vorbildiuig die theoretische gesetzt hätten (fisiayayövieg ujio twv n:Qd^Ecov ri]v 
äoxt]oiv ijTi Toi'g köyovg). Diese Sophisten hielten umherziehend bald in dieser, 
bald in jener Stadt Kurse und pflegten dabei neben dem, was zur politischen 
Tätigkeit in unmittelbarer Beziehung stand, Bildung im weitesten Sinne, Kos- 
mologie (ohne hier bedeutsame neue Theorien aufzustellen), Grammatik und 
Dichtererklärung, Mythologie, Sittenkunde u. s. f. Polymathie und Polyhistorie 
sind charakteristisch für die Sophisten. Nicht mit Unrecht hat man sie die Enzy- 
klopädisten Griechenlands genannt. In erster Linie aber stand in ihrem Unter- 
richte die Kunst, deren geschickte Ausübung vor allem politische Erfolge ver- 
bürgte, die Rhetorik. Wichtig ist nun, daß es in dieser nicht auf Darstellung der 
^\ ahrheit, sondern nur auf Erregung eines Scheines ankam. Analoges gilt von 
der Schwesterkunst der Ehetorik, der Eristik, die ebenfalls von den Sophisten 
gepflegt wurde. Durch die Ausbildung dieser Künste trat die Sophistik in. 
Gegensatz zu der unbeirrt durch äußere Rücksichten die Wahrheit suchendea 
Philosophie, einen Gegensatz, den Piaton im Gorgias in prächtiger Weise dar- 
gestellt hat. 

Noch in einem zweiten Punkte bestand ein Gegensatz zwischen der Sophistik 
und der Philosophenschule: der sophistische Unterricht, der dem Schüler äußere 
Erfolge versprach, wurde gegen Bezahlung erteilt und unterschied sich dadurch 
von der ohne Rücksicht auf materielle Vorteile des Lehrers und Schülers geüblen 
Unterweisung der Philosophenschule. Indem nun auf philosophischer Seite neben 
dem ersten auch dieser zweite Gegensatz stark betont wurde, erschienen die 
Sophisten als gewinnsüchtige Händler mit Schein- und Trugweisheit. Damit 
erhielt das Wort „Sophist" in philosophischen Kreisen, besonders bei Piaton und 
Aristoteles, eine tadelnde Nebenbedeutung, die ihm von Hause aus nicht eignet. 
So heißt es in Xenophons Kyneg. 13, 8 (Vors. 73 b 2 a): ot aotpiozai ö' ijzl xü> 
e^anaxäv Xsyovoi xul yoäfpovoiv Inl rcp iavrcöv xegSsi aal ovdsva ovö'ev cjcfeXovotv. 
ovoE yäg oocpog avxwv iyEveio ovösig ovo' soziv, d/J.ä y.ai ägasi Exäoico oocpioxtjv 
x/.t]&fjvut, ö soTiv ovEiöog Tiagd ys (zoTg) ev (poovovoiv — ganz im Gegensatze zu 
dem stolzen Bekenntnis des Protagoras bei Plat. Prot. p. 317 b ö/Aoloyü) zs aocpiozijg 
Eivai y.al Tiaiösveiv dr&Qcöjiovg und zu dem hohen Ansehen, das z. B. Protagoras 
nach dem gleichnamigen platonischen Dialog bei der Mehrzahl der Gebildeten 
und Bildungsuchenden genoß, einem Ansehen, das freilich doch wieder durch die 
dem Griechen eigentümliche Verachtung aller auf Gelderwerb abzielenden Tätig- 
keit geschmälert wurde (vgl. Plat. Protag. 312 a, wo Sokrates den jungen Hippo- 
krates, der den Unterricht des Protagoras genießen will, fragt: Würdest du dich 
nicht schämen, wenn du dich den Hellenen als Sophisten zeigtest: worauf Hippo- 
krates antwortet: Ja wahrhaftig, Sokrates, wenn ich sagen soll, was ich denke). 



128 § -"• ^'^ Sophistik überhaupt. § 28. Protagoras aus Abdera. 

Wer die Sophistik geschichtlich beurteilen will, darf sich nicht etwa durch 
Plaion ohne weiteres zu einem Verdamm ungsurteil bestimmen lassen. Wir danken 
es Piaton, daß er den G^ensatz bis in seine letzten Prinzipien verfolgt und von 
der Folie des Scheinwesens und des Egoismus der Sophistik das wundervolle 
BUd des selbstverleugnenden, nur der Wahrheit lebenden Philosophen tums sich 
hat abheben lassen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß es sich bei Piaton eben 
um eine prinzipielle Ausgestakimg des Gegensatzes handelt, imd daß Piaton zu 
diesem Zwecke genötigt war, die verdienstlicheren Seiten der Sophistik zurück- 
treten zu lassen. Zudem ist der Unterschied zwischen der älteren ethisch konser- 
vativen und der jüngeren destruktiven Sophistengeneration nicht aus dem Auge 
zu verlieren. Piaton greift im wesentlichen, abgesehen.von den persönlichen Eigen- 
schaften der Sophisten, ihrer Eitelkeit und Selbstüberschätzung, die Ehetorik in ihrer 
unsittlich egoistischen Handhabung. Eristik und bezahlten Unterricht heraus und 
läßt den großen Fortschritt, der durch die Sophistik im philosophischen Denken 
überhaupt erfolgt war. nicht in gleicher Weise hervortreten. Begreiflich, da ihm 
das durch die Sophistik gewonnene Xeue unmittelbar in der Lehre des Sokrates 
vor Augen stand, dieser aber so weit über die Sophistik hinausgeschritten war, daß er 
Ton seinen Anhängern eher als ihr Antipode, denn als ihr Vertreter angesehen wurde. 
Einen Fortschritt aber bezeichnet die Sophistik in der Tat, Der sensuaüstische 
Subjektivismus des Protagoras hat einen Vorzug vor dem Denken des Parmenides ; 
denn dieses ist nur ein Denken über das Seiende überhaupt, nicht (oder doch nur 
nebenbei» ein Denken über das Wahrnehmen und Denken; der sophistische 
Sensualismus aber ist nicht selbst sinnliche Wahrnehmung, sondern wesentlich 
ein Denken über die Wahrnehmung und Meinung, mithin die nächste Vorstufe 
zu dem durch Sokrates, Piaton und Aristoteles b^ründeten Denken über das 
Denken. Diese „Philosophen" hätten ohne jene „Sophisten'' nicht werden können, 
was sie geworden sind. 

Sieht man in der Sophistik Tomehmlich Kritik und Auflösung der kosmo- 
logischen Philosophie, so muß man sie (mit Zeller und anderen) der ersten 
Periode zurechnen; berücksichtigt man bei ihr aber besonders die Keflexion über 
gewisse Seiten des subjektiven Lebens, so gehört sie bereits der zweiten 
Periode an. Jedenfalls steht sie an der Grenze der beiden Perioden; beachtet 
man aber den eigentlichen philosophischen Fortschritt, der diuch sie ge- 
schehen ist, so wird man sie der zweiten Periode zuteilen. Auch Zeller, der sie 
der ersten zurechnet, erkennt an (Ph- d. Gr. II 1*. S. 14(.t: vgl. auch 
I 2^, S. lOWi. daß „die Sophisten zuerst die Philosophie von der objektiven 
Forschung zur Ethik und Dialektik übergeführt, daß sie zuerst die Entscheidung 
über Wahr und Falsch, Eecht tmd Unrecht der subjektiven Überzeugung anheim- 
gestellt haben". 

§ 28. Protagoras aus Abdera, ein älterer Zeitgenosse des 
Sokrates — seine Blüte fäUt um 444 3 vor Chr. — wii-kte als 
Lehrer der Redekunst in vielen giieehischen Städten, besonders 
auch in Athen, und stellte, wohl indem er Herakhts Lehre vom 
ewigen Pluß aller Dinge auch auf das erkennende Subjekt als 
solches übertrug, die Behauptung auf: der Mensch ist das 
Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, 
daß sie nicht sind. Wie einem jeden ein jeghches scheint, so ist 
es für ihn. Es sribt nur relative Wahrheit. Auf dem ethischen 



§ 28. Protagoras aus Abdera. 129 

Gebiete machte Protagoras seinen Subjektivismus nic-lit bestimmt 
geltend. Die Existenz der Götter ist nach ilmi ungewiß. 

Antike Überlieferung über Leben und Lehre; Fragmente: Diels, 
Tors. c. 74. 

Chronologie: Jacoby, Apollodors Chronik, S. 266 ff. 

Nach Plat. Protag. 317 c war Protagoras beträchtlich älter als Sokrates; 
Protagoras sagt dort, er könne dem Alter nach aller Anwesenden Vater sein, was 
freilich nicht im strengsten Sinne zu nehmen sein mag. ApoUcdor (bei Diog. L. 9, 56, 
Vors. 74 A 1, 56) setzt seine Blüte in Ol. 84 (444 — 440 v. Chr. ; er meint die Epoche von 
Thurioi 444/3; s. unten^. Xach einer Angabe in dem platonischen Dialog Menon 
(p. 91 e), woraus die gleiche Angabe des ApoUodor (bei Diog. L. 9, 56, Vors. 
74 A 1, 56j geflossen zu sein scheint, ist er gegen 70 Jahre alt geworden und davon 
40 Jahre als Sophist tätig gewesen, nach einer andern Angabe (bei Diog. L. 9, 55) 
lebte er gegen 90 Jahre. Von Pythodor, einem von den Vierhundert, wurde er 
wegen seiner Schrift über die Götter auf Atheismus angeklagt fDiog. L. 9, 54). 
Man kann aus dieser Nachricht mit Wahrscheinlichkeit schließen, daß ihm unter 
der Herrschaft der Vierhundert im Jahre 411 vor Chr. der Prozeß gemacht worden 
ist, und daß er also, wenn er 70 Jahre alt geworden ist, 481 geboren war. Er 
ertrank nämlich, nachdem er verurteilt war, auf der Flucht nach Sizilien; seine 
Schrift über die Götter wurde zu Athen auf dem Markte verbrannt. Daß Prota- 
goras ein Abderite war, sagt Piaton (Protag. p. 309 c ; Rep. 10 p. 600 c) ; die gleiche 
Angabe hat Diog. L. (9, 50) aus der Schrift des Herakleides Pontikos Ileol 
vöuoiv entnommen. Der Komiker Eupolis hat den Protagoras in den (Ol. 
89, 3 aufgeführten) Kö/.ay.s; einen Teier genannt; doch steht diese Bezeichnimg 
mit jener Angabe nicht im Widerspruch, da Abdera nach seiner Zerstörung 
durch die Thraker 543 von teischen Auswanderern neu gegründet wurde. 
Für die Pflanzstadt Thurioi soll Protagoras die Gesetze ausgearbeitet haben 
(Herakleides bei Diog. L. 9, 50). In Athen war Protagoras vielleicht 
zuerst zwischen 451 und 445 vor Chr., dann wohl um 432, auch Ol. 89, 3 = 
422/421 V. Chr. und kurz vor seinem Tode. Piaton hat wohl in seinem 
Dialog Protagoras einzelne Umstände aus 422 in 432 mit dichterischer Freiheit 
verlegt. Die Annahme, die u. a. auch Epikur vertrat, daß Protagoras Demokrits 
Schüler gewesen sei (Vors. 55 A 9; Diog. Laert. 10, 8), ist nicht mit den Alters- 
verhältnissen vereinbar. Anderseits wird mehrfach und zuverlässig bezeugt, daß 
Demokrit in seinen Schriften den Protagoras erwähnt und bekämpft habe (Diog. 
L. 9, 42; Plutarch. adv. Coloten 4, 2; Sext. Emp. adv. math. 8, 389 f.). Zu denen, 
welche in Athen die Nähe des Protagoras suchten, gehörten auch Perikles und 
Euripides. Wie sehr er verehrt wurde, sieht man aus dem platonischen Dialog 
Protagoras, besonders aus p. 310 d ff. Vgl. Plat. Theaet. p. 161c: »'j/ifJ; usv avrov 
woneo ÜEov iOavud^ouEv l^l oorplq. Als Honorar für den Unterricht verlangte er 
bedeutende Summen, wenn auch die Angabe von 1(X) Minen für einen Kursus, 
Diog, L. 9. 50, zu hoch gegriffen sein mag. Nach Plat. Prot. p. 328 b und Arist. 
Eth. Nie. 9, 1, 1164 a 25 forderte er zwar eine bestimmte Summe, stellte es aber 
doch dem Schüler anheim, wenn sie ihm nach empfangenem Unterricht zu hoch 
erscheinen sollte, selbst zu bestimmen, wie viel der Unterricht wert sei, und diese 
Summe zu geben. 

Protagoras' Hauptschrift waren die Karaßcü/.ovrsg (sc. /.6yoi , d. h. die 
[falsche Auffassungen] niederwerfenden Untersuchungen), die auch unter dem 
Titel '^/.rjüeia zitiert wurden (als Anfang der Karaßä}.}.ovteg wie der 'AX-q^Eia wird 
üeberweg, Gnmdriß I. 9 



130 § 28. Protagoras aus Abdera. 

der Satz vom Menschen als Maß aller Dinge angefühi;jt, was für die Identität 
beider Werke spricht). Vgl. Plat. Theaet. 152 a, Sext. Emp, adv. math. 7, 60 
(Vors. 74 B 1 ; s. dort auch Diels' Vermutung über die Entstehung des Titels 
\4h'idfia). Vielleicht identisch mit den Karaßäkkovieg sind auch die Schriften 
77fot Tov ovTog, Miyag /.oyog und '^vnXoyi'ai [^AviiXoyixä). Aus letzterer Schrift 
sollte nach Aristoxenos bei Diog. Laert. 3, 37 (vgl. 57) Piaton fast seine ganze 
IIo/uTFia entnommen haben, was bei der Verschiedenheit des prinzipiellen Stand- 
punktes der beiden Männer und dem innigen Zusammenhang der Ilohxeia mit 
der Piaton eigentümlichen Ideenlehre tatsächlich ausgeschlossen ist. Ein weiteres- 
protagoreisches Zitat rührt aus der Schrift UsqI dsiov her. Ein unvollständiges, 
nur einen Nachtrag enthaltendes Schriftenverzeichnis gibt Diog. Laert. 9, 55 
(Vors. 74 A 1, 55; vgl. Diels z. d. St.). Glücklich wären wir daran, wenn wir in 
der pseudohippokratischen Schrift IIeqI riivrjg noch ein vollständiges Werk des- 
Protagoras oder eines seiner Anhänger besäßen. Es ist aber Theod. Gomperz, 
der diese Ansicht in einer geistvollen, um der trefflichen Edition und Erklärung 
der Schrift sowie um zahlreicher Beobachtungen willen höchst dankenswerten Ab- 
handlung vertritt, nicht gelungen, seine These wahrscheinlich zu machen (s. Lite- 
ratur). 

Nach Diog. L. 9, 51 (Vors. 74 A 1, 51; B 1) lautete der Fundamentalsatz, 
des Protagoras (fragm. 1): jiavxwv XQVI^^^'^^ fiezoov ioziv är' dg corrog , 
Tcov /L(kv ovTio%' w ? fö T t , X (ö V ök ovx övxcov (bg ovy. saxiv (sog. Homo- 
mensura-Satz). Und zwar ist hier der Mensch nicht als Gattung gemeint, sondern 
als Individuum, wie die aus des Protagoras Schrift entnommenen Worte (Plat. 
Theaet. 152a, Vors. 74 B 1) beweisen: ola jukv Exaoxa i/nol (paivexai, xoiavxa fikv 
eoxcv i/Lioi, ola de ooi, xoiavxa 8s av ooi' ävOgoinog 8s ov xs xayd). Eine allgemein 
gültige Wahrheit ist hiernach nicht möglich, nicht einmal für denselben Menschen 
ist dasselbe zu verschiedenen Zeiten wahr, und es kann von keinem Dinge das- 
eine mit mehr Recht ausgesagt werden als das andere (Plut. adv. Col. 4, 2). 
Mit diesem Subjektivismus hängt der Relativismus eng zusammen. Es ist nichts- 
an und für sich, sondern alles ist ein Relatives, ein -t£>o? xi, es ist nur für das 
wahrnehmende Subjekt. Eine reale Außenwelt wird damit von Protagoras nicht 
geleugnet, aber wir erkennen diese nicht, wie sie ist, sondern wie sie von uns 
wahrgenommen wird. Keine Vorstellung ist wahrer als eine andere. Mit diesem 
Wahrheitsunterschiede soll nun aber nicht jeder Qualitätsunterschied zwischen den 
verschiedenen Annahmen und damit auch nicht der Unterschied von weise und 
imweise wegfallen: weise ist, wer in demjenigen unter uns, dem Schlechtes erscheint 
und (daher auch) ist, eine Wandlung hervorruft, so daß ihm Gutes erscheint und 
ist: Plat. Theaet. 166d (Vors. 74 A 21a): xal oo<piav xai ao(p6v äv8Qa TxokXov 8sco 
x6 /^ifj (pävai slvai, dkk' avxov xovxov xai Xsyo) oocpöv, ög äv xivi t]/iicöv, w cpaivexai 
xal s'oxi xaxd, /nsxaßdkkcov jioirjat] dyax)d <paivEO&ai xs xai slvai. Der Gesunde hat 
über den Reiz und Geschmack der Speisen kein wahreres Urteil als der Kranke; 
der Gesunde ist nicht etwa weise, der Kranke töricht. Gleichwohl ist der Zustand 
des einen der bessere, und der des andern muß nach Mögüchkeit in ihn verwandelt 
Averden. Dasselbe gilt auf geistigem Gebiete. Was der Arzt mit Heilmitteln er- 
reicht, das leistet der Sophist durch Reden, und so wird Plat. Theaet. 167 b (Vors. 
74 A 21a) die Aufgabe der Rhetoren im Sinne des Protagoras so bestimmt: 
xovg . . . oo<povg xs xai dya&ovg Qtjxogag xaig itölsoi xä '/^Qrjaxd dvxi xwv novrjQcöv 
Sixaia 8oxsiv xai sivai jioislv. 

Über Protagoras" Anschauung von der Entstehung der Wahrnehmung 
sind wir nicht unterrichtet. Piaton entwickelt Theaet. 152 ff. eine Theorie, nach 



§ 28. Protagoras aus Abdera. 131 

welcher jede Wahrnehmung das Ergebnis einer doppelten Bewegung ist, einer 
Bewegung nämlich des wahrnehmenden Subjektes und einer solchen des wahr- 
genommenen Objektes: bei der Richtung des Sinnesorgans auf die ihm ge- 
mäße Bewegung (jigoaßoXr} rcöv ofi/^idtcov jigog zrjv Jigoarjxovaav (foodv) entstehe 
durch das Zusamiben treffen einer äußeren und inneren, aktiven und passiven, 
besser: agierenden und reagierenden Bewegung Wahrnehmbares (ala^rirov) und 
Wahrnehmung (moürjoig, zu der jedoch außer dem Sehen, Hören, Riechen, 
dem Fühlen der Kälte und Hitze, auch Lust- und Schmerzempfindung, Begierde, 
Furcht usw. gerechnet wb-d); so sei z. ß. die weiße Farbe im Objekt und das 
Sehen derselben im Auge das gemeinsame Erzeugnis des Auges und des ihm 
adäquaten Objekts (Theaet. 156). Wir sind aber nicht berechtigt, diese Lehre, 
obwohl sie bei Piaton im Zusammenhange mit protagoreischen Theoremen auf- 
tritt, ohne weiteres für Protagoras in Anspruch zu nehmen. — Nach Diog. L. 9, 
51 soll Protagoras auch gelehrt haben: liirjdh elvaiipvxrjv jiaQa. zag alo'&rjoeig, und 
damit hätte er der Seele die Substantialität abgesprochen. Doch scheint diese 
Angabe aus dem Urteil Piatons über die Sphäre der Gültigkeit der protagoreischen 
Doktrin hervorgegangen zu sein, da Diogenes hinzusetzt: y.u&a y.al W.drwv (prjolv 

iv OsaiTl^Tq}. 

Nach dem Zeugnis des Aristoteles (Metaph. 2, 2, 32, 998a 3) : wojisq Iloona- 
yogag sXeyev i?Jy^cot' xovg yecofiergag, ov8' ai xivijosig y.al skixeg tov ovgavov ouoiui, 
.legi MV rj dorgoXoyia jioiEirai xovg Xöyovg, ovte tä arj/neia xoTg äargoig zijv avztjv 
y/_Ei (fvaiv, scheint es, daß Protagoras der Einwendung gegen seinen sensualistischen 
Subjektivismus, die aus der von individuellem Dafürhalten unabhängigen Gültig- 
keit der geometrischen Sätze zu entnehmen war, durch die Bemerkung vorzubeugen 
suchte, diese Sätze seien nur subjektiv gültig, da es in der objektiven Realität 
überhaupt nicht reine Punkte, gerade Linien, geometrische Kurven gebe. 

Die Lehre des Protagoras bringt Piaton (Theaet, 152 ff.) mit Hera- 
klit, aber nicht nur mit diesem, sondern mit der großen Zahl der Philosophen und 
Dichter — Parmenides ausgenommen — in Verbindung : alle sollen sich darüber 
einig sein, daß nichts ist, sondern alles nur wird. Tatsächlich ist Protagoras 
wohl von Heraklit beeinflußt, wenn sich auch dieser Einfluß nicht strikte er- 
weisen läßt. Von einer protagoreischen Annahme des Flusses der Materie redet 
Sext. Emp. hyp. Pyrr. 1, 217 (Vors. 74 A 14): qpTjalv ovr 6 dvrjQ xrjv vhjv gevor/jv 
elvai. Objekt wie Subjekt der Wahrnehmung unterliegen, so heißt es dort weiter, 
fortwährender Veränderung; das Objekt erfährt unaufhörlich Abnahme und 
Wiederersatz, und die sinnliehen Wahrnehmungen des Subjektes ändern sich 
nach dem Lebensalter und der körperlichen Konstitution des Wahrnehmenden. 
Piaton gesteht der protagoreischen Lehre in bezug auf die al'adrioig Gültigkeit zu, 
weist aber jede Ausdehnung derselben über dieses Gebiet hinaus als eine un- 
berechtigte Verallgemeinerung der Relativitätstheorie ab. (Übrigens liegt in dem 
Satze, daß alles Wahre, Schöne und Gute nur für das erkennende, fühlende und 
wollende Subjekt wahr, schön und gut sei, eine bleibende Wahrheit, die nur 
Protagoras durch Verkennung des objektiven Faktors einseitig überspannt hat.) 

Für das dialektische Verfahren ließ sich aus Protagoras' Grundvor- 
aussetzung ein Doppeltes folgern: Wenn für jeden wahr ist, was ihm wahr er- 
scheint, ist jeder Widerspruch grundlos; denn was ein jeder meint und sagt, ist 
Wahrheit (Vors. 74 A 19; 74 A 1, 53). So ergibt sich die von Aristoteles (Metaph. 
3, 4, l(X)7b 18, Vors. 74 A 19) für den protagoreischen Standpunkt gezogene 
Folgerung, (hg cbiarta eazai ev. e'ozai yäg z6 avzo xai zgt^grjg xal zoTyog y.al 

9* 



2^32 § 28. Protagoras aus Abdera. 

ärdQ(o:jo;, st y.arü jrarzö; ri t) xazaq^tiaai 7} a.-ioqv'/aai Ivbey/iai. Ebenso aber ergibt 
sich aus dem Mangel einer erkennbaren objektiven Wahrheit zugleich auch, daß 
über kein Ding nur ein Satz Gültigkeit hat, sondern jeder Behauptung eines A 
sich die eines Non-A mit gleichem Rechte entgegenstellen läßt (Vors. 74 A 20; 
74 A 1, 51), eine These, mit der jedenfalls auch der Titel 'Avii'/.»yiai in Verbindung 
zu setzen ist. Selbstverständlich zeigte Protagoras diesen Sachverhalt auch an 
Beispielen auf und trug so wesentlich zur Ausbildung des dialektischen Ver- 
fahrens bei, in dem er auch seine Schüler übte (s. die angeführten Stellen 
und Steph. Byz. s. "AßStjoa, Vors. 74 A 21 ; vgl. auch Plat. Phaedo 101 d e). 
In der Sammlung der protagoreischen svo/juaia, die nach der Gepflogenheit 
antiker Biographie bei Diog. Laert. 9, 53 (Vors. 74 A 1, 53) zusammengestellt 
"werden, findet sich auch die Angabe: ^tqwxo? xarsSsi^e xäg :TQ6g rag deasig ijiixsi- 
Qijasi?, d. h. er zeigte, wie die Behandlung eines gestellten Themas in Angriff zu 
nehmen (oder wie eine von einem andern aufgestellte These zu bekämpfen) sei. In 
diesem dialektisch-rhetorischen Unterrichte soUten theoretische Lehre und praktische 
Übung miteinander verbimden sem : Stob. flor. 29, SO (Vors. 74 B 10) : IlQcozayÖQag 
e/.eys fitjdkv sh'ai fi/jte zt-/vt]r ärsv /iis/Jzijg fii'/ze ixt}.iz}]v urev zf/j')]g (das Lehrbuch 
ist wertlos ohne Übung und die Übung ohne das Lehrbuch). Am glänzendsten 
bewährte sich die dialektisch-rhetorische Tüchtigkeit, wenn es ihr gelang, die 
schwächere, d. h. weniger aussichtsreiche Sache zur stärkeren zu machen (rör 
{jzzoj '/.öyov y.oeizzco ttoisTv, Arist. rhet. 2, 24, 1402 a 23, Vors. 74 A 21), d. h. ihr 
zum Siege zu verhelfen. Die Opposition gegen die Sojahistik hat dieser Wendung 
einen moralisch destruktiven Sinn untergelegt und sie in dieser Bedeutung zum 
geflügelten Worte gemacht: nach ihr besagt der Ausdruck: der nach Recht und 
Moral schlechteren Sache den Sieg gewinnen (vgl. Aristoph. Wolken 112 ff., Vors. 
74 C 2: fh>ai nag avioTg qpaoiv äficpoi rw koyco, xov y.oEizzov , oozig iazi, xal rov 
riZTora. xovzoiv lov s'zeqov xoiv koyoir, rov ijxrova, rixäv /.eyovzd qaai zädt- 
y.dixsQo). Diese engere Bedeutung haftet dem Ausdruck von Hause aus nicht 
an. Auch wer die gerechte Sache eines schutzlosen Schwachen gegen einen 
Mächtigen mit Erfolg verficht, übt das xov >"jzz(o ?.6yor y.osi'zxoj tzoisiv. Aber die 
Folgerungen, die die spätere Sophistik aus dem protagoreischen Relativismus zog, 
ihr ethischer Indifferentismus und die rücksichtslose Verfolgung des eigenen Inter- 
esses, der die Rhetorik dienstbar gemacht wurde, legten die ungünstige Deutung 
des Ausdrucks nahe. 

Zur Erläuterung des protagoreischen Grundgedankens mag eine verwandte 
(die Deutung der aristotelischen Lehre von der AVirkung der Kunst betreffende) 
Äußerung Goethes (Goethe-Zelterscher Briefwechsel, V 354) verglichen werden, 
durch welche ebensowohl die relative Wahrheit desselben, wie auch die Einseitig- 
keit des Verzichtes auf eine objektive Norm anschauhch werden kann: „Ich habe 
bemerkt, daß ich den Gedanken für wahr halte, der für mich fruchtbar ist, 
sich an mein übriges Denken anschließt und zugleich mich fördert; nun ist es 
nicht allein möglich, sondern natürlich, daß sich ein solcher Gedanke dem Sinn 
des andern nicht anschließe, ihn nicht fördere, wohl gar hindere, und so wird er 
ihn für falsch halten ; ist man hiervon recht gründlich überzeugt, so wird man nie 
kontrovertieren." Vgl. ferner Goethes Ausspruch in den , .Maximen und Reflexionen" : 
„Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiße ich's 
Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch 
immer dieselbige." 

E. Laas sieht in seinem Werk „Idealismus und Positivismus" (Bd. I S. 183) 
mit einer gewissen Berechtigung den Protagoras als eigentlichen Urheber des Posi- 



§ 28, Protagoras aus Abdera. 133 

tivismus an, sofern man unter diesem verstehe „diejenige Philosophie, welche 
keine anderen Grundlagen anerkennt als positive Tatsachen, d. h. äußere und 
innere Wahrnehmung, welche von jeder Neuerung fordert, daß sie die Tatsachen, 
die Erfahrungen nachweise, auf denen sie ruht". Man müsse in der Geschichte 
der Philosophie weit emporsteigen, nämlich bis zu Hume, um den Standpunkt 
des Protagoras wieder zu treffen ; es sei dies im wesentlichen auch der J. Stuart 
Mills. Dabei vertritt Laas allerdings eine von der oben vorgetragenen abweichende 
Auffassung des Homo-mensura-Satzes, wonach es sich dabei um den Menschen 
nicht als Individuum, sondern als Gattung handelt (so auch Th. Gomperz). Als 
Urheber des Erfahrungs begriff es wurde Protagoras hingestellt von P. Natorp, 
Forschungen S. 148 ff. 

Für das Handeln des Menschen hat Protagoras die Konsequenzen aus 
seinem erkenntnistheoretischen Subjektivismus nicht voll gezogen. Er bestritt, wie 
wir oben S. 130 sahen, ausdrücklich den Schluß von der gleichen Richtigkeit ver- 
schiedener Vorstellungen auf ihre Gleichwertigkeit und stellte den Rednern die 
sittliche Reform der Staaten als Aufgabe (Plat. Theaet. 166 d ff., Vors. 74 A 21a). 
Er wollte selbst ein Lehrer der Tugend sein, und zwar ist ihm diese etwas Fest- 
stehendes ; bei ihr sollte Willkür und das, was dem einzelnen gerade gefällt, nicht 
Geltung haben. In dem Mythus, welchen Piaton den Protagoras im gleich- 
namigen Dialog (320 c ff.) vortragen läßt, und der in seinen wesentlichen Grund- 
gedanken wohl dem Sophisten angehört, sind alöwg und bUt] den Menschen von 
den Göttern verliehen. Nur diese Gaben ermöglichen es den Menschen, dauernde 
Staaten zu bilden und zu gegenseitiger Erhaltung vereinigt zu bleiben. Allen 
müssen sie demnach eigen sein, und wer sie nicht besitzt, den soll man töten wie 
eine Krankheit. Recht und Gesetz sind für den Staatsbürger durchaus verbind- 
lich, wenn auch hinsichtlich der staatlichen Gesetze gewissermaßen ein kollektiver 
Subjektivismus — Subjekt ist nicht das Individuum, sondern der Staat — herrscht, 
der aber wieder die Qualifikation von gut und schlecht und damit im einzelnen 
Falle auch die Reformbedürftigkeit des Gesetzes nicht ausschließt: Plat. Theaet. 
I67c (Vors. 74 A 21 a): oiä y av ly.äox]] n^o/.ei dixaia y.al xaXä 8oxfj, ravxa y.ai 
sivai avzfj, scos ur aviä vofiiLi]. a?S 6 aocpog ävxl :tov?]qü}v ovrcov avxoTg sxäoroiv 
/QrjoTa EJTohjosv slvui y.al doy.eTv. 

Ein erhebliches wissenschaftliches Verdienst hat sich Protagoras durch 
seine sprachlichen Untersuchungen erworben. Er hat über den rechten 
Wortgebrauch {dodosTreia) gehandelt (Plat. Phaedr. 267 c, Vors. 74 A 26). Ferner hat 
er zuerst solche Satzformen, auf denen verbale Modi beruhen, unterschieden. Diog. 
L. 9, 53 (Vors. 74 A 1, 53): dislke öe t6v löyoi' TTQÖJxog etg xhxaga' EV'j^wh'jv, 
iodntjaiv, ajiöy.oiair, irxoh'jt' (wobei ihn freilich der Gebrauch des Imperativus an 
Stellen, wie Ilias init.: Mrjrn' aEcds, ^sä, wo nicht ein Befehl, sondern eine Bitte 
auszudrücken war, in eine Verlegenheit setzte, aus der er sich nur durch einen 
Tadel des homerischen Ausdrucks zu retten gewußt hat, s. Arist. Poet. 19, 1456 b 15, 
Vors. 74 A 29). Nach anderen unterschied er, wie Diogenes an der gleichen 
Stelle § 54 mitteilt, sieben Formen: Sn'jyrjoig, EQCoxtjaig, djioygtotg, svxoh), änayyEUa, 
Evx^Kr], yXfjaig. Auch die Genera des Nomens hat Protagoras gesondert; Aristot. 
Rhet. 3, 5, 1407 b 6 (Vors. 74 A 27): w? JlgmxayoQag xä yivt] zcor oi'o/udxcov öu'jqei, 
aQQEva Hai drj).Ea y.ai oxEirrj. 

Von den Göttern erklärte Protagoras in seiner Schrift Usgi üeojv nicht 
zu wissen, ob sie seien oder nicht seien; denn vieles verhindere, es zu wissen, die 
Dunkelheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens (fragm. 4: Uegi 
fiEv öecöv ovy Eyco Eiöfvat oi'-d' d)g eloiv o{'t9' log ovx eIgIv oi'd' oj-oToc xivsg löfav. 



]^34 § 2^' Gorgias aus Leontinoi. 

7T0/./.ä yäg rä yoi/.vorra Eiöevat, tj z döij/.önjg aal ßoa/vg ojv 6 ßio; zov dv&QOjjiov. 
Vgl. Plat Theaet. 162 d). 

§ 29. Gorgias aus Leontinoi (in Sizilien), der 427 v. Chr. 
als Gesandter seiner Vaterstadt nach Athen kam, ein älterer 
Zeitgenosse des Sokrates, jedoch diesen noch überlebend, lehrte 
hauptsächlich die Redekunst. In der Philosophie kannte man 
von ilim eine nihilistisch-skeptische These, die er in drei Sätzen 
formulierte: 1. es ist nichts; 2. wenn aber etwas wäre, so würde 
es unerkennbar sein: 3. wenn auch etwsrs wäre und dieses er- 
kennbar wäre, so wäre doch die Erkenntnis nicht mitteilbar an 
andere. 

Antike Überlieferung über Leben und Lehre. Fragmente: Diels, 
Yorsokr. c. 76. 

Chronologie: Jacoby, Apollod. Chron. S. 261 ff. 

Daß Gorgias Ol. 88, 2 im Sommer (427j an der Spitze einer leontinischen 
Gesandtschaft die Athener zur Hilfeleistung gegen die Syrakusaner zu über- 
reden suchte, sagt Diodor 12, 53. Piaton vergleicht ihn (Phaedr. 261 c) dem 
Nestor wegen seiner Rednergabe, wohl auch mit Rücksicht auf sein hohes Alter. 
Sein Leben mag etwa (nach Frei) zwischen 483 und 375 fallen (über andere 
Ansätze vgl. Jacoby a. a. O. besonders S. 265 Anm. 10). Nach Athenaios 11. 
505 d soll er das Erscheinen des platonischen Dialogs Gorgias noch erlebt und 
den Verfasser desselben als einen veog 'Ag/Jz-oyog bezeichnet haben. Die letzte Zeit 
seines Lebens scheint er in dem thessalischen Larisa zugebracht zu haben. Durch 
seinen Unterricht soll er sich viel Geld erworben haben und sein Auftreten 
prunkvoll gewesen sein. 

In früherer Zeit hat sich Gorgias mit Physik, wohl namentlich mit Optik 
beschäftigt, vielleicht auch eine eigene physikalische Schrift verfaßt. Nach dem 
platonischen Dialog Menon (p. 76 c) nahm Gorgias mit Empedokles Ausflüsse aus 
den Objekten an und Poren, durch welche die Ausflüsse eindringen; er ist über- 
haupt in der Naturphilosophie als ein Schüler des Empedokles zu betrachten. 
Die Definition der Farbe im Menon ist gorgianisch und erinnert zugleich an 
Empedokles. 

In der Rhetorik waren Korax und vielleicht auch Tisias, der Proleg. zu 
Hermogenes, Rhet. gr. ed. Walz IV 14, sein Lehrer genannt wird, seine Vor- 
gänger. Auch die rednerische Weise des Empedokles, den Satyros bei Diog. L. 
8, 58 und Quintilian 3, 1 als seinen Lehrer bezeichnen, scheint von Einfluß auf 
ihn gewesen zu sein. Die Redekunst galt ihm als Bewirkerin der Überzeugung 
{jieißov? d»]iuiovoy6g). Die Tragödie hat Gorgias als einen wohltätigen Trug be- 
zeichnet, Plut. de gloria Athen. 5; cf. de aud. poet. 1 (fr. 23): FoQyiag de xr}v 
roayqjdiav eiJiev u7iäTt]v, /;r o re äjiaxi'jaag biy.aiözsoog zov /liij djraz/joavzog xai 
6 a.jrazrj'dslg ooqjojzsoog zov /.irj dTtazrj-ßh'zog. 

Im Dialog Gorgias (p. 462 ff.) bezeichnet Piaton die oorpioziyJ) (im engeren 
Sinne, wobei er vorzugsweise die politische und ethische Richtung des Sophisten 
Protagoras im Auge zu haben scheint) als eine Entartung der rouoßezix//, und die 
ijtfzooixt) (wie sie vorzugsweise von Gorgias und seinen Nachfolgern gelehrt wurde) 
als eine Entartung der öixaioovri] (deren Begriff hier ein engerer als in der Rep., 



§ 29. Gorgias ans Leontinoi. 135 

nämlich der der Vergeltung, des dvTmsjiovOog, ist) zur Schmeichelei (y.o^ay.sia) ; 
•er fii)det in solcher Entartung nicht eine rex't'Vi sondern nur eine ifiTTsigia y.ai 
TQißt'j. Piaton parallelisiert die beiden genannten rsyvai, die er unter dem einen 
Namen .-toXitix/j zusammenfaßt, und ihre Entartungen, welche sämtlich auf die 
Seele sich beziehen, mit ebensovielen auf den Leib bezüglichen r.jTiTt]ÖEvaeig, näm- 
lich die Gesetzgebungskunst mit der Gymnastik, die öixaioavvrj mit der Heilkunde, 
die Sophistik mit der Putzkunst und die Rhetorik mit der Kochkunst. Doch 
will Piaton von dieser herabsetzenden Begriffsbestimmung nicht im vollen Sinn 
auf das Verfahren des Gorgias selbst Anwendung machen, wohl aber auf das 
Treiben einiger seiner Nachfolger, welche rücksichtsloser als Gorgias selbst die 
Bedingtheit der echten Redekunst durch die Erkenntnis des wahrhaft Guten und 
■Gerechten hintansetzten, um ausschließlich der x<^Q^^ *^«' ySovy nachzujagen. 

Den Hauptinhalt der Schrift des Gorgias Ilsot xov iilj dvrog i) nsol 
(fvascog, von der wir bei Piaton keine Spur entdecken, finden wir bei Sext. Emp. 
adv. math. 7, 65 ff. (Vors. 76 B 3) und im ö. und 6. Kapitel der pseudo-aristo- 
telischen Schrift De Melisso, Xenophane, Gorgia. Folgende wesentliche Gedanken 
seien daraus hervorgehoben. 1. Es ist nichts, denn wenn etwas wäre, so müßte 
■dasselbe geworden sein oder ewig sein; geworden sein aber kann es weder aus 
■dem Seienden, noch aus dem Nichtseienden (nach den Eleaten); ewig kann es 
nicht sein, denn sonst müßte es unendlich sein, das Unendliche aber ist nirgends, 
da es weder in sich noch in einem andern sein kann, und was nirgends ist, ist 
nicht. 2. Wäre etwas, so könnte doch das Seiende nicht erkannt werden; denn 
gäbe es Erkenntnis des Seienden, so müßte das Gedachte sein und das Nicht- 
Seiende auch nicht einmal gedacht werden können; dann aber gäbe es keinen Irr- 
tum, auch dann nicht, wenn jemand sagte, auf dem Meere sei ein Wagenkampf: 
das aber ist absurd. 3. Gäbe es Erkenntnis, so könnte diese doch nicht mitgeteilt 
werden; denn jedes Zeichen ist von dem Bezeichneten verschieden; wie kann je- 
mand durch Worte die Vorstellung von der Farbe mitteilen, da doch das Ohr 
nicht Farben hört, sondern Töne? Und wie kann die nämliche Vorstellung in zwei 
Personen sein, die doch voneinander verschieden sind? 

Über den Sinn dieser Argumentation ist mehrfach gestritten worden. 
Während die einen in Gorgias' Thesen einen völlig ernst gemeinten Nihilismus 
■als philosophische Überzeugung des Sophisten erkannten, sahen andere darin nur 
■einen Scherz oder ein Bravourstück sophistisch-rhetorischer Dialektik oder eine 
Parodie auf die eleatische Doktrin vom Nichtseienden (Maier, Sokrates S. 223 f.). 
Neuerdings hat Heinr. Gomperz auf Analogien zwischen der Schrift ITsgl (pvaeoig 
und den beiden rhetorischen Virtuosenstücken des Gorgias, der „Helena" 
und dem „Palamedes", in sehr treffender Weise hingewiesen und die Meinung 
geäußert, daß es sich bei der Schrift Uegl (pvaeoyg um eine rhetorische Scherzrede 
•ohne alles philosophische Interesse handele (Sophistik und Rhetorik S. 1 ff.). 
Er vermutet, die Absicht der Schrift sei „nicht eine sachliche, sondern auch sie 
diene lediglich dem Zwecke der Epideixis: es sei dem Gorgias nicht darum 
zu tun gewesen zu beweisen, daß nichts existiert, nichts erkannt und mitgeteilt 
werden kann, sondern vielmehr darum, zu zeigen, seine dialektische Technik sei 
von solcher Unwiderstehüchkeit, daß sie auf jedem Gebiete, also auch auf dem 
philosophischen, auch das Absurdeste mit dem Scheine der Plausibilität zu um- 
geben vermöge". So glänzend nun auch der Scharfsinn ist, mit dem H. Gomperz 
•seine These verteidigt, so bleiben gegen die philosophische Indifferenz der gorgia- 
nischen Beweise doch wesentliche Bedenken. Zunächst scheint mir das Zeugnis 
•des Isokrates, der (Hei. 3) Gorgias' Sätze mit solchen des Zenon und Melissos, 



136 § 29. Gorgias aus Leontinoi. 

also philosophisch ernst zu nehmender Mäuner, zusammenstellt, durch Gomperz 
S. 31 so wenig aus dem Wege geräumt, wie die Schrift des Aristoteles (nach 
Gomperz' Vermutung des Theophrast) Ilgog za Fo^yiov, der also Gorgias einer 
philosophischen Widerlegung für wert hielt, durch das von Gomperz S. 34 Anm. 
Bemerkte hinsichtlich ihrer Beweiskraft beseitigt ist. Weiterhin spricht für 
philosophisches Interesse sowohl Gorgias' eigene Entwickhing (s. o. S. 134), Avie 
die Analogie anderer Sophisten, unter denen freilich Gomperz nur Protagoras als 
philosophisch interessiert gelten läßt. Auch wäre eine Schrift Ueol q-voFOig 
als rhetorische Epideixis ohne Beispiel und der Gegenstand dazu schlecht ge- 
wählt. Sagen wie die von Helena und Palamedes waren allgemein bekannte 
Die Rhetorschule hat sich solcher Stoffe bemächtigt, .und es gehörte bei der ver- 
breiteten Kenntnis und der Leichtverständlichkeit derartiger Gegenstände kein 
fachliches Interesse oder Wissen dazu, um Ausführungen wie die der beiden 
gorgianischen Deklamationen zu verstehen und zu bewerten. Mit dem Thema .-rfpt 
(pvoeiog wurde ein davon weitabliegendes Gebiet betreten. Hier spielten Gedanken, 
wie sie die schärfsten philosophischen Köpfe beschäftigt hatten, eine Rolle (vgl.. 
das Eleatische in der ersten Argumentationsreihe), Gedanken, die z. T. tiefe philo- 
sophische Probleme berührten und mit Sachkunde erwogen und gewürdigt sein 
wollten. In dieser Beziehung ist die Schrift Tlegl (pvoEwg von den beiden Dekla- 
mationen unleugbar durch eine tiefe Kluft getrennt und wandte sich jedenfalls 
nicht an die landläufige Zuhörer- oder Leserschaft rhetorischer Epideixeis, son- 
dern an solche, denen philosophische Probleme am Herzen lagen. 

Daß nun freilich Gorgias alles Ernstes gemeint haben sollte, er habe mit 
der ersten Argumentationsreihe bewiesen, daß nichts existiert, ist schwer glaub- 
lich. Dagegen ist kein Grund an seiner Skepsis hinsichtlich Erkennbarkeit der 
Dinge und Mitteilbarkeit der Erkenntnisse zu zweifeln. Der Nihilismus der ersten 
Argumentationsreihe ist eine paradoxe Fortführung und Übertrumpfung dieser 
Skepsis, an der gewiß das Streben nach einer dialektischen Bravourleistung seinen 
Anteil hat, die aber wohl so wenig wie etwa Zenons vierter Beweis gegen die Be- 
wegung, wie die Fehlschlüsse im platonischen Protagoras und Sophisten (248 d f.) 
und wie der stoische Schluß aus der Existenz von deorum interpretes auf die 
Existenz von dei einfach unter das Dilemma: Ernst oder Scherz gestellt werden 
darf. Die griechische philosophische Diskussion hat ihren LVsprung in einem 
disputierfreudigen Volke und ihr Aufblühen in der Zeit sophistischer Eristik 
darin nicht verleugnet, daß sie da und dort Beweisgründe und Beweise in die 
Debatte warf, die bei allem Mangel innerer Überzeugungskraft durch ihre Para- 
doxie den Gegner blenden und durch ihre scheinbare Unwiderleglichkeit in Ver- 
legenheit setzen sollten. Die Frage, ob der Urheber solcher Argumente sich 
innerlich zu ihnen bekennt, spielt dabei keine Rolle. So wenig wie von Ernst 
kann aber in solchen Fällen von Scherz die Rede sein. Es handelt sich nicht 
darum, lachenden Mundes Dinge vorzutragen, über deren Untriftigkeit hüben wie 
drüben kein Zweifel besteht und die nur durch ihre Erfindung und Zurüstung 
dem Können ihres L^rhebers Ehre machen sollen. Es handelt sich vielmehr um 
Argumente, die in der Debatte als deren integrierende, den triftigen Beweisgründen 
völlig gleichgestellte Bestandteile figurieren und mit denen der Gegner sich ab- 
finden mag, so gut er kann. 

In gewissem Sinne ist nach Protagoras jede Meinung wahr, nach Gorgias 
jede Meinung falsch; beides läuft aber gleich sehr auf die Negation der Wahr- 
heit als der Übereinstimmung des Gedankens mit einer objektiven Realität 
hinaus, so daß durchweg bloße Überredung an die Stelle der Überzeugung 
treten muß. 



§ 30. Hippias aus Elis. § 31. Prodikos aus Keos. 137 

Die von manchen bezweifelte Echtheit der zwei unter dem Namen des 
Gorgias uns überUeferten Deklamationen, der Verteidigung des Palamedes 
und des Lobes der Helena, ist in neuerer Zeit mit guten Gründen verteidigt 
worden. S. besonders H. Gomperz. Sophistik u. Rhetorik S. 3 ff. 

§ 30. Hii^pias aus Elis, ein jüngerer Zeitgenosse des 
Protagoras, mehr durch Redefertigkeit und durch mathematische, 
astronomische, grammatische und archäologische Kenntnisse als 
durch philosoi)hische Lehren berühmt, bekundet den ethischen 
Standpunkt der Sophistik in dem von Piaton ihm zugeschriebenen 
Satze, das Gesetz sei der Tyrann der Menschen, da es sie zu 
manchem Naturwidrigen zwinge. 

Antike Überlieferung über Leben und Lehre. Fragmente: Diels, 
Vorsokr. c. 79. 

Hippias erscheint in dem Sophistenkongreß, der nach der Szenerie des 
platonischen Dialogs Protagoras kurz vor dem Anfang des pelopcnnesischen 
Krieges im Hause des Kailias stattfand, als ein Mann im mittleren Lebensalter, 
beträchtlich jünger als Protagoras. Nach p. 318 e pflegte er in der Arithmetik, 
Geometrie, Astronomie und Musik zu unterrichten; in dem platonischen Dialog 
Hippias maior wird p. 285 c d von ihm gesagt, er habe die genaueste Kenntnis 
nfoi T£ ygafifiärcov Svrdjuecog xul av?./.ußcov xal gvd/Licöv xal aQ/novicöv. Auch mit der 
Ausbildung der Gedächtniskunst, die Simonides von Keos erfunden haben soll, hat 
er sich, wie es scheint, erfolgreich abgegeben. 

Prot. 337 d läßt Piaton den Hippias sagen : 6 8's vo/uog zvoavvog oh' tojv 
ävßQwjTcov JTo/./M :iaQa x)]v cpvoiv ßtd^ezai (vgl. Herodot 3, 38 a. E. [Pindar. fragm. 
169 Sehr.]; 7, 104). Er findet naturwidrig, daß die Differenz der Staaten und 
ihrer Gesetze Gebildete einander entfremde, die doch <fvasi ovyyevsTg seien. Bei 
Xenophon (Memor. 4, 4, 5 ff., Vors. 79 A 14) bestreitet er die Hochsehätzung der Ge- 
setze durch Hinweisung auf ihre Verschiedenheit und Wandelbarkeit. Doch scheint 
sieh Hippias in seinen ethischen Vorträgen ebensowenig wie andere Sophisten in einen 
bewußten und prinzipiellen Widerstreit mit den griechischen Volksanschauungen ge- 
setzt zu haben. Er gibt zu, daß auch Gesetze von den Göttern stammen; das 
sind die allgemein gültigen, z B. yovsag rtinav. Ermahnungen und Lebensregeln, 
wie die, welche nach der Darstellung des Dialogs Hippias maior (p. 286 b, Vors. 
79 A 9) Hippias den Nestor dem Neoptoleraos erteilen läßt, mögen ziemlich un- 
verfänglich gewesen sein. 

Blaß vermutete in Hippias den Verfasser einer gegen gewisse Musiktheore- 
tiker gerichteten Rede, deren Anfang uns in The Hibeh papyri part. I ed. by 
Bern. P. Grenfell and Arthur S. Hunt, London 1906, No. 13 p. 45—48 (2. Jahrh. 
vor Chr.) erhalten ist. S. dagegen Diels, Vors. zu c. 79 a. E, 

§31. Prodikos aus Keos verdient erwähnt zu werden 
wegen seiner paränetischen Moralvorträge, unter denen „Herkules 
am Scheidewege" am bekanntesten geworden ist, und wegen 
seiner Unterscheidung sinnverwandter Worte. Durch beides hat 
er Sokrates vielleicht angeregt. Doch geht er nicht wesenthch 
über den Standpunkt der älteren Sophisten hinaus. 



]^38 § 31- Prodikos aus Keos. 

Antike Überlieferung über Leben und Lehre. Fragmente: Diels, 
Yors. c. 77. 

Prodikos war, wie aus Piatons Dialog Protag. zu schließen ist, jünger 
als Protagoras und dem Hippias ungefähr gleichalterig. Sokrates hat seinen 
Unterricht öfters jungen Männern empfohlen, freilich solchen, die er selbst zu 
■dialektischer Bildung ungeeignet fand (Plat. Theaet. 151 b), und er nennt sieh 
auch mitunter (Plat. Protag. 341 a; vgl, Charm. 163 d, Meno 96 d) einen Schüler 
des Prodikos, dies jedoch 'mehr scherzhaft als in strengem Ernst. Crat. 384 b 
sagt er, die 50 Drachmen kostende sjiidfiiig habe er nicht bei Prodikos gehört, 
«ondern nur die 1 Drachme kostende, und zwar scheinen dies Vorträge über 
Synonymik gewesen zu sein. Piaton schildert ihn im Protagoras als weichlich 
und etwas pedantisch in seiner Wortunterscheidung und behandelt Um mit Vorliebe 
ironisch. Eine prächtige Persiflage prodikeischer Synonymik gibt er Protag. 33 7a f.: 
KaXöJg fioi, e(p)] (d Ugödixog), doxsTg Xsysir, w Kgiria. XQV Y^Q ''^ovg kr roioTads köyoig 
jiaQayiyvofiivovg xoivovg fisv elrai a.fi<f)oTv xoTr öia).eyoftEvoiv axQoaTäg, l'oovg dk 
lAr]. e'ati ycig ov zavzör. xoivfj fikv yctQ dxovaai Öel dfiqpoisocor, /nij i'aov Sk vsTfiai 
ixareooj, d/./.ä tm /aev ooqpcozsQO) tiXeov, toj ös dfiaßEaisQoj s/.airoy. syio /iikv xal avrog, o> 
IlQCOxayÖQu ze xal 2(üXQazeg, d^icö vfxäg ovy/cogsiv nal dlliqkoig n:sQl ziör Xöyoiv 
d fi(pcaßr]z sTv iJ,ev, eqU^eiv 8e [it]. di.i(piaßt]Tovoi fisv yag xal 8i svvoiav ot q)ikoi 
zoTg cpiXoig, igiCovai de oi 8id<poQoi ze xal ix'&Qol dXXr]Xoig. y.ui ovzcog av xaXXi'ozij 
fjUty fj avvovaia ylyvoixo' vfielg ze ydg oi XiyovzEg /^dXtoz av ovzcog ir rjiiiTt' zoTg 
dy.ovovaii' ev öoxifioTzs xal ovx ettuiv oZa&e. ev8oxt/^£Tv f.iEv ydg eazi.siaQa zaig 
ipv/alg zcöv dxovövzcov ävsv djidzTjg, EJiaivEiadai ök ev Xöyo) rioXXdxig Jiagä d6$av tpsv- 
SojiiEvcoi'. ^fiEcg z av oi dxovovreg [.lälioz äv ovzojg Ev<pQaivoi jjiEß a, ovy^ fjdoi^ei^a. 
svifQuivEodai fisv ydg sazi fiav&dvovzd zi xal q)oori]0£wg (A.ExaXa(AßdrovTa avrf/ z>~ 
Siaroia, ijdeodai de iodiorid zi 7} äXXo ^ör jTdoyovra avzM tm aojfiazc. Obwohl die 
Vorträge des Prodikos beliebt waren, so ist doch keine einzige Wortunterscheidung 
desselben zur Zeit Piatons allgemein anerkannt gewesen, und noch weniger hat 
sich eine als zutreffend in späteren Zeiten erhalten. — Von Geldgier scheint 
Prodikos ebensoAvenig frei gewesen zu sein, wie andere Sophisten. 

Bemerkenswert sind Prodikos' religionsphilosophische Anschauungen, 
mit denen er einen später von anderen weiter verfolgten Weg beschritten hat. 
Was den Menschen nützte, meinte er, ward als Gottheit verehrt. So geschah 
es mit Sonne und Mond, Flüssen und Quellen. So ward das Brot als Demeter 
verehrt, der Wein als Dionysos, das Wasser als Poseidon, das Feuer als Hephai- 
stos usw. (Vors. 77 B 5; vgl. zum Standpunkte auch Philod. de piet. 6 c p. 71 G.). 

Den Mythus von dem zwischen Tugend und Lust wählenden Herakles 
enthielt eine Schrift mit dem Titel ^ügai ; außer dieser Schrift wird von Prodikos 
noch eine zweite unter dem Titel UeoI <pva£0)g angeführt. Den genannten Mythus 
hat Xenophon (Memor. 2, 1, 21 ff.) nachgebildet. Die Tugend wird hier nicht 
als um ihrer selbst willen begehrenswert empfohlen, sondern als die nach göttlicher 
Ordnung notwendige Voraussetzung zur Erreichung der Lebensgüter. — Joel 
(s. Lit.) sucht in ausführlichster Weise darzutun, daß alles in diesem Mythus, 
die Heraklesfigur, das Bild der Wege, Sokrates als Prodikeer, die gorgianische 
Rhetorik im Dialog, der moralische urkynische Inhalt der Synkrisis dgezy ejiitto- 
vog gegen xuxia (piXrjdovog und vieles andere ganz deutlich auf Antisthenes als 
eigentlichen Autor der Prodikosfabel hinweise. Prodikos soll nach Joel hier nicht 
der historische, sondern eine überlieferte literarische Figur sein. Xenophon kon- 
kurriert dabei mit einem ungenannten Vorbild, und dies ist der Herakles des 
Antisthenes — eine Hypothese, die mit Joels später noch zu berührender Ten- 



§ 31. Prodikos aus Keos. § 31 a. Anonymus lamblichi. Aiaaol löyoi. ]^39 

denz zusammenhängt, bei Xenophon au die Stelle des Sokratcs den Antisthenes 
zu substituieren, und einer genügenden Grundlage entbehrt. 

Den Tod soll Prodikos für wünschenswert erklärt haben, um den Übeln des 
Lebens zu entgehen; die Furcht vor dem Tode sei unbegründet, da der Tod 
weder die Lebenden noch die Gestorbenen angehe, die erstereu nicht, weil sie 
noch lebten, die letzteren nicht, weil sie nicht mehr lebten: [Plat.J Axioch. 366c. 
Doch ist es sehr unsicher, ob die pessimistischen Betrachtungen in dem pseudo- 
platonischen Dialog dem Sophisten angehören; sie scheinen mit dem Eudämonis- 
mus des Herakles-Mythus schlecht übereinzustimmen, wiewohl die Verbindung 
des Pessimismus mit Eudämonismus nicht undenkbar ist. Aber die Zurück- 
weisung der Furcht vor dem Tode im Axiochos entspricht zu genau einem später 
7X\ erwähnenden Ausspruch Epikurs, als daß man nicht annehmen sollte, sie sei 
diesem entlehnt. — Ohne sichere Belege hat man neuerdings den Schriften des 
Prodikos „einen bedeutenden dogmatischen Gehalt" zugesprochen und sie als 
Quelle für manche späteren Aufstellungen in Anspruch genommen (Dümmler, 
Akademika; s. hier das Register unter ,, Prodikos"). 

§ 31a. Mit dem Namen Anonymus lamblichi bezeichnet 
man den Verfasser eines nach Sprache und Inhalt der zweiten 
Hälfte des 5. Jahrh. vor Chr. zuzuweisenden ethiscli-pohtischen 
Traktates, aus dem, wie zuerst Friedr. Blaß bemerkt liat, Auszüge 
in dem Protreptikos des Neuplatonikers lamblichos erhalten sind. 
Der Standpunkt ist der des Protagoras und Prodikos, doch 
scheinen auch die destruktiven Tendenzen der jüngeren Sopliisten- 
g'eneration polemisch berücksichtigt zu sein. 

Die Jioool Xöyoi sind die z. T. nur ein Exzerpt darstellende 
Niederschrift von Vorträgen eines wesenthch auf protagoreischem 
Boden stehenden, um 400 vor Chr. lebenden Sophisten, von be- 
sonderem Interesse dadurch, daß hier u. a. Fragen, wie wir sie 
im sokratischen Kreise behandelt finden, wie die nach der Lehr- 
barkeit der Tugend, der Berechtigung der Einsetzung der Be- 
amten durch das Los, erörtert werden. 

Überlieferte Texte: Diels, Yors. c. 82 (Anonymus lamblichi); c. 83 
{^ilioool }.6yoi). 

Die Auszüge aus dem Anonymus lamblichi lassen die pädagogischen 
Interessen der Sophistik und die ethische Richtung der älteren Sophistengeneration 
erkennen. Allgemeine Weisungen für den Erwerb der Bildung und des Ansehens 
bei den Mitbürgern, die Aufforderung, gewonnene Fähigkeiten nur zu guten und 
gesetzlichen Zwecken zu benutzen, Bekämpfung der rpilo^pv/ia, q:r/.oyotyiaTia und 
:n!/.so%'E^ta sind leitende Gesichtspunkte. Den Schluß bildet eine Gegenüberstellung 
der Vorzüge der svvoiiia und der Nachteile der ävofua. Ist es auch im ganzen 
triviale Weisheit, die hier geboten wird, so interessieren uns doch die Anklänge 
an Protagoras und die Ablehnung einer egoistischen Moral, wie sie von der 
späteren Sophistengeneration vertreten wurde. In c. 6 erinnern die Ausführungen 
über die Notwendigkeit des menschlichen Gemeinlebens, dem alle Kunstfertig- 
keiten dienen und das die dvoula ausschließe, an den Mythus des platonischen 



240 § 31a. Anonymus lamblichi. Jioaol /.öyoi. 

Protagoras. An die Bekämpfung der Sophisten im platonischen Gorgias und der 
Republik mahnt in c. 6 die Aufforderung: sn roiwv ovy. em :r?.£ovs^iav oofiäv deV 
ovde ro xoÜTog t6 irrt Ttj rr/.eove^ia rjynadai agezi^v sivai, to de zcöv vöiicov vjia- 
y.ovFiv öediar. Ebenso wenn in der Mitte des gleichen Kapitels ein Übermensch 
vorausgesetzt wird (uTOCozog zov yowza ävooög re y.ai d.Taj?»/? xul v:j£oqvr]g xal 
ädniidtzirog zö zs ocöua y.al zr]v i^'v^tp'), der zum Träger einer auf jrleove^la ge- 
gründeten Macht geeignet erscheinen könnte [zöv yäg zoiovzov zw völkoiiIj vjiobvrovza 
övvuaßai udipov sivai, vgl. den piaton. Gorgias 473 b), tatsächlich aber der Feind- 
schaft der Menge der Gesetzlichen nicht standzuhalten vermag; vgl. etwa Plat. 
Gorg. 483 b f. (Über mögliche Beziehungen des Anonymus zu Hippias s. Heinr. 
Gomperz, Sophistik u. Rhetorik S. 79 ff.). 

Die Aiaooi löyoi (dieser Titel nach dem Anfange öioooi /.oyot Xkyovzai, Iv zff 
'E/./.äöi y.z/..; der Titel Aia/J^sig ist willkürlich) stellen in antilogistischer Weise 
Thesen und Gegenthesen einander gegenüber und verfechten jede in zusammen- 
hängender Argumentation. So beginnt der erste Abschnitt („Über das Gute und 
Schlechte"): „Zweierlei Reden werden in Griechenland von den Philosophierenden 
hinsichtlich des Guten und Schlechten vorgebracht: die einen nämlich sagen, 
das Gute sei etwas anderes als das Schlechte, die anderen aber, es sei dasselbe, 
und für die einen sei es gut, für die anderen aber schlecht, iind für einen und 
denselben Menschen bald gut bald schlecht." Es folgt die Ausführung zu- 
nächst der zweiten, dann der ersten These. Bei der Verfechtung der Identität 
von gut und schlecht wird nun , .dasselbe" im Sinne des Relativismus verstanden: 
das nämhche Ding ist mit einem Maßstabe gemessen und im Verhältnis zu einem 
Gegenstande gut, mit einem andern Maßstabe gemessen und im Verhältnis zu einem 
andern Gegenstande schlecht: die Schwelgerei ist für die Schwelger etwas 
Schlechtes, für die, die ihnen die Hilfsmittel dazu verkaufen, etwas Gutes, die 
Krankheit für die Kranken schlecht, für die Ärzte gut usw. Bei der Gegeuthese 
hingegen — ä/./.o fiev zäya&öv, ä/./.o ds z6 y.ay.öv — wird die bestrittene Identität 
von gut und schlecht als absolut vorausgesetzt und die Verfechter dieser Identität 
durch -Argumentationen ad absurdum geführt wie die folgende: deine Eltern 
haben dir viel großes Gute erwiesen ; also schuldest du ihnen viel großes Schlechte, 
wenn anders Gutes und Schlechtes identisch sind. In analoger Weise wie über 
Gutes und Schlechtes wird in c. 2—4 über Schönes und Häßliches, über Gerechtes 
und Ungerechtes und über Wahres und Falsches gehandelt. Nach einigen weiteren 
kürzer besprochenen Motiven aus dem Thema zavröv — ov zavzöv (Identität der 
Handlungen der Wahnsinnigen und der Vernünftigen u. a. c. 5) geht der Ver- 
fasser in c. 6 zu der Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend über. Er wUl sie 
nicht im positiven Sinne entscheiden, aber dartun, daß die gegen diese Lehr- 
barkeit ins Feld geführten Beweisgründe (zu denen z. T. der platonische Prota- 
goras zu vergleichen ist), nicht stichhaltig seien. C. 7 enthält eine scharfe Pole- 
mik gegen die VV'^ahl der Beamten durchs Los, die gleich unvernünftig sei, wie 
wenn gelegentlich der Wagenlenker durchs Los zum Koch und der Koch zum 
Wagenlenker bestimmt werde (übereinstimmend mit Sokrates; vgl. etwa Xen. 
Mem. 1, 2, 9; 3. 9, 10). Nicht einmal volksfreundlich, wie man behaupte, sei 
das Verfahren, denn es gebe, wenn das Los es so füge, Volksfeinden die Macht 
zur Vernichtung des Demos. C. 8 verfolgt den Gedanken, daß die Kunst der 
Dialektik vom Wissen über alle Dinge und der praktischen Kunst des Richters 
und Staatsmannes untrennbar sei, c. 9 erhebt den Wert des Gedächtnisses als 
des /niyiazov y.al yäl/.iozov i^evofjfia yai ig jzdvza /^qtjoihov, ig zav oocpiav zs y.al ig 
zöv ßt'ov und gibt einige Ratschläge hinsichtlich der Art seiner Betätigung. 



§ 31 a. Anonymus lamblichi. Atoool löyoi. § 32. Spätere Sophisten. 141 

So wenig die Aiaaol koyoi einen Verfasser von bedeutender philosophischer 
Begabung verraten, so sind sie doch für uns insofern von Interesse, als sie Ge- 
danken vereinigen, die sonst in unserer Überlieferung wesentlich als sophistisch, 
und solche, die durchaus oder wesentlich als sokratisch erscheinen. Sie bilden so 
für uns eine Art Brücke zwischen Sophistik und Sokratik. An die Sophistik er- 
innert neben dem Problem des ravTo und ov zavio auch das mythologische, ge- 
schichtliche und ethnologische Material (1, 8 ff.; 2, 9 ff.), das im Zusammenhang 
dieser Probleme verwertet wird, an Hippias insbesondere die Betonung des Ge- 
dächtnisses (vgl. Plat. Hipp. mai. 285 e, Xenoph. Symp. 4, 62). Als mit Eifer 
von Sokrates behandelt ist aus dem platonischen Protagoras und Menon die Frage 
nach der Lehrbarkeit der Tugend bekannt, und mehrfach erwähnt wird Sokrates' 
Opposition gegen die athenische Beamtenerlosung. 

§ 32. Von den späteren Sophisten, in denen immer mehr 
der Fortschritt vom erkenntnistheoretischen zum morahschen Sub- 
jektivismus — was jeder begehrt, mag er unbeirrt durch ein als 
aUgemein verbindhch angesehenes Gesetz mit aUen behebigen 
Mitteln zu erreichen suchen — und damit destruktive Tendenzen 
zu Tage traten, sind die bekanntesten: der Rhetor Polos, ein 
Schüler des Gorgias, Thrasymachos, der das Recht mit dem 
Vorteil der Machthaber identifiziert, Kallikles und die pseudo- 
dialektischen Gaukler Euthydemos und Dionysodoros. Zum 
eleatischen Standpunkte neigten in Erkenntnistheorie und Meta- 
physik Antiphon und vielleicht Xeniades. Viele der ge- 
bildetsten Alänner in Athen und anderen griechischen Städten 
(wie namenthch Kritias, der an der Spitze der dreißig ohgar- 
chischen Gewaltherrscher stand) huldigten sophistischen Grund- 
sätzen, ohne doch selbst berufsmäßig als Sopliisten aufzutreten. 

Antike Überlieferung über Leben und Lehre. Fragmente: Diels, 
Yorsokr. c. 78 (Thrasymachos); c. 80 (Antiphon); c. 7.5 (Xeniades): c. 81 (Kritias). 
Über Polos, Kallikles, Euthydemos und Dionysodoros s. die alsbald 
anzuführenden Platonstellen. 

Bei den meisten der späteren Sophisten können wir uns fast nur an die 
Charakteristik halten, die Piaton in seinen Dialogen von ihnen gibt. Polos und 
Kallikles treten im Dialog Gorgias, Thrasymachos in der Eepublik auf. 
Den Kallikles für eine von Piaton erdichtete Persönlichkeit zu halten, gibt es 
keinen hinreichenden Grund. Alle drei äußern extreme Ansichten auf dem ethisch- 
politischen Gebiete: das natürliche ßecht geht dahin, die Begierden des Einzelnen 
nicht einzuschränken, sondern sie wachsen zu lassen und soviel als möglich, 
gleichgültig mit welchen Mitteln, zu befriedigen. Die meisten Menschen sind 
freilich zu ohnmächtig, um ihren Begierden freien Lauf zu lassen, und so 
hat man sich gewöhnt die Schrankenlosigkeit zu tadeln. In Wahrheit ist 
es aber für jemanden, der die Macht hat, das Schimpflichste und Schlech- 
teste, Maß zu halten, der Mächtige im Staate kann an nichts gehindert 
werden, und der Unrecht Tuende ist besser als der Unrecht Leidende; wer 
Unrecht tun kann, ohne zu leiden, ist töricht, wenn er sich dessen enthält. 
Für den Starken ist das Recht, was ihm nützt (Plat. Rep. 338c: lö dly.aiov 



142 § 32. Spätere Sophisten. • 

oi-y. a'/.'/.o Ti j) tö tov y.oeiTTovoc ^viKpegov). Die Tyrannis, die man in der Regel 
für die größte Ungerechtigkeit hält, macht den, der sie ausübt, zu dem Glück- 
seligsten. So ist der Makedonier Archelaos, der die verabscheuungswürdigsten 
Verbrechen verübte, ein glücklicher Mensch. Um zu der Machtstellung im 
Staate zu gelangen, muß man die richtigen Mittel finden; eines der vorzüglichsten 
ist die Redekunst; denn die Redner sind im Staate mächtig, sie berauben, ver- 
bannen, töten, wen sie wollen (Plat. Gorg. 466b f; 471a). Die Brüder Euthy- 
demos und Dionysodoros werden in dem Dialog Euthydemos mit ihren 
eristischen Kunststücken von Piaton vorgeführt und verspottet. Kamen sophi- 
stische Albernheiten, wie sie hier geboten werden, auch in Wirklichkeit vor — 
man vergleiche Aristoteles UsqI aocpionxwv lliyioiv — \ so ist das Ganze doch als 
persiflierende Übertreibung aufzufassen, durch die Piaton das Treiben der eristischen 
Sophisten zu kennzeichnen sucht (vgl. die persiflierende Charakteristik des Prodikos 
0. S. 138). 

Zu dem, was wir aus Piaton über diese späteren Sophisten schöpfen können, 
kommen noch einige Notizen bei Aristoteles und anderen, z. B. Aristot. Polit. 3, 9, 
1280b 11, daß der Sophist Lykophron das Gesetz kyyviizrjQ rwv biy.aimv ge- 
nannt habe (über Lykophrons Ausdrucksweise vgl. Arist. Rhet. 3, 3, 1405 b 35, 
1406 a 7); Rhet. 1, 13, 1373 b 18 erwähnt Aristoteles den Alkidamas, der in 
seiner messenischen Rede von dem natürlichen Recht gehandelt habe; aus dieser 
Rede führen die Schollen zur Rhetorik den Satz an: i/.EvOegovg äq)7jxs nävxaz 6 ■dtö^' 
ovösra dovÄov t) (pvoig :rc£jioir)y.Ev. Alkidamas erscheint also hier als Gegner der 
Sklaverei, bezeichnend für den Radikalismus, mit dem sich die Sophistik zu alt- 
hergebrachten Anschauungen und Gepflogenheiten in Gegensatz stellte. Alkidamas 
hat ein Lob des Todes und ein Lob der Armut geschrieben. Er scheint, wie auch 
Lykophron, der Schule des Gorgias angehört zu haben. 

Kr it ias erklärte (in seiner Tragödie Sisyphos, Nauck, Fragm. trag. Gr. 2, S. 771 ; 
Vors. 81 B 25) den Götterglauben für die Erfindung eines weisen Staatsmannes, 
der die Menschen auch in der Verborgenheit zu freveln abhalten wollte, indem 
er ihnen den Glauben an alles sehende und hörende Beobachter eingab (ßtday- 
fidzcov ägiarov eiorjyrjoazo, ifsvöeZ naXvipag ttjv aXrj&eiav Xöyw). Die Seele identifi- 
zierte Kritias mit dem Blut (Vors. 81 A 23): aTfia yuQ dv&QcoTtoig ^eQiy.aQÖiöv 
eozi rörjfiu. 

Nach der Darstellung Piatons im Protag. (p. 314 e ff.) schlössen sich aus 
dem Kreise der im Hause des Kallias versammelten gebildeten Athener die einen 
enger an Protagoras an (wie Kallias selbst, Charmides u. a.), andere an Hippias 
(Eryximachos, Phaidros u. a.), andere endhch an Prodikos (Pausanias, neben 
welchem als ein veov ezi fiEigäxiov Agathon sitzt, der spätere Dichter, geb. um 448, 
dessen Stil aber den Einfluß des Gorgias bekundet, s. Plat. Sympos. 198c), 
ohne im vollen Sinne für Schüler derselben gelten zu können und ausschließlich 
imter ihrem Einfluß zu stehen. Als ein Schüler des Protagoras, der sich am 
meisten ausgezeichnet und, um selbst Sophist zu werden {im zsxvij), gelernt habe, 
wird von Piaton (Protag. 315 a) Antimoiros aus Mende in Makedonien 
(AvxifiotQog 6 Mevbalo?) genannt. Auch der von Piaton im Theaitet erwähnte 
Theodoros war ein Schüler des Protagoras, wandte sich aber bald von der reinen 
Philosophie ab und der Mathematik zu. 

Der Sophist Antiphon (von dem Redner Antiphon wohl zu unterscheiden) 
zeigt sich von der eleatischen Lehre beeinflußt. In seinem Werke 'Akrj&sia schrieb 
er: („Alles ist für den Logos [den Verstand] eins). Hast du dies verstanden, so 
weißt du, daß für ihn nichts Einzelnes existiert, weder von dem, was der Weitest- 



§ 32. Spätere Sophisten. § 33. Sokrates von Athen. 143'. 

blickende mit dem Auge erschaut, noch von dem, was der Weitestdenkende mit 
der Denkkraft erdenkt" (Übersetzung von Diels, Vors. zu 80 ß 1). Andere Frag- 
mente sind mathematischen und naturwissenschaftlichen (meteorologischen, anthro- 
pologischen) Inhaltes. Bruchstücke der Rede TIfqI ofiovolag verraten eine pessi- 
mistische Lebensauffassung; so heißt es in Fragm. 51: „Das gesamte Leben bietet, 
auch wenn es (verhältnismäßig) wunderbar glücklich ist [so nach der Textes- 
herstellung von Diels], guten Grund zur Anklage; es enthält nichts Ausgezeich- 
netes, noch Großes und Erhabenes, sondern alles ist klein und schwach und kurz- 
dauernd und mit großer Trübsal vermischt". Ahnlich Fragm. 50: „Das Dasein 
gleicht einer eintägigen Haft und die Länge des Lebens sozusagen einem einzigen 
Tage, an dem wir eben zum Lichte emporschauen, um ihn (sogleich) anderen nach- 
kommenden weiterzugeben". Ein längeres Stück (Fragm. 49) ist der Beurteilung 
der Ehe von diesem Standpunkte aus gewidmet. Interessant für Antiphons ethische- 
Auffassung ist Fragm. 59: „Wer das Häßliche oder das Schlechte weder begehrt 
noch berührt hat, ist nicht selbstbeherrschend; denn es gibt nichts, durch dessen 
Überwindung er sich als sittlich zeigen könnte." 

Euenos aus Faros, ein Zeitgenosse des Sokrates, wird Plat. Apol. 20a,. 
Phaedr. 267 a, Phaedo 60 d als Dichter, Rhetor und Lehrer der aosri] dvßgw.^ivt] 
T£ xai jioXizixri erwähnt. 

Der Zeit und der Richtung der Sophisten gehört auch Xeniades au& 
Korinth an, den Sextus Empirikus (Hypotyp. Pyrron. 2, 18; adv. math. 7, 53- 
[Vors. c. 75]; 8, 5, vgl. auch adv. math. 7, 48) den Skeptikern zurechnet und 
(in der Skepsis) mit Xenophanes dem Eleaten übereinstimmen läßt. Xeniades 
behauptete (nach Sext. adv. math. 7, 53), alles sei Trug, jede Vorstellung und Mei- 
nung sei falsch (.Tavt' elvai xpevdf}, xai :iäoav (favzaoiav xai öö^ar ipsvöeaßai), was 
werde, werde aus nichts, was vergehe, vergehe in nichts. Nach der Angabe des 
Sextus (adv. math. 7, 53) hat Demokrit auf Xeniades Bezug genommen. 

Polyxenos war ein Zeitgenosse des Piaton und lebte längere Zeit am Hofe 
zu Syrakus bei Dionysios dem Jüngeren. Er hat nach Phanias (Alex. Aphrod. 
in Arist. Metaph. S. 62) gegen die platonische Ideenlehre schon das Argument des 
Toizog äv^Qcojio? vorgebracht. 

Zu den Sophisten ist nicht zu rechnen der Dithyrambendichter Diagoras aus 
Melos, der zum Atheisten geworden sein soll, weil er fand, daß ein schreiendes 
Unrecht von den Göttern unbestraft blieb. Öfter wird er, aber wahrscheinlich mit 
Unrecht, der Schule des Demokrit zugezählt. Da Aristophanes auf die Verurteilung 
des Diagoras in den „Vögeln" (v. 1073) anspielt (die 414 aufgeführt wurden), sa 
liegt die Kombination nahe, daß jenes Unrecht die Ermordung der Melier durch 
die Athener (416) gewesen sei (Thucyd. 5, 116); die Anspielung des Aristophanes 
auf den Atheismus des Meliers in den „Wolken" (v. 380) muß dann der zweiten 
Redaktion dieses Stückes angehören. Vielleicht stand die Verurteilung des Diagoras 
im Zusammenhang mit der Verfolgung von Rehgionsfreveln nach der Verstümme- 
lung der Hermesbilder im Jahre 415. Auf der Flucht soll Diagoras bei einem 
Schiffbruch umgekommen sein; aber wahrscheinhch ist in dieser Angabe Diagoras 
mit Protagoras verwechselt. 

§33. Sokrates, der Sohn des Sophroniskos und der Phai- 
narete, geb. Olymp. 77, 3, 470/69 vor Chr., oder wenig früher, 
teilt mit den Sophisten die allgemeine Tendenz der Reflexion 
auf das Subjekt, tritt aber zu ihnen dadurch in Gegensatz, daß 
seine Reflexion nicht zu Relativismus und Skeptizismus führt, 



\[[ § 33. Sokrates von Athen. 

sondern eine ^letliode ergibt, vermittelst deren sieh feste allgemein 
gültige Wahrheiten gewinnen lassen. Die wesenthehen Bestand- 
teile dieser Methode sind Induktion und Definition, zwei 
Yerfahrungsweisen, deren Begründer Sokrates nach dem durch 
Xenophons imd Piatons Darstellungen bestätigten Zeugnisse des 
Aristoteles gewesen ist. Die Prüfung der einzelnen Erscheinungs- 
formen eines Dinges fühi-t zur Bestimmung seines Wesens und 
Begriffes: die Untersuchung der Einzelfälle des Gerechten oder 
Ungerechten ergibt die Wesens- und Begriffsbestimmung des 
Gerechten oder Ungerechten überhaupt. Aus der Erkenntnis des 
Wesens und Begriffes lassen sich nun bestimmte Sätze gewinnen, 
die dem subjektiven ^Meinen und Zweifeln nicht unterworfen sind. 
Induktion imd Definition füliren so zum begrifflichen Wissen: 
wer Wesen und Begriff des Feldherrn kennt, kann daraus über 
dessen Obhegenheiten feste allgemein gültige Sätze ableiten. Aus 
Wissen und sittlicher Einsicht fheßt mit Notwendigkeit die 
Tugend. Wer das Rechte erkennt, kann nicht anders als dem- 
entsprechend handeln (Ethischer Intellektuahsmus). Ein Wider- 
spruch zwischen Einsicht imd Handeln ist ausgeschlossen. Als 
auf dem Wissen beruhend ist die Tugend lehr bar. 

Auf der Virtuosität im Gebrauche der dialektischen Methode 
in Unterredungen über philosopliische und besonders über mo- 
ralische Probleme bei noch mangehidem systematisch entwickelten 
Inhalte des Wissens beruht die sokratische Mäeutik und Ironie. 

Das dämonische Zeichen ist die von Sokrates als Stinmie der 
Gottheit aufgefaßte, auf praktischem Takt beruhende Überzeugung 
von der Angemessenlieit oder Unangemessenheit gewisser Hand- 
lungsweisen (auch in sitthcher Hinsicht). Im WeltaU waltet eine 
höchste, göttliche Vernunft, die sich in der zweckmäßigen 
Einrichtung der Welt offenbart. 

Die Anklage, welche ün Jahre 399 v. Chr. (Ol. 95, 1) 
durch Meletos erhoben und von dem demokratischen Pohtiker 
Anytos und dem Redner Lykon unterstützt wurde, stimmt mit 
den Beschuldigungen, welche früher Aristophanes in den 
..Wolken" gegen Sokrates erhoben hatte, nur in ihrer Grundtendenz 
überein. Sie lautete: „Sokrates tut Unrecht, mdem er die Götter, 
welche der Staat annimmt, nicht gelten läßt, sondern neue dämonische 
Wesen einfühi't: er tut auch Unrecht, indem er die Jugend ver- 
dirbt." Diese Anklage beruht ihrem tieferen Grunde nach auf der 
richtigen Voraussetzung einer wesenthchen Verwandtschaft des 
Sokrates mit den Sophisten, die in der gemeinsamen Tendenz 
einer Verselbständiguns: des Einzelnen und in dem gemeinsamen 



§ 33. Sokrates von Athen. 145 

Gegensätze gegen eine unmittelbare reflexionslose Hingebung an 
•die Sitte, das Gesetz und den Glauben seines Volkes und Staates 
lag, verkennt aber teils das Berechtigte in dieser Tendenz über- 
haupt, teils und hauptsäclilich die spezifische Differenz zwischen 
dem sokratischen Standpunkte und dem sophistischen, das 
Streben des Sokrates nach einer neuen, tieferen und vor 
allen Dingen festeren Begründung der Wahrheit und 
Sittlichkeit. 

Nach der Verurteilung unterwarf Sokrates sein Verhalten, 
aber nicht seine Überzeugung dem Urteilsspruche der Richter. 
Sein Tod, von seinen Schülern mit Recht verherrlicht, hat seiner 
idealen Tendenz die allgemeinste und dauerndste Anerkennung 
gesichert. 

Antike Berichte über Leben und Lehre: Vieles bieten für Sokrates' Leben 
Xenophon (namentlich in den Memorabilien und der Apologie) und Piaton. Viten bei 
Diogenes Laertios (2, 18 ff.) und Suidas (die des letzteren abgedruckt bei Wester- 
raann, Vit. Script. Graeci S. 440 ff.). W. Crönert, Herkulanen sische Bruchstücke 
■einer Geschichte des Sokrates und seiner Schule, Rhein. Mus. 57 (1902), 285—300 
(Hermes 38 [1903], 394). Für Sokrates' Prozeß und Verteidigungsrede kommen nur 
Xenophons Memorabiüen und Apologie und Piatons Apologie in Betracht, die zwar 
auch nicht die geschichtliche Verteidigungsrede wiedergeben, aber doch Wesent- 
liches aus ihr entnommen haben und in ihrem Geiste gehalten sind. Apologien 
•des Sokrates waren ein beliebtes, rhetorisch ausgenütztes Thema. Zur CJiarakte- 
ristik solcher Reden vgl. Procl. in Tim. 1 p. 65, 22 ff. Diehl. Bekannt sind uns 
Apologien des Sokrates außer von Xenophon und Piaton auch von Lysias (Blaß, 
Attische Bereds. I'^ 351), dem Isokrateer Theodektes aus Phaseiis (ebenda 11^ 447), 
Demetrios d. Phalereer (Diog. Laert. 9, 15. 57), dem Stoiker Theon von Antiocheia 
(Suid. s. Oecov), Plutarch (Lampriaskatalog 189), Libanios (declam. 1, vol. 5 
p. 1 ff. Foerster). Ein Pamphlet gegen Sokrates verfaßte nicht vor 393 vor Chr. 
•der Sophist Polykrates (s. unten). Für die Lehre sind Xenophon, Piaton und 
Aristoteles (Hauptstelle Metaph. 12, 4, 1078b 27 ff.) wichtigste Quellen. Doxo- 
graphie s. in Diels" Doxogr. Gr. (vgl. dort den Index unter Socrates). Mehrfach 
gehandelt wurde über das Daimonion des S.. so von Xenoph. Memor. 1, 1, 2 ff ., 
Apol. 12 ff., Plutarch TIsol rov ZtoxQärovg 8aifj.oviov, Apuleius De deo Socratis, 
Maximus Tyr. Ileol zov ^ojxQazov? dai/noviov, or. 8 und 9 Hobein (vgl. auch Pro- 
klos' Kommentar zum I. Alkib. S. 387, 15 ff. d. Ausg. v. 1864, Olympiodors Komm, 
zum I. Alk. S. 21 Creuzer, Hermeias' Komm. z. Phaidr. S. 65, 26 ff. Couvreur). 

Die Sokrates berührenden Schriften Xenophons und Piatons s. unter 
diesen. Veröffentlichungen, die aus beiden Autoren ein Bild des Sokr. 
zu vermitteln suchen: Eine Sammlung apologetischer Schriften Xenophons und 
Piatons, mit einer Einleitung her. von Karl Lincke, Halle a. S. 1896. Sokr. ge- 
schildert von seinen Schülern. Übertrag, u. Erläuter. v. Emil Müller. I. Xenophon 
Erinn. an Sokr. u. d. Kunst d. Haush., Plato Protag. u. Gastm. II. Plato Gorgias, 
Verteid. d. Sokr., Kriton u. Phädon, Xenoph. Gastmahl, Leipz. 1911. 

Chronologie: Jacoby, Apollodors Chronik S. 284 ff. 

Schriften hat Sokrates nicht hinterlassen. Ob die Plat. Phaedo 60d er- 
wähnte poetische Fassung der äsopischen Fabeln und der ebendort genannte 
Hymnus auf Apollon jemals veröffentlicht worden sind, ist fraglich. Die er- 
haltenen Briefe sind Fälschung J Ausgaben s. § 34). 

Porträt: A. Milchhöfer, Über ein Köpfchen des S., Verh. d. Philologen- 
vers. 1899 S. 56 f., Kekule v. Stradonitz, Die Bildnisse des S., Abh. d. Berl. 
Akad. 1908, H. Bulle, D. Bildnis des S., BeU. d. Münch. Neuest. Nachr. 1908 
Nr. 29. 

Die Zeit der Geburt des Sokrates läßt sich aus der Zeit seines Todes 
und der Zahl seiner Lebensjahre bestimmen. Sokrates trank den Giftbecher 

Ueberweg, Grundriß I. 10 



146 § 33. Sokrates von Athen. 

im Monat Anthesterion oder im Anfang Elaphebolion des Jahres Ol. 95, 1 (März 
399). Er war bei seiner Verurteilung, wie er selbst bei Plat. Apol. 17 d sagt, 
70 Jahre alt (IV>/ ysyaroj; fß8oi.ii']y.oviu die beste Überlieferung; iV;; yeyoviog .T/f/co 
Eßöoin)y.oiTa die Hs. T). Dazu stimmt Plat. Crito 52 e. Das führt auf Ol. 77, 3, 
370/69 vor Chr., oder das Ende des vorhergehenden Jahres als Geburtsjahr. Apollodor 
gelangt von demselben Ausgangspunkte aus, indem er nach seiner Methode das 
Geburts- und Todesjahr mit einrechnet, auf Ol. 77, 4, 369/8 vor Chr. Als Geburts- 
tag wird (von Apollodor bei Diog. L. a. a. O. und von anderen) der 6. des Monats 
Thargelion (in der zweiten Hälfte des Mai) angegeben, und dieser Tag wurde von 
Platonikem, wie der 7. desselben Monats als Geburtstag Piatons, alljährlich gefeiert. 
Schon die unmittelbare Folge dieser Tage aber und noch mehr das Zusammen- 
treffen mit den Tagen, an welchen die Delier die Geburt der (mäeu tischen) Artemis 
(6. Thargelion) und des Apollon (7. Thargelion) feierten, macht wahrscheinlich, 
daß die angegebenen Geburtstage beider Philosophen nicht historisch, sondern zum 
Behuf der Feier wülkürlich angenommen sind. 

Der Vater des Sokrates war Bildhauer, und auch er selbst soll sich eine 
Zeitlang in gleicher Weise betätigt haben: eine am Eingange der Akropolis zu 
Athen aufgestellte Gruppe bekleideter Chariten führten im Altertum manche — 
fraglich ob mit Eecht — auf unsem Sokrates zurück (Diog. Laert. 2, 19; Pausan. 
1, 22, 8; 9, 35, 7; Suid. s. Icoy.oäzt^g). Der Mutter läßt ihn Piaton Theaet. 149 a 
gedenken, wo er sich nennt: vlog iiiatag fidÄa ysvvaia? le y.al ß'/.oavoäg, 'Paiv- 
aghtjg, i;nd von sich selbst aussagt, daß auch er die Kunst derselben, die Ent- 
bindungskunst, übe, indem er die Gedanken seiner Mitunterredner ans Tageslicht 
hervorlocke und ihre Echtheit und Haltbarkeit prüfe. Sokrates erhielt die in 
Athen gesetzlich vorgeschriebene Jugendbildung (Plat. Crito 50 d). Daß er 
sich auch mit Geometrie und Astronomie bekannt gemacht habe, läßt 
sich aus Xen. Mem. 4, 7, 2 ff. schließen. Zum ,, Hörer" des Anaxagoras 
oder auch des Archelaos machen ihn nur unzuverlässige Zeugen; Piaton 
führt (Phaedo 97 f.) seine Bekanntschaft mit den Sätzen des Anaxagoras auf die 
Lektüre von dessen Schrift zurück. Auch mit anderen naturphilosophischen 
Lehren war Sokrates bekannt (Xen. Mem. 1, 1, 14; 4, 7, 6), obschon er sie nicht 
billigte; er las prüfend (nach Xen. Mem. 1, 6, 14; vgl. 4, 2, 1 u. 8) Schriften der 
alten Weisen (rovg ßrjauvoovg tcov n:ä}.ai aofpwv dvdgoji; ovg i^sTvoi xatiXiTtov iv 
ßiß/.ioi; yoäipavxEg, ävE/.irroiv y.oivfi avv TÖig fpi/.oig biEQyoiiai, y.ai av ti ooöJiiEV 
uyadöv, iy/.EyöuEda). Die von Platon erwähnte Zusammenkunft mit Parmenides 
kann aus chronologischen Gründen nicht für geschichtlich gehalten werden. Einen 
wesentlichen Einfluß übten auf seine philosophische Bildung auch die Sophisten, 
deren Vorträge er zuweilen hörte und mit denen er oft verhandelte, an die er 
auch nicht selten andere wies (Plat. Theaet. 151b). Platon läßt ihn sich mitunter 
(Protagoras 341a; vgl. Meno 96 d; Charmides 163d; Cratyl. 384 d; Hipp. mai. 
282 c) als einen Schüler des Prodikos bezeichnen, jedoch nicht ohne Ironie, die 
sich namentlich gegen dessen subtile Wortunterscheidungen kehrt (s. ob. S. 138). 
Ein platonisches Zeugnis über den Bildungsgang des Sokrates dürfen wir an der 
Stelle Phaedo 96a ff. im wesentlichen finden, obschon die platonische Auf- 
fassung und Darstellung des Sokrates hier wie überall — abgesehen von den 
Schriften aus Piatons Frühzeit — durch die nicht sokratische, sondern erst plato- 
nische Ideenlehre mitbedingt ist (s. Boeckh im Sommerkatalog der L^niv. Berlin 
1838, kl. Sehr. Bd. IV, femer Uebenvegs Plat. Untersuchungen, Wien 1861, 
S. 92 — 94, und die späteren, im Literaturverzeichnis zu diesem Paragraphen an- 
geführten, den Entwicklungsgang des Sokrates betreffenden Abhandlungen). Platon 
kann aber nicht wohl seinen eigenen Bildungsgang, der zudem nachweisbar ein. 



§ 33. Sokrates von Athen. 147 

anderer als der an jener Stelle geschilderte war, dem Sokrates als dessen eigenen 
beigelegt haben. 

Sokrates hat sich (nach Plat. Apol. 28 e) an drei Feldzügen beteihgt: er 
nahm teil an den Kämpfen bei Potidaia (zwischen 432 und 429, vgl. Plat. Sympos. 
219 e und Charm. init.), Delion (424, vgl. Symp. 221a, Lach. 181a) und Amphi- 
pohs (422; Diog. Laert. 2, 22). Bei Potidaia rettete er dem verwundeten Alkibiades 
Leben und Waffen. Ein glänzendes Lob seines Verhaltens in diesen Kämpfen 
ist Plat. Symp. 220 d ff. dem Alkibiades in den Mund gelegt. Abgesehen von 
diesen Feldzügen hat Sokrates Athen nie verlassen. Seinen gesetzestreuen Sinn 
bewährte er unter Demokraten und Oligarchen (Plat. Apol. 32). Das höchste Opfer 
brachte er seiner Gesetzestreue durch Verschmähung der Flucht aus dem Gefäng- 
nisse (Plat. Crito 44 ff.). Im Jahre 406 nahm er sich als Prytane der Feld- 
herren in der Angelegenheit der Seeschlacht bei den Arginusen mutvoll an. Jm 
übrigen hielt sich Sokrates von der Politik fern: er fand seinen Beruf in der 
mittelst der dialogischen Lehrweise geübten Einwirkung auf die sittliche Einsicht 
und das sittliche Verhalten der Einzelnen, überzeugt, daß diese Wirksamkeit für 
ihn selbst und für seine Mitbürger die ersprießlichste sei (Plat. Apol. 29 ff.). 
Diesem Beruf ging er in größter Uneigennützigkeit unverdrossen nach, im höchsten 
Grade bedürfnislos und einfach in seiner Lebensweise, von strengster Sitten- 
reinheit und wahrer Frömmigkeit gegen die Götter, sich selbst völlig beherrschend, 
im Umgang mit anderen stets heiter und geistreich. PlatOn nennt ihn am Ende 
des Phaidon den besten, besonnensten und gerechtesten Mann seiner Zeit, und 
Xenophon bezeichnet ihn am Schluß der Memorabiüen als den besten und glück- 
seligsten Mann. Über Sokrates' Prozeß und Hinrichtung wird in anderem Zu- 
sammenhange unten S. 161 f. zu reden sein. 

In den erhaltenen Schriften der Sokratiker erscheint Sokrates fast immer nur 
als ein schon bejahrter Mann, wie sie selbst ihn gekannt hatten. Bei der Schilderung 
desselben bildet den Grundzug die durchgängige Diskrepanz zwischen dem 
Innern und Äußern, die dem an Harmonie gewöhnten Hellenen ein äxonov 
war, die Ähnlichkeit mit den Silenen und Satyrn in der persönlichen Erscheinung, 
hinter der sich die reinste Gediegenheit eines sittlichen Charakters, die vollste 
Selbstbeherrschung in Genuß und Entbehrung und eine seltene Meisterschaft in 
philosophischer Unterredung barg (Xen. mem. 4, 4, 5; 4, 8, 11 u. ö.; Sympos. 4, 
19; 5, 5; Plat. Symp. 215. 221). 

So fraglos die grundlegende Bedeutung des Sokrates für die gesamte Philo- 
sophie der Folgezeit ist, so gehen doch die Meinungen über das Wesentliche 
seiner Persönlichkeit und seines Philosophierens sehr weit auseinander. 
Der Grund dafür liegt in der Beschaffenheit unserer Quellen. Als solche kom- 
men in der Hauptsache — sieht man von der bekannten Stelle der aristopha- 
nischen ,, Wolken" ab — Xenophons Memorabilien und dessen zu Unrecht viel- 
fach als unecht verdächtigte Apologie, das xenophon tische Symposion, die plato- 
nischen Schriften und einige aristotelische Angaben in Betracht. Nim ist die all- 
gemeine Annahme (eine abweichende Ansicht wird uns alsbald begegnen), daß 
Piaton — abgesehen von den Schriften seiner ersten „sokratischen" Periode — seine 
eigenen Lehren Sokrates in den Mund lege. Gibt Piaton in dieser Weise So- 
krates mehr als ihm geschichtlich zukommt, so erhebt sich gegen Xenophon das 
entgegengesetzte Bedenken, daß er als Mann rein praktischer Interessen dem So- 
krates als Philosophen nicht voU gerecht werde und seine Schilderung hinter 
dem geschichtlichen Sokrates zurückbleibe. Xenophon interessiert im ganzen nur 
die Anwendung sokratischer Maximen auf die Moral und Ordnung des täglichen 
Lebens. So ist es zum größten Teil eine sehr hausbackene und triviale Weisheit, 

10* 



148 § 33. Sokrates von Athen. 

die hier als sokratische Philosophie erscheint, und philosophisch Tiefergehendes 
läßt sich nur auf dem Wege ahnender Rekonstruktion aus Xenophons an der 
Oberfläche haftendem Berichte gewinnen. Man fragt sich: wie kann ein Mann 
wie der xenophontische Sokrates der Ausgangspunkt für die gesamte folgende 
Entwicklung der Philosophie gewesen sein, der der historische Sokrates nach dem 
einstimmigen Urteil der Späteren in der Tat gewesen ist, wie konnte insbesondere 
eine so tiefe philosophische Natur wie Piaton ihm eine solche Verehrung zollen 
und ihn als den Meister, dem er alles dankt, in seinen Dialogen seine eigenen 
Lehren vertreten lassen? Dieser Sachverhalt hat dazu geführt, das richtige BUd 
des historischen Sokrates von einer Kombination Xenophons und Piatons zu er- 
warten. Schleiermacher (Werke III 2, S. 297 f. = ■ Abh. d. Berl. Akad. philos. 
Kl. 1818) stellte den Satz auf, man müsse fragen: Was kann Sokrates noch ge- 
wesen sein neben dem, was Xenophon von ihm meldet, ohne jedoch den Charakter- 
zügen imd Lebensmaximen zu widersprechen, welche Xenophon bestimmt als 
sokratisch aufstellt, und was muß er gewesen sein, um dem Piaton Veranlassung 
und Recht gegeben zu haben, ihn so, wie er tut, in seinen Gesprächen aufzu- 
führen ? Dieser Kanon, dem man zur Ergänzung noch den Hinweis auf den Wert 
der aristotelischen Angaben für die Beurteilung des geschichtlichen Sokrates bei- 
fügte, hat bei vielen Beifall gefunden — so auch bei Zeller II 1*, S. 99 — , so 
unleugbar es auch ist, daß seine praktische Anwendung erheblichen Schwierig- 
keiten begegnet und dem Streite der Meinungen weiten Spielraum läßt. Neuere 
haben diesem Korapromißverfahren eine Auswahl unter den Quellen entgegen- 
gestellt, unter denen sie die eine als allein oder doch vorzugsweise maßgebend be- 
trachteten, andere als völlig unzuverlässig verwarfen, und zwar ist es bald Ari- 
stoteles, bald Xenophon, bald Piaton, der als allein sicheres Fundament für den 
Aufbau sokratischer Lehre betrachtet wurde. Wie verschieden die auf diese Weise 
gewonnenen Sokratesauffassungen sind, läßt sich zunächst an dem Beispiele 
zweier zu annähernd gleicher Zeit entstandener Werke dartun, die zu diametral 
entgegengesetzten Anschauungen von Sokrates' philosophischem Charakter ge- 
langen, ich meine die Werke von Karl Joel (s. Liter.) und Aug. Döring (s. Liter.). 
Joel glaubt beweisen zu können, daß der xenophontische Sokrates von dem ge- 
schichtlichen grimdverschieden sei. Dieses Ergebnis wird gewonnen durch die 
Herausarbeitung zweier Typen. Zunächst des Sokrates als Typus des InteUek- 
tualisten und Rationalisten. Als Intellektuahst erscheint Sokrates bei Aristoteles, 
dessen Angaben für Joel die Grundlage seiner Sokratesauffassung bilden. Er 
wird danach in Joels Auffassung nur bestimmt durch Intellekt und ratio; er ist 
durchaus Theoretiker und Dialektiker, auch seine Ethik ist lediglich intellektuell, 
sie geht nicht aus von Gefühl und WUlen. Sokrates ist darin Vertreter des atti- 
schen Geistes im Gegensatze zum spartanischen, der der Theorie gegenüber das 
Praktische, dem Intellekt gegenüber den WiUen betont. „Sokrates heißt der zur 
Methode, als logisches Gewissen erwachte attische Volksgeist" (II 1, S. 2). Zu 
diesem Urtypus des reinen Rationalisten steht der xenophontische Sokrates im 
Gegensatz. Er ist Wiliensethiker. So betont er das Prinzip der Übung. Seine 
Haupttugend ist die eyngdrsta, die nach Joel insonderheit eine WiUenstugend sein 
soll. ^EzTifif/.eia, TTovog, sgyov, die bei Xenophon besonders hervortreten, sind 
Grundbegriffe der Wülensethik. Also ist der xenophontische Sokrates nicht der 
geschichtliche. 

Hier sei gleich eingewendet, daß dieser typische Rationalist eine reine jjhilo- 
sophische Konstruktion ist, die sich gegen eine positive geschichtliche Über- 
lieferung nicht ausspielen läßt. Nichts hindert, daß Sokrates, wenn auch Ratio- 
nalist, so doch kein exklusiver Rationalist war, und daß in ihm auch die Willens- 



§ 33. Sokrates von Athen. 149 

ethik Vertretung fand. Der ausschließende Gegensatz beruht auf einer will- 
kürlichen Abstraktion, die der tatsächlichen Kompliziertheit der lebendigen ge- 
schichtlichen Persönlichkeiten nicht Rechnung trägt. Auch die Charakterisierung 
der h/xQÜisia als einer spezifischen Willenstugend ist willkürlich. Man kann die 
iyxQdreia ebensogut wie die anderen Tugenden intellektuell ableiten und moti- 
vieren. 

Das vom geschichtlichen abweichende Bild des Sokrates bei Xenophon ist 
nun nach Joel nicht dessen eigenem Geiste entsprungen. Es ist kynisch, und 
zwar antisthenisch. Hier wird nun der zweite Typus ausgestaltet, Antisthenes. 
Dieser ist nur Halbattiker. Er gibt dem sokratischen Attizismus eine dorische 
Färbung. „Er ist im Gegensatz zu dem Denker Sokrates ein Willensromantiker, 
aber doch so weit angesteckt vom sokratischen Subjektivismus, der mit dem Wissen 
nach innen weist, daß er in der eyxQäzsia auch den Willen nach innen schlägt. Diese 
syxQÜTsia ist die dorische Übersetzung der attischen Wissenstugend" (II 1 S. 10). 
Diesen Antisthenes nimmt sich Xenophon zum Führer. Wie Antisthenes durch die 
Geburt, so wurde Xenophon durch das Leben zum Halbattiker gemacht; Praxis 
und Erfahrung führten ihn zum Dorismus. Dem Nachweise, daß der xenophon- 
tische Sokrates wesentlich kynisch-antisthenische Züge zeige — einem Nachweise, 
den für gewisse Partien der Memorabilien schon Dümmler, Akad. S. 153 ff. zu 
führen versucht hatte; vgl. auch Natorp, Arch. f. Gesch. d. Philos. 3 (1890), 
S. 347 Anm. — , ist ein großer Teil des weit angelegten Joeischen Werkes ge- 
widmet. Die Menge dessen, was hier der Verfasser über Antisthenes und sein 
Verhältnis zu Sokrates zu sagen weiß, steht zu der Spärlichkeit der Überlieferung 
in einem schroffen Gegensatze. Weitaus das Meiste beruht auf einem hohen, 
schwanken Hypothesen bau, der beim leisesten Hauche der Kritik zusammenbricht. 
Antisthenes wächst sich unter der Hand Joels zu einem gewaltigen Eiesen aus, 
dessen Bedeutung und Einfluß ins Ungeheure gehen: ,,Al8 erster Prediger auf 
griechischem Boden, als erster reiner Moralist und erster Willensphilosoph, als 
Geistesbrücke zwischen Hellas und dem Orient und als ahnender Vorläufer wich- 
tigster nachantiker, ja moderner Denk- und Lebenswege erhob sich hier Anti- 
sthenes" (II 1 S. VIII). 

Gleichwohl ist Joels Werk nicht wertlos. Der Verfasser hat mit großem 
Fleiße und Scharfsinn auf dem Wege positiv-philolog-iseher Forschung mancherlei 
Ergebnisse gewonnen, die von bleibendem Werte sind. 

Ganz im Gegensatze zu Joels These ist nach Döring Xenophon derjenige 
Autor, der allein das urkundliche Material für die Lehre des Sokrates bietet und 
an den wir uns daher ausschließlich zu halten haben. Die Angaben des Aristoteles 
leitet Döring nicht aus unabhängiger Information des Philosophen über die So- 
kratik und selbständigem Eindringen in ihr Wesen her. Soweit sie nicht aus be- 
stimmten platonischen Stellen geschöpft sind, wiederholt Aristoteles nach Dörings 
Annahme nur das summarische Urteil der alten Akademie über Sokrates' histo- 
rische Bedeutung (a. a. O. S. 556). Piaton aber hat stets nur zur Feder ge- 
griffen, um eigenen Gedanken Ausdruck zu geben, niemals um bloß historisch zu 
referieren. „Es gibt von vornherein gar kein Kriterium, nach dem man bei ihm 
echt Sokratisches nachweisen könnte, sondern erst wenn das echt Sokratische auf 
anderem Wege festgestellt worden ist, wird es möglich sein, die Übereinstimmungen 
wie die Umformungen, die das Überkommene im Geiste Piatos erfahren hat, zu 
verfolgen und so vielleicht Bestätigungen für den gefundenen Lehrgehalt, zugleich 
aber auch einen Leitfaden für die Verfolgung der platonischen Geistesentwicklung 
zu gewinnen" (a. a. 0. S. 57 f.). Im Gegensatze dazu hält Döring Xenophon 
für einen Berichterstatter mit objektiv historischem Sinne, „der ihn befähigt, die 



]^qQ § 33. Sokrates von Athen. 

Lehre des Meisters unabhängig von seinen eigenen Überzeugungen als ein ge- 
schichtlich gegebenes Gebilde darzustellen" (a. a. O. S. 76). Was ihm hingegen 
fehlt, ist die philosophische Befähigung, die ihn instand setzen könnte, das histo- 
risch aufgefaßte und festgehaltene Material in seiner Tiefe und seinem syste- 
matischen Zusammenhange zu erfassen. „Er ist ein Spediteur, der uns eine 
Ware überliefert, deren wahre Beschaffenheit er selbst nur unvollständig kennt, 
die er aber ehrlich imd zuverlässig Aveiterbefördert ; seine Mitteilungen werden 
80 teilweise zu einer Art von unbeabsichtigter Geheimschrift, zu der erst der 
Schlüssel entdeckt werden muß'' (a. a. O. S. 78). 

Zu den Hindernissen, die in Xenophons mangelhaftem Können liegen, kom- 
men nach Döring noch zwei, die in seinem Wollen- den Ursprung haben. Es 
handelt sich dabei einmal um die apologetische Tendenz, die ihn den trivialen 
Gesichtspunkt hervorkehren läßt, daß das Wirken des Sokrates durchaus nütz- 
lich und heilsam gewesen sei. Ferner aber scheine es, daß Xenophon die eigent- 
liche letzte praktische Grundtendenz des sokratischen Wirkens, die auf Verbesse- 
rung des gesamten sozialen Zustandes abzielte, absichtlich nicht deutlich habe 
hervortreten lassen (a. a. O. S. 79). 

Damit ist der Weg, der nach Döring zur Rekonstruktion der sokratischen 
Philosophie einzuschlagen ist, gegeben. Zu fußen ist auf Xenophon, der allein 
das brauchbare Material gibt. Dieses Material muß aber erst bearbeitet werden. 
Es gilt, das einheitliche System, die feineren Begriffe und Gedankenzusammen- 
hänge, die Xenophon nicht erfassen konnte, herauszugestalten. Der leitende Ge- 
danke dieses Systems ist die Sozialeudämonie. Döring gewinnt ihn aus einer 
Reihe von Stellen der Memorabilien. So heißt es 1, 2, 64 von Sokrates: qyavegdg 
rjv Tcöv avvovTWV tovg novrjoäg e::nßv/iiia? kyoitag zovzoiv f^kv Tiavcov, rr}g 8e xaXXioz^g 
y.al ixeyalo:TO£:TEaräT}}g doerfjg, fj :x6/.sig zs xal oly.oi ev oly.ovai, jioozoEJioiv eJziditfisTr. 
Nach 1, 2, 48 ist der Zweck des Verkehrs mancher jungen Leute mit Sokrates 
Iva y.aXoi zs y.ayadol yevöfiEvoi y.al ol'y.co y.al olxezaig y.al oiy.si'oig y.al ffü.oig y.al nöksi 
y.al jToUzaig dvvaivzo y.a?.ojg ygijaßai. Nach 1, 1, 16 untersucht Sokrates u. a. zi 
7i6).ig, xi 3io}.iziy.6g , zi aoyj] dvdgdjjroiv , zi äo/jxög ärd gcöjrmi'. Zweck der sokra- 
tischen Lehrtätigkeit ist demnach Döring zufolge „die Erziehung zur wahren, auf 
das Gemeinwohl abzielenden Herrscherfähigkeit in Haus und Staat, also die Her- 
stellung eines normalen, das AVohl aller gewährleistenden Zustandes in beiden 
Formen der menschlichen Gemeinschaft durch Regeneration der Leitenden". So- 
krates arbeitet hin .,auf eine Reform, eine Veredlung des gesamten GeseUschafts- 
zustandes im Sinne des Wohlseins aller, einen sozialeudämonistischen Kulturfort- 
schritt, und zwar durch wahre Tüchtigkeit der Leitenden" (4, 1, 2 : olyiav zs yaXcög 
oly.eTv y.al :x6).iv xal z6 o/.ov dvdQCOJioig zs y.al zoTg dvOooinivoig Tiody/iiaaiv ev yorjadai, 
vgl. a. a. 0. S. 365). Mit den angeführten Stellen werden von Döring noch 
andere kombiniert, die zugleich den materiellen Inhalt des sozialeudämonistischen 
Ideals und die Wege zu seiner Verwirklichung näher bestimmen sollen. 

Dörings Einseitigkeit ist nicht minder verfehlt als diejenige Joels. Ein Miß- 
griff ist vor allem die Verwerfung des Aristoteles. Ohne allen Zweifel hatte 
dieser noch eine ungemein reichere Literatur über Sokrates zur Verfügung 
als Avir. Er war ferner Schüler Piatons, der mit Sokrates Jahre hindurch ver- 
kehrt hatte. Es scheint ausgeschlossen, daß er nicht bei seinem Lehrer nähere 
Kunde über das Wesentliche in Sokrates' Persönlichkeit und Wirken gesucht und 
auch wirklich gefunden haben sollte. Aber auch die Folgerungen Dörings aus den 
Memorabilien sind unhaltbar. Gewiß spielen hier Begriffe wie nöhg, doxsir usw. 
eine große Rolle. Das versteht sich aber bei einer Schrift aus dieser Zeit und 
aus der Feder Xenophons ganz von selbst. Selbst bei Piaton, obwohl seine Philo- 



§ 33. Sokrates von Athen. 151 

«ophie in gewissem Sinne weitabgewandt ist, finden Staat und Gesellschaft weit- 
gehende Berücksichtigung. Viel mehr mußte das bei Xenophon, dem Manne des 
praktischen Lebens, der Fall sein. Gerade diese Sphäre des sokratischen Ge- 
dankenkreises interessierte ihn am meisten, viel mehr als das Logisch-dialektische. 
Dazu kam die apologetische Tendenz nachzuweisen, daß Sokrates kein Jugend- 
verderber war, vor allem in dem Sinne, daß er die jungen Leute nicht zu 
schlechten Staatsbürgern und unbrauchbaren Gliedern der Gesellschaft machte. 
Daraus folgt aber nicht, daß Xenophon mit dieser Betonung des Politisch-sozialen 
das Wesentliche des sokratischen Interessenkreises erschöpfte und nur dem tieferen 
«ystematischen Zusammhange der sokratischen Gedanken nicht gerecht wurde. 
Xenophons Schwäche liegt vielmehr darin, daß bei ihm die verschiedenen Seiten 
<ier sokratischen Gedankenwelt ungleichmäßig betont werden und das Logisch-dia- 
lektische zugunsten des Ethischen verkümmert ist. Unerklärlich bleibt es ferner 
bei Dörings Auffassung, weshalb Xenophon, der ehrUche und zuverlässige Ge- 
dankenspediteur, die eigentliche letzte praktische Grundtendenz des sokratischen 
Wirkens absichtlich nicht sollte deutlich haben hervortreten lassen. 

]^ußt Joel auf Aristoteles, Döring auf Xenophon, so haben auch die plato- 
nischen Dialoge als Norm für die Kekonstruktion der sokratischen Lehre ihre 
Befürworter gefunden. John Burnet (in seiner Ausg. d. piaton. Phaidon, Ox- 
ford 1911) und A. E. Taylor (Varia Socratica, s. Lit.) identifizieren den histo- 
rischen Sokrates mit dem der platonischen Schriften, und zwar nicht nur der 
frühplatonischen, sondern auch der Dialoge der mittleren und späteren Jahre Piatons. 
Xeben den platonischen Schriften gesteheu sie nur der aristophanischen Schilde- 
rung in den „Wolken" den Wert einer selbständigen Quelle zu. Sie brechen also 
mit der sonst allgemein herrschenden Annahme, daß Piaton in den meisten 
seiner Schriften — die seiner sokratischen Frühperiode ausgenommen — Sokrates 
zum. Sjirecher seiner eigenen, der platonischen, Theoreme mache. Natürlich weicht 
das mit diesen Mitteln gezeichnete Sokratesbild von dem üblichen beträchtlich 
ab. Es genügt, nur darauf hinzuweisen, daß die Ideenlehre nach dieser Auf- 
fassung schon sokratisches und nicht erst platonisches Eigentum ist. Gerade 
hierdurch aber setzt sich die Burnet-Taylorsche Hypothese, der auch sonst erheb- 
liche Bedenken im Wege stehen (vgl. Lortzing, Berl. philol. Wochenschr. 1912, 
1309 ff.) mit der ausdrücklichen Angabe des Aristoteles, die zu bezweifeln kein 
Grund ist, in Widerspruch. 

Wieder eine andere Lösung der Quellenfrage als Grundlage einer Sokrates- 
rekonstruktion bietet H. Maiers eingehendes Werk „Sokrates", auf dessen reichen 
Inhalt hier nur hingewiesen sein möge. In Xenophons Memorabüien scheidet 
Maier zwei ihrem Quellenwert nach sehr ungleiche Teile, die Schutzschrift zu- 
gunsten des Sokrates (Mem. 1, 1 und 2), die am ehesten noch den Wert eines 
historischen Dokumentes hat und der die Apologie in dieser Hinsicht nahe steht, 
und den Rest des Werkes, der wie Maier nach dem Vorgang anderer mit Recht 
annimmt, frei erfundene Sokratesgespräche enthält, die ebenso wie das Symposion 
und der Oikonomikos hinsichtlich ihres fiktiven Charakters nicht anders auf- 
zufassen sind als die platonischen Dialogdichtungen, mit dem Unterschiede jedoch, 
daß Xenophon den geschichtlichen Sokrates, so wie er sich ihm darstellt, 
zeichnen will. 

Erkennt Maier den xenophon tischen MemorabiUen, abgesehen von ihrem An- 
fangsteile, die Zeugniskraft ab, so findet er dafür eine Quelle allerersten Ranges 
in den frühplatonischen Schriften (Apologie, KJriton, kl. Hippias, Ion, Laches, 
■Charmides, Protagoras, Euthyphron), in denen er den geschlossenen sokratischen 
Gedanken- und Interessenkreis erkennt, während mit dem Gorgias eine neue 



152 § 33. Sokrates von Athen. 

spezifisch platonische Welt beginnt; doch gehört aus diesen Schriften der plato- 
nischen Reifezeit die Sokratesdarstellung des Symposions zu den in erster Linie 
brauchbaren geschichtlichen Quellen, Daneben sind nun aber nach Maier die 
Sokratesauffassungen der Sokratiker erster Ordnung, Piaton, Antisthenes, Aristipp, 
Ellkleides und nebenbei Aischines in der Weise fruchtbar zu machen, daß man 
von diesen Auffassungen als Wirkungen auf Sokrates' Lehre als Ursache zurück- 
schließt. Dieser Rückschluß und die Ausnutzung der frühplatonischen Werke 
bieten dann die Norm für die Ermittlung des echt Sokratischen in den xenophon- 
tischen Schriften. 

Liegen in den bisher berührten Punkten Maiers Anschauungen von der 
quellenmäßigen Begründung unserer Kunde von Sokrates nicht allzuweit ab von 
der gangbaren Auffassung, so steht es anders mit seiner Beurteilung der aristote- 
lischen Notizen, denen er, hier mit Döring zusammentreffend, jeden selbständigen 
Quellenwert abspricht. Sie sind, wie er eingehend darzutun sucht, teils aus dem 
platonischen Protagoras, teils, und zwar gilt dies von der für die aristotelische 
Sokratesauffassung grundlegenden Stelle Metaph. 12, 4, 1078 b 17 ff. ( . . . . ovo 
yäo EOTiv ä rtg av a:io8oü] 2coy.oüiei öiy.uUog , rovg x Ijxaaxiy.ovg koyovg y.ul ro 
ogi^eo&ac y.adu/.ov . . .) und ihren Parallelen, aus Xen. Memor. 4, 6 1 ff. hergeleitet, 
welch letztere Stelle wieder auf Piaton zurückgeht. Diese Abhängigkeit des 
Aristoteles von Xenophon scheint mir aber durch Maier keineswegs erwiesen. Sie 
glaubhaft zu machen, wäre eine viel weitergehende Übereinstimmung zwischen 
den in Frage kommenden Stellen nötig, als die von Maier z. T. erst durch eine 
vermittelnde Interpretation Xenophons erschlossene. Wenn der genannte Gelehrte 
insbesondere S. 98 behauptet: „Daß Sokrates grundsätzlich das zi ioitv der Dinge 
(zwv öVrcöj') aufgesucht, tatsächlich sich aber auf ethische Begriffe beschränkt 
habe, das konnte Aristoteles in der Memorabilienstelle — und nirgends sonst — 
finden", so steht von einer solchen Beschränkung in der Memorabilienstelle nichts. 
Die Begriffsbestimmungen des fvoeßy)?, biy.uiog usw. werden vielmehr nur ais- 
in ihrer Zahl genügende Beispiele des sokratischen Verfahrens aufgeführt [jiävta. 
(.liv ovv f] dicogi^eio tioXv sgyov äv eh] öis^eldBiv, iv oaotg de xov xqo.-tov xT/g sjxi- 
oxsipsoyg drjlwasiv olfiai, xoaaviu ?J^u>), das hinsichtlich seiner Objekte keinerlei 
Auswahl kennt [oxoticöv ain' xoTg ovrovai xi sxaaxov sl't] xwv ovxtav ovde.^ox' shjys, 
vgl. auch Maier S. 271). Tatsächlich fallen auch das dyadöv und das xakov 
(§ 8. 9) in der hier obwaltenden Auffassung aus dem Rahmen des rein Ethischen 
heraus, und auch die Klassifizierung der Staatsverfassungen in § 12 ist vielmehr 
von dem Interesse an politischer Systematik als von ethischen Gedanken be- 
herrscht, wenn auch letztere besonders in der Charakterisierung von ßuothla und 
xvQuvvig nicht fehlen. 

Entsprechend der QueUenbewertung gestaltet sich auch die Maiersche Sokrates- 
auffassung. Hervorzuheben ist in dieser vor allem, daß Sokrates nach Maier nicht, 
wie von vielen auf Grund des Aristoteles angenommen wird, Begründer der Be- 
griffsphilosophie gewesen ist und dadurch seine Bedeutung für die weitere Ent- 
wicklung der Philosophie gewonnen hat. Er ist vielmehr wesentlich ethischer 
Protreptiker. ,,Die , Philosophie ', der Sokrates sein Leben geweiht hat, ist nicht 
Metaphysik, weder dogmatische noch skeptische, nicht Logik, nicht Ethik und 
nicht Rhetorik; sie ist überhaupt nicht Wissenschaft, am wenigsten , populäre'. 
Sie ist ein Suchen nach persönlich sittlichem Leben" (Maier a, a, O. S. 294 f.). 
Da aber derselbe Gelehrte doch das definitorische und induktive Verfahren wie 
auch die Analogieschlüsse als wesentliche Faktoren der sokratischen protreptischen 
Dialektik anerkennt, die ihr von der technischen Seite her ihr eigentümliches 
Oepräge verleihen (a. a, O, S. 374), so verringert sich damit wieder der Abstand 



§ 33. !?okrates von Athen. 153 

zwischen ihm und denen, die ihr Sokratesbild wesentlich aus Aristoteles gewinnen 
um einiges. 

Kann nach Döring und Maier Aristoteles als eine Hauptquelle für Sokrates 
nicht in Betracht kommen, so stimmt mit ihnen hierin Ad. Busse in seinem 
., Sokrates'' überein. Nach ihm bilden die Grundlage für unsere Kenntnis des 
Sokrates die platonischen Dialoge, in erster Linie die der platonischen I'rühzeit, 
aber auch die späteren insofern, als auch hier Piaton, obwohl er Sokrates seine eigenen 
Gedanken leiht, gleichwohl manche Charakterzüge seines Lehrers mit geschicht- 
licher Treue hervortreten läßt. Xenophon und Aristoteles haben nur einen sub- 
sidiären Wert, sind aber insoweit sehr wichtig, ,,als sie erstens Piatons Angaben in 
vielen Punkten ergänzen , zweitens zur Scheidung zwischen sokratischem und 
platonischem Lehrgut beitragen, drittens zum klaren Erfassen und scharfen For- 
mulieren gewisser Lehrsätze anleiten". 

Es ist im Rahmen dieser Darstellung unmöglich, die in neuerer Zeit ge- 
äußerten Anschauungen über Sokrates und seine Tätigkeit auch nur in an- 
nähernder Vollständigkeit aufzuzählen. Besondere Beachtung verdienen unter den 
neueren Sokrateszeichnungen noch die von Ed. Schwartz in dessen Charakter- 
köpfen aus der antiken Literatur und von Ed. Meyer in der Gesch. d. Altert. IV'^, 
435 ff. (Eine nach Gruppen geordnete Übersicht über die für die Sokratesdar- 
stellung entscheidende Stellung neuerer Philosophiehistoriker zu der Quellenfrage 
bietet Busse, Sokrates S. 1 Anm. 2.) Das Angeführte kann genügen, von den 
bei der Frage leitenden Gesichtspunkten und den je nach der Quellenbeurteilung 
einander oft diametral entgegengesetzten Sokratesauffassungen eine Vorstellung zu 
geben. Erwähnt sei noch, daß Eob. v. Pöhlmann, Das Sokratesproblem (Sitzungs- 
berichte der Münchener Akademie philos.-philol. und histor. Klasse 1906, Heft 1; 
abgedruckt in: Aus Altert, und Gegenw. Neue Folge, München 1911, S. 1 — 117), 
Sokrates' religiösen Konservatismus für ein ungeschichtliches Moment der Dar- 
stellung hält, die durch zwei selbst so ausgeprägt religiöse Naturen wie Piaton 
und Xenophon aufgebracht und verbreitet wurde. Wir können uns dieser Auf- 
fassung nicht anschließen. Einmal fragt man sich, wie es unter Pöhlmanns 
Voraussetzungen kommen konnte, daß religiöse Naturen wie Piaton und Xenophon 
sich so tief innerlich von Sokrates angezogen und festgehalten fühlten. Femer 
aber fehlt hier, mag man auch die große Bedeutung des üblichen antiken Heroen- 
kultus für die Fälschung geschichtlicher Bilder zugeben, doch jeder Hebel, um 
die platonisch-xenophontische Darstellung aus den Angeln zu werfen. Da Ari- 
stoteles für Sokrates' Stellung zur Theologie nichts bietet, so ließe sich, wiU man 
nicht in Aristophanes' Scherzen historisches Material suchen, der platonisch- 
xenophontischen Sokratesauffassung nur eine solche entgegenstellen, die, ohne 
auf ausdrücklicher antiker Überlieferung zu fußen, aus einem rationalistischen 
Grundzuge des sokratischen Wesens Folgerungen für sein Verhalten zum Götter- 
glauben zieht, also selbst wieder typisiert und idealisiert und zu diesem Zwecke 
gezwungen ist, positive Angaben aus apriorischen Gründen in methodisch bedenk- 
licher Weise umzudeuten, wie denn bei Pöhlmann y) yao elojdvTä uoi uavxiy.i] >; xov 
datuoviov (Plat. apol. 40a) als symbolische Ausdrucksweise auf die „geniale In- 
tuition" und den „eminenten sittlichen Takt" des Sokrates bezogen wird. 

Die folgende Darstell img wird in erster Linie die aristotelischen Angaben, 
besonders die bekannte Metaphysikstelle verwerten, die sie freilich nicht so ver- 
steht, daß Sokrates der Begründer der Philosophie des Allgemeinen gewesen 
sei und sich die Bedeutung dieses Allgemeinen in ihrer vollen Tragweite zu Be- 
wußtsein gebracht und metaphysisch- oder logisch-theoretisch darüber reflektiert 
habe, sondern nur in dem Sinne — der auch allein nach Aristoteles' Worten be- 



2, "34 § 33. Sokrates von Athen. 

rechtigt ist — , daß Sokrates als erster praktisch in seinen Gesprächen das induk- 
tive und definitorische Verfahren als unentbehrliches Hilfsmittel der Forschung 
konsequent, vor allem in ethischen Fragen, zur Anwendung brachte. Neben 
Aristoteles dienen uns die xenophontischen und platonischen Schriften — besonders 
die Schriften aus Piatons Friihzeit — soweit als Unterlage, als der Geschichtlich- 
keit ihrer Angaben im einzelnen nach Prüfung aller Umstände kein Bedenken im 
Wege steht, wobei zuzugeben ist, daß hier die Kriterien für die Scheidung des 
GeschichtUchen und Un geschichtlichen vielfach äußerst unzuverlässig und 
sehwankend sind. Auch der übrigen sokratischen Literatur erkennen wir ihren 
Wert als Ausgangspunkt für geschichtliche Rückschlüsse im Sinne Maiers zu. 

Im ganzen richtig bezeichnet Ciceros bekannter Ausspruch (Acad. post. 
1, 4, 15; Tusc. 5, 4, 10; vgl. Diog. L. 2, 21), daß Sokrates die Philosophie 
Tom Himmel auf die Erde herabgerufen, in die Städte und Häuser ein- 
geführt und genötigt habe, über das Leben, die Sitten und die Güter und 
Übel zu forschen, den Fortgang von der kosmologischen Naturphilo- 
sophie der Früheren zur anthropologischen Ethik. Sokrates besaß 
aber nicht ein fertiges System, sondern nur eine Methode, mittelst deren Systeme 
gebildet werden konnten. Was er bot, war kein Bau, sondern nur die Anweisung. 
Avie beim Bauen zu verfahren sei. Im Zusammenhange damit steht, daß er keine 
fortlaufenden Lehrvorträge hielt, wie sie sich für die Mitteilung eines fertigen 
Systems empfohlen haben würden. Für die Demonstration und Übung der 
Methode war der bessere Weg der des Wechselgesprächs mit denen, die in 
diese Methode eingeführt werden sollten. Dieses Gesprächsverfahren ist charakte- 
ristisch für die sokratische Lehrtätigkeit. Von ihm an galt der Dialog als typische 
Form philosophischer Unterweisung und fand als solche — zunächst durch 
Wiedererzählung und Nachahmung sokiatischer Gespräche — auch seine Stelle 
in der philosophischen Literatur, innerhalb deren freilich seine Herrschaft mit dem 
Zurücktreten attischer Darstellungskunst wesentlich eingeschränkt wurde. Im 
Dienst philosophischer Belehrung ist Sokrates' Kunst der Gesprächsführung eine 
geistige Hebammenkunst {fiacevTiy.rj rsxv?], Plat. Theaet. p. 184 b u. ö.). Sie bringt 
die Gedanken, mit denen der Mitunterredner schwanger geht, ans TagesHcht, 
prüft sie, weist sie zurück oder modifiziert und bessert sie und führt so der 
Wahrheit entgegen. Sokrates will nicht selbst unmittelbar belehren, sondern seine 
Mitunterredner anregen und im Verkehre mit ihnen selbst lernen. An sein ein- 
gestandenes Nichtwissen, welches doch, auf dem strengen Bewußtsein von dem 
Wesen des wahren Wissens beruhend, höher stand als das vermeintliche Wissen 
der Mitunterredner, knüpft sich die sokratische Ironie (elocovela, Selbstverkleine- 
rung), die scheinbare Anerkennung, die der überlegenen Einsicht und Weisheit 
des andern so lange gezollt wird, bis dieselbe bei der dialektischen Prüfung, 
die das behauptete Allgemeine an feststehendem Einzelnem mißt, sich in ihr Nichts 
auflöst. In dieser Weise übte Sokrates den nach seiner Überzeugung von dem 
delphischen Gotte durch den von Chairephon hervorgerufenen Orakelspruch, daß 
er der Weiseste sei, ihm auferlegten Beruf der Menschenprüfung (i^haaig, 
Plat. Apol. p. 20 e ff.), obgleich er durch diesen Spruch sicherüch nicht erst ver- 
mocht wurde, sich diesen Beruf zu wählen. Vorzugsweise lebte er der Jugend- 
bildung, führte die sich mit ihm Unterredenden zur Wahrheit und Tugend 
heran, ein wahrer Quell der Sittlichkeit, indem er den sgcog, an das sinnliche 
Element anknüpfend, zur Seelenleitung und gemeinsamen Gedankenentwick- 
lung veredelte. 

In der aristotelischen Metaphysik (12, 4, 1078 b 27 ff.) wird gesagt, Sokrates 
habe das (vom Einzelnen aus zur Begriffsbestimmung gelangende) induktive und 



§ 33. Sokrates von Athen. 155 

defini torische Verfahren aufgebracht (rov; t fTfaxnxovi; /.öyovg xai rö oQi'Qea&ai 
jcado/.oi'j. In dem Begriff, der sich nicht verändert, weder in der Zeit noch bei 
■den verschiedenen Individuen, in der Formulierung des Begriffes, der Definition, 
fand er dem zu weit gehenden Subjektivismus der Sophisten gegenüber, für den 
es nichts Allgemeingültiges gibt, das Feststehende, Bleibende. Als das For- 
schungsgebiet, auf welchem Sokrates diese Methode zur Anwendung gebracht 
habe, bezeichnet Aristoteles Metaph. 1, 6, 987 b 1 ff. das ethische: ZoixoaTovg 
Ss nsgi fisr rn rjd'ixä jigayfiazevousvoi', jrsgl 8s fi]g ö'hjg (fvosoig ovdev, sv [if.vzoi 
rovroig x6 y.adö/.ov i^rjxom'zog y.al jieqI ogto/UMV i.-rtortjaavrog ttoojtov ttjv öcävoiav. . . . 
So konnten die Fundamente zu einer Wissenschaft der Ethik gelegt werden. Die 
Fnndamentalanschauung des Sokrates war nach Aristoteles die untrenn- 
bare Einheit der theoretischen Einsicht und der praktischen Tüchtig- 
keit auf dem ethischen Gebiete: Arist. Eth. Nicora, 6, 13, 1144b 191: 
^ZoiXQarrjg) (poov^asig qjsro stvai rrdoag rag agsräg ... 29 f. koyovg rag doeräg ^)ezo 
^Ivai ' tniozr)i.iag yäo slvai :TÜaag. Diese Angaben finden sich in den Darstellungen 
des Xenophon und des Piaton durchaus bestätigt. Als Beispiel der sokratischen 
Induktion mag hier etwa Xenoph. Mem. 3, 3, 9 dienen: exsTvo fikr d/jjrov olaßa, 
■ort EV .larzl :ToäynaTi oi ärßQco:^ot rovzoig fiä'/uoza ids/Mvai JiEidsaßai, ovg uv rjyoxvzai 
ßsXziozofg sivai ' xai yaQ sv vöaoj ov av rjycövzai iazQix(ozazov sivai, zovzo) fiäXioza 
jiei&ovzai, xai er :x/.oUo oi 7i}.io%'Teg 6V av xvßsQvi]zixdizarov, xai iv ysojgyia ov av 
ysojgyixwzazov, wonach dann, wenn der allgemeine Satz induktiv gewonnen ist, 
auf einen neuen Spezialfall die Anwendung (syllogistisch) gemacht zu werden 
pflegt, so daß das Ganze einen Analogieschluß bildet: ovxovv slxog xai iv mjiixfj 
bg av iiü/.iara slduig fpaivtjzai ä 8eT noieTv, xovzco itdÄioza edi/.fiv zovg aV.ovg :rsi&Eaßat. 
Ganz gleicher Art ist in Piatons Dialog Gorgias (p. 460 b) folgender Induktions- 
schluß: o zä zexzovixa ^isua&t]x6jg zsxzovixog, ... 6 za /iioi>aixä ^lovatxog, . . . 
•6 tÖ iazgcxä lazgixög, also überhaupt 6 fieiiadrjxcog exaoza zoiovrög iozcv olov >/ 
ijziazrifiri Exaozov djisgyd^ezai, wonach dann von dem induktiv gewonnenen all- 
gemeinen Satze (syllogistisch) die Anwendung gemacht wird: ovxovv xaza zovxov 
xbv Xöyov xai 6 zd Sixaia fisf^a^rjxcog dixaiog. 

Das definitorische Verfahren bezeugt Xenoph. Memor. 1, 1, 16: avzog 8e 
jzsgl zöjv dvdgm.Tsüov dsl 8is?Jyszo, axo.iöJv, zi evosßsg, xi doeßsg' zi xaXöv, zi alojrQov 
ZI dtxaiov, ZI äöixov zi oaxpgoavvr], xi fiavia' zi dvdgsia, zi dei/Ja' zi TtöXig, zi 
Tiolizixög' zi dg/J] dvögÜTtoiv, zi dg/jxog dt'ßpcoTTOiv, xai Jisgl zcöv dXloiv, d zovg fikv 
€i86zag ■^ysTzo xa/.ovg xdyadovg elvai, zovg 8'dyvoovvzag dvögaTtodcödscg av dixaimg 
x£x/Sjo&ai. Ibid. 4, 6, 1 : oxoitwv ovv zoig avvovai , zi exaazov sir) zöiv ovzoiv, 
ovdejxcöjioz' eXrjyev. Bei Platon (Phaedr. p. 265 d e) erklärt Sokrates, die Definitionen 
und Einteilungen zu lieben; doch ist die Neigung zu Einteilungen mehr plato- 
nisch als sokratisch. 

Beide Verfahrungsweisen , Induktion und Definition, stehen in enger Be- 
ziehimg zueinander. Die Induktion büdet die Grundlage der Definition, insofern 
diese aus einer Reihe von Einzelerscheinungen abgeleitet und an weiteren Einzel- 
erscheinungen auf ihre Richtigkeit geprüft wird. Im Verkehre mit anderen 
nimmt die induktiv-definitorische Methode die Form der oben erwähnten Menschen- 
prüfung (i^haaig) an. Sokrates verlangt von seinem Mitunterredner eine Defi- 
nition, wie beispielsweise die der Tapferkeit, des Schönen usw. Er erhält in der 
Tat eine leichter Hand gegebene Begriffsbestimmung, aber diese erweist sich, 
an einem einzelnen Falle gemessen, als ungenügend und empfängt aus diesem 
Falle eine Korrektur. Die so verbesserte Definition wird wieder an einem neuen 
Falle geprüft, wieder berichtigt usw., bis sich eine stichhaltige Begriffsbestimmung 
ergibt oder das Verfahren, ohne ein befriedigendes positives Resultat erreicht zu 



256 § 33. Sokrates von Athen. 

haben, abgebrochen wird. Die Methode nimmt so durch wiederholte Zurückweisung 
fremder Aufstelhmgen die Form der Elenxis an. Schöne Beispiele bieten die 
unten zu besprechenden Dialoge Piatons aus dessen frühester („sokratischer") 
Periode, m der er sich in Inhalt und Form des Philosophierens seinem Lehrer 
eng anschloß. Auch aus Xenophon läßt sich eine Anschauung des Verfahren» 
gewinnen. Lehrreich ist z. B. Memor. 4, 2, 14 ff., wenn auch hier nicht in aller 
Form eine Definition der aöixla gesucht wird. Die Stelle ist um so interessanter, 
als hier auch a)iderswo (vgl. Aiaooi /.öyoi [Diels, Vors. c. 83], 3, 2 ff., H. Goraperz,. 
Sophistik und Rhetorik 153 f.) verwertete Fälle des praktischen Lebens zum Zwecke 
des sokratischen Definitionsverfahrens gruppiert und verwendet werden. Als ädry<a 
erscheinen da zunächst täuschen, übeltun, in die Sklaverei schleppen usw. Nun 
aber zeigt sich, daß diese Handlungen, wenn sie im Kriege den Feinden gegen- 
über vollzogen werden, nicht unter den Begriff der abiy.ia fallen. Also muß die 
Bestimmung eingeschränkt werden: nur in der Anwendung auf Freunde sind 
sie abiy.a. Aber weitere Prüfung ergibt, daß die Bestimmung auch so nicht genügt. 
Wer z. B. seinen kranken Sohn durch Täuschung dazu bringt, ein Heilmittel ein- 
zunehmen, wer dem verzweifelnden Freunde das Schwert, mit dem er Selbstmord 
begehen will, heimlich oder mit Gewalt wegnimmt, verübt keine äbiy.ia. Also sind 
jene Handlungen nur äbiy.a, wenn sie gegen Freunde mit der Absicht, 
ihnen zu schaden, vollzogen werden. 

Die ethische Fundamentalanschauung des Sokrates enthält der Satz 
Xenoph. Memor, 3, 9, 4 f.: „Weisheit {oo(fia [theoret.j) und Sitthchkeit (acoq-go- 
avvt], Mäßigimg, Zucht [prakt.J) schied er nicht, sondern fand das Kriterium 
des Weisen und Sittlichen darin, daß er das Schöne und Gute erkenne und an- 
wende und darin, daß er das Häßliche wisse und meide. Als man aber weiter 
fragte, ob er diejenigen, die wüßten, was zu tun sei, das Entgegengesetzte aber 
ausübten, für weise und selbstbeherrschend halte, sagte er: Ebensowenig wie für 
unweise und zuchtlos [denn solche Leute gibt es nicht]. Denn ich glaube, daß 
alle unter dem Möglichen wählen, was sie für das ihnen Nützlichste halten, und 
das zur Ausführung bringen. Ich glaube also, daß diejenigen, die nicht richtig 
handeln, weder weise noch sittlich sind. Er erklärte aber auch die Gerechtigkeit 
und alle sonstige Tugend für Weisheit. Denn das Gerechte und (überhaupt) 
alles, was durch Tugend vollführt wird, sei schön und gut; und weder würden 
diejenigen, die dies kennen, dafür etwas anderes wählen, noch seien die, die es 
nicht kennen, zur Ausführung imstande, sondern wenn sie es versuchten, gingen 
sie fehl.'' Insofern die Tugend mit dem Wissen ohne weiteres gegeben ist, muß sie 
lehrbar sein. Als Wissen vom richtigen Handeln kann sie ferner nur eine 
sein. Richtig ist allein das Handeln, das den wahren Nutzen des Menschen, 
d. h. dessen Glückseligkeit (evSaifiovia), bezweckt und bewirkt, und so ist die 
Tugend schließlich die Einsicht in das, was den Menschen glückselig macht. Der 
von Sokrates eingenommene Nützlichkeitsstandpunkt ist so keineswegs der einer 
platten niedere Zwecke verfolgenden UtUitätsmoral (vgl. z. B. Plat. apol. 28 b und 
Sokrates' persönüches Verhalten nach dem platonischen Kriton; s. auch Maier, 
Sokr. S. 305 ff.), so sehr auch Xenophons Bericht auf diese Anschauung führen 
könnte: der Einsichtige erkennt, daß es dem Enthaltsamen besser geht als dem 
Unmäßigen, daß der Gerechte größeren Vorteil hat als der Ungerechte, und er ver- 
steht die wirklichen Gefahren von den scheinbaren zu unterscheiden; so hat er 
zugleich die Tugenden der Enthaltsamkeit, der Gerechtigkeit und der Tapferkeit 
(Xen. ^lem. 4, 5, 9; 3, 12, 1 ff.; 4, 4, 17 u. ö.). Wie Sokrates gegenüber dem Relati- 
vismus der Sophistik den Nutzen als feste ethische Norm verwendet, zeigt u. a. 
Xen. Mem. 4, 4, 14 ff. Hippias spricht hier den Gesetzen und der Gesetzestreue jeden 



§ 33. Sokrates von Athen. 157 

Wert ab im Hinblick auf den Wechsel der Gesetze innerhalb eines und desselben 
Staates. Dem tritt Sokrates entgegen mit dem Hinweis auf den Nutzen, den die Ge- 
setzestreue dem Gemeinwesen wie den einzelnen Gehorchenden selbst gewähre. Hippias 
erkennt ferner (§ 19 ff.) als (allgemein verbindliche) ayQacpoi vofioi nur solche an, 
die in jedem Lande gleicherweise in Geltung stehen. Auf das Verbot des Ge- 
schlechtsverkehrs zwischen Eltern und Kindern trifft das nicht zu. Hier findet 
Sokrates wieder im Nützlichkeitsprinzip das Kriterium. Die Minderwertigkeit der 
Easse, die aus einem solchen Verkehre hervorgeht, macht die Enthaltung von 
demselben zum Gesetz. So wird alles, auch das Verhalten zu anderen Menschen 
und zu den Göttern, an dem Nutzen gemessen. Die rein theoretische Beschäfti- 
gung mit den Fragen des Universums verwirft Sokrates, teils weil es sich zieme, 
zunächst die näher liegenden menschlichen Dinge zu erkunden, teils weil wir über 
physikalische und kosmische Fragen keine sichere Kenntnis erlangen könnten, 
wie dies die Uneinigkeit unter den früheren Physikern zeige, teils aber auch, 
weil sie keinen Nutzen bringe (Xen. Mem. 1, 1, 11 ff., vgl. 4, 7, 2 ff.). Das Nütz- 
iichkeitsprmzip wird so von ihm auf das unzweideutigste anerkannt: das Gute 
(dya§6v) ist nicht nur mit dem Schönen (y.aXöv), sondern auch mit dem 
Zuträglichen {chqpihiAov, yo^oiixov) identisch (Xen. Memor. 4, 6, 8 und 9; 
Plat. Protag. 333 d ; 353 c ff.). So kommt es, daß niemand freiwillig und wissent- 
lich schlecht sein kann, da niemand wissentlich gegen seinen eigenen Vorteil 
handeln wird (Xen. Memor. 3, 9, 4 f. [s. oben]; Plat. Apol. 25c); wer aber das 
Rechte weiß, muß es auch tun (ethischer IntellektuaUsmus). Mit der Glückselig- 
keit sind auf das engste verbunden, wenn sie nicht vielmehr die vSubstanz derselben 
bilden, intensive, aber zugleich dauernde angenehme Gefühle. Das fj8v tritt bei 
Sokrates stark hervor, ohne daß dadurch seine Ethik einen niedrigen Charakter 
bekäme: durch äußere Güter schafft man sich nicht die dauernde Glückseligkeit, 
die nicht in der svrvyiu besteht, vielmehr sv.iQa^ia infolge bewußten Strebens ist 
nnd auf Einsicht und Übung beruht (Xen. Memor. 3, 9, 14). Die Selbsterkenntnis, die 
Erfüllung der Forderung des delphischen Apollon : yvöi&t oavtöv, ist die Bedingung 
praktischer Tüchtigkeit (Xen. Memor. 4, 2, 24). Die höchste Lust, um deren willen 
wir niederer Lüste uns standhaft enthalten sollen, liegt in dem Bewußtsein, selbst 
besser zu werden und Freunde zu haben, die im Verkehr mit uns besser werden 
(Xen. Memor. 1, 6, 9). Nichts zu bedürfen, ist göttlich; möglichst wenig zu be- 
dürfen, kommt der göttlichen Vollkommenheit am nächsten (Xen. Mem. 1, 6, 10). 
Daß dem Einsichtigen (ijiiozd/nsvog), der das Wissen besitze, die Herrschaft 
gebühre, ist der politische Grundgedanke des Sokrates (Xenoph. Memor. 3, 9, 
10; vgl. 3, 4, 6; 3, 6, 14). Der gute Herrscher muß gleichsam der Hirt der 
Beherrschten {jioifiijj' kacöv nach Homer) sein ; seine Tugend ist, diese glücklich 
zu machen (ro svdai'/iovag jtocsTv ojv är tjyrjzat, Memor. 3, 2, 4; vgl. 1, 2, 32). 
Sokratfes tadelte die Ernennung von Beamten durch Volkswahl und Los: Memor. 
1, 2, 9; 3, 9, 10. Könige und Archonten („Herrschende"), heißt es an der letzt- 
genannten Stelle, sind nicht diejenigen, welche das Szepter führen, noch auch 
die, welche durch die ersten besten Leute gewählt sind, noch auch die, welche 
durchs Los oder durch Gewalt oder Täuschung ihre Stellung erlangt haben, 
sondern diejenigen, die zu herrschen wissen. Das wird wieder durch eine Induktion 
bewiesen, die der oben S. 155 aus Xen. Mem. 3, 3, 9 mitgeteilten nahe verwandt 
ist: im Schiffe herrscht der der Schiffahrt Kundige, ein analoges Verhältnis be- 
steht in der Landwirtschaft, am Krankenbette, in der Ringschule; in der Wolle- 
spinnerei führen als Sachverständige Weiber über Männer den Befehl. — Bemerkens- 
wert ist, daß nach Xen. Mem. 4, 6, 12 die später von Piaton, Aristoteles u. a. 
vorgenommene Systematisierung der Hauptstaatsverfassungen schon 



258 § 33. Sokrates von Athen. 

in sokratischer Lehre einen Anknüpfungspunkt fand. Hervorzuheben ist dabei 
besonders die Art, wie ßuadeiu und Tvgavvig unterschieden Averden. Während 
staatsrechtlich diese beiden Staatsformen nur dadurch voneinander abwichen, 
daß die eine auf gesetzlicher Grundlage, die andere auf dem Staatsstreich beruhte, 
ging die Staatsphilosophie darauf aus, zwischen beiden einen ethischen Unter- 
schied aufzustellen. Das geschah mit Abweichungen im einzebien im ganzen in 
der Weise, daß dem Königtum der Charakter der moralisch guten, der Tyranni& 
derjenige der moralisch schlechten Monarchie aufgeprägt wurde. Die letztere ist 
Gewalt- und Willkürherrschaft. Einen Ansatz dazu zeigt die erwähnte Xeno- 
phonstelle, wenn es hier heißt: ßaoileiav 8e y.ai xvQuvviöu dg/äg fxlv ä/ncporegag 
■fiyelxo Eivai, Siacpigeiv 8s dkk^loiv Ivöjxii^e. trjv jxev yäg.ixövtcov rs rä>7' dvdgcojKov 
y.al y.azd vöfiovg r(bv Ji6?.sa>r dg/>]v ßaaiXeiav i'jysito, ri]v 8e dx6r>z oiv rs y.ai iirj 
yarcL vojxovg, d)X ojicog 6 ägycov ßovkoixo, zvgavrida. Die Übrigen Verfassungs- 
formen werden folgendermaßen gekennzeichnet: y.ai ojiov fikv iy icöv zä vö/ziiua 
E:iixeXov%'Z(io%' al ugyal y.udiozavzai, ravztjv ukv zijv Jio/.izeiav dgiozoxgaziav iröfiiCsv 
Eivai, 07Z0V ö'ix zifujfidTcoi' 7i/.ovToyoazia7', ötiov 6' iy ndvzwv Srjfioygaziav. 

Wenn es auch Sokrates unterließ, über das Universum in der Weise der 
früheren Philosophen Untersuchungen anzustellen (s. das aristotelische Zeugnis 
[Metaph. 1, 6, 987 b, 1 ff. oben S. 155], vgl. auch Xen. Meni. 1,1,11 oben S. 157), so ist 
er doch der eigentliche Begründer der Teleologie in der Betrachtung der Welt. 
Freiüch ist diese Teleologie höchst einseitig, da alles auf den Xutzen des Menschen 
berechnet sein soU. Vermittelst einer von der zweckmäßigen Tätigkeit de& 
Menschen genommenen Analogie begründet er auch die Annahme von der Ein- 
sicht und Vernunft der weltordnenden Ursache, indem er auf den Bau der Orga- 
nismen hinweist, deren Teile den Bedürfnissen des Ganzen dienen, gestützt auf 
den allgemeinen Satz : jzgsuEi /ukv za in uxpEAstW yiyvöfieva yvcofirjg s'gya sivai 
(Xen. Mem. 1, 4, 4). Dem Nachweise der auf das Wohl der Menschen abzielenden 
Zweckmäßigkeit im menschlichen Organismus und der Welteinrichtung überhaupt 
hat Xenophon im Sinne des Sokrates eingehende Erörterungen gewidmet, mit denen 
er für unsere Kenntnis der Anfangspunkt einer verbreiteten, durch die ganze weitere 
Geschichte der antiken Philosophie sich hindurchziehenden und im Christentum 
sich fortspinnenden Literatur über die götthche Vorsehung geworden ist, einer 
Literatur, deren letzter Ursprung tatsächlich allerdings wohl in einer Sokrates 
und Xenophon vorausliegenden Zeit zu suchen ist (vgl. Sh. O. Dickerman, 
De argumentis quibusdam apud Xenoph., Piaton., Aristot. obviis e struct. 
homin. et animal. petitis, Hai. Sax. 1909, Diss.). Augen und Ohren, heißt 
es Xen. Mem. 1, 4, 5 ff., ermöglichen uns die entsprechenden Sinnesemp- 
findungen ; die Wahrnehmung von Gerüchen, die Empfindung des Süßen und 
Herben und alles den Geschmack angenehm Berührenden wäre nicht möglich 
ohne Nase und Zunge. Das empfindliche Auge ist durch die Augenlider ge- 
schützt, die beim Gebrauche des Auges sich öffnen, beim Schlafe sich schließen;; 
zum Schutze gegen den Wind (und die von ihm mitgeführten Fremdkörper) 
dienen die als Sieb wirkenden Augenwimpern, während die Augenbrauen den von 
der Stirne rinnenden Schweiß abhalten. Die vorderen Zähne sind zum Zer- 
schneiden, die Backenzähne zum Zermahlen der Nahrung eingerichtet. Der Mund, 
durch den die Nahrung eingeht, befindet sich in der Nachbarschaft der (kontrollie- 
renden) Gesichts- und Geruchsorgane, die widerlich berührenden Entleerungen finden 
auf der den Sinnen möglichst abgewendeten Seite statt. Fortpflanzungstrieb, 
Elternliebe und Selbsterhaltungstrieb sind Veranstaltungen der göttlichen Vor- 
sehung. Ebendahin gehört die den Menschen im Gegensatze zu den Tieren ver- 
liehene aufrechte Haltung, die ihn befähigt, weiter vorwärts und aufwärts zu 



§ 33. Sokrates von Athen. 159' 

schauen, die kunstfertige Hand, das Sprach vermögen und die mit der voll- 
kommneren körperlichen Organisation harmonierende höhere seelische Beanlagung 
des Menschen, die Vorausverkündung der Zukunft durch die Mantik. Ähnlichen 
Erörterungen ist Mem. 4, 3, 3 ff. eine zum gleichen Ziele führende Argumentation 
aus kosmischen Einrichtungen und Verhältnissen der irdischen Natur voraus- 
geschickt: die Götter spenden uns das zum Sehen notwendige Licht, die Dunkel- 
heit der zur Ruhe geschaffenen Nacht erhellen sie durch Mond und Sterne, deren 
Leuchten der Zeiteinteilung dient. Die göttliche Fürsorge zeigt sich ferner in der 
Nahrung, die uns der Boden spendet und mit deren Erzeugung die Beschaffenheit 
der Jahreszeiten im Einklang steht, im Nutzen des Wassers und Feuers, in der 
Einrichtung der Bahn der Sonne, die nie durch aUzugroße Erdennähe oder übermäßige 
Entfernung alles ausdörrt oder zur Erstarrung bringt, in den den Anforderungen 
des menschlichen Organismus entsprechenden allmählichen Übergängen von Hitze 
zu Kälte und von Kälte zu Hitze, in der Verwendbarkeit der Haustiere zu 
Nahrung und anderem Gebrauch. 

Mit diesen teleologischen Anschauungen sind auch schon Sokrates' Beziehungen 
zur Religion berührt. Wie er sich in seinem praktischen Verhalten dem 
üblichen Kultus anschloß (Xen. Mem. 1. 1, 2; vgl. 1, 3, 1; 4, 3, 16), so setzte 
er sich auch in seinen theoretischen ' Anschauungen in keinen ausdrück- 
lichen Gegensatz zum griechischen Volksglauben. Und doch macht sich 
ein Streben bemerkbar, über diesen Glauben hinaus zu reineren, philosophisch 
haltbareren Auffassungen aufzusteigen. So entfernt sich seine Theologie 
innerlich weit mehr, als es zunächst den Anschein hat, von der volkstüm- 
lichen. Auch Sokrates redet, wenn hierin auf Xenophon Verlaß ist, gewöhnlich 
von Göttern in der Mehrzahl und meint damit die Götter der Volksreligion 
(z. B. Memor. 1, 1, 19 ; 4, 3, 3). Dabei streift er aber unwürdige Vorstellungen 
des landläufigen griechischen Polytheismus von diesen Göttern ab. Die Menge 
glaubt, so bemerkt Xen. Mem. 1, 1, 19, an ein beschränktes Wissen der Götter; 
nach Sokrates wissen sie alles, was geredet und getan und im Stillen geplant 
Avird, sie sind überall gegenwärtig und geben den Menschen Zeichen hinsichtlich 
aller menschlichen Angelegenheiten. Sie wissen am besten, was gut ist. Deshalb 
soll man sie nur bitten, das Gute zu verleihen, ohne bestimmte Wünsche nach 
Geld, Herrschermacht und dgl. zu äußern (Mem. 1, 3, 2). Wo es sich um 
Schöpfung und Weltregiment handelt, erscheint zuweilen der Gedanke an eine 
einheitliche Gottheit (Mem. 1, 4, 5. 7). Mem. 4, 3, 13 gehen Polytheismus und 
Monotheismus einen Kompromiß ein, insofern die Gottheit, „die die ganze Welt 
ordnet und zusammenhält", von den anderen Gottheiten unterschieden wird. 
Fürsorge für die Menschen und Vernimft sind die wesentlichen Eigenschaften der 
Gottheit. Xen. Mem. 1, 4, 17 erscheint sie in Analogie zu dem den Körper be- 
herrschenden menschlichen vov? als personifizierte (pQÖvrjoig ( . . . 6 aog vovg hiov 
TO oov oiöfia ojioig ßovXsxai ^ie%a%EiQit,Exai. ol'soßai ovv XQV '^"^ ''■V^ ^^ ^V ^o.vxi (pQO- 
vtjoiv xä m'tvxa oVrco? äv avx>~j -^dv f] ovxco Siaxi&eoßat). Die Analogie der mensch- 
lichen Vernunft diente zum Beweise für das Dasein einer Weltvernunft: wie der 
Mensch nach seinem körperhchen Bestände aus den in der Welt im großen vor- 
handenen Stoffen zusammengesetzt ist, so muß auch seine Vernunft ein Teil 
einer im Universum enthaltenen Vernunft sein (Xen. Mem. 1, 4, 8). Diese Form 
eines Gottesbeweises war fruchtbar: die Stoa verwendete sie, z. T. in ausdrück- 
licher, z. T. in auch ohne Zitat erkennbarer Anlehnung an die XenophonsteUe 
(Cic. de nat. deor. 2, 18; 3, 27; Sext. Emp. adv, math. 9, 87; Marc. Aur. 4, 4, 3). 
Die Analogie der menschlichen Seele diente auch zur Erklärung der Unsichtbar- 
keit der Götter. Wie die Seele sich der sinnlichen Wahrnehmung entzieht, aber 
in ihren Wirkungen sichtbar ist, so auch die Gottheit (Xen. Mem. 4, 3, 14). 



1(50 § 33. Sokrates von Athen. 

In der logisch-strengen Reflexion über moralische Fragen, in dem Suchen 
und Zweifeln, in der dialektischen Vernichtung des Scheinwissens und der Leitung 
zu echtem Wissen Hegt die eigen tümUche philosophische Bedeutung des 
Sokrates. Da aber die Reflexion ihrer Natur nach auf das Allgemeine geht, und 
das Handeln doch in jedem bestimmten Falle auf Einzelnes, so bedarf es zum 
Behuf praktischer Tüchtigkeit neben der Reflexion noch des praktischen 
Blickes oder Taktes, der auch den sittlichen Takt einschließt, ohne jedoch 
ausschließUch oder auch nur in erster Linie sittlicher Takt zu sein ; er geht vor- 
wiegend auf den zu erwartenden günstigen oder ungünstigen Erfolg. Sokrates 
erkannte die Reflexion als des Menschen eigene Aufgabe; jene unmittelbare, der 
Gründe sich nicht bewußte Überzeugung von der Angemessenheit oder L^n- 
angemessenheit gewisser Handlungen aber führte er, ohne sie psychologisch zu zer- 
gliedern, indem er sich ihrer als eines Zeichens, das ihn recht leite, bewußt war, 
mit frommem Sinne auf die Gottheit zurück. Diese göttliche Leitung ist das, 
was er als sein dai^iönor bezeichnet, wie er überhaupt den Glauben seiner 
Volksgenossen an göttliche Willensäußerungen und andere Offenbarungen keines- 
wegs venvarf (Xen. Mem. 1, 4, 15; 4, 3, 12). In der plat. Apologie (p. 31 d) sagt 
Sokrates: daß ich nicht öffentlich auftrete, geschieht darum, on noi ßsTöv n xal 
dcu^öviov yiyrsTai, und erläutert dies so, von Jugend an habe er immer eine 
Stimme vernommen, die jedoch jedesmal nur warne, nicht antreibe. Eben diese 
Stimme nennt er im Phaidros 242 b ro daifiöviöv rs y.al t6 elo&oi o7]fieTo%\ Nach 
Xen. Mem. 4, 8, 5 trat dieses baiuöviov ihm warnend entgegen, als er im voraus auf 
die Verteidigungsrede vor Gericht zu sinnen beabsichtigte (sein praktischer Takt 
sagte ihm, daß eine reine Hingabe an den Ernst des Momentes würdiger und 
zuträglicher sei als eine diese Hingabe beeinträchtigende rhetorische Vorbereitung), 
Weniger genau scheint sich Xenophon mitunter über diesen Punkt auszudrücken, 
wenn er sagt, durch das daifiöviov werde dem Sokrates angezeigt, ä xe ygl} n:oisTv 
y.al ä fu] (Mem. 4, 3, 12). Die Macht, von welcher diese innere Stimme ausgeht, 
ist 6 ■&£6g (Mem. 4, 8, 6) oder ot deoi (Mem. 4, 3. 12), dieselben Götter, welche 
auch durch die Orakel zu den Menschen reden. 

Aristophanes legt in den „Wolken" (welche in der ersten uns nicht 
mehr vorliegenden Bearbeitung 423 v. Chr. aufgeführt wurden) dem Sokrates 
außer solchen Charakterzügen und Lehren, die ihm in Wirklichkeit angehörten, 
auch anaxagor eische Lehren und sophistische Tendenzen bei. Die Möglich- 
keit dieser Mißdeutung (oder, wenn man will, dieser poetischen Lizenz) war von 
selten des Sokrates nicht nur darin begründet, daß er als Philosoph gegen 
das Volksbewußtsein überhaupt in einem gewissen Gegensatze stand, und daß die 
anaxagoreische Gotteslehre nicht ohne tiefen Einfluß auf ihn geblieben war, 
sondern auch insbesondere noch darin, daß er als ein auf das Subjekt reflek- 
tierender und dieser Reflexion das Handeln unterwerfender Philosoph mit den 
Sophisten auf dem gleichen allgemeinen Boden sich bewegte und nur im 
Besonderen durch die Richtung seines Philosophierens sich von ihnen unterschied: 
von selten des Aristophanes aber darin, daß er als nicht philosophierender 
Dichter und, soweit es ihm Ernst damit war, antisophistischer Moralist und alt- 
bürgerlich patriotischer Politiker die Bedeutung der spezifischen Differenzen 
innerhalb der Philosophie bei seiner Überzeugung von der Verkehrtheit und Ge- 
fährlichkeit aller Philosophie kaum seiner Aufmerksamkeit würdigte, geschweige 
deren Wesentlichkeit zu erkennen vermochte. Und auch wenn Aristophanes selbst 
tiefer blickte, so war für ihn doch die Rücksicht auf sein Publikum bestimmend. 
Sokrates war durch seine ganze Persönlichkeit und Lebensweise, durch sein Um- 
hergehen auf Markt und Straßen und in den Werkstätten und sein Disputieren 



§ 33. Sokrates von Athen. Kjl 

mit jedermann unter allen Vertretern der modernen Richtung der auffälligste und 
populärste, und das Publikum, dem feinere Unterscheidungen fern lagen, über- 
trug daher auf ihn alle Züge, die ihm in dem Gesamtbilde des modernen Wissens 
und Könnens entgegengetreten waren, die Naturwissenschaft so gut wie die Kunst 
•des rov tjxTCO koyov hqsittco jioieTv. 

Die Ansicht von Sokrates als Sophisten und sittengefährlichem Neuerer hegten 
auch die Ankläger, wenngleich bei ihrem Vorgehen z. T. auch mehr oder minder 
persönliche Motive im Spiele gewesen zu sein scheinen. Meletos wird im Dialog 
Euthyphron (p. 2 b) als ein junger, wenig bekannter, dem Sokrates persönlich ganz 
fernstehender Mann bezeichnet, und in der platonischen Apologie heißt es von ihm, 
er habe die Anklage eingebracht, verletzt durch den sokratischen Nachweis, daß die 
Dichter das Wesen ihrer Kunst nicht kennen : v:i£q tcöv noirjrwv ä/d6fisvo; (Apol. 
p. 23 e) ; vielleicht war er ein Sohn des Dichters Meletos, den Aristophanes in den 
„Fröschen" (v. 1302) erwähnt. Anytos, ein reicher Lederhändler, war ein einfluß- 
reicher Demagog, der unter der Herrschaft der Dreißig geflohen und an der Seite 
Thrasybuls kämpfend zurückgekehrt war. Sokrates sagt in der Apologie (a. a. O.), 
er habe an der Klage sich beteiligt v.-tsq tcöv drjfj^covgycöv xai tcöv jTolniy.öJv dy&ö- 
fterog, und im Meuon (p. 94 e) \vird angedeutet, er habe dem Sokrates die herab- 
setzenden Urteile über die athenischen Staatsmänner verübelt; nach der xeno- 
phontischen Apologie (29 f.) grollte er dem Sokrates, weil dieser seinen Sohn zu 
etwas Besserem als dem Lederhandel bestimmt glaubte und dem Vater geraten 
hatte, ihm eine höhere Bildung zuteil werden zu lassen. Lykon zürnte (Plat. 
Apol. a. a. O.) vjteq tcöv qtjtöqcov. Die Anklage lautete — freilich sind die Berichte 
darüber nicht genau — (Plat. Apol. p. 24 b; Xen. Mem. 1, 1, 1; Favorin bei 
Diog. L. 2, 40): rdde tygätpaTO xal äv&couokoyrjaazo (? dvTco/.i6oaT0 konj Menagius) 
Mi/.rjTog ]\Ish]Tov JTnßevg Stöy.Qäxei Zcocpooviaxov 'A?.C0JTsxTJdsv ddixel ^coxgaTtjg ovg /iisv 
■)] :xöXig vo/iuCsi dsov? ov vo/niCcov, etsqu de xaivä öai/itovca siarjyovfievog, ddixEi 8s 
y.ul rovg vsovg diacp^eiQcov. Tifirjfia d^dvaxog. Die stehenden Vorwürfe gegen die 
Philosophen überhaupt wurden ohne besondere, eingehende Untersuchung auch 
gegen Sokrates gekehrt (Apol. 23 d). Sokrates war unter den modernen Eeformern 
der bekannteste und einflußreichste. In ihm galt es die ganze Richtung zu treffen. 
Viel gestritten ist über die formal-juristische Berechtigung seiner Verurteilung. 
Man wird hier kaum umhin können, mit Maier, Sokr. S. 492 f., zuzugeben, daß 
trotz der von Xenophon hervorgehobenen Korrektheit, mit der Sokrates seinen 
religiös-kultischen Bürgerpflichten nachkam, der Tatbestand der Asebie insofern 
gegeben war, als die sokratischen Götter in ihrem Wesen von denen des Volks- 
glaubens innerlich verschieden waren, seine Anschauung von der Wirksamkeit 
seines Daimonion mit den herrschenden religiösen Vorstellungen nicht im Ein- 
klang stand und vor allem durch Sokrates — wie auch durch die Sophisten 
— der von altersher bestehende Zusammenhang der staatlichen, sozialen und 
sittUchen Ordnung mit der Väterreligion gelockert worden war. Da ferner 
Sokrates seine Anschauungen unter der Jugend verbreitete, so Avar damit vom 
Standpunkte des religiösen Konservatismus auch der Tatbestand der Jugend- 
verführung gegeben. Selbstverständlich ist von dieser Frage nach der Berechtigung 
des Urteils vom Standpunkte des positiven athenischen Rechtes die andere Frage 
ganz unabhängig, wie weit Sokrates durch höhere Rücksichten berechtigt war, sich 
zu dem positiven Rechte in Widerspruch zu setzen, und wie weit seine Tätigkeit, 
die der athenische Richter verurteilen mußte, aus dem Gesichtspunkte des Kultur- 
und Geistesfortschrittes gepriesen zu werden verdient (vgl. auch Maier S. 497). 
Die Anschuldigungen, welche Xenophon Mem. 1 c. 2 mit den Worten sq^i] 6 
y.axrjyoQog anführt und bekämpft, sind von Xenophon wohl zunächst aus der um 
Ueberweg, Grundriß I. 11 



162 § 33. Sokrates von Athen. 

das Jahr 393 zur Rechtfertigung der im Jahre 399 erfolgten Verurteilung des 
Sokrates von dem Rhetor Polykrates verfaßten Anklageschrift entnommen worden 
und scheinen zum Teil von diesem zuerst und nicht sämtlich bereits von den 
Memorab. 1, 1, 1 erwähnten Anklägern (oi ygmfufis7-oi) vorgebracht worden zu 
sein (wie Cobet, Novae Lectiones, Lugd. Bat. 1858, S. 662 — 682 nachweist, indem- 
er sich stützt auf die Vergleichung von Mem. 1, 2, 12 mit Isokr. Lob des Busiris 5, 
nach welcher Stelle Polykrates zuerst ausgesprochen hat, daß Alkibiades 
durch Sokrates erzogen worden sei, von Mem. 1, 2, 58 mit Schol. zu Aristid. 
vol. III, p. 480 Dind., wonach Polykrates dem Sokrates die antidemokratische 
Benutzung der Stelle Hom. IL 2, 188 ff. vorgeworfen hat, ferner auf die 
UnWahrscheinlichkeit, daß in einer durch Anytos, den Freund des Alkibiades, 
vertretenen Anklage Sokrates wegen seines Einflusses auf diesen für strafwürdig 
erklärt worden sei, und auf den das Nichtvorhandensein dieses Anklagepunktes 
voraussetzenden Charakter der von Piaton wahrscheinlich in den Grundgedanken 
treu überlieferten Verteidigungsrede des Sokrates. Vgl. auch K. Schenkl, Xenoph. 
Stud. [Wien 1875] 1 ff. A. Gercke, Einleit. z. Ausg. d. piaton. Gorgias von Sauppe- 
Gercke [BerUn 1897] S. XLIIIff.; Gomperz, Griech. Denker 11^ S. 569). Mög- 
licherweise ist der Ausdruck 6 xarir]yoooc in kollektivem Sinne zu nehmen: Meletos, 
Anytos. Lykon oder Polykrates, oder wer sonst in dieser Sache den Sokrates an- 
geschuldigt hat. Xenophon, der bei der gerichtlichen Verhandlung nicht zugegen 
war, würde dann nicht unterscheiden wollen, wem die einzelnen Punkte der An- 
klage augehören. Das Verhalten des Sokrates schildert Piaton in den wesentlichen 
Grundzügen mit historischer Treue in der Apologie, im Kriton und in den ersten 
und letzten Partien des Phaidon. Das offene, rückhaltslose Auftreten des Philosophen 
erschien den Richtern als Übermut, seine philosophische Reflexion als Verletzung der 
sittlich-religiösen Grundlagen des athenischen Staates, denen die wiederhergestellte 
Demokratie zu neuer Geltung zu verhelfen bemüht war. Der frühere Umgang 
des Sokrates mit Männern, die für volksfeindlich galten, besonders mit dem ver- 
haßten Kritias, machte mißtrauisch gegen seine Tendenzen. Dennoch erfolgte die 
Verurteilung nur mit dem Übergewicht weniger Stimmen ; Sokrates wäre nach. 
Plat. Apol. p. 36 a freigesprochen worden, wenn (bei 500 oder 501 Geschwornen) 
nur dreißig (nach anderer Lesart drei) Stimmen anders gefallen wären. Da er 
aber nach der Verurteilung sich selbst nicht durch eine Gegenschätzung schuldig 
bekennen wollte, sondern sieh als Vv^ohltäter der Stadt der Speisung im Prytaneion 
für würdig erklärte und sich zuletzt nur auf Zureden seiner Freunde zu einer 
Geldbuße von 30 Minen verstand, so wurde er (nach Diog. L. 2, 42) von einer 
um 80 Stimmen höheren Majorität zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung des 
L'rteils mußte, weil gerade Tags zuvor das heilige Festschiff nach Delos gesandt 
worden war, um .30 Tage, bis zu dessen Rückkehr, verschoben werden. Sokrates 
verschmähte die durch Kriton ihm möglich gemachte Flucht als ungesetzlich 
(vgl. den platonischen Dialog „Kriton"). Er trank, wie im platonischen ..Phaidon" 
geschildert wird, im Gefängnis, umgeben von seinen Schülern und Freunden, mit 
vollkommener Festigkeit und Seelenruhe den Giftbecher, voll der Zuversicht, daß 
der Tod, der seine Überzeugungstreue bewährte, für ihn und sein Werk das Zu- 
träglichste sei. 

Die Athener sollen bald darauf Reue über die Verurteilung empfunden 
haben. Doch scheint ein allgemeinerer Umschwimg der Ansicht zugunsten des 
Sokrates erst infolge der Wirksamkeit seiner Schüler eingetreten zu sein. Daß 
die .Ankläger teils verbannt, teils getötet worden seien, wie Spätere erzählen 
(Diodor 14, 37, 6; Plut. de invid. c. 6; Diog. L. 2, 43; 6, 9 f.), ist wohl nur eine 
Fabel, die sich jedoch an die Tatsache anzulehnen scheint, daß Anytos, vielleicht 



§ 34. Die Sokratiker überhaupt. Xenophon. Aischines. 163 

aus politischen Motiven verbannt, nicht in Athen, sondern in Herakleia am Pontos 
gestorben ist, wo noch in späteren Jahrhunderten sein Grabmal gezeigt wurde. 

t^ 34. Sokrates' Schüler. Von Sokrates' persönlichen 
Verehrern, die sich als Schriftsteller betätigten, blieben die einen 
philosophisch in allem Wesentlichen auf dem Standpunkt des 
Meisters stehen und beschränkten sich darauf, das, was in seinem 
Wesen und seiner Philosophie besonders auf sie eingewirkt hatte, 
in ihren AVerken in populärer Form zu verarbeiten. Dies gilt 
von Xenophon, Aischines u. a. Andere fühlten sich getrieben, 
die sokratische Lehre weiterzubilden. Durch das von Sokrates 
gewonnene Prinzip des Wissens und der Tugend war seinen 
Nachfolgern die Aufgabe vorgezeichnet, die philosophischen 
Doktrinen der Dialektik und Ethik zu fördern. Von seinen 
unmittelbaren Schülern, sofern dieselben philosophische Bedeutung 
haben, wenden sich nun die meisten als „einseitige Sokratiker" 
vorwiegend der einen oder anderen Seite dieser Aufgabe zu, in- 
dem namentlich die megarische oder eristische Schule des 
Eukleides und die elische des Phaidon fast nur die dialek- 
tischen Untersuchungen, die kynische Schule des Anti- 
sthenes und die hedonische oder kyrenaische des Ari- 
stippos dagegen vorwiegend die ethischen Aufgaben in ver- 
schiedenem Sinne behandeln, und zwar mit Anknüpfung an 
bestimmte einzelne Richtungen der vorsokratischen Philosophie. 
Die verschiedenen Seiten des sokratischen Geistes aber und zu- 
gleich die sämthchen berechtigten Elemente der früheren Stand- 
punkte hat Piaton fortgebildet und zu der Einheit eines um- 
fassenden Systems zusammengefaßt. 

Abgesehen von diesen unmittelbaren Nachfolgern des Sokrates 
ist aber die Sokratik von größtem Einfluß auch auf die weitere 
Entwicklung der griechischen Philosophie gewesen: die 
ganze begriffliche Philosophie, wie sie namentlich von Aristoteles 
ausgebildet worden ist, ebenso die Richtung auf das Praktische, 
die sich in erster Linie bei den Stoikern und Epikureern zeigte, 
ferner die starke Betonung des Teleologischen bei Aristoteles 
und den Stoikern knüpfen an Sokrates an, wenn sich auch vor 
ihm schon Anfänge dazu zeigten. Auch die Neuplatoniker sind, 
insofern sie sich als Platoniker geben, mittelbar von Sokrates 
abhängig. Man konnte um so eher diesen zum Ausgangspunkt 
nehmen und die ihm zugeschriebenen Ansichten nicht nur in 
den loyoL ItoY.Qari/.oi weiter führen und verschiedentlich aus- 
bilden, als schrifthche Aufzeichnungen von ihm nicht vorhanden 

11* 



Iß4 § 34. Die Sokratiker überhaupt. Xenophon. Aischines. 

waren. Sokrates und die Sokratik wirken bis auf die Gegen- 
wart noch fort: er ist der einzige unter den Hellenen, der 
mit dem Stifter des Christentums wegen gar mancher Ver- 
gleichungspunkte bis auf die neueste Zeit öfter zusammengestellt 
worden ist. 

Sokratiker im allgemeinen: Die erhaltenen Briefe von Sokrates und 
Sokratikern sind Fälschung. Ausgaben veranstalteten J. C. Orelli in: Coli, 
epistol. Graec, Lpz. 1815, und Hercher in: Epistolographi Gr.. Par. 1873. 

Xenophon: Antike Viten: Diog. Laert. ?, 48 — 59 (über die Quellen 
Wilamowitz. Antig. v. Kar. S. 330 ff.). Suidas s. v. Esvocpojv. Chronologie: 
Jacoby, Apollodors Chronik S. 302 ff. Schriften: Aus dem xenophontischen 
Schriftenkorpus gehören hierher: 'Ajio/tivtj/iiorsv/nara Swxgaxovg (die „Memorabilien"), 
'A:TO/.oyia ScoxQazov? iiQog zovg dixaaxäg, Olxovofxixöi;, ^v/ijroaiov, Kvqov Jtaideia, 
'Ieqcov. Auch der KvnjyEzixög rückt seinen Gegenstand, die Jagd, unter ethische 
Gesichtspunkte. (Die Briefe sind gefälscht.) Hinsichtlich der Frage der Textüber- 
lieferung, die für die einzelnen Schriften eine verschiedene ist, muß auf die 
Einleitungen der Ausgaben verwiesen werden. Ausgaben der gesamten Werke 
Xenophons veranstalteten u. a. J. G. Schneider (Leipzig 1790 ff.), A. Bornemann, 
R. Kuehner und L. Breitenbach (Gotha 1828 ff.), L. Dindorf, G. Sauppe (Leipzig 
1867-1870), K. Schenkl (Berlin 1869-1876), E. C. Marchant (Oxford 1900 ff., 
mit kurzem kritischem Apparat). Für die außerordentlich zahlreichen Spezial- 
ausgaben der einzelnen hier in Betracht kommenden Schriften sei auf die Dar- 
stellungen der griechischen Literaturgeschichte, die Jahresberichte und sonstigen 
bibliographischen Hilfsmittel verwiesen. Erwähnt seien hier: Xen. opusc. pol it. 
equestr. et venat. rec. G. Pierleoni. X. comraentarii (die „Memorabilien'') reo. 
W. Gilbert, Leipzig (Teubnersche Sammlung). X. Memorabilien, erkl. v. Breiten- 
bach, 6. Auflage von Mücke. Berlin 1889. Für den Schulgebr. erklärt von 
Raph. Kühner, 6. Aufl. von Eud. Kühner, Leipzig 1902, The Memorabiha of 
X., book I, edit. by G. M. Edwards, Cambridge 1903. The Memorabilia ed. 
by B. J. Hayes, "London 1903. Indices zu den Memorabilien verfaßten 
Crusius und Koch, 4. Aufl. von Güthling; ferner Ch. M. Gloth and M. Fr. 
Kellogg, New York 1900, letzterer Index durch große Genauigkeit ausgezeichnet. 

— Xenophontis quae fertur Apologia Socratis rec. L. Tretter, Graz 1903, Fr. 
(hier S. XIV Verzeichnis der früheren Ausgaben [dazu kommt die von Sauppe, 
Leipzig 1886]; am Schlüsse vollständiger Wortindex). Rec. Lundström. Con 
note italiane per cura di S. Pellini. — Oeconomicus rec. L. Breitenbach, Leipz. 
(Teubnersche Sammlung). The Oecon. of Xenophon with introduction summaries, 
critical and explanatory notes and füll Indexes by, Hubert Ashton Holden 5 ed. 
Lond. 1895 (hier S. XXIV ff. frühere Ausgaben, Übersetzungen und sonstige den 
Oikonomikos betreffende Literatur). Avec introduction et notes par Petitmangin, 
Paris 1906. Chapters 1—10 ed. by J. Thompson and B. J. Hayes. — Institutio 
Cyri (Kyrupädie) rec. A. Hag, Leipz. (Teubnersche Sammlung). Mit Anmerk. 
V." L. Breitenbach (1. Heft in 4. Aufl. von B. Büchsenschütz), Leipzig (Teubner). 
Von K. F. Hertlein (1. Bd. in 4. Aufl. von W. Nitsche 1886, 2. Bd. 3. Aufl. 
1876). Berlin. Rec. Guil. Gemoll, edit. maior und minor, Leipzig (Teubner) 1912. 

— Symposion u. Hieron mit dem Oikon. u. a. in Xenoph. scripta minora 
rec. iL. Dindorf, Leipzig (Teubnersche Sammlung). Xenoph. scripta minora 
fasc. I Oecon., Conviv., Hier., Agesil.. Apol. Socr. conlin. post. Lud. Dindorf ed. 
Th. Thalheira, Lipsiae 1910; fasc. II opusc. polit. equestr. venat. contin. post 
Lud. Dindorf ed. Franc. Ruehl, Lipsiae 1912 (Teubner). — Papyrus Über- 
lieferung: Archiv f. Papyruskunde 1, 473—475 (Fragm. aus den Memora- 
bilien, d. Kyrupädie, dem Oikonomikos). Griech. Papyri im Mus. z. Gießen, 
herausg. v. E. Kornemann u. M. Mever. E. Kornemann, Eine neue Xenoph.- 
Handschr. auf Papyrus, Philol. 67 (1908), 321-324 (Fragm. aus Symp. 8, 15—18). 
M. Croiset, Journ. des sav. 1910. 320 ff. (zu d. Bruchst. v. Oxyrhynch. part. VII 
[1910] aus d. Kyrupädie 1, 6, 27—29). - Neuere Übersetzungen: Memorab., 
von O. Kiefer "(Jena 1906), Gastmahl, von Benno von Hagen (Jena 1911), 
Kvrupädie, von Curt Wovte (Leipzig, Reclam). 

Aischines: Antike Vita; Diog. Laert. 2. 60—64. Vgl. Suidas s. v. 
Atoyjvrjg. Weitere Zeugnisse bei Krauß und Dittmar in den gleich anzuführen- 



I 



§ 34. Die Sokratiker überhaupt. Xcnophon. Aischines. Iß5 

den Werken. Schriften (s. unten): Fragmente bei Hermann, De Aeschinis 
Socratici rehquiis, Göttingen 1850. Aesch. Socratici reliquiae ed. et commentario 
instr. Heinr. Krauß, Lips. 1911. Heinr. Dittmar, Aischines von Sphettos, Stud. 
z. Literaturgesch. d. Sokratiker; Untersuchungen u. Fragmente, Berlin 1912 
(Philol. Unters., Heft XXI). Eine Rede gegen Aischines verfaßte Lysias (Dittmar 
a. a. O. S. 256 ff.; vgl. auch Blaß, Attische Bereds. I«, S. 630). 

„Simon der Schuster:" Antike Vita: Diog. Laert. 2, 122 f. Schriften 
(s. unten) nicht erhalten. 

Andere Sokratiker: Verzeichnis mit Angabe der antiken Quellenstellen 
bei Zeller. Phil. d. Gr. II, 1* S. 233 Anm. 1. 

Xeiiophon. Wenn Diog. Laert. 2, 55, wie es wahrscheinlich ist, auf Apollodor 
zurückgeht, so setzte dieser Xenophons axfi?} Ol. 94, 4, 401/0 vor Chr., d. h. ins Jahr 
des Kyroszuges. Danach müßte X. 440/39 geboren sein. Aber in der Anabasis 
erscheint er als jüngerer Mann. Mau darf, durch ein anderes antikes Zeugnis 
(Athen. 5 p. 216 d) unterstützt, ihn mit Piaton ungefähr gleichaltrig ansetzen. 
Seine Lebensdauer wurde bald auf 80, bald auf 90 Jahre angegeben. Sein Leben, 
auf dessen Verlauf im einzelnen hier nicht eingegangen werden kann, zeigt uns 
mehr den Mann der Praxis, den Offizier und Landwirt, als den spekulativen 
Philosophen, und damit stimmt auch seine Auffassung der sokratischen Lehre, 
an der ihn vor allem ihr für das Leben verwertbarer moralischer Gehalt interessiert 
(s. 0. S. 147 ff.). Verrät er hierin Verwandtschaft mit dem Kynismus, so wäre es doch 
viel zu weit gegangen (mit Joel, D. echte u. d. xenoph. S., s. zunächst B. II 
Vorrede S. VII), nicht nur die Memorabilien, sondern auch die anderen den 
Sokrates behandelnden Schriften, auch vor allem die Kyrupädie, den Hieron 
u. a. als durchaus kynisierende Werke zu betrachten. Wie X. als Kriegsmann und 
Politiker sokratische Gedanken zur Ausgestaltung seiner Ideale verwertet, zeigt 
die Kyrupädie. Diese ist ein philosophischer Staatsroman, der den sokratischen 
Satz, daß der Einsichtige als der Tüchtige zur Herrschaft berufen und allein 
wahrhaft befähigt sei (s. o. S. 157), in der Weise veranschauUcht, daß ein solcher 
Herrscher einem nur durch äußere Umstände auf den Thron gelangten Fürsten 
gewöhnhchen Schlages gegenübergestellt und seine durch Tüchtigkeit errungenen 
kriegerischen Erfolge und seine musterhafte Regierung im Frieden geschildert 
werden. Zum Vertreter dieses Fürstenideals wählte X. den älteren Kyros, der sich 
als Beherrscher des fernen und durch seine großen Verhältnisse für die Griechen 
imposanten persischen Reiches zu romantischer Behandlung besonders eignete und 
vielleicht schon vor Xenophon durch Antisthenes in dessen Kvgoc zum Idealtypus im 
sokratisch-kynischen Sinne umgeschaffen worden war. Mit ihm floß der von X. 
hochverehrte spartanische König Agesilaos in eins zusammen. Xenophon fordert im 
sokratischen Sinne von dem Herrscher das Zweifache, daß er selbst besser sei 
als die ihm Untergebenen, und daß er dafür Sorge trage, daß diese so tüchtig 
wie möglich werden. Der rechte Herrscher ist der Vater und Hirt seines Volkes; er 
macht seine Untertanen glückhch und findet freiwilligen Gehorsam. Wenn in dieser 
Weise beim Herrscher das Kriterium aus dem Äußeren in den Charakter verlegt 
wird, so findet eine ähnliche Verinnerlichung auch in den Anforderungen an die 
Beherrschten statt. Ihr richtiges Verhalten soll nicht durch gebietende und ver- 
bietende Gesetze, sondern durch die Ausbildung eines sittlichen Charakters herbei- 
geführt werden, der sie auch ohne allen äußeren Zwang auf der richtigen Bahn 
erhält (vgl. Kyrup. 1, 2, 2 f.). Wir begegnen hier dem freilich noch nicht in feste 
begriffliche Form gebrachten Gegensatz von Moralität und Legalität. Auf den 
ersten Blick höchst auffallend ist 7, 5, 37 ff. die Erzählung von der Weise, wie 
sich Kyros in dem unterworfenen Lande einrichtet. Die Prinzipien, die ihn 
hierbei leiten, scheinen zu dem sokratischen Herrscherideale schlecht zu passen. 



2(5(3 § 34. Die Sokratiker überhaupt. Xenophon. Aischines. 

Statt der Menschenliebe und Sorge für das allgemeine Beste heiTscht die kluge 
Staatsraison, deren Ziel nur die Aufreehterhaltung der Herrschaft ist und die sich 
hierzu aller irgend zweckdienlichen Mittel, der Gewalt, der Täuschung, insbesondere 
der künstlichen Erzeugung eines den Herrscher umgebenden Nimbus bedient. 
Kvros zeigt sieh selten, und die äußeren Umstände seines Auftretens müssen 
dazu dienen, ihn möglichst imix)sant erscheinen zu lassen. IVIit kluger Berechnung 
wird die Schuld au der Schwerzugänglichkeit des Fürsten seinen freunden zu- 
geschoben und damit der Unpopularität des Königs vorgebeugt (7, 5, 37: fdo^sv 
avTM Tovro [die des Königs würdige Lebenseinrichtung | avv zfj xöiv (/i'/.oiv yvcöfu] 
Tioifjoai, log Sri i'jy.iaTa fjTiffßöro): OTräriö; tf y.al aeuvog qpareit]). Be- 
sonders charakteristisch ist die 8, 3, 1 ff. beschriebene erste Ausfahrt des Königs. 
Hier soll alles, von der Kleidung des Herrschers und seiner Umgebung bis zur 
Ausstattung der Festwagen, der Schmückung der Eosse und dem Größen- 
verhältnis zwischen dem Fürsten und dem neben ihm stehenden Wagenlenker, den 
Glanz der königlichen Erscheinung und damit wieder die Sicheruug seiner Macht 
fördern (8, 3, 1: avzfjg zfjg i^s/.dasojg i) oeuvÖTjjg 7]/iiir öoy.Ei fiia zöjr zsyröjv sivai 
zwr jiisutj/m'tjfierojy zip' doyjjv ili)) svyaza(fgört]zor elvui; Vgl. auch 8, 1, 40: ov 
Tovzqj fiövoi ivd/niCe yofjvai zovg äoyovrag zcöv doyofiivon' öiacpfoeiv, zw ßs/.ziorag 
avzön' Eivai, d}.).d y.ai y.azayorjz Eveiv wEzo yoiivai avzovg). Bei der anbetenden 
Verehrung, die alle dem König bei seiner Fahrt erweisen, wird die Möglichkeit 
ins Auge gefaßt, daß einige angestellt sind, den übrigen darin voranzugehen 
(8, 3, 14). Dieselbe berechnende Staatsklugheit zeigt sich auch in anderen Maßregeln. 
So wird z. B. Chrysantas belohnt, weil er den Verbündeten günstige Angaben über 
die Person des Königs macht, die dieser selbst zu machen sich geniert (8, 4, 11). 
Manche Veranstaltungen erinnern in ihrem Wesen und ihrer Begründung an die 
von Aristoteles Polit. 8, 11. 1313 a 37 ff. auf Periandros von Korinth und das 
Perserregiment (auf dieses vielleicht eben in Berücksichtigung von Xenophons 
Kyrupädie) zurückgeführten aoqiaftaza zvoawixä und die von Machiavelli, 
jedenfalls z. T. im Anschluß an antike Vorbilder, empfohlenen Regierungsmaximen. 
So hält sich K^TOs eine Leibwache aus Eunuchen und neben dieser eine per- 
sische Schutztruppe. Die AVahl beider wird mit Sicherheitsgründen eingehend 
motiviert (7, 5, 58 — 68). Babylon erhält eine besondere Besatzung. Die Bürger 
müssen sie besolden, um dadurch möglichst in Armut und infolgedessen um so 
leichter im Gehorsam erhalten werden zu können (7, 5, 69). Während es für die 
Perser bei der alten Erziehung zur Tapferkeit bleibt, werden die neu L'nterworfenen 
von Waffenbesitz und Waffenübung ausgeschlossen (7, 5, 70. 79; 8, 1, 43). Kampf- 
spiele werden veranstaltet und Preise ausgesetzt, um dem Fürsten das Lob ein- 
zutragen, daß ihm die Pflege der Tapferkeit am Herzen liege, auf der andern 
Seite aber die Wettkämpfenden untereinander und mit den Kampfrichtern in 
Eifersucht und Hader zu versetzen, so daß sie mehr zu dem Könige halten als 
zueinander (S. 2, 26 ff.: vgl. 8, 1. 48). 

Dieser anscheinende Abfall vom sokratischen Herrscherideal hat neuere Be- 
urteiler zu herbem Tadel veranlaßt. Man hat dabei die schriftstellerische Absicht 
verkannt, die Xenophon in diesem Teile seines Werkes leitete. Es galt zunächst 
Akkommodation an die Verhältnisse des Orients, wie sie tatsächlich bestanden, in 
der Vorstellung des griechischen Volkes lebten und dem Verfasser selbst in seinen 
asiatischen Kriegsjahren nahegetreten waren. Hat sich auch Xenophon in seiner 
Kyrupädie ohne Bedenken tiefgreifende Abweichungen vom Geschichtlichen er- 
laubt, so blieb doch die Frage, ob nicht doch das aus der Geschichte gewonnene 
landläufige Bild des orientalischen Herrschers für seine Darstellung ebenfalls 
verwendbar sei. Da bot sich von selbst die Unterscheidung des Verhältnisses 



§ 34. Die Sokratiker überhaupt. Xenophon. Aischines. IßJ 

zwischen Kyros und seinen Persern und desjenigen, das zwischen ihm und den 
im Kriege unterworfenen Völkern bestand. Das Regiment über die Perser wurde 
idealisiert, die Herrschaft über die Unterworfenen gab (Jelegenheit, das geschicht- 
liche Kolorit des Orients zu wahren. Diesen Unterworfenen gegenüber ist die 
Herrschaft nur eine Fortsetzung des Kriegs mit seinen Gewaltsamkeiten und 
Listen, und so konnte der Kriegsraanu hier mit Behagen ein Regiment ausmalen, 
dem er auf seinen östlichen Kriegsfahrten begegnet war und als aqyixoc, a.vi]Q 
sein Interesse zugewandt hatte. So kreuzt sich in der Kyrupädie der Idealismus 
des Philosophen mit dem Realismus des Beobachters und Mannes der Praxis. 
Zudem übersehen die Tadler, daß es sich bei einem guten Teile der gerügten 
Maßregeln, namentlich denen, die sich auf die aeiivozjjg des Herrschers beziehen, 
um Maximen handelt, die die Staatsklugheit aller Zeiten befolgt und befolgen 
muß. Einen Vorwurf kann man Xenophon höchstens daraus machen, daß er die 
prinzipielle Unterscheidung zwischen Perser- und Unterworfenenreginient nicht 
überall konsequent durchgeführt und Widersprüche nicht vermieden hat. Be- 
sonders lehrreich ist in dieser Beziehung eine Vergleichung von 8, 3, 4 mit 
S, 3. 13. 

Die wichtigste unter Xenophons philosophischen Schriften sind die Memora- 
bilien. Sie befassen sich in apologetischer Absicht (zunächst gegen die Anklagerede 
des Sophisten Polykrates, s. o. S. 162) mit Leben und Lehre des Sokrates, mit 
letzterer fast durchweg in der Weise, daß Unterredungen zwischen ihm und anderen 
mitgeteilt werden. Über die Bedeutung der Schrift als QueUe für Sokrates s. o. S. 147 ff. 
Ergänzungen der Memorabilien bilden die Apologie (A:rol. Zioy.Quxovg ngog tovg 
Sixaoräg) und der Oikonomikos, welch letzterer ähnlich wie die Kyrupädie 
•ein dem Verfasser besonders naheliegendes Gebiet, diesmal die Hauswirtschaft und 
Guts Verwaltung, unter den Gesichtswinkel sokratischer Denkweise rückt, mit dem 
L'nterschiede jedoch, daß es ihm im Oikonomikos nicht gelingt, einen spezifisch 
sokratischen Gedanken zum Leitmotiv der ganzen Darstellung zu machen. „So- 
krates beim Weine" könnte man die anmutige Szene des Symposions betiteln. 
Während in den letztgenannten vier Schriften Sokrates persönlich das Wort führt, 
ist ihm im Hieron keine Rolle übertragen. Aber die hier mit ethisch-psycho- 
logischer Argumentation behandelten Themen, die Vorzüge des Privatlebens vor 
dem des Tyrannen und die Mittel als Tyrann doch glücklich zu leben und segens- 
reich zu wirken, berechtigen dazu, dieses Gespräch mit den Sokratesschriften und 
der Kyrujjädie zu einer philosophischen Gruppe zu vereinigen. In der Erörterung 
der unglücklichen Lage des Tyrannen sowohl wie in der Behandlung der Be- 
dingungen einer glücklichen und heilbringenden Fürstenherrschaft ist die Schrift 
die Vorläuferin zahlreicher populärphilosophischer Abhandlungen späterer Ver- 
fasser. Ihre Spitze liegt in dem dem Tyrannen erteilten Rate, der Tyrannen- 
lerrschaft dadurch ihre Gefahren zu nehmen, daß er sie zu einer auf das Wohl 
der gesamten Bürgerschaft abzielenden Herrschaft umgestaltet und sich so die 
Liebe der Untergebenen sichert. Zu diesem Prinzip vgl. Arist. Polit. 5, 11, 1314 a 34: 
.... rr/g ivourvcdog ocorrjgia jtoisiv uvxrjv ßaoiXixcoxEoav. Die Staatsraison fehlt 
^uch hier nicht ganz. So wird 9, 3 der auch in späteren politischen Traktaten 
nicht selten vorkommende Grundsatz ausgesprochen, Strafen seien durch andere zu 
vollziehen, Belohnungen hingegen vom Fürsten selbst zu spenden, um so das 
Odium zu vermeiden und Sympathie zu gewinnen (vgl. auch Kyrup. 8, 1, 18). 

Aischines. Die sieben für echt gehaltenen Dialoge des Aischines, die 
einen rein sokratischen Charakter an sich trugen (rö ^ojy.QaxLKov i']}%g djiofie- 
payuevoi), waren betitelt (nach Diog. L. 2, 61): Mütiades, Kallias, Axiochos, 
Aspasia, Alkibiades, Telauges, Rhinon. Suidas rechnet auch den gewöhnlich. 



2ßg § 34. Die Sokratiker überhaupt. Xeriophon. Aischines. 

Piaton zugeschriebenen Eryxias zu den aischineischen Dialogen (vgl. dazu Dittmar 
8. 198, 47). Über einige zwischen Phaidon und Aischines strittige Dialoge s. § 3ö. 
Ganz unsicher ist. ob der Sokratiker bei Aristophanes (Wesp. 325 f. u. ö.) gemeint 
ist mit dem Aia/inj^ 6 l'e/./.ov, so genannt als großprahlerischer Bettler. Diesen 
Dialogen des Aischines wurde (von dem Rhetor Aristeides or. 45 p. 35 Cant, 
u. a.) eine besondere Treue in der Darstellung des sokratischen ^i9oc nachgerühmt, 
so daß die Sage entstand, er habe mehrere von Sokrates selbst verfaßte Dialoge 
für die seinigen ausgegeben, was ihm durch Xanthippe ermöglicht worden sein 
sollte (Diog. L. 2, 60). An scharfen Ausfällen fehlte es in diesen Dialogen nicht. 
Zunächst an sie knüpft Athen. 5 p. 220 a die Bemerkung, die meisten Philosophen 
pflegten bösere Zungen zu haben als die Komödiendichter. So verspottete er in 
seinem Kallias den Prodikos und Anaxagoras und machte gegen sie, gerade wie es 
von Polykrates gegen Sokrates geschehen war, die Geringwertigkeit ihrer Schüler 
geltend. Bezeichnend ist, daß dabei Prodikos und Anaxagoras unter der Be- 
zeichnung „Sophisten" zusammengefaßt werden. Anaxagoras" Weisheit steht eben 
für den Sokratiker auf derselben Stufe, wie die der sophistischen Weisheitslehrer 
(vgl. auch Dittmar S. 190). 

Politiker, Avie Kritias und AI kibiades, suchten durch den Verkehr 
mit Sokrates ihren Blick zu erweitern und an dialektischer Ausbildung zu 
gewinnen, ohne sich dauernd seiner sittlichen Einwirkung zu unterwerfen. 
Auch der Eedner Isokratcs (436—338) sollte in seiner Jugend dem 
sokratischen Kreise angehört haben (dagegen mit Recht H. Gomperz, Wiener 
Studien 28 [1906], 26). In der Redekxmst war er ein Schüler des Gorgias 
und des Prodikos. Von der Philosophie glaubte er nicht den Vorteil gehabt 
zu haben, den man der Beschäftigung mit ihr nachrühmte (de soph. 11). Er 
behauptet, daß alle seine Reden auf Tugend und Gerechtigkeit abzwecken (Antid. 
67), setzt aber das Motiv der Gerechtigkeit in den davon seitens der Götter und 
Menschen zu erwai'tenden Lohn und bekämpft ausdrücklich (Panath. 117 f.), wie 
es scheint, die platonische Lehre, daß unrecht tun ein größeres Übel sei, als 
unrecht leiden. Ob im übrigen, wie es mehrfach geschah, eine durch da* 
Leben der beiden Männer sich hindurchziehende gegenseitige Feindschaft an- 
zunehmen ist, unterliegt starkem Zweifel (s. Heinr. Gomperz, Wiener Studien 28 
[1906], 27 ff.). Xaeh dem Vorgange des Gorgias mahnte Isokrates die Griechen 
zum gemeinsamen Kampfe gegen die Barbaren, da ihnen die Herrschaft gebühre. 
— Wenige aus der großen Zahl der Genossen des Sokrates haben sich die Ent- 
wicklung seiner philosophischen Gedanken zur Lebensaufgabe gesetzt. 

Als Anhänger des Sokrates wird auch genannt ein Schuster Simon, dessen 
Werkstätte Sokrates öfter besucht habe; derselbe soll dann die bei solchen Ge- 
legenheiten gehaltenen Gespräche des Sokrates nach Möglichkeit aufgezeichnet 
haben und der erste gewesen sein, der Sts/J/dt] toic köyof-g roig Scoy.qanxov^. Die 
ihm zugeschriebenen 33 kleinen Dialoge füllten ein Buch und wurden 8iä'/.oyoi 
axvziy.oi (Schusterdialoge) genannt, Diog. L. 2, 122 f. Die ganze Gestalt dieses 
Simon ist aller Wahrscheinlichkeit nach erdichtet (vgl. Zeller, Ph. d. Gr. II, 
1«, 243, 6. auch Heitz, K. O. Müllers Gesch. d. griech. Lit. II, 2, 25). Jedenfalls 
sind die Versuche ihm noch vorhandene Schriften zuzuweisen nicht geglückt. 
So hat Boeckh in einigen kleinen pseudo-platonischen Dialogen Machwerke Simons 
zu erkennen geglaubt, und TeichmüUer in den ob. S. 139. 140 f. erwähnten \iaaol 
'/.öyoi {Aia?J^£ig), deren Inhalt Ähnlichkeit zeige mit dem einiger von Diogenes dem 
Simon zugeschriebenen Dialoge, wobei er freilich genötigt ist, aus den einzig 
überUeferten Titeln der Schusterdialoge auf deren Inhalt ungerechtfertigte 
Schlüsse zu ziehen. Der TeichraüUerschen Hypothese steht ferner die dorische 



§ 35. Die megarische Schule. 169 

Mundart der Aiaaoi köyoi entgegen, für die Teichmüller nur eine völlig in der 
Luft schwebende Erklärung zu bieten vermag. Endlich enthalten die Aiaanl 
loyoi eine fortlaufende Darstellung, während die Schriften des Simon ausdrück- 
lich als Dialoge bezeichnet werden. 

Die einseitigen Sokratiker. 

Vorbemerkung. Der Ausdruck „einseitige Sokratiker" ist nicht so 
zu verstehen, als hätten diese Männer gewisse Seiten des sokratischcn Philo- 
sophierens nur reproduziert; sie sind vielmehr, jeder auf einem bestimmten 
Gebiete und in einer bestimmten Richtung, als Fortbildner anzuer- 
kennen, und auch ihre Wiederaufnahme früherer Philosopheme ist vielmehr eine 
aneignende Umbildung derselben als eine bloße Kombination mit sokratischcn 
Lehren. In dem gleichen Verhältnis steht Piaton zu dem Ganzen der 
sokratischcn und vorsokratischen Gedankenbildung. Während von den übrigen 
Genossen Ciceros Ausspruch gilt (de orat. 3, 16, 61): „ex illius (Socratis) variis et 
diversis et in omnem partem diffusis disputationibus alius aliud apprehenderat", 
vereinigte Piaton in sich die verschiedenen Momente und gleichsam die prismatisch 
gebrochenen Strahlen des sokratischcn Geistes zu einer neuen, höheren und 
reicheren Einheit. 

§ 35. Die megarische Schule. Eukleides von Megara 
kombiniert das ethische Prinzip des Sokrates mit der elea- 
ti sehen Theorie von dem Einen, das allein wahrhaft sei. Er 
lehrt: das Eine ist das Gute, wiewohl es mit vielen Namen 
benannt wird, bald Einsicht, bald Gott, bald Vernunft. Das dem 
Guten Entgegengesetzte ist ein Nichts elendes. Das Gute bleibt 
stets unwandelbar sich selbst gleich. Die Annahme, daß Eu- 
kleides unbeschadet der Einheit des Guten oder Seienden und 
der Einheit der Tugend auch eine Mehrheit unveränderlicher 
Wesen behauptet habe, ist sehr unwahrscheinlich. Die Beweis- 
führung des Eukleides war gleich der des Eleaten Zenon die 
indirekte. 

Unter den Nachfolgern des Eukleides, die zunächst Megariker, 
dann Eristiker und Dialektiker genannt wurden, sind besonders 
die folgenden zu nennen: Eubulides aus Milet, der Erfinder der 
Fangschlüsse: der Lügner, der Verhüllte, der Kornhaufe, der 
Kahlkopf: Alexinos, der Vertreter einer sehr streitfrohen Eristik, 
und Diodoros Kronos, der mit neuen Argumenten die An- 
nahme einer Bewegung bekämpfte und behauptete, daß es kein 
Mögliches gebe. Stilpon aus Megara kombiniert die megarische 
Philosophie mit der kjoiischen. Gleich dem Antisthenes pole- 
misierte er gegen die Ideenlehre. Gleich ihm bestritt er, daß 
etwas von einem andern ausgesagt, also ein Prädikat mit einem 
Subjekt verbunden werden könne. Mit ihm und den übrigen 
Kynikern stimmte er auch in der ethischen Lehre überein, daß 
der Weise über den Schmerz erhaben sei. 



2 7( ) § 35. Die megarische Schiüe. 

Antike Angaben über Leben, Lehre und Schriften desEukleides, 
Eubulides, Alexinos, Diodoros Kronos und Stilpon: Diog. Laert. 2. 
100—120. Für Eukleides und Stilpon auch Artikel des Suidas. ^Veitere Quellen 
bei ZeUer, Phil, der Gr. II, 1^ S. 245, Anm. 1 ff. [Gal.| hist. philos. 3 p. G(JO, 
13 ff.; 7 p. 604, 15 f. Diels. Porträt d. Eukleides Bernoulli II S. 7. 

Schriften nicht erhalten. Titel bei Diogenes Laertios. Bruchstücke in den 
soeben angeführten Quellen. Für Alexinos vgl. auch v. Arnim, Hermes 28 
.aS93), 65—72, Sudhaus, Khein. Mus. 48 (1898), 152—154. 

Andere Megariker: Zeller, Philos. d. Gr. II, 1* S. 246 ff. 

Eukleides der Megariker (nicht zu verwechseln mit dem Mathematiker 
Eukleides, der um mehr als hundert Jahre später unter den beiden ersten Ptole- 
mäem zu Alexandreia gelebt und gelehrt hat) soU nach Gell. Xoct. Att. 6, 10 
zu der Zeit, als die Athener den Megarern bei Todesstrafe das Betreten ihrer Stadt 
untersagt hatten, den Verkehr mit Sokrates fortgesetzt und gewagt haben, oft in der 
Abenddämmerung in Frauenkleidung nach Athen zu kommen. Da nun jenes Verbot 
in Ol. 87, 1 (432/1 vor Chr.) fäUt, so muß Eukleides, wenn die Erzählung historisch 
ist. zu den ältesten Schülern des Sokrates gehört haben. Bei dem Tode des 
Sokrates war er zugegen (Platon Phaedo p. 59c), und zu ihm nach Megara sollen 
sich gleich nachher Platon und andere Sokratiker begeben haben, vielleicht um 
nicht auch ihrerseits dem Hasse der demokratischen Machthaber in Athen gegen 
■die Philosophie zum Opfer zu fallen {SsiaatTeg rtjv (hiiörijra tojv tvoÜvvojv Diog. 
L. 2, 106; vgl. 3, 6). Eukleides scheint noch mehrere Jahrzehnte nach dem Tode 
des Sokrates gelebt und der von ihm selbst gegründeten Schule vorgestanden zu 
haben. Früh mit der eleatischen Doktrin vertraut, modifizierte er dieselbe 
unter dem Einfluß der sokratischen Ethik dahin, daß er das Eine als das 
Gute auffaßte. 

Platon erwähnt im Dialog Sophistes (p. 246 b ff.) eine Ansicht, der zufolge 
eine Mehrheit von unkörperlichen, durch den Gedanken zu erfassenden und 
schlechthin unveränderlichen Gestalten (fldtj) das wahrhaft Seiende ausmache. 
Viele Forscher (insbesondere Schleiermacher, Ast, Deycks, Brandis, K. F. Hermann. 
Zeller, Prantl und andere) schreiben diese Ansicht den Megarikern zu; andere 
(namentlich Ritter [s. Literaturverz.] und Petersen in der Ztschr. f. Altertumswiss. 
1836, S. 892, auch Mallet [s. Literaturverz.j, S. XXXIV) bestreiten dies. Gegen 
die Beziehung auf die Megariker spricht vor allem die bedeutende Inkonsequenz, 
in welche nach dieser Annahme Eukleides verfallen wäre. Er oder seine Schule 
müßte dann wenigstens erst allmählich von der aus der sokratischen Begriffs- 
wissenschaft hervorgehenden Ideenlehre zu der eleatischen Annahme des Einen 
vorgeschritten sein, da sich kaum denken läßt, daß zu gleicher Zeit derartig wider- 
sprechende Theorien in der Schule existiert haben sollten. Sodann verbietet an 
die Megariker bei dieser Lehre zu denken das Zeugnis des Aristoteles (Metaph. 1, 
6. 987 b 8), wonach Platon für den L^rheber der Ideenlehre überhaupt gehalten 
werden muß, also dieselbe nicht in irgendeiner Form schon von Eukleides auf- 
aufgesteUt worden sein kann. Der „Sophistes" richtet sich vielmehr gegen eine 
frühere Form der platonischen Ideenlehre, bzw. die Folgerungen, zu denen nach 
Piatons jetziger Ansicht seine früheren Aufstellungen über die Ideen führen 
mußten. Daß Platon dabei sein eigenes Geisteserzeugnis ironisch behandelt, wie 
er es p. 246 a b tut, ist kein Gegenargument gegen die Gleiehsetzung der an- 
gegriffenen Lehre mit der platonischen Ideenlehre. ]\Iöglichemeise ist die Be- 
zeichnung Eidöjr (fi/.oi so zu erklären, daß seine frühere Theorie Anhänger gefunden 
hatte, die bei ihr stehen blieben, während Platon in seiner mündlichen Lehrtätig- 
keit schon vor längerer Zeit von ihr abgewichen war. (Wer den ,. Sophistes" 



i 



§ 35. Die raegarische Schule. 171 

Piaton abspricht, hat natürlich erst recht keinen Grund, von der nächstliegenden 
Beziehung der Polemik auf die platonische Ideenlehre abzugchen.) 

Diogenes Lacrtios 2, 108 nennt Eukleides als Verfasser von sechs Dialogen, 
an deren Echtheit aber Panaitios nach Diog. Laert. 2, 64 zweifelte. Die Lehre 
des Eukleides faßt Diog. L. 2, 106 in den Worten zusammen : orrog sv x6 äyadov 
dL.-Tt(pai'rsTO .in/./.oT-; orönaoi y.ukovuyvor' öik fih' yäg rpoovtjoiv, ore (ie ■&s6v xal aX'/.ori; 
vorr xal tu koi:j6.. zu de dvTiy.si/uEva zo) dyu&t[i (h'i'/gec firj eivui fpäoHon'. (,, Dieser 
erklärte das Gute für Eines, das mit vielen Namen benannt werde: denn bald 
heiße es Einsicht, bald Gott und ein andermal Vernunft und wie die sonstigen 
Bezeichnungen lauten. Das dem Guten Entgegengesetzte aber hob er auf, indem 
er seine Existenz bestritt.'') Was Parmenides von dem Seienden aussagte, legten 
€r und seine Schule als Prädikate dem Guten bei; Cic. Acad. 2, 42, 129 : qui id bonum 
solnm dicebant, rjuod esset unum et simile et idem semper. Vgl. Aristokles bei 
Euseb. praep. ev. 14, 17, 1: i^n^bk ysvyäoOut n /itjÖk ffßEiQFodai ^it]dk xiveiadai x6 
jzagd-zai- (,, weder Averde etwas erzeugt noch vernichtet noch bewege es sich überhaupt"). 
Ein solches Prinzip war nicht der positiven Entfaltung zu einem philosophischen 
Systeme fähig; es konnte nur zu einer fortgehenden Polemik gegen die gangbaren 
Ansichten veranlassen, die durch deductio ad absurdum aufgehoben werden sollten 
^nach Zellers Auffassung von Diog. L. 2, 107 : zuTg 8k a.:joÖEl^soiv iviozaro ov y.azä 
/.rjiifiata, u/./.ä xaz ejiicpooäv [d. h. Eukleides griff nicht die Prämissen, sondern 
den Schlußsatz an]). In dieser Tendenz liegt die philosophische Bedeutung der 
megarisehen Eristik, als deren Begründer Eukleides von dem Sillographen 
Timon fragm. 28 Diels bezeichnet wird: 

'A)J' ov fioi zovTOJv (pksdoi'on' /Liskei' ovdk yag äkloi' 
ovSsvog, ov ^aiöoivog, ozig yivtx , ovd' igiddvzsoj 
Ev^AsiÖEO), Meyagevocv 6g sfißa/.e Ivoaav egio/xoT'. 

(,,Aber ich kümmere mich nicht um diese Schwätzer; denn es schiert mich 
weder bei einem andern noch bei Phaidon, wer er Avar, noch bei dem Streitmann 
Eukleides, der die Streitwut den Megarern einpflanzte.") 

In ihren Fangschlüssen hat diese Eristik viel Ähnlichkeit mit der Sophistik, 
knüpft aber zugleich an Zenon an. 

Diese Fangschlüsse werden bei Diog. Laert. 2, 108 dem Eubulid es zn- 
geschrieben. Der Lügner {ipevdöfiEvog) lautet: Wenn du ein Lügner bist und sagst 
dabei, daß du lügst, so lügst du und redest zugleich die Wahrheit. Der Ver- 
hüllte [iyy.ey.a'/.vf^iiiEvog oder biu/.avdüvmv) oder die Elektra: Elektra kennt Orestes 
als ihren Bruder, den vor ihr stehenden Orestes, der sich verhüllt hat, kennt sie 
nicht als ihren Bruder, also kennt sie zugleich nicht, was sie kennt. Der Korn- 
haufe {acogii>]g): Ein Korn macht keinen Haufen {oojgög) aus; wenn du noch ein 
Korn hinzutust, gibt es auch noch keinen Haufen, wann fängt der Haufe an? 
Ahnüch lautet der Kahlkopf {(fu'/.uy.gng). Der Gehörnte (y.Eoazivtjg): Was du nicht 
verloren hast, hast du noch. Hörner hast du nicht verloren, also hast du sie noch. 
(Der EyyEy.a/.v/LtfiEvog und der yegaxivi^g wurden nach Diog. Laert. 2, 111 von einigen 
auf Diodoros Kronos zurückgeführt. Auch sonst schwanken die Eigentums- 
bestimmungen. Ein Sorites ist schon das Argument vom Kornhaufen bei Zenon 
[oben S. 101 1). Einigen Wert hat nur der Sorites, da in ihm die Bedeutung der 
Quantität für gewisse Begriffe hervortritt und damit in der Tat eine begriffliche 
Schwierigkeit erfaßt wird. 

Ein Bruchstück des Alexinos aus der Schrift nsgi dyojyijg ist uns in der 
Rhetorik des Philodemos erhalten. Er ging als ein uvrjo (pi'/.ovEiy.öxaxog darauf aus, 
jede bestimmte philosophische Ansicht in eristischer Weise zu bestreiten, was die 
scherzhafte Verkehrung seines Namens in 'Ekey^Tvog zur Folge hatte. 



17'^ §35. Die megarische Schule. §36. Die elisch-eretrische Schule. 

Der Beweis des Diodoros Kronos (gest. 307 v. Chr.) betreffs des Möglichen 
hieß o xvoievwv, war sehr berühmt und gab Veranlassung zu Abhandlungen be- 
kannterer Philosophen, z. B. des Chrysippos, Kleanthes, Antipater. Der Satz, daß 
nichts, was nicht ist oder sein wird, mögüch ist, wird begründet durch den, 
daß aus einem Möglichen nichts Unmögliches folgen kann. Ist von zwei sich 
ausschließenden Fällen der eine wirklich geworden, so ist der andere unmöglich; 
wäre er möglich gewesen, so wäre aus einem Möglichen ein Unmöghches geworden. 
Vgl. über ihn namentlich Epikt. Diss. 2, 19, 1, Cic. de fato 7, 13. 

Dem Stilpou (der um 320 v. Chr. in Athen lehrte) schreibt Diog. L. 2, 119 
eine Polemik gegen die Ideenlehre zu (dr/josi y.al lä siSt]), welche in der Kon- 
sequenz der exklusiven Einheitslehre lag, die er (nach Aristokles bei Euseb. pr. 
ev. 14, 17, 1) mit den früheren Megarikern teilte. Der Ethik wandte er sich mehr 
zu als Eukleides, und zwar huldigte er hier dem Kynismus. Für das höchste 
Ziel des sittlichen Strebens erklärte Stilpon die djiä&sia. Senec. ep. 9, 3 : hoc inter 
nos (Stoicos) et illos (sc. Stilbonem et eos quibus summum bonum visum est animus 
impatiens § 1) interest: noster sapiens vincit quidem incommodum omne. sed 
sentit; illorum ne sentit quidem. Der Weise ist in dem Maße selbstgenügsam, 
daß er auch des Freundes zur Glückseligkeit nicht bedarf. Nach der Plünderung 
von Megara von Demetrios Poliorketes gefragt, was er verloren habe, antwortete 
Stilpon: Ich habe niemanden die Wissenschaft forttragen sehen. Ein Schüler 
Stilpons war Zenon von Kition, der Gründer der stoischen Schule (s. unten). 
Von der Doktrin der Megariker scheinen andererseits auch die Skeptiker Pyrron 
und Timon ausgegangen zu sein (s. unten). 

§ 36. Die elisch-eretrische Schule. Phaidon aus 
Elis, ein Lieblings schüler des Sokrates, begründete nach dessen 
Tode in seiner Vaterstadt eine philosophische Schule, deren 
Richtung mit der der megarischen verwandt gewesen zu sein 
scheint. Menedemos und Asklepiades, Schüler von Plato- 
nikem, von Stilpon und von Schülern des Phaidon, verpflanzten 
die elische Schule in ihre Vaterstadt Eretria, von der ihre An- 
hänger den Namen Eretriker erhielten. Nach anderen (unrich- 
tigen) Angaben war Menedemos ein Schüler Piatons selbst. 

Antike Nachrichten über Leben und Schriften des Phaidon: 
Diog. Laert. 2, „105, Suidas s. v. ^at'Öcov. Vita des Menedemos: Diog. Laert. 
2, 125—144. Über Asklepiades ebenda. Weitere Quellen Zeller, Philos. d. 
Griech. II, l^ S. 275 Anm. 2 ff. 

Schriften des Phaidon (Diog. Laert. 2, 105) nicht erhalten. Fragmente 
Sen. ep. 94, 41, Theon Progymn. I p. 177 Walz (aus dem Zopyros). Menedemos 
hinterließ nichts Schriftliches (Diog. Laert. 2, 136). 

Andere Vertreter dieser Schule: Zeller, Philos. der Griech. II, 1*, 
S. 276 f. 

Phaidon, der Gründer der elischen Schule, ist derselbe, welchen Piaton in 
dem nach ihm benannten Dialoge die letzten Unterredungen des Sokrates mit 
seinen Freunden dem Echekrates mitteilen läßt. Er geriet bei der Einnahme 
seiner Vaterstadt in Kriegsgefangenschaft und mußte in Athen als Prostituierter 
dienen, bis ihn auf Betreiben des Sokrates Kriton (oder Kebes) loskaufte. Seine 



§ 36. Die elisch-eretrische Schule. § 37. Die ältere kynische Schule. 173 

Schriften bezeichnet Gellius als admodum elegantes. Von den unter seinem 
Namen gehenden Dialogen werden, bei Diog. Laert. 2, 105 zwei (Zopyros und 
Simon) als anerkannt echt angeführt, vier andre als angezweifelt. Als Verfasser 
kam für mehrere unter den letzteren Aischines in Frage. Panaitios muß nach 
Diog. Laert. 2, 64 die Echtheit sämtlicher Dialoge bezweifelt haben. Von Phaidons 
Lehre wissen wir wenig. Daß er von Timon in dem oben S. 171 angeführten fr. 28 
als Schwätzer mit dem Eristiker Eukleides zusammengestellt wird, läßt darauf 
schließen, daß auch er wesentlich als Dialektiker erschien. 

Menedemos , der 278 v. Chr. oder wenig später 74jährig starb, und sein 
P'reund Äsklepiades hingen (nachdem sie zunächst der platonischen Schule 
angehört hatten, vgl. Diog. Laert. 2, 125. 134; Piaton selbst ist chronologisch 
unmöglich) dem Megariker Stilpon und alsdann den Phaidonschülern Anchipylos 
und Moschos an. Nachdem sie bis dahin 'W.eiay.ol genannt worden waren, er- 
hielten sie in ihre Vaterstadt Eretria zurückgekehrt den Namen 'EoszoixoL 
Hinsichtlich des philosophischen Standpunktes erfahren wir nur von Menedemos 
einiges Nähere. Danach war auch er stark in eristischer Dialektik. Er ließ nur 
einfache bejahende Sätze zu, verwarf hingegen die zusammengesetzten und ver- 
neinenden (Diog. Laert. 2, 135). Nach anderer Angabe wäre er soweit gegangen, 
mit den Kynikern und Stiipon die Möglichkeit der Verbindung eines Prädikates mit 
einem Subjekte zu bestreiten. Andere Nachrichten zeigen uns positivere Seiten seines 
Philosophierens. Zwar ist die Mitteilung des Herakleides Lembos (Diog. Laert. a.a. O.), 
daß M. in seiner Dogmatik Platoniker gewesen sei und mit der Dialektik nur ein 
Spiel getrieben habe, nicht recht glaublich. Wohl aber stellte er in der Ethik 
positive Sätze auf, und man darf bei diesem praktischen Interesse des Mannes 
daran erinnern, daß er auch als Staatsmann sich um seine Vaterstadt Eretria ver- 
dient machte. Über seine ethische Eichtung sagt Cicero (Acad. 2, 42, 129): 
a Menedemo .... Eretriaci appellati, quorum omne bonum in mente positum 
et mentis acie, qua verum cerneretur. Wie den Megarikern, so galt auch ihm 
alle Tugend als eine, die nur mit verschiedenen Namen benannt werde, nämlich 
als vernünftige Einsicht, mit der er das richtige Streben in sokratischer Weise 
als untrennbar verknüpft gedacht zu haben scheint. 

>? 37. Die ältere kynische Schule. Antisthenes von. 
Athen, anfangs Schüler des Gorgias, später des Sokrates, lehrte 
nach dem Tode des letzteren im Gymnasium KjTiosarges. Von 
der Lebensweise ihrer Anhänger, vielleicht unter Ein^-virkung 
des Namens „Kynos arges", erhielt die Schule den Namen 
der kyni sehen. Die Tugend ist nach Antisthenes das 
einzige Gut; außer ihr ist zur Glückseligkeit nichts nötig. 
Der Genuß, als Zweck erstrebt, ist ein Übel. Das Wesen der 
Tugend hegt in der Selbstgenügsamkeit. Es gibt nur eine 
Tugend. Sie ist lehr bar und, einmal angeeignet, unzer- 
störbar. Die festeste Ringmauer ist das auf sichere Schlüsse 
gebaute Wissen. Zur Tugend bedarf es nicht vieler Worte, 
sondern nur sokratischer Kraft. Der, welcher die Tugend besitzt, 
ist weise. Alle übrigen sind unweise. Antisthenes bekämpft die 
platonische Ideenlehre. Er läßt nur identische Urteile gelten. 
Seine Behauptung, es lasse sich nicht widersprechen, zeigt den 



274 § 3~- Die ältere kynische Schule. 

Schüler der sophistischen Dialektik, Der bei Sokrates noch 
nicht A'ollentwickelte Gegensatz gegen die hellenischen 
Staatsformen und den hellenischen Götterglauben ge- 
langt in des Antisthenes Satze, der Weise lebe nicht nach 
den geltenden Gesetzen, und in seiner Lehre von der Ein- 
heit Gottes zum scharfen Ausdruck. 

Unter den Schülern des Antisthenes ist der bekannteste 
Diogenes von Sinope, der in seinem persönlichen Verhalten den 
Gegensatz des Kynismus gegen das herkömmliche Kulturleben 
auf die Spitze trieb. Er wurde so für alle Zeiten das hier ge- 
feierte, dort belachte Urbild des Kynikers und Held einer ver- 
breiteten Legende, die die charakteristischen Züge des kj'nischen 
Originals nach Mögiiclikeit ausgestaltete und steigerte und ihm 
eine fast unübersehbare Fülle von Wort- und Tatwitzen lieh. 
Seine Anhänger waren Mo nimos, Onesikritos, Philiskos und 
der Thebaner Krates, welch letzterer seine Gattin Hipparchia 
und deren Bruder Metrokies für den Kynismus gewann. 

Antike Überlieferung über Leben, Lehre und Schriften der 
Kyniker dieser Periode (Antisthenes, Diogenes, Monimos, Onesikritos, 
Krates, Metrokies, Hipparchia): Diog. Laert. Buch 6. Suidas (über Anti- 
sthenes, Diogenes, PhUiskos, Krates, Hipparchia). Für Antisthenes vgl. 
Prosopographia Attica Nr. 1188. Andere Quellen Zeller, Philos. d. Gr. II 1*, 
S. 281 Anm. 1 ff., III 1», S. 765 Anm. 1 f f. Für Krates s. die Testimonia 
vitae et scripturae in Diels' Poetarum philosophorum fragm. S. 207 ff. 

Porträts: Bernoulli, Griech. Ikonogr. II 4 f f . (Antisthenes), 46 ff. (Diogenes^ 
gegen die Deutung einer weiteren Darstellung auf diesen mit Recht C. Robert, 
Hermes 35 [1900], 651), 101 ff. (Krates). 

Schriften (Fragmente): Im allgemeinen: Cynicorum in Graecia philo- 
sophorum fragmenta in: Fragm. philos. Graec. coli. Fr. Gull. Aug. Mullachius, 
vol. II (Parisiis 1881), p. 259 — 395. Antisthenes: Fragm. coli. Aug. Gull. 
Winckelmannus, Turici 1842. Die beiden erhaltenen Deklamationen Aia? und 
TJdvooEvg abgedruckt in Fr. Blaß' Ausgabe des Redners Antiphon (ed. II. 
Lipsiae 1908), 175—193. Der Inhalt eines antisthenischen Dialoges (des „Arche- 
laös") liegt vielleicht in der 13. Rede des Dion Chrysostomos vor (Näheres Dümmler 
Akademika S. 1 ff.). Fingierte Briefe von und an Antisthenes unter den 
Sokratikerbriefen. Krates' Fragmente bei Diels, Poet, philos. fragment. 
S. 217 ff. Fragmente der Diogenes und Krates zugeschriebenen Tragödien: 
Nauck, Tragic. Graec. fragm.* p. 807 ff., 809 f.; die des Krates auch bei Diels. 
Die gefälschten Briefe des Diogenes bei Hercher, Epistologr. Graec. S. 235 ff.; 
die des Krates ebenda S. 208 ff. Ihrem Inhalte nach gehören zu den Kyniker- 
briefen auch die des Anacharsis, bei Hercher S. 102 ff. 

Zahlreiche Antisthenes, Diogenes und Krates zugeschriebene Apo- 
phthegmen außer bei Diogenes Laertios auch in der Florilegienliteratur. Proben 
in dem von L. Sternbach, Wiener Studien 9 (1887) — 11 (1889) veröffentlichten 
Gnomolog. Vatic. (mit den vom Herausgeber gesammelten Parallelen). Weiteres 
bei A. Elter, Gnomica homoeomata V (Bonn 1904 Progr.). S. auch Packmohr 
(Lit. unter Diogenes). Papyrusfunde (Diogenes) zusammengestellt bei Christ- 
Schmid, Gesch. d. griech. Liter. « S. 656 Anm. 1. 

Kyniker {y.wixot) sind die Anhänger des y.vcov, des Hundes. Das setzt einen 
Philosophen voraus, dem dieser Name als Spitzname beigelegt wurde. Nach Diog, 
Laert. 6, 13 erhielt schon Antisthenes den Namen uTiXonvojv. Der Name wurde 



§ 37. Die ältere kynische Schule. 175 

befestigt durch Diogenes und die späteren Anhänger der Schule, die durch ihre- 
Verachtung der Sitte und des Anstandes, wie auch durch ihre dürftige Lebens- 
weise und bissige Tadelsucht (Dio Chrys. or. 9, 7; Luc. vit. auct. 10) die Bezeich- 
nung „Hund" als besonders passend erscheinen ließen. Der Hohnnarae wurde 
alsfdann von den Verhöhnten akzeptiert, wie für Diogenes Diog. Laert. 6, 33. 55.. 
60 zeigt. Daß für die Anwendung des Namens auf Antisthenes die Benutzung des 
Kynosarges unterstützend mitwirkte, ist wohl möglich. Die Gründe für die Be- 
zleichnung ,,Kyniker" gibt auf kynischer Grundlage, aber mit Auftragung plato- 
nischer Färbung, EHas zu Aristot. Kateg. S. 111. Neben der Gleichgiltigkeit 
gegen die Gebote der guten Sitte und neben der Art der dvaiSeia, die „besser ist 
als die alöcög" (Z. 16 f. : Tavr)]v ovv rrjv dvaidsiav kjiexrjdevov ttji' xgeirrova aldovg 
oTov vXaxzovtTsg xaxä xü)v dkloxQicov xfjg avxcöv (piXoaocpiug) werden hier das (pgov- 
gtjxixöv (Z. 18 f. : icpQOVQOVv 8e y.al avxol xa doy/iiaxa xfjg (fi?.oao<piag 8iü xöiv «.to- 
ösi^ecov) und das dcaxQixixor (wie der Hund den Freund von dem Fremden unter- 
scheidet [in Anknüpfung an Piaton Politeia 375 e; vgl. auch Athen. 13, 611 bj, 
ovxtog ovv xal ovxoi [seil, ol KvvixoJ] xovg /.ih' Emxrjdeiovg jigog q?doao(piav (ft/.ovg 
Ivofjii^ov xai ev/nsvcög ids^ovxo, xovg 8k dvejicx7]8siovg djirjXavvov 8ixr]V xvrcöv xax^ 
avxön' v/.axxovvxsg) als die Eigenschaften bezeichnet, in denen die Kyniker den 
Himden gleichen. Dankbarkeit und Treue hebt der achte unter den kynisch ge- 
stimmten Anacharsisbriefen als Vorzüge des Hundes hervor, ähnliche Eigen- 
schaften erschienen bei Luc. fugit. 16, Athen. 13, 611 b f. als durch den Namen 
Kyniker gefordert, von seinen Trägern aber nicht verwirklicht. 

Über Antisthenes' Lebenszeit fehlen genauere Angaben. Um 366 vor 
Chr. muß er als Greis noch am Leben gewesen sein (Diodor 15, 76). Er stammte 
von einem athenischen Vater und nach der Angabe bei Diogenes L. 6, 1 von 
einer thrakischen Mutter. Man meint, daß er aus diesem Grunde auf die Übungs- 
stätte Kynosarges beschränkt war, da diese allein den nicht vollbürgerlichen, d. h. 
von einer nichtattischen Mutter geborenen Jünglingen zur Verfügung stand. 
Hier fand sich der Kultus des Herakles, der von den Kynikern aufs höchste 
verehrt wurde. 

Zunächst genoß Antisthenes den Unterricht des Sophisten Gorgias, dessen 
Einfluß sich nach Diog. Laert. 6, 1 in der rhetorischen Art der Dialoge des 
Kynikers kundgab. Für uns legen von seinen rhetorischen Bestrebungen noch 
die beiden erhaltenen Epideixeis Al'ag und '08vooEvg Zeugnis ab. Die Echtheit 
dieser beiden Schriften zu bezweifeln liegt kein hinreichender Grimd vor. Eine 
weitere Frucht dieser Studien war u. a. die verlorene 'Ogsaxav dnoXoyia sowie das 
den Anfang des Schriftenverzeichnisses bei Diog. Laert. bildende Werk TIeoI 
ÄE^ecDg P] :iEol xo-QuxxiqQcov. Wie es bei den Rhetoren dieser Zeit üblich war, be- 
tätigte sich Antisthenes auch als Lehrer. Später trat er mit Sokrates in Verkehr, 
der ihn so begeisterte, daß er seinen bisherigen Schülern empfahl, nun bei dem 
Philosophen seine IVIitschüler zu werden (Diog. Laert. 6, 2). Diesen Übertritt von 
der Rhetorik zur Philosophie scheint Antisthenes erst im vorgeschrittenen Lebens- 
alter imternommen zu haben. Mit Wahrscheinlichkeit bezieht man auf ihn die 
Bezeichnung dipiiÄU&rjg im platonischen Sophisten 251b. Wie Piaton so urteilte 
auch Aristoteles über Antisthenes und seine Anhänger nicht günstig: Metaph. 
4, 29, 1024b 32 bemerkt er: 'AvxioßEvt]g wexo svrjdoig fttjdkv d^iwv Uysadac 
nXi]v xw oixei'co X6ya> IV Iq) hög und Metaph. 7,3, 1043 b 24 heißt es: ol 'Avxia§E- 
vEioi xai Ol ovxojg djiaiSsvxoi. 

Als Schriftsteller war Antisthenes, wie das Verzeichnis seiner Werke bei 
Diogenes Laertios zeigt, fruchtbar und vielseitig — navxotpvfj (phSöva nannte ihn 
deshalb Timon in seinen Sillen (fr. 37). — In ihren Titeln spiegeln diese Schriften 



jjf^ § 37. Die ältere kynische Schule. 

seine Beziehungen zur Sophistik und zu Öokrates wider, unzweifelhaft hat 
Antisthenes das Verdienst, durch geschickte Verwendung einer Vortragskunst, die 
ihm für die schriftliche wie die mündliche Darstellung in reichem Maße zu Ge- 
bote stand (vgl. Theopomp bei Diog. Laert. 6, 14), das Interesse für Sokrates' 
Person und eine auf sokratischer Grundlage ruhende Ethik gefördert zu haben. 
Er beschränkte sich nicht auf die Wiedergabe der Gedanken und Lehrmethode 
seines Meisters in fiktiven sokratischen Dialogen, sondern schuf sich Vertreter 
seiner Ideale neben Sokrates auch in anderen Gestalten, die er mit weiser Be- 
rechnung den gegebenen Kreisen des Mythus und der Geschichte entnahm, indem 
p.T in räumliche oder zeitliche Ferne griff, die die Idealisierung begünstigte. 
So gab er in seinem 'Hoax/S]; das Idealbild des den jtoVo? suchenden Kynikers, in 
seinem Kvoo? den Typus des Herrschers nach sokratisch-kynischen Prinzipien. 
Umgekehrt entlieh er im 'AQyß.ao: der Gegenwart das realistische Bild einas 
Tyrannen, dessen Dasein zu sokratischer Lebensauffassung im Gegensatz steht 
und dessen Einladung zum Besuche daher von dem Philosophen ausgeschlagen 
wird. Die ethische Verwertung mythologischer Figuren, wie sie außer dem 
'HoaH/.f}c auch in anderen Schriften des Antisthenes (vgl. z. B. Diog. L. 6, 18 
ffegi oivov xorjosoig r] :ieqI fieOtjg t] jieqc rov KvyJ.cojtog, IJegi Kigy.t]?) obwaltete, be- 
rührt sich mit der schon von Früheren, insbesondere den Sophisten, geübten allego- 
risierenden und typisierenden Ausbeutung der griechischen Sage. So lassen sich 
auch in diesen Schriften des Antisthenes die Fäden verfolgen, die ihn einerseits 
— in der philosophischen Tendenz — mit der Sokratik, andererseits — in Form 
und Darstellungsmitteln — mit der Sophistik verknüpfen. Auf letztere geht 
neben anderem wohl auch die von ihm angewandte Form der jigotgenziaot zurück 
(Vgl. P. Sartlich, De exhortat. a Graecis Romanisque script. hist. et indole 
p. 224 ff.). 

Auch in Antisthenes' Lehre läßt sich deutlich die Vereinigung 
sophistischer und sokratischer Elemente erkennen. Mit den Sophisten 
und Sokrates stimmte er darin überein, daß sein Interesse wesentlich auf die 
Dialektik und Ethik gerichtet war. In der Dialektik erinnert an Prodikos' 
sprachliche Bestrebungen, steht aber zugleich auch in Beziehung zum sokra- 
tischen Definitionsverfahren der Satz, daß die Betrachtung der Worte Anfang 
aller Bildung sei (Epict. diatr. 1, 17, 12; vgl. den Buchtitel Ilsgi jtaidelag »/ 6vo- 
ju'acov bei Diog. Laert. 6, 17). Der Einfluß der Sophistik verrät sich vor allem 
in einer starken Neigung zur Eristik. Für diese zeugt der von Aristot. Top. 1, 
1], 104 b 20 und Metaph. 4, 29, 1024 b 34 (vgl. Plat. Euthyd. 285e; s. u.) als 
antisthenisch überlieferte Satz, es lasse sich nicht widersprechen {ovx eoriv 
urzÜEyeir), mit der Argumentation: entweder wird von dem Nämlichen geredet, 
von einem jeden aber gibt es nur einen oixeTog loyog, so daß, wenn wirklich von 
dem Nämlichen die Rede ist, auch das Nämliche gesagt werden muß und kein 
Widerspruch besteht, oder es ist von Verschiedenem die Rede, und somit besteht 
wiedenim kein Widerspruch. Die äußerste Spitze dieser dialektischen Tendenz 
liegt in der exklusiven Anerkennung identischer Urteile, in der Anti- 
sthenes freilich ebenfalls bereits Vorgänger hatte (Zeller I 2^ 1104): keinem Sub- 
jekt darf ein anderes Prädikat beigelegt werden, als wieder das Subjekt selbst. 
!Man darf also nicht sagen: der Mensch ist gut, sondern nur: der Mensch ist 
IMensch, das Gute ist gut (Plat. Soph. 251 b, s. u.; Aristot. Metaph. 4, 29, 1024 b 32). 
Mit dieser These fällt selbstverständlich auch die Subsumption von Indivi- 
duen unter Gattungsbegriffe. Es läßt sich von dem Individuum a nur sagen, 
daß es das Individuum a, nicht daß es Vertreter einer Gattung A ist. So mußte 
sich Antisthenes auch gegen den platonischen Idealismus, der eine solche Sub- 



§ 37. Die ältere kynisehe Schule. 177 

sumption voraussetzt, erklären. Nach Siuiplic. in Arist. Categ. S. 208, 291".; 211, 
17 f. Kalbfl. soll er, die platonische Ideenlehre bestreitend, bemerkt haben: w W.ä- 
Tcov, i'.-i.-iov fiev oQcd, i;i.-T6T)]Ta 6t ovy ooio (weil nämlich, habe Piaton geantwortet, 
für diese dir das Auge fehlt). Nach Amraon. in Porphyr. Isag. S. 40, G Busse 
sagte Antisthenes, die Ideen seien sv ytlaTg gjtivoiai?, was nicht so zu verstehen 
ist. daß er die Ideenlehre im subjektivistischen Sinne umzubilden gesucht habe: 
er hat sie nur den leeren Einfällen zurechnen wollen. Ein Zwillingsbruder des 
Satzes von der Unmöglichkeit des Widersprechens ist der von der Unmögli,chkeit 
unwahrer Aussagen; beide werden von Aristoteles Äletaph. 4, 29, 1024b 33 
in Verbindung mit der antisthenischen These vom oly.no!; '/.6yn; zusammengestellt 
lind von Piaton, Euthyd. 283 e ff. 285 d ff. nacheinander ironisiert (zum Satze ort 
y>Fvöii /Jystv ovx sazir s. auch Plat. Cratyl. 429 c ff.). 

Der platonische Idealismus hat nun, wie es scheint, bei Antisthenes nicht 
nur im Nominalisraus. sondern auch in einer materialistischen Weltanschauung 
sein Gegenbild. Piaton redet Theaet. 155 e, Sophist. 246 äff. von Leuten, die 
nichts für existierend halten, als was sie mit Händen greifen können, und 
"Wesenheit mit Körperlichkeit für identisch halten. Die Übereinstimmung, die 
■der im ,, Sophisten" näher charakterisierte INIaterialismus mit der Stoa aufweist, 
die in anderen Lehren auf Antisthenes' Schultern steht, hat schon vor langer 
Zeit zu der wahrscheinlichen Vermutung geführt, daß Antisthenes der hier von 
Piaton bekämpfte Gegner und also auch in diesem Punkte der aQyj]yhi]g der 
8toa sei. Eine Bestätigung dieses antisthenischen Materialismus bietet fragm. 33 
Mull., nach dem die Seelen gleiche Gestalt mit den sie umgebenden Leibern 
haben, also auch selbst körperlich sind. 

Dem sophistisch Negativen in der Lehre des Antisthenes steht als sokratiseh. 
Positives seine Schätzung der Definition und des "Wissens gegenüber. Er hat (nach 
Diog. L. 6, 3) zuerst die Definition [).6yos) gekennzeichnet als Bezeichnung 
•des Wesens: loyog ioziv 6 ro zl vjv tj eazi dtjkwr (d. h. das Wesen von Dingen,, 
■die in der Vergangenheit existierten oder in der Gegenwart noch existieren). 
Von Einfachem gibt es freilich, wie Antisthenes von seinem eben geschilderten 
1^tandpunkte aus folgerichtig behauptete, keine Definition, sondern nur Benennung 
und Vergleichung; das Zusammengesetzte aber läßt eine Erklärung zu, die seine 
Bestandteile gemäß ihrer realen Verbindung anzugeben hat. Das Wissen ist 
die mit der Erklärung (begriffsmäßigen Eechenschaft) verbundene richtige Mei- 
nung. <i6^a a/.rjdi]g fisza j.öyov (Plat. Theaet. p. 201 c ff., WO zwar Antisthenes 
nicht genannt, aber wahrscheinlich auf ihn Bezug genommen wird; vgl. mit 
Theaet. 201 d Arist. Metaph. 7, 3, 1043 b 24 ff.). Ebenfalls von Sokrates stammt 
in ihren Grundzügen seine Ethik. Auf der Ethik liegt wie bei Sokrates das 
Hauptgewicht seiner Lehre. Offenbar hat Sokrates' persönliches Verhalten in 
ihm den tiefsten Eindruck hinterlassen. Was des Lehrers Leben predigte, Be- 
dürfnislosigkeit und Charakterstärke, setzte sich bei dem Schüler, der darin auch 
praktisch dem Meister nachfolgte, zugleich in wissenschaftliche Theorie um. 
Dabei zeigt sich in seinen Anfängen schon bei Antisthenes das später den Kynis- 
mus beherrschende Bestreben, die dem sokratischen Vorbilde entnommenen An- 
schauungen und Lebensmaximen auf die Spitze zu treiben und so ihren Gegen- 
satz gegen Meinungen und Gepflogenheiten der Masse der Menschen zu ver- 
schärfen. Nach Diokles" freilich nicht unbedingt zuverlässigem Zeugnis bei Diog. 
Laert. 6, 13 ging er mit der Tracht des kynischen Bettelmönehes voran: statt 
der bei den Griechen besserer Stände üblichen beiden Kleidungsstücke trug er 
nach Proletarierart nur einen abgeschabten Mantel, den er doppelt nahm, und 
griff zu Stab und Eanzen. In seiner ethischen Reflexion steht im ^littelpunkte 

Ueberweg. GrundriU I. 12 



]7S § 37. Die ältere kynische Schule. 

die Autarkie der Tugend. Dieee genügt zur Erwerbung der Glückseligkeit^ 
die nichts anderes zur Voraußeetzung hat als sokratische Stärke. Die Tugend ist. 
wie schon aus diesen Sätzen hervorgeht, ein rein praktisches Verhalten und be- 
darf nicht vieler Reflexionen und Kenntnisse. Neben ihr ist für weitere Güter 
kein Raum. Die landläufige Bewertung der Dinge verkehrte Antisthenes in ihr 
Gegenteil: geringes bürgerliches Ansehen, Mühe und Plage sind gut, die Lust 
ein Übel: iiurslijv iia/j.ov i} t'/oßFnjy („lieber verrückt als entzückt"), wird als eine 
A'on ihm ott getane Äußerung zitiert (Diog. Laert. (>, 11. 3). Statt des Geburts- 
adels gilt der Tugendadel (Diog. Laert. 6, lOj. Eine Anekdote ließ ihn den ihrer 
Autochthonie .sich rühmenden Athenern sagen, Schnecken und Heuschrecken 
hätten mit ihnen den gleichen Adelsbrief (Diog. Lai^rt. 6. 1). Ebenso wie in der 
Frage des Adels macht sich der kynische Weise auch sonst in politischen Dingen 
von dem Geltenden unabhängig. Nicht die bestehenden Staatsgesetze binden ihn, 
sondern allein das Gesetz der Tugend. Gerechtigkeit steht höher als Blutsver- 
Avandtschaft. Das Gute ist schön, das Häßliche schlecht. Besser mit wenigen 
Guten gegen alle Schlechten als mit vielen Schlechten gegen wenige Gute 
kämpfen (Diog. Laert. 6, 11 f.). 

Aus der Theorie von der Autarkie der Tugend und der Wertlosigkeit aller 
gewöhnlich angenommenen Lebensgüter sowie aus der Verherrlichung des .to'io; 
ergab sich naturgemäß der Grundsatz der Bedürfnislosigkeit. Ihn vertritt 
Antisthenes besonders eingehend in einem Abschnitt des xenophon tischen Sym- 
posions (4, 34 — 44), der in seinen Grundgedanken wahrscheinlich auf eigenen Äuße- 
rungen des Kynikers beruht. 

Mit der Behauptung, daß es nur auf sokratische Stärke ankonmie und die 
Tugend nicht vieler /070t und fiadt/fiara bedürfe, wollte aber Antisthenes den 
ethischen Intellektualismus des Sokrates nicht aufgeben. Der Satz rnyo^ 
noffa/Jazaiov (foovtjoiv . . . (Diog. Laert. ö, 13) wäre dafür an sich noch nicht 
beweisend, da rfgörtjoi; nicht mit voller Schärfe eine rein intellektuelle Funktion 
bezeichnet (vgl. Kranz' Wortindex zu Diels" Vorsokratikern;. Er erhält aber 
seine nähere Bestimmung durch die Worte: rsi/t/ xaTaoxevuoitov yv rol^ aircöi' 
drakiöroi ; /.oyiniioT; (Diog. Laert. ebenda). Vor allem aber sind beweisend die 
Sätze, daß die Tugend lehrbar (Diog. Laert. 6, 10), einheitlich (Schol. Lips. 
zu Ilias 15, 123, Antisth. fragm. 31 Mull.: Ei' zi :tQäxt£i 6 oo<p6g, xuiä .TÜaur doeri/v 
fi'fQysT, Diog. Laert. 6, 12: 'Avögog xai yvvaixo? t) aviij agsr/j) und unverlier- 
bar (Diog. Laert. (i, 12, vgl. 105) sei. Den Zusammenhang der beiden ersten 
Sätze mit dem sokratischen Intellektualismus zeigt (unabhängig von antisthe- 
nischer Doktrin) der platonische Protagoras, der letzte erklärt sich daraus, daß 
ein einmal gewonnenes Wissen nicht wieder verloren gehen kann — unter der 
stillschweigenden Voraussetzung, daß das für die Tugend in Betracht kommende 
Wissen infolge seiner ununterbrochenen Anwendung nicht wie ein anderes der 
Vergessenheit anheimfallen kann. Auf diesen Zusammenhang führt Xen. memor. 
1, 2, 19: "locog ovv ei'rtoiev av no/.kol rcur qjaaxövzcov (fikooocpeiv ozi ovx äv .-lozs o 
bixaiog äöixog yevoizo ov8k 6 oüxpQOJv vßoiozljg ov8k ri'/Äo ovdkv o)v fiddtjoig 
foiiv 6 iiadiov dvE:tioz riniov ur :iox£ ytvoizo. Das Verlangen dieses 
Tugendwissens ist nun freüich bei A. von der Forderung einer eigentlich wissen- 
schaftlichen Bildung weit entfernt. Schon die sokratische Grundlage aller Wissen- 
schaft, die Begriffsbestimmung, war ja bei Ihm trotz prinzipieller Anerkennung 
durch die Beschränkung der Definition auf Zusammengesetztes stark erschüttert, 
und die oben angeführte Stelle Diog. Laert. 6, 11 zeigt, daß er den aadt)uaza 
für die Erwerbung der Tugend geringen Wert beimaß. Zudem ist die Gering- 
schätzung alles nicht zum praktischen Verhalten in nächster Beziehung stehenden 



§ ;{.. Die ältere kyiiische Schule. 179 

Wiseens allgemein kynisch. und daß der dgxir/^^V^ der Schule auch darin voran- 
ging, mag man immerhin aus seiner bei Diog. Laert. 6, 103 überlieferten Äuße- 
rung schließen, wer weise sei, werde es verschmähen, lesen und schreiben zu 
lernen, um nicht dadurch (von dem zur Tugend Wesentlichen) abgelenkt zu 
werden. In ihrer vollen Schärte darf freilich eine solche Äußerung bei einem 
so produktiven Schriftsteller wie A. kaum verstanden werden: sie ist aus einem 
Zusammenhange gerissen, der ihren Sinn wesentlich abschwächte, oder als para- 
doxe Formulierung des Satzes von der relativen Geringwertigkeit wissenschaft- 
licher Bildung für die Tugendpraxis zu fassen. 

Gebiete, auf denen die Loslösung des Kynikers von dem Herkömuilichen 
besonders wichtig und folgenreich gewesen ist, waren der Staat und die Keli- 
gion. 3Iit dem schon oben berührten Satze ror aoq-.öv ov xaza ro/v y.sifih'ovg 
rö'fiovQ ::io/uT£i'todat li/./.a xaxä rör tTj; dgerr/g war das Band, durch das sich der 
Vollbürger Sokrates bei aller Verachtung der athenischen Demokratie bis zum 
Martyrium mit dem bestehenden Staate verbunden gefühlt hatte, von dem Halb- 
bürger Antisthenes rückhaltslos zerschnitten. Die sophistische Geringschätzung 
dcB vofiog, die sokratische Erkenntnis von der Wertlosigkeit eines nicht auf 
Wissen und Tüchtigkeit begründeten Regimentes vereinigte sich in Antisthenes 
mit der kynischen Opposition gegen das Herkömmliche. Über die athenische 
Verfassung, die leitenden Männer Athens und ihre Angehörigen äußerte er sich 
in der schärfsten Weise. Eine Anekdote bei Diog. Laert. 6, 8 läßt ihn den 
Athenern raten, ihre Esel durch Psephisma zu Pferden zu ernennen; es sei das- 
selbe, wie wenn Männer, die nichts verstehen, durch Volkswahl zum Feldherru- 
amte bestellt würden. In einer seiner Schriften zog er gegen sämtliche atheni- 
schen Volksführer zu Felde, in einer andern brandmarkte er die Söhne des Perikles 
(Athen. 5 p. 220 c d ; Antisth. fragm. 22. 15). Sokratischer Anschauung entsprechend 
fand er das Kriterium für die Berechtigung zu politischer Wirksamkeit in der 
dgczy: dann gingen die Staaten zugrunde, behauptete er nach Diog. Laert. 6, 5, 
wann sie die Schlechten nicht von den Guten zu unterscheiden vermöchten. 

Jedenfalls war Antisthenes an der Negation des bestehenden Staates mehr 
gelegen als an der Aufstellung eines eigenen positiven Ideals, soweit ein solches 
über die prinzipielle Forderung der Herrschaft der ägsn'^ hinausging. Fraglich 
ist, ob er mit spezielleren Bestimmungen überhaupt hervortrat. Die als diogenisch 
überlieferte Aufhebung der Ehe und ihre Ersetzung durch Weiber- und Kinder- 
gemeinschaft auf ihn zurückzuführen sind wir nicht berechtigt, da Aristoteles 
Polit. 2, 7, 1266 a 34 f. mitteilt, daß bis zu seiner Zeit niemand außer Piaton 
dieses sozialpolitische Philosopheni aufgestellt hatte. Nach Diog. Laert. 6, 11 
lehrte Antisthenes •■aayoei r (rör ootpov) rey.vo.-ioiid; '/.ÜQiv , der Zusatz rar? 
evfpvsaxdxaig ovviövza yvvai^i stellt aber durch den Plural die Jiächstliegende Be- 
ziehung des yanrjoeiv auf die Einehe in Frage. Danach könote Antisthenes 
immerhin auch ohne ausdiiickliche Forderung der Weiber- und Kindergemeinschaft 
eine Art menschlichen Herdenlebens als Rückkehr zum primitiven Naturzustande 
empfohlen und dieses Ideal mit dem .-To/ureveoüai y.nrä x6v rij; dpfr/]? vöjLioy durch 
den Hinweis darauf in Einklang gebracht haben, daß auch in der Tierherde das 
tüchtigste Exemplar die Führung übernimmt, einen Hinweis, der durchaus im 
Bereiche der später viel betretenen kynisch-stoischen Gedankenbahnen liegen 
würde. Unsere unmittelbaren Zeugnisse versagen hier vollständig. Aber viel- 
leicht darf man angesichts der später zu besprechenden Polemik zwischen Anti- 
sthenes und Piaton annehmen, daß letzterer auf den Kyniker ziele, wenn er 
Politic. 267 d ff. die Gleichsetzung der Königskunst mit der Hirtenkunst bekämpft 
und Politeia 372 d den im Vorangehenden geschilderten primitiven Naturstaat durch 

12=* 



1^0 § 3i. Die ältere kynische Schule. 

einen der Gesprächsteilnehmer einem Sehweinestaate vergleichen läßt (Zeller 
II 1 ••, S. 325 Audi. .'). Joel, Der echte u. der xenoph. Sokr. II S. 267). Doch 
bleibt die ßeziehxmg auf Antisthenes durchaus unsicher, und einige Züge des 
geschilderten Staatslebens, wie die Scheu der Staatsangehörigen vor dem Ver- 
armen, die sie die Kindererzeugung beschränken läßt (372 bc fv'/.aßovuEvni :rgriar), 
passen schlecht zu kynischen Anschauungen. 

Mit der Ablehnung des geschichtlich gegebenen Staates geht die Befreiung 
von der Väterreligion Hand in Hand. Der Staat gab dem Griechen seine Götter. 
Ihre Verehrung galt als Bürgerpflicht. Sokrates' Gesetzestreue hat ihm, obwohl 
er innerlich die Schranken des nationalen Glaubens durchbrochen hatte, dennoch 
jeden ausgesprochenen Abfall von der überlieferten Eeligion versagt. Antisthenes 
fand durch seine Lösung vom bestehenden Staate auch für seine Theologie die 
Bahn frei, auf die ihn Sokrates' reinere religiöse Anschauung im Vereine mit der 
sophistischen Entgegensetzung von Xatur und Gesetz verwies. In seinem ^vmy.o; 
lehrte er nach Philod. de piet. S. 72 G. und anderen Zeugen (wie Cic. de nat. 
deor. 1, 13, 32, Antisth. fragra. 24 Mull.) y.azä röfiov slvai .-rn/./.org dsovg, y.aia fit: 
(fvaiv n'a, und wie den Polytheismus, so bekämpfte er auch den Anthropomor- 
phisraus nach dem Zeugnis des Klemens v. Alex. (Protrept. 6. 71, 2 und Strom. 
5, 14, 108, 4 : ^Eor' oubsrl toiy.fvm <f}]Ot, diö.-rso aviöv ovöslc KyuaüsTv s§ ely.örog 
övrarai) luid des Theodoret (Graec. äff. cur. 1, 75; «.to sly.övog ov yvcogi^stai, 
nffda'/.jii') ovy ogäzcu, oiSeri fniy.s y.i).. Antisth. fragm. 24 Mull.). Sehr bemerkens- 
wert ist nun aber, daß Antisthenes gleichwohl, trotz seines kynischen Unal)- 
hängigkeitssinnes und seiner freien religiösen Richtung, die homerisch-hesiodeische 
Mythologie nicht, wie Xenophanes getan hatte, über Bord warf. Die zwischen- 
liegende Entwicklung hatte in der rationalistischen und allegorisierenden Deutung 
des überlieferten Mythus und in der Einkleidung philosophischer Sätze in neu- 
geschaffene Mythen einen Weg zur Versöhnung von Mythologie und philo- 
sophischer Theologie gefunden, den Parmenides (oben S. 100), Enipedokles (oben 
S. 109), Anaxagoras und seine Schüler, unter diesen besonders Metrodoros (oben 
S. 117) sowie die Sophisten (Protagoras in dem Mythus des platonischen „Prota- 
goras'", Prodikos in seinen ^ Ügai [oben S. 138]) betreten hatten, und auf den 
Antisthenes schon durch seine sophistische Vergangenheit, vielleicht aber auch 
durch die Erwägung geführt wurde, daß er durch einen Bruch mit der ]\lytho- 
logie die weitesten Kreise des Volkes der Einwirkung seiner Lehre verschließen 
würde. So bildete Antisthenes die Avichtige Brücke zwischen den ersten Ver- 
tretern der rationalisierenden und allegorisierenden Methode und der Stoa, die 
dieses Verfahren teils durch die Rolle, die sie ihm für ihre eigene Lehre zuwies, 
teils durch seine Weitergabe an den Xeuplatonismus und das Christentum zu 
weltgeschichtlicher Bedeutung erhob. Eine voll ausgeführte Allegorie ist aller- 
dings in unseren verhältnismäßig spärlichen .Antisthenesfragmenten nicht ent- 
halten. Wohl aber geben sie mehrfach Beispiele für die Gepflogenheit, in den 
homerischen Erzählungen ethische, anthropologische und andere Wahrheiten an- 
gedeutet zu finden, ein Verfahren, das mit der Allegorie innerlich verwandt ist 
und in weiterer Ausgestaltung in sie ausmündet. Proben dieser Deutungsweise 
des Antisthenes, die jedenfalls einer oder mehreren seiner zahlreichen Schriften 
über Homer entnommen sind, bieten unsere Homerscholien (Antisth. fragm. 27 ff. 
Mull.). Dem Verhalten des Odysseus gegenüber den Lockungen und Ver- 
sprechungen der Kalypso legte er die Erkenntnis des Helden zugrunde, daß 
Liebende Vieles erlügen und Unmögliches versprechen. Wenn Odysseus die Vor- 
züge äußerer Schönheit, deren sich Kalypso im Verhältnis zu Penelope rühmt, 
zugibt und gleichwohl zu seiner Gattin hinstrebt, so soll er damit andeuten, daß 



sj 157. Die ältere kynische Schule. 181 

er sich nach ihr sehne dcä t6 TTFQltfQova F.lvai, und daß er auch sie verlassen 
haben würde, wenn sie nur körperliche Schönheit aufzuweisen gehabt hätte. Zur 
Stütze dieser Deutung wird auf die Stelle Od. ß 20ü verwiesen, nach der die 
Freier um Penelope Ft'vey.a rfjc: ugz-rr/g streiten. In der dreifachen Mahnung der 
Athena an Ares (II. O 128 ff.) erkannte Antisthenes die Lehre wc, eT n :roüizei 6 oorpög, 
xuTÜ .-rüoar uoftIjv f'rto;'.^r (Einheitlichkeit der Tugend, s. oben S. 178), in der Trauni- 
erscheinung des Patroklos vor Achilleus (II. !F65f. : rj'/.ds 6' e.-ri r/'v/j] IJarooy./.rjog 
Sfi/.oTo .T«/r' avTfö iitysdös te xal o/.i/.iara xdÄ' ely.vTa y.i/^.) fand er die wissenschaft- 
liche These angedeutet, daß die Seelen den sie umgebenden Leibern an Gestalt 
gleich seien (s. oben S. 177) u. s. f. Ein anderes Mittel, den Dichter mit den 
Anforderungen philosophischer Anschauungsweise in Einklang zu bringen, Avar 
die wohl an die parmenideisehe Gegenüberstellung von 'A/.i'jOfiu und Jö^u sich 
anlehnende Unterscheidung von Stellen, die unmittelbar Wahrheit enthielten, und 
solchen, an denen der Dichter — hypothetisch — vom Standpunkte der gewöhn- 
lichen Meinung rede. Diese Unterscheidung bezeugt Dio Chrys. or. 36 (53 v. A.), 5 
(o dk köyog ovzog 'Avzcaßsvovg iati jiqÖxeqov, ort r« /.ih> 86^ r/, rä 8e ähjdsia 
FiQijzat T(ö :jot)]Z!j), der zugleich bekundet, daß auch hier wieder Antisthenes Vor- 
gänger Zenons und der Stoa gewesen ist. In anderen Fällen half er sich, seiner 
Bewertung der ovoindzcov F.-riay.sifng (s. oben S. 176) getreu, mit einer ad hoc vor- 
genommenen willkürlichen Interpretation eines Wortes. Ein Beispiel bildet die 
Erklärung des bei Homer von Odysseus ausgesagten rroXvrQn:rog (Schol. z. Odyssee 
)). 9, 25 ff. Dind., Antisth. fragm. 26 IMuU.), dessen Bedeutung ,, verschlagen" er 
durch eine andere: „verkehrsgewandt" (viele too'.to« der Rede und der Menschen- 
behandlung beherrschend) ersetzte. Spottete aber eine Dichterstelle durch allzu 
präzisen Ausdruck eines unmoralischen Gedankens jeder Harmonisierungskunst, 
so erfolgte eine :jaQa8i6i>do)oig, d. h. ihr Sinn wiu'de durch Änderung eines oder 
mehrerer Worte in sein Gegenteil umgebogen, oder es wurde ihr unter Wahrung 
des Metrums und im Anklang an die Originalstelle eine neue Sentenz entgegen- 
gestellt. Auch hierin hatte der Kyniker die Stoiker zu Nachfolgern (Plut. de 
aud. poet. 12 ; Antisth. fragm. 72). 

Die Darstellung der antisthenischen Lehre, wie sie hier gegeben worden ist, 
fußt im wesentlichen auf sicheren, ausdrücklichen Zeugnissen des Alterturas. 
Nur für wenige Punkte wurden platonische Stellen herangezogen, deren Beziehung 
auf den Kyniker Zweifeln unterliegt. Unser Bild des Philosophen und seiner 
Stellung in der geistigen Bewegung der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts 
gewinnt noch an Farbe, je nachdem man auch an weiteren Stellen Piatons An- 
spielungen auf ihn anzunehmen sich berechtigt glaubt. Daß beide Männer in 
scharfem Gegensatze zueinander standen, ist gewiß. Der mit der Ausbildung der 
platonischen Weltanschauung Hand in Hand gehende Unmut gegen die so- 
phistische Rhetorik und Dialektik, wie er im Gorgias und den zunächst folgenden 
Werken zutage tritt, mußte sich auch gegen Antisthenes wenden, und gegen 
diesen um so lebhafter, da er die Sophistik in den Sokratikerkreis hineintrug. 
Die Ausgestaltung der Ideenlehre, der gegenüber sich Antisthenes von seinen 
Grundvoraussetzungen aus nur schlechthin ablehnend verhalten konnte, ließ die 
Wege der beiden Philosophen noch weiter auseinandergehen. Auch der persön- 
liche Gegensatz zwischen dem Aristokraten und dem Befürworter proletarischer 
Lebensgewohnheiten mag mit eingewirkt haben. So hören wir denn von einer 
an Antisthenes' These, widersprechen sei nicht möglich, anknüpfenden Polemik, 
der der Kyniker eine eigene gegen Piaton gerichtete Streitschrift widmete, die er 
mit mehr Zynismus als Witz im Anklang an den Namen Piaton -üOwv (Groß- 
schwanz) betitelte (Diog. Laert. 3, 35, Athen. 5, 220 d; 11, 507 a; im Schriften- 



|s^o § o7. Die ältere kynische Schule 

Verzeichnis des A. bei Diog. 6. lÖ mit dem Nebentitel .-reol roü arTiUyEir). Daß 
Piaton eine literarische Autwort nicht schuldig blieb, ist anzunehmen, und so 
liegt die Vermutung nahe, daß die sarkastische Bekämpfung der Eristik im allge- 
meinen und insbesondere des Satzes wc ovx foziv arTt/Jyetr im platonischen 
Euthvdem auf Antisthenes abziele. Wenn es auffällt, daß der Gegner nicht mit 
Namen genannt ist, so ist das Gleiche in dem freilich viel jüngeren Dialoge 
Sophistes der Fall, wo die Ausdrücke -/eoörTov toT; öii'ifiaOrnt (251 b) und nnri 
Tidr ovTOiv Ttrö; tcpa-iroinro)' (259 dl deutlich auf einen bestimmten Gegner hin- 
weisen und der bekämpfte Satz, daß nur identische Urteile zulässig seien 
(;Karpoi'öiv ovx eüjriei dyai'lor /Jyeif ar&oconov, «/./.« tÖ (tkv dyador dyaOrir, tov Ai-- 
ärdoco:Tor äv&Qomov), eine von Aristoteles (s. oben S» 176) für Antisthenes be- 
zeugte, freilich nicht diesem eigentümliche Lehre ist. Neuere Jorscher haljen 
außer den genannten eine erhebliche Anzahl weiterer Platonstellen namhaft ge- 
macht, an denen sie — mit sehr stark abgestufter Wahrscheinlichkeit — Bezug- 
nahme auf Antisthenes vermuten. Am weitesten, zweifellos zu weit, geht 
Joi'l in seinem Werke Der echte und der xenophontische Sokrates, der übrigens 
auch die positive Beeinflussung Piatons durch Antisthenes, nicht nur seine 
Polemik gegen ihn, betont. Auf die einzelnen Stellen kann hier nicht eingegangen, 
es muß dafür vielmehr auf die im Literaturverzeichnis genannten Arbeiten ver- 
wiesen werden (Zusammenstellung bei Natorp in der Pauly-Wissowaschen Real- 
enzvklopädie |1894 erschienen), s. Literurverzeichnis S. 74'^ i. 

Noch verlangt ein bisher absichtlich übergangenes Zeugnis eine kurze Er- 
wähnung. Diog. Laert. bemerkt in einer zusammenfassenden Darstellung der 
kynischen Lehren 6, 104: ' Aqsay.ei ö' ainoTg (seil. roTg Kvviy.oTg) y.ai te/.o^ eivai 
tÖ y.nT uosTijv Cfiy, (•>•: ' Aviiödevrjg (prjalv iv to» 'Hoay.'/.fT, oiioiojg roTg Szioiy.oTg. 
Danach hätte schon Antisthenes wie später die Stoiker eine Telosformel aufge- 
stellt. Das ganze Referat über die kynische Lehre bei Diogenes 6, 103 ff. ist 
aber von der deutlich zutage tretenden Absicht behen'scht, dem Kynismus eine 
dem stoischen System möglichst nahestehende Dogmatik zuzuschreiben. Sie geht 
auf eine Zeit zurück, in der man begann, im Kynismus nur eine bestimmte Art 
der Lebensführung zu erblicken im Gegensatze zum Stoizismus, dem man eine 
philosophische Theorie zuerkannte, und sie erhebt gegen diese Auffassung aus- 
drücklich Einspruch. Sie setzt also den Stoizismus bereits voraus, wie sie deim 
auch mit der erst von Xenokrates aufgebrachten und von den Stoikern über- 
nommenen Dreiteilung der Philosophie rechnet und die stoische Adiaphorie (vgl. 
Dyroff, Ethik der alten Stoa S. 43. 5) den Kynikern leiht. Die Telosformel 
wird demnach aus einer Stelle des antisthenischen Herakles in ähnlicher Weise 
abgeleitet sein, wie man aus Plat. Theaet. 176 ab eine platonische Telosformel 
konstruierte (s. oben S. 6). — Wie weit Antisthenes' Schüler 

Diogenes von Sinope die kynische Lehre ausgestaltet und fortgebildet hat, 
ist schwer zu entscheiden, da in den antiken Berichten über ihn das Bild 
des Lehrers und Schriftstellers fast völlig von dem des typischen Vertreters 
kynischer Lebensführung überdeckt wird. Daß er als Lehier wirkte, wird 
gesagt. Die Überlieferung läßt ihn in Korinth die Söhne des Xeniades, dem 
er als Sklave verkauft worden sein soll , erziehen , und weiß auch von 
Schülern zu melden , die er in Athen durch den unwiderstehlichen Keiz 
seiner Rede fesselte (Diog. Laert. 6, 30 f. 74. 75 f.). Auch schriftstellerische 
Tätigkeit ist bezeugt. Diog. Laert. 6, 80 gibt zwei sich nur in wenigen Titeln 
deckende Schriftenverzeichnisse, von denen er das eine, kritisch gesichtete, als das 
des Sotion is. oben ^^. 24 1 bezeichnet, bemerkt aber, daß Sosikratea und Satyros 
dem Diogenes alle Schriften absprachen. Dem steht für die Politeia das Zeugnis 



§ 3.. Die ältere kynische Schule. 183 

des Stoikers Kleanthes (fragm. ')90 v. A.) entgegen. .ledenfalls ist es falsch, in 
cleni geschichtlichen Diogenes lediglich den in derben Witzen sich ergehenden 
Kulturvcräehter und praktischen Moralisten zu erkennen. Schon die Existenz 
von Schülern des Diogenes, die bei ihm ausharrten und später selbst den Kynismua 
in Wort und Schrift verbreiteten, zeigt, daß er mehr geboten haben muß als ge- 
salzene Apophthegraen und Sonderbarkeiten äußeren Gebarens. Auch Eubulos' 
Bericht über die Erziehertätigkeit des Diogenes bei Xeniades iDiog. Lacrt. 6, 30) 
beAveist, mag er auch fiktiv sein, doch immerhin, daß man die Pflege der üblichen 
Wissensfäeher des Jugenduuterrichtes sehr wohl mit der Vorstellung von dem 
Kyniker zu vereinigen vermochte. Eine Fortbildung des Kynismus in Lehre und 
Lebensführung durch Diogenes tritt uns nach der Überlieferung in vier Punkten 
•entgegen, die zwar mehr oder minder in der Konsequenz antisthenischer An- 
schauung liegen, aber doch jjositiv bei Antisthenes noch nicht nachzuweisen sind. 
Zwei dieser Punkte berühren die Theorie, die beiden anderen das persönliche 
praktische Verhalten. Von den beiden ersten ist der eine sozialer Art. Weiber 
und Kinder sollen gemeinsam sein, die Ehe aufgehoben werden (Diog. 
Laert. 6, 72 ydiwr injdh'u rofii^cor'^}, Vgl. Diog. Laert. 6, 11 von Antisthenes: 
yairt'ioFtr Tf rör oofför (s. oben S. 179) und der Geschlechtsverkehr nach jeweiliger 
freier Vereinbarung erfolgen. Der zweite Punkt liegt auf dem Gebiete der Politik. 
Die Opposition des Halbatheners Antisthenes galt noch der den Wert der dgert'i 
nicht anerkennenden Verfassung des geschichtlich gegebenen Staates, nicht seiner 
nationalen Beschränkung. Der Bürger der im Barbarenlande gelegenen griechi- 
schen Kolonie Siiiope erklärte, er sei Weltbürger (Diog. Laert. 6, 63) und gab 
damit die folgenreiche Losung für die weitere Politik des Kynismus und der in 
seinen Spuren gehenden Stoa. In seinem praktischen ^'erhalten zeigte Diogenes 
eine Verschärfung der kynischen Züge seines Lehrers, den er, wie Dion Chrysost. 
8, 2 angibt, einer mit seinen Reden nicht übereinstimmenden Weichlichkeit zieh 
und eine Trompete nannte, die ihren eigenen Klang nicht höre. Die von Gleich- 
gültigkeit gegen äußere Kulturgüter getragene Bedürfnislosigkeit genügte ihm nicht. 
Es galt den .tojoc aufzusuchen und im Kampfe mit ihm sich zu stählen. So be- 
gründete er die kynische Askese (Diog. Laert. 6, 23. 34. 70. 71. Dio Chrys. 
8, 12 ff. Julian 6 S. 252, 15 ff. H. u. a.), die sich von derjenigen mystischer 
Eichtungen sehr wesentlich dadurch unterschied, daß ihr keinerlei Feindschaft 
gegen den Leib, sondern lediglich die Absicht zugrunde lag, durch Abhärtung 
die kynische Freiheit und vernunftgemäße Erhebung über die den gewöhnlichen 
Menschen knechtenden verfeinerten Lebensgewohnheiten zu sichern. Den vierten 
Punkt bildet die kynische Schamlosigkeit. Auch sie liegt in der Richtung 
der sophistisch-antisthenischen Loslösung vom Geltenden, hat aber ihre Besonder- 
heit darin, daß bei ihr das Bestreben, mit traditionellen Vorurteilen aufzuräumen, 
liinter dem Behagen zurücktritt, die primitivsten Empfindungen des Kultur- 
menschen in „zynischer' W^eise zu brüskieren. Von dem Grundsatze ausgehend, 
daß, was überhaupt zu tun statthaft sei, auch (iffentlich zu tun erlaubt sein müsse 
(Diog. Laert. 6, 69), sprach Diogenes den Geboten des Anstandes Hohn, und dieser 
Hohn war um so schroffer, wenn der Kyniker zu diesem Statthaften Handlungen 
rechnete, gegen die das sittliche Gefühl sich sträubte, wie die von Diog. Laert. 6, 
46. 69 und anderen antiken Autoren berichtete Masturbation. 

Die hier an der Hand der antiken Tradition gegebene Charakteristik des 
Diogenes wird in ihren (^rundzügen richtig sein, so sehr man auch im Auge 



*) So ist wohl mit Coliet zu lesen statt der Vulgata /nj/ih- dfoud^my. 



2S4 § •^•"- -Die ältere kynische Schule. 

bthalteii muß, daß jene Tradition in ihren Einzelheiten das Gepräge der Legende 
trägt. Das kynische Original, das Diogenes auf jeden Fall gewesen ist. lockte 
dazu, sein Bild mit allen den Erfindungen der Phantasie zu bereichein. die ge- 
eignet waren, den Ponosfreund, philosophischen Proletarier und Kulturverüehter 
in grelleren Farben und schärferen Umrissen hervortreten zu lassen. So lebte er 
in der Nachwelt fort als der Kyniker y.ux e^o-pir und als Träger alles dessen, 
was sich im Sinne des Kynismus denken, sagen und tun ließ, und Diogenes 
Laertios, Dion Chrysostomos in seinen Diogenesreden (or. 6, 8. 9. 10), Julian tor, 
(i. 7) u. a. bieten in dem, was sie an Äußerungen und Handlungen von ihm be- 
richten, eine Fundgrube allgemein kynischer Motive. Den Grundzug bildet dabei 
das .-( aouyaoÜTTEiv ro v6/iitoua, die Umprägung der Münze, die Um- 
wertung der Werte, ^voig und vöko; (Brauch) stehen bei ihm wie bei den 
Sophisten zueinander im Gegensatze. Was der Brauch mit dem Stempel hohen 
Wertes versehen hat, muß vernünftige Erwägung auf Grund seiner natürlichen 
Beschaffenheit mit dem Stempel des Gegenteiles kennzeichnen und umgekehrt. 
Dahin gehören neben vornehmer Geburt, sozialer Stellung, Reichtum und Be- 
quemlichkeit des Lebens auch der übliche Glaube und Kultus und die herkiimm- 
liche Bildung in Wissenschaft und Rhetorik so gut wie die Virtuosität kTirper- 
licher Leistungen im Athletentum. Im Gegensatze zur zivihsierten Hellenenwelt 
lehren die Tiere und die Barbarenvcilker was naturgemäß ist, und in mythischer 
Vorzeit bietet Herakles in seinem von :i6voi erfüllten Leben ein zur Nacheiferung 
mahnendes Ideal. Insofern der Kyniker durch Beispiel und Rede das natürliche 
Verhalten einschärft, ist er Seelenarzt und Menschenheiland. 

Diogenes' Schüler Monimos, Onesikritos, PliUishos und Krafes und sein 
Enkelschüler Metrokies sind für die Geschichte des Kynismus in erster Linie diu'ch 
ihre Schriftstellerei bedeutsam, obwohl man von der Mehrzahl unter ihnen ebenso^ 
wie von der durch ihren Gatten Krates dem Kynismus zugeführten Schwester des 
Metrokies, Hipparcliia, auch hinsichtlich ihres praktischen Verhaltens Kynisches 
zu erzählen wußte. An Diogenes ist literarisch zunächst 

Phtlisküs anzuschließen, da er neben Dialogen (Suidas s. v. 'Pi/Jaxa^] nach 
Satyros (Diog. Laert. G, 80, vgl. .Julian or. 6 S. 272, 25 ff. 274. 22 f. Hertl.) die 
sieben später unter seines Lehrers Namen umlaufenden Tragödien verfaßte, in 
denen er unter parodistischer Verwendung von Form und Stoffen des großen 
Bühnenspiels, aber selbstverständlich nur für ein Leserpublikum , in besonders 
krasser Weise (s. .Julian a. a O.) kynische Paradoxa vertrat, wie (im „Thyestes") 
die Zulässigkeit des Genusses von Menschenfleisch und wahrscheinlich (im 
„Oidipus-') die Statthaftigkeit des Geschlechtsverkehrs zwischen Eltern und Kindern. 
In anderer Richtung lag die schriftstellerische Wirksamkeit seines Vaters 

(Jtiesikritus. Als Obersteuermann des Nearchos an Alexanders d. Gr. in- 
discher Expedition beteiligt, schrieb er eine stark romanhafte Alexandergeschichte. 
Wie weit er hier im ganzen seinem kynischen Bekenntnis Ausdruck gab, ist nicht 
mein- auszumachen, .ledenfalls lieh er, wie Antisthenes das kynische Ideal in den 
fernen Osten verlegend und zugleich im Sinne der diogenischen ßarbarenverherr- 
lichung, den indischen Gy mnosophisten kynische Züge und schuf 
damit ein in der Literatur der Folgezeit mehrfach hervortretendes Motiv. Von 
ungleich tieferer Nachwirkung war die literarische Tätigkeit der drei noch übrigen 
Männer dieses Kreises. 

Metrokles verfaßte, wie es scheint als Begründer dieses Literaturzweiges, 
Chrien, d. h. er stellte witzige Aussprüche und Handlungen bestimmter Personen, 
vor allem doch wohl des Diogenes, zusammen und trug dadurch unmittelbar und 



i; :]8. Die kyrenaische Schule. 185' 

durch den Weiterbestand der literarischen Gattung auch mittelbar wesentlich zur 
Prägung des Kynikertypus bei. Im Witze berührten sich mit den Chrien die von 

Krates aus Theben verfaßten Iluiyviu (Scherzgedichte), iji denen er in 
l>arodierender Benutzung von Versmaßen und sprachlichen Wendungen des Epos, 
der Elegie und der Tragödie — in letzterem Punkte dem Beispiele des Diogenes- 
Philiskos folgend - teils das kynische Leben pries, teils (in Anlehnung an die 
homerische Nekyia) Philosophen anderer Richtung eine spottende Eevue passieren 
ließ. Die erhaltenen Fragmente (s. S. 174) geben uns von der Art dieser Poesie 
noch ein leidliches Bild. In der gleichen Gattung betätigte sich auch 

Monimos. Die bei Diog. Lacrt. 6, 8o vorliegende Bezeichnung seiner Scherz- 
ßchrift als Tiuiyvia ojiovSfi keXrj&v ia /^tsimyfieva trifft den Grundcharakter 
dieser ernsten Inhalt in lustiger Einkleidung darbietenden Literatur. Die Aus- 
gestaltung und Verbreitung des arrovöoye/.oior bildet einen wichtigen Zug der 
folgenden Periode des Kynismus, die uns in § 59 beschäftigen wird. 

s? 88. Die kyrenaische Schule. Aristippos von Kyrene- 
ist in seiner Lehre von der Sophistik und von Sokrates, zu 
dessen 8chulerkrei.se er gehörte, abhängig. Der ersteren ent- 
stammt sein Sensualismus und der darauf gegründete Hedo- 
nismus im allgemeinen. Die Färbung dieses Hedonismus ist 
sokratisch, besonders in der Bedeutung, die der Einsicht für 
die Erreichung des hedonischen Zieles beigemessen wird. 

Einzig und allein unsere subjektiven Empfindungen, so 
lehrten die Kyrenaiker, sind uns gewiß. Deshalb können auch 
nur sie die Richtschnur für unser Handeln bilden, das natürlicher- 
weise die Her vorruf ung angenehmer Empfindungen, d. h. Lust- 
gefühle, sich zum Ziele setzen muß. Die Lust bestimmte 
Aristippos als glatte (sanfte) Bewegung im Gegensatze zu 
der der Unlust gleichgesetzten rauhen (stürmischen) Bewegung 
und der hinsichtlich Lust und L^nlust indifferenten Bewegungs- 
losigkeit. Sein Ziel ist also die positive, und zwar die ein- 
zelne, gegenwärtige Lust, nicht ein bloß unlustfreier Ge- 
samtzustand. Diese Lust ist immer wertvoll, mag sie auch aus 
Handlungen entspringen, die von der herkömmlichen Anschauung 
als unsittlich verj)önt sind. Wesentliches Mittel der Lusterzeugung 
ist die Einsicht, die den Weisen befähigt, jede Lage zu nutzen, 
selbst dürftigen und ungünstigen Verhältnissen Lust abzu- 
gewinnen und bei aller Genußfreudigkeit sich von der Beherr- 
schung durch den Genuß frei zu erhalten. In der damit 
gegebenen Unabhängigkeit von dem Äußeren berührt sich der 
kyrenaische Weise trotz des Gegensatzes der Grundlehren mit 
dem kynischen. 

Unter Aristippos' Nachfolgern rückte Theodoros mit dem 
Beinamen Atheos die Einsicht als Quelle der Freude noch 
entschiedener in den Vordergrund und erklärte die (einzelne) 



ISO § '^8. Die kyrenaische Schule. 

l.iist und Unlust für indifferent. Hinsichtlich der Befreiung 
vom Herkömmhchen erregte besonders seine Bekämpfung des 
( i ötterglaubens Aufsehen, in der er bis zur Leugnung eines 
gottliclicn Wesens überhaupt vorging. Hegesias verzweifelte 
im Hinblick auf die Übel des Lebens an der Möglichkeit positiver 
(rlür-kseligkeit und bestimmte — im Unterschiede von Aristippos 
— das Ziel negativ als Freiheit von Unlust und Betrübnis, 
w (tzu die (Tleichgültigkeit gegen die das einzelne Lustgefühl her- 
\orrnfendon Dinge die Voraussetzung bildet. Annikeris setzt(^ 
wiederum die positive Lustempfindung zum Ziele, legte aber 
großes (xcAvicht auf die durch Freundschaft, Elternverehrung, 
\aterlandsdienst u.a. gewährte sympathische Lust, die erder 
nötigen ()])fer an idiopathischer Lust für wert hielt. 

Ein Zusammenhang des Euhemeros mit den Kyrenaikern 
ist durch kein antikes Zeugnis verbürgt. Er sah in den Göttern 
des griechischen Mythos kluge Machthaber der Vor- 
zeit, die den religiösen Kultus ihrer Person anordneten. Diese 
Auffassung beruht wahrscheinlich in letzter Linie auf ägyptischen 
Anschauungen, zeigt aber in der Zurückführung des Götter- 
glaubens auf eine Maßregel der Staatsklugheit einen sophistischen 
Einschlag (Kritias), dw m()glicherweise durch die kyrenaische 
Schul»' vermittelt ist. 

Atistipjjüü und Aristippecr. Antike Nachrichten über Leben, Lehre 
und Schriften des Aristippos und der Mitglieder seiner Schule: 
Diog. Lai-rt. 2, 05 — 104 (hier 2, 88 ff. Schriftenverzeichnisse des Aristippos [über 
die Schrift 'AgioTirr.-rn; .ifoI na'/.aiä: rgvifijg, die den Namen des Hedonikers nicht 
als Verfassern amen trug, o. S. 22f.|; 2, 8t) ff. doxographischer Abschnitt). Vgl. 
-auch Suidas s. v. Aoi'otiji.-to^, 6)s6öo)ooi ö i.-ti'x/.i/r äüfo;, 'Arvixent;. LTber die 
Lehre der Kyrenaiker neben Diog. Laert. auch Sext. Emp. adv. math. 7, 11. 190 ff., 
Euseb. praep. ev. 14, 18, 31; 19, 1 ff. (nach Aristokles), Clem. Alex, ström. 2, 21, 
130. 7 f.. S. 184. 18 ff. St. (über die Annikereer). Doxographie: Diels Doxogr. 
(ir., 8. Index s. v. Aristippus. Weitere Quellen bei Zeller, Philos. d. Gr. II 1* 
8. 336. Anm. 2 ff. Über die in Frage kommenden Platonstellen (Theaet. 156 äff. 
Phileb. :i6c ff. 43d. 53c) s. unten S. 188. 189. 

Schriften nicht erhalten. Die gefälschten Briefe des Aristippos an andere 
Sokratiker und an seine Tochter Arete s. bei Mullach fragm. philos. Graec. II 
414 ff. und bei Hercher, Epistologr. Graeci, unter den Briefen des Sokrates und 
der Sokratiker S. 617 ff. Apophthegmen bei Mullach. Fragm. philos. Graec. II 

4Ct5 if. 

Porträt des Aristippos: J. J.BernouUi, Griech. Ikonogr. II 8ff. Fr. Winter, 
Festfichr. f. Th. Gomperz S. 436 ff. S. auch unten zu Aristoteles i; 46. 

Eulieiiit ins. Antike Nachrichten über Leben und Schrift des 
Euhemeros: Hauptquelle Diodor. Sic. .5, 41 — 46; 6, 2 (Euseb. praep. 2, 2, 
52 ff.). Weitere Quellen bei Zeller, Phil. d. Gr. II 1* S. 343. Anm, 1, Ncmethy 
in der Einleitung der Fragmentsammlung (S. 37 ff. Testimonia veteriimi und 
Jacoby, Artikel Euemeros 3 bei Pauly-Wissowa (S. 954). 

Schrift: Nur Fragmente erhalten, gesammelt bei Wesseling (s. Liter. S. 76*) 
und in: Euhemeri reliquiae. Coli, prolegomenis et adnotationibus instruxit Geyza 
Neinethy, Budapest 1889. Dazu Addenda in: Egyetemes philologiai közlöni 17 



§ R8. Die kyrenaische Schule. 187 

<189o). 1—14. Zu Xfmethys Fragiuentsaninilung vgl. jedoch Jacoby a. a. O. 
S. 954 f. Beste der Übersetzung des Ennius: Ennianae poeseos reliquiae rec. 
J. Vahlen«, Lips. 190:!, S. CCXX— CCXXIV, 223-229. 

Arisfippos stammte aus der reichen und üppigen Stadt Kyrene, und es ist 
nicht unwahrscheinlich, daß die Lebensgewohnheiten seiner Heimat für ihn zur 
Ausbildung seiner Lustlehre mitbestimmend waren. Daß er mit der sophistischen 
Bildung der Zeit bekannt wurde, ist aus seiner Lehre zu schließen. Positiv ül>er- 
liefert ist nur sein Verkehr mit Sokrates, zu dessen eigentlichem Schüler kreise er 
gehörte. Piatons Angabe (Phaedo 59c), daß er bei Sokrates' Tode nicht anwesend, 
sondern in Aigina war, braucht nicht (mit Diog. Lai-rt. 3, 36 u. a.) als Tadel ver- 
standen zu werden. Wohl aber läßt sich bei der Eigentümlichkeit seiner philo- 
sophischen Richtung annehmen, daß sein Verhältnis zu anderen Sokratikern nicht 
das beste war. Erschwerend kam noch hinzu, daß er als erster unter den Schul- 
genossen der sophistischen Praxis gegen Geld zu lehren sich anschloß (Diog. 
Laert. 2. 65). So bezieht wohl mit Recht Natorp die Bemerkung in Xenophons 
Mem. 1, 2. 60 auf ihn. Von seinem Leben ist wenig bekannt. Hervorzuheben 
ist, daß er nach Sophistenart ein Wanderleben führte. Vermutlich mit Rücksicht 
■darauf, vielleicht auch auf seinen bezahlten Unterricht, rechnet ihn Aristoteles 
Metaphys. 2. 2, 996a '^2 zu den Sophisten. Mehrfach bezeugt ist sein Aufent- 
halt am Hofe des älteren und des jüngeren Dionys in Syrakus. Was 
davon und insbesondere von seinem Zusammentreffen mit Piaton im einzelnen 
erzählt wurde, sind Anekdoten, die den fügsamen Servilismus des geistreichen 
Hedonikers, z. T. im Gegensatze zu dem rücksichtslosen Freimut des sittenstrengen 
Idealisten, veranschaulichen sollen (Diog. Laert. 2, 78 u. ö.). Daß er längere 
Zeit auch in seiner Vaterstadt lehrte, läßt der Xame der von ihm gegründeten 
Schule der Kyrenaiker erkennen. Auch ist für zwei Mitglieder dieser Schule 
Kyrene. für eines Ptolemais (vielleicht das an der kyrenaischen Küste gelegene, 
jedenfalls doch wohl eine der afrikanischen Städte des X'amens) als Heimat be- 
zeugt (Diog. Laert. 2, 86). Die Schule erhielt sich durch mehrere Generationen, 
indem Aristippos neben Aithiops und Antipatros seine Tochter Arete, diese selbst 
wieder ihren Sohn Aristippos (den ii>]Too6i6uy.rog) zu Schülern hatten. An Anti- 
patros schlössen sich durch Vermittlung zweier einander folgender Zwischenglieder 
Hegesias und Annikeris an. In Berücksichtigung der Modifizierungen des hedo- 
nischen Bekenntnisses gaben sich die Schulmitglieder neben der Gesaratbezeich- 
nung als Kyrenaiker noch die Sondernamen Hegesiaker, Annikereer, 
Theodore er (Diog. Laert. 2, 86). 

Die chronologischen Verhältnisse des Aristippos bestimmt H. v. Stein (in 
der im Literaturanhang angeführten Dissertation) im ganzen wohl richtig dahin, 
•daß er um 435 geboren, seit 416 in Athen, 399 in Aigina. 389 — 388 mit Piaton 
bei dem älteren, 361 mit ebendemselben bei dem jüngeren Dionys und endlich 
nach 356 wiederum in Athen gewesen zu sein scheine, betont jedoch (Sieb. Buch, 
zur Gesch. des Piatonismus, II, S. 61) die Unsicherheit der Überheferung, 
worauf die Annahmen sich gründen. Xach Diog. L. 2, 83 war Aristippos älter 
als Aißchines. 

Der Lehrwirksamkeit des Aristippos ging eine schriftstellerische Tätig- 
keit zur Seite, hinsichtlich deren zu bemerken ist, daß in ihr die Abfassung 
i5okratiseher, d. h. Sokrates als Mitunterredner einführender Dialoge aller Wahr- 
scheinlichkeit nach fehlte (vgl. Diog. Laert. 2, 84 f f . mit 2, 64 und s. Zeller II 1*, 
344, 1, Hirzel, Dialog I 109, 1), was sich mit der Annahme in Einklang befände, 
daß Aristip230s trotz der Herleitung seiner Lehre aus der des Sokrates sich gleich- 



][^c; § 3S. Die kyrenaische Schule. 

■wohl einer eihcblicheii Entt'eriuuig vom innersten Geist und Wesen des sokra- 
tischen Philosophierens bewußt war. Die Angabe des Sosikrates und anderer, 
Ungenannter, daß Aristippos überhaupt nichts geschrieben habe (Diog. Laert. 2. 
S3ff.), kann gegen gewichtigere Zeugnisse für seine Schriftstellerei (Sotion und 
Panaitios sowie die Schriftenkataloge bei Diog. Lacrt 2, 84 f.) nicht aufkommen. 
Damit fällt eine Stütze der Ansicht, daß der aristippische Hedonismus erst 
später (durch den Enkel) seine theoretische Ausgestaltung erhalten habe. Die 
Stelle Euseb. praep. ev. 14, 18, 31, die den Hauptanlaß zu dieser Vermutung 
gegeben hat, erklärt sich so, daß Aristippos noch nicht, wie sein Enkel, in An- 
wendung der später in den verschiedenen Philosophenschulen üblichen Systematik 
und Terminologie die Lust als „Tclos" bezeichnete.* Auch ist der sogleich zu 
besprechende relativistisch-sensualistische Unterbau der kyrenaischen Ethik schwer- 
lich von dem älteren Aristippos, der Protagoras' Lehre und unmittelbare Nach- 
wirkung noch erlebte, verabsäumt und erst von einer dritten Generation der Lustlehre 
untergelegt worden. Immerhin bleibt auffallend, daß Aristoteles Eth. Nie. 10, 2, 
1172 b 9 (vgl. 1, 12, 1101b 27) lediglich Eudoxos als Vertreter des Lustprinzips 
erwähnt und des Aristippos nur gelegentlich in anderem Zusammenhange ge- 
d(-nkt; doch läßt sich dies daraus erklären, daß Eudoxos als Mitglied der plato- 
nischen Schule Aristoteles näher stand. Jedenfalls besteht kein Anlaß anzunehmen^ 
daß nicht Arifetippos selbst die kyrenaische Lehre in ihren Grundzügen festgelegt 
habe. Sein persönliches Eigentum auszuscheiden ist heute nicht mehr möglich, 
da unsere Hauptquellen, Diogenes Laertios und Sextos Emp., nur die allgemein 
kyrenaische Lehre wiedergeben und dabei Gesichtspunkte und Termini späterer 
Zeit in Anwendung bringen. In einem Punkte scheint allerdings, obwohl sich in 
der Überlieferung auch hier (in der Gegenüberstellung von aiosid und q svxtä} 
erst von Aristoteles an übliche philosophische Fachausdrücke vorfinden, die alte 
unmittelbar aristippische Lehre ans Licht zu treten. Die Kyrenaiker teilten näm- 
lich nach Sext. E. adv. math. 7, 11 ihre Ethik in fünf Teile: 1. über das, was 
zu begehren und zu fliehen sei (die Güter und Übel, aigszä y.at f/evy.iu); 2. über 
die Affekte (.-r«(V>;); 3. über die Handlungen (n'oci^eig); 4. über die (Xatur-)Ursachen 
(ahia); 5. über die Bürgschaften der Wahrheit (:iioT£ig). Sie nahmen also Probleme, 
die sonst, Avie die ai'tia, der Physik oder, wie die .liazsig, der Logik zugewiesen 
wurden, in die Ethik mit auf, was wohl nicht mit den Gewährsmännern des 
Sextos so zu verstehen ist, daß sie die Logik und Physik als für die Erreichung 
der Glückseligkeit wertlos verwarfen, sondern so, daß dem Urheber dieser Ein- 
teilung die nach Sext. a. a. 0. 16 erst durch Xenokrates, die Peripatctiker und 
Stoiker in Aufnahme gekommene Unterscheidung von Logik, Physik und Ethik 
noch nicht geläufig war. 

Wie die antisthenische, so vereinigte auch die aristippische Lehre sophi- 
stische und sokratische Elemente. Im wesentlichen protagoreisch ist ihre 
Erkenntnislehre. Nach Sext. Emp. adv. math. 7, 191 ff. schieden die Kyrenaiker 
To näUng und tu sHiäg y.u'i zov ^rädovg :iou]Tiy.6v (die Affektion [die Empfindung] und 
das außer uns vorhandene „Ding an sich'', welches uns affiziert). Nur unsere 
Empfindung ist uns offenbar (uorov rö m'iDog ))/nr fotc fpaivöiiErov), das verur- 
sachende Ding hingegen existiert zwar, aber Avir wissen von ihm nichts Näheres. 
Ob die f>mpfindungen anderer Menschen mit den unsrigen übereinstimmen, steht 
dahin. Die Gleichheit der Namen für die nämlichen Objekte beweist es nicht. 
Dieser erkenntnistheoretische Subjektivismus, dessen genauere Ausführung vielleicht 
Piaton in seinem Theaitet (s. besonders 156 a ff.) berücksichtigt (so nach Sehleier- 
machers Vorgang Dümmler und Natorp unter dem Beifall Zellers, Philos. d. Gr. 
I** 1098 f.), diente nun wie bei den Sophisten der jüngeren Generation einer sub- 



§ :58. DiL- kyrenaische Schule. 189 

jektivistischen Ethik zur Unterlage. Wenn wir nur unserer individuellen Emp- 
findungen gewiß sind, so können auch nur sie die Norm für unser Handeln 
geben luid dieses Handeln nur individuelle, und zwar selbstverständlich angenehme, 
Empfindungen zum Ziele haben. Des Näheren führten die Kyrenaiker ihre P2thik 
folgendermaßen aus. Sie unterschieden drei Zustände, die glatte (sanfte) Be- 
Avegung, die rauhe (stürmische) Bewegung und die Bewegungslosigkeit — der 
jüngere Aristippos zog nach Eiiseb. praep. ev. 14, 18, 32 den mäßigen, der Schiffahrt 
günstigen Seewind, den Seesturm und die Windstille zum Vergleiche heran — . 
Die glatte Bewegung setzten sie der Lust, die rauhe der Beschwerde (jroVo?), die 
Bewegungslosigkeit dem indifferenten, von Lust und Beschwerde freien Zustande 
gleich. Nach dieser Bestimmung kann die rauhe Bewegung als Ziel nicht in 
Frage kommen. Aber auch den indifferenten, bewegungslosen Zustand verwarfen 
die älteren Kyrenaiker im allgemeinen als einen dem Schlafe ähnlichen und unter- 
schieden sich dadurch wesentlich von Epikur, der die Lust in der Schmerzlosigkeit 
erkannte und diese ruhende {y.aTanDj/iarr^i'j) Lust zum Ziele setzte (Diog. Laert. 
■2, 87). Allerdings gab es schon zu Piatons Zeit Hedoniker, die wie später 
Hegesias die höchste Lust in dem u/a'jico? 8taTs?.eTv ror ßi'ov äjtavTa fanden (Plat. 
Phileb. 43 d). Für die ältere Schule im ganzen war aber die positive Lust 
das ethische Prinzip, und zwar die einzelne gegenwärtige Lustempfin- 
dung. Insofern Empfindungen vergangen oder zukünftig sind, kommen sie als 
Lustempfindungen nicht in Betracht, da das Vergangene nicht mehr, das Zu- 
künftige noch nicht da ist. Wieder im Unterschiede von Epikur sprechen sie 
«omit der Erinnerung an das vergangene Gute und der Erwartung des zukünf- 
tigen Guten den Lustcharakter ab. Daher ist ihnen die Glückseligkeit, die als 
Inbegriff aUer Lustgefühle auch die vergangenen und zukünftigen einschließt, 
nicht unmittelbar und um ihrer selbst willen, sondern nur um der in ihr ent- 
haltenen einzelnen Lustempfindungen willen erstrebenswert, von denen jede zu 
ihrer Zeit einmal gegenwärtig ist. Mit dieser Beschränkung der Lust auf die 
Gegenwart mag es zusammenhängen, daß die Kyrenaiker körperliche Lust und 
Unlust höher bewerteten als seelische; denn die körperlichen Empfindungen siQ,d 
durchaus Gegenwartsaffekte, während in die seelischen Vergangenheits- und 
Zukunftsmomente in weitem Maße hereinspielen. Auch nahmen sie an, daß im 
allgemeinen die seelischen Lust- und Unlustgefühle solche körperlicher Art zur 
Grundlage und zum Anlasse haben. Im übrigen galt ihnen jede Lust der andern 
gleich, und insbesondere war ihnen für das Wesen einer Lust als solcher be- 
langlos, ob sie in einer (nach herkömmlichem Urteil) statthaften oder unstatt- 
haften Handlung ihren Ursprung habe — vom Standpunkte ihrer Erkenntnis- 
theorie völlig konsequent, da die Qualifizierung unserer Handlungen nicht zu dem 
in der Empfindung unmittelbar Gegebenen gehört. Hierher ist wohl auch die 
Leugnung falscher Lustgefühle zu ziehen, der Piaton Phileb. 36c ff. in einer 
eingehenden Erörterung entgegentritt. In demselben platonischen Dialoge 53 c 
wird man übrigens die These, daß die Lust ein Werden [= Bewegungl ist, ver- 
mutungsweise für Aristipp in Anspruch nehmen dürfen, besonders in Anbetracht 
der Verbindung, in die im Theaitetos der vielleicht aristippische Sensualismus mit 
der heraklitischen Lehre gebracht ist. 

Soweit betrachtet macht die kyrenaische Doktrin den Eindruck einer grob- 
sinnlichen Genußlehre, die an sittlichem Indifferentismus der im platonischen 
Gorgias gegeißelten sophistischen Hedonik, mit der sie auch die Entgegensetzung 
von ((voi? und v6i.iog teilt (Diog. Laert. 2, 93), nichts nachgibt. Aber in ihrer 
weiteren Ausführung erhält diese Genußlehre Bestimmungen, die ihr Gesamt- 
gepräge erheblich verändern. Hier kommt der sokra tische Ausgangsf>unkt 



]if(l § .'58. Die kvrenaische Schule. 

der aristippischen Philosophie zur Geltung. Daß Sokrates' Eudämonisuuis ein 
htarkes hedonisfhes Element enthält, ist unleugbar 'vgl. oben S. 156 f., Maier. 
(sokrates S. SlUff.l. Aber dieser Hedonismus war utUitaristiseh orientiert : der wahre 
Nutzen als Quelle der htichsten Lust stand über der Lust des Augenblicks. Hier 
folgt Aristippos seinem Lehrer, ohne an der Schwervereinbarkeit dieses Stand- 
punktes mit seinem Prinzip der (iegeuwartslust Anstoß zu nehmen. Er und 
feine Schule erkennen an, daß unter Umständen Lust nur durch Unlust erlangt 
werden kann oder ihrerseits Unlust zur Folge hat, wie bei Begehung verpönter 
Handlungen, die Strate oder Mißachtung nach sich ziehen. Der Weise wird in 
seinem Verhalten dem Kec-hnung tragen, also doch, im Widerspruch mit dem 
Grundsätze der Gegenwartslust, zukünftige Lust und Jjnlust in Anschlag bringen. 
So kann Aristippos von Sokrates die Hochschätzung der Einsicht übernehmen, 
nicht um ihrer selbst willen, sondern um dessen willen, wa-s sie für den Lust- 
erwerb leistet: der Weise führt kraft seiner Einsicht in der Regel ein lustvolles, 
der Tor ein unlustvoUes Leben (Diog. L. 2, 90 f.). Weiter verfolgt würde die Berück- 
sichtigung der durch Unlust erworbenen Lust und der durch Lust hervorgerufenen 
T'nlust zu jener auf Lust- und Unlustempfinduugen angewandten Meßkunst 
führen, die Piaton im Protag. 357 a ff. seinen Sokrates schildern läßt. Aber so 
konsequent verfuhr Aristippos nicht. Wenigstens zeigt die Angabe bei Diog. 
Laert. 2, 66: curiÄuve itkv . . . t)don'j; twv .-ranöiTwv , ovx tdt'jga de .-r6vo> rijr 
iiaö'/.ui-oiv 7ÖJV or .Taooirwr wieder ganz das Prinzip der reinen Gegenwartslust. 
Hier tritt eben das Widerspruchsvolle seines Standpunktes zutage. 

Mit der Betonung der Einsicht war auch der Weg zu einer Tugend lehre 
eröffnet, über deren Ausbau durch Aristippos im einzelnen nichts überliefert ist. 
Nur erfahren wir, daß die Tugenden, deren Wert natürlich in ihrer Luslwirkung 
liegt (Cic. d. off. 3, 116), nicht durchweg mit der Einsicht Hand in Hand gehen 
und körperliche L'bung ihier also doch wieder der nömc) zum Erwerbe der 
Tugend beitragen sollte (Diog. Laert. 2, 91). 

Aber der sokratische Geist greift in der aristippischen Hedonik noch weiter. 
Einsicht setzt Bildung voraus, die die Kyrenaiker freilich schon nach ihrer 
erkenntnistheoretischeu Grundlehre nicht im Sinne der Wissenschattspflege 
empfehlen ki'innen, wohl aber im Sinne der Veredlung des Empfindens und der 
Förderung der Lebenskunst. So wird die rohe Genußlehre von einer Ader wohl- 
tuender Humanität durchzogen. Der Gebildete drückt im Theater nicht als Stein 
den Steinsitz (Diog. Laert. 2, 72). Trotz der im allgemeinen geltenden Begrün- 
dung der Lust auf körperliche Zustände freut man sich an der Wohlfahrt des 
Vaterlandes wie an der eigenen (Diog. Laert. 2, 89). Die Philosophie gibt die 
feste Richtschnur für das Leben und macht den Menschen aus dem Sklaven zum 
Freien (Diog. Laert. 2, 68, 72), Nach seinem persönlichen Reden und Handeln 
erscheint Aristippos in der Tradition als der Lebenskünstler, der sich in jede 
Lage zu schicken, Menschen und Dingen die beste Seite abzugewinnen weiß. Bei 
allem Hedonismus steht er doch mit innerer Freiheit über dem Genüsse. 
Zur Berühmtheit gelangt ist das angeblich von ihm hinsichtlich seines Verhältnisses 
zur Hetäre Lais geäußerte Wort: f'yco, au. ovh i'/ouai. So überbrückt sich die 
Kluft zwischen Genußliebe und Genügsamkeit. Aristippos weiß so gut in Lumpen 
wie im Staatsgewande einherzugehen (Diog. Laert. 2, 67). Die Antipoden 
>Ajistippos und Antisthenes rücken einander nahe, der Kyrenaiker steht an Unab- 
hängigkeit von den äußeren Umständen hinter dem Kyniker nicht zurück, und 
die Typen, die die Überlieferung aus Aristippos auf der einen, Antisthenes und 
Diogenes auf der andern Seite durch zahlreiche ihnen zugeschriebene Witzworte 
geschaffen hat, tragen auffallend ähnliche Züge, die auf die gemeinsame Ab- 



§ 38. Die kyrenaische St-bule. 191 

Btammung von Sokrates, dem Urbilde philosophischer Üherlefteiiheit über alles 
Äußere^ hindeuten. 

Den bei Aristippos noch bestehenden Widerspruch zwischen dem l'rinzip 
der Augenblickslust und dem von Einsicht geleiteten Lust streben löste 

Theodoros Atlicos zugunsten des letzteren. Zum Ziele setzte er, über 
die Einsicht sich zu freuen, über den Unverstand sich zu betrüben. 
Einsicht und Gerechtigkeit, die letztere jedenfalls nur wegen der äußeren Vorteile 
des gerechten Verhaltens, erklärte er für Güter, ihre Gegenteile für Übel, (die 
einzelne) Lust und Beschwerde für indifferent (.Diog. Lai-rt. 2, 9S). 
Gleichwohl war sein Hedonismus weit radikaler als der des Öchulbegründers, da 
er sich in rücksichtslosester Weise von den Schranken des yofxo? frei machte. v<o 
behauptete er nicht nur, der Weise werde sich für das Vaterland nicht opfern, 
sondern auch, er werde stehlen, ehebrechen und Tempelraub begehen, wenn die 
Umstände es erlaubten. Das alles sei nicht von Natur aus, sondern nur nach 
der herkömmüchen Wertung verwerflich, die bezwecke die l'nverständigen uu 
Zaume zu halten (Diog. Laert. 2, 99). Am meisten beachtet wurde seine Oppo- 
sition gegen das Herkömmliche auf dem Gebiete des Götterglaubens, die er auch 
literarisch vertreten haben soll (Diog. Laert. 2, 97); und zwar bestritt er nicht nur 
das Dasein der griechischen Volksgötter, sondern leugnete auch die Existenz 
einer Gottheit überhaupt (Cic. d. nat. deor. 1, 1, 2 und andere Quellen). 
Die Äußerung dieser Ansicht trug ihm in Athen, wo er sich gegen Ende des 
vierten Jahrhunderts aufgehalten haben muß, die Gefahr gerichtlicher Verfolgung 
und schließlich die Verbannung aus der Stadt ein, und äDFo; blieb sein stehender 
Beiname. — Wie Theodoros, so forderte auch 

Hegesias Gleichgültigkeit gegen die einzelne Lust und gegen das, was sie 
hervorruft. Angesichts der mannigfachen Übel des Lebens verzweifelte er aber 
auch aji einem dem Lustverlangen genügenden Gesamtzustande und verzichtete 
auf eine positive Zielbestimmung im Sinne des Hedonismus überhaupt, sah viel- 
mehr das Erstrebenswerte negativ in der Beschwerde- und Trauerlosigkeit, 
der eben die Indifferenz gegen die Lustquellen dienen sollte (Diog. Lai-rt. 2, 94 — 96). 
Wie Cic. Tusc. 1, 34, 83 und andere Quellen berichten, trieb er durch den Pessi- 
mismus seiner Vorträge viele Hörer zum Selbstmorde, so daß sich der König 
Ptolemaios Lagu veranlaßt sah, diese Vorträge zu verbieten. Die gleiche Stim- 
mung durchzog seine Schrift \4:ioxaQTgQcör, in welcher ein durch seine Freunde 
vom Huugerselbstmorde Zurückgehaltener die Beschwerden des Lebens aufzählte. 
Aus diesen Tatsachen erklärt sich Hegesias' Beiname 6 IlfiaiOdvaroc. In diesem 
Pessimismus findet auch das (zugleich wohl auch in sokratischer Tradition 
wurzelnde) Mitgefühl mit dem sittlich Fehlbaren einen Anknüpfungspunkt. Der 
Fehlende vergeht sich nicht freiwillig, sondern unter dem Drucke eines Leidens 
leiner Leidenschaft: rrüthi meilofurog, Diog. Laert. 2, 95). Er muß daher Ver- 
zeihung finden. Man soll ihn nicht hassen, sondern eines Besseren belehren (Diog. 
Laert. 2, 95). — Im Gegensatze zu Hegesias kehrte 

Annikeiis wieder zum Prinzip der positiven und zwar der Einzellust 
zurück, ließ aber die edlere Auffassung der Hedonik stark hervortreten, indem er 
der sympathischen Lust Gewicht beimaß und Freundschaft, Dankbarkeit, 
Ehrung der Eltern, Vaterlandsdienst, geselligen Verkehr und Streben nach Ehre 
zu den Dingen rechnete, die Lust gewähren, auch wenn sie Opfer erfordern (Diog. 
Laert. 2, 96 f.; Clem. Ales, ström. 2, 21, 130, 7 f. S. 184, 18 ff. St.). — 

Euhemeros, der nach einem bei dem romanhaften Charakter seiner Schrift 
nicht vmbedingt glaubwürdigen Selbstzeugnisse als Freund des makedonischen 
Königs Kassandros (317 — 297 vor Chr.) von diesem mit Reisemissionen betraut 



ji)') § ilS. Die kyreiuüselie Schule. § :)9. l'latons Leben. 

wurde, steht mit der kyrenaischen Schule in keinem nachweisbaren Zusammen- 
hange, mag aber doch aus einem sogleich anzuführenden Grunde hier angeschlossen 
-werden. In einem 'Loa urayo<iri /j („heilige Schrift") betitelten Werkie, der Form 
nach einem Reiseroman, legte er, im wesentlichen gestützt auf eine fiktive Inschrift 
im Zeusheiligtum der im fernen Osten gelegenen Insel Panchaia, seine Ansicht 
über das Wesen der Volksgötter (der voin'Cdiuroi deol) dai'. Danach sind diese 
nichts anderes als ausgezeichnete, über Klugheit und äußere Macht 
gebietende Menschen der Vorzeit, die für sich göttliche Verehrung in 
Anspruch nahmen und damit bei ihren Zeitgenossen und Untertanen Erfolg 
hatten. Euhemeros setzte damit dem bereits von Vorsokratikern (vgl. o. S. 100. 
•109. 117) gepflegten, von Antisthenes (vgl. o. S. 180) und den Stoikern auf- 
genommenen, bald physikalisch bald ethisch allegorisierenden Rationalismus einen 
historischen zur Seite. Die Leugnung einer Gottheit überhaupt ist damit nicht 
gegeben. Xach Diod. 6, 2, 8 ließ er König Uranos als ersten die ovgdviot dfoi 
verehren, ohne sich, soweit Diodors Bericht erkennen läßt, über deren Wesen 
näher auszusprechen. Immerhin legt die Bemerkung, daß LTranos sternkundig 
gewesen sei. den Gedanken nahe, daß auch hier Rationalismus im Spiele war. 
Mit dem Kyrenaiker Theodoros wird Euhemeros mehrfach als ädeo? zusammen- 
gestellt. Für eine persönliche Beziehung zu ihm und eine Abhängigkeit von der 
kyrenaischen Schule ist das natürlich nicht beweisend. R. Reitzenstein (Zwei 
religionsgesch. Fragen, Straßb. 1901, S. 89 f.) und F. Jacoby (Art. Euemeros 3 bei 
Panly-^^'issowa, S. 968 ff.) haben zu hoher Wahrscheinlichkeit erhoben, daß 
Euhemeros' Gedanke letzten Endes aus ägyptischer Tradition herzuleiten ist. 
Andererseits nahm Jacoby (a. a. O. S. 970) wohl mit Recht eine Einwirkung auch 
der Sophistik an und wies für die von den Machthabern der Urzeit angeordnete 
göttliche Verehrung ihrer Person auf die Theorie des Kritias hin, der den Götter- 
glauben für eine Erfindung der Staatsraison erklärte (s. o. S. 142). Daß diese 
Einwirkung nicht unvermittelt war, liegt aus chronologischen Gründen nahe an- 
zunehmen, und als vermittelnde Instanz käme die kyrenaische Schule immerhin 
in Betracht, die neben der freien Stellung zum Volksglauben auch andere Elemente 
des sophistischen Denkens fortgepflanzt hat, wie denn Theodoros in den sittlichen 
Begriffen eine Institution ziir Niederhaltung der Toren sah (s. o. S. 191). Mehr 
als eine Möglichkeit wird man freilich diesem Zusammenhange nicht zusprechen 
dürfen. 

Seinen Einfluß auf Spätere hat Euhemeros weniger dem philosophisch 
Interessanten seiner Religionsanschauung, als dem Reiz der romanhaften Ein- 
kleidung und Ausgestaltung seiner Lehre zu verdanken. Der römische Dichter 
Ennius (239 — 169 vor Chr.) unterzog die 'hoü ävayQurp)] einer lateinischen Be- 
arbeitung, nicht wenige Griechen der folgenden Zeit verwandten ihre Deutungs- 
methode zu historisierender Ausführung einzelner Mythenkreise (Jacoby a. a. (). 
S. 971). tind manchen christlichen Apologeten, die allerdings von ihrem Inhalte 
schwerlich mehr unmittelbare Kenntnis besaßen, lieferte sie eine willkommene 
Waffe für den Kampf mit dem heidnischen Götterglauben, während andere mit 
richtigerem Instinkte diesen platten Rationalismus als allgemein religionsgefähr- 
lich empfanden. 

ij '^0. Platon wurde als Abkömmling eines altadeligen 
athenischen (jeschlechtes 428/7 zu Athen (oder Aigina) geboren. 
Durchtränkt mit der Bildung der großen attischen Blütezeit 
widmete er sich zunächst der Dichtkunst. Nachdem er aber 



§ :59. Piatons Leben. 193 

im Alter von zwanzig .lahroii mit Sokrates bekannt geworden 
war, ergab er sich als Mitglied des sokratischen Jüngerkreises 
ganz der Philosophie. Der lange genährten Hoffnung, im Dienste 
seiner Vaterstadt politisch wirken zu können, mußte er 
angesichts des Treibens der Parteien und der Zerrüttung der 
athenischen Zustände entsagen. Nach Sokrates' Tode verweilte 
er einige Zeit bei Eukleides in Megara und begab sich als- 
dann nach Athen zurück, wo er schon jetzt eine, wenn auch 
auf einen engeren Kreis beschränkte, philosophische Lehr- 
tätigkeit ausgeübt zu haben scheint. Es folgten weitere 
Reisen, die ihn jedenfalls nach Unteritalien und Sizilien, nach 
einer sehr verbreiteten Überlieferung auch nach Kyrene und 
Ägypten führten. In Unteritalien wirkte der Verkehr mit den 
Pythagoreern, unter denen besonders Archytas in Tarent philo- 
sophische und politische Bedeutung besaß, nachhaltig auf seine 
Anschauungen ein. In Syrakus, wo er um 388 vor Chr. eintraf, 
schloß er mit Dion. dem Schwager Dionysios' I.. einen engen 
Freundschaftsbund. Zu dem Tyrannen selbst konnte sich kein 
ersprießliches Verhältnis entwickeln. Das Mißfallen des Despoten 
an dem Freimut des philosophischen Gastes zwang Piaton zur 
Abreise. Auf dem Heimwege wurde er — angeblich im 
Auftrage des Tyrannen — in Aigina auf den Sklaven- 
markt gebracht. Von einem Kyrenäer namens Annikeris los- 
gekauft gelangte er wieder nach Athen und gründete hier 
(etwa 387 vor Chr.) in dem „Akademie" genannten Bezirke 
seine Schule, der er mit zwei längeren, durch sizilische 
Reisen veranlaßten Unterbrechungen bis zu seinem Lebensende 
vorstand. 

In Syrakus Avar nach dem Tode des älteren Dionysios 
368 vor Chr. dessen gleichnamiger Sohn zur Regierung gekommen. 
Dieser zeigte sich unter dem Einflüsse Dions zu politischen Re- 
formen geneigt und lud Dions Wunsche entsprechend Piaton 
als Ratgeber an seinen Hof. Als Ergebnis von Piatons Wirken 
in diesem Sinne liegen uns die später in die Nomoi eingearbeiteten 
Gesetzesprooimien noch vor. Die weitere Tätigkeit scheiterte 
sehr bald daran, daß Dion in Ungnade fiel und \'erbannt wurde. 
Piatons Versuche, die beiden Männer auszusöhnen, blieben jetzt 
wie auch bei einer späteren (361 vor Chr.) wesentlich zu diesem 
Zwecke unternonnncnen Reise ohne Erfolg. Nach einem im 
übrigen" ungetrübten Alter erfolgte Piatons Tod im J. 348/7. 

Antike Überlieferung über Piaton im allgemeinen und Piatons 
Leben im besonderen. Piatons Dialuge ergeben für seine äußeren Ver- 
Ueberweg, GrundriU I. 13 



|i^ § 39. Flatons Leben. 

hältnisse und seine Lebens^esehichte nur sehr wenig. Keich an Naohxichteii 
sind d if ttfiter Flatons yarnen erkaltencH Brieff. Diese wurden lange 
Zeit zur großen Masse der apokryphen griechischen Briefliteratur gerechnet 
und ihnen damit nur ein sehr bedingter Wert tür die Piaton biographie Delassen; 
doch sollte dem siebenten Briet der für verhältnismäßig alt und nach ^uten 
Quellen gearbeitet galt, ein höheres Gewicht beizumessen sein als den. aB^areow 
Inzwischen haben sich gewichtige Stimmen zugunsten der Echtheit we&a nicht 
aller so doch der meisten dieser Briefe erhoben, und ihr Ursprung ist jetzt Gegen- 
stand erneuter mit Eifer betriebener Untersuchungen (s. Literaturverz. S. 103* f.). 
Die Verwertbarkeit der Briefe 3. 4. 5. 7 und S für die Piatonbiographie ist sicher. 

Über Piatons Leben schrieben schon einige seiner unmittelbaren Schüler, ins- 
besondere Aristoteles (^fragm. 650 Rose :1S86'). •Spensippos i/ZÄaTWPoc syxatuiov. 
I>iog. L- 4. 5; vgL IRärtovoc .ttoiöit.-ivov Dioff. L. 3. 2, 'auch von Apoleius in seiner 
Schrift De Piatone et eins doguiate zitiert), Rermodot-os iSimplic. in Arist. Phys. 
247. 3o; 25*3. 32 Diels: vgl. l)iog. L. 2. 106; 3. 6), Philip pos der Opuntie r 
(Suidas s. v. «^«Ätwo^oci. Xenokrates (zitiert von Simplikios in Arist. Phys. 
11 to. 3ö Piels. in Arist. de caelo 12, 23 : _S7. 22 Heiberg. fr. 53 Heinze\ Aus dieser 
eukomiastischen Sphäre gelangte die Überlieferung über Piaton in den Bereich 
der peripatetischeu Biographie (S. o. S. 20 ff.). Im Gregensatze zu jenen Enkomien 
stand die übelwollende Behandlung Piatons in dem ßioc IIÄarojmc des Peripatetikers 
Aristo.veHos (^Diog. Laert. 5, 35: v^I. 3. 371. Von Späteren, die aus der peri- 
patetischen und alexandriuischen Tradition schöpften, ist ^auJser den gleich an- 
zuführenden noch vorhandenen Quellen i Favorinus i zur Zeit Trajans und Hadrians) 
zu nennen, aus dem uns Diogenes Laertios ^Nachrichten übermittelt. Alle diese 
Schriften sind verloren gegangen. Erhalten sind uns folgende: 

Fkilod''f/t in dem die Akademie behandelnden Abschnitt seiner —wtclElc 
rütv <fiÄocö<f.i.ov (Academicorum philosophonim index Herculanensis Ausgaben s. 
unter Philodem. § ÖO). Mehrere z. T. erst durch die neueste Ausgabe von S. Mekler 
zugängliche Kolumnen enthalten Xachrichten aus Piatons Leben. Der Erhaltungs- 
zustand ist leider sehr schlecht, doch ist die Hoffnung nicht ausgeschlossen, daJa die 
Stücke durch weitere Funde ergänzt und beleuchtet werden. Dankenswert sind 
die von Mekler beigegebenen Parallelen aus der sonstigen antiken Piatonliteratur. 

Apuleius Madaurensis. De Piatone et eios Aagmate. Ausgaben s. unter 
Apuleius. § 70. 

DioijeHr'S Lai^'rfios , Bioi xal ••vwaai, vüiv sv ip LÄoacq. i> >. svöoxiuijooiJ-Tujr xtÄ^ 
worin das sanze 3. Buch von Piaton handelt. 1 — 45 von seinem Leben. Ans- 
sraben s. o. S. 17 f. In Betracht kommt namentlich die Sonderausgabe des dritten 
Buches von Herm. Breitenbach. Friedr. Buddenhagen. Alb. Debrunner. Friedr. 
von der Muehll. Basel 19«}7, wo unter dem Texte auch die Parallelen aas der 
sonstigen Tradition über Piaton verzeichnet sind. 

Ohjmpiod'Tri vita Piatonis lin mehreren CTesamtausgaben der Werke 
Ratons. femer in der Cobetschen Ausgabe des Diog. L., s. o. S. 17. auch in den 
Bioyo4JLn:oi ed. Westermann. Brunsvigae lS4ö. S. 382 ff.). 

Vita Piatonis ex cod. Vindob. ed. A. H. L. Heeren, in: BibL der alten 
Lit. und Kunst. Gott. 17S9: auch in: Bio-oa^oc ed. Westermann. S. 388 ff. 
Diese Vita bildet den Anfang der UooÄs^'iiHsva rr/c IIÄdzojvo.; <f iÄi>fTO)f.iac. vollständig 
ediert von K. F. Hermann im sechsten Bande seiner Ausgabe der platonischen 
Schriften. 

Der Artikel des :Sitid'.is, abgedruckt bei Westörmann, B<.o-;-od<f.ot S. 396. 

Arabische f^ita (und Sehriftenreneiehnisi in: Bibliocheca Arabico- 
HispÄna Escurialensis, opera et studio >Iich. Casiri, Tom. I. Macäti 17©!'. 
S. 30 1 S. S. auch Th. Roeper. Literaturverz. S. 77'' i Arab. Vita des Honaini. 

Belanglos sind die spätbyzantinischen Exzerpte aus Diog. Laert.. ^ilian und 
Fs.-Hesych in Cod. Vatic. Gr. 1S98, herausg. von J. B. Sturm Biographisches 
über Flato usw.). Kaiserslautem 19C*I. Pr. 

Zahlreiche Nachrichten finden sich noch bei anderen antiken Zeugen. In 
Betracht kommt besonders Plutarchs Leben des Dion. Manche einzelnen 
Angaben enthalten u. a. Cicero, Aiiian und AtkefiiiLos. Letzterer gibt 
11, 504 e ft vgL 5. 215 e ff.) ets«i interessanten Niederschlag der Ansführungen 
antiker Gegner Piatons. Dazu auch W. Cronert. Kolot. u. Meied., s. dort 



§ 39. Piatons I^lxn. 195 

Indfcx unter Piaton. Über PI. als angeblichen Plagiator vgl. die von 
Steraplinger. Das Plagiat in d. griech. Lit. .S. 25 f. geganimelten i^tellen. Verzeich- 
nifcee der Schüler Piatons Philod. Acad. philo--, index Hercul. col. 6 p. 33 ff. 
Mekler. Diog. Laert. 3. 4»; f.; dazu W. Crönert, Kol. u. Men. S. ]%3. 

Grundlage der gesamten Tradition ist die aus der gelehrten Tätigkeit der 
Alexandriner (Koramentaren mit Einleitungen; erwachsene y.onij imooia, den 
Späteren wohl weitergegeben durch Derkylioes und Thrasyllos. Die nahe Ver- 
wandt6<^-haft zwischen Apuleius und Diogenes einerseits, Ülympiodor und der 
anonymen Vita Piatonis andererseits läßt auf je eine gemeinsame ilittelquelle 
schlielien (vgL die Arbeiten von Leo und Busse S. 77''). 

Chronologie: Jacoby, Apollodors Chronik S. 504 ff. 

Bildnisse Piatons: Über antike Darstellungen im allgemeinen: Ulympiöd. 
Vit. Plat. 2 (breite Brust u. breite Stirne;. Erhaltene BifdnLsse: \V. Helbü^, 
Jahrb. d. k. deutsch, archäol. Instit. 1 il88>j;. 71—78. Fr. Winter, ebenda ö IbOO), 
153-155. K. Wemicke, ebenda 109—171. Aless. Chiappelli, Rend. d. Pt. Accad. 
d. Lincei. Cl. di sc. mor. etc., 5. ser. 2 11893). 89—100. < >. Benndorf, .Jahreshefte 
d. österr. archäol. Instituts 2 (1899j, 2.50 — 2.54. A. Sc^liano, Dionysoplaton; 
contributo alla iconografia platonica, Memor. d. K. Accad. di archeoL, lett. e 
belle arti di Xapoli 19<'2. J. J. Bernoulli, Griech. Ikonographie II. S. 18—34. 
C<.nBt. Ritter. Philol. 68 (1909). .336—343. iCber eine moderne Fälschung 
C. Robert, Hermes 29 1894], 417 ff.; .30 [1&95|, 1.35 ff.). S. auch § 45 (Mosaiken 
von Torre Annunziata und Ümbra Sarsina). 

Piatons Äußeres nach literarischen Quellen: Plut. d. aud. poet. 8 
p. 31. 36 f. f-d. Did.. de adul. et am. 9 p. 64, 26 f. (gebückte Haltung, von Ver- 
ehrern nachgeahmt;. Diog. Laert. 3. 4. 28 mit den in d. Bas. Ausg. zusammen- 
gestellten Parallelen (kräftiger Körperbau; mürrisches Aussehen; Diog. Laert. 
'.'), 5 (schwache Stimme; zur Herkunft der Xotiz aus Timotheos: Usener Epic. 
S. XXV Anm. 1). 

Vgl. auch die Sammlung des antiken Materials bei J. Kirchner, Prosopo- 
graphia Attica Xo. 118.5.5. 

Die antiken Angaben über Piatons Geburtsjahr gehen, wie Jacoby, Apollo- 
dors Chronik S. :i04 ff. zeigt, auf zwei verschiedene Ansätze zurück, den des 
Apöllodor. nach welchem Piaton (Jl. 88, 1 (unter Archon Diolimos), 428/27 v. Chr. 
geboren wurde, und den des Neanthes, der P. unter Arohon Epameinon Ol. 87, 4, 
429 28 v. Chr. im Todesjahre des Perikles, sieben Jahre nach der Geburt des 
Redners Isokrates, zur Welt gekommen sein ließ. Mit dem apollodorischen Ans^atze 
stimmt eine Angabe des Piatonschülers Hermodoros, nach welcher P. bei Antritt 
seiner raegarischen Reise 28 Jahre zählte, sowie die Bemerkimg Philodems im 
herknl. Index Academ. (col. X off., S. 6 Mekler), daß P., als .Sokrates schied 
(März 399). im Alter von 27 Jahren id. h., mit der gewöhnlichen Nichtberück- 
sichtigung der Bruchteile des Jahres, 27 J. und einigen Monaten, jedenfalls noch 
nicht 28 .1.; zuriickblieb (vgl. darüber Praechter, Hermes 39, 474 ff.;. Zugtmsten 
des apollixlorLschen Ansatzes fällt ferner, auch abgesehen von der im allgemeinen 
vorzüglichen Beschaffenheit der chronol. Angaben ApoUodors, ins Gewicht, daß 
hier keinerlei Synchrorusmen hervortreten, wie sie bei dem Ansätze des Xeanthes 
in verdachterregender Weise vorliegen. Als Piatons Geburtstag wurde der 7. Thar- 
gelion von der späteren Akademie festlich begangen. Das ist der Geburtstag 
Apollons, und zweifellos hängt die Ansetzung der Geburt Piatons auf diesen 
Tag mit der sagenhaften Überlieferung von der Abstammung des in seinem Wesen 
so apollinischen Philosophen von jenem Gotte zusammen Die wirkliche Geburtszeit 
i'latons läßt sich durch Kombination des angeführten Zeugnisses Philodems mit 
den Angaben des Hermodoros und Apollodoros mit Wahrscheinlichkeit dahin 
bestimmen, daß P. zwischen Aaithesterion oder Anfang Elaphebolion (in dieser 
Zeit des Jahres 399 war P. noch nicht 28 J. alt; und dem Schlüsse des attischen 
Archontenjahres, also zwischen März und Mitte Juli 427. zur Welt kam. Der 



itu; § 39. Phitons Leben. 

Geburtsort Piatons war Athen oder nach einigen Aigina, wohin sein Vater als 
Kleruche gekommen sein sollte (Diog. L. 3, 3). 

Piaton entstammte einem alten und. wie sich aus manchen Tatsachen schließen 
läßt, wohlhabenden athenischen Geschlechte, das sich väterlicherseits auf den 
attischen König Kodros. mütterlicherseits auf Dropides, einen Verwandten des 
Selon, zurückleitete mid in Piatons Zeit durch Kritias, das Mitglied der Regierung 
der Dreißig, und Charmides, einen der Zehnmänner im Peiraieus, auch politisch 
hervortrat. So sehr Piaton in seinen Schriften mit dem, was seine Person be- 
trifft, zurückhält, leuchtet doch aus Stellen, an denen er dieser beiden Männer 
gedenkt, das Familienbewußtsein hervor. Seine aristokratische Abkunft und Er- 
ziehung trug auch zu seiner Stellung gegenüber dem athenischen Demos bei, 
wenn sie auch dafür weder der einzige, noch auch nur der Hauptgrund gewesen 
sind. Der Stammbaum des Philosophen ist (nach Plat. C'harm. 154 ff., Tim. 
20d, Apol. 34a, Politeia 327a, Parmen. 126a f., Diog. Laert. 3, 1 u a.) folgender: 

Aow.-Tidij^, ein Verwandter des Zo/.cor. 

Ködgoi. 

KoiTi'd-;. 



Kaü.aio/iKii. f'/.avy.oir. ^Aoioroxkiji. 'Avnfpwv. 



Konin.;. Xnonlilii;. Ueoiy.Tiörij verni. 1. mit 'Aoi'oTfor, 2. mit 77»'0'/.'/.//7r>/£r. 



'AdeijKaTo;.. JJ/.äT ojv. I"/.avy.o)v. IloT'öyij. 'Arrifpiöv. 

2,'rrFrot.-T.r'ji. 

Einen erweiterten Stammbaum s. bei J. Kirchner, Prosopogr. Att. I zu S. 206. 

Die Ehe der Periktione mit Pyrilampes und die Abstammung des Antiphon 
aus dieser Ehe sind bezeugt durch den Dialog Parmenides (126 a f.) und durch 
Spätere (namentlich Plutarch), die auf diesem Dialog fußen. Pyrilampes scheint 
nach C'harm. 158a ein Bruder der Mutter der Periktione gewesen zu sein. Aus 
Piaton Apol. 34a läßt sich schließen, daß Adeimantos älter als Piaton war. Hin- 
gegen muß nach Xenoph. Memor. 3, 6, 1 Glaukon jünger als Piaton gewesen sein 
(sofern Piaton nach Diog. L. 3, 6 im Alter von 20 .Jahren mit Sokrates vertraut 
ward); nach der platonischen Politeia scheint zwischen Adeimantos und Glaukon, 
und damit zwischen allen drei Brüdern, kein sehr erheblicher Altersunterschied 
bestanden zu haben. Legenden, die sich an Piatons Geburt und erste Lebenszeit 
knüpften, berichten Diog. Laert. 3, 2 (mit den in der Baseler Ausgabe von 1907 
verzeichneten Parallelem, Cic. de div. 1, 36, 78, Olymp. 1. Anon. prol. phil. Piaton. 
2 (p. 191. 198 Herrn.) u. a. Den Xamen IJ/.ÜTror soll erst der reifere Knabe oder 
Jüngling erhalten haben, sein ursprünglicher Name der seines Großvaters '.V/><- 
oToy.'/Sis gewesen sein (Diog. Laert. 3, 4 und die Parallelen in der Baseler Ausg.; 
als Grund der Nainensänderung können, falls dieselbe überhaupt geschichtlich ist, 
nur Eigenheiten des Körperbaus in Frage kommen : die Beziehung auf den Stil 
Piatons [Diog. Laert. 3, 4: fvioi hs diä ri/r rr/.arvTijTa rij^ sonrjretai ovxcoi nro- 
;iaa&f/vai ; ebenso Olympiod. 2, Proleg. 1] ist töricht; Gomperz' Herstellung von 
Philod. Acad. ind. Herc. 2, 41 f., wonach dort von PI.s breiter Aussprache die 



§ 39. Piatons Leben. 197 

Rede gewesen wäre, unterliegt großen Bedenken. — Satirische Anspielung auf 
den Namen wohl bei Tim. Sill. fragm. 35 Diels: ovfi' '^xndijiiiuy.iov .-T/.aTio>ji(oovvrjg 
drd/.ioTov ; vgl. auch fragm. 30, 1 ; scherzhaft Lue. pisc. 49). 

Von Piatons .lugendbildung wird berichtet, Dionysios (der in dem 
unechten Dialog P>astai erwähnt wird) habe ihn im Lesen und Schreiben unter- 
richtet, Ariston von Argos in der Gymnastik {Diog. L. 3, 4 und die Parallelen 
in d. Bas. Ausg.), Drakon, ein Schüler Dämons, und Metellos aus Akragas 
(.,MegilIos" schlägt Steinhart zu lesen vor) in der Musik (Plutarch. de mus. 17); 
ferner sei er bei Malern in die Schule gegangen (Olymp. 2 S. 191, 35 f. Herm., 
Proleg. 3 S. 199, 1 f.; vgl. Diog. Laert. 3, 5, Apul. 1, 2). Auch von einem 
förmlichen Unterrichte durch Dithyramben-, Tragödien- und Komödiendichter 
reden die Proleg. 3 (vgl. auch Olymp. 3). Was an diesen und anderen Angaben 
über die Ausbildung Piatons geschichtlich, was nur aus Stellen platonischer 
Schriften in willkürlicher Weise herausgesponnen oder sonst erfunden ist, soll hier 
nicht untersucht werden. .Jedenfalls fällt Piatons .Jugend in die Zeit der höchsten 
Kulturblüte Athens, und daß er durch diese mächtig angeregt wurde, steht außer 
Zweifel. Xanientlieh scheint er der Poesie der großen Literaturepoche viel zu 
verdanken. Was er hier an Eindrücken empfing, trug mit zu der vollendeten 
schriftstellerischen Kunst bei, die wir heute an Piatons \Verken bewundern. Die 
unmittelbare Wirkung aber waren eigene dichterische Arbeiten. Von 
epischen, lyrischen, tragischen und dithyrambischen Leistungen, von denen unsere 
Quellen (Diog. Laert. 3, 5 mit den in der Bas. Ausg. verzeichneten Parallelen) zu 
sagen wissen, hat sich außer einem kleinen epischen Fragment nichts erhalten, 
angeblich weil der Verfasser diese Versuche, teils aus Verdruß über ihre Unzu- 
länglichkeit, teils unter dem gewaltigen Eindruck der Persönlichkeit des Sokrates, 
mit dem der jugendliche Dichter inzwischen bekannt geworden war, dem Feuer 
übergab fApuI. Apol. fO; Olymp. 3 S. 192, 25 f.). Dagegen ist eine Reihe von 
Epigrammen auf uns gekommen (s. S. 209 imd 105*). Daß sich Piaton schon 
ehe er Sokrates näher trat, mit Philosophie befaßte, ist wenigstens insoweit 
bezeugt, als er nach Aristot. Metaph. A 6, 987a 32 in jungen Jahren Kratylos 
und durch ihn die heraklitische Lehre kennen lernte. Die entscheidende Wen- 
dung seines geistigen Lebens erfolgte durch den Verkehr mit Sokrates, der 
in Piatons 20. Lebensjahre begann (Diog. Laert. 3, 6, vielleicht nach Hermodoros) 
und — vermutlich mit Unterbrechungen durch militärische Dienstleistungen des 
Jüngers — bis zum Tode des Meisters fortdauerte. Der Umgang des Sokrates 
mit Kritias und Charmides mochte auch die Bekanntschaft mit deren jugendlichem 
Verwandten vermitteln. Näheres ist uns über die Entstehung dieses ^'erkehrs 
und die Formen, in denen er sich vollzog, weder durch Piaton selbst, noch durch 
andere überliefert. Xenophon, der L'nterredungen des Sokrates mit Aristippos 
und mit Antisthenes mitteilt, erwähnt Piaton nur einmal (mem. 3, 6, 1), indem er 
sagt, daß um seinet-, wie auch um Charmides' willen Sokrates dem Glaukon 
günstig gestimmt gewesen sei. Nach Plat. Apol. 34 a. 38b war Piaton bei dem 
Prozeß des Sokrates zugegen und erklärte sich bereit, falls Sokrates zu einer 
Geldbuße verurteilt werde, Bürgschaft zu leisten; am Todestage des Sokrates war 
er nach Phaidon 59 b krank und dadurch verhindert, bei den letzten Unter- 
redungen gegenwärtig zu sein. Mit Klarheit ist aus Piatons Werken die tiefe 
Ehrfurcht zu erkennen, mit der ihn das lautere Wissensstreben und der persönliche 
Charakter des Lehrers, namentlich aber sein um der Wahrheit und Gesetzlichkeit 
willen standhaft erduldeter Tod erfüllten. 

Nach der Hinrichtung des Sokrates begab sich Piaton zunächst mit anderen 
Sokratikern nach Megara zu Eukleides (Hermodoros bei Diog. Laert. 3, 6). 



j()f^ Sj ,39. Piatons Leben 

Von dort kehrte er wahrscheinlich bald und für längere Zeit nach Athen zurück 
und wirkte hier, wie sich aus der Haltung der in dieser Zeit verfaßten Schriften 
schließen läßt, bereits als Lehrer, wenn auch wohl nur in einem engeren Kreise. 
Alsdann unternahm er weitere Eeisen. Die Angaben der Alten über diese 
Reisen bieten ein hübsches Beispiel für die zunehmende sagenhafte Ausschmückung 
der biographischen Überlieferung. Philodem kennt, soweit wir nach seinem aller- 
dings kurzen und summarischen Berichte urteilen können , nur die italisch- 
sizilische Reise. Das gleiche gilt von den platonischen Briefen, und selbst bei 
Olvmpiodor läßt sich in Spuren eine Tradition erkennen, die von der kyrenaisch- 
ägyptischen Reise nichts wußte (vgl. darüber Praechter, Gott. gel. Anz. 1902, 959 ff.). 
Die stattliche Reihe von Zeugen für diese letztere zeigt aber, daß sie schon bald 
Gegenstand einer sehr verbreiteten Überlieferung wurde, zu der neben dem herr- 
schenden Glauben an eine in Ägypten heimische Urweisheit ohne Zweifel auch 
die zahlreichen Stellen beigetragen haben, an welchen Piaton auf Ägypten und 
seine Sitten und Einrichtungen Bezug nimmt (vgl. z. B. Politeia 436a, Tim. 21 e, 
Nomoi 2, 656 d, 657a; 5, 747c; 7, 799a, 819a, Politikos 264c, 290d). Li 
Kyrene soll P. mit dem Mathematiker Theodoros verkehrt haben (Diog. Laert. ;>, 6). 
Als Motiv der ägyptischen Reise bezeichnet Cic. de fin. 5, 29, 87 die Absicht, 
sich von den Priestern in Mathematik und Astronomie belehren zu lassen. .Te 
länger desto mehr wurde dann, z. T. jedenfalls unter dem Einfluß des spätantiken 
religiös-philosophischen Synkretismus, der Kreis der von P. besuchten Länder 
erweitert. Nach Diog. Laert. 3, 7 beabsichtigte P. auch die Mager zu besuchen, 
führte aber den Plan wegen des in Asien herrschenden Kriegszustandes nicht 
aus. Lact. Inst. div. 4. 2 (Anfang d. 4. Jahrh. nach Chr.) läßt den Philosophen 
wirklich bis zu den Magern vorgedrungen sein. Derselbe Lactantius wundert sich 
darüber, daß P. nicht auch zu den Juden gekommen sei. Ihm lag also eine 
biographische Tradition vor, der ein Besuch Piatons bei den Juden fremd war. 
Inzwischen aber hatte diese Tradition schon eine Erweiterung erfahren: Clem. 
Alexandr. (2. Hälfte d. 2. Jahrh. nach Chr.) weiß in seinem Protreptikos auch von 
einer Anwesenheit des Philosophen bei den Ebräern. Im einzelnen wurden diese 
Berichte mit unglaubwürdigen, z. T. ganz unmöglichen romanhaften Zügen aus- 
gestattet. So sollte P. nach Diog. Laert. 3, 6 bei seinem Besuche in Ägypten von dem 
Dichter Euripides begleitet gewesen sein (Euripides starb im Frühjahr 406 vor Chr.). 
Elemente der Piatonlegende verwebt mit Zügen eigener Erfindung Plutarch in 
dem Gespräch .-reoi tov ^o)>cgÜTor; hiaiiorlor c. 7, p. 579 (cf. d. Ei 6, p. 386); er 
läßt hier Sinimias etwa folgendes erzählen: zu Memphis, wo der Prophet 
Chonuphis war, hielten wir uns philosophierend auf, ich und Piaton und Ellopion 
von Peparethos, ... als wir von Ägypten wegfuhren, kamen uns bei Karlen einige 
Delier entgegen, die von Piaton als einem der Geometrie Kundigen die Lösung 
des von Apollon ihnen gestellten Problems der Verdopplung eines kubischen 
Altares erbaten; Piaton bezeichnete als Bedingung der Lösung die Auffindung 
zweier mittlerer Proportionalen und verwies im übrigen die Bittsteller an Eudoxos 
den Knidier und an den Kyzikener Helikon, belehrte sie auch, der Gott verlange 
nicht sowohl den Altar, als vielmehr die Beschäftigung mit der Mathematik. — 
Selbstverständlich darf man nicht in der Methode der Alten, aus Erwähnungen 
und Schilderungen Piatons auf Autopsie zu schließen, noch weiter gehen uRd 
z. ß., wie es von neueren Gelehrten geschehen ist, aus Theait. 179 f. einen 
Aufenthalt des Philosophen in Kleinasien, aus Nomoi 834 einen solchen in Kreta 
ableiten. 

Geschichtlich ist jedenfalls der Besuch l'nter Italiens und Siziliens, 
ein Ereignis, das wieder tief auch in Piatons geistigen Lebensgang eingriff. Ver- 



§ 39. Piatons Leben. 199 

mutlich war es der schon in Griechenland mit Pythagoreern angeknüpfte Verkehr, 
der den Philosophen trieb, sich mit dieser Schule und ihren religiösen, wissen- 
schat'tlichen und politischen Bestrebungen in Unteritalien, dem Stammlande ihrer 
Tätigkeit, vertraut zu machen. Dadurch erfuhr neben seinem mathematischen 
Interesse vor allem seine Neigung zum Mystisch-religiiisen eine Stärkung, und 
damit gelangte das zweite Grundelement zur vollen Entwicklung, das neben dem 
sokratischen seine Philosophie beherrscht. Was ihn veranlaßte, die Reise nach 
Sizilien auszudehnen, ist mit Sicherheit nicht auszumachen. Die im Altertum 
geläufigste Angabe (Diog. Laert. 3, 18 mit den Parallelen d. Bas. Ausg.), er habe 
das Land und insbesondere seine Vulkane sehen wollen, klingt wie eine Ver- 
legenheitsauskunft, ist aber doch, da man Piatons naturwissenschaftliche Inter- 
essen nicht unterschätzen darf, nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. 
Ebenso ungewiß ist das Motiv zu seinem Aufenthalte am Hofe des Tyrannen 
Dionysios des Alteren in Syrakus. Doch kann man daran erinnern, daß schon 
seit langem einerseits der Glanz des sizilischen Fürstensitzes, andererseits das Ver- 
langen der Tyrannen, Vertreter der mutterländischen Bildung in ihrer L'mgebung 
zu haben, Größen des griechischen Geisteslebens, wie Simonides, Bakchylides, Pindar, 
Aischylos, an den syrakusischen Hof gezogen hatten. Piatons Besuch lag also in 
der Richtung einer alten Verkehrstradition, der unter den Sokratikern auch Aristippos 
luid Aischines folgten. Dazu kommt, daß zwischen Archytas, dem Pythagoreer 
und tarentinischen Staatsmann, mit dem Piaton in Verbindung getreten war, und 
dem Tyrannen freundschaftliche politische Beziehungen bestanden zu haben 
scheinen. Ein folgenreiches Ergebnis des Besuches war, daß Dionysios' Schwager, 
der etwa zwanzigjährige Dion, für Piatons Lehre gewonnen wurde und 
mit ihm in ein dauerndes Freundschaftsverhältnis trat. Der Tyrann selbst ^vurde 
des freimütigen Sittenpredigers bald überdrüssig und entledigte sich seiner. Nach 
^iner freilich nicht unbedingt verläßlichen Version übergab er ihn dem in diplo- 
matischer Mission gerade anwesenden Spartaner Pollis, damit dieser (bei der Rück- 
kehr nach Griechenland) ihn verkaufe (Diog. Laert. 3, 19 und Parallelen in der 
Bas. Ausg.; die Darstellung Philodems, Acad. philos. ind. Herc. X, 17 ff. S. 8 M., 
für die gute Quellen in Frage kommen, ist leider stark verstümmelt; zu Meklers 
Herstellung s. Gott. gel. Anz. 1902, 963 f.). Nicht zu bezweifeln ist. daß Platou 
in Aigina auf den Sklavenmarkt kam und von einem Kyrenaier Annikeris 
(nicht zu verwechseln mit dem S. 191 besprochenen Philosophen) losgekauft wurde 
(Diog. Laert. 3. 20 und Parallelen; zu Aristot. Phys. B 8, 199b 20 s. Diels, Abh. 
d. Berl. Akad. 1882, 23, 1). 

Bei seiner Ankunft in Syrakus zählte Piaton ungefähr 40 Jahre (Epist. 7, 
324 a). Der Verkauf muß, da er mit dem zwischen Athen und Aigina bestehenden 
Kriegszustande in Verbindung zu bringen ist, nicht sjxäter als 387 stattgefunden 
haben. 

Nach der Rückkehr in seine Vaterstadt gründete Piaton in dem ,. Akademie" 
genannten Bezirke Athens seine „Schule'', d. h. einen religiösen Verein, dessen 
Mittelpunkt ein gemeinsamer Kultus der Museu bildete. In Verbindung damit 
stand geselliger Verkehr der Mitgüeder und Wissenschaftspflege, die sich neben 
der Philosophie im engeren Sinne auch auf Sonderdisziplinen, wie Mathematik, 
Astronomie und Naturwissenschaften erstreckte, und für die jedenfalls, nachdem 
der Philosoph in dem Akademiebezirk ein Grundstück erworben und dem Verein 
gestiftet hatte, auch äußere Hilfsmittel wie naturwissenschaftliche Sammlungen 
und Bibliothek zur Verfügung standen. (Das Nähere bei v. Wilamowitz und Usener 
in den S. 27'' unter F. genannten Arbeiten). Zweifellos sj^ielte sich der Unter- 
richt teils in der Form des fortlaufenden Lehrvortrages, teils in der Weise des 



<2(Y I § 39. Piatons Leben. 

Dialogs ab. Ersteres war durch den reichen stofflichen Gehalt der zu übermitteln- 
den Wissenschaften geboten, letzteres lag schon nach dem Vorgänge des Sokrates 
nahe und ergab sich fast von selbst aus den engen persönlichen Beziehungen der 
Vereinsglieder. 

In den etwa zwanzig Jahren, die sich Piaton ohne wesentliche Unterbrechung 
der Leitung seiner Schule widmen konnte, muß er diese zu hoher Blüte und be- 
trächtlichem Einfluß erhoben haben, und nicht zum wenigsten scheint ihr An- 
sehen als Vorbereitungsanstalt zu staatsmännischer Tätigkeit groß 
gewesen zu sein. Eine Reilie von Männern, die wir später als Gesetzgeber oder 
sonst in bedeutender politischer Stellung wirken sehen, ist durch diese Schule 
hindurchgegangen (vgl. die Zusammenstellung bei Zeller, Phil. d. Gr. II 1*. 42(), 1). 
Der Ruf. den Piaton als politischer Lehrer und Berater besaß, spielte ohne Zweifel 
eine Rolle auch als Veranlassung seiner zweiten Reise nach Syrakus. Dort 
war i. J. 3(jS der jüngere Dionysios seinem Vater auf dem Throne gefolgt. Dion 
hoffte, den jugendlichen Herrscher zur Einführung eines freiheitlicheren, gesetz- 
lichen Regimentes bestimmen zu können. Piatons Autorität sollte sich dabei 
wirksam erweisen, und seine politischen Gedanken für Entwurf und 
Ausführung der Reformen maßgebend sein. In der Tat en-eichte Dion, 
daß der Tyrann den Philosophen zu sich lud und dieser die Einladung annahm. 
Jetzt bot sich ihm Gelegenheit zu unmittelbarer und praktischer staatsmännischer 
Tätigkeit, und lange gehegte Ideale gewannen Aussicht.auf eine wenigstens teil- 
weise Verwirklichung. Daß Piaton den Schauplatz einer solchen Betätigung fern 
von seiner Vaterstadt suchen mußte, war nicht seine Schuld. Nichts ist verkehrter 
als Xiebuhrs hartes Urteil: „Plato war auch kein guter Bürger, Athens Avert war 
er nicht, unbegreifliche Schritte hat er getan, er steht Avie ein Sünder gegen die 
Heiligen, Thukydides und Demosthenes" (Rhein. .Mus. f. Philol., Gesch. u. griech. 
Philos. 1 [1827], 196; dagegen F. Delbrück, Verteidigung Pl.s gegen einen 
Angriff auf seine Bürgertugend, Bonn 1828). Piaton hat von früh auf, wie sein 
7. lirief (324b ff.) zeigt, mit warmem Interesse, aber auch mit immer wieder- 
kehrender Enttäuschung die Entwicklung seiner Vaterstadt verfolgt in der Hoff- 
nung, ihr seine Dienste Avidmen zu können, und unter den Dialogen lassen der 
Gorgias und die Politeia gerade in dem Widerwillen gege)i das Treiben des 
Demos und dem Dringen auf Reform den tiefwurzelnden Patriotismus erkennen. 
Aber die Zerfahrenheit der athenischen Zustände schloß unter aristokratischer wie 
demokratischer Regierungsform jedes nachhaltige ge'deihliehe Wirken aus. Anders 
lagen die Dinge in Syi"akus. avo unter einem begabten und Avohlmeinenden Fürsten 
eine gCAvaltige Macht in einer Hand vereinigt Avar und dem Guten dienstbar 
gemacht Averden konnte. Gelang der Versuch, dann mochte der glückliche Zu- 
stand des sizilischen Reiches durch sein Beispiel vielleicht auch auf Athen zurück- 
Avirken. Der Erfolg gab freilich auch in Syrakus der optimistischen Erwartung 
unrecht. Der Philosoph Avurde zwar am Hofe aufs ehrenvollste empfangen. Er 
gCAvann die persönliche Zuneigung des Tyrannen und betrieb mit ihm kurze Zeit 
politische Angelegenheiten. Ein literarisch bedeutsames Ergebnis dieser gemein- 
samen Arbeit war Piatons Plan eines Werkes, das Verfassungen und Gesetze für 
die neu zu gründenden Griechenstädte Siziliens enthalten sollte. Es kam später, 
von seinem ursprünglichen Zwecke gelöst, in unseren Nomoi zur Ausführung. 
Schon Avährend des Aufenthaltes in Syrakus Avurden — zum Avenigsten teil- 
weise — die nachmals in das Werk aufgenommenen „Proc'uuien" verfaßt, die 
in begründender oder paränetischer Absicht den Gesetzesbestimmungen voran- 
gestellt werden sollten (Epist. 3, 310 a; vgl. Blaß unten S. 101*). Aber das prak- 
tische Wirken Avar nicht von Dauer. Eine an dem Fortbestande des alten despoti- 



§ :!9. Piatons Leben. 201' 

tische Regimentes interessierte Gegenpartei wußte den Verdacht des Tyrannen gegeoi 
Machtgelüstc Dions rege zu machen. Dieser wurde verbannt. Platon. den 
Dionysios nicht missen mochte, blieb, halb gebeten, halb gezwungen. Aber mit 
der Beratung jjolitischer Reformen war es vorbei. Sein Bestreben war nur noch,. 
Dionysios und Dion nach Möglichkeit wieder in ein freundschaftliches Verhältnis- 
zu bringen. Schließlich gab der Ausbruch eines Krieges in Sizilien den Gedanken 
des Fürsten eine andere Wendung. Platon wurde in die Heimat entlassen mit 
der Zusage, daß nach Friedensschluß Dionysios ihn und Dion wieder zu sich, 
berufen werde (Plut. Dion 14 ff., Plat. ep. 3, 316dff.; 7, 320 b ff. 338a). 

In der Tat unternahm Platon eine dritte Reise nach Sizilien (3G1 bis 
360 vor Chr.), aber unter Umständen, die jener Zusage nn;ht entsprachen. Dion 
hatte sich nach Athen begeben und lebte dort im vertrautesten Umgang mit 
Platon und den übrigen Akademikern. Auch beim Besuche anderer griechischer- 
Btädle erwarb er sich lebhafte Sympathien. Das erregte die Furcht des Tyrannen.. 
Die Rückberufung erschien ihm mehr und mehr gefährlich. Andererseits erwachte 
in ihm ein starkes Verlangen nach erneutem Verkehr mit Platon. Sein Interesse- 
für Philosophie war erst nach dessen Fortgang erstarkt. Aristippos, Aischines 
und andere an seinem Hofe anwesende Philosophen trugen wohl das Ihrige dazu, 
bei und ließen ihn zugleich empfinden, daß seine Kenntnisse, mit denen er gern 
Ruhm eingeerntet hätte, unzureichend waren. So entschloß er sich, Platon wieder 
zu sich zu bitten. Die Rückberufung Dions hingegen wurde um ein Jahr ver- 
schoben. Als Platon abschlug, setzte er alle Hebel in Bewegung. Der Pythagoreer 
Archytas, zu dem er durch Piatons Vermittlung in ein freundschaftliches Ver- 
hältnis getreten war, mußte sich bei diesem zugunsten der Reise verwenden. Er 
selbst schickte ein Schiff, den Philosophen abzuholen, und Freunde, die ihm die 
Bitte des Fürsten erneut vortrugen. Zugleich meldete er ihm brieflich, er werde, wenn^ 
Platon komme, Dion jedes Entgegenkommen beweisen, im andern Falle aber alles- 
verweigern. Nun konnte Platon schon um seines Freundes willen nicht zögern. 
Auch die dringende Bitte des Archytas, der im Falle der Weigerung Piatons eine 
Störung seiner Beziehungen zu Dionysios befürchtete, fiel ins (3^ewicht, und schließ- 
lich durfte er auch den Gerüchten von Dionysios' Begeisterung für Philosophie 
jiicht von vornherein den Glauben versagen. Das Ergebnis der 361 vor Chr. an- 
getretenen Reise war aber wieder nicht glücklich. Einem glänzenden Empfange- 
folgte alsbald eine Trübung des Verhältnisses. Die Versprechungen zugunsten. 
Dions blieben unerfüllt. Der Tyrann ordnete sogar an, daß dem Verbannten nicht 
mehr, wie es bis dahin geschehen war, die Zinsen seines Vermögens zugesandt 
werden sollten, und legte Beschlag auf seinen Besitz. Ein anderer ebenfalls durch 
Wortbrueh des Dionysios herbeigeführter Zwist kam hinzu. Platon wurde unter 
einem Vorwande genötigt, die Hofburg zu verlassen und erhielt schließlich (Quar- 
tier inmitten der ihm feindlich gesinnten Siildner. Erst die Vermittlung des 
Archytas und anderer tareutinischer Freunde ermöglichte ihm die Rückkehr nach 
Athen (360 vor Chr.). Hier widmete er sich bis zu seinem Tode (unter Archon 
Theophilos 348/7 vor Chr.) ausschließlich seiner Lehrtätigkeit und Schriftstellerei. 
Sein bei Diog. Laert. 3, 41 ff. erhaltenes Testament bietet im wesentlichen nur 
ein Inventar seines Privatvermögens, das in der Hauptsache aus zwei Grund- 
stücken bestand, deren eines er zum Familienfideikommiß bestimmte. Das Grund- 
stück der Schule war dieser, wie bemerkt (S. 199), schon früher zum Eigentum 
überwiesen worden und wurde durch das Testament nicht berührt (vgl. v. Wila- 
mowitz-Moellendorff, Antig. v. Karystos S. 263. 280). 

Piatons persönliche Eigenart, die mit seiner Philosophie engstens ver- 
bunden ist, kann nur im Zusammenhange mit seinen Schriften und serner Lehre 



.)()•) § 40. Piatons Schriften. 

gewürdigt werden. Immerhin mag hier zum voraus die Charakteristilr eine Stelle 
finden, die Goethe (Materialien z. Gesch. d. Farbenl. 3. Abt., Überliefertes, II. Abt. 
o. Bd. S. 141 der Sophien ausgäbe) von ihm entwirft: .,PIato verhält sich zu der 
Welt, wie ein seliger Geist, dem es beliebt, einige Zeit auf ihr zu herbergen. Es 
ist ihm nicht sowohl darum zu tun, sie kennen zu lernen, weil er sie schon vor- 
aussetzt, als ihr dasjenige, was er mitbringt und was ihr so not tut, freundlich 
mitzuteilen. Er dringt in die Tiefen, mehr um sie mit seinem Wesen auszufüllen, 
iils um sie zu erforschen. Er bewegt sich nach der Höhe, mit Sehnsucht seines 
Ursprungs wieder teilhaft zu werden. Alles, was er äußert, bezieht sich auf ein 
•ewig Ganzes, Gutes, Wahres, Schönes, dessen Forderung er in jedem Busen auf- 
zuregen strebt. Was er sich im einzelnen von irdischem Wissen zueignet, schmilzt, 
ja man kann sagen, verdampft in seiner Methode, in seinem Vortrag." Es folgt 
■dann die unten § 46 wiederzugebende Charakteristik des Aristoteles. Ähnlich 
hatte schon Raffael das Verhältnis der beiden Männer aufgefaßt, als er im Vorder- 
grunde der „Schule von Athen" Piaton aufwärts zum Himmel und Aristoteles vor 
sich hin über die Erde weisend einander zur Seite stellte (nach der gewöhnlichen, 
wohl richtigen Deutung des Bildes; anders Herrn. Grimm, Preuß. Jahrb. 1.3 |1864|, 
-•'.3 ff. I49ff.l 

>? 4tl. Piatons Schriften. Erhalten sind unter Piatons 
Namen — abgesehen von einigen schon im Altertum als unecht 
erkannten Schriften — eine Apologie des Sokrates, 34 Dialoge, 
eine Reihe von Briefen und einige poetische Versuche. Die 
Briefe, die im einzelnen auf ihre Echtheit zu prüfen sind, ergeben 
viel für Piatons Leben, wenig für seine Philosophie. Die poe- 
tischen Stücke, deren platonischer Ursprung zweifelhaft ist, 
bleiben als philosophisch belanglos hier außer Betracht. Hin- 
gegen bilden Apologie und Dialoge neben den Angaben des 
Aristoteles die Grundlage unseres Wissens übei' Piatons Philo- 
.'^ophie. 

Die Apologie, die als echt anerkannten Dialoge und die 
Bricfsammlung wurden im Altertum zu neun Tetralogien geordnet. 
Nicht der Begründer, wohl aber der wichtigste Vertreter dieser 
Ordnung war der unter Kaiser Tiberius lebende platonische 
Oramniatiker Thrasyllos, nach welchem sie benannt zu werden 
pflegt. Von andauernder Bedeutung ist sie dadurch, dal^ sie 
unseren Handschriften und wichtigsten Ausgaben zugrunde liegt. 

Es ist sicher, daß die thrasyllischen Tetralogien auch tat- 
sächlich Unechtes enthielten. Die Prüfung der Echtheit der 
einzelnen Werke ist daher Aufgabe der modernen Kritik. Neben 
diesem Problem steht als zweites die Feststellung der Ab- 
fassungszeit und chronologischen Reihenfolge der 
<^chten Werke im Vordergrunde der „platonischen Frage". Als 
Kriterien konnnen für die Echtheitsprüfung neben der immerhin 
ins Gewicht fallenden Zugehöi-igknit zum thrasylhschen Corpus 



§ 40. Piatons Schriften. 203 

dio folgenden in Betracht: 1) Antike; Zeuo-njs.sc (insbesondere des 
Aristoteles), 2) der sachliche Inhalt der betreffenden Schrift, 
3) ihr künstlerischer Aufbau, und 4) ihre Sprache. Außer diesen 
nämlichen Kriterien stehen für die Entscheidung über Abfassungs- 
zeit und chronologische Folge der Werke noch die in ihnen ent- 
haltenen Anspielungen auf Personen und ^'orgänge der Zeit- 
geschichte und die Beziehungen eines Werkes auf ein anderes 
als Indizien zur Verfügung. 

Die Feststellung der zeithchen Abfolge der platonischen 
Schriften ist um so wichtiger, wenn sich in ihnen der eigene 
philosophische Werdegang ihres Verfassers widerspiegelt. 
Diese (genetische) Auffassung ist von K. Fr. Hermann der 
(methodischen) Sclileiermachers entgegengesetzt worden, nach 
der die Reihenfolge der Schriften durch den didaktischen Plan 
bedingt ist, die in der Hauptsache von Anfang an fertige Lehre 
Piatons den Lesern stufenmäßig zum Verständnis zu bringen. 
Schleiermachers Auffassung ist neuerdings nach P. Shoreys Vor- 
gange von H. \. Arnim mit Einschränkung wieder aufgenommen 
worden. Die folgende Darstellung bekennt sich zur genetischen 
Auffassung K. Fr. Hermanns, ohne damit in Abrede stellen zu 
wollen, daß bei der Einfügung des einen oder andern Dialogs 
das methodische Prinzip hereingespielt haben könne. Von diesem 
Standpunkte aus sondern wir die sicher oder mit überwiegender 
Wahrscheinlichkeit echten Werke in Gruppen, die den Phasen 
im philosophischen Entwicklungsgange ihres Verfassers ent- 
sprechen. Innerhalb der Gruppen ordnen wir die einzelnen 
Schriften chi'onologisch. So unterscheiden wir: 

I. Jugendschriften: Apologie, Kriton (diese beiden zeitlich 
nicht genauer fixierbar), Ion, Protagoras, Ladies, Politeia B. I, 
Lysis, Charmides und Euthj^phron. — In diesen Erzeugnissen 
geht Piaton in allem Wesentlichen über den Standpunkt seines 
Lehrers Sokrates nicht hinaus. Insbesondere fehlt noch die für 
seine spätere Philosophie charakteristische Ideenlehre. Den vor- 
wiegenden Inhalt der Dialoge dieser Gruppe bilden ethische Be- 
griffsbestimmungen. 

II. Schriften einer Übergangsperiode: Gorgias, Menon, 
Euthydemos, Kl. Hippias, Kratylos, Gr. Hippias und Menexenos. 
— Das nüchterne Interesse für logisch-ethische Sehulfragen weitet 
sich hier zur temperamentvollen Stellungnahme in dem politischen 
und Weltanschauungskampfe der Gegenwart. Das sokratische 
Wesen tritt damit in scharfen Gegensatz zu der Sophistik und der 
ihr gesinnungs verwandten athenischen Demokratie. Mit der 



204 § 40. Piatons Schriften. 

sokratischon Lehiv aber verbinden sich vorsükratischc, ins- 
besondere or})hiseh-pythn<iüreisehe Anschauungen. In diesem 
Boden keimt die platonische Präexistenz- und UnsterbUchkeits- 
theorie. und die logische Begi-iffslehre bereitet sich zur onto- 
logischen Erweiterung und ^"ertiefung■ in der Ideenlehre. 

III. Schriften der reifsten Mann es. jähre: Symposion, 
IMiaidon, Politeia HB. 11 — X und Phaidros. — Die nunmehr voll 
ausgestaltete Ideenlehre rückt in den Mittelpunkt des platonischen 
Denkens und wird grundlegend für Erkenntnistheorie, Metaphysik,, 
Psychologie, Ethik, Politik und Ästhetik. 

IV. Schriften der Altersjahre: Theaitetos, Parmenides, 
Sophistes, Politikos, Philebos, Timaios, Kritias, Nomoi und 
Epinomis. — Die onfologische Bedeutung der Ideenlehre tritt 
jetzt, ohne aufgegeben zu werden, gegenüber der logischen in 
den Hintergrund, für die sich ein um so lebhafteres Interesse 
kundgibt. Namentlich finden die Fragen der Einteilung und 
Zusanmienfassung sowie der Prädikation erhöhte Aufmerksamkeit. 
Hand in Hand mit dem Zurücktreten des Metaphysischen geht 
eine stärkere und wohlwollendere Beachtung des sinnhch Realen 
und des geschichtlich Gegebenen. Der Timaios setzt natur- 
wissenschaftliche und medizinische Studien voraus, Politikos und 
Nomoi zeigen eine eingehendere Berücksichtigung der tatsäch- 
lichen Bedingungen des staatlichen Lebens, die eine Herab- 
spannung der Anforderungen politischer Idealität zur Folge hat. 
Dem Zurückstellen der eigenen zentralen Lehre geht zur Seite 
eine verstärkte teils ablehnende, teils billigende, teils vermittelnde 
Beschäftigung mit fremden Theoremen. Besonderen Einfluß ge- 
winnt pythagoreische Lehre und Frömmigkeit. 

Uberlieterung. Unsere Textesquellen sind a) Zahlreiche J*apyri. Dieselben 
l)ringen im ganzen nicht den Nutzen, den man bei ihrem hohen Alter erwarten 
könnte. Sie zeigen vielmehr, daß die wesentlichen Verderbnisse schon sehr früh 
in tlen piaton. Text eingedrungen sind und dieser Text schon wenige Generationen 
nach riaton im großen und ganzen so aussah, wie ihn uns die mittelalterlichen 
Handschriften darbieten. Die Ausgaben der Papyri im Zusammenhange mit der 
darüber handelnden Literatur s. unten im Literatu.rverzeichnis S. 78* f. b) Die 
mittelalterlichen Handschriften, c) Die indirekte Überlieferung in den Anfüh- 
rungen der antiken Schollen, der Kommentatoren, des Stobaios u. a. Da die 
Kommentatoren z. T. die Lemmata vollständig ausschreiben (so z. B. der auf 
Papyrus erhaltene, von Diels und Schubart (Berlin 1905) herausgegebene anonyme 
Theaitetkommentator), so erhalten wir aus dieser Quelle oft für längere Partien 
den ununterbrochenen plat. Text. Voraussetzung für die Ausnützung dieser 
Textescjuelle sind gute kritische Ausgaben der Kommentare, wie solche bis jetzt 
nur für einen Teil derselben vorliegen. Kurze Übersicht über die Überlieferungs- 
yerhältnisse bei Christ-Schmid. Gesch. d. griech. Lit. I« S. 717. Näheres in de» 
im Litenituranhang S. 78* f. verzeichneten Arbeiten. 



§ 40. Piatons Schriften. 205 

Von. der Bescliäf tigung des Altertums mit l'latons Schriften 
sind uns zahlreiche Reste erhalten. Hier kommen zunächst die oben S. 19i> ff. 
verzeichneten antiken Arbeiten über l'laton im allgemeinen in Betracht. Ferner 
gehören hierher die Kommentare (so der im zweiten Jahrh. nach Chr. verfaßte, auf 
Papyrus erhaltene anonyme Kommentar zum Theaitet |s. § 70|, Kommentare bezw. 
Kommentarfragmente des Galenos [s. § 71J, Proklos, Damaskios |s. § 83], Henneias, 
Olvmpiodoros [s. i; 84 1, Chalcidius js. § 85], Reste eines neuplat. Parinenides- 
koinmentars |W. Kroll, Rhein, Mus. 47 [1892], .ö99— 627|), Einleitungsschriften 
(wie die des Albinos [s. § 701), Schollen, Inhaltsübersichten (Arist. Fragm. 
S. 164 [vor fragra. 2001 Rose, fragm. 180; Papyr. Berol. 9766 |Berl. Klassiker- 
texte Heft 2 S. 53f.|), das Lexikon des Timaios, die mathematische Erklänings- 
schrift des Theon von Smyrna (s. § 70), die Behandlung einzelner l'robleme 
bei Plutarch {n/.nrarty.a ^ijTijfHiTn, Ihgi tTj^ tr l'i/iaio> ij'i'yoyon'a;). Unter dem 
heute Verlorenen ist besonders der Timaioskommentar des Poseidonios wegen 
seines weitreichenden Einflusses auf das spätere Altertum von \\'ichtigkeit. 
Weitere antike Arbeiten zum Timaios bei H. Krause, Studia Neoplaf., Lipsiae 1904, 
Diss., S. 46 ff. Antike Literatur zum Streit Piatons gegen Homer oei Christ- 
Schmid, Gesch. der griech. Lit. 1« S. 81 Anm. 7. Didymus |der bekannte Gram- 
matiker dieses Namens kann nicht in Frage kommen] Ilfgi rtor d-Tonnr/iyron- jraoä 
W.ÜTioii /.f^gfor ed. E. Miller, Melanges de litt, grecque, Paris 1868, S. 399 bis 406. 
Über Thrasyllos s. u. § 70. 

Gesamtausgaben der Werke: 

Die Werke Piatons sind zuerst lateinisch in der Übersetzung des Mar- 
silius Ficinus zu Florenz 1483-1484 erschienen, wiederabgedr. Venet. 1491 u. ö., 
griechisch zuerst Venet. 1513 bei Aldus Mamitius (unter Mitwirkung des Marcus 
Musurusi. Hierauf folgte zunächst die durch Johannes Oporinus und Simon 
Grynaeus veranstaltete Ausgabe Basileae apud Joh. Valderum 1534, dann die Aus- 
gabe ßasileae apud Henricum Petri 15.56, danach die durch Henricus Stephanus 
veranstaltete Ausgabe (nebst der Übersetzung des Joh. Serranus), 3 voll., Par. 1578, 
nach deren Seitenzahlen, die auch den meisten neueren Ausgaben beigedruckt sind, 
zitiert zu werden pflegt. Die Ausgabe des Stephanus wurde wieder aufgelegt zu 
Lyon 1.590 mit der Übersetzung des Ficinus und Frcf. 1602. Neue Gesamtaus- 
gaben sind: die zu Zweibrücken 1781—1787 erschienene (von den sog. Bipontinern 
G. Chr. Croll, Fr. Chr. Exter u. J. Val. Embser veranstaltet, zu der auch die 
Argumenta dial. Plat. expos. et ill. a D. Tiedemanno, Biponti 1786, gehören); 
ferner die Tauchnitzsche Ausgabe, Lpz. 1813—1819, 1829, 1850; die von Imraan. 
Bekker veranstaltete, Berl. 1816—1817, nebst Kommentar u. Scholien, ebd. 1823, 
auch London 1826; von F. Ast, Lpz. 1819-1832; von Gottfried Stalibaum, 
Lpz. 1821—1825, 1833 ff., Prolegomenis et commentar. illustr. (später von ver- 
schiedenen wieder herausgegeben, so der Protagoras von J. S. Kroschel 1882, 
Menon. Euthyphron, Theages. Erasten und Hipparch von A. R. Fritzsche 1885, 
der Theaitetos von M. Wohlrab 1891, der Sophistes von Otto Apelt, Lpz. 1897), 
in einem Bande ebd. 1850 und 1875; von Baiter, Orelli und Winckelmann, 
Zürich 1839—1842, 1861 ff.; P.s Werke griech. u. deutsch, Leipz. bei Engelmann 
1841 ff.; die Teubnersche Ausgabe ex recognit. Gar. Frid. Hermanni, Leipzig 
zuerst 1851 — 1853, neuerdings bearbeitet von Wohlrab; gr. u. lat. von C. E. Ch. 
Schneider u. R. B. Hirschig, Par. 1846 — 1856; die kritische Ausgabe von 
Martin Schanz, Lpz. 1875 ff., unvollendet (Bd. III fasc. 2, Bd. IV. X. XI. 
XII fasc. 2 fehlen, Bd. I und V sind vergriffen), von demselben auch eine 
Stereotyp-Ausg. Oeuvres de PL von M. Barthelemy Saint-Hilaire, Par. 1896. 
Recogn. brevique adnotatione critica instruxit loannes Burnet, 5 Bde., Oxford 
1899 — 1906, beste kritische Ausgabe. TJ/mtcov f$ fg/njvfiag y.al Sioo&iöofco^ ^:tvq. 
MLogaiTor; bis jetzt 3 Bde. erschienen, Athen 1905, Leipz. 19Ö8. 1913 (zum 
1. Bde. /'. Ä'. Faoötxn^, Kgiat? liig vrto 2\t. McooaiTov TlXaton'ixfj^ ty.hönFoyi, Athen 
1908). 

Übersetzungen sämtlicher Werke: 

Piatons W'^erke, von F. Schleier m acher (Übersetzung und Einleitungen) 
I, 1 u. 2, II, 1-3, Berl. 1804—1810; neue verb. Aufl. ebd. 1817-1824; III, 1 
(Staat), ebd. 1828; 3. Aufl. von I und TI und 2. Aufl. von III, 1, ebd. 1855—1862; 
daraus einzelne Gespräche neu herausg. von O. Güthling in Reclams Univ.-Bibl., 
die Politeia auch im Meinerschen Verlag (s. unten). — Piatons sämtliche Werke, 
übersetzt von Hieron. Müller, mit Einleitungen begleitet von Karl Steinhart (Ein- 



0(XJ § 40. riatons Schriften. 

leitungeil sehr braiuhbar). 8 Bde.. Leii^zig 1850—1800, — l'latoiis Werke (iiv 
der Osiander-bchwabschen Bammlung. zum Teil in wiederholten Auflagen): Gespr. 
z. Verherrlichung des Sokr. übers, v. L. Georgii u. Franz Suseniihl; Gespr. prakt. 
Inh. von Susemihl. Georgii u. J. Deuschle; Dialekt. Gespr, v. Deuschle u. Suse- 
mihl; Die pl. Kosmik v. W. S. Teuffel, W. Wiegand u. Suseraihl; Zweifelhaftes 
und Unechtes v. Wiegand u. Susemihl, Stuttgart bei J. B. Metzler, 1S53 ff. — 
Piatons Werke übers. (^Phaidon, Gastmahl, l*haidros, Staat, Apol. von Karl Prantl. 
Euthyphron und Kriton, Protag., Laches von Ed. Eyth; Gorgias von Karl Conz usw., 
z. T.' IM wiederholten Auflagen), Stuttgart bei Karl Hoffmann. 1 854 ff., jetzt 
Berlin-Schöneberg bei Langenscheidt. — Piatons Werke übers, mit Einleitungen, 
Inhaltsdarsielhmgen, Anmerkungen und Register (Staat von Fr. Schleiermacher, 
;{. Aufl. durchgesehen v. Th. Siegert: Gorgias, Menon, Phaidon, Philebos. Politikos, 
Sophistes, Theätet [einzeln | von Otto Apelt; Gastmahl von Kurt Hildebrandt, 
Phaidros von Konst. Ritter; in Vorbereitung: Hippias I und II, Ion von 
Otto Apelt, Gesetze von demselben, Laches und Euthyphron von Gustav Schneider), 
Leipzig bei F, Meiner (Philosophische Bibliothek). — Gesamtausg. d. \N'erke von 
Piaton (Einführung in Pl.s Leben und Werke von M, Wundt; Apologie und 
Kritou von O. Kiefer; Ion, Lysis und Charmides von R, Kassner; Euthyphron, 
Laches und Hippias II von K, Preisendanz; Gorgias und Menon von demselben; 
Protagoras und Theaitetos ebenso; Gastmahl, Phaidros und Phaidon [auch einzeln) 
von R, Kassner; der Staat von K, Preisendanz; Parmenides und Philebos von 
O. Kiefer; Timaios. Kritias und das 10. B. der Gesetze von demselben!, Jena 
bei Diederichs. — Auswahl aus Pl.s Schriften in Übers, von Gust. Schneider, 
Stultg. o. J. 

Französische Übersetzung von Vict. Cousin, 12 Bde., Paris 1822—18-10,^ 
neue Ausg. v. J. Barthelemy St.-Hilaire. 1896 ff. — von E. Chauvet und A. Saissct, 
10 Bde.. Paris 1S63, wieder aufgel. 1866 ff. 1878 ff. — 

Englische Übersetzung: The dialogues of PI. transl. into English wiih 
analysis and introductions by Benj. Jowett, 5 Bde., Oxf. 1871, 3. Aufl. 1892. 

Italienische Übersetzungen von Eng. Ferrai. 4 Bde.. Padua 1873 — 1883: von 
Rugg. Bonghi, 13 Bde., Turin, Rom. Florenz 1880—1904, 

Sammelausgaben größerer Reihen von Schriften, Chresto- 
mathien (mit Einleitungen und Erläuterungen): 

Dialogi selecti cura Ludov. Frid. Heindorfii, ad apparatum Imm. Bekkeri 
lect. denuo emend. Ph. Buttmann, 4 Bde., Berl. 1802—1829. I: Lysis, Charmides, 
Hippiaij maior, Phaedrus. II: Gorgias. Theaetetus. III: Cratylus, Euthydemus, 
Parmenides. IV: Phaedo, Protagoras. Sophistes. — Pl.s ausgew. Schritten von 
Chr. Cron. J. Deuschle u. a. (mit deutschen erklär. Anm.), Leipzig (Teubner): 
I: Apol., Kriton v. Chr. Cron, 12. Aufl. v. H. LTile; II: Gorgias von J. Deuschle, 

5. Aufl. V. W. Nestle (1909- III 1: Laches v. Chr. Cron, 5. Aufl.; III 2: Euthy- 
phron V. M. Wotlrab, 4. Aufl.; IV: Protagoras von J. Deuschle und Chr. Cron, 

6. Aufl. von W. Nestle 11910); V: Sympos. v. A. Hug, 3. Aufl. v. H. Schöne 
a90£)i; VI: Phaedon von M. Wohlrab, 4. Aufl.: VII: Politeia, I. Buch, von 
M. Wohlrab. — Pl.s ausgew. Dial. erkl. v. H. Sauppe, Berlin (Weidmann): (I nicht 
ersch.). II: Protagoras, 4. Aufl. (1884), III: Gorgias hrsg. v. A. Gercke (1897l. — 
Pl.s ausgew. Dial. erkl. v. C Schmelzer, 9 Bde., Berlin i Weidmann) : Phaidros, Gorgias. 
Phaidon, Apol. u. Kriton (2. Aufl. v. H. Petersen, 1912), Sympos. (2. Aufl. v. 
Chr. Härder, 1915), Menon u. Euthyphron, Politeia (in zwei Abteil.), Charmides u. 
Lysis, Laches u. Ion. — Pl.s ausgew. Dial. erkl. v. H. Petersen, 2 Bde.. Berlin 
(Weidmann): Apologie u. Kriton nebst Abschnitten aus anderen Schriften. 2. Aufl. 
1910; Protagoras. — M. Schanz, Samml. ausgew. Dial. Pl.s mit deutschem Komm., 
Leipz. : Euthyphron, Kriton, Apologie; in der Einl. z. dieser letzteren S. 5 — 112 
ergiebige Untersuchungen zu der Philosophie und dem Prozesse des Sokrates. — 
Apologie, Kriton. Euthyphron, Gorgias, Laches, Phaidon, Protagoras (Einzelausg. 
mit Einl, u. Erkl.) von A. Th. Christ (Wien, Tempsky). — Apologie, Kriton, 
Laches, Euthyphron von A, von Bamberg (Bielef. u. Leipz.). — Euthyphro, Apol., 
Crito, Phaedo. Prot. rec. H. v. Herwerden. Lugd. Bat. — K. Huemer, Chrestomathie 
aus PI. nebst Proben aus Aristoteles. \4'ien li. Leipzig 1910. — H. Röhl. Auswahl 
aus PI. I Protag,, Laches, Menon, Gorgias, Euthydemos), Münster 1910. — Gust. 
Schneider, Lesebuch aus PI. und Aristoteles, .3. Aufl., Wien u. Leipz. 1912. — 
Weißenfels, Auswahl aus d. griech. Philosophen. 1. Teil: Ausw. aus PI., 3. Aufl. 
bes. V. Eug. Grünwald. — The myths of PI. transl. with introd. and other obser- 
vaüons by J. A. Stewart, Lor.don'l905. 



§ 40. riatons Schriften. -JOT 

Ausgaben und Übersetzungen kleinerer Reihen von Schritten 
und einzelner Schriften. 

A/K/loyie, Krifoii, Eiitlujphron : Euth., Apolog. u. Krit. v. Fr. Aug. ^^'olf. 
Berl. ]812. Apol. von .T. Riddel, Oxf. IStj" (mit Digest ot' idloms, s. unten S. 83*"). 
Eiithvphr. bv .1. Adam, Cambridge 1890, bv W. A. Heidel, New York. Crito bv 
A. S." Owen', London 1903, by A. F. Watt, London IQOf), by tntors of the 
Correspondance College. Lond. 1905. Apology by H. Williamson, London 19'''8. 
Apol. u. Krit. (mit Absehn, aus Phaidon u. Symp.) v. A, Th. Christ, 5. Aufl., 
Leipz. 1908. Euth. by G. Stock, Oxf. 1909. Crito and Euthyphr. by A. F. Watt 
and T. R. Mills, London 1911. Lapol. di Socr. dichiar. da E. Ferrai, 2. ed. riv. 
da C. O. Zuretti. Torino 1912. 11 Critone dichiar. da E. Ferrai, 2. ediz. riv. da 
G. Fraccaroli, Torino 1912. Apol. u. Kriton (mit Abschn. aus Phaidon u. Symp.j 
V. Ferd. R<tsiger, 3. Aufl., Leipz. 1913. Apol. u. Krit. (mit Abschn. aus Phaidon, 
Symp. u. Politeia) v. G. Grimmelt, 2. Aufl., Münster 1914. Apol. u. Krit. von 
H. Bertram, 7. Aufl. v. L. Koch, Gotha 1914. Apol. of Socr. and Crito r\}.. by 
L. JDyer, rev. by Th. D. Seyraour. Apol. and Crito by J. Flagg. 

Für den Euthyphron s. auch T. R. Mills unter dem Menexenos. 

Apologie, Kriton, Phaidon übers, von H, Zimpel, Breslau 1888. Verteidigung 
(I. Sokrates, Kriton, deutsch v. E. Horneffer, Leipz. 1909 (Antike Kultur Bd. 4j. 
Apol. u. Kriton v. O. Kiefer, Euthvphron v. Gust. Schneider u. K. Preisendanz 
8. oben S. 206. Apol. von H. St. Sedlmayer, Wien 1899 (mit Einl. u. Erlant.). 
Apol. and Crito, a new transl. with the Greek text by Ch. L. Marson. 

Ion: Prolegom. vindic. et brevi annot. expl. G, G. Nitzsch, Lips. 1822. 
With introd. and notes by St. G. Stock, Oxford 1909. With introd. and notes 
by M. Macgregor. Cambridge. 

Übers, v. O. Apelt und R. Kassner s. oben S. 206. Platonuv Ion (tschechische 
Übersetzung mit Einleitung) von R. Xeuhöfer, Brunn 1908, Pr. 

Protagoras : ed. Jos. Kral, Lipsiae 1886; by B. D. Turner, Lond. 1891; by 
J. Adam and A. M. Adam, Cambr. 1893 (with introd., notes and append.i; von 
H. Bertram, 3. Aufl. von Fr. Lortzing, Gotha 1904; von W. Olsen, Halle a. S. 
1909 (m. Einl. u. Komm.). 

Übers, von K. Preisendanz s. oben S. 206. 

Ladies: ed. Jos. Kral *, Lips. Vind. 1902; erkl. v. H. Bertram, 2. Auti. v. 
Joh. Nuseer, Gotha 1903; Laches und Euthyphron von A. v. Bamberg, Bielef. u, 
Leipzig 1903. 

Übers, von Gust. Schneider und K. Preisendanz s. oben S. 206. 

Cfiarmüles: ex rec. L. Fr. Heindorfii curis Ph. Buttmanni, Lips. 1839. 

Übers, v. K. Kassner s. oben S. 206. 

Lysis: ex rec. L. Fr. Heindorfii curis Phil. Buttmanni, Lipsiae 1839. 

Übers, von K. Kassner s. oben S. 206. 

Gorgias: von .J. Stender, Halle a. S. 1900 (mit Einl. u. Komm.); with Eng- 
lish notes, introd. and append. bv W. H. Thompson, London and New York 1S94; 
da D. Menghini, Milano 1912. Gercke s. S. 206. 

Übers, v. Geo. Schultheß (neu bearb. v. Sal. Vögelin), Zürich 1857; Textor. 
Bielefeld 1911; O. Apelt und K. Preisendanz s. oben S. 206. 

Menon: with introd., notes and excurs. by E. S. Thompson, Lond. 1901; with 
introd. and notes by St. G. Stock», Oxf. 1904. 

Übers, von O. Apelt und K. Preisendanz s. oben S. 206. 

Euthydemos : erkl. von Mart. Schanz, Würzb. 1874; with introd. and notes 
by G. H. Wells, Lond. and Cambridge 1881 ; by E. H. Gifford, Oxf. 1905. 

Hippias minor: by G. Smith, London 1895 (zusammen mit dem loni. 
Übers, von O. Apelt und K. Preisendanz s. oben S. 206. 

Hippias maior : in usum schol. ex rec. L. Fr. Heindorfii curis Phil. Butt- 
manni, Lips. 1839; by G. Smith. London 1894. 
Übers, von O. Apelt s. oben S. 206. 



-2{)^ ^ 40. Piatons Schriften. 

Kratijlus : {jraeoe et lat., ann. critic. et grammat. ill. a. loa. Frid. Fischer, 
iLipsiae 17'92— 1799. 

Mcncxrnot<: rec, e Graeco in Lat. oonv. et comm. illustr. Vitus Loers, 
•L'oloniae 1824; ed. by Ch. Edw. Graves. I^ondon 1881 (zusammen mit dem 
Euthyphron); with introd. and notes by T. R. Mills, Oxf. 1902 (mit d. Euthyphron); 
with introduct. and notes by J. A. Shawyer, Oxf. 1906. 

.'<y)nposion : ed. F. A. Wolf, Leipz. 1782; ed. O. Jahn, ed. II. ab H. Usener 
reco^ii.. Bonn 1875; ed. cum comm. crit. G. F. Rettig, Halle a. S. 1875; erkl. v. 
•G. F. Rettig, Halle a. Ö. 1876; with introd.. crit. notes and comment. bv R. G. 
Rury. Cambr. 1901». Hug- Schöne s. o. S. 206. 

Übersetzt von Ed. Zeller, Marb. 1857 (mit Erläuterung); Arth. Jung. 2. Aufl., 
Leipz. 1000 (Philos. Bibl. Bd. 81). Fr. Ast und K. Lehrs s. unter dem Phaidros. 
Kurt Hildebrandt und R. Kassner s. oben S. 206. Dänische Übers, v. H. Raeder. 

Pliaiilo)t: explan, et cmend. proleg. et annot. Dan. Wyttenbachii, Lugd. Batav. 
ISIO, (mit Supplementen und griech. Seholien) Lips. 1825; with introd., notes and 
append. by R. D. Archer-Hind '^, Lond. New York 1894; by H. Williarason, Lond. 
19*>4 kurze Bearb. d. Ausg. v. Archer-Hind); mit Einl. u. Komm, von J. Stender, 
Halle a. S. 1897 (Klassikerausg. d. griech. Philos. II); von K. Linde, Gotha 19*>2; 
with introd. and notes by John Burnet. Oxf. 1911 (in der Einleitung eigenartige 
Ansieht über das Verhältnis des platonischen z. geschichtlichen Sokrates; s. o. 
• S. 151): Phaidonpapynis her. von Mahaffy s. S. 78'' zu § 40. 

Übers, v. Fr. Aug. Nüßlin, Mannh. 1855. O. Apelt u. R. Kassner s. o. S. 206. 

Polilriu : rec. atque explan. Fr. Ast, Lips. 1814; rec. et ann. crit. instrux. 
•L'ar. Em. Chr. Schneiaer, Lips. 1830 — 1833, dazu Additamenta, Lips. 1854; with 
notes and essays by B. Jowett and L. Campbell, 3 voll.. Oxf. 1894 (darin 
•Campbells bemerkenswerte Abhandlungen: On the position of the Sophistes, 
Politicus and Philebus in the order of the piaton. dial. etc.. und: On Pl.'s use of 
languaee, s. u. S. 83*;; with crit. notes. comm., append. (and Indexes) bv J. Adam, 
London 1902; Auswahl von K. Nohle mit Einl. u. Anm., Halle a. 'S. 1898. — 
Zahlreiche Ausgaben einzelner Bücher. 

Übers, ins Deutsche von F. K. Wolff, Altona 1799; H. Kleuker, Wien und 
Prag 18« 15; K. E. Chr. Schneider, Breslau 1839. 1850; A. Horneffer, Leipz. 1908; 
Schleiermacher u. Preisendanz s. o. S. 206; ins Englische v. Benj. Jowett, Oxf. 1881 
u. ü.; J. L. Davies und D. J. Vaughan. London 1892; Svdenham und Tavlor, 
cev. V. Rouse. London 1906; H. Spens. London 1906; B. I ü. II von G. H. Wells, 
London 1905. 

Phaidrot:: recens., Hermiae scholiis suisque comm. instr. P"r. Ast, Lips. 1810. 
1830; with Engl, notes and dissert. by H. W. Thompson, London 1868 (darin 
über die Abfassungszeit); ad optim. librorum cod. Bodl. praecipue fid. rec. .1. C. 
Vollgvaff, acced. schol., viror. doct. coniect. sei., Lugd. Bat. 1912. 

Übers, von Fr. Ast^ Jena 1817 (mit dem Symix)sion) ; K. Lehrs, Leipz. 1S70 
iebeneo); Konst. Ritter u. R. Kassner s. o. S. 206.* Ins Niederl. übers, v. VoUgraff. 

Theaitetos: with transl. and notes by B. H. Kennedy, Cambr. 1881; with 
revjsed text and English notes by L. Campbell^, Oxf. 1883. 

Übers, u. erl. v. J. H. v. Kirchmann. Leipz. 1880 (Philos. Bibl. ßd. 87). 
O. Apelt und K. Preisendanz s. oben S. 206. Engl. v. H. F. Carlill, London 
1906 (mit dem Philebos). 

Pnrmnmies: cum quattuor libris prolegom. et comment. perp., acced. Prodi 
in P. eommentarii nunc emendatius editi cura G. Stallbaum, Lips. 1848; with 
introd., analysis and notes by Th. Maguire, London 1882; after the paging of the 
•Clarke ras. with introd., facsim. and notes by W. W. Waddell, Glasgow 1894. 

Übers, und erl. von J. H. v. Kirchmann. Heidelb. 1882 (Philos. Bibl. Bd. 88). 
O. Kiefer s. o. S. 206. 

Sop/tisifs und Politihos: with a revis. text and Engl, notes by L. Campbell, 
Oxf. 1867 (mit wichtigen Ergebnissen f. d. Chronologie d. piaton. Dialoge, s. u. 
■S. 83 j. Fragm. des Polit. auf Papyrus Oxyrh. Pap. 10 (1914), 129 ff. 

Übers, v. O. Apelt s. oben S. 206. Ital. v. G. Fraccaroli. 



§ 40. riatoiis i^chriften. 209 

Philrbus: rec. prolog. et comin. illustr. G. Stallbauni, acced. Olyrapiodori 
schol. in Ph. et append. crit., Lips. 182G; with introd.. notes and append. by 
Ch. Badhani*, Lond. and Edinb. 1878; by E. G. Bury, C'ambr. 1897. 

Übers, v. O. Apelt und O. Kiefer s. o. S. 206. Carlill s. unter dem Theaitetos. 

Tuiiaios: with. introd. and notes .by R. D. Archer-Hind, London and New 
York 1888. Griech. Text und franz. Übers, von Henri Martin in dessen Etudes 
sur le Timee de PL, Paris 1841. 

Übers, von C. E. Chr. Schneider, Breslau 1845. (). Kiefer s. oben S. 206. 
Ital. V. G. Fraccai'oli. 

Kritias: a C. E. Chr. Schneidere critica adnot. instr. I II. Vratisl. 18')5. 
Übers, von O. Kiefer s. oben S. 206. 

yomoi und Epinomis: ad opt. libr. fid. emend., perpet. adnot. ill. et ind. rer. 
ac verb. adi. Frid. Ast, 2 tora., Lips. 1814; ausgew. Abschnitte der Xomoi in: 
Klassiker-Ausg. d. griech. Philos. VI her, v. K. Lincke und B. v. Hagen, Halle 

a. S. 1911. 

Übers. (10. B.i v. O. Kiefer s. oben S. 206. 

Erasfai: Gr. et Lat. c. animadv, crit. et exeg. atque comni. de ingenio philo- 
6ophiae Piaton. ed I. I. Stutzmann, Erlang. 1806. 1818. 

Axioehos: ed. O. Immisch, in: Philol. Stud. z. Plato, I. Heft, Leipz. 1896. 

Eine Reihe unechter Dialoge sind als mutmaßliche Werke des „Sokratikers 
Simon- (s. o. S. 165. 168) vereinigt in der Ausgabe: Simonis Socratici ut videtur 
dialogi IV, de lege, de lucri cupidine, de iusto ac de virtute. Additi sunt incerti 
auctoris dialogi Eryxias et Axiochus, rec. A. Boeckh, Heidelbergae 1810. 

Die Briefe auch bei Hercher, Epistolographi Graeci, Paris 1873, die Epi- 
gramme und das epische Fragment bei Bergk, Poet. lyr. Gr. II* S. 295 ff., die 
Epigramme auch in der Sonderausgabe von Dom. Fava, Gli epigrammi di Piatone. 
Testo, varianti, versione; preceduti da uno studio sull' autenticita di essi, Milano 
1901 (fr)rdert wenig). 

A. Platous Sehrifteu im allgemeinen. 

Als Platous schriftstellerischer Nachlaß sind uns überliefert 35 im Altertum 
im allgemeinen als echt anerkannte Werke (die Apologie und 34 Dialoge), eine 
Sammlung von 13 Briefen, zu denen sich noch einige weitere teils in der Kol- 
lektion der Sokratikerbriefe teils einzeln erhaltene Schreiben gesellen, und eine 
ijusammenstellung von Definitionen ('Ogoi). Dazu kommen noch mehrere bereits 
im Altertum als unecht erkannte Dialoge {vo{)ev6/.isva; in der Hermannschen Aus- 
gabe VI S. 81 ff.), sowie einige Stücke in gebundener Eede (ein episches Fragment 
und eine Anzahl von Epigrammen). Wir sind damit in der selten glücklichen 
Lage, mit Ausnahme einiger weiteren von Diog. Laert. 3, 62 angeführten j'oüevöfiera 
alles zu besitzen, was im Altertum als platonisch im Umlaufe war, mit größter 
Wahrscheinlichkeit auch alles das, was von Piaton selbst veröffentlicht oder zur 
Veröffentlichung bestimmt Avurde. Wenn Aristoteles de gen. et corr. 2, 3, 330b 
15, de part. anim. 1, 2, (>42 b 12 {ysyoaitiisrai) diatoeaet; seines Lehrers anführt, 
so handelt es sich dabei um Einteilungen, die von anderen auf Grund platonischer 
Vorträge niedergeschrieben waren (vgl. das ptolemäische Verzeichnis aristotelischer 
Schriften Nr. 53: n/.droivog öcaiQso(e)ig [Aristot. qui fereb. libr. fragm. coli. Val. 
Eose p. 20j). Übrigens ist uns auch von diesen Einteilungen bei Diog. Laert. 3, 
80 ff. und in cod. Marc. 257 ein Niederschlag erhalten, so freilich, daß hier die 
platonische Grundlage von späteren Zusatzschichten überdeckt ist (das Nähere bei 
H. Mutschmann, Divisiones quae fer. Aristoteleae, Lips. 1906, S. VII ff.). Weniger 
günstig ist unsere Lage hinsichtlich einiger anderen mündlich vorgetragenen, aber 
-durch Schüler in die Literatur eingeführten Erörterungen: die von Aristoteles, 

Ueberweg, Grundriß I. 14 



21(J i? 40. Piatons Schriften: Echtheit. 

Speusipp. Xenokrates u. a. gehörte und im Auszuge wiedergegebene (Simpl. Phys. 
151. 8 ff. 453, 28 ff.) Vorlesung über das Gute und die Ausführungen über die 
Philosophie (Aristot. de anima 1. 2. 404 b 19) sind bis auf wenige Spuren verloren, 
ebenso die von Piaton in dieser Form nicht niedergeschriebenen, aber auf Grund 
seiner Vorträge von Schülerhand schriftlich fixierten Lehrsätze (sog. a'/ga(/:a 
döyuara, Aristot. Phys. 4. 2. 209 b 15. Simpl. Phys. 542, 10; 545. 23 f.; Zeller 
II 1^ 439, 2). 

Auf die Geschichte des Corpus Platonicum und die Überlieferung der plato- 
nischen Schriften kann hier nicht eingegangen werden (s. darüber die S. 78 f. ver- 
zeichnete Literatur). Wohl aber verlangen vier Fragen eine Erörterung, die für 
die Verwertung der als platonisch überlieferten Werk-e zur Erkenntnis der Lehre 
des Philosophen von grundlegender Bedeutung sind. Sie betreffen die Echtheit 
der einzelnen im platonischen Corpus vereinigten Schriften, die Abfassuugszeit 
und chronologische Keihenfolge der als echt anzuerkennenden Werke, das 
Verhältnis dieser Reihenfolge zu des Verfassers eigener geistiger 
Entwicklung und endlich die Verteilung der einzelnen echten Schrif- 
ten auf zeitlich oder sachlich bestimmte Gruppen. 

I. Die Echtheit der einzelnen als platonisch überlieferten Schriften. 

Schon das Altertum hat mehrere unter Piatons Namen umlaufende Schriften 
einmütig als unecht verworfen. Von den bei Diog. Laert. 3, 62 als solche 
vodevouera genannten Werken gehören Eryxias, Alkyon (erscheint auch im Corpus 
Lucianeum; wohl deshalb in einem Teil der Pl.-Hss. nicht aufgenommen), Sisyphos, 
Axiochos. Deraodokos noch dem Corpus Platonicum an, die anderen sind ver- 
loren. Die Prolegomena (S. 219, 13 ff. H.) nennen neben Sisyphos, Demodokos, 
Alkyon und Eryxias als allgemein athetiert noch die "Oooi. Über die letzteren 
sowie über zwei weitere gleichfalls erhaltene Dialoge, IJugl Siyuuov und Ilegl ägsrijgf 
hat der in der Zeit des Kaisers Tiberius lebende Platoniker Thrasyllos — oder 
wer vor ihm die tetralogische Einteilung schuf — dadurch ein Verwerfungsurteil 
ausgesprochen , daß er sie von den Tetralogien, in die er alle von ihm für echt 
gehaltenen Werke grui^pierte (Diog. Laert. 3, 57), ausschloß. Die in der Xeuzeit 
vorgenommene Prüfung konnte das Verdikt über die sämtlichen noch vorhandenen 
voOevöuEva nur bestätigen, und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß 
auch das Urteil über die vei'schoUenen, wenn sie wieder zutage kämen, nicht 
anders ausfallen würde. Aber schon der antike Zweifel ging weiter und ließ 
auch eine Eeihe der in die thrasyllischen Tetralogien aufgenommenen Schriften 
nicht unangetastet. So wurde die Echtheit des IL Alkibiades, des Hipparch, der 
Erasten und der Epinomis in Frage gestellt. Ja der Xeuplatouiker Proklos ver- 
warf neben der letzteren und den Briefen auch die Nomoi und sogar die Politeia^ 
und von dem Stoiker Panaitios heißt es, er habe den Phaidon für unecht erklärt, 
eine Angabe, die übrigens wahrscheinlich auf ein Mißverständnis zurückzuführen 
ist (vgl. Zeller II l^ 441, 1; Paeder. Pl.s philos. Entw. 22, 3). 

Die moderne Kritik hat nicht nui- die antiken Verwertungsurteile mit Aus- 
nahme der die Politeia, die Xomoi und den Phaidon betreffenden im allgemeinen 
übernommen — hinsichtlich der Epinomis und der Briefe schAvankt das Urteil — ,. 
sondern vielfach auf Grund wirklicher oder vermeintlicher Bedenken in Form 
oder Inhalt der Schriften den Kreis der roOsvö^iEva noch ungemein erweitert. 
Faßt man die Angriffe der antiken und modernen Kritik zusammen, so sind von 
den 3G Nummern der thrasyllischen Tetralogien nur 5 völlig unangefochten ge- 
blieben. Den Höhepunkt einer jeden festen Boden unter den Füßen verlierenden 
Hyperkritik vertreten Ueberweg und Schaarschmidt. Die neueste Phase der Kritik 



§40. Piatons Schriften: Echtheit. 0]| 

ist, wie sie sich überhaujjt in der Beurteilung der Echtheit antiker Schriftwerke 
größte Umsicht und Behutsamkeit zur Pflicht macht, so auch für die Bestandteile 
des platonischen Corpus von einer ins Ungeniessene gehenden Zweifelsucht zu- 
rückgekommen. Alle Meinungsverschiedenheiten sind noch nicht beseitigt und 
werden sich auch in Zukunft schwerlich beseitigen lassen. Aber im ganzen ist 
doch, namentlich hinsichtlich der wichtigeren und für die Kenntnis der plato- 
nischen Philosophie ausschlaggebenden Dialoge eine erfreuliche Einigkeit in 
konservativer Richtung eiTeicht. 

An Kriterien für die Echtheit oder Unechtheit einer unter Piatons Namen 
gehenden Schrift stehen uns folgende zur Verfügung. 

1) Die Überlieferung. Es widerspricht den Grundsätzen gesunder Me- 
thode, ein als platonisch überliefertes Werk zunächst als herrenlos anzusehen und 
ex integro die Frage zu beantworten, ob man es auf Grund des Inhalts und der 
Form als platonisch anzusehen habe oder nicht. Sein Vorhandensein im plato- 
nischen Corpus, zum mindesten in dessen von Thrasyllos anerkanntem Bestände, 
bildet immer ein Indiz zugTinsten der Echtheit, das im einzelnen Falle erst durch 
Gegenbeweis entkräftet werden muß, ehe die Unechtheit als erwiesen gelten kann. 
Andererseits darf man das Gewicht der Überlieferung auch nicht, wie es von 
Grote und Chaignet geschehen ist, überschätzen. Wir haben keine Gewähr dafür, 
daß nicht schon früh in der akademischen Schulbibliothek Arbeiten von Anhängern 
Piatons, sei es durch Irrtum, sei es durch absichtliche Täuschung, unter den lite- 
rarischen Nachlaß des Meisters gerieten. Die alexandrinischen und pergamenischen 
Grammatiker und Bibliothekare waren auch beim redlichsten Bemühen schwerlich 
in der Lage, in dem Überkommenen durchweg mit Sicherheit das Unterschobene 
vom Authentischen zu sondern, und die Bücherangebote, die ihnen von Fälschern 
in Erwartung eines den berühmten Namen der angeblichen Verfasser entsprechen- 
den hohen Kaufpreises gemacht wurden, bildeten für sie eine neue Quelle des 
Irrtums. Die tetralogische Einteilung vollends, deren Spuren sich nicht über den 
um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts tätigen Grammatiker Tyran- 
nion von Amisos hinaus zurückverfolgen lassen (Usener, Kl. Sehr. III 160 f.), war 
von Piaton durch einen zeitlichen Abstand getrennt, der vollauf genügte, um 
Fälschungen in den platonischen Schriftenbestand Eingang zu gewähren. Ähn- 
liches wie für die Überlieferung gilt für 

2) die .antiken Zeugnisse über den Ursprung von Werken des plato- 
nischen Corpus. Die antike Kritik verfügte über manche Hilfsmittel, die wir 
heute entbehren. Sie hat also ein Eecht darauf, gehört zu werden. Aber das 
Verfahren dieser Kritik ist, wie auf anderen Gebieten der alten Literatur, so 
auch auf dem des platonischen Schrifttums nicht durchweg so einwandfrei, daß 
wii" ihr auch in unkontrollierbaren Fällen unbedingt vertrauen dürften, am 
wenigsten da, wo es sich um L'^rteile einzelner handelt: Proklos' auf windige 
Gründe gestützte Verwerfung der Politeia, der Nomoi und der Briefe (Proleg. 26 
S. 219, 17 ff. H.) bietet ein warnendes Beispiel. Ebensowenig kann umgekehrt 
ein vorbehaltloses Zitat einer unserer platonischen Schriften aus einem späteren 
Jahrhundert als vollwichtiges Zeugnis für deren Echtheit in Anspruch genommen 
werden, selbst dann, wenn der Zitierende der platonischen Schule angehört. 
Anders liegt die Sache bei Anführungen aus Akademiker- und Peripatetikerkreisen 
der nächsten Zeit nach Piaton, insbesondere bei Zitaten in aristotelischen Schriften. 
Aristoteles war unmittelbarer Schüler Piatons. Zu seiner Zeit werden sich fremde 
Erzeugnisse, wenn überhaupt, so jedenfalls nur in seltensten Fällen unter Piatons 
Schriften gemischt haben, und soweit dies vorkam, war Aristoteles in der Lage, 
das Eingedrungene als solches zu erkennen. Er hat während der letzten zwanzig 

14« 



')]•) § 40. Piatons Schriften: Echtheit. 

Lebonsjahie seines Lehrers mit diesem in regem persünlichem \'erkehr gestanden, 
und man darf voraussetzen, daß er über Piatons schriftstellerische Produktion nicht 
nur aus dieser Zeit, sondern auch aus seinen früheren Jahren genau unterrichtet 
war. Nun sind freilich volle Zitate platonischer Schriften mit ausdrücklicher 
Nennung des Verfassers und der Schrift bei Aristoteles verhältnismäßig selten. 
Gewöhnlich fehlt der Name des Verfassers oder der Schrift , oder es wird 
ohne Nennung weder des Verfassers noch der Schrift bald mit größerer bald mit 
geringerer Deutlichkeit auf Sätze angespielt, die sich in unseren platonischen 
Schi-iften vorfinden (vgl. die Sichtung bei Bonitz, Index Aristot. 598 f.). Solche 
Anführungen besitzen selbstverständlich nicht die volle Beweiskraft regelrechter 
Zitate, bieten aber doch in den meisten Fällen einö starke Stütze für die An- 
nahme der Echtheit (vgl. im einzelneu Zeller II l* S. 448 ff.). Es sollte keines 
Wortes bedürfen, daß man das Schlußverfahren nicht umkehren und nicht aus 
der Nichterwähnung oder Nichtberührung einer Schrift bei Aristoteles ohne weiteres 
auf einen späteren, implatonischen Ursprung schließen darf. 

:>) Der Lehrgehalt einer Schrift bietet für die Echtheitsfrage ein Kriterium 
von sehr bedingtem Werte. Unsere Kenntnis der platonischen Lehre beruht, ab- 
gesehen von den nur wenige, wenn auch wichtige, Punkte betreffenden Angaben des 
Aristoteles und Späterer, auf den echten platonischen Schriften. Wer nun über 
Echtheit oder Unechtheit eines Werkes nach seinem Verhältnis zur platonischen Lehre 
entscheiden will, begibt sich in einen circulus vitiosus. Der logische Fehler läßt sich 
allerdings dadurch beseitigen, daß man mit Hilfe unseres zweiten Kriteriums, der 
antiken Bezeugung, einen Kanon echter Werke feststellt, an deren Lehrgehalt 
man den der anderen mißt. Aber neben der Schwierigkeit der Umgrenzung 
dieses Kanons — auch die aristotelische Bezeugung bietet keine jeden Zweifel 
ausschließende Norm — steht die andere größere, den Spielraum zu bemessen, 
innerhalb dessen sich Abweichungen einer gegebenen Schrift von der kanonischen 
Lehre bewegen dürfen, ohne die Verwerfung dieser Schrift zu erfordern. Hier ist 
subjektiver Willkür Tür und Tor geöffnet, und die Verwirrung in der Piaton- 
kritik früherer Generationen beruht wesentlich darauf, daß man in der Echt- 
heitsfrage der Lehrvergleichung das entscheidende Wort verstattete. Unbrauchbar 
ist freilich auch dieses Kriterium nicht. Enthält ein Dialog eine Lehre zweifellos 
nachplatonischen Ursprungs, so ist ein Verdikt gerechtfertigt. Dies ist der Fall 
beim II. Alkibiades, der in dem Satze :rävrag . . . rovg mfoovag /lai'reodai (139c) 
ein stoisches Philosophem zum Ausdruck bringt. Auch können beim Vorhanden- 
sein anderer Verdachtsgründe Besonderheiten des Lehrgehaltes ein unterstützendes 
Moment bilden: erregen Sprache und Stil eines Dialoges Bedenken, so wird sich 
die Wahrscheinlichkeit seiner Unechtheit erhöhen, wenn sein philosophischer 
Inhalt in auffallender Weise über die Peripherie des anerkannt Platonischen 
hinausgreift oder durch bemerkenswerte Dürftigkeit hinter ihr zurückbleibt. 
SehließUch wird der Inhalt eines Werkes auch dann begründeten Verdacht er- 
regen, wenn er in sich selbst in einem Grade widerspruchsvoll ist, der mit der 
Arbeitsweise eines mit Bedacht verfahrenden Schriftstellers unvereinbar erscheint. 
So bezeichnet der Theages 128 d das sokratische Daimonion als eine lediglich 
abmahnende Stimme und stellt positive Weisungen dieses inneren Orakels aus- 
drücklich in Abrede. Eine kurze Strecke weiter aber, 129 e, gilt das nämliche 
Daimonion in unzweifelhafter Weise als eine auch antreibende Instanz. 

4) Die künstlerische Darstellung. Piaton gehört zu den größten Dar- 
stellungskünstlern aller Zeiten. Manche unter seinen Dialogen sind unübertroffene 
Meisterstücke schriftstellerischer Komposition. Es liegt daher nahe, auch die 
Kunst der Darstellung als Mittel zur Entscheidung über Echtheit oder Unechtheit 



{< 40. Piatons Schriften: Echtheit. ' 213 

zu benutzen und Werke, die unter diesem Gesichtspunkte auffallende Schwächen 
zeigen, als des großen Schriftstellers unwürdig auszuscheiden. Wir stehen aber 
auch hier wieder auf schwankendem Boden. Piatons Altersdialoge verraten eine 
starke Abnahme seines Interesses für die Darstellungsform, und auch die zweifellos 
echten Dialoge der vorangehenden Zeit bekunden beträchtlich verschiedene Grade 
des auf die szenische Ausgestaltung und den Keiz der Gesprächsführung ver- 
wendeten Bemühens. Dazu kommt, daß gerade bei der künstlerischen Bewertung 
das subjektive Empfinden des Beurteilers besonders stark ins Gewicht fällt. 
Gleichwohl versagt auch dieses Kriterium nicht völlig. Wenn ein Dialog eine 
überaus dürftige Ausführung der nämlichen szenischen Motive aufweist, die in 
einem andern mit reichem Können verwertet sind, wenn dabei das geschickt be- 
gründete und anschauliche Handeln lebensvoller Gestalten in einem mühselig 
ercjuälten Spiele blutloser Schatten sein Gegenbild findet, so ist der Verdacht, daß 
hier die Arbeit eines stümpernden Nachahmers vorliege, berechtigt, zumal dann, 
wenn sich gegen die betreffende Schrift noch andere Bedenken regen. Das ist 
der Fall beim Theages, der in seiner Szenerie ein ärmlicher Abklatsch des Laches 
ist und in seinem Inhalte den oben erwähnten Makel der Flüchtigkeit trägt. 
Ebenso hat sich der Verfasser der Erasten für seine Szene augenscheinlich Dialoge 
der platonischen Friihzeit, wie Charmides, Lysis und Euthydem, zum Muster ge- 
wählt, ihren Reiz aber, ungeachtet einiger Erfindungsgabe, auch entfernt nicht 
zu erreichen vermocht. Erschwerend kommen ein antiker Zweifel an der Echtheit 
(Diog. Laert. 9, 37) und sprachliche Anstöße (Ritter, Unters, über PI. S. 90) in 
Betracht. 

5) Der Sprachgebrauch bildet neben den aristotelischen Zeugnissen das 
relativ sicherste und ergiebigste Kriterium in unserer Frage. Zwar erheben sich 
hier zunächst analoge prinzipielle Bedenken wie bei der Entscheidung nach 
Indizien des Lehrgehaltes: woher kennen wir den platonischen Sprachgebrauch, 
ehe dafür durch Feststellung der echten Schriften eine Grundlage geschaffen ist? 
Und haben Avir mit Hilfe anderer Kriterien einen Kreis maßgebender authentischer 
Werke abgegrenzt, wie weit darf sich die zu beurteilende Schrift in sprachlichen 
Einzelheiten von diesem Kreise entfernen, ohne dem Verdikte zu verfallen? Bleibt 
hier, wie bei der Bemessung nach sachlichen Indizien, für Meinungsverschiedenheit 
Raum, so bietet doch nach einer Seite hin das sprachliche Kriterium eine auf 
dem Wege inhaltlicher Vergleichung nicht zu erreichende Sicherheit. Ein Fälscher 
mußte, wollte er des Erfolges gewiß sein, sich in das für sein Falsifikat in Frage 
kommende Gedankengebiet des Philosophen so einzuleben suchen, daß es ilim 
möglich war, jede sachliche Abweichung zu vermeiden. War das Gebiet nicht zu 
groß, so mochte ihm das, namentlich wenn er als Schulgenosse ohnehin und in 
tieferer "Weise mit der Lehre des Meisters vertraut war, soweit gelingen, daß selbst 
ein schärferes Auge sich berücken ließ. Auf der sprachlichen Seite hatte die Täu- 
schung nicht ganz die gleichen Voraussetzungen. Zwar empfahl es sich auch, 
hier, groben Verstößen gegen Grammatik, Lexikon und Stil des zu kopierenden 
Autors aus dem Wege zu gehen — daß freilich selbst solche den Erfolg einer 
P^älschung nicht notwendig unterbanden, lehrt die griechische Literaturgeschichte — . 
Aber es gab Gebiete des individuellen Sprachgebrauches, die sich der Auf-, 
merksamkeit des Lesers, namentlich des Lesers späterer Generationen, innerhalb 
deren zumeist die Fälschung entstand und auf die sie berechnet war, entzogen 
und auch von dem Fälscher um so eher vernachlässigt zu werden pflegten, als 
hier eine völlige Anpassung an den Autor nur auf dem Wege minutiöser Be- 
obachtung, langer Übung und intimen Anempfindens zu erreichen war; so die 
Verwendung der Präpositionen, Konjunktionen und sonstigen Partikeln nach 



-214 § 40. Platoiis Schriften: Echtheit. 

Auswahl und Frequenz, die formelhaften Wendungen der Dialogführung, wie be- 
jahende Antwort. Zustimmung, Rückverweisung auf Gesagtes, die Einzelheiten der 
Terminologie, das Verhalten zum Hiatus u. dgl. Erst die moderne Forschung hat 
auf diese Erscheinungen in umfassenderer Weise achten gelernt und sich in deren 
Feststellung und statistischer Aufnahme ein vorzügliches Mittel höherer Kritik ge- 
schaffen, welches bei Piaton dadurch besonders einschneidend wirkt, daß es in weitem 
Maße gelungen ist, auch die Verschiedenheiten des Gebrauches in den einzelnen 
Perioden der schriftstellerischen Tätigkeit des Philosophen zu bestimmen. Durch 
Unkenntnis dieser Perioden verrät sich der Fälscher, auch wo er im allgemeinen 
den platonischen Sprachcharakter einzuhalten weiß, in manchen Fällen mit Sicher- 
heit. So wäre nach Ritters Beobachtungen (Unters, üb. PL S. 88 ff.) der II. Alki- 
biades in einer Reihe von Spracheigentümlichkeiten einer früheren Periode des 
platonischen Schrifttums zuzurechnen , als der I. Alkibiades, auf den er inhalt- 
lich Bezug nimmt. Eryxias, Theages. Erasten u, a. Dialoge vereinigen Merk- 
male einer früheren mit solchen einer späteren Zeit (vgl. Ritter a. a. 0. S. 85. 
94. 90 u. a.). Hier überall bieten Bedenken anderer Art. die an der Unechtheit 
keinen Zweifel lassen, die Probe auf das Exempel. Unter allen Dialogen, die nach 
außersprachlichen Indizien als unplatoniseh oder zweifelhaft anzusehen sind, ist 
keiner, der nicht in Lexikon und Grammatik, formelhaften AVendungen usw. 
Anstößiges oder doch zum mindesten Auffälliges darböte. Daraus imd aus den 
angeführten allgemeinen Erwägungen ergibt sich, daß die Abwesenheit aller sprach- 
lichen Bedenken immer als gewichtigstes Argument zugunsten der Echtheit eines 
Werkes in die Wagschale fällt. 

Die Betrachtung der verschiedenen Kriterien für die Entscheidung der Echt- 
heitsfrage zeigt, daß keines unter ihnen zu einer durchgängigen und zweifels- 
freien Sichtung des platonischen Corjius ausreicht. A^enn sich gleichwohl die 
Meinungsverschiedenheiten bei Anwendung einer gesunden kritischen Methode 
auf ein verhältnismäßig geringes Maß herabgemindert haben , so liegt das 
daran, daß die Kriterien sich mannigfach gegenseitig ergänzen und unterstützen. 
Ihre Anwendung hier für alle einzelnen Werke durchzuführen, ist durch die 
dieser Darstellung gezogenen Grenzen ausgeschlossen. Wichtigeres wird unten 
bei Behandlung einzelner Schriften bemerkt werden. Im einzelnen vergleiche 
man über die angezweifelten und athetierten Werke die S. 101* ff. mitgeteilte 
Literatur. 

Ich gebe im Folgenden eine Übersicht über den Bestand unseres Corpus 
Platonicum mit Berücksichtigung der Echtheitsfrage. Schriften, für deren plato- 
nischen I'rsprung trotz der von mancher Seite erhobenen Bedenken die über- 
wiegende Wahrscheinlichkeit besteht, kennzeichne ich durch ein t, solche, für 
deren fremde Herkunft nach allgemeinem Urteile die gewichtigeren Indizien 
sprechen, mit -H-, diejenigen, deren Echtheit ausgeschlossen erscheint, mit fr-f. 
Alle nicht gekennzeichneten sind und gelten für fraglos platonisch. Die Athetesen 
der jetzt überwundenen Hyperkritik lasse ich wie billig unberücksichtigt. Für 
die Anordnung lege ich die mit den Ziffern I. II, III usw. unterschiedenen thra- 
syllischen Tetralogien, die auch für die Anlage der gangbaren Ausgaben maß- 
gebend gewesen sind, zugrunde und füge die nicht in diesen Tetralogien enthalte- 
nen Stücke als Anhang bei. 

A. Schriften der thrasyllischen Tetralogien: I. Euthyphron. Apo- 
logia. Kriton. Phaidon. II. Kratylos. Theaitetos. Sophistes. Politikos. III. Parnie- 
nides. Philebos. Symposion. Phaidros. IV. Erster Alkibiades "i-i-. Zweiter 
Alkibiades S-p-. Hipparchos fi'- Erastai rrr. V. Theages rf-r. Charmides. 
Laches. Lysis. VI. Euthydemos. Protagoras. Gorgias. Menon. VII. Großer 



§ 40. Platons Schriften: Chronologie. 215 

Hippias t. Kleiner Hippias. Ion y. Menexenos t. Vlll. Kleitophon i-\-. I'oli- 
teia. Timaios. Kritias. IX. Minos -ii-. Nomoi. Epinomis f. Briefe (in deren 
Sammlung ist die Echtheitsfrage für die einzelnen Briefe gesondert zu behandeln. 
Nr. 1 mit der Überschrift di'cor Acorvaio) er .-rodzTetv will gar nicht für platonisch 
gelten und steht zu l'nrecht in der Sammlung; vgl. im übrigen die Literatur 
S. 103* f.). ■ 

B. Anhang: außerhalb der thrasyllischen Tetralogien stehende 
Schriften: Definitionen ( Oqoi) 'f]~r. Über das Gerechte iTt. Über die Tugend ii"t. 
Demodokos i-JT. Sisyphos j-]-\: Alkyon -rn-, Erviias ■fvi'. Axiochos i-fi-. 

II. Die Abfassungszeit und chronologische Reihenfolge der plato- 
nischen Schriften. 

Die beiden Probleme, die absolute Chronologie der einzelnen Gespräche, d. h. 
die Bestimmung des Datums ihrer Abfassung, und ihre relative Chronologie, d. h. 
die Feststellung ihres gegenseitigen Altersverhältnisses, stehen in engem Zu- 
sammenhange und sind in Verbindung miteinander zu behandeln. Sie sind für 
die Erkenntnis von Platons philosophischer Entwicklung von grundlegender Be- 
deutung. Es ist klar, daß wir beispielsweise über Werden und Wandlung der 
Ideenlehre zu sehr verschiedener Auffassung gelangen, je nachdem wir die Bedenken 
gegen diese Lehre und eine bestimmte Form derselben, wie sie im Parmenides 
und Sophistes zum Ausdruck kommen, der Darstellung dieser Lehre im Sym- 
posion. Phaidon, in der Politeia und im Phaidros vorangehen oder folgen lassen; 
ebenso daß wir von dem Verlaute der politischen Theoriebildung des Philosoi^hen 
ein anderes Bild erhalten je nach dem zeitlichen Verhältnis, das wir als zwischen 
Politeia, Politikos und Nomoi bestehend annehmen. Aber auch wer in der Ab- 
folge der Dialoge nicht ein Spiegelbild der eigenen Entwicklung des Philosophen, 
sondern nur die sukzessive Ausführung eines von vornherein feststehenden päd- 
agogischen Planes erkennt, muß der Keihenfolge, in der die einzelnen Punkte dieses 
Planes zur Verwirklichung gelangten, Wichtigkeit beimessen. 

Auch hier haben wir zunächst die Kriterien ins Auge zu fassen, die zur 
Lösung des Problems in Anwendung kommen. Es sind die folgenden: 

1) Angaben aus dem Altertume. Sie sind an Zahl und fast sämtlich 
auch an Wert sehr gering. Aristoteles' Aussage, daß die Gesetze später ge- 
schrieben seien als die Politeia (Politik B 6, 1264 b 27) ist uns eine willkommene 
Bestätigung eines auch sonst gesicherten Zeitverhältnisses. Die Nachricht, daß 
erst Platons Schüler Philippos von Opus den Gesetzen ihre definitive Gestalt 
gegeben (Proleg. 24. 25) und das Werk ins Peine geschrieben habe (Diog. Laert. 
3, 37) steht damit in Einklang, ebenso Platons eigenes Zeugnis in dem (sicher 
echten) dritten Briefe (316a), wo von den für Dionys (etwa 366) verfaßten Ge- 
setzesproömien die ßede ist, jedenfalls einer Vorarbeit für die später ausgeführten 
Nomoi, in die sie aufgenommen wurden (Blaß, Apophoreton S. 56 f. ; die hier 
S. 61 ff. unter Heranziehung von epist. 7, 344 c angenommene Spätgrenze für die 
Abfassung der Nomoi ist unsicher). Die Bemerkung, daß Plat. Nomoi 3, 694 c auf 
die xenophontische Kyrupädie anspiele (Diog. Laert. 3, 34, Athen. 11, 504 f., Gell. 
14, 3, 4), scheint richtig, gibt aber nichts aus, solange die Abfassungszeit der 
Kyrupädie nicht feststeht. Die in der antiken Literatiu* über die Feindschaft 
zwischen Piaton und Xenophon gleichfalls vertretene Auffassung, daß in der 
Kyrupädie die platonische Politeia bekämpft werde, entbehrt jedes Anhaltspimktes. 
Die Erzählungen bei Diog. Laert. 3, 35 (Proleg. 3). 37, Athen. 11, 505 de. aus 
denen zu schließen wäre, daß der Lysis vor dem Tode des Sokrates, der Phaidon 
zur Zeit der Zugehörigkeit des Aristoteles zur Akademie, und der letztere Dialog 



OKj § 40. Piatons Schriften: Chronologie. 

ebenso wie der Gorgias zu Lebzeiten der Männer, deren Namen sie tragen, ver- 
faßt worden seien, zeigen zu sehr anekdotenhaften Charakter, als daß sieh auf sie 
bauen ließe. Viel besprochen ist die Diog. Laert. 3, 38, Olymp, vit. Plat. 3 
S. 192. 13 H., Proleg. 24 S. 217, 34 H. wiedergegeben e Behauptung, der Phaidros 
sei der älteste platonische Dialog. Sie beruht nicht auf positiver Überlieferung, 
sondern auf einer Argumentation, die wir glücklicherweise nachprüfen können, 
und die sich bei dieser Prüfung als nicht stichhaltig erweist. Ihre Gründe sind 
zunächst das Jünglingshafte des Themas {xal yäo eyetv i.ieioay.iü)()£g xi t6 noößhjua) 
und der dithvrambenartige Charakter des Dialoges. Mit ersterera ist fraglos die 
Behandlung des Eros im ersten Teile des Gespräches gemeint. Daß aber auch 
ein reifer Mann diesen Gegenstand behandeln kann, ließe sich, wenn es nicht 
selbstverständlich wäre, durch den Hinweis auf das Symposion dartun. Ernster 
zu nehmen ist der zweite Grund. In der Tat ist der Phaidros, besonders in dem 
prachtvollen Mythos vom Fluge des befiederten Seelengefährtes, unter allen plato- 
nischen Dialogen am meisten durch hohen poetischen Schwung ausgezeichnet, und 
wenn in dem Worte ., dithyrambenartig" auch das ]\Ioment der Nichteinhaltung 
strenger Kompositionsregeln mitklingt, so ließe sich auch dafür an die deutlich 
hers-ortretenden Anstöße der Disposition des Phaidros erinnern. Aber ein sicheres 
Merkmal für eine frühe Entstehungszeit des Dialoges liegt auch darin nicht, um 
so weniger, als die sprachliche Forschung ergeben hat, daß der Phaidros in der 
Bevorzugung poetischer Wörter, auf der zu einem guten Teile der Eindruck 
dichterischen Schwunges beruht, sich gerade mit den Alterswerken des Philo- 
sophen nahe berührt, und die Fehler der Disposition mit der ebenfalls in den 
Altersdialogen bemerkbaren Abnahme des Interesses an der künstlerischen Seite 
der Darstellung in Einklang stehen. An die gleiche Eigentümlichkeit des Werkes, 
die andere veranlaßte von einem dithyrambenhaften Charakter zu reden, dachte 
wohl auch Dikaiarchos, wenn er — ob im Zusammenhange einer Zeitbestimmung. 
wird nicht ausdrücklich gesagt — das Schwülstige (tö (fOQTixoy) der Schreibweise 
tadelt (Diog. Laert. 3, 38). Ganz töricht verfuhr, wer im Schlußteil des Ge- 
spräches das Problem fand, ob man schriftstellerisch tätig sein solle oder nicht, 
und nun schloß, wenn der Philosoph darüber im Phaidros im Zweifel sei, könne 
er vorher keinen andern Dialog geschrieben haben (Proleg. 24 S. 217, 35 ff. H.). 
Auf einem bessern, wenn auch an sich nicht zwingenden Schlüsse beruht wohl 
Plutarchs Angabe (Solon 32), Piaton habe den Kritias spät begonnen und sei 
durch den Tod an seiner Vollendung gehindert worden. Ihren Ausgangspunkt 
wird der Torsocharakter des Werkes gebildet haben. Noch weniger fruchtet die 
von Diog. Laert. 3, 56 (vgl. Prol. 24 f.) übermittelte Behauptung des Thrasyllos, 
der Philosoph habe seine Dialoge nach Art, d. h. in Nachahmung der tragischen 
Tetralogie herausgegeben. Sollte damit wirklich nicht die tetralogische Einteilung 
einer Gesamtausgabe (vgl. Diog. Laert. 3, Ol y.ui ovto; uh' ovtco Siaion), sondern 
die sukzessive tetralogien weise Veröffentlichung einzelner Dialoge gemeint sein, 
so wäre Thrasyllos schon dadurch widerlegt, daß dann nach seiner Gruppierung 
zugleich mit Euthyphron, Apologie und Kriton auch bereits der Phaidon er- 
schienen sein müßte, der nach sicheren Indizien einer beträchtlich späteren Zeit 
angehört. 

2) Anspielungen auf Personen und Ereignisse der äußeren 
Zeitgeschichte. Auch sie sind spärlich und geben mit Sicherheit nur einen ter- 
minus post quem. Die Bemessung des zeitlichen Abstandes zwischen dem Gegen- 
stände der Anspielung imd der Anspielung selbst hängt von mehr oder minder 
unsicheren Erwägungen ab. Menon 90 a wird mit den Worten wc-ng 6 rvr veMozi 
ei?.i](f(o? TU IIo'/.iy.tjÜTOvg yQrnKna 'In/it]yiug 6 &7]ß(Hog auf die zu Anfang des korinthi- 



§ 40. Piatons Schriften : Chronologie. 2 1 / 

sehen Krieges (395) mit persischem Gelde erfolgte Bestechung des thebiuiischea 
Demagogen Ismenias Bezug genommen. Die Worte rrv rtoiari sind durch den 
Gegensatz des früher durch langjährige verdienstliche Tätigkeit reich gewordenen 
Anthcmion bedingt und zwingen nicht, die Abfassung des Dialoges dem Ereignisse 
unmittelbar folgen zu lassen, auch abgesehen davon, daß sie anachronistisch dem 
Mitunterredner Sokrates in den Mund gelegt sind und nicht vom Verfasser im 
eigenen Namen gebraucht werden. Immerhin erklärt sich die Anspielung am 
besten, Avenn die Begebenheit noch frisch in aller Erinnerung war. Man wird 
also mit dem Menon kaum unter das Jahr 390 herabgehen dürfen. Ahnliches- 
gilt von der Erwähnung des nämlichen Ismenias im ersten Buche der Politeia o36a. 
Der thebanische Parvenü wird hier als machtbewußter Reicher mit Periander, 
Perdikkas und Xerxes zusammengestellt, doch wohl in sarkastischer Absicht, die 
am verständlichsten ist zu einer Zeit, da die Bestechungsangelegenheit noch im 
Gedächtnis weiter Kreise fortlebte. In die Zeit des korinthischen Krieges weist 
mit Wahrscheinlichkeit noch eine weitere Beziehung. Im Ion 541 c erscheint 
Ephesos als Athen untertänig («o;^£rat ivtö vumv [sc. xior 'Adijvaia>v\). DemEphesier 
Ion wird von Sokrates der Dienst des Söldnerstrategen empfohlen und seinem 
Einwände, daß die Athener und Spartaner den Fremden nicht verwenden würden^ 
mit dem Hinweise auf den Klazomenier Herakleides u. a. begegnet, die als Nicht- 
athener wegen ihrer Fähigkeiten zu Strategien und den anderen Amtern befördert 
worden seien. Herakleides kann nicht vor der Wende des 5. und 4. Jahrhunderte 
athenischer Stratege gewesen sein (vgl. Dittenberger, Syll. inscr. Graec.^ Xo. 118), 
Will man also nicht an der lonstelle eine besonders krasse Vermengung ver- 
schiedener Epochen annehmen, so ist man genötigt, bei dem uo/srai r.TÖ viiwr 
nicht an die jedenfalls vor der sizilischen Expedition (415) gelöste Zugehörigkeit 
von Ephesos zum ersten athenischen Seebunde, sondern an den erneuten Anschluß 
der Stadt an Athen zwischen 394 und 391 zu denken, obwohl dieser Anschluß- 
nicht ohne eine gewisse Übertreibung als äo/jodai bezeichnet werden kann.') Das 
Ende des korinthischen Krieges bildet den terminus post quem für den Menexenos,. 
in welchem die Übersicht über Athens Geschichte bis zum Frieden des Antalkidas- 
(386 vor Chr.) herabgeführt wird (245 e). Es liegt nahe anzunehmen, daß die in dem 
Dialoge enthaltene Persiflage der rhetorischen Epitaphien auf gefallene Krieger durch 
eine um diese Zeit veranstaltete Leichenfeier veranlaßt wurde, die Abfassung der 
Schrift also annähernd in die gleiche Zeit zu setzen ist. Läßt sich hierüber mit 
voller Sicherheit nichts ausmachen, so bleiben noch größere Zweifel bei der im 
Sympos. 193 a vorliegenden Anspielung auf den arkadischen Dioikismos des Jahres 
385/4. Die Frühgrenze steht fest, wie lange nach dem Ereignis aber noch darauf 
angespielt werden konnte, hängt ganz davon ab, wie tief es sich dem Gedächtnis- 
der Zeitgenossen eingeprägt hatte. War das Begebnis schon an und für sich ais- 
typisches Merkmal der spartanischen Pveaktioii im Peloponnes von erheblicher Be- 
deutung, so konnte es noch durch besondere Umstände, die sich unserer Kenntnis 
entziehen, einen so starken Eindruck hervorbringen, daß eine Hindeutung darauf 
auch nach Verlauf von zehn und mehr Jahren dem Schriftsteller nahe lag und 
vom Leser verstanden wurde. Bei unserem oberflächlichen Wissen von den Vor- 



1) Auskunft über die in Frage kommenden ephesisch-athenischen Beziehungen 
verdanke ich der Freundlichkeit E. v. Sterns. Bergk (Griech. Lit. IV S. 4d4), 
der den Dialog bereits in die Zeit des erneuten günstigen Verhältnisses zwischen 
beiden Städten verlegte, glaubte ihn wegen der 530 b erwähnten Panathenäenfeier 
ins Jahr 390 datieren zu sollen. Aber 391 hielten es die Ephesier schon wieder 
mit Sparta. Auch nötigt nichts, bei der Stelle an ein bestimmtes geschichtliches- 
Panathenäenfest zu denken. 



';j{^ i; 40. Piatons fechriftca: Chronologie. 

gangen tmtzieht sich der zeitliche Spielranin, innerhalb dessen eine Anspielung 
möglich war. jeder Abschätzung. — Je später die in Anspielungen berührten Er- 
eignisse fallen, desto wertvoller sind sie natürlich für die platonische Chronologie, 
selbst wejin sie nur die Frühgrenze für die Entstehung eines Werkes abgeben. 
Dies gilt außer der oben schon erwähnten Beziehung des H. Briefes und dadurch 
mittelbar der Noraoi auf die gesetzgeberischen Pläne des Dionys von zwei 
geschichtlichen Hinweisen des Theaitet, von denen der erste freilich nicht ein- 
■deutig ist. Nach Theait. 142a f. wird Theaitet verwundet und erkrankt aus dem 
Lager vor Korinth nach Athen verbracht. Den geschichtlichen Hintergrund 
hierfür bieten wahrscheinlich die Kämpfe der Korinther und Athener unter Chabnas 
im .Tahre 309 (Ed. Meyer, Gesch. d. Altert. V § 952).' Aber unmöglich wäre es 
iin und für sich nicht, daß dem Verfasser Ereignisse im Anfange des korinthi- 
schen Krieges vorschwebten (so Zeller, Sitz. d. Berl. Ak. 1S86, 646 = Kl. Sehr. I 
;i67 im Zusammenhange mit der irrigen Deutung der zweiten gleich zu nennenden 
Stelle). I^m so sicherer ist die Beziehung von Theait. 175 a. Hier führt die Er- 
wähnung von Leuten, die sich eines Stammbaumes von 25 Ahnen rühmen und 
•diesen bis zu Herakles hinaufführen, frühestens auf 371 vor Chr. (vgl. E. Rohde, 
Philol. 49 |1890|, 231 ff. = Kl. Sehr. I 277 ff.). Erwägt man, daß die Datierung 
<les Theaitet ein äußerst wichtiges Kapitel innerhalb der gesamten platonischen 
Chronologie bildet und der Streit sich wesentlich darum drehte, ob dem Ge- 
spräche vor oder nach den großen konstruktiven Hauptdialogen sein Platz an- 
zuweisen sei, so wird man diesen aus einer geschichtlichen Anspielung gewonnenen 
terminus post quem als wertvolle Bestätigung des später zu erwähnenden Ergeb- 
nisses sprachlicher Forschung freudig willkommen heißen. Schließlich sei noch 
•der Deutung eines geschichtlichen Hinweises gedacht, die, ihre Richtigkeit voraus- 
gesetzt, die viel behandelte Frage, ob Piaton bereits vor Sokrates' Tode Dialoge 
geschrieben habe, entscheiden würde. Das warme Lob, das der Philosoph seinem 
Oheim Charmides und dessen Geschlechte in dem gleichnamigen Dialoge (155 a. 
157 d ff.) spendet, hat H. Mutschmann (Hermes 46 [1911], 473 ff.) bestimmt, in 
der Schrift einen Nekrolog auf diesen Oheim zu erkennen und demgemäß, da 
•der Nekrolog den Ereignissen nicht nachhinken dürfe, das Werk im Todesjahre 
des Charmides, 403, oder einem der beiden nächstfolgenden Jahre verfaßt zu 
■denken. Damit ist aber m. E. den beiden Stellen im Vergleiche mit dem dog- 
matischen Gehalte des Dialogs eine zu große Bedeutung beigemessen. Die Schrift 
•erklärt sich zur Genüge als eine mit dem Laches parallel gehende begriffsethische 
Untersuchung, bei der sich dem Verfasser als Verkörperung der in Rede stehenden 
<ico(fQoovvt) das Bild seines Oheims auch viele Jahre nach dessen Tode einstellen 
konnte. 

3) Beziehungen Piatons auf Männer der Philosophie und Lite- 
ratur seiner Zeit und umgekehrt. Da uns Piaton Gesi^räche zwischen Sokrates 
imd seineu Zeitgenossen vorzuführen pflegt, ist naturgemäß die ausdrückliche 
Nennung von Personen, mit denen er selbst in Berührung kam, seltener, als man 
:^onst bei dem beträchtüchen Umfange seines literarischen Nachlasses annehmen 
möchte. Nun kommen freilich neben den ausdrücklichen Erwähnungen auch 
stillschweigende Bezugnahmen in Betracht. Die von einigen für die Deutung der 
platonischen Dialoge aufgestellte allgemeine Gleichung: Sokrates = Piaton, die 
Gesprächspartner des Sokrates = Personen de? platonischen Verkehrs, entbehrt 
zwar jeder Grundlage; aber deshalb läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß 
Piaton sich mehrfach auch ohne Namennennung mit Männern seiner eigenen 
Zeit beschäftigt. Im einzelnen sind aber solche Beziehungen zumeist unsicher 
und schwer bestimmbar, und ihr Ertrag für die Chronologie ist gering. Die von 



§ 40. Piatons Schriften: Chronologie. 219 

Piaton am häufigsten genannte Person ist Sokrates. Die verschiedene in der 
Dialogführung ihm angewiesene Stellung wird uns als chronologisches Merkmal 
später noch begegnen. Im übrigen bieten seine Erwähnungen geringe Ausbeute. 
Wenn Thrasyllos bei Diog. Laert. 3, 58 Euthyphron, Apologie, Kriton und Phaidon 
als Darstellung des typischen Philosophonlebens und seines idealen Verhaltens 
gegenüber der mehr und mehr hereinbrechenden Katastrophe — der Philosoph 
auf dem Wege zur Gerichtsbehörde, vor Gericht, im Gefängnis bei Fluchtgelegea- 
heit, in der Todesstunde — zu einer Tetralogie vereinigt, so ist dagegen vom Stand- 
punkte einer Gruppierung unter ethischem Gesichtspunkte nichts einzuwenden. 
Aber von einer gleichzeitigen Herausgabe dieser Schriften kann keine Rede 
«ebi. Ebenso aussichtslos ist der Versuch Munks, die ganze Schriftenreihe 
als idealisiertes Lebensbild des Sokrates nach dem aufsteigenden Lebensalter 
des in den Dialogen auftretenden Sokrates chronologisch zu ordnen. Wohl aber 
läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit vermuten, daß die Schriften, in denen 
Sokrates' persönliches Schicksal im Vordergrunde steht, wie Apologie und Kriton, 
nicht sehr weit von seinen Lebzeiten abzurücken und der frühesten Periode von 
Piatons Schriftstellerei zuzuweisen sind. Ebenso diejenigen, in denen Sokrates' 
Charakter mit besonderer Liebe gezeichnet ist und insbesondere durch die Dar- 
stellung seines Verhältnisses zur Jugend eine apologetische Tendenz hindurch- 
leuchtet, wie im Protagoras, Laches, Charmides und Lysis. Doch ist bei Ver- 
wendung dieses Gesichtspunktes Vorsicht geboten. Noch in viel späterer Zeit 
hat die Dogmatik einiger Dialoge den Verfasser bestimmt, auf Sokrates' Schicksal 
und Charakter einzugehen. So veranlaßte die Unsterblichkeitslehre des Phaidon 
das Gemälde von Sokrates im Kreise seiner Jünger während der Sterbestunde, das 
Erosthema des Symposions die Darstellung von Sokrates' Verhalten zum sinnlichen 
Eros in der Erzählung des Alkibiades. Die abgestufte Stellungnahme der einzelnen 
Werke zu Sophisten und Rhetoren im allgemeinen sowie zu den athenischen 
Staatsmännern hängt mit tieferen Fragen der philosophischen Entwicklung Piatons 
zusammen und wird später besprochen werden. Hingegen gehören die mehr ober- 
flächlichen Beziehungen auf bestimmte einzelne Rhetoren hierher. Im Phaidr. 
278 e f. erteilt Sokrates dem noch jugendlichen Isokrates ein warmes Lob. Er 
lasse, so heißt es im wesentlichen. Besseres erwarten als Reden nach Art des 
Lysias. Vielleicht werde er heranreifend auf dem Gebiete der Reden, die er jetzt 
in Angriff nehme, alle bisherigen Redner Meit überragen, vielleicht auch damit 
nicht zufrieden sich von göttlicherem Triebe zu Größerem führen lassen, denn in 
des Mannes geistiger Veranlagung liege ein Stück Philosophie {(fvaei yäg . . . 
fveari' zig ffuoooffia zf/ zov av^Qog öiavoi'a). Die Stelle ist der Ausgangspunkt einer 
Kombination, die mit um so größerem Eifer aufgenommen und ausgebaut wurde, 
als die Datierung des Phaidros eines der wichtigsten und umstrittensten Probleme 
der Piatonchronologie bildet. Außer dem erwähnten Lobe des Isokrates kommt 
Folgendes in Betracht. Die in den nächsten Jahren nach 390 vor Chr. ver- 
faßte Sophistenrede des Isokrates (or. 13) äußert sich sehr abschätzig über 
die Eristik im Jugendunterrichte in einer Form, aus der man sehr leicht eine 
Geringschätzung der üblichen Jugendnnterweisung überhaupt als eines praktisch 
unfruchtbaren Unternehmens herauslesen konnte. Von der Bekämpfung der 
Eristik, die sich im Eingange der Helena wiederholt, wurde auch die Sokratik 
getroffen , insofern innerhalb dieser Antisthenes die Eristik pflegte. Auf den 
letzteren könnte der Anfang der Helena mit der Anführung von Sätzen, die für 
Antisthenes bezeugt sind, hindeuten. Andererseits enthält die Sophistenrede in 
§ 17 eine auffallende Parallele zu Plat. Phaidr. 269 d. Ferner weist Piaton im 
Euthydemos 304 d ff. eine gegen das unfruchtbare Philosophiestudium gerichtete 



9-)() § 40. Platüiis Schritten: Chronologie. 

Äußerung eines ungenannten Mannes zurück, dessen Charakteristik auf Isokratcs 
paßt. Auch diese Äußerung findet ihren Anknüpfungspunkt in der Eristik. Mai> 
ging nun auf die Jagd nach gegenseitigen polemischen Anspielungen in den 
weiteren 'Werken der beiden Schriftsteller, und, wie es bei derartigen Jagden zu 
geschehen pflegt, der Jagende kehrte jeweilen mit einiger -wenn auch imaginären 
Beute heim. So ergab sich folgender Zusammenhang. Piaton hat zunächst auf 
Isokrates' vermeintlichen Zug zur Philosophie große Hoffnungen gesetzt, die in 
der Phaidrosstelle ihren Ausdruck fanden. Sie wurden durch die Sophistenrede 
trotz des in der Bezugnahme von § 17 auf Phaidr. 269 d liegenden Komplimentes 
schwer getäuscht, und Piaton quittierte im Euthydemos mit einer energischen 
Zurückweisung über die Angriffe des Redners, indem er zugleich zwischen seiner 
und der antislhenischen Art Philosophie zu treiben eine scharfe Grenze zog. 
Damit war der Bruch zwischen Isokrates einer-, Piaton und der Sokratik anderer- 
seits vollzogen. Ihre Feindschaft kam in den folgenden Jahrzehnten in fort- 
währenden Plänkeleien wieder und wieder zur Erscheinung. Der Phaidros ist 
also vor der Sophistenrede spätestens um 390, der Euthydem nicht sehr lange 
nach dieser Rede verfaßt. Aus dieser von Spengel unter dem Beifall Zellers be- 
gründeten, von Usener u. a. weiter ausgebauten Kombination fällt zunächst ein 
nebensächlicher Punkt, das Kompliment des Isokrates in der Sophistenrede, dahin i 
Der Gedanke, um den es sich handelt, findet sich in übereinstimmender Form 
auch beim Anonymus lamblichi (Diels Vorsokr. c. 82, 1), der ihn weder au» 
Piaton noch aus Isokrates entnommen haben kann. Er ist also nicht Piatons 
Eigentum (vgl, Heinr. Gomperz, Wiener Studien 27 [1905], 168 ff.). Aber auch da* 
ganze Gebäude steht auf unsicherem Grunde. Es ist von vornherein ein miß- 
liches Unterfangen, bei zwei Männern, die am gleichen Orte wohnten und als 
Mittelpunkte geistiger Kreise mannigfache Gelegenheit hatten, sich übereinander 
auszusprechen, sich zu verfeinden und sich zu verständigen. Gegensätze zu be- 
tonen, zu mildern und zu verschärfen — bei solchen Männern aus Stellen ihrer 
Werke, die doch nur einen Bruchteil ihrer Äußerungen darstellen, und dazu noch 
aus Stellen großenteils vager und unpersönlicher Prägung, die Kurven ihrer gegen- 
seitigen Beziehungen rekonstruieren zu wollen. Endgültig aber bricht der Bau 
durch den von Heinr. Gomperz, Wiener Studien 27 (1905), 163 ff.; 28 (1906), 1 ff. 
geführten Nachweis zusammen, daß nicht nur für eine von den achtziger Jahren 
an bestehende Feindschaft zwischen den beiden Männern jedes verläßliche Symptom 
fehlt, sondern sogar im Gegenteil in den isokrateischen Schriften nach Erscheinen 
der Helena die Polemik gegen die Sokratik einer Hinneigung zu dieser Richtung Platz 
macht, um erst nach einem Menschenalter wenige Jahre vor Piatons Tode wieder 
hervorzutreten. Gomperz' These ist auch dann noch genügend begründet, wenn man 
von ihm abweichend den isokrateischen Busiris, der mit seiner wohlwollenden Be- 
zugnahme auf die platonische Politeia unter seinen Argumenten eine Rolle spielt, 
mit Pohlenz der Helena zeitlich vorangehen läßt. So spricht die weitaus größere 
Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Phaidros nach, als daß er vor der isokrateischen 
Sophistenrede entstanden ist, zumal von Isokrates bis zu dieser Rede nur Proben 
gerichtlicher Beredsamkeit vorhanden waren, die schwerlich Anlaß boten, in ihm eine 
philosophische Ader zu erkennen. Die vielberufene Phaidrosstelle über Isokrates 
ist also, täuscht nicht alles, ein vaticinium post eventum, niedergeschrieben, al& 
bereits epideiktische und politische Reden, vor allem wohl der Busiris des Iso- 
krates vorlagen, hnvieweit persönliche Motive das Lob veranlaßten, läßt sich 
heute nicht mehr ausmachen. Beide Männer mfigen durch gemeinsame Schüler 
einander näher gekommen sein — an eine Art Kartelliening der isokrateischen 
Rhetoren- und der platonischen Philosophenschule denkt H. Gomperz a. a. O. 



§ 4C». Piatons Schriften: Chronologie. 221 

♦?. 38 t. — Die Angabe des Diog. Laöit. B, 8, Piaton und Isokrates seien be- 
freundet gewesen, ist wohl nur aus dem ebendort erwähnten Dialoge des Praxi- 
phanes herausgesponnen. Aber dieser Dialog zeigt doch, wie sich ein Schüler 
Theophrasts das Verhältnis der beiden dachte. Das Tatsächliche ist jedenfalls, 
daß Piaton die durch die Abrechnung mit dem ihm unsympathischen Lvsias ge- 
botene Gelegenheit ergriff, Isokrates als Gegenbild dieses Kcdners zu feiern. 
Der Notwendigkeit, den Gegensatz durch eine der lysianischen entsprechende 
Probeleistung zu verdeutlichen, entzog er sich mit feiner Kunst dadurch, daß er 
Isokrates als jungen Mann, dessen Leistungen noch in der Zukunft hegen, dem 
bereits viel gefeierten Lysias gegenüberstellt, wozu die Verhältnisse insofern be- 
rechtigten, als zu einer Zeit, da Lysias als Epideiktiker bereits Ruf erworben 
und längst seine Haupttätigkeit der Gerichtsrede zu widmen begonnen hatte, 
Isokrates zwar kein Jüngling an Lebensjahren, aber Anfänger in der epideiktischen 
Beredsamkeit war. Dementsprechend wurden die Piaton bereits vorliegenden 
isokrateischen Eeden zu solchen, „die er jetzt in Angi-iff nimmt". Auch da^ 
Lob iJhilosophischer Tendenz, das im Phaidros dem Redner gespendet wird, läßt 
sich, gerade wenn dessen spätere Werke großenteils schon bekannt waren, ver- 
stehen. Gewiß war Isokrates kein Philosoph; gewiß war er insbesondere von 
Piaton in wichtigen Anschauungen himmelweit getrennt. Aber bei persönlichem 
Wohlwollen ließ sich auch diese Kluft überbrücken. Philosophische Aspirationen 
hatte Isokrates in seiner hier in Betracht kommenden Periode immer, und seine 
vielfachen Berührungen mit der sokratischen Ethik konnten Piaton für ihn ein- 
nehmen. Auch in der Beurteilung der athenischen Politik unter ethischem Ge- 
sichtspunkte begegnete er sich mit dem Philosophen (srsol elQip'ijg 30 ff.), und die 
p)hilosophischen Spezialdisziplinen, wie Astronomie und Geometrie, ja selbst die 
Eristik fanden bei ihm in späteren Jahren zum mindesten mehr Anerkennung 
als bei der großen Masse der L^rteilenden (tisqI avti86a. 261 ff.). Nimmt mau 
vollends den ganz und gar unphilosophischen Lysias zur Folie, so möchte man 
das L'rteil des Phaidros heute noch unterschreiben. 

So bliebe von S^jengels Kombination nur noch die Beziehung des Euthydem 
auf die Angriffe des Isokrates. Hier befinden Avir uns aber wieder auf ganz 
schwankendem Boden. Zunächst ist die Identifizierung des im Euthydem be- 
kämpften Gegners mit Isokrates wenn auch wahrscheinlich, so doch unbeweisbar 
(das Nähere unten bei Besprechung des Euthydem). Aber nehmen wir sie als 
richtig an, so ist doch für die Chronologie keine sichere Grimdlage gewonnen. 
Nach Euthyd. 304 e gedachte der Gegner der eristischen Philosophen als neQi 
ov^srog ä^lcov ävaSiav a:Tov8rjv TToiov/nercor, und die berichtende Gesprächsperson 
fügt hinzu: ovzojol yÜQ noyg y.al sl.-rs roTg drönaoi. Sieht man darin eine wort- 
getreue Anführung, so kann als Quelle des Zitates nur die Sophistenrede in 
Frage kommen. Denn die Helena, deren vollständige Erhaltung nicht zu be- 
zweifeln ist, kennt diese Worte nicht. Die Sophistenrede hingegen, in der sie 
jetzt gleichfalls fehlen, ist nach der Meinung einiger am Schlüsse verstümmelt. 
War der Ausdruck in diesem verlorenen Stücke wirklich gebraucht, so wäre da- 
durch für den Euthydem allerdings nicht nur eine Frühgrenze, sondern über- 
haupt eine ungefähre Zeitbestimmung gegeben. Denn der Euthydem bildet 
geradezu eine Replik auf die angeführte Äußerung, wird ihr also in nicht sehr 
großem Abstände nachgefolgt sein. Allein die Verstümmelung der Sophistenrede 
ist strittig, und fehlt wirklich ein Stück, so ist nach dem Schlüsse des Er- 
haltenen nicht einmal wahrscheinlich, daß darin die zitierten Worte standen. 
Aber handelt es sich denn um ein wörtliches Zitat? Ich halte dies abweichend 
«von H. Gomperz a. a. O. S. 31 keineswegs für unzweifelhaft. Es entspräche 



222 § ■=^^- l^latons Schriften: Chronologie. 

ganz riatons Art, Wahrheit und Dichtung zu verbinden, wenn er den ihm vor- 
liegenden Text, den er doch nicht als solchen zitiert, sondern nach freier Er- 
findiuig als mündliche Äußerung wiedergibt, nach Gutdünken umgeändert und, 
da es sich nun einmal um die "Worte eines Rhetors handelt, zu einem richtige« 
Gorgianismus zugestutzt hätte. Zudem hat er durch Beifügung eines Ticög 
selbst angedeutet, daß er für den Wortlaut nicht einsteht. Ein wortgetreue* 
Zitat ist sogar unwahrscheinlich, denn damit würde Piaton das Inkognito, mit 
dem er sonst den Gegner umkleidet, geradezu aufheben. Handelt es sich aber 
um eine freie Wiedergabe des gegnerischen Urteils, dann kommt als deren 
Grundlage neben der Sophistenrede auch die Helena in Betracht, deren Ab- 
fassungszeit sich auch nicht mit nur annähernder Genauigkeit bestimmen läßt 
(die Ansätze neuerer Forscher differieren um Jahrzehnte). Schließlich ist auch 
die Möglichkeit nicht zu leugnen, daß Piaton tatsächlich auf eine mündliche 
Äußerung anspielt, in welchem Falle die Euthydemstelle für die Chronologie 
völlig auszuscheiden hätte. 

Isokrates kann uns zu einem andern Zeitgenossen, Aristophanes, hiuüber- 
leiten. Im Busiris 15 ff. gibt ersterer eine Darstellung der ägyptischen Ver- 
fassung, die autfallend an den platonischen Staat erinnert. Dazu kommt noch 
die ausdrückliche Bemerkung, daß die angesehensten Philosophen, die sich mit 
Staatstheorie befaßten, der ägyptischen Staatsordnung vor anderen den Vorzug 
gäben (17). Gleich auffällig sind mehrere Punkte des kommunistischen Pro- 
grammes. das Aristophanes in den 391 oder 390 aufgeführten Ekklesiazusen 
590 ff. zum besten gibt. Sie berühren sich derart mit einzelneu Zügen des- 
Staatsideals der platonischen Politeia, daß es schwer fällt zu glauben, beide 
Schriftsteller hätten unabhängig voneinander oder von einer gemeinsamen Quelle 
diese Einzelheiten aus der Grimdthese des Kommunismus herausgesponnen 
(anders ZeUer II 1*, 551, 2). Aber auch der Fall einer gemeinsamen Quelle 
scheidet aus; denn nach Aristot. Polit. B 7, 1266a 34 ff. war Piaton bis auf 
Aristoteles' Zeit der einzige Staatstheoretiker, der die an der Ekklesiazusenstelle 
wie in der Politeia eijie Avichtige Rolle spielende Kinder- und Frauengemeinschaft 
verlangte. Abhängigkeit des Philosophen in einem Hauptpunkte seines philo- 
sophischen Bekenntnisses von einem gelegentlichen Scherz des Komikers wii'd 
schwerlich jemand glaubhaft finden. Da ferner aus sprachlichen wie inhalt- 
lichen Gründen ausgeschlossen ist, daß die Politeia in Form und Umfang, wie 
wir sie in Händen haben, Aristophanes bereits vorlag, so bleiben für die Er- 
klärung des Tatbestandes nur folgende Möglichkeiten. Entweder hatte Aristo- 
phanes — und das Gleiche müßte auch von Isokrates als Verfasser des Busiris 
gelten — einen zunächst gesondert ausgearbeiteten imd herausgegebenen Teil 
unserer Politeia vor sich, oder er kannte eine frühere, von der unsrigen ver- 
schiedene Ausgabe des Gesamtwerkes, oder er fußte auf Piatons mündlich vor- 
getragenen Lehren, die durch Dritte zu seiner Kenntnis gekommen sein mochten. 
Die erste Annahme, die im Zusammenhang mit dem Versuch, eine sukzessive 
Entstehung unserer Politeia nachzuweisen, von Krohn u. a. (s. Lit. S. 94*) vor- 
getragen worden ist, begegnet Schwierigkeiten in der Abgrenzung der Teile des 
Werkes, die Aristophanes und Isokrates bereits zugänglich gewesen sein müßten. 
Sie hätte außerdem mit einer sprachlichen und sachlichen Überarbeitung dieser 
Partien zu rechnen und käme so der zweiten Hypothese nahe, die M. Pohlenz, 
Aus Piatons AVerdezeit S. 206 ff . verfochten hat. Allein gerade die Stelle Gell. 
14, 3, die in Pohlenz" Argumentation entscheidend ist für die Ansicht, daß Piatons 
Gesellschaftsideal frühzeitig durch eine Erstausgabe der Politeia imd nicht lediglich 
durch mündliche Weitergabe bekannt wurde, ist als Zeugnis von sehr fraglichem 



§ 40. Piatons Schritten: Chronologie. 223 

Werte und spricht zudem auch nur von einer Vorveröffentlichung zweier Jiiicher 
der (gangbaren) Politeia. nicht von einer früheren Ausgabe des Gesamt werke«. 
Auch muß auffallen, daß wir hier innerhalb des platonischen Schrifttums den 
einzigen Fall der Neuedition einer bereits veröffentlichten Schrift vor uns hätten — 
für den Phaidros ist der Beweis nicht geglückt — , und zwar einer Neuedition, die 
von der Erstausgabe nicht einmal durch einen besonders langen Zwischenraum 
getrennt wäre. Ein unbedingtes Hindernis für Pohlenz' These ist das natürlich 
nicht, und Pohlenz, der das Bedenken selbst emjifand, hat ,S. 228 ff. eine Er- 
klärung gegeben, der man die Möglichkeit — mehr ist in diesen Dingen nicht zu 
erreichen — nicht absprechen kann. Aber alles in allem scheint mir doch der 
dritte Weg der Lösung des Problems, den Chiappelli (Riv. d. filol. 11, 209 1 be- 
schritten hat, der noch gangbarere. Daß Piaton schon in den neunziger Jahren 
als Lehrer tätig war, hat alle Wahrscheinlichkeit für sich. Aber auch im 
andern Falle bot ihm der Verkehr innerhalb des Sokratikerkreises Gelegenheit 
zu philosophischer Meinungsäußerung, und es ist nicht zu verwundern, daß von 
hier aus die Kunde seines grundstürzenden Gesellschaftsprogrammes in weitere 
Schichten drang und das Tagesgespräch bildete. Die Übereinstimmung zwischen 
Piaton und Aristoj^hanes und vollends zwischen Piaton und Isokrates im ein- 
zelnen ist nicht so groß, daß sie mit der Annahme mündlicher Gedankenver- 
breitung unvereinbar wäre. Ergibt sich unter dieser Voraussetzung auch nichts 
für (He Entstehungsgeschichte der Politeia, so steht doch für die Hauptfrage, um 
derentwillen uns Datierung und Abfolge der Dialoge interessiert, die Frage der 
philosophischen Entwicklung Piatons, die Tatsache fest, daß seine Gesellschafts- 
theorie in ihren Grundzügen schon vor 391 ausgebildet war. 

Von einigen weiteren Beziehungen läßt sich kürzer handeln. Daß das 
Symposion der Apologie nicht alsbald nachgefolgt sein kann, ließe sich, wäre es 
nicht ohnehin gewiß, daraus abnehmen, daß Aristophanes hier (19 c, vgl. 18 dj als 
Verbreiter falscher Anschauungen über Sokrates in ungünstigem Lichte erscheint, 
während ihm dort (189 c ff.) die freundschaftliche Gesinnung des Verfassers eine 
sympathische EoUe im sokratischen Freundeskreise zugeteilt hat. Die großenteils 
sehr unsicheren Anspielungen auf Antisthenes, die von neueren Gelehrten bei 
Piaton gefunden Avurden (s. oben S. 181 f.), sind für die Piatonchronologie schon 
deshalb im wesentlichen unfruchtbar, weil nur in allgemeiner und vager Weise 
auf antisthenische Lehren Bezug genommen, nicht aber auf bestimmte Schriften 
hingedeutet wird. Aber selbst mit solchen Hindeutungen wäre Avenig geholfen, 
da sich eine Chronologie der Werke des Antisthenes mit unseren Mitteln nicht 
aufstellen läßt. Die Bezeichnung des Antisthenes als ysgcov dipiuadi)? (Sophist. 
251 b) wäre schon in den achtziger Jahren des vierten Jahrhunderts denkbar 
(vgl. Isoer. Hei. Anf.). Immerhin kann es für eine gewisse Bestätigung der 
durch andere Kriterien gebotenen Reihenfolge der platonischen Schriften gelten, 
wenn die so geordneten Werke bis zum Gorgias einschließlich sich von jeder 
irgend greifbaren Polemik gegen Antisthenes frei zeigen, ja der Gorgias sich in 
einigen freilich von verschiedenem Ausgangspunkt gewonnenen Anschauungen 
mit antisthenischen Lehren berührt (Th. Gomperz, Griech. Denker II ' 288), 
während vom Euthydem an eine Reihe freilich in erheblichen Abständen ein- 
ander folgender Anspielungen mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit 
namhaft zu machen sind. 

Eine sehr willkommene Hilfe zur Datierung des Gorgias bieten dessen Be- 
ziehungen zu der Anklagerede des Polykrates gegen Sokrates, wie sie in 
der mit deutlicher polemischer Spitze versehenen entgegengesetzten Beurteilung 
des Sokrates und der athenischen Staatsmänner Themistokles, Miltiades u. a. zu- 



004 § 40. Piatons Schriften: Chronologie. 

tage tritt im Zusammenhange mit der verschiedenen 'NVertani^- der Philosophie 
und der gangbaren Anschauungen von praktischer Politik. A. Gercke (Ein!, z. 
Ausg. d. Gorgias XLIV ff.) und Th. Gomperz (Griech. Denk. IP 278 f. 569), die 
diese Beziehungen eingehend untersucht haben, sehen in Polykrates' Pamphlet 
das ältere Schriftstück, im Gorgias die Eeplik, während, wie früher schon andere, 
so jetzt auch M. Pohlenz (Aus Pl.s Werdezeit 164 ff.) das umgekehrte Verhältnis 
annimmt. Ein entscheidendes Indiz erkenne ich — abgesehen von der sogleich 
zu berührenden Datierung des Ion — weder für die eine noch für die andere 
Ansicht, gewinne aber aus Liban. apol. Socr. 155 eher den Eindruck, daß Poly- 
krates von gegnerischen Erörterungen über Miltiades und Themistokles und ins- 
besondere von der Argumentation Gorg. 516 d e nichts wußte, also die Feind- 
seligkeiten eröffnete, wozu stimmt, daß der Gorgias durch das ungemein harte 
und unbillige Verdikt über die Staatsmänner und die Leidenschaftlichkeit des 
Tones die Vermutung nahe legt, der Verfasser sei durch einen besonderen Anlaß 
in gereizter Stimmung gewesen. Glücklicherweise bleibt die Polemik, man mag 
über die Prioritätsfrage denken wie man will, chronologisch wertvoll und liegen 
die Ergebnisse bei beiden Ansichten nicht allzu weit voneinander ab, unter der 
Voraussetzung freilich, daß sich für die Rede des Polykrates, die der Wieder- 
aufiichtung der athenischen Mauern (393 v. Chr.) gedachte, auch eine Spätgrenze be- 
stimmen läßt. Pohlenz (a. a. O. 164, 2) erkennt in der anachronistischen, viel- 
leicht in die Form einer Prophezeiung gekleideten Erwähnung des Wiederaufbaus 
der Mauern in einer Anklagerede gegen Sokrates ein persönliches Kompliment 
für Konon, das gegenstandslos wurde, als dieser 392 in persische Gefangenschaft 
geriet, um bis zu seinem auf Kypros erfolgten Tode nicht mehr nach Athen 
zurückzukehren. Zwingend ist das nicht, aber wahrscheinlich genug, um damit 
zu rechnen. Dann bleiben für Polykrates' Eede nur die Jahre B93 und 392, und 
für den Gorgias ergibt sich Folgendes: Ist er Eeplik, so wird er, worauf schon 
die Leidenschaftlichkeit des Tones schließen läßt, von Polykrates' Eede durch 
keinen sehr langen Zwischenraum getrennt, also etwa der Zeit von 393—389 (vor 
der italisch-sizilischen Eeise) zuzuweisen sein. Im entgegengesetzten Falle wird 
er ebenfalls nahe an Polykrates' Eede herangerückt werden müssen, da nach 
anderen Kriterien zwischen ihm und dem Beginne von Piatons literarischer Tätig- 
keit, den man jedenfalls erst nach Sokrates' Tode anzusetzen haben wird, bereits 
eine ansehnliche Strecke schriftstellerischer und philosophischer Entwickelung 
gelegen war. Damit wäre für die Abfassung des Dialoges, wenn er dem Pam- 
phlete voranging, etwa die Zeit von 394—392 als Spielraum gegeben. Ist der 
Ion tatsächlich einer der ältesten Dialoge und nicht vor 394 geschrieben (vgl. 
S. 217), so spricht dies für die Priorität des Polykrates, da sich nicht wohl 
■sämtliche zwischen Ion und Gorgias liegenden Dialoge in die Zeit von 394—392 
zusammendrängen lassen. 

Ungünstiger liegen die Dinge bei der Berührung von Plat. Phaidr. 275 d f. 
276 d mit der vor 380 veröffentlichten Eede des Alkidamas Usol aoqHOTOjv 28. 
85. Hier ist fraglich, ob überhaupt auf einer Seite eine Abhängigkeit besteht, 
und wenn es der Fall ist, so läßt sich doch über die Priorität nicht mit Sicher- 
heit entscheiden. Im Falle der Unabhängigkeit des Alkidamas, die mir, ange- 
sichts der von Pohlenz a. a. Ü. S. 350 aus weiterer Literatur gesammelten 
Parallelen, wahrscheinlicher ist, und zwar auch für § 35, bietet die Berührung 
für die Chronologie keinen Ertrag. 

Von der für den Zeitansat^ einiger Schriften in Betracht kommenden Frage 
einer Berücksichtigung des Aristoteles durch Piaton kann erst unten bei den 
platonischen Altersdialogen und ihrer Lehre die Rede sein. 



§ 40. riatons Schriften: Chronologie. -225 

4. Hinweise einer S>chrift auf eine andere. Es kommen hier nur 
ausdrückliche Hinweise in Betracht, nicht solche, die erst aus inhaltlichen Be- 
rührungen zwischen zwei Schriften erschlossen werden. Eigentliche Selbstzitate 
sind nun freilieh für Piaton im allgemeinen dadurch unmöglich, daß seine Werke 
in der Regel — Ausnahmen werden uns sogleich beschäftigen — in die Form 
selbständiger, voneinander unabhängiger Gespräche gekleidet sind. Gerade in 
Berücksichtigung dieser Notlage wird man aber für eine Stelle wie Phaidon 72 e, 
wo der Satz, daß Lernen nur Wiedererinnerung sei, als eine oft gehörte Äußerung 
■des Sokrates bezeichnet wird, die Bedeutung eines Zitates (von Menon 81 d ff.) 
zum mindesten für möglich halten dürfen. Ebenso scheinen Soph. 217 c die 
«chönen Eeden, die Sokrates als Jüngling von dem bereits in sehr vorgerücktem 
Alter stehenden Parmenides gehört zu haben behauptet, auf den Parmenides zu 
■deuten, dessen Gespräch nach 127 b f. bei dem angegebenen Altersverhältnis beider 
Männer stattgefunden hat. In ähnlicher Weise könnte Kratyl. 386 d auf Euthyd. 
293 b ff. hinweisen. Natürlich sind solche nur möglichen Zitate chronologisch 
von sehr bedingtem W'erte und kommen, falls sie sichereren Indizien widerstreiten, 
nicht in Betracht (so Lach. 194 d im Verhältnis zum Kl. Hipp. 366 dj. In zwei 
Fällen hat der Verfasser selbst mit klaren Worten Gespräche zueinander in Be- 
ziehung gesetzt. Zunächst bieten Theaitetos, Sophistes und Politikos nach ihrer 
szenischen Anlage ein fortlaufendes, wenn auch auf zwei Tage verteiltes Ge- 
spräch, und im Politikos 284 b 286 b wird der Sophistes geradezu als Schrift 
zitiert. Natürlich ist damit noch nicht gesagt, daß die drei Glieder dieser Tri- 
logie auch hinsichtlich ihrer Abfassungszeit einander in kurzen Abständen und 
ohne Trennung durch andere Werke gefolgt sein müßten — tatsächlich scheint 
zwischen Theaitet und Sophist der Parmenides zu stehen — , noch auch ist ohne 
Aveiteres sicher, daß ihre chronologische Abfolge durchaus mit ihrem Nacheinander 
innerhalb der Trilogie zusammenfällt und nicht etwa der Sophistes vor dem 
Theaitet verfaßt und erst nachträglich durch Neugestaltung des Szenischen mit 
ihm in der jetzt vorliegenden Weise verbunden wurde. Immerhin wird man bis 
zum Beweise des Gegenteils auch für die Chronologie mit der innerhalb der Tri- 
logie bestehenden Reihenfolge als der wahrscheinlichsten rechnen und in ihr 
namentlich eine Bestätigung einer etwa aus anderen, sachlichen oder sprachlichen, 
Indizien gewonnenen chronologischen Anordnung erblicken dürfen. Noch ein 
besonderes Moment kommt dabei in Betracht. Das durch die drei Schriften sich 
liindurchziehende Gespräch ist im Beginne des Theaitet dem Rahmen eines 
Referates eingefügt, der wohl zum Theaitet selbst, nicht aber zu den beiden 
anderen Dialogen paßt. Denn in diesem Referate werden 143 b lediglich Theo- 
■doros und Theaitetos, nicht aber der im Sophistes und Politikos mit einer 
Hauptrolle bedachte Fremdling und der im Politikos hervortretende jüngere So- 
krates als Gesprächspartner des Sokrates genannt. Andererseits wäre nach 
Theait. 142 c ff. Theaitet fiLr das ganze Gespräch als Teilnehmer vorauszu- 
setzen, tatsächlich ist er aber im Politikos ohne jede Rolle. Das führt zu 
•der Annahme, daß Piaton, als er den Theaitet schrieb, die beiden anderen 
Werke noch nicht im Sinne hatte und diese erst später unter Anfügung 
■einer hindeutenden W^endung am Ende des Theaitet anschloß. Freilich wird 
■diese Annahme wieder durch eine antike Vermutung (Anonym. Komment, z. 
Theaitet 3, 37 ff.), deren letzte Herkunft unbekannt ist, in Frage gestellt, 
•wonach der Theaitet ursprünglich die Form eines dramatischen Dialoges ge- 
habt, also jenes Rahmens entbehrt hätte. Einer weiteren Trilogie pflegt man 
als zweites und drittes Stück die wieder miteinander ausdrücklich verbundenen 
Oespräche Timaios und Kritias zuzuweisen. ALs erstes Stück wäre alsdann 

Ueberweg, Grundriß I. 15 



OOfV § 40. Piatons Schritten: Chronologie. 

nach der Kokapitulation Tim. 17 c ff. eine Schrift anzusetzen, die mit unserer 
Politeia im Thema und in wesentlichen Grundzügen der Ausführung zusammen- 
traf, aber mit ihr nicht identisch war. Letzteres geht mit vollster Sicherheit 
schon daraus hervor, daß die Gespräche der Politeia und des anzusetzenden' 
ersten Trilogiestückes, abgesehen von dem an beiden beteiligten Sokrates, von 
ganz verschiedenen Teilnehmern gehalten wurden, wie der Anfang des Tiraaios^ 
deutlich erkennen läßt. Für unsern Zweck genügt diese negative Feststellung, 
daß die Politeia als Bestandteil der Timaiostrilogie nicht in Betracht kommt^ 
Das Wahrscheinlichste ist, daß der Timaios überhaupt an keine platonische- 
Schrift unmittelbar anknüpft, von einer Trilogie also hier nicht zu reden ist, uncB 
daß sein Anfangsgespräeh nur eine ad hoc fingierte politische Unterredung zum 
Ausgangs^junkte nimmt, die hinsichtlich ihres Inhaltes mit dem Politeiagespräch, 
im ganzen, wenn auch gerade nicht in dem zentralen Punkte (der Ideenlehre 
und ihren politischen Folgerungen), übereinstimmt. 

5. Der philosophische Inhalt der Dialoge. Es könnte scheinen, als 
habe dieses Kriterium unter allen den ersten Rang zu beanspruchen, und in der 
Tat ist es dasjenige, dem die Mehrzahl der neueren Piatonforscher vor allen 
anderen Gewicht beigemessen hat. Aber wie bei der Echtheitsfrage, so erweist 
sich auch hier die Inhaltsvergleichung im allgemeinen als schwankende Grund- 
lage, und der gesicherten chronologischen Ergebnisse, die sich auf ihr haben auf- 
bauen lassen, sind es im Verhältnis nur wenige. Piatons Schriften bieten, als 
Ganzes betrachtet, ein buntes Gewebe von Dialog zu Dialog herüber- und hinüber- 
laufender Gedankenfäden dar: welche von diesen sind von Fall zu Fall für die 
Bestimmung der zeitlichen Folge die leitenden? Übereinstimmungs- und Wider- 
spruchsverhältnisse kreuzen sich in mannigfachster Weise: welche unter ihnen 
haben jeweilen die entscheidende Bedeutung? Die gleiche These erscheint hier 
in kurzer apodiktischer Form, dort als Ergebnis längerer Beweisführung: wO' 
liegt die Priorität? Handelt es sich dort um eine vorläufige Aufstellung, hier 
um nachträgliche Deduktion, oder dort um knappe Rekapitulation, hier um 
grundlegende Auseinandersetzung? In die Wirrnis der widersprechendsten, von- 
mehr oder minder subjektivem Empfinden beherrschten Antworten auf diese und 
andere Einzelfragen mischt sich die Stimme apriorischer Gesetze. Die Übermitt- 
lung einer Lehre in mythischer oder bildlicher Form, behauptet Schleiermacher, 
geht ihrer rein wissenschaftlichen Darstellung immer voran : also muß der 
Phaidros älter sein als die Dialoge, in denen die Ideenlehre und die Lehre 
voji der Dreiteilung der Seele ohne Bild vorgetragen werden; die negativ-kriti- 
sphen und dialektischen Untersuchungen, sagt K. Fr. Hermann, liegen den 
positiven und konstruktiven Darstellungen voraus: also fallen Theaitet, Sophist, 
Politikos, Parmenides vor Phaidon und Politeia — beide Regeln durch die ge- 
sicherten Ergebnisse der neueren P'orschung gründlichst widerlegt. Ein Gewinn 
an logischer Einsicht, bemerkt Lutoslawski, kann im Gegensatze zu der Varia- 
bilität metaphysischer Anschauungen nicht wieder aufgegeben werden — , aber in 
seiner Anwendung erweist sich das Prinzip, wenn ihm auch nicht jeder Wert 
abzusprechen ist, doch unter L^mständen dadurch als irreführend, daß nicht fest- 
steht, wieweit logische Fehler auf L^nkenntnis oder auf bewußte Absicht Platon& 
zurückzuführen sind. So bieten die chronologischen Ansätze der auf Inhalts- 
vergleichung fußenden Forscher das Bild eines Chaos, von dem die Übersichts- 
tabelle bei Ritter, Piaton I S. 230 f. eine anschauliehe, aber unerfreuliche Vor- 
stellung gibt. 

Selbstverständlich soll mit diesen Ausführungen nicht die völlige Unbrauch- 
barkeit des inhaltlichen Kriteriums behauptet werden. Es kann im Verein mit 



§ 40. Piatons Schriften: Chronologie. 227 

anderen Kriterien treffliche Dienste tun, es kann auch für eich allein in manchen 
Füllen zum mindesten Wahrscheinlichkeitsergebnisse liefern, nur ist überall 
größte Behutsamkeit und sorgfältigste Abmessung der Tragweite der einzelnen 
Argumente am Platze. Vor allem ist festzuhalten, daß der Schriftsteller und 
der Schulleiter Piaton eine und dieselbe Person sind, und die vielfach übliche 
isolierte Betrachtung der Schriften als völlig in sich abgeschlossener, von der 
Schule unabhängiger und mit voller Konsequenz für den weiten Leserkreis be- 
stimmter Erscheinungen die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat. W. W. Jaeger 
hat in seinen Studien z. Entstehungsgeschichte d. 31etaph. d. Aristoteles den 
CTCgensatz zwischen den Dialogen als für den Büchermarkt bestimmten Literatur- 
■werken und den auf die Schule berechneten Vorlesungen, wie sie uns in den 
aristotelischen Lehrschriften vorliegen, scharf herausgearbeitet. Aber es fragt 
sich, ob dieser Gegensatz ein absoluter ist. Für das Verfahren, auch Dialoge 
zunächst im engsten Kreise zu verlesen oder verlesen zu lassen, bietet der 
Theaitet einen Beleg. Auch wenn man in Rechnung stellt, daß uns die Ver- 
handlungen innerhalb der philosophischen Literatur jener Zeit nur sehr unvoll- 
kommen bekannt sind, läßt sich doch zweifeln, ob heute so vielfach kontroverse 
Schriften, wie die negativ abschließenden Dialoge der sokratischen Epoche 
Piatons, wie der Kleine Hippias. der Parmenides u. a., selbst von philosophisch 
gebildeten Zeitgenossen mit Sicherheit gedeutet werden konnten, sofern sie 
nicht mit den Besprechungen in der Schule vertraut waren. Besteht aber 
ein solcher Zusammenhang zwischen der Schule und den Dialogen, dann 
^äßt sich aus diesen allein kein sicheres Bild der einzebien Gedankenentwick- 
lungen gewinnen. Manches, was hier kurz angedeutet ist, mochte mündlich 
bereits eingehend besprochen oder solcher Besprechung vorbehalten sein. Päd- 
agogische Absichten konnten veranlassen, auf längst Erledigtes in neuer variieren- 
der r^arstellung zurückzukommen. Auch die Schulpolemik mochte ihren Einfluß 
geltend machen. Wenn alle diese jetzt größtenteils für uns unkontrollier- 
baren Einwirkungen durch glückliche Funde in den Bereich unserer Kenntnis 
rückten, so würden sie vermutlich die Ketten, an denen sich die Dialoge auf 
Grund der Inhaltsvergleichung aufreihen lassen, an manchen Stellen durch- 
brechen und uns nötigen, ihre Glieder in neuer Ordnung zusammenzufügen. 
Daß diese Ketten freilich auch festere Strecken zeigen, ist nicht zu leugnen. 
Sind einmal die Xomoi durch verschiedene Merkmale als Spätwerk er- 
wiesen, so läßt sich aus der zunehmenden Berücksichtigung der tatsäch- 
lichen Verhältnisse des realen Lebens in Piatons politischen Schriften die 
Folge PoUteia, Politikos, Nomoi gewinnen. Hand in Hand damit gehen 
Neuerungen im Verhältnis zur Ideenlehre und die veränderte Stellung zur 
Ideen- und zur sinnlichen Welt, wodurch Theaitetos, Parmenides, Sophistes, 
Politikos, Philebos, Timaios, Kritias und Nomoi verbunden werden. Auf der 
andern Seite bietet die Ideenlehre ein Scheidemittel zwischen den Jugend- 
dialogen und denen der Übergangs- und reifen Manneszeit. Die Auffassung 
der Seele hier als eines dreigeteilten, dort als einheitlichen Wesens verbietet, 
Politeia und Phaidros durch den Phaidon zu trennen. Diese Fälle mögen 
als Beispiele relativ sicherer sachlicher Chronologie genügen. Bezeichnend ist 
jedoch auch hier wieder, daß über keinen unter ihnen unter den Piaton forschern 
völlige Einstimmigkeit herrseht. Im einzelnen ist die Heraushebung dessen, was 
sich mit einiger Wahrscheinlichkeit über die gedankliche Verknüpfung der ein- 
zelnen Dialoge und die daraus zu ziehenden chronologischen Folgerungen sagen 
läßt, hier noch nicht möglich, da sie tieferes Eingehen auf den Inhalt der 
Schriften voraussetzt. Es wird vielmehr unten bei der gesonderten Besprechung 

15* 



20g § 40. Piatons Schritten: Chronologie. 

der einzelnen Schriften unsere Aufgabe sein, auch diese Beziehungen, so wie sie 
sich uns darstellen, hervortreten zu lassen. 

6. Der künstlerische Aufbau der Dialoge. Hier fällt ein großer 
Unterschied in die Augen. Eine Reihe von Dialogen zeigt eine mit voller dichte- 
rischer Gestaltungskraft geschaffene, mit Liebe und Sorgfalt ins einzelne aus- 
geführte Szenerie. Ort und Persönlichkeiten sind individualisiert, letztere durch 
kräftige Charakterisierung oft zu wunderbarer Anschaulichkeit gebracht. Das 
Gespräch selbst wird, so sehr auch Sokrates als führender Geist im Vorder- 
grunde steht, doch in seinen Phasen und Wendungen durch die Beteiligung 
mehrerer Partner bestimmt, und bei aller Abstraktheit des Gegenstandes ist doch 
da und dort durch die den Individualitäten entsprechenden Fragen, Antworten 
und Einwürfe, durch persönliche Färbung der Polemik, durch gegenseitige 
humoristische oder satirische Anspielungen dafür gesorgt, daß der Leser die 
lebensvollen Gestalten nicht aus dem Auge verliert. Dialoge wie Protagoras, 
Euthydemos, Symposion, Phaidon u. a. sind unter diesem Gesichtspunkte Kunst- 
werke höchster Vollendung. In einigen anderen Schriften aber findet sich von 
solch künstlerischem Aufwand kaum eine Spur. Es ist dem Verfasser hier 
offenbar nur an dem dogmatischen Gehalte seiner Ausführungen, nicht an deren 
Form gelegen. Des Dialogs bedient er sich nur als der herkömmlichen Weise 
philosophischer Erörterung. Die Mittel der Szenerie, der Personencharakteristik 
und individualisierenden Wechselrede, die sonst dazu dienen, das Werk zu beleben 
und zu einem echten Drama zu gestalten, sind aufs spärlichste oder gar nicht ver- 
wendet. Nur sporadisch verrät sich der Künstlergeist in einzelnen geschickt ver- 
werteten Motiven. Was bei den oben genannten Schriften unmöglich ist, wäre bei 
Parmenides, Sophistes, Politikos, Philebos, Timaios, Kritias und z. T. auch den 
Xomoi ein Leichtes: dem Inhalte sein dialogisches Gewand abzustreifen und ihn 
in die Form einer abstrakten und kontinuierlich verlaufenden Lehrdarstellung zu 
kleiden. Lehrreich für diese Gleichgültigkeit gegen die künstlerische Komposition 
ist die schon oben S. 225 berührte Tatsache, daß im Politikos 284 b luid 286 b ein 
Mitunterredner das in diesem Dialoge sich fortsetzende Gespräch des Sophistes 
wie ein Buch zitiert, der Verfasser also völlig sozusagen aus der Rolle fällt. 
Auch die achtlose Anknüpfung des Sophistes an den Theaitet (vgl. S. 225) gehört 
hierher. Es ist nun von vornherein wahrscheinlich, daß die durch diese gemein- 
same formale Eigenart verbundenen Werke sich auch zeitlich zu einer Gruppe 
vereinigen, und die nächstliegende Annahme, daß das Sinken künstlerischer 
Schaffenskraft und -lust auf Piatons Altersjahre weise, wird dadurch gestützt, 
daß die formal vollendeteren Werke mit Sicherheit den Jugend- und reifen 
Mannesjahren des Philosophen angehören und nichts für die Vermutung spricht, 
es sei die Zeit künstlerischen Hochstandes durch eine solche des Tiefstandes 
unterbrochen worden. Damit stimmt aufs beste, daß die Xomoi nach den ver- 
schiedensten Indizien zweifellos in Piatons späteste Zeit fallen und auch bei den 
anderen formal gleichartigen Dialogen die gewichtigsten sprachlichen und inhalt- 
lichen Gründe nötigen, sie in die Altersperiode des Philosophen zu verlegen. 

Xoch in anderer Weise läßt sich aus der Dialoggestaltung für die Chrono- 
logie Frucht gewinnen. In Dialogen aus Piatons bester Zeit wird das Haupt- 
gespräch nicht selten durch einen Referenten mitgeteilt (s. die Übersicht bei 
Raeder, PI. phil. Entw. S. 48 f.), im Symposion ist sogar ein Referat in ein 
anderes eingeschachtelt. Diese referierende Methode nötigt zu ständiger An- 
wendung von Eff}] (hp] cfävai), siTisr, ovrerfi] u. dgl. Zu ihrer Vermeidung ist 
im Theaitet ein eigenartiger Kunstgriff angewendet. Auch hier handelt es sich 
um ein Schachtelreferat: Eukleides teilt den Bericht mit, den ihm Sokrates über 



§ 40. Piatons Schriften: Chronologie. 229 

ein von ihm, Thcodoros und Theaitetos geführtes (Tcspräch erstattet hat. Aber 
dieser Bericht wird nach einer Aufzeichnung verlesen. Sokrates als Referent 
fällt dabei fort, die Gesprächsteilnehnier treten uns wie in einem Drama unmittel- 
bar redend gegenüber. Die Vermeidung der Referierformeln näyou t'(pi]v, eyoj 
ehov usw. wird 143 c ausdrücklich als Zweck dieser Mitteilungsform bezeichnet. 
Der Verfasser hat also diese Formeln nunmehr als lästig empfunden, und der 
Schluß ist berechtigt, daß er, da sich das Auskunftsmittel das Gespräch ver- 
lesen zu lassen selbstverständlich nicht schablonenmäßig in aller Folgezeit ver- 
wenden ließ, von da an die referierende Dialogform gemieden habe, die Gespräche 
dieser Form also vor den Theaitet fallen (vgl. auch Raeder a. a. O. S. fil). Eine 
Bestätigung liegt darin, daß tatsächlich alle Werke, die nach maßgebenden ander- 
Aveitigen Kriterien dem Theaitet nachfolgen, nämlich die weiteren o. S. 228 u. S. 232. 
233 genannten Altersdialoge, nicht referierte, sondern unmittelbar dramatisch dar- 
gestellte Gespräche bieten mit Ausnahme des Parmenides. Dieser hat sogar eine be- 
sonders komplizierte Schachtelanlage: wir erhalten das Hauptgespräch aus dritter 
Hand. Aber das Rätsel läßt sich lösen. Die Rolle des mittleren unter den drei 
Referenten ist Piatons Halbbruder Antiphon zugeteilt; im Beginne der Einleitung 
wird seiner Brüder Adeimantos und Glaukon als derjenigen gedacht, die dem 
letzten Referenten Kephalos Zutritt zu Antiphon verschafften; zwischen diesen 
aber und das von dem ganz jugendlichen Sokrates mit dem alten Parmenides 
und Zenon geführte Gespräch empfahl es sich schon um des Zeitabstandes willen 
den Zenonschüler Pythodoros als ersten Referenten einzuschieben. Es waren 
also letzten Grundes wohl verwandtschaftliche Rücksichten, die das Zurückgreifen 
auf die referiei-ende Form veranlaßten. Vor allem aber: diese Form ist gar nicht 
konsequent durchgeführt. Nur eine Strecke w^eit hat sich der Schriftsteller mit 
der lästigen Bürde der fV/ /;, qydvai usw. geplagt: dann ist er, unbekümmert um 
den Riß, den seine Darstellung dadurch erlitt, zur dramatischen Form über- 
gegangen, wieder ein Zeichen für die Vernachlässigung des Künstlerischen in 
der Altersperiode, zugleich aber auch ein Zeichen, daß der Überdruß an den 
Referierformeln wie im Theaitet so auch im Parmenides wirksam gewesen ist. 

7. Die Sprache. Seitdem Campbell und Dittenberger den Weg gewiesen 
haben, ist die Sprachbeobachtung in immer erweitertem Umfange und vervoll- 
kommneter Weise der platonischen Chronologie dienstbar gemacht worden. Für 
die Einzelheiten der Technik, die dabei ausgestaltet worden ist, muß auf die 
S. 81* f., 83* f. verzeichneten Arbeiten, besonders auf diejenigen Ritters (Piaton 
I S. 232 ff.. Neue Unters. S. 183 ff., Philol. 73, 358 ff.j und v. Arnims (Sprachl. 
Forsch, z. Chronol. d. plat. Dial.) hingewiesen werden, die auch die prinzipiellen 
Fragen erörtern. Die von den verschiedenen Sprachbeobaehtern aufgestellten 
Sukzessionsreihen (mit Ausnahme der erst später in den Sprachl. Forsch, ver- 
öffentlichten V. Arnims) sind von Ritter, Platou I S. 2.54, zu einer hinsichtlich 
der großen gegenseitigen Verwandtschaft dieser Reihen sehr lehneichen Tabelle 
vereinigt, die im folgenden benutzt werden wird. So sehr auch im Speziellen 
die methodischen Grundsätze, von denen die verschiedenen Forscher geleitet 
werden, voneinander abweichen, in Hauptgedanken und Endziel herrscht doch 
Einigkeit: es gilt durch Beobachtung charakteristischer Spracherscheinungen die 
sprachliche Entwicklung des Schriftstellers zu ergründen, nach sprachlichen 
Übereinstimmungen und Verschiedenheiten Nähe und Entfernung der Werke 
untereinander zu bemessen und diese auf Grund der so gefundenen Tatsachen 
nach Möglichkeit in eine kontinuierliche Reihe zu stellen, über deren zeitlich 
auf- oder absteigenden Verlauf zum mindesten der Umstand eine Entscheidung 
gestattet, daß die Nomoi mit vollster Sicherheit als Alterswerk anzusprechen 



23() § 4C'. Piatons Schriften: Chronologie. 

sind. Die großen Vorzüge diese« Verfahrens fallen in die Augen. Auf sach- 
lichem Gebiete herrscht die Reflexion, deren vielfach verschlungene Bahnen be- 
wirken, daß gedankliche Zusammenhänge nur >elten chronologisch eindeutig 
sind. Der Gedanke ist flüssig, er modelt sich, nimmt in neuer Verknüpfung 
veränderte Formen an. seine Abgrenzung gegen näher und ferner verwandte ist 
in exakter Weise nicht durchzuführen. Messen luid Zählen gar nicht oder doch 
nur in beschränktestem Umfange am Platze. Ganz anders der sprachliche Aus- 
druck. Hier liegen in erheblichstem Maße von Absicht und Reflexion unab- 
hängige, aus unljewußter Gewohnheit entspringende Tatsachen vor. Daß der 
Schriftsteller für die nämliche Sache hier diesen, dort jenen Ausdruck verwendet, 
ist ein fest umrissenes, exakt konstatierbares Faktum, iind die Zusammenstellung 
solcher Fakten liefert ein Material, das dem Messen und Zählen und der statisti- 
schen Verarbeitung zugänglich Lst. Gelingt es noch, eine Sprachbeeinflussung 
von außen her festzustellen — der von einem gewissen Punkte an häufige Ge- 
brauch von r/ in]r; als Bejahungsformel und die zunehmende Verwendung von 
yt iii'ir und d/./.u — iitp- werden von Dittenberger mit großer Wahrscheinlichkeit 
auf den Einfluß der ersten sLzilischen Reise zurückgeführt — oder, wie in der 
mehr und mehr sich bemerkbar machenden Hiatvermeidung, parallele Erschei- 
nungen in außerplatonischer Literatur nachzuweisen, so ergeben sich damit neue 
wertvolle .Anhaltspunkte. Freilich, ein unfehlbares, nie versagendes Werkzeug 
ist auch die Sprachstatistik nicht. Das ist von den meisten ihrer Vertreter an- 
erkannt und von ihren Gegnern zur Genüge betont worden. Zwar ist der alte 
in den ersten Entwicklungsstadien der Sprachstatislik erhobene Einwand, sie 
verwerte in willkürlicher Weise ein unzureichendes, Zufälligkeiten nicht aus- 
sc-hließende-5 Material, jetzt, nachdem mehr als drei Jahrzehnte hindurch immer 
neue Gebiete des Sprachgebrauches in den Beobachtungsbereich einbezogen und 
die statistische Technik in immer rationellerer Weise ausgebildet worden ist, all- 
mählich verstummt. Aber andere Einwände haben sich erhalten. Ganz untriftig 
ist der Hinweis auf die Möglichkeit neuer, den ursprünglichen Sprachcharakter 
verwischender Auflagen eines Werkes. Neuauflagen sind in der antiken Literatur 
keine so ungemein häufige Erscheinung, daß damit im emzelnen Falle ohne 
weiteres zu rechnen wäre. Vielmehr liegt das onus probandi von Fall zu Fall 
dem ob. der das Vorliegen einer solchen Neuauflage behauptet. Soll aber wirk- 
lieh einmal der Einwand in dieser abstrakten Form zugelassen werden, so trifft 
er jede andere chronologische Methode mit gleichem, ja mit größerem Rechte; 
denn die Sprachstatistik wird, von besonders ungünstigen Ausnahmen abgesehen, 
entweder, wie es beim ersten Buche der Politeia der Fall ist, die Zeit der ersten, 
oder, wie es bei der ohne genügenden Grund vermuteten Xeubearbeitung de? 
Phaidros anzunehmen wäre, die der zweiten Auflage festzustellen vermögen, 
während der Versuch einer Zeitbestimmung auf Grund des Inhaltes oder ander- 
weitiger Kriterien unter der Voraussetzung einer Neubearbeitung zumeist jeden 
festen Boden unter den Füßen verlieren würde. Aber andere Schwierigkeiten, 
die einer unbegrenzten Verwendbarkeit der Sprachstatistik im Wege stehen, sind 
in der Tat vorhanden. Es können im einzelnen Zweifel obwalten, was dem Be- 
reich unbewußter .Sprachgewohnheit zuzuweisen, was auf bewußte Absicht zurück- 
zuführen ist. Der Schriftsteller kann durch besondere Momente, den zu behan- 
delnden Gegenstand, die zu charakterisierenden Gespräehspersonen, den ihm 
vorschwebenden Leserkreis u. dgl., bestimmt werden, in diesem und jenem Punkte 
von dem für die Ijetreffende Periode seiner Schriftstell erei kennzeichnenden 
Sprachgebrauch abzuweichen. Aber auch die unbewußte Sprachgewohnheit selbst 
wird durch verschiedene, unter Umständen in ihren sprachlichen Wirkungen sich 



§ 40. Platoiis Schriften: Chronologie. 231 

kreuzende Faktoren, ein zeitweise verändertes Milieu, zeitweilige Lektüre u. dgl. 
beeinflußt. Ein unrichtiger Zeitansatz wird sich auch so bei behutsamer Methode 
«chwerlich ergeben. Denn es müßte ein selten tückischer Zufall sein Spiel 
treiben, wenn alle oder auch nur ein großer Teil der durch besondere Absichten 
und Umstände bedingten Spracherscheinungen sich vereinigen sollten, eine be- 
•stimrate, der Mahren Zeit der betreffenden Schrift fernliegende Periode vorzu- 
spiegeln. Aber wenn auch kein täuschendes, so kann doch ein derart unklares 
vnd verworrenes sprachliches Bild durch die einander widersprechenden Ein- 
wirkungen verschiedener Momente zustande kommen, daß der Sprachbeobaehtung 
eine sichere chronologische Entscheidung nicht möglich ist. Immerhin ist auch 
in einem solchen Falle das Bestreben nicht hoffnungslos, durch Heraushebung 
•der in erster Linie leitenden und Sondereinflüssen im geringsten Maße ausge- 
setzten Spracherscheinungen wenigstens zu einem Wahrscheinlichkeitsurteil hin- 
sichtlich des Zeitansatzes zu gelangen. 

Die Aussichten der Sprachstatistik hängen also, das geht aus dem Gesagten 
hervor, jeweilen von der individuellen Beschaffenheit des zu behandelnden Schrift- 
tums ab, und die Erfahrung muß im einzelnen Falle lehren, inwieweit sie das 
Werkzeug ist, dem der zu bearbeitende Stoff sich fügt. Bei Piaton war das Er- 
gebnis in hohem Grade erfreulich. Die durch eine Keihe von Forschern auf 
verschiedenen Wegen und an mannigfachem sprachlichen Material vorgenommenen 
Untersuchungen führten übereinstimmend') zunächst zu der Feststellung, daß 
sich Sophistes, Politikos, Philebos, Timaios, Kritias und Nomoi zu einer Gruppe 
platonischer Altersdialoge vereinigen. Weiterhin gelangte man teils durch Zu- 
hilfenahme außersprachlicher Kriterien, teils durch erneute sprachliche Be- 
obachtung zu einstimmigem Urteil über die Abfolge der Dialoge innerhalb dieser 
Grui^pe. Aber auch für die sieh rückwärts anschließenden Dialoge der besten 
Mannesjahre ergaben die unabhängig voneinander vorgenommenen Unter- 
suchungen wieder ein im wesentlichen einhelliges Resultat; daß sprachlich die 
Bücher 2^10 der Politeia, Phaidros, Theaitet und Parmenides hierher gehören, 
ist darnach — von Xatorps abweichender Datierung des Phaidros und Theaitet 
abgesehen — unstrittig, und auch über die Reihenfolge besteht in der Haupt- 
sache Einigkeit, nur der Phaidros behauptet in den Sukzessionsreihen der ver- 
schiedenen Forscher verschiedene Plätze. Ob man Symposion und Phaidon zu 
dieser oder einer vorangehenden Gruppe rechnet, ist nicht von Belang, jeden- 
falls liegen beide nach sprachlichem Ausweis den genannten Dialogen unmittel- 
bar oder doch immer in nächster Nähe voraus. Beträchtlichere Verschiebungen, 
die sich auch auf die zeitlich vorangehende Gruppe erstrecken, zeigt nur die von 
Th. Goraperz angenommene Abfolge. Als ein nicht ganz ebenso günstiger Boden 
für die sprachstatistisehe Bearbeitung erwiesen sich die Schriften der Jugend- 
iind Übergangszeit; aber auch hier haben die sprachlichen Beobachtungen inso- 
weit zu einem nahezu einstimmigen Urteil geführt, als sie den Gesprächen 
Gorgias, Menon, Euthydemos und Kratylos eine späte, dem Symposion und 
Phaidon benachbarte Stelle anwiesen. Der Triumph, den die Sprachstatistik iri 
ihrer Anwendung auf Piaton feiern konnte, war um so glänzender, als es ihr 



'■) loh berücksichtige hier die Arbeiten von Ritter, Lutoslawski, Th. Gomperz, 
Natorp, Raeder und v. Arnim, bemerke aber, daß hinsichtlich der Alters- und 
der mittleren Periode auch die an beschränkterem Material angestellten Be- 
obachtungen von Campbell, Dittenberger und Schanz mit denen ihrer Nachfolger 
in allem Wesentlichen in auffallender Weise zusammentreffen ; nur differiert die 
Abgrenzung der Gruppen um ein weniges und einzelne Dialoge vei-schieben ihren 
Platz um eine oder zwei Stellen. 



232 § •^0. riatons Schriften : Chronologie. 

durch ihre Feststellungen gelaiig, die seit Schleiermacher herrschende, u. a. auch 
von K. Fr. Hermann und Zeller vertretene Auffassung der Entwicklung von 
Piatons Schriftstellerei und Lehre in einem Hauptpunkte zu berichtigen : Theaitetos, 
Parnienides, Sophistes, Politikos und Philebos liegen, das hat sie zu jetzt fast aus- 
nahmsloser Anerkennung gebracht, nicht am Aufstieg zu Piatons Höchst- 
leistungen in Symposion, Phaidon und Politeia, sondern am Wege von diesen 
Werken zu den spätesten Stücken seines Schrifttums, Timaios, Kritias und 
Nomoi. Sie enthalten nicht eine Vorbereitung der in jenen Gesprächen voll ent- 
wickelten Ideenlehre, sondern lassen erkennen, wie diese Lehre aus ihrer zentralen 
Stellung im platonischen Denken zurücktrat. Wie tief diese Änderung in unsere 
Vorstellung von Piatons geistiger Entwicklung wie im allgemeinen so auch ins- 
besondere hinsichtlich seiner politischen Anschauungen eingreift, wird sich bei 
Besprechung der Altersdialoge zeigen. 

Als methodische Norm für die relative und absolute Datierung der plato- 
nischen Schriften ergibt sich aus diesen Ausführungen folgendes. Die Grund- 
lage hat die sprachliche Untersuchung zu bieten. Neben ihr treten ergänzend 
die unter 1 bis 6 erörterten Kriterien in Wirksamkeit. Sie geben nicht selten 
bei schwankenden oder einander widersprechenden Ergebnissen der Sprachstatistik 
den Ausschlag. Sie gestatten bisweilen auch, bestimmte Jahre als Grenzen für 
die Abfassungszeit eines Dialoges festzulegen, womit dann wieder für längere 
Strecken der gesamten Schriftenreihe feste Marksteine gegeben sind. Sie ver- 
mitteln endlich den Zusammenhang zwischen der Chronologie des platonischen 
Schrifttums und der auf anderweitigen Indizien beruhenden Chronologie von 
Piatons änßerem Leben. Auch diejenigen Forscher, die der Sprachstatistik mit 
grundsätzlichen Bedenken gegenüberstehen, haben im allgemeinen den wichtigsten 
ihrer Ergebnisse, vor allem der Gruppierung der mittleren und der Altersschriften 
zugestimmt, und so ist die Lage geschaffen, daß mit einer Aiisnahme kein 
Dialog in den von verschiedenen Seiten aufgestellten Sukzessionsreihen eine so 
abweichende Stellung einnimmt, daß dadurch eine weitgreifende Meinungsver- 
schiedenheit über den gesamten Verlauf der schriftstellerischen und dogmatischen 
Entwicklung des Verfassers herbeigeführt würde. Diese Ausnahme bildet der 
Phaidros. Über ihn ist der Streit noch nicht beendigt. Die sprachliche Unter- 
suchung vereinigt ihn, wie oben bemerkt, mit Politeia, Theaitet und Parmenides 
zu einer Gruppe; nur Xatorp gibt ihm in Verbindung mit dem sich unmittelbar 
anschließenden Theaitet eine weit frühere Stelle, vor Euthydem. Kratylos, Phai- 
don und Symposion, auf die erst Politeia und Parmenides folgen. Weniger hat 
es zu sagen, daß auch bei den übrigen Forschern der Platz innerhalb der Gruppe 
variiert. Bei Dittenberger steht der Phaidros unmittelbar vor, bei Lutoslawski 
unmittelbar hinter der Politeia, Ritter hält die sprachlichen Indizien zur Ent- 
scheidung über den besondern Platz nicht für ausreichend, kommt aber aus in- 
haltlichen Erwägungen mit Raeder zu der Abfolge: Politeia, Phaidros, Theaitet, 
Parmenides, während v. Arnim aus sprachlichen Gründen, die er durch den In- 
halt bestätigt findet (Sprachl. Forschung, usw., Pl.s Jugenddialoge und die Ent- 
stehungszeit des Phaidros; s. S. 82*), ordnet: Politeia, Theaitet, Parmenides, 
Phaidros. Eine besondere Komplikation aber ergab sich dadurch, daß auch hin- 
sichtlich der Gruppen Zugehörigkeit selbst entschiedene Anhänger der Sprach- 
statistik in diesem Falle bei der durch die Sprache gebotenen Entscheidung sieb 
nicht beruhigen zu dürfen glaubten. Die antike Frühdatierung des Werkes, die 
Jugendlichkeit und der Überschwang seiner Darstellung, die Mängel seiner Dis- 
position, das Urteil über Isokrates in der Kombination Spengels, Useners u. a.^ 



§ 40. Piatons Schriften : Chronologie. 233'- 

alles wirkte zusammen, in dem Glauben an eine späte Entstehung des Werkes 
irre zu machen. So wählte Th. Gomperz den Ausweg, das uns vorliegende 
Werk für die späte Neubearbeitung einer Jugendschrift zu erklären. Die Hypo- 
these, die von ihrem Urheber später zurückgezogen, dann aber wieder aufge- 
nommen und von Friedr. Blaß beifällig beurteilt wurde, hat neuerdings unter 
den der Bprachstatistik mit Zurückhaltung gegenüberstehenden Gelehrten in 
O. Imraisch (Neue Jahrb. f. d. klass. Altert, usw. 35 [19151, 545 t'f.) einen Ver- 
treter gefunden, der mit ihrer Hilfe eine Zwiespältigkeit innerhalb des Phaidros- 
mythus glaubt erklären zu können (s. dagegen M. Pohlenz, Gott. gel. Anz. 1916,. 
272 ff.). Die verschiedenartigen von der Sprachstatistik gänzlich oder im wesent- 
lichen unabhängigen Ansätze anderer sind von Ritter, Philol. 73, 326 ff. ge- 
sammelt und erörtert. Hier sei nur hervorgehoben, daß M. Pohlenz, Aus Pl.s 
Werdezeit S. 355 ff., den Phaidros dem Lysis, dem Symposion und der Politeia 
vorangehen läßt und in ihm das Programm der Akademie erblickt. Nach meiner 
Ansieht, die ich hier nicht begründen kann — das Wesentliche wird sieh unten 
bei der Einzelbesprechung der Dialoge ergeben — , liegt kein zureichender Anlaß 
vor, von der durch den sprachlichen Befund gebotenen Zuteilung an die Gruppe 
Politeia, Theaitet, Parmenides abzugehen. Die Stellung am Schlüsse dieser 
Reihe ist mir trotz v. Arnims Verteidigung aus inhaltlichen Gründen unwahr- 
scheinlich, hingegen genügt der von Raeder und Ritter vorgeschlagene Ansatz- 
zwischen Politeia und Theaitet den Forderungen des sachlichen wie des sprach- 
lichen Tatbestandes. 

In Anwendung der erwähnten methodischen Norm glaube ich die folgende 
chronologische Reihe als die wahrscheinlichste aufstellen zu dürfen. Die sprach- 
statistische Unterlage entnehme ich Ritter und v. Arnim.*) Wo beide vonein- 
ander abweichen, gaben teils erneute Abwägung der sprachlichen Indizien, teils 
sachliche Momente den Stichentscheid. Apologie und Kriton scheide ich aus, da 
ich in ihnen weder sprachliche noch sachliche Merkmale von hinreichender Trag- 
weite erkenne, um ihnen auch nur mutmaßlich einen bestimmten Platz anzu- 
weisen. Daß beide den Jugendschriften zugehören, ist auf Grund des Inhaltes 
(s. 0. S. 219) meine Überzeugung. Im übrigen ordne ich: Protagoras, Ion (über 
die Priorität des einen oder des andern dieser beiden Dialoge ist mit auch nur 
einiger Sicherheit nicht zu entscheiden ; bei der verhältnismäßig knapp bemessenen 
Zeit zwischen Ion und Gorgias [s. o, S. 224] wird man geneigt sein, den Prota- 
goras vorangehen zu lassen), Laches, Politeia I, Lysis, Charmides. Euthyphron, 
Gorgias (etwa 393 — 389, s. o. S. 224), Menon. Euthydemos, Hippias II, Kratylos, 
Hippias I. — (Erste sixilische Reise.) — Älenexenos, Symposion (385 84 oder 
später, s. oben S. 217), Phaidon, Politeia II— X, Phaidros, Theaitetos (369 oder 
später), Parmenides, Sophistes, Politikos, Philebos, Timaios, Kritias, Nomoi (und 
Epinomis). 

Ich betone, daß diese Abfolge die chronologische ist. Unsere Dar- 
stellung Avird von ihr in einigen Punkten abweichen. Zwei zeitlich durch 
andere getrennte Schriften können sachlich in so engen Beziehungen zueinander 
stehen, daß es sich empfiehlt, sie in unmittelbarem Zusammenhang zu be- 
trachten. Das ist bei Laches und Charmides und dann wieder bei den beiden. 



*) V. Arnim (Sprachl. Forsch. S. 234) bezeichnet seine Reihenfolge als nur 
vorläufig und auf Grund eines Teiles seines Materials aufgestellt, glaubt aber,, 
daß sich erhebliche Änderungen nicht ergeben werden. Daß sich dies inzwischen 
bewahrheitet hat. ist aus v. Arnims späterer Publikation (Pl.s Jugenddialoge 
usw.) zu schließen. 



284 §^"-'- Watons Schriften: ihre Reihenfolge i. Verh. z. Pl.s eigener Entwicklung. 

Hippiasdialogen der Fall, und die folgende Darstellung wird demgemäß ver- 
' fahren. Ebenso stelle ich in Rücksicht auf den Zusammenhang von Protagoras 
und Laohes den Ion voran und lasse die eigentlichen Definitionsdialoge dem 
Lvsis vorausgehen. 

IIT. Das Verhältnis der Reihenfolge der Schriften zu Platons 
eigener geistiger Entwicklung. 
Piaton ist etwa ein halbes Jahrhundert lang als philosophischer Schriftsteller 
täti«'- cewesen. Es erscheint fast als selbstverständlich, daß sich in dieser langen Zeit 
in seiner Lehre Wandlungen vollzogen, die auch innerhalb seiner Schriften sich 
in Verschiedenheiten des Standpunktes und der Interessen, in Ungleichheiten und 
Widersprüchen zu erkennen geben müßten. Im Altertum, dem der Entwick- 
lungsgedanke in Anwendung auf Piaton überhaupt fremd war, werden wir diese 
für uns nächstliegende Annahme nicht suchen dürfen. Aber merkwürdigerweise 
ist sie auch im Bereiche der modernen kritischen Beschäftigung mit dem Philo- 
sophen nicht die älteste, sondern erst von K. Fr. Hermann im ^Viderspruch 
gegen Schleiermachers Ansicht entwickelt worden. Nach dieser (Pl.s Werke I 1"^ 
S. 17 ff.) ist die Abfolge der Dialoge durch methodische Rücksichten bedingt. 
Mit jedem Gespräche wird eine bestimmte Wirkung beabsichtigt, deren Erreichung 
die Voraussetzung des Fortschritts in einem andern Gespräche ist. Die sämt- 
lichen Dialoge bilden so eine einzige nach pädagogischen Gesichtspunkten an- 
gelegte tortlaufende Reihe, in der ein einheitlicher, von Elementaruntersuchungen 
bis zu vollendeten konstruktiven Darstellungen fortschreitender Plan zur Erschei- 
nung kommt. Darnach müßte Platons gesamte Lehre in allem Wesentlichen be- 
reits festgestanden haben, als er sich zum Schreiben anschickte, und was uns von 
Dialog zu Dialog an Wandlungen entgegentritt, wäre nicht das Spiegelbild von 
Veränderungen im eigenen Denken des Philosophen, sondern lediglich die Folge 
der etappenweisen Einführung des Lesers in das System. Im Gegensatze zu dieser 
Auffassung findet K. Fr. Hermann (Gesch. u. Syst. d. plat. Philos. S. :)43 ff.) in 
der Gesprächsreihe den Niederschlag einer allmählichen Entwicklung, die sich in 
■dem Verfasser selbst vollzog, und er bestrebt sich, in dessen äußeren Lebens- 
umständen die Marksteine festzustellen, die auch für den Verlauf seines geistigen 
Werdens maßgebend waren : er erkennt diese in dem Tode seines Lehrers Sokrates 
mit dem anschließenden Aufenthalte Platons bei Eukleides in Megara und in der 
Rückkehr (von der italischen Reise, die ihn mit den Pythagoreern in enge Be- 
ziehungen brachte) nach Athen mit dem sodann erfolgten Antritt seines Lehr- 
amtes in der Akademie. Schleiermachers und Hermanns Theorien bildeten für die 
Auffassungen der folgenden Zeit die Grundlage. Über die teils der einen teils der 
andern zustimmenden teils vermittelnden Meinungsäußerungen unterrichten Zeller, 
Philos. d. Gr. II 1 * S. 502 ff., Raeder, Pl.s philos. Entw. S. ü ff. Zweifellos ist 
Hermanns Anschauung nach ihrer Grundvoraussetzung nicht nur a priori die weitaus 
wahrscheinlichere, sondern sie wird auch durch eine vorurteilslose Interpretation 
•der Dialoge vollauf bestätigt. Mit Recht spricht Hermann (S. 348) von den vielen 
Entstellungen iind Willkürlichkeiten im einzelnen, deren es bedurfte. ,,um die 
Schriften des Philosophen in das Prokrustesbette jenes methodischen Zusammen- 
hanges hereinzuzwängen". Natürlich ist für kürzere, den gleichen philosophischen 
Standpunkt zeigende Strecken der Schriftenkette die Möglichkeit eines didak- 
tischen Planes im Schleiermacherschen Sinne nicht ausgeschlossen; aber für das 
•Ganze des platonischen Schrifttums haben Vermittlungen zwischen der genetischen 
und der methodischen Auffassung, wie sie von Susemihl, L"'eberweg, Zeller u. a. 
versucht worden sind, nur dann die geschichtliche Wahrscheinlichkeit für sich, 



§ 40. Platous Schriften: Gruppierung. 235 

-wenn sie das genetische Prinzip entschieden in den Vordergrund rücken. Anders 
urteilt P. Shorcy, dessen beachtenswertes Buch The unitv of Pl.s thought 
'(s. S. 106- ) sich der Schleierniacherschen Anschauung insofern nähert, als es Wand- 
lungen in Piatons Philosophie nur hinsichtlich untergeordneter Punkte zugibt, in 
allen Hauptproblemen aber den Denker schon früh den Standpunkt einnehmen 
läßt, den er in der Zeit seiner JMannesreife und seines Alters bekundet. Seitdem 
übernahm es auf der andern Seite H. Paeder, an der Hand der Schriften Piatons 
philosophische Entwicklung darzulegen (Pl.s philos. Entw.. s. u. S. 106"), und 
M. Pohlenz (Aus Pl.s Werdezeit, s. u. S. 82' ) verfolgte in eingehender l'ntersuchung 
den W^erdegang des Philosophen bis zu seiner Vollreife. Demgegenüber stellte 
sich H. V. Arnim (Pl.s Jugenddialoge usw., s. S. 82' ) die Aufgabe, gegen die 
genetische Auffassung K. F. Hermanns und seiner Anhänger die relative Berech- 
tigung der methodisch-didaktischen Auffassung Schleiermachers zu erweisen, ohne 
damit eine persönliche philosophische Entwicklung Piatons schlechthin in Abrede 
stellen zu wollen. Der Hinweis v. Arnims auf die mit der genetischen Theorie 
verbimdene Gefahr, Widersprüche da zu suchen und zu finden, wo sie nur 
scheinbar vorhanden sind, ist gewiß am Platze. Ich kann aber nicht dafür halten, 
■daß ihm die Durchführung des Einheitsgedankens in dem beabsichtigten Maße 
:geglückt sei, und halte insbesondere die Annahme einer sokratischen Periode 
Piatons, in der ihm die Ideenlehre noch fern lag, und einer Altersperiode, in der 
•diese Lehre nach ihrer ontologischen Seite für ihn zurücktrat, nicht für widerlegt. 
In etwas verschiedener Richtung bewegt sich O. Apelt in seinen Platonischen Auf- 
sätzen IS. S. 82*). Zwar glaubt auch er an eine unwandelbare Grundüberzeugung 
des Philosophen von einem jenseitigen Eeiche des Guten und Schönen, er will 
aber im übrigen der genetischen Auffassung in keiner Weise grundsätzlich ent- 
gegentreten, sondern nur gegenüber der von der neuereu Piatonforschung vor- 
zugsweise dem Werden und der Entwicklung zugewendeten Aufmerksamkeit dem 
•Gleichbleibenden in Piatons Lehre zu seinem Eechte verhelfen. 

IV. Verteilung der einzelnen Schriften auf zeitlich oder sachlich 
bestimmte Gruppen. 
Schon das Altertum fühlte naturgemäß das Bedürfnis, durch gruppenweise 
Zusammenfassung der einzelnen Gespräche Übersicht und Studium der plato- 
nischen Schriften zu erleichtern. Unter den verschiedenen Gesichtspunkten, nach 
denen eine solche Gruppierung unternommen werden kann, schied der genetische, 
wie schon bemerkt, aus. Die gewaltige Autorität, die Piaton als Schulstifter und 
ßchulheiliger genoß, und das didaktische Bedürfnis, seine Lehre als einheitliches 
System tind Schiilbekenntnis fortzupflanzen, ließen die historisch-kritische Betrach- 
tung seiner Werke und den Gedanken an Wandlungen seiner Anschauungen — 
von vereinzelten Anläufen, wie Proleg. 24 S. 217, 35 ff. H., abgesehen — nicht Kaum 
^gewinnen. Mit dem genetischen Interesse fehlte aber ein wesentlicher Impuls zu 
einer chronologischen Ordnung der Gespräche. So verblieben als Gruppierungs- 
kriterien teils Piatons Vorgang in der trilogischen Zusammenfassung von Theaitetos, 
Sophistes, Politikos, und Politeia (s. jedoch oben S. 226), Timaios, Kritias, teils 
Übereinstimmungen zwischen den einzelnen Werken in der Dialogform, der wissen- 
schaftlichen Methode oder dem Inhalte. Neben den verwandtschaftlichen Be- 
ziehungen der Dialoge untereinander spielte bei diesen Gruppierungen ferner die 
pädagogisch-praktische Frage eine Rolle, in welcher Abfolge die platonischen 
Schriften zu lesen seien. Mehrere nach diesen Prinzipien aufgestellte Ordnungen 
lehrt uns Diogenes Laertios B. 49 ff. 56 ff. (mit den in der Baseler Ausgabe des 
3. Buches vermerkten Parallelen) kennen (verarbeitet bei Zeller II 1*, 494,2; 495, 1; 



2;]() § 40, Piatons Schriften: Gruppierung. 

dem ^laterial wäre noch beizufügen Anon. in Theaet. 3, )8 f. ; Albin. Isag. 5 
S. 149, 35 f.; Plut. quaest. conv, 7, 8, 1, 3 ö, 867, 2 f f . ed. Did,; Proci. in remp. 
I 8. 14, 20 ff., 15, 20 ff,, in Tim, I S. 21, 8 ff., in prior. Ale, S. 288, 32 f f . 289, 
14 ff. 297, 12 ff. d. Ausg. v. 1864; Olymp, in pr, Alcib. S. 10 Creuzer: Proleg. 26 
S. 219, 24 ff. Herm.). Aus diesen Gruppierungen ist die gemeinhin unter Thrasyllos' 
Namen gehende, tatsächlich ältere (s. o. S. 210. 211), tetralogische hervorzuheben, 
zu der die dürftige, nur einen Teil des platonischen Corpus umfassende trilogische 
Einteilung des alexandrinischen Grammatikers Aristophanes von ßyzanz in letzter 
Linie die Anregung gegeben haben wird. Auch diese wesentlich auf wirkliche 
oder vermeintliche Inhaltsverwandtschaft gestützte Gruppierung ist äußerlich und 
unzulänglich, hat aber eine bis auf die Gegenwart iortwirkende geschichtliche 
Bedeutung dadurch, daß sie, wie schon o. S. 214 bemerkt, unseren Handschriften 
und Ausgaben zugrunde liegt. 

Unter den Gruppierungen der Neueren verdienen vor allen diejenigen 
Schleiermachers und K, Fr, Hermanns Erwähnung, weil sie typisch sind für 
zwei grundsätzlich verschiedene Auffassungen der geschichtlichen Ordnung des 
platonischen Schrifttums. Schleierraacher unterscheidet, von seiner Hypothese 
einer durch methodisch-didaktische Rücksichten bedingten Abfolge der Gespräche 
ausgehend, drei Gruppen: eine elementarische, innerhalb deren Phaidros, Prota- 
goras und Parnienides die Hauptwerke bilden, ,,In ihnen entwickeln sich die 
ersten Ahndungen von dem, was allem Folgenden zum Grunde liegt, von der 
Dialektik als der Technik der Philosophie, von den Ideen als ihrem eigentlichen 
Gegenstande, also von der Möglichkeit und den Bedingungen des Wissens" (Pl,s 
Werke I l'^ S, 49), Den Gegenpol bilden als konstruktive Gruppe Politeia, 
Kritias und Timaios mit ihren objektiven wissenschaftlichen Darstellungen, Den 
Zwischenraum zwischen diesen beiden Gruppen füllt eine dritte, die indirekte 
genannt, weil sie ,,fast überall mit dem Zusammenstellen von Gegensätzen an- 
hebt". Sie redet „von der Anwendbarkeit jener (in der ersten Gruppe dargelegten) 
Prinzipien, von dem Unterschied zwischen der philosophischen Erkenntnis und 
der gemeinen in vereinter Anwendung auf beide aufgegebene reale Wissenschaften, 
die Ethik nämlich und die Physik". Hierher gehören als Hauptwerke Theaitetos, 
Sophistes, Politikos, Phaidon imd Philebos (a. a, O. S. 49 f.). Auf jede Gruppe 
verteilen sich außer den genannten Dialogen noch Xebenwerke, auf die erste 
und zweite außerdem Werke zweifelhafter Echtheit, Die Gruppen sollen einander 
auch zeitlich in der Weise folgen, daß die elementarische die früheste, die in- 
direkte die mittlere, die konstruktive die späteste ist, und auch innerhalb der 
Gruppen soll sich die zeitliche Folge mit der methodisch-didaktischen, wenn auch 
nicht mit ausschließender Notwendigkeit, so doch tatsächlich und im allgemeinen 
decken. Aber im ganzen ist für Schleiermaeher — das folgt aus seiner Grund- 
auffassung ohne weiteres — das Chronologische nebensächlich. Ganz anders für 
K. Fr. Hermann, der dem Zeitverhältnis zum mindesten der Gruppen unter- 
einander entscheidende Bedeutung beimessen muß, da* darin nach seiner An- 
schauung Piatons Selbstentwicklung zum Ausdruck kommt. Aber bei aller 
Verschiedenheit des Standpunktes behält auch Hermann die Schleiermachersche 
Dreiteilung bei, nur erhält sie bei ihm statt des methodischen einen genetischen 
Sinn. Er unterscheidet sokratische oder elementarische, dialektische oder ver- 
mittelnde und darstellende oder konstruktive Gespräche; die Scheidepunkte der 
zugrunde liegenden drei Perioden in Piatons Entwicklung sind die oben S, 234 
angegebenen. Innerhalb der ersten Gruppe sollen sich einige Werke als Erzeug- 
nisse einer zum zweiten Entwicklungsstadium hinüberführenden Übergangsperio(!o- 
kennzeichnen (Gesch. u. Syst, d. plat. Phil. S. 384 ff.). Auch in der Verteilung; 



§ 40. l'latons Schriften: Gruppierung. 287 

«der Dialoge auf die drei Gruppen besteht zwischen beiden Gelehrten große Ähn- 
lichkeit, wiewohl im einzelnen manches Gespräch seinen Platz wechselt: so gehört 
der Phaidros bei Schleierniacher zur ersten, bei Hermann zur dritten Gruppe, 
die bei ihm weit reicher ist als bei seinem Vorgänger und neben den schon von 
diesem hierhergezogenen Gesprächen auch Menexenos, Symposion, Phaidon und 
Philebos umfaßt. Beachtung verdient, daß sich bei Schleiermacher Theaitet, 
Sophist. Politikos und l'hilebos, bei Hermann Theaitet, Sophist, Politikos 
und Parnienides unter den Schriften der mittleren Gruppe befinden. Diese 
Dreiteilung hat sich nun, gestützt durch die Autorität der beiden hervor- 
ragenden Piatonforscher, lange Zeit an der Herrschaft erhalten in wechselnder 
Auffassung und Begründung, jenachdem ihre Vertreter in der methodischen 
oder genetischen Grundanschauung sich Schleiermacher oder Hermann zuneigten 
oder eine vermittelnde Stellung einnahmen. Erst die Sprachstatistik hat sie zu 
Falle gebracht, indem sie nachwies, daß Sophistes, Politikos und Philebos Alters- 
werke sind und sich, ebenso wie die ihnen unmittelbar vorangehenden Gespräche 
Theaitet und Parmenides, zwischen die ,, konstruktive'' Politeia und die ebenfalls 
„konstruktiven" Dialoge Tiraaios, Kritias und Nomoi einschieben (s. o. S. 232). 
Seitdem sind wesentlich sprachlich orientierte Gruppierungen an der Tages- 
ordnung. Sie liefern der dogmatisch-genetischen Periodisierung die hauptsäch- 
liche Grundlage, treffen aber in ihren Scheidepunkten mit einer solchen Periodi- 
sierung nicht notwendig zusammen und lassen die Aufgabe übrig, für die 
Einteilung der dogmatischen Genesis und die entsprechende Gruppierung der 
Werke die sachlichen Gesichtspunkte zu finden. Auch diese Aufgabe haben 
Anhänger der Sprachstatistik wie Lutoslawski, Th. Gomperz, Natorp, Paeder, Ritter 
lind V, Arnim nicht aus dem Auge verloren, und eine Übereinstimmung tritt 
zwischen den meisten unter ihnen wenigstens insoweit zutage, daß sie eine Reihe 
von Gesprächen als Jugenddialoge, eine andere als Alterswerke zusammenfassen. 
Im ganzen hat sich aber keine Gruppierung zu gleich allgemeiner Anerkennung 
durchzusetzen vermocht, wie dies früher bei der Schleiermacher-Hermannschen 
Dreiteilung der Fall gewesen ist. Außerhalb des Kreises der Sprachstatistiker 
haben besonders O. Immisch (Neue Jahrb. f. d. klass. Altert, usw. 3 [1899], 
440 ff. 549 ff. 612 ff.; vgl. auch ebenda 35 [1915], 545 ff.) und M. Pohlenz (Aus 
Pl.s Werdezeit, s. S. 82*) unternommen, auf Grund gedanklicher, z. T. auch 
formaler Zusammenhänge und Verläufe die philosophische und schriftstellerische 
Entwicklung Piatons festzustellen und darnach das Ganze oder doch den älteren 
Teil seines Schrifttums in Schichten zu zerlegen. 

Der folgende Darstellungsversuch legt die oben S. 23o aufgestellte chrono- 
logische Reihenfolge zugrunde und gelangt an Hand des dadurch festgelegten 
Entwicklungsganges zu der Gruppierung : I. Jugendschriften oder Schriften 
wesentlich sokratischen Charakters: Apologie, Kriton, Protagoras, Ion, 
Laches, Politeia I, Lysis, Charmides, Euthyphron. II. Schriften einer Über- 
gangsperiode: Gorgias, Menon, Euthydemos, Kleinerer Hippias, Kratylos, 
Größerer Hippias, Menexenos. III. Schriften der reifen Mannesjahre: 
Symposion, Phaidon, Politeia II — X, Phaidros. IV. Schriften der Altera- 
jahre: Theaitetos, Parmenides, Sophistes, Politikos, Philebos, Timaios, Kritias, 
Nomoi (Epinomis). 

Der Nachweis der Berechtigung zu dieser Gruppeneinteilung und die 
■Charakterisierung der einzelnen Gruppen bleibt der Darstellung vorbehalten. 



9j:}j^ § 40. Platoiiß Schriften: .Tugendschriften. 

B. Piatons Sehrift<'n im ein/elnon. Genetische Darstelliinf seiner Philosophie^ 
an Hand dieser Schriften. 

Platons Lehren haben sich im Laufe seines langen Lebens mannigfach ent- 
wickelt und umgestaltet. Obwohl sich der sokratische Gi'undcharakter seines Denkens- 
ujid damit auch ein gewisses Maß positiver Anschauungen gleich geblieben sind, 
läßt sich doch nicht sagen, daß er in einem bestimmten Zeitpunkte ein fertiges- 
System gehabt habe, das in der folgenden Zeit keine oder doch nur unwesent- 
liche Veränderungen erfahren hätte. Dazu kommt die Eigenart der Darstellungs- 
form. Statt dogmatischen Vortrags scharf formulierter Philosopheme treffen wir 
überall Verflechtung der Lehren in den wechselnden Zusammenhang philo- 
sophischer Gespräche, wodurch auch das in seinem Kerne Feststehende in immer 
neuer Verbindung und veränderter Xuancierung erscheint. Anders als es etwa 
bei Aristoteles. Plotin und den neueren Systematikem der Fall ist, lassen sieh 
daher Platons Lehren nicht ohne Gewaltsamkeit aus ihrer jeweiligen Umgebung 
losgelöst in Form eines geschlossenen Systems daisteilen. Der einzig brauchbare 
Weg zu einer tieferen Erfassvmg der platonischen Philosophie ist vielmehr der^ 
Schritt für Schritt dem Gange jedes Dialoges zu folgen unter vergleichender Be- 
rücksichtigung verwandter oder abweichender Erörterungen in anderen Ge- 
sprächen und so das allmähliche Werden des Philosophen und seiner Lehre und 
das Beharrende wie das Fließende in seinen Anschauungen zu erkennen. So» 
wird die Durchmusterung der Schriften zugleich zu einer gene- 
tischen Darstellung seiner Philosophie. Gleichwohl ist zum Überblick 
eine systematische, nach Hauptproblemen geordnete Rekapitulation seiner Theo- 
reme wünschenswert und, trägt man den Wandlungen genügend Rechnung, auch 
zulässig. Ein Versuch dazu soll in den §§ 41—44 erfolgen. 

L Die Jugendschriften. 

Apologie, Kriton, Ion, Protagoras, Laches, Charmides, Politeia I, Euthyphron,. 
Lysis (zur Reihenfolge s. oben .S. 233 f.). 

Piaton zeigt sich hier als Sokratiker, ohne die Lehre des IMeisters in 
wesentlichen Stücken weiterzubilden. Insbesondere fehlt noch die für sein 
späteres Philosophieren charakteristische Ideenlehre, wiewohl die Keime, aus- 
denen sie erwuchs, bereits deutlich zu erkennen sind. Pietätvoller Darstellung 
von Sokrates' persönlichem Wesen, Leben und .Schicksal gelten Apologie und 
Kriton, der Ausprägung seiner Lehre und Methode die übrigen Schriften. Als 
Sokratiker interessiert sich Piaton in dieser Periode vor allem für die Tugend- 
und Wissensprobleme, die Fragen nach Wesen und Begriff der Tugend, ihrer 
Einheit oder Mehrheit, ihrem Verhältnis zum Wissen und ihrer Lehrbarkeit. 
Begriffliches Wissen hinsichtlich ethischer Grundfragen ist das eigentliche Ziel 
dieser Werke, und so stellt sich Piaton in dieser Periode nach einem von 
Th. Gomperz geprägten Ausdrucke als Begrif fsethiker dar. Der Begriffs- 
bestimmung dient in sokratischer Weise die Induktion : aufgestellte Definitionen 
werden an den durch die Erfahrung gebotenen Einzelfällen geprüft und darnach 
berichtigt (s. oben S. 155 f.). Sokratisch ist dabei das Vorwiegen der Elenxis. 
Äußerlich betrachtet bleibt es bei der Negation: nachdem falsche Bestimmungen 
widerlegt sind, schließt der Dialog; die richtige Antwort auf die gestellte Frage 
bleibt ungefunden. In Wahrheit fehlt es im Laufe der Verhandlung nicht an 
Fingerzeigen zur positiven Lösung des Problems. .Man müßte diese Hinweise 
freilich, wie schon die Uneinigkeit der Erklärer zur Genüge dartut, als unzu- 
länglich erachten, wenn diese Dialoge ohne Zusammenhang mit einem gleich- 



§ 40. Piatons Schriften : Apologie. Kriton. Ion. 039 

zeitigen mündlichen Unterrichte für einen weiteren, mit sokratisch-platouischen 
Gedanken nicht vertrauten Leserkreis bestimmt wären, l'iidagogisches Interesse 
zeigt sich auch in der Art. wie Sokrates in mehreren dieser Gespräche als 
Förderer sittlicher Jugendbildung gekennzeichnet wird — wohl zugleich in 
apologetischer Absicht gegenüber der Anklage auf Jugendverführung. Sofern 
nun die in Rede stehenden Dialoge in gewissem Sinne als Schulschriften anzu- 
sehen sind, bieten sie ein Moment für die Lösung der mehrfach erörterten Frage, 
ob sie bereits zu Lebzeiten des Sokrates oder erst nach dessen Tode verfaßt 
worden seien. Denn die größere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Piaton 
erst nach dem Hinseheiden des Meisters mit einer Lehrtätigkeit begonnen habe. 
Die Kraft sicherer Entscheidung läßt sich freilich für dieses Argument so wenig 
wie für irgendeinen andern in der Frage geltend gemachten Beweisgrund in 
Anspruch nehmen. 

Neben dem Sokratischen in Lehre und Methode steht aber schon in diesen 
Dialogen ein Stück echt platonischer Eigenart. Es betrifft die Form der Dar- 
stellung. Glänzende, mit aller Sorgfalt ausgestaltete und im Verhältnis zu dem 
ganzen Werke oft sehr umfangreiche Szeneriedarstellungen verraten den Dichter 
und stehen in auffallendem Gegensatze zu der Xüchternheit der anschließenden 
philosophischen Verhandlung. Wie zwei Ströme, deren verschiedenfarbige Ge- 
wässer nach ihrer Vereinigung in demselben Bette noch eine Strecke weit 
getrennt nebeneinander herfließen, bleiben in Piaton Dichter und Philosoph, 
zunächst gesondert. Erst in der folgenden Periode vollzieht sich die Ver- 
schmelzung. 

Unter den einzelnen Schriften dieser Gruppe sind 

Apologie und Kriton für die Beurteilung von Sokrates' Lehre und 
Schicksal, sowie von Piatons Stellung zu seinem Lehrer von W^ichtigkeit. können 
aber hier, wo nur für einen knappen Überblick über die für Piatons eigene 
philosophische Entwicklung bedeutsamen Werke Raum ist. nicht näher betrachtet 
werden. Unter den letzteren steht der 

Ion gewiß nicht zufällig der Abfassungszeit nach mit dem Protagoras oben 
an. Bildet doch das Problem: Dichtung und ^V^issenschaft, den letzten Aus- 
gangspunkt für die satirische Behandlung, die der von der Dichtung zur Philo- 
sophie übergetretene Verfasser dem Rhapsoden Ion zuteil werden läßt. Zum 
vollen Verständnis des Dialogs ist die Stelle Apol. 22 b c heranzuziehen, die 
vielleicht in Übereinstimmung mit der geschichtlichen Verteidigungsrede des 
Sokrates dem gleichen Grundgedanken Ausdruck gibt. Das Schaffen der Dichter,, 
so heißt es, beruht ähnlich wie die Äußerungen der Seher und Wahrsager auf 
göttlicher Eingebung, nicht auf bewußtem verstandesmäßigem Wissen. Deshalb 
vermögen sie über ihr Wirken keine Rechenschaft zu geben (Apol. 22 b}, deshalb- 
auch vermag ein jeder unter ihnen nur in einer Dichtungsart,, zu der ihn die 
Muse treibt — der eine im Dithyrambos, der andere im Enkomion usw. — etwas 
zu leisten, während eine auf Wissen beruhende Kunst zu einer allseitigen Tätig- 
keit befähigen müßte (Ion 534 b f.). Dasselbe gilt auch von dem Dichterinter- 
preten, dem Rhapsoden. Er ist das Mittelglied der vom Dichter zum Hörer 
führenden Kette göttlicher Inspiration. Deshalb vermag Ion nach eigenem Zu- 
geständnis nur über Homer, nicht auch über Hesiod und Archilochos trefflich, 
zu reden (Ion 531 a ff.). Soweit trifft weder den Dichter noch den Rhapsoden 
ein Tadel. Die Schilderung der dichterischen Begeisterung und ihrer Ver- 
breitung über Interpreten und Hörer (Ion 533 d ff.) ist sogar, trotz des satirischen 
Seitenhiebes auf den Geldeshunger der Rhapsoden 535 e und der leicht ironischen 
Färbung von 5.36 a, von einem warmen Tone durchweht, in welchem des Ver- 



04(| § 40. Piatons Schriften: Ion. Protagoras. 

fasseis eigener dichterischer Enthusiasmus nachklingt. Tadel verdient aber, daß 
Dichter und Khapsodon sich der Eigenart ihrer Tätigkeit und der Grenzen ihres 
Yermogens nicht bewußt sind. Erstere halten sich wegen ihrer poetischen 
Leistungen für wissend auf allen Gebieten (Apol. 22 c), und auch ihre Inteqireten 
■erheben unberechtigte wissenschaftliche Ansprüche, indem sie ohne sachliche Kennt- 
nisse Homer als Enzyklopädie des Wissens ausdeuten. So will denn auch Ion den 
Nachweis, daß er nicht als Wissender, sondern Oeu;. ftoign y.ui y.azoy.oyyJi über Homer 
rede, nicht anerkennen (Ion 536 d ff.) und muß sich nun vorrechnen lassen, daß 
die Beurteilung jeder Aussage Homers Sache des betreffenden Fachmannes ist — 
seine Angaben über Wagenlenkung hat der Wagenlenker, die Stellen über Heil- 
kunde der Heilkundige zu prüfen usw. — , und für den Rhapsoden kein Gebiet 
•der Kompetenz übrig bleibt. In die Enge getrieben erklärt Ion schließlich die 
Rhapsodik für identisch mit der Feldherrnkunst und leitet seinen Älangel an 
eigenen strategischen Leistungen aus der L'ngunst äußerer Umstände her. So 
endigt der Dialog als Burleske. Aber sein ernster Grundgedanke wird dadurch 
nicht beeinträchtigt. Angesichts des unermeßlichen Einflusses der Dichter, ins- 
besondere Homers, auf die griechische Anschauungswelt und gegenüber den An- 
sprüchen einer prunkenden, aber wissenschaftlich nicht fundierten Dichter- 
erklärung, die Homer für die Quelle aller Weisheit ausgab, galt es, scharf die 
•Grenze zwischen Dichtung und Wissenschaft zu ziehen, ein Unternehmen, zu 
■dem sich Piaton nach der großen ^Vandlung, die sich in ihm selbst vollzogen 
Jiatte, doppelt berufen fühlen mochte. Die Bekämpfung der landläufigen Dichter- 
exegese findet im Kl. Hippias ihre Fortsetzung und tritt auch in der Politeia 
(598 d f.) zutage. — Die auch heute noch von einigen Gelehrten aufrecht er- 
ialtenen Bedenken gegen die Echtheit des Werkes lassen sich weder durch 
dessen Inhalt noch durch seine Sprache in zulänglicher Weise begründen. 

Tritt uns im Ion die sokratische Wissensforderung in allgemeinerer Form 
entgegen, so bilden den Gegenstand des 

Protagoras zwei mit der sokratischen Wissenslehre aufs innigste zu- 
sammenhängende und auch miteinander eng verkettete Probleme, die Lehrbar- 
keit der Tugend und ihre Einheit. Gegen die Annahme der Lehrbarkeit 
verhält sich Sokrates in dem Gespräche zunächst ablehnend. Seiner Bedenken 
■dagegen sind es zwei (319 b ff.). Die Athener lassen in der Volksversammlung, wenn 
es sich um Haus- oder Schiffsbau oder sonst etwas anerkannt Lehr- und Lernbares 
handelt, als Ratgeber nur den Meister in dem betreffenden Fache zu. Stehen 
hingegen Angelegenheiten der Staatsverwaltung zur Verhandlung, so kommt 
ohne Unterschied jeder zu Worte ohne den Nachweis einer Lehre, die er durch- 
gemacht habe. Beweis genug, daß die Athener die politische Kunst und die in 
ihr sich betätigende dgeuj nicht für lehrbar halten. Ebendahin führt das Ver- 
halten der Staatsmänner, insofern diese ihren Söhnen, die sonst in allen Dingen 
sorgsamsten Unterricht genießen, eine politische L'nterweisung weder selbst er- 
teilen, noch durch andere erteilen lassen. Dem ersten Bedenken begegnet Prota- 
goras mit dem — in seinen Grundgedanken wohl dem historischen Protagoras 
gehörigen — Mythus von diy.ij und aidcöc als den von Hermes auf Zeus' Befehl an 
die Menschen allgemein und nicht nur an einzelne Individuen ausgeteilten Eigen- 
schaften, deren naturgemäßer Besitz den Nachweis einer kunstmäßig angeeigneten 
bürgerlichen doeT7'j überflüssig mache (320 c ff.). Gegen Sokrates' zweites Bedenken 
sucht er an der Hand des üblichen Erziehungsganges darzutun, daß in diesem auch 
ohne einen eigens erteilten L^nterricht in politischer Kunst alles auf die Ausbildung 
der dotr/j abziele (323 c ff.). Mit seiner Behauptung der Lehrbarkeit der Tugend 
gerät nun aber Protagoras dadurch in die Enge, daß Sokrates an das in Rede 



§ 40. Piatons Schriften: Protagoras. 241 

stehende Problem das zweite ansehließt, die Frage nämlich, ob die Tugend 
eine unt-eilbare Einheit sei, oder ein Ganzes, das eine Reihe von Teilen 
umfasse i329c). Im ersteren Falle sind Weisheit, Selbstbeherrschung, Tapfer- 
keit, Gerechtigkeit' und Frömmigkeit lediglich verschiedene Namen für die 
gleiche, nur verschiedene Erscheinungsformen annehmende Sache, im anderen 
Falle handelt es sich dabei um bis zu einem gewissen Grade selbständige' 
und Wesens verschiedene Qualitäten, die nur unter einem Gesamtbegriffe zu- 
sammengefaßt werden. Die Lehrbarkeit der Tugend steht und fällt, insofern 
sie die Begründung der Tugend auf das AVissen voraussetzt, mit ihrer Ein- 
heit. Protagoras aber, der- sich dieses Zusammenhanges nicht bewußt ist, 
läßt sie in Teile zerfallen, unter denen vier, wie er schließlich zugibt, einander 
ziemlich ähnlich sind, während der fünfte, die Tapferkeit, seine Verschiedenartig- 
keit dadurch bekundet, daß sein Vorhandensein im einzelnen Individuum von dem 
Vorhandensein der anderen Teile völlig unabhängig ist. Gegen ihn erweist So- 
krates ihre Einheit dadurch, daß er sie aufs Wissen zurückführt. So ist die 
Tapferkeit das Wissen von dem, was furchtbar und nicht furchtbar ist (360 d 
-oorpia trov Seivojv xai fii/ deirojv), und somit nur eine Erscheinungsform des dem 
Wesen der Tugend überhaupt zugrunde liegenden Wissens. Damit aber gibt 
Sokrates seinerseits die Stellung, die er in der Lehrbarkeitsfrage eingenommen 
hat, auf. Es tritt also im Laufe der Erörterung eine eigentünaliche Kreuzung 
und Verschiebung der Standpunkte ein, indem von den beiden Unterrednern ein 
jeder in den Entscheidungen, die er hinsichtlich der Lehibarkeit und Einheit der 
Tugend trifft, mit sich selbst in Widerspruch gerät, ein Widerspruch, der so 
ausgeglichen werden muß, daß Sokrates in der ersten. Protagoras in der zweiten 
Frage sich bekehrt (361 a b). Innerhalb des sokratischen Beweises für den 
i.TtöT>7/<>;-Charakter der Tugend ist von besonderem Interesse die Bekämpfung 
■der gewöhnlichen Annahme eines Streites zwischen Leidenschaft 
und besserem Wissen, das in diesem Streite den kürzeren ziehe. Es gibt, so 
■wird ausgeführt, nur eine Norm für das menschliche Handeln, die Herbeifühnuig 
der Lust und die Abweisung der Unlust. Das lustvolle Leben ist gut, das 
unlustvoUe übel (351 b ff.). Nun Avird niemand bei richtiger "Erkenntnis des 
Outen, d. h. Lustschaffenden, seine Wahl auf das Üble, d. h. Unlustschaffende 
richten. Wo eine solche Wahl geschieht, liegt vielmehr ein Mangel an Er- 
kenntnis zugrunde. Kleinere Lustgefühle können größere L^nlustgefühle zur 
Folge haben, im Übermaß gekostete leibliche Genüsse beispielsweise zu Krank- 
heit und Armut führen. Im Hinblick auf diese Folgen sind jene Lustgefühle 
trotz ihres Lustcharakters übel. Aber die kleinere Lust ist nahe, die größere 
Unlust ferne. So verschiebt sich infolge perspektivischer Täuschung in den 
Augen des Wählenden das Größenverhältnis, und er wählt das Üble. Er handelt 
also nicht gegen seine bessere Erkenntnis, sondern aus ^Mangel an Erkenntnis. 
Sein Fehler ist rein intellektuell. Das richtige Verhalten setzt also eine Meß- 
kunst voraus, die die Einschätzung der Lust- und Unlustgefühle nach ihrem 
wahren, nicht dem perspektivisch verschobenen Größenverhältnis ermöglicht, und 
beruht demnach auf dem Wissen (356 d ff.). Der hier hervortretende Hedonismus 
bildet einen wichtigen, aber in neuerer Zeit mehrfach umstrittenen Punkt in 
Piatons philosophischem Werdegange und erhält dadurch noch erhöhte Be- 
deutung, daß er auch für die Beurteilung des geschichtlichen Sokrates, dessen 
Anschauungen ja Piaton in den Werken dieser Periode vertritt, in Frage kommt 
(vgl. Maier, Sokrates S. 130. 310 f.). Die schon von Früheren geäußerte Ansicht,- 
daß dieser Hedonismus nicht Piatons eigener Überzeugung entspreche, hat 
neuerdings in v. Arnim einen Verteidiger gefunden, der (Pl.s Jugenddial. 

üeberweg, GruadriiJ I. 16 



242 § 40. Piatons Schriften: Protajroras. 

S. 11 ff.) eingehend nachzuweisen sucht, daß der Philosoph in dem betreffender» 
Abschnitte nur vom Standpunkte der großen Menge aus argumentiere und dabei 
eine versteckte Polemik gegen einen zeitgenössischen Hedoniker übe, denselben^ 
gegen den auch Phaidon c. 13 gerichtet sei. In v. Arnims Beweisverfahren, das 
hier nicht in seinen Einzelheiten verfolgt werden kann, verdient der Hinweis auf 
die andersartige Stellung des platonischen Gorgias zum Lustprinzip und auf die 
antihedonistische Ausführung im Phaidon 68 b ff. Beachtung. Hinsichtlich des 
Gorgias wird sich uns jedoch später zeigen, daß sein Standpunkt mit dem de& 
Protagoras keineswegs unvereinbar ist. Hingegen ist an der Phaidonstelle eine 
l'olemik gegen den im Protagoras gelehrten Hedonismus nicht zu verkennen. 
Nun liegt aber zwischen Protagoras und Phaidon e'ine größere Spanne Zeit, die 
mit einer erheblichen Entwicklung Piatons über seine Anfänge hinaus ausgefüllt 
ist, so daß es nicht wundernehmen darf, wenn er inzwischen an dem Hedo- 
nismus einer seiner frühesten Arbeiten irre geworden ist. Freilich äußert er sich 
jetzt über die aufgegebene eigene Ansicht ungemein temperamentvoll. Eine in 
der vergleichenden Messung und AVägung von Lust- und Unlustgefühlen be- 
stehende dgeTt] gilt ihm als axiaygaqri'a xig y.al toi ovti äv8onnohd}bt]? ts y.al ovdiv 
vyik? ovS" u/.t]dtg s/ovaa. Zielte er damit auf seinen eigenen früheren Stand- 
punkt, so hätte er sich ja selbst beschimpft und herabgewürdigt, meint v. Arnim 
und hält den Gegensatz zwischen den beiden Anschauungen tatsächlich für so 
groß, daß es zwischen ihnen keine Brücke und keine psychologische Entwicklung 
vom einen zum andern gebe. Daß dem nicht so ist, zeigen die Xomoi, die 
732 e ff. den Hedonismus des Protagoras mitsamt dem charakteristischen Meß- 
und Wägeverfahren wieder aufnehmen und zugleich, besser als die Jugendschrift,, 
zeigen, wie sich dieser Hedonismus mit der Forderung einer idealen Ethik ver- 
eint (vgl. Gomperz, Griech. Denker 11^ 262 f.). Aber auch der Protagoras läßt 
über die ideale Auffassung seines Verfassers keinen Zweifel. Zunächst wird 
allerdings unter ausdrücklicher Anrufung des Urteils der Menge (353 c) mit den 
Lustgefühlen der Nahrungsaufnahme und des Geschlechtsverkehrs und analogen 
Unlustgefühlen des gemeinen Lebens exemplifiziert. Aber schon hier weisen die 
neben anderem als ZAveck gesetzten nöhcov aonriQiai (354 b) über den engsten 
Kreis der Motive selbstsüchtiger Genußjnoral hinaus. Xoch deutlicher spricht 
der das Fazit aus der vorangehenden Untersuchung ziehende Abschnitt über die 
Tapferkeit (359 a ff.). Kriegsgefahren zu bestehen Avird nicht etwa um materieller 
Vorteile willen empfohlen, sondern gilt, insofern es y.a/.ov y.al ayadör ist, auch 
als riöv. Daß dieser Abschnitt mit dem vorangehenden hedonistischen nicht in 
den wünschenswerten engen Zusammenhang gebracht ist, daß man insbesondere 
die ausdrückliche Reduktion der Tapferkeit auf eine Meßkunst vermißt, geht 
allerdings aus v. Arnims scharfsinniger Analyse deutlich hervor. Daß aber in 
beiden Abschnitten ein verschiedener Geist herrsche, kann ich nur insoweit zu- 
geben, als auf den Unterbau einer vergröbernden argumentatio ad vulgus der 
Oberbau einer idealer gehaltenen Schlußfolgerung gegründet ist, so zwar, daß 
nicht in korrekter Weise Mauer auf flauer zu stehen kam, aber doch mit Fort- 
räumung des Unterbaues der Oberbau notwendig zusammenbrechen müßte. 

Eine weitere für die Auffassung des Gespräches bedeutsame Frage betrifft 
seine Stellung zur Sophistik. Die farbenprächtigen Einleitungsszenen, durch 
die sich Piaton gleich in diesem seinem ersten größeren Werke als unübertreff- 
lichen Darstellungskünstler erweist, nicht minder aber auch die Verhandlung des 
Dialoges selbst bieten reiche Gelegenheit sowohl zur persönlichen Charakterisierung 
der drei Sophisten Protagoras, Hippias und Prodikos, wie zur Schilderung des 
freilich nicht unbeschränkten (312 a) Ansehens, dessen sich die sophistischen 



§ 40. Piatons Schriften: Protagoras. 243 

Weisheits- und Tugcndlehror bei den Bildungsdurstigen erfreuen, und der Art 
ihres Auftretens und Lehren s. Daß dabei die dem sokratischen Wesen wider- 
strebenden Züge zu schärfster Ausprägung gelangen, ist natürlich. Das Selbst- 
bewußtsein der Sophisten, ihr l'nterricht gegen Bezahlung (313 c. 328 b), ihre 
kniffliche ethisierende Dichterauslegung (338 e ff.), ihre Epideiktik, deren 
schweifende Fülle zu der zielbewußten Knappheit sokratischer Dialektik in 
schroffem Gegensatze steht (328 d. 334 c ff.), erscheinen verschiedentlich in un- 
günstiger Beleuchtung. Es hieße aber die Piaton eigentümliche, der Erklärung 
oft so große Schwierigkeiten bereitende Verschmelzung von Humor und Ernst, 
satirischer Behandlung und Anerkennung aus dem Auge verlieren, wollte man 
daraus eine schlechthin antisophistische Tendenz des Werkes folgern. In der 
Tat hat sich hier die herrschende Interpretation des Dialoges beirren lassen, 
hauptsächlich wohl unter der Einwirkung der späteren Polemik gegen die So- 
phisten im Gorgias, im Euthydem, im ersten Buche der Politeia und in den 
beiden Hippias. So soll denn im Protagoras der Sophist den durchaus unter- 
liegenden Teil darstellen und die von Sokrates anfänglich erhobenen, später nach 
der Rede des Protagoras zurückgezogenen Bedenken gegen die Lehrbarkeit der 
Tugend nicht seiner wahren Meinung entsprechen, sondern nur dem Zwecke 
dienen, den Gesprächspartner zu prüfen und in Widerspruch zu verwickeln. Der 
Mythus des Protagoras und seine daran sich anschließenden weiteren Aus- 
führungen sollen Widersprüche bergen, in denen trotz allen äußeren Glanzes die 
innere Schwäche seines Standpunktes zutage trete. Tatsächlich liegt nicht der 
mindeste Anlaß vor, Sokrates' Bekenntnis, daß er sich habe umstimmen lassen, 
nicht ernst zu nehmen. Die Widersprüche in der von dem Verfasser mit sicht- 
licher Liebe ausgebauten Rede des Protagoras haften nur an der Oberfläche und 
lösen sich bei tieferer Betrachtung sofort. Jedenfalls aber sind sie von Piaton 
so Avenig scharf herausgearbeitet und durch gegnerische Kritik hervorgehoben, 
daß die Annahme, er habe durch sie die Rede und damit die Auffassung des 
vSophisten diskreditieren wollen, ausgeschlossen erscheint. Wer aber gleichwohl 
noch bezweifeln wollte, daß Sokrates hier nicht, wie in den übrigen platonischen 
Dialogen der Jugend- und besten Mannesjahre, der dialektische Allsieger ist, 
wäre auf 350 c ff. zu verweisen, wo der Sophist in den Ausführungen seines 
Mitunterredners klipp und klar einen logischen Fehler nachweist, ein Nachweis, 
den Sokrates stillschweigend gelten läßt. 

Es wird also dabei bleiben müssen: beide Teüe verdanken einander elenk- 
tische Belehrung, und der am Schlüsse (361 d) von Sokrates geäußerte Wunsch 
einer Fortsetzung dieses owbiaaxoasTv entbehrt ebensosehr jedes ironischen Bei- 
geschmacks, wie das gleich darauf von dem Sophisten seinem Partner gespendete 
Lob herzlich und (trotz 360 e) von jedem Unterton verletzter Eigenliebe frei ist. 
Damit rückt der Dialog weit ab vom Gorgias und den übrigen antisophistischen 
Gesprächen, und durch die Rolle, die Sokrates in ihm spielt, nimmt er in einem 
wesentlichen sachlichen Punkte die gleiche Sonderstellung ein, die ihm nach 
V. Arnims Untersuchung auf sprachlichem Gebiete — hier allerdings in Gemein- 
schaft mit dem Ion — zukommt. Letzten Endes freilich ist Sokrates auch hier 
der Überlegene, und sein Ruhm erstrahlt dadurch um so heller, daß er als Jüng- 
ling (314 b. 317 c. 320 c. 361 e) über den gereiften Sophisten obsiegt, der sich 
durch seine überzeugende Lösung des ersten der in dem Dialog aufgestellten 
Probleme als seines großen Namens würdig erweist. 

Der Leser hat am Ende von c. 39 (360 e) den Eindruck, daß die Unter- 
suchung zu ihrem Ende gelangt sei: die Lehrbarkeit der Tugend und im Zu- 
sammenhange damit ihre Einheit und ihre Begründung auf das Wissen scheinen 

16* 



244 § 4'-- l'latons Schriften: Piotagoras. Laches. 

erwiesen. Nun erfährt er zu Anfang von c. 40, daß die ganze vorhergehende 
Erörterung ihr letztes Ziel in der Erforschung des Wesens der Tugend habe. 
Die bisherige Untersuchung wird im Hinblick auf den Widerspruch, in den jeder 
der beiden Gesprächführenden mit sich selbst geraten ist, als Wirrnis verworfen 
und die Wiederaufnahme des Problems der Lehrbarkeit der Tugend nach Be- 
trachtung ihres Wesens als wünschenswert bezeichnet. Wir erkennen darin einen 
deutlichen Hinweis auf die nächstfolgenden Dialoge, in denen die Wesens- 
bestimmung zwar nicht der einheitlichen Tugend als solcher, wohl aber einzelner 
ihrer Erscheinungsformen, der Tapferkeit, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, die 
Aufgabe bildet, bis endlich im Menon das Problem der Ivehrbarkeit in Ver- 
bindung mit der Frage nach dem Wesen der einheitlichen Tugend wieder auf- 
taucht. Die Reihe eröffnet der 

Liachen, der an den soeben besprochenen Schluß des Protagoras in klarster 
Weise anknüpft, indem er zunächst die Ergründung des Wesens der Tugend zur 
Aufgabe setzt. Dieses Unternehmen wird aber in Anbetracht seiner Größe 
zurückgestellt und statt seiner vorerst die Wesensbestimmung eines „Teiles" der 
Tugend, der Tapferkeit, in Angriff genommen (190 b ff.). Die ersten Versuche 
scheitern alsbald: die Kennzeichnung des Tapfern als dessen, der bereitwillig in 
Eeih und Glied ausharrend die Feinde abwehrt und nicht flieht (190 e), erweist 
sich als ebensowenig stichhaltig, wie die Definition der Tapferkeit als einer 
Standhaftigkeit der Seele schlechthin (192 b) oder einer von vernünftiger Er- 
wägung geleiteten Standhaftigkeit (192 d). Nun erscheint ohne jede weitere Her- 
leitung, lediglich unter Berufung auf den sokratischen Intellekt uaUsmus, in 
fertiger Formulierung die uns aus dem Protagoras bekannte Definition der 
Tapferkeit als tö)v b^ivwv y.al §aooa/.so}v i.-TiaiijfOj (194 e. 19.5 a). Aber auch diese 
Bestimmung soU jetzt nicht standhalten. Astvd sind Dinge, die zu fürchten, 
^agoa/Ja solche, die nicht zu fürchten sind. Furcht aber ist die Erwartung 
eines kommenden Übels. Also liegen dsivd und daooa/Ju in der Zukunft, und 
die Tapferkeit ist das Wissen von zukünftigen Dingen unter dem Gesichtspiuikte 
des Übels oder Xichtübels. Keine Wissenschaft kennt aber für ihren Gegen- 
stand eine derartige Begrenzung nach der Zeitstufe. So befaßt sich die Heil- 
kunde mit dem Gesunden in Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft, und 
Analoges gilt von den Wissenschaften des Landbaus und der Kriegführung. 
Mithin ist die Tapferkeit den anderen Wissenszweigen entsprechend das Wissen 
von allem Guten und Üblen schlechthin. Damit schwinden die Grenzen zwischen 
ihr einer- und der Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, Frömmigkeit (und Weisheit) 
andererseits: statt des gesuchten Teiles der Tugend erhalten wir die Gesamt- 
tugend (198 b ff.). So gilt auch diese Definition als nicht befriedigend. Eine 
neue wird nicht aufgestellt. Das ganze Unternehmen ist gescheitert. Daß die 
Vergeblichkeit der gesamten Verhandlung nicht Piatons wirkliche Meinung sein 
kann, liegt auf der Hand. Die Lösung der Schwierigkeit ist im Lichte des 
Protagoras zu suchen und zu finden. Daß die Definition der Tapferkeit als tojj' 
deivcöv y.al dagoa/.ton- L-iiaitj/iU] sich hier als unhaltbar erweist, liegt einfach 
daran, daß die im Protagoras widerlegte Annahme, die Tapferkeit - sei ein ge- 
sonderter Teil der Tugend, hier die Voraussetzung bildet. Denn bei dieser Auf- 
fassung ist die Tapferkeit eine mit einer gewissen Selbständigkeit ausgestattete 
besondere Wissenschaft, gegen deren Bestimmung als twi' f)eirä)v y.al Oaggaleojv 
irtiaitjur] sich mit vollem Rechte — wenigstens aus dem von Piaton vertretenen 
Standpunkt der Wissenschaftslehre — der Einwand erheben läßt, daß keine wissen- 
schaftliche Disziplin ihr Objekt nach dem Kriterium Vergangenheit, Gegenwart 
oder Zukunft umgrenze. Dieser Einwand wird gegenstandslos, sobald die Tapfer- 



§ 40. Piatons Schriften: Laches. Charmides. 245 

keit nur als eine Ersoheinungs- oder Anwendungsform der Gesambvisscnschaft 
vom Guten und Üblen betrachtet wird. Nichts steht im Wege, daß diese Wissen- 
schaft ihr Objekt neben anderen Rücksichten auch unter dem Gesichtspunkte 
seiner von der Zukunft auf die Gegenwart sich erstreckenden psychischen 
Wirkung ins Auge fasse und in diesem Falle Tapferkeit benannt werde. Der 
Laches bietet also in der Hauptsache — von manchem, was aus dem Dialoge 
sonst noch zu gewinnen ist, muß ich hier absehen — einen indirekten Beweis 
für die These des Protagoras von der Einheitlichkeit der Tugend: unter der 
Voraussetzung ihrer Nichteinheitlichkeit gerät die im Protagoras aufgestellte und 
auf dem intellektualistischen Standpunkte allein mögliche Definition der Tapfer- 
keit als Ttov ^Eiröi%' y.ai iJagoa/Jor tTnoirj^n] ad absurdum. Wir erkennen hierin 
eine schwerwiegende Bestätigung dafür, daß der Laches zeitlich dem Protagoras 
nachfolgt. Denn nur, wer den Protagoras kannte, vermochte den Sinn des 
Laches zu erfassen — es sei denn, daß der mündliche Unterricht hier zu 
Hilfe kam. 

Im Grunde übereinstimmend ist die Sachlage im 

(.'fiarmides, der die Wesensbestimmung der Maßhaltung — ococ/qoovv?] — 
zum Gegenstande hat. Die Definitionen dieser Tugend als t6 xoa/nicog nävxa jigdzTsiv 
xal >)ov/i] (1.59 b), als aldojg (160 e), als tö zä taviov rrourreiv (161b) und als roji' «7«- 
0(öt' .-TQü'i? /; :Toajai; (163 e) erweisen sich als unbrauchbar, die letzte aber bietet den 
nächsten Anknüpfungspunkt für eine Bestimmung, die die Untersuchenden lange 
beschäftigt, um schließlich ebenfalls verworfen zu werden. Das Tun des Guten, 
so wird ausgeführt, verlangt, soll es acocpQoavvt] genannt werden können, das Be- 
wußtsein des Handelnden, daß er Gutes vollbringe und die ooycpQoovvrj übe. 
Indem dieser Punkt in den Vordergrund gerückt wird, erscheint die gesuchte 
Tugend als Selbsterkenntnis (rö yiyrtöoxeiv savzov 164 d. 165 bj. Damit sind wir 
auf intellektualistischem Boden angelangt. Die aoxpgoovvt] ist ein Wissen, und 
zwar das Wissen, welches das andere Wissen und sich selbst zum Objekt hat 
(166 c): die die owffooavrt] ausmachende Selbsterkenntnis besteht darin, daß man 
weiß, was man weiß und was man nicht weiß (167 a). Nun gilt es eine doppelte 
Prüfung, erstens, ob ein solches Wissen möglich ist, und zweitens, welchen 
Nutzen es gewährt (167 b). Die erste Prüfung (167 b — 171 c) spaltet sich wieder 
in zwei Untersuchungen : zunächst ist festzustellen, ob ein Wissen, das sich selbst 
zum Gegenstande hat, überhaupt statthaben kann (167 c ff.), alsdann, die Be- 
jahung dieser Frage vorausgesetzt, ob es möglich ist zu wissen, was man weiß 
und was man nicht weiß (169 d ff.). Die in der ersten Untersuchung gegen die 
Möglichkeit eines reflexiven Wissens erhobenen Bedenken können hier über- 
gangen Averden, da die Verhandlung auf Grund des voraussetzungsweisen Zu- 
geständnisses dieser Möglichkeit fortschreitet. Die zweite Untersuchung führt zu 
einem negativen Ergebnis. Das rückbezügliche Wissen kann nur das Vorhanden- 
sein des Wissens oder Nichtwissens schlechthin, nicht eines gegenständlich be- 
stimmten Wissens zum Inhalte haben. Wissen und Nichtwissen auf dem Gebiete 
des Gesiindheitlichen erkennt die Heilkunde, auf dem Gebiete der Gerechtigkeit 
die Staatskunde u. s. f.; für die ococfgoovvij verbleibt nur das Wissen, daß man 
weiß oder nicht weiß, nicht, was man weiß oder nicht weiß. Darnach versteht 
sich von selbst, daß der ocoffocov als solcher auch keinen andern hinsichtlich des 
Besitzes gegenständlich bestimmten Wissens prüfen, daß er z. B. den wirklichen 
Heilkundigen nicht von dem vorgeblichen unterscheiden kann (170 d ff.). Damit 
ist nun auch schon die Antwort auf die zweite Hauptfrage, die Frage nach dem 
Nutzen des rückbezüglichen Wissens (171 d ff.) vorgezeichnet: ein Nutzen ist, ab- 
gesehen von einer belanglosen methodischen Förderung (172 b). nicht anzuer- 



246 § -40. Platons Schriften: Channides. Politeia I. 

kennen. Aber selbst dann, wenn man einmal voraussetzungsweise dem oonpocov 
das Wissen, was er weiß und nicht weiß, zuspricht, ist seine Tugend nutzlos 
(172 c ff.). In diesem Falle wäre freilich das Walten von Seheinsteuermännern, 
Scheinärzten imd Scheinfeldherren ausgeschlossen, und überhaupt das gesamte 
soziale Leben von allen aus Sachunkunde und Täuschung herrührenden Schäden 
befreit. Aber damit ist die ocoifQonvvt] noch nicht das die Glückseligkeit ver- 
mittelnde und dadurch allein nützliche Wissen. Dieses ist ausschließlich das 
Wissen von Gut und Übel, das dem sachlichen Wissen erst richtige Anwendung 
und Nutzen gewährleistet (174 b ff.). Insofern sich die auxpQoovrt] mit diesem 
allein nützlichen Wissen nicht deckt, ist sie nutzlos (174 d). Da die ntorfooavv)] 
aber als Tugend wertvoll sein muß, ergibt sich, daß' ihre hier zugrunde gelegte 
Definition falsch ist. Eine neue Begriffsbestimmung wird nicht versucht, und so 
endet auch dieser Dialog scheinbar ohne Resultat. In Wirklichkeit bietet er eine 
neue Bestätigung der im Protagoras vorgetragenen Lehre von der Einheitlichkeit 
der Tugend und bildet damit eine Parallele zum Laches, von dem er sich zu- 
nächst nur dadurch unterscheidet, daß er die Annahme, die in Rede stehende 
Tugend sei ein ,,Teil" der Gesamttugend, nicht ausdrücklich zum Ausgangs- 
punkte nimmt und damit auf eine Hilfe für das Verständnis verzichtet, deren 
der Verfasser den Leser nach dem Studium des Laches nicht mehr für bedürftig 
hält. Tatsächlich ist der Sachverhalt der nämliche: die Definition scheitert daran, 
daß sie einen Unterschied der Einzel- von der Gesamttugend in Wesen und Um- 
fang zur Voraussetzung hat. Aber eine wesentliche Differenz zwischen Laches 
und Charmides darf nicht übersehen werden. Dort war die letzte Definition die 
alles Ernstes im Protagoras aufgestellte, und das Hindernis ihrer Gültigkeit war 
lediglich die im Laches zugrunde gelegte falsche Voraussetzung von der Einzel- 
tugend als Teil der Gesamttugend. Ersetzte man das ^Vo^t ,,Teil" durch ,,Er- 
scheinungs- oder Wirkungsform", so wurde das entscheidende Bedenken gegen- 
standslos. Im Charmides hingegen beruht die schließlich ad absurdum geführte 
Definition an sich schon auf zwei unhaltbaren Zugeständnissen, die die L^nter- 
redner „aus Gutmütigkeit" (17.öcd) gemacht haben, dem Zugeständnisse, daß es 
ein sich selbst zum Inhalte habendes Wissen gebe, und dem anderen, daß dieses 
Wissen lehre, Avas man weiß und nicht weiß. Sie ist also im Gegensatz zu der 
des Laches nicht platonisch, und Pohlenz (Aus Pl.s Werdezeit S. 48) wird recht 
haben mit der Annahme, daß sie der Lehre eines von Piaton bekämpften Gegners 
entstamme. 

Wir schließen an die bisher besprochenen Gespräche drei weitere, die sich 
zwar ebenfalls in aUern Wesentlichen hinsichtlich Anschauungen und IMethode 
innerhalb der Grenzen des Sokratischen bewegen, dabei aber doch die An- 
knüpfungspunkte späterer und, soweit wir urteilen können, spezifisch platonischer 
Gedankengänge erkennen lassen. 

Das eiste Bucli der Politeia (der Thrasffninchos nach der ihm von 
Dümmler und v. Arnim gegebenen Benennung) hat wieder nach einem künst- 
lerisch meisterhaft ausgearbeiteten Einleitungsgespräch die Begriffsbestimmung 
einer Tugend, diesmal der Gerechtigkeit, zum Gegenstande. Wieder erledigen 
die Untersuchenden in kürzerer Weise eine Reihe von Versuchen, um schließlich 
lange bei der Prüfung einer letzten Definition zu verweilen, die ebenfalls abge- 
lehnt wird. Wie im Charmides ist es auch jetzt die eines Gegners, der uns aber 
hier in der Person des Thrasymachos in greifbarer Gestalt entgegentritt. Ob die 
Definition in dieser Form dem geschichtlichen Thrasymachos zugehört oder nur 
aus seinen Anschauungen abgeleitet ist, läßt sich mit Sicherheit nicht ausmachen. 



§ 40. Piatons Schrifteu: Politeia I. 247 

Der Verlauf der Verhandlung vor der Beteiligung des Thrasymachos bietet in der 
Art, wie hier jede Definition geprüft, berichtigt und zu einer neuen umgestaltet 
■wird, einen guten Beleg des oben S. 156 an der Hand der Stelle Xen. Mem. 
4, 2, 14 ff. skizzierten sokratischen Verfahrens, mit der unsere Deduktion in der 
V^erwendung des Falles vom in Wahnsinn geratenen und seine Waffen zurück- 
fordernden Freunde (331 e) eine besondere Berührung aufweist. Die Berück- 
sichtigung eben dieses Falles ist es, die den Übergang der ersten Definition in 
•die zweite herbeiführt. Die Begriffsbestimmung des Gerechten als dessen, der 
redlich einem jeden erstattet, was er ihm schuldet (was er von ihm 
♦empfangen hat — 331 c ff.), muß einer andern Platz machen, nach der der 
Gerechte einem jeden das ihm Zukommende, d. h. den Freunden 
Nutzen, den Feinden Schaden zuteil werden läßt (332 c ff.). Unter 
den hiergegen erhobenen Einwänden gemahnt der erste an einen Gedanken 
des Charmides. Ein jedes Nützen und Schaden, so wird ausgeführt 
<o32 d ff.), tritt auf einem bestimmten Gebiete in Erscheinung und ist Sache 
des entsprechenden Fachmannes: in der Krankenbehandlung vermag der 
Arzt den Freunden zu nützen, den Feinden zu schaden, bei der Seefahit 
der Steuermann. Wo liegt das analoge Betätigungsgebiet der Gerechtigkeit? 
Die Antwort: in kriegerischem Trutz und Schutz erweist sich als unzu- 
länglich, denn dann wäre die Gerechtigkeit im Frieden nutzlos. Ebenso- 
wenig befriedigt die Auskimft, der friedliche Verkehr sei das Feld der Ge- 
rechtigkeit. Denn in jeder Art des Verkehrs ist es jeweilen wieder der Fach- 
mann, der die Macht hat zu nützen und zu schaden. So bleibt denn für die 
Gerechtigkeit kein Gebiet übrig — es sei denn, man erkenne ihren Nutzen darin, 
daß sie über Geld und anderen Gegenständen, die sich in Verwahrung, also im 
Zustande der Nutzlosigkeit befinden, getreulich wacht (333 c f.). Es lag nahe, 
aus diesen Erwägungen im Sinne des Laches und Charmides den Satz abzuleiten, 
daß die Gerechtigkeit in dem allumfassenden Wissen (und Wirken) des Guten 
und Schlechten aufgehe, von dem sie nur eine Erscheinungsform darstelle. 
Dieser Schritt ist hier nicht getan. Die in Frage stehende Definition kommt 
vielmehr durch ein anderes Argument zu Falle. Freunde, heißt es 334 b ff., sind 
die Menschen, die man für gut, Feinde diejenigen, die man für schlecht hält. 
Nun kann man im Urteile fehlgreifen. Gute für schlecht, Schlechte für gut 
halten. Dann würde sich mit der angeführten Definition der W^idersinn ver- 
tragen, daß der Gerechte den Ungerechten — das sind die Schlechten — nützt, 
den Gerechten — das sind die Guten — schadet. Durch diese Elenxis wandelt 
sich die Bestimmung zu einer neuen (335a): gerecht ist, dem Freunde, so- 
fern er gut ist, zu nützen, dem Feinde, sofern er schlecht ist, zu 
schaden. Aber auch dabei hat es nicht sein Bewenden. Ein Wesen schädigen 
heißt, seine für seine Gattung charakteristische Tüchtigkeit verringern. So bei 
Pferd, Hund und Mensch. Nun gehört die Gerechtigkeit zu der für den 
Menschen charakteristischen Tüchtigkeit. Es ergäbe sich also ein neuer Wider- 
sinn: die Gerechtigkeit Aväre für die Gerechten das Werkzeug, andere ungerechter 
zu machen, insofern der Gerechte seine Feinde schädigt (335 b ff.). So seheitert 
auch dieser Versuch, der ursprünglichen Definition durch Verbesserung aufzu- 
helfen, und die Gesprächspartner sind in Verlegenheit. Da erhält durch das 
Eingreifen des Thrasymachos (336b) die Debatte eine neue llichtung. 
Die Gerechtigkeit ist auch nach populärer griechischer Auffassung (Leop. 
Schmidt, Ethik d. alten Griechen I S. 302 f.) die allgemeine Tugend. Soweit sie 
einen Sonderbereich hat, ist es der des gesamten bürgerlichen Lebens. Kein 
Wunder, daß die Verhandlung über sie schließlich in den Kampf verschiedener 



248 § -^O- Piatons Schriften: Politeia I. 

Lebens- und politischer Anschauungen ausmündet. In diesem Kampfe hat 
Politeia I vieles mit dem Gorgias gemein. Aber es besteht doch ein für die 
verschiedene Abfassungszeit sehr charakteristischer Unterschied. Nirgends 
schlügt hier Sokrates den temperamentvollen Ton an. der den Gorgias durchzieht, 
nirgends verrät sich hinter den verstandesmiißigen Erwägungen die Macht eines 
durch gegenwärtige Verhältnisse erregten überwältigenden Gefühles, der bittere 
Ingrimm über eine ethisch destruktive Zeitrichtung, der persönliche Gegensatz 
gegen die Lebensauffassung der athenischen Demokratie. Die Debatte ist aut 
selten des Sokrates so unpersönlich wie möglich, und dies leuchtet um so 
schärfer hervor, als ihn nicht einmal die ungemein schroffe, herausfordernde 
Weise seines Gegners aus dem Geleise nüchternster akademischer Diskussion zu 
werfen vermag. Auch die Diskussion selbst ist verhältnismäßig elementar, das 
Rüstzeug der Gegner einfach im Vergleiche mit den reichen Kampfmitteln, deren 
sich die Gesprächspartner im Gorgias bedienen. Zwei untereinander eng ver- 
bundene Thesen des Thrasymachos hat Sokrates zu widerlegen: 1. Das Ge- 
rechte (im Sinne der Wahrung des positiven Rechtes) ist der Vorteil des 
Stärkeren (338c) oder — in schärferer politischer Prägung — der Vorteil 
der bestehenden Obrigkeit (339a). 2. Die Ungerechtigkeit ist 
mächtiger als die Gerechtigkeit, gewährt ein glücklicheres Leben 
und ist somit nützlicher (343 d. 344 äff. 347 e. 352 d). Der Tyrann, so 
heißt es in Ausführung der ersten These, gibt Gesetze, d. h. er bestimmt das 
öi'y.ator, zugunsten seiner Tyrann is. Analog verfahren Demokratie und Aristo- 
kratie. Das Wesen des Gerechten besteht im Gehorsam gegen diese Gesetze. 
Dem Einwände, daß eine Obrigkeit unter Umständen ihren Vorteil verkenne und 
Gesetze zuungunsten ihrer Herrschaft gebe, die Gerechtigkeit alsdann also zuni 
Nachteile des Ijestehenden Regimentes führe, begegnet Thrasymachos durch die 
Konstruktion eines idealen Obrigkeitsbegriffes — im egoistischen Sinne — : eine 
Obrigkeit ist eine solche nur, soweit sie in dem maßgebenden Punkte, der Sorge 
für die Aufrechterhaltung ihres Regimentes, keinen Fehler begeht. Der Arzt ist 
in dem Augenblicke, in welchem er falsche Anordnungen trifft, kein Arzt 
(339 b ff.). Der Vertreter eines jeden Berufes fehlt in Sachen dieses Berufes nur 
dadurch, daß die das Wesen des betreffenden Berufes ausmachende Sachkenntnis 
nicht in Wirksamkeit ist. Der gleichen Betonung des abstrakten Berufsbegriffes 
— aber in altruistischer Wendung — bedient sich Sokrates zur Widerlegung: 
der Arzt ist nur so lange Arzt, als er der das Wesen des ärztlichen Berufes 
bildenden Kranken fürsorge obliegt, der Steuermann nur so lange Steuermann, als 
er durch richtige Lenkung des Schiffes dem Wohle der Reisenden dient. Arzt 
und Steuermann sind Leiter, der eine der Kranken, der andere der Reisenden. 
Wie ihre, so hat jede andere Leitung, also auch die staatliche durch die Obrig- 
keit, den Vorteil der Geleiteten, nicht ihren eigenen, zum Ziele. Verfolgen Arzt, 
Steuermann und politische Obrigkeit eigene Vorteile, gehen sie aus auf Gewinn, 
60 tun sie dies nicht kraft ihres eigentümlichen Berufes, sondern in Ausübung 
eines davon getrennten Lohnerwerbsberufes. Eben weil die obrigkeitliche Tätig- 
keit als solche nur Opfer und keine Vorteile mit sich bringt, lassen sich alle nur 
durch die Aussicht auf Geld, Ehre oder — die Edleren — durch die Rücksicht 
auf eine im Ablehnungsfalle drohende Strafe zur Übernahme der Aufgabe be- 
stimmen; die schlimmste Strafe ist, von einem Schlechteren regiert zu werden 
(341b— 342 e; 345 c— 347 d). In der Ausführung seiner zweiten These bemerkt 
Thrasymachos, überall im privaten wie im öffentlichen Leben ziehe der Gerechte 
dem Ungerechten gegenüber den kürzeren. Am klarsten zeige sich das bei der 
vollendetsten l'ngcrechtigkeit, der Tyrannis, die ihren ungerechten Träger zum 



J 



§ 40. Piatons Schritten : Politeia I. p]uthyphron. 249 

glücklichsten, die geschädigten Gerechten zti den nngliicklichsten Menschen 
mache (343 c— 344 c). Die Bekänapfung dieses Standpunktes vollzieht sich in der 
Weise, daß Sokrates den Gegner zunächst dazu drängt, die Ungerechten für 
cfijöytfioi Hai uyaOot, die Ungerechtigkeit für dgexrj xal ootpia zu erklären. Als- 
dann erfolgt die Widerlegung durch eine Argumentation, die in etwas verkürzter 
Form so lautet: Der Gerechte erstrebt einen Vorzug nur vor dem Ungleichen 
(dem Ungerechten), nicht vor dem Gleichen, der Ungerechte vor beiden. Xun 
lehrt die Erfahrung, daß überall der ffaoviiiiog y.ai dyadog nur vor dem T'n- 
gleichen, nicht vor dem Gleichen einen Vorzug zu genießen verlangt. Der sach- 
verständige Musiker will sein Instrument nicht besser gestimmt haben als Seines- 
gleichen, wohl aber als der Unmusikalische. Der kundige Arzt begehrt in Speise 
und Trank nichts voraus zu haben vor einem anderen ebenfalls kundigen, wohl 
aber vor dem Laien (diese nähren sich falsch, die Arzte stimmen in der richtigen 
Ernährung überein). Demnach ist nicht der Ungerechte, sondern der Gerechte 
nof^o? (ffoör'iuog) y.ai dyadög, der Ungerechte im Gegenteil unadijg y.ai y.o.y.ög 
(348 c — 350c). Ist aber die Ungerechtigkeit y.ay.ia y.ai daadla, so folgt ohne 
weiteres, daß sie nicht mächtiger sein kann als die Gerechtigkeit, die sich als 
doerrj y.ai oocpia erwiesen hat (350 d — 351a). Bemerkenswert ist an diesem Be- 
weise, daß er ganz auf intellektualistischer Grundlage aufgebaut ist. Mit der 
Eigenschaft des fgoviinog erscheint die des dyadög, mit der aocfia die doEr// un- 
mittelbar gegeben (348 de; 349 d ff.), und den Nerv des Beweises bildet die 
Parallele des Gerechten mit dem Sachkundigen. Auch in diesem Punkte steht 
Politeia I im Anschauungskreise der übrigen Schriften aus Piatons sokratischer 
Epoche. — Die angeführte Argumentation erhält 351 c ff . eine Unterstützung: die 
Ungerechtigkeit stiftet Haß und Zwietracht nicht nur unter einer Mehrzahl von 
Individuen, sondern auch innerhalb des einzelnen Individuums selbst und lähmt 
dadurch die Kraft zum Handeln. Mit dem Satze von der größeren Macht der 
Ungerechtigkeit bricht nun wieder ohne weiteres der daraus abgeleitete zu- 
sammen, daß der Ungerechte glücklicher lebe als der Gerechte. Aber auch hier 
wird die Widerlegung durch ein weiteres Argument bekräftigt (352 d ff.i. . Jedes 
Ding und Wesen verrichtet seine Aufgabe kraft einer ihm eigentümlichen dijEn']^ 
Dies gilt auch von der Seele hinsichtlich des ihr obliegenden Geschäftes des 
Sorgens, Herrschens, Ratpflegens und überhaupt Lebens. Als seelische dgsn'/ ist 
die Gerechtigkeit, als seelische y.ayJa die Ungerechtigkeit erwiesen. So muß die 
gerechte Seele (gut ihres Amtes walten) und der gerechte Mensch gut, der unge- 
rechte schlecht leben. Wer aber gut lebt, ist glücklich, wer schlecht lebt, das 
Gegenteil. Somit fällt auch die Behauptung, die Ungerechtigkeit sei nützlicher- 
als die Gerechtigkeit (354 a). Damit schließt die Verhandlung. Xun wiederholt 
sich eine Erscheinung, der wir am Ende des Protagoras begegnet sind. Das er- 
zielte Ergebnis wird (354 b f.) für nichtig erklärt, weil die Grundfrage nach dem 
Wesen der Gerechtigkeit nicht beantwortet und damit die Grundbedingung für 
die Erörterung ihres Verhältnisses zu Tugend und Glück nicht erfüllt sei. Wir 
erkennen darin auch hier den Hinweis auf eine weitere Erörterung, die aber in 
diesem Falle erst erheblich später in den folgenden Büchern der Politeia zur 
Ausführung kam. 

In anderem Sinne als der eben besprochene Dialog enthält der 
Eutfii/pfiron eine Hindeutung auf Zukünftiges. Schon im Laches^ 
Charmides und ersten Buche der Politeia lag der Fehler der zunächst auf- 
gestellten Definitionen im Grunde darin, daß einzelne Fälle und Erweisungs- 
formen der gesuchten Tugend für ihr Wesen ausgegeben wurden. Es verriet sich, 
darin das Unvermögen des Definierenden, von den Einzelobjekten zum Begriffe 



^),~)( I § 40. Piatons Schriften : Euthyphron. 

aufzusteigen. Schon im Luches ist der Fehler an Hand des dort vorliegenden 
Falles aufgedeckt und durch ein Beispiel der Weg zu seiner Verbesserung ge- 
wiesen (191d. 192 b). Aber erstmals im Euthyphron wird in tiefer greifender Weise 
und unter Verwendung der späterhin zu so großer Rolle berufenen Ausdrücke 
e7öo; und I^fu das methodische Prinzip der Definition dargelegt. Hier bringt der 
Euthyphron etwas ganz Neues. Gleich beim Beginne der Verhandlung über die 
Frömmigkeit, deren Begriffsbestimmung der Dialog zum Vorwurfe nimmt, be- 
merkt Sokrates: „Ist nicht das Fromme in jeder Handlung mit sich ein und das- 
selbe, und andererseits das Unfromme von allem Frommen das Gegenteil, selbst 
aber sich gleich, und alles, was unfromm sein soll, im Besitze einer gewissen Ge- 
stalt (exof fiiar xirä idiar) hinsichtlich seiner Unfrommheit?" (5d). Nachdem dann 
Euthyphron bejahend geantwortet, aber gleichwohl statt einer Begriffsbestimmung 
einen (vermeintlichen) Fall des Frommen vorgebracht hat, wird er mit den Worten 
zurechtgewiesen: „Erinnerst du dich, daß mein Verlangen nicht dahin ging, mioh 
einen oder zwei Fälle des vielen Frommen kennen zu lehren, sondern eben jene 
Erscheinung (ey.Eivn uvio z6 eidog), durch die das Fromme fromm ist? Denn 
du sagtest ja doch wohl, daß durch eine Gestalt das ünfromme unfromm und 
das Fromme fromm sei {fiia Ibfu rä re äröoia avöaia elrui xt).., 6d) .... Lehre 
mich nun. welches eben diese Gestalt ist, damit ich auf sie hinblickend und sie 
zum Muster nehmend diejenigen unter deinen oder eines andern Handlungen, 
die so beschaffen sind, für fromm erkläre, die nicht so beschaffen sind, aber 
ni<"ht \TnrT>jv rolrvv /m- avrip' di'da^or t!jv iSfuv, rig jtots eotiv. l'ra fig ixEi'rijj' 
«.To/J/.f'.Tw»' xul ■/ooj/tefog avxfi .-ragadeiyuaTi y.z/.., 6e)." Es ist klar, daß die Wörter 
lÖEc. und Eiöog hier weder als logische noch als metaphysische Termini verstanden 
werden können: sie bedeuten weder „Begriff" noch ,,Idee". Denn es wäre völlig 
unsinnig, einem Menschen, der sich so aller philosophischen Schulung bar erweist, 
wie dies bei Euthyphron der Fall ist, mit Wörtern einer philosophischen Kunst- 
sprache zu kommen. Für beide kann nur ihre elementare, allgemein verständliche 
Bedeutung ,, Erscheinung", „Aussehen", ,, Gestalt" in Betracht fallen. Sokrates 
will sagen, daß das Fromme und das Unfromme überall, wo sie auftreten, das- 
sell)e charakteristische Aussehen und Gepräge, dieselbe Grundgestalt aufweisen, 
an der sie zu erkennen sind, etwa wie man die Mitglieder einer Familie an dem 
gleichen Aussehen, der gleichen Gesichtsgestaltung erkennt. Dabei ist es aber für 
Piatons künstlerisches Streben nach plastischer Anschauung äußerst bezeichnend, 
daß sich ihm diese gemeinsame Gestalt, die doch nur als Grundtypus in den 
vielen Einzelgestaltungen des Frommen vorhanden ist, verselbständigt, so daß man 
auf sie hinsehen und sie zum Muster und Maßstabe für die Feststellung der 
einzelnen Fälle des Frommen verwenden kann, eine Vorstellung, von der ebenso 
gewiß sei, daß sie hier nur bildlich verstanden werden darf, wie daß sie nach 
Verwischung der Grenzen des Bildlichen und Eigentlichen in die Auffassung des 
Begriffes als Substanz und Urbildes ausmünden konnte. Ausdrückliche Kenn- 
zeichnung des Wesens der Definition und Ausblick auf die Ideenlehre, das also 
ist das Neue, das der Euthyphron bietet. Im übrigen finden wir auch hier wieder 
die bekannten Grundzüge der Werke der sokratischen Periode, freilich nicht ohne 
erhebliche Variation im einzelnen. Unter den vorgeschlagenen und verworfenen 
Definitionen ist besonders die vierte (12e) von Interesse, die das Fromme als 
den einen Teil des Gerechten bestimmt, und zwar denjenigen, der sich mit 
der ÜEiov dEoajTEi'a befaßt, während der andere Teil das Verhältnis zu den 
Mitmenschen regle. Das Wort &soastei'a bedeutet in Verbindung mit dscöv 
allgemein Götterverehrung, während ihm im sonstigen Gebrauche der Sinn 
., Pflege" innewohnt. Hierauf fußt die weitere Deduktion, indem sie darauf 



§ 40. Piatons Schriften: Euthyphron. Lvsis. 251 

hinweist, daß jede Pflege den Nutzen und die Verbesserung ihres Gegen- 
standes zum Ziele habe. Den Göttern aber könne man nicht nützen und 
•sie nicht besser machen. Um diesem Einwände zu entgehen, wird mit i^e^a- 
TiFia ein engerer Sinn verbunden: es ist eine sorgende Bemühung, wie sie 
die Sklaven den Herren erweisen. Die Frömmigkeit ist also ein Dienst, 
den man den Göttern widmet (13 d). Nun aber gilt jeder Dienst einem 
Werke, in Avelchem der Dienende den Herrn unterstützt. In welchem Werke 
unterstützt der Fromme die Götter? Was ist der Kern des vielen Schönen, das 
die Götter wirken? (14a). Hier erhalten wir nun einen deutlichen Fingerzeig in 
der Eichtung, in der sich die weitere Verhandlung bewegen müßte, um die 
Lösung des Problems zu erreichen. Auf eine längere der Frage ausweichende 
Erklärung des Euthyphron bemerkt Sokrates: „Du hättest mir den Kern dessen, 
wonach ich fragte (der von dem Frommen unterstützten göttlichen Werke), mit 
kürzeren Worten angeben können .... Als du gerade am Ziele warst, hast du 
dich abgekehrt'- (llc). Es ist klar, die Antwort hätte lauten sollen: das Gute. 
Hätte Euthyphron so geantwortet, dann hätte sich leicht zeigen lassen, daß die 
Frömmigkeit das Wissen vom Guten und Bösen voraussetzt und mithin wieder 
nur eine Erscheinungsform der allgemeinen einheitlichen Tugend ist. Dieser Weg 
lag nach den Ergebnissen des Laches und des Charraides so klar vor Augen, daß 
der Leser nur auf ihn hingewiesen und ihn nicht bis zu Ende geführt zu werden 
brauchte. Statt dessen Avendet sich der Verfasser zu einer neuen Elenxis, -die 
durch die grob an Äußerlichkeiten haftende religiöse Volksanschauung heraus- 
gefordert wurde. Anknüpfend an einen von Euthyphron 14 b geäußerten Ge- 
danken drängt ihn Sokrates, die Frömmigkeit für eine Wissenschaft des Opferns 
und Betens, d. h. für eine Wissenschaft des Gebens und Heischens den 
Göttern gegenüber (14c) zu erklären und gibt dieser Bestimmung schließlich 
in beißendem Sarkasmus die Form, die Frömmigkeit sei eine Art Kunst des 
gegenseitigen Handelsverkehrs zwischen Göttern und Menschen 
(14 e). Widerlegt wird diese Definition durch Zurückführung auf eine andere 
bereits früher erledigte (15 b. vgl. 6eff.), womit das Gespräch wieder scheinbar 
ohne positives Ergebnis schließt. 

Die chronologische Stellung des Dialogs, die ich nach den Resultaten 
der Sprachstatistik und seinem Gesamtinhalte bestimmt habe, erfordert noch eine 
Bemerkung. Die Frömmigkeit ist im Protagoras und Gorgias der Gerechtigkeit 
koordiniert, in unserm Gespräche (11 e ff.) steht sie zu ihr im Verhältnis der 
Subordination, und in der Politeia erscheint sie nicht mehr unter den Haupt- 
tugenden, Man hat daraus geschlossen, daß die Abfassungszeit der Schrift 
zwischen die des Protagoras und des Gorgias einer- ixnd der Politeia andererseits 
falle (Gomperz, Gr. Denker II» S. 289. 293. 295). Mit Unrecht, wie mir scheint. 
Beide Auffassungen, die koordinierende wie die subordinierende, wurzeln in volks- 
tümlichen Anschauungen (L. Schmidt, Ethik d. alt. Gr. I S. 303 f. 308. R. Hirzel, 
Themis, Dike u. Verw. S. 180 f.), und Piaton konnte im Euthyphron die sub- 
ordinierende um so unbedenklicher herausgreifen, als sie ihm zwar für die Ein- 
führung eines Definitionsversuches einen brauchbaren Anknüpfungspunkt bot, für 
den Inhalt der Definition aber belanglos war, da es sich bei diesem nur um die 
,,Götterptlege'' als solche, nicht um ihr logisches Verhältnis zur Gerechtigkeit 
handelte. 

Der Fall, daß ein Gespräch sokratischer Art in einem Dialoge einer späteren 
Periode seine notwendige Ergänzung findet, liegt vor in dem Verhältnis des 

Lt/sis zum Symposion. Das Thema der Schrift ist 212 ab in dem Satze: 

'Ettfi ()äv Tig Tira q i/.fi , jTÖrsoog 7ioxf:oov <fi?.o; yiyvFTat; ausgesprochen. 



252 § 40. riatons Schritten: Lysis. 

Damit ist nicht in aller Form eine Definition der Freundschaft verlangt, 
Tatgächlioh handelt es sich aber gleichwohl um die Bestimmung ihres Wesens, 
Nach einem belustigenden Spiele mit den verschiedenen Bedeutungen des Worte» 
(fi'/.o? und den Beziehungen zwischen (pü.og und ffdelv beginnt 214 a die ernste 
Debatte, die zunächst folgende für die weitere Verhandlung grundlegenden Sätze 
ergibt: weder ist das Gleiche dem Gleichen (214b ff.), noch das Ent- 
gegengesetzte dem Entgegengesetzten (21()af.) befreundet. Ersteres- 
nicht: denn der Schlechte kann überhaupt niemandes, also auch nicht des Schlechten 
Freund sein. Aber auch nicht der Gute des Guten. Denn das Gleiche bringt, 
wie spitzfindig ausgeführt wird, dem Gleichen keinen Nutzen (bietet ihm keine 
Ergänzung). Auch ist der Gute sich selbst genug» Wäre aber das Entgegen- 
gesetzte dem Entgegengesetzten befreundet, so müßte auch zwischen Freund 
und Feind, Gerechtem und Ungerechtem, Selbstbeherrschendem und Zügellosem. 
Gutem und Schlechtem Freundschaft bestehen. So folgt, daß nur das Neutrale 
(das weder Gute noch Schlechte) dem Guten freund sein kann (216e), 
und zwar hat diese Freundschaft ihren Grund in dem Vorhanden- 
sein eines Übels (und Feindlichen), ihr Ziel in der Erreichung eine& 
Guten (und Befreundeten): x6 ovze y.axov ovze äyadov . . . diä rö y.axov y.ai 
tÖ E/doov Tov ä'/aßov tpü.ov razlv Evexa tov uyadov y.ai cfi'Äov (219 a b), z. B. der 
Leib liebt wegen vorhandener Krankheit die ärztliche Kunst um der zu erreichen- 
den Gesundheit willen (217 äff.). Vorausgesetzt ist dabei, daß das Übel noch 
nicht tief genug eingewurzelt ist, um das an sich Neutrale zu etwas Schlechtem 
zu machen. Denn dann tritt die Regel in Kraft, daß das Schlechte dem Guten 
nicht freund sein kann und das Gute nicht begehrt (21 7 h ff.). In diesem Zu- 
sammenhange erfolgt nun eine Nutzanwendung, die bereits die Beziehung 
zwischen Lysis und Symposion in helles Licht rückt (218af. zu vergleichen 
mit Symp. 203 e ff.). Aus den angeführten Gründen, so werden wir belehrt, liegen 
die schon Weisen (und Guten), seien es nun Götter oder Menschen, dem Weis- 
heitsstreben (ff dooocfsTr) nicht mehr ob (denn das Gleiche ist nicht dem Gleichen 
befreundet), ebensowenig aber diejenigen, bei denen die L^n Weisheit so tief sitzt^ 
daß sie dadurch schlecht sind (denn das Entgegengesetzte ist nicht Freund des 
Entgegengesetzten). Die nach Weisheit Strebenden sind vielmehr diejenigen, die 
weder gut, noch auch bereits schlecht sind, d. h. diejenigen, die zwar mit Un- 
weisheit behaftet, von ihr aber noch nicht soweit verderbt sind, daß sie das Be- 
wußtsein ihres Nichtwissens (und damit das Begehren des Wissens) verloren 
hätten. Aus der 219 ab erreichten Bestimmung des Freundschaftsverhältnisses 
wird nun die Setzung des Zweckes wie die des Grundes eliminiert. Zunächst die 
des Zweckes (219 b ff.). Was als Ziel einer Freundschaft gesetzt ist (wie die 
Gesundheit als Ziel der Freundschaft des kranken Leibes mit der ärztlichen 
Kunst), ist selbst wieder Gegenstand der Freundschaft zur Erreichung eines 
ferneren Zieles. So entsteht eine Stufenleiter, deren oberste Sprosse, das absolut 
Gute, letzter Zweck ist und nicht selbst wieder im Dienste eines Zweckes steht. 
Somit muß das evey.a tov äyadov y.ai rpikov fallen. Aber auch der Grund, bia zo. 
yny.öv y.ai ro syOoöv, hält nicht stand. Verschwände das Übel aus der Welt, so 
blieben doch die neutralen Begehrungen — neutral, Aveil sie, wie Hunger und 
Durst, weder unbedingt mit Schaden, noch unbedingt mit Nutzen verbunden 
sind (220c ff.). So gilt denn jetzt (221 d) das Begehren schlechthin als 
Ursache der Freundschaft. Man begehrt, was einem entzogen, aber (zum 
Dasein und zur Erfüllung der naturgemäßen Aufgaben) notwendig ist. also das 
einem eigentümlich Zugehörige (rö oiysTov — 221 e). Dieser Begriff steht für 
den Schlußteil des Dialoges im Mittelpunkt. Das Zugehörige kann nun mit dein 



§ 40. Platons Schriften: Lysis. 253 

<jrloichcn identisch oder von ihm verschieden sein. Im crstcren Falle würde die 
Freundschaft daran scheitern, daß nach früherer Ausführung das Gleiche dem 
Gleichen nicht befreundet sein kann. Für den zweiten Fall wird die Alternative 
aufgestellt: entweder ist das Gute für alles das Zugehörige, das Schlechte das 
Fremde, oder für das Schlechte ist das Schlechte, für das Gute das Gute, für das 
Neutrale das Neutrale das Zugehörige. Die Möglichkeit, daß das Schlechte für 
■das Schlechte das Zugehörige und damit Gegenstand der Freundschaft sei, fällt 
nach früherem Zugeständnis dahin. Ebenso aber auch die Zugehörigkeit des Guten 
zum Guten, da Freundschaft nicht zwischen Gleichem bestehen kann. Die Zu- 
g;ehörigkeit des Neutralen zum Neutralen wird nicht besonders geprüft, es ist aber 
klar, daß auch sie nach der nämlichen Voraussetzung (als Zugehörigkeit des 
Gleichen zum Gleichen) keine Freundschaft begründen kann. So ist die ITnter- 
suchung wieder an einem toten Punkte angelangt. Eben will Sokrates einen der 
Alteren zur Beteiligung veranlassen — seine bisherigen Gesprächspartner, Lysis 
und Menexenos, stehen in frühem Jugendalter — , da erscheinen die mit der 
Aufsicht über die Knaben beauftragten Sklaven und drängen unerbittlich zur 
Heimkehr. 

Jener Ältere hätte, wenn er ein aufmerksamer Zuhörer war, auf eine bedenk- 
liche Lücke in der Untersuchung hinweisen müssen, die den Knaben entgangen 
ist. Der unter der Eventualität, daß das Gute für alles das Zugehörige ist, in- 
begriffene Fall, daß das Gute für das Neutrale das olxsTov ist, ist ungeprüft ge- 
blieben. Er hätte die Lösung des Problemes geboten. Daß diese Unterlassung 
auf Absicht des Verfassers beruht, steht außer Zweifel. Deutlicher als er es durch 
■die Anlage der Schlußszene getan hat, konnte er nicht ausdrücken, daß das letzte 
Wort noch nicht gesprochen ist. Er hat sich die Ergänzung für einen andern 
Dialog verspart, um hier den in dem Gedanken von der Beziehung des Neutralen 
zum Guten liegenden Keim voll zu entwickeln: was im Lysis fehlt, bildet ein 
Grundmotiv der Sokratesrede des Symposions, zu der sich der Lysis verhält wie 
das Vorspiel zur Hauptaktion. 

Diese Beziehung zum Symposion kommt selbstverständlich auch für die 
Frage nach der Abfassungszeit unserer Schrift in Betracht. Es liegt sehr nahe, 
beide Werke durch einen nur geringen zeitlichen Abstand voneinander getrennt 
zu denken. Ich selbst habe diesem Gedanken in der 10. Auflage dieses Buches 
Kaum gegeben, und neuerdings hat Pohlenz (Aus Pl.s Werdez. S. B58ff, 365 ff.) 
unter Heranziehung anderer Beweisgründe die Ansicht vertreten, daß der Lysis 
von den Dialogen der platonischen Frühzeit zu trennen und mit dem Symposion 
zusammenzufassen sei. Auf der andern Seite ist nicht zu verkennen, daß die 
Schrift in ihrer künstlerischen Form und philosophischen Methode den bisher 
besprochenen auffallend nahe steht. Die Art der Einführung des Gespräches — 
Sokrates erzählt es, ohne daß gesagt wird, Avem (vgl. Charmides und Politeia I) — , 
die reich ausgestattete Szenerie, die auch in Einzelheiten mit der des Charmides 
übereinstimmt, die Darstellung des Sokrates in sittlich fördersamer LTnterhaltung 
mit Knaben, die begriffsethische Tendenz, der resultatlose Abschluß, das alles 
sind Momente, die in ihrer Vereinigung den Lysis entschieden unter die 
Jugenddialoge verweisen. Das Urteil der Sprachstatistiker ist leider nicht ein- 
hellig. Dittenberger läßt auf Grund eines engbegrenzten Materiales den Dialog 
dem Symposion unmittelbar folgen, Ritter (Unters, über PL S. 100) hält dafür, 
er müsse, seine Echtheit angenommen, „etwa dem Symposion gleichzeitig an- 
gesetzt oder gar an das Ende der ersten Schriftenreihe gestellt werden''. Dagegen 
hat V. Arnims Untersuchung der gesamten Zustimmungsformeln ergeben, daß der 
Lysis in Charmides, Euthyphron, Politeia 1 und Laches seine nächsten Ver- 



204 ?> ■^"- Platon6 Schriften: Lysis. Schriften der Übergangszeit. 

wandten besitzt (Sprach!. Forsch. S. 2:50; Einwendungen bei Pohlenz a. a. 8. iJöS f. • 
Replik V. Arnims. Pl.s .Tiigendd. S. 38 f.), und er hat die unter Berücksichtigung 
der Einzelergebnisse autgestellte Ordnung: Laches, Politeia I, Lysis, Charmides. 
EuLhyphron auch durch formale und inhaltliche Argumente zu stützen gesucht 
(Pl.s Jugendd. S. 37 ff.; dagegen Pohlenz, Gott. gel. Anz. 1910, 252 ff.; Replik 
V. Arnims, Rhein. Mus. 71 [1916], 364 ff.). So wenig ich v. Arnims Grund- 
auflassung des Dialogs zuzustimmen vermag, scheinen mir doch jetzt die auf 
eine frühe Abfassungszeit hinweisenden formalen und sprachlichen Indizien 
ausschlaggebend. Ich sehe kein Hindernis, daß Piaton die Anschauung 
vom Guten als dem vom Neutralen begehrten oly.Flov in ihren Elementen 
schon im Laufe seiner ersten Entwicklungsperiode, ausgebildet und sie vorerst 
nach seiner Gewohnheit in einem scheinbar ergebnislosen Dialoge dem Leser an 
der Hand des Gesamtverlaufes der Debatte zu finden überlassen haben sollte, um 
sie dann in einer späteren Schrift positiv auszugestalten, ein Unternehmen, zu 
dessen Ausführung er erst nach Jahren und auf Grund einer wesentlich erweiterten, 
Perspektive gekommen ist — ebenso wie die im ersten Buche der Politeia in& 
Auge gefaßte Wesensbestimmung der Gerechtigkeit erst nach langer Zeit und 
unter der Einwirkung neuer Gesichtspunkte ihre Erledigung gefunden hat. 

II. Die Schriften der Übergangszeit. 

Gorgias. Menon. Euthydemos. Kleinerer und größerer Hippias. Kratylos. 

Menexenos (zur Reihenfolge s. o. S. 233 f.). 

Piaton hatte, Avie sein siebenter Brief zeigt, von Jugend auf mit warmeni 
Herzen und in lebhaftem Sehnen nach der Möglichkeit eines ersprießlichen poli- 
tischen Wirkens die Geschicke seiner Vaterstadt verfolgt. Aber in der Schrift- 
stellerei seiner ersten Zeit gab er diesem Interesse keinen Raum. Sie galt nur der 
abstrakten Erörterung begriffsethischer Probleme ohne Stellungnahme zu den 
großen praktischen Fragen der GegeuAvart. Aber es kam die Zeit, da das, was ihn 
im tiefsten Grunde seines Innern bewegte, mit Macht auch in seinem literarischen 
Schaffen nach Ausdruck verlangte. Wieweit äußere und persönliche Anlässe hierbei 
im Spiele Avaren, entzieht sich genauerer Feststellung. Der wahrscheinlichen Ein- 
wirkung von Polykrates' Pamphlet auf den Gorgias ist schon oben S. 224 gedacht 
worden. Auch der Verkehr mit politisch gestimmten Pythagoreern mag einen An- 
trieb gegeben haben, die Vorgänge des öffentlichen Lebens in den Ge- 
sichtswinkel philosophischer Weltanschauung zu rücken. Die Rich- 
tung, die Piaton in seinen Beziehungen zur Umwelt einschlagen mußte, war von 
vornherein gegeben. Schon Sokrates hatte aus seiner Forderung sachkundlichen 
Wissens als der Grundbedingung politischer Tätigkeit Folgerungen gezogen, die 
dem Regimente des athenischen Demos nicht günstig waren. Piaton, der 
Erbe seiner Anschauungen, der Geburtsaristokrat, mußte den gleichen Standpunkt 
um so lebhafter verfechten, nachdem richterliche Vertreter dieses Demos über 
seinen Lehrer ein Todesurteil gefällt hatten, das, von einem höheren Standpunkt 
als dem des positiven athenischen Rechtes betrachtet, den Gipfel der Ungerechtig- 
keit darstellte. Älit der athenischen Demokratie aber war die Sophistik als die 
berufsmäßige Übermittlerin politischer Bildung aufs engste verbunden. Ihre 
Rhetorik beherrschte in weitem Maße das Getriebe des öffentlichen Lebens, ihr 
Subjektivismus durchdrang die allgemeine Lebensanschauung, und beide stellten 
sich in den Dienst des selbstischen demokratischen Individualismus. So vertiefte 
und erweiterte sich die Kluft, die von Hause aus die jede Norm für Wissen und 
Handeln aufhebende Sophistik von der nach fester Basis strebenden sokratischen 
Begriffsphilosophie trennte. Der Widerstreit schulmäßiger Lehrmeinungen wuchs 



§ 40. Piatons Schriften : Schriften der Übergangszeit. Gorgias. 



L'OO 



sich aus zu einem gewaltigen Kampfe zweier AVeltanschauungen um die Herr- 
schaft über Staat und Gesellschaft. Der Hauptangriff Piatons trifft die Rhetorik 
im Zusammenhange mit dem politischen und sozialen Nihilismus der Sophistik; 
Schauplatz dieses Kampfes ist der Gorgias. Gegen die zunächst wissenschaftlich 
destruktive, mittelbar aber auch in Aveiterem Bereiche gefährliche sophistische 
Eristik wenden sich die Gespräche Menon und Euthydemos, gegen die metho- 
dische Unzulänglichkeit der Sophisten als Denker und Lehrer die beiden 
Hippiasdialoge. Überall bildet Sokrates' festbegründetes wissenschaftliches Ver- 
fahren und sein selbstloser Wahrheitsdienst das Gegenbild zu dem unwissenschaft- 
lichen, nur der Eigenliebe dienstbaren Scheintreiben seiner sophistischen Gegner. 

Aber mit dem Sokratischen verbinden sich jetzt andere Elemente. Der 
Gesichtskreis weitet sich durch Berücksichtigung vorsokratischer 
Philosopheme. Das Begriffliche, das amo y.a'/.ov xal ayadör. erhält im 
Kratylos durch die Polemik gegen die heraklitische Flußlehre eine neue 
Beleuchtung. So bereitet sich die Spannung zwischen Idee und Einzel- 
ding vor, die Piatons spätere Auffassung kennzeichnet. Vor allem wichtig 
ist der im Gorgias und Menon zutage tretende Einfluß orphisch-pytha- 
goreischer Anschauungen. Sie geben den Boden für Piatons eigene 
Präexistenz- und Unsterblichkeitslehre und bieten der Begriffslehre die 
Möglichkeit, ihre Wurzeln in die Schichten der Psychologie und Metaphysik zu 
senken. Im Zusammenhange damit erhält die Wissenslehre in dem Satze vom 
Lernen als Wiedererinnerung und in der Unterscheidung von Wissen 
und wahrer Vorstellung eine weitere, auch für die Frage nach Wesen und 
Lehrbarkeit der Tugend belangreiche Ausgestaltung. 

Aber trotz alles Fortschritts steht Piaton nun doch erst am Anfang neuer 
Bahnen. Erst in der folgenden Periode gelangt er dazu, die jetzt erschlossenen 
Gesichtsfelder nach allen Richtungen zu durchmessen, das nur ahnend Geschaute 
dogmatisch zu festigen und die neuen Gedanken zu zusammenhängenden und viel- 
fach ineinander eingreifenden Doktrinen auf den Gebieten der Erkenntnistheorie, 
Metaphysik, Psychologie, Ethik und Politik auszubauen. 

Auch in der künstlerischen Haltung weichen die Dialoge dieser 
Periode von denen der vorangehenden stark ab. Im Reiz der szenischen Ein- 
führung erinnert nur der Euthydem an Protagoras, Laches, Charmides, Politeia I 
und Lysis. Dafür bringt der Gorgias, hierin ein Vorläufer der Hauptwerke aus 
Piatons größter Zeit, eine andere Offenbarung des poetischen Genius. Der Dichter 
hat sich aus der Vorhalle in das Innere der Verhandlung zurückgezogen. Hier 
schließt er mit dem Philosophen einen engen Bund. Der auffallend trockene 
Rationalismus der Jugenddialoge erhält unter der Einwirkung orphisch-pythago- 
reischer Denkweise eine mystische Beimischung, die zur Betätigung dichterischer 
Phantasie lockt, und der Weltanschauungskampf zeitigt das poetische Pathos des 
Propheten. Wo der Dichter dem Philosophen vorauseilt, kleidet er seine Schau 
in die Form des Mythus, jenem überlassend, sich daraus Grundgedanken und 
Stimmung dienstbar zu machen. 

L'nter den Dialogen dieser Periode ist nicht der dogmatisch ertragreichste, 
noch auch methodisch beste, wohl aber der für die Grundstimmung des Verfassers 
bezeichnendste der 

Gorgias^ der die Frage nach Wesen (449a— 466a) und Wert (466b 
bis 481 b) der Rhetorik zum Ausgangspunkte nimmt für die scharfe Aus- 
prägung der sophistischen Weltanschauung und ihre Bekämpfung 
aus dem Standpunkte des uneigennützigen sokratischen Wissens- 
strebens (4öl b bis zum Schlüsse). Die Rhetorik, die ohne jede Wissenschaft- 



L>5l> 



§ 40. Piatons Schriften: Gorgias. 



licht.' Grundlage nicht nur hinsichtlich Kecht und Unrecht, sondern auch in 
Fragen der Fachwissenschaften, wie der Heilkunde, den Hörer zu bestimmter 
Meinung und Stellungnahme zu überreden weiß, ist keine Kunst, sondern 
nur eine Routine. Diesen Gegensatz hat Piaton wohl der jNIedizin entnommen 
(vgl. Pohlenz, Aus Pl.s Werdezeit S. 135 ff.). Ein Heilverfahren konnte sich auf 
die lediglich erfahrungsmäßig festgestellte Wirksamkeit eines Heilmittels stützen 
oder die Kenntnis des ursächlichen Zusammenhanges zwischen Krankheit, Heil- 
mittel und Gesundung zur Grundlage haben (vgl. 501 a). Nur das letztere Ver- 
fahren ist das einer (wissenschaftlich fundierten) Kunst. So ist auch die Rhetorik, 
die, wie hier 465 a ohne näheres Eingehen behauptet wird, über ihre Mittel und 
deren Ursache keine Rechenschaft zu geben weiß, nicht Tsyvi}, sondern ifcrsioia 
y.ai Toißt'j (462 c. 463 b). Näher betrachtet ist sie Routine einer Gunst- und Lust- 
erzeugung, also in der Hauptsache Schmeichelei (462 c. 463 a b). Mit bitterem 
Sarkasmus wird sie einem System der Künste (Wissenschaften) und ihrer Schein- 
bilder eingereiht, in welchem sie mit der Putz- und Kochkunst auf gleicher Stufe 
steht. Das System bietet auch dadurch, daß ihm die freilich für den Bereich 
der Scheinbilder nicht überall scharf durchführbare Unterscheidung normativer 
und korrektiver Disziplinen zugrunde liegt, erhebUches Interesse und mag daher 
durch ein Schema veranschaulicht werden, das sich auf die Stellen 464 c ff, 
5CK)eff. 517 d ff. gründet. Über das Verhältnis der Sophistik zur Rhetorik und 
den Vorzug des Normativen vor dem Korrektiven vgl. auch 520 ab. 





Leib 


Seele 




Kunst 

Zweck: das Beste 


(gemeii 
Name 

normativ 

Turn- 
kunst 


isamer 
fehlt) 

korrektiv 

Heil- 
kunst 


Pol 

normativ 

Kunst 
der 

Gesetz- 
gebung 


itik 

korrektiv 

Kunst 

der 
Rechts- 
pflege 


(Wahr- 
heit) 


Routine 

(Schmeichelei) 
Zweck: das Lustreichste 


Putz- 
kunst 


Koch- 
kunst 


Sophistik 


Rhetorik 


(Schein) 



Den Wert der Rhetorik erkennt der hier das Gespräch mit Sokrates 
führende Polos in der von ihr verliehenen Macht: die Rhetoren töten wen sie 
wollen und berauben und verbannen wen es ihnen gut dünkt. Er muß sich 
;aber über den Unterschied von Wollen und Gutdünken belehren lassen : das 
Wollen geht immer auf das für das wollende Subjekt Gute, das Gutdünken hin- 
.gegen kann fehlgreifen und das in Wirklichkeit Schädliche erstreben. Wer also 
•den Inhalt seines Gutdünkens zu verwirklichen imstande ist, kann, da Macht 
etwas Gutes bezeichnen soll, deswegen noch nicht als mächtig angesehen werden 
(466 b— 468 e, vgl. Politeia I 339 d ff.; zu 4(i7 e Lysis 216 d f.). Im Anschluß an 
die Frage der Macht führt die Hervorkehrung eines neuen Gesichtspunktes zu 
■einer bedeutsamen Wendung des Gespräches und damit zur Vorbereitung seines 
zweiten Hauptteiles: Soll die Macht mit Gerechtigkeit oder Unge- 
rechtigkeit ausgeübt werden? Hier gehen die Wege scharf auseinander. 
.Sokrates erklärt L'nrechttun für schlimmer als L^nrechtleiden (469c). 
Der Gute (Gerechte^ gilt ihm für glückselig, der Ungerechte für unglücklich 



§ 40. Piatons Schriften: Gorgias. 257 

(t70e), und zwar im höchsten Grade, wenn er unbestraft bleibt (472 e). Polos 
hingegen sieht unter Berufung auf die allgemeine Meinung den Gipfel der Glück- 
seligkeit in der vollendeten Ungerechtigkeit, der Tyrannis (470d ff.; 
vgl. Politeia 344 a ff., vgl. o. S. 248 f.), gibt aber zu, daß das Unrechttun häßlicher 
{unschöner, aiöyiov) sei, als das Unrecht leiden. Sokrates' Gegenbeweis verläuft 
in zwei Paralogismen : 1. Wenn Unrechttun nach dem Zugeständnis des Polos 
häßlicher (unschöner) ist als Unrechtleiden, so ist es auch schlechter (schädlicher). 
Denn das Schöne wird als solches bezeichnet entweder weil es Lust oder weil es 
Nutzen oder weil es beides gewährt, das Unschöne als unschön, weil es Unlust 
oder Schaden oder beides bringt. Ist nun das Unrechttun unschöner als das 
Unrechtleiden, so muß es entweder größere Unlust oder größeren Schaden oder 
beides bringen. Das Erste ist nicht der Fall, und damit ist auch das Dritte aus- 
geschlossen. So bleibt nur das Zweite (474c~475c). 2. Der richtig Strafende, 
insofern er Gerechtigkeit übt, tut Gutes. Also, da Tun und Leiden (Erfahren) 
Korrelat begriffe sind, erfährt der Bestrafte Gutes, d. h. Nützliches, und zwar da- 
durch, daß er von der schlechten Verfassung seiner Seele befreit wird, die häß- 
licher (unschöner) als die schlechte Verfassung des Leibes und der Vermögens- 
verhältnisse und somit, wie unter Wiederholung der früheren Argumentation 
ausgeführt wird, schlimmer ist (476 a— 478 d). Beide Beweisführungen leiden an 
■dem Fehler, daß die Frage, wer Empfänger von Lust und Unlust, Nutzen und 
Schaden ist, gar nicht gestellt, sondern von vornherein als im Sinne des zu Be- 
weisenden gelöst angenommen wird. Das Unrechttun bringt gewiß keine größere 
Unlust als das Unrechtleiden — aber nur für den Handelnden selbst; anders für 
die Opfer seines Handelns, und darin liegt, soweit Lust und Unlust in Frage 
kommen, dessen Unschönheit. In der zweiten Argumentation wird man die Be- 
hauptung vom Nutzen der Strafe für den Bestraften als Befreiung von der 
Schlechtigkeit der Seele nicht ohne weiteres zurückweisen, aber ihre Begründung 
fiuf die Korrelation von Tun und Leiden ist nicht stichhaltig. Denn nichts 
stände im Wege, daß zwar, wenn der Bestrafende Nützliches tut, der Bestrafte 
Nützliches erfährt, aber nicht für ihn selbst, sondern für die menschliche Gesell- 
schaft Nützliches. Auch mit der Auskunft, daß nach sokratisch-platonischer 
Ansicht die individuellen imd die sozialen Interessen sich decken, ist nicht ge- 
holfen, denn diese These müßte entweder zuerst bewiesen oder zum mindesten 
als Axiom ausdrücklich der Argumentation zugrunde gelegt werden. Daß Piaton 
•diese handgreiflichen Argumentationsfehler unbewußt begangen haben sollte, ist 
-ausgeschlossen. Sie sind vielmehr aus dem oben S. 136 angegebenen Gesichts- 
punkte zu erklären. 

Nach diesen Ausführungen wäre nun die (gerichtliche) Khetorik nur von 
Wert, wenn sie der Schuldige nicht zur Erzielung seiner Straflosigkeit, sondern 
im Gegenteile zur Erreichung seiner Bestrafung verwendete. Ebenso müßte man 
schuldige Angehörige und Freunde der Verurteilung zuführen, Feinde hingegen 
straffrei zu machen suchen (480 a— 481 b). Dieser Satz, der einen der Mitunter- 
redner, Kallikles, wie ein scherzhaftes Paradoxon berühi-t, gibt den Anstoß, daß 
nun endlich im zweiten Haupt teile des Gespräches die einander entgegen- 
stehenden Ansichten auf ihre letzten Prinzipien zurückgeführt werden. Diese 
«ind auf der einen Seite unbeschränkter Egoismus und rücksichts- 
lose Verfolgung der Lust, auf der andern Streben nach dem 
Guten als höchstem Ziel. Für das erstere Prinzip beruft sich Kallikles auf 
den Gegensatz von (pvoig und v6/iiog (482 e; s. oben S. 116. 137). Für das 
natürliche Recht erklärt er das Recht des Stärkeren, das in dem Verhalten 
aller Lebewesen und so auch in der menschlichen Geschichte zutage trete. Un- 

Ueberweg, Grundriß I. 17 



058 § '^0. Piatons Schriften: Gorgias. 

reohtleiden ist darnach nicht nur schlimmer, sondern — im (regensatze zu dem 
von Polos gemachten Zugeständnis — auch häßlicher als I'nrechttun. Ander» 
will es das Gesetz, das die Schwachen zur Abschreckung der Starken gegeben 
haben (483 bf.)- Die Besten und Stärksten unter uns nehmen wir von Jugend' 
auf in unsere Zucht und reden ihnen vor, in der Gleichheit bestehe die Ge- 
rechtigkeit. Wer aber genug Natur in sich hat, der schüttelt alle unsere wider- 
natürlichen Satzungen von sich ab und tritt sie mit Füßen und ersteht, statt 
unser Sklave zu sein, als unser Herr. Von diesem Bilde des Übermenschen hebt 
sich das des Philosophen scharf ab. Zum Selbstschutz unfähig, ist er nach 
Kallikles jedem Angriff hilflos preisgegeben, und so erhält Sokrates die Mahnung, 
von der Philosophie abzulassen, die zwar als Bild«ngsmittel für die Jugend 
brauchbar sei, einen älteren Mann aber lächerlich mache (484 c ff.). Gegen diese 
Auffassung vom Rechte des Stärkeren ergibt sich der Einwand, daß die das 
Gesetz gebenden vielen Schwachen in ihrer Gesamtheit stärker sind als der eine 
oder die wenigen Starken und demgemäß ihrerseits für ihre Satzungen das 
Xaturrecht in Anspruch nehmen können. Demgegenüber bestimmt Kallikles den- 
Begriff des Stärkeren jetzt so, daß darunter der in öffentlichen Angelegenheiten 
Verständige und Mannhafte zu denken sei (491 c). Dieser ist zur HeiTschaft 
berufen — aber nicht zur HeiTSchaft über sich selbst. Im Gegenteil, das Natur- 
recht verlangt, daß man seine Begierden so groß werden lasse wie möglich und 
ihnen durch Mannhaftigkeit und Verstand Befriedigung schaffe. Genußsucht, 
Zügellosigkeit und unbeschränkter Freiheitsdrang sind, wenn sie über die Mittel 
zur Befriedigung verfügen. Tüchtigkeit und Glückseligkeit (491 e ff.j. Das Lust- 
bringende und das Gute sind identisch i495 a ff.). Die Widerlegung 
erfolgt wieder in zwei logisch anfechtbaren Argumentationen: 1. Das Gute und 
die Glückseligkeit auf der einen, das Schlechte und die Unglückseligkeit auf der 
andern Seite können weder zugleich miteinander bestehen, noch zugleich mitein- 
ander aufhören. Wohl aber ist dies bei Lust- und Unlustgefühlen der Fall. 
Wer dürstend trinkt, hat zugleich Unlust- und Lustgefühl, bei Stillung des 
Durstes erlöschen beide Gefühle zugleich (495 e— 497 d). Tatsächlich ist, so wäre 
zur Kritik dieses Beweises zu bemerken, in dem vorgebrachten Beispiele die be- 
hauptete Gleichzeitigkeit gar nicht vorhanden. Bei jedem Schluck des Trinken- 
den entweicht sukzessive ein Teil seiner Unlust, und dieses Entweichen hat 
jeweilen Lust zur Folge. Wollte man hier aber, ohne auf diese Sukzession zu 
achten, gleichwohl in Ansehung des Gesamtverlaufes ein Nebeneinander von Lust 
und Unlust behaupten, so hätte dasselbe auch von Gut und Schlecht zu gelten. 
So könnte z. B. ein Mensch während eines sittlichen Besserungsprozesses, durch 
den eine seiner schlechten Eigenschaften nach der andern entweicht, um der ent- 
sprechenden guten Platz zu machen, schlecht und gut zu gleicher Zeit genannt 
werden. 2. Die Guten sind gut durch die Gegenwart des Guten (bezw. von 
Gütern), die Schlechten schlecht durch die Gegenwart des Schlechten (bezw. der 
Übel), wie diejenigen schön sind, denen Schönheit gegenwärtig ist, d. h. inne- 
wohnt (497 e Tovg dyadoi'g ov/i ayadwv Tiagovoia äyadov<; y.a'/.eTg Üotieq rovg^ 
y.a/.oi'g oi? uv hü/./.o? Ttaofi ; ZU ergänzen durch 498 d). Nun haben die Guten — 
die von Kallikles vorher genannten Mannhaften und Verständigen — und die 
Schlechten miteinander verglichen im ganzen gleichviel Lust- und Unlustgefühle; 
unter Umständen findet sich auf selten der Schlechten ein Mehr; denn die 
Feigen betrüben sich stärker beim Herannahen der Feinde und empfinden 
größere Freude bei deren Abzüge. Wäre nun die Lust mit dem Guten, dessen 
Gegenwart gut macht, die Unlust mit dem Schlechten, dessen Gegenwart schlecht 
macht, identisch, so wären die Guten im ganzen gleich gut und schlecht wie die 



§ 40. Piatons Schriften : Gorgia«. 259 

Schlechten, und unter Umständen die Schlechten in höherem Grade gut und 
schlecht als die Guten (497 e— 499 b). Hier ließe sich zunächst die Behauptung 
in Zweifel ziehen, daß Gute und Schlechte in der Quantität von Lust und Un- 
lust einander im ganzen gleichstehen. Sind doch die ersteren zum Daseins- 
kampfe besser gerüstet und haben darin die Gewähr eines größeren Maßes von 
Lust und eines kleinereu von Unlust. Aber wichtiger ist der logische Fehler. 
Wir treffen hier zum ersten Male (Lysis 217 b ff. ist anderer Art) das "Wort 
naQovoia in einem Sinne, in dem es analog mit den Verben :TUQsirai :xagayiyrsodac 
TTQoayt'yreadai in den Schriften der folgenden Zeit mehrfach angewendet wird. 
Es bedeutet die Gegenwart des Begriffes (der Idee), dessen Innewohnen etwas zu 
dem macht, was es ist: so sind, wie es in dem 497 e beigefügten Parallelbeispiele 
heißt, die Schönen schön durch Anwesenheit von Schönheit. In diesem Sinne 
läßt sich sagen, daß die Guten gut sind durch Gegenwart des Guten — als 
Qualität (vgl. 506 d: ayadov öe ov :jao6vrog uyadoi io/iisv . . . äyaOol yi- iofisv . . . 
aQezrjg rivog :Taoayi-voiiievrjg), aber selbstverständlich nicht durch die Gegenwart 
von Gütern, die man besitzt und genießt, und zu denen auch Körj^erkraft, Ge- 
sundheit, Reichtum usw. gehören. Die Lust wird jedermann nur zu den Gütern 
der letzteren Art zählen und sie nicht mit dem Guten, das gut macht, identi- 
fizieren. Auf der Voraussetzung einer solchen Identifikation beruht aber der 
ganze Beweis. Unter Benutzung einer Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, 
einer gewissen Flüssigkeit im gewöhnlichen Gebrauche des Neutrums Singularis 
lind Pluralis, wird im ersten Satze äyadov durch dya&mv ersetzt und der Gegner 
alsdann durch die Parallele xa/.oi und yd/J.og sicher gemacht. Wenn je bei 
einem platonischen Paralogismus, so liegt in diesem FaUe die Absichtlichkeit klar 
zutage. Tatsächlich nimmt Kallikles an der Deduktion keinen logischen Anstoß, 
sucht sich aber ihren Folgen dadurch zu entziehen, daß er — wie vorher (494/5) 
schon Sokrates — bessere und schlechtere Lustgefühle unterscheidet 
(499 h). Die Verschließung dieses Ausweges bildet den dogmatisch wichtigsten 
Abschnitt des ganzen Dialoges. Die guten Lustgefühle, so führt Sokrates 
499 d ff. aus, sind die nützlichen, d. h. die etwas Gutes bewirkenden, wie z. B. 
die körperliche Gesundheit und Kraft bewirkenden Lustgefühle bei der Nahrungs- 
aufnahme; die schlechten sind die das Gegenteil bewirkenden. Dasselbe Kriterium 
gilt für die Unterscheidung guter und schlechter Unlustgefühle. Alle unsere 
Handlungen haben das Gute (in dem angeführten Sinne, d. h. das uns Nütz- 
liche; vgl. mit 499 e auch 468 b im Zusammenhange von 467 e ff.) zum Ziele, um 
dessen willen wir alles andere vollbringen. So vollbringen wir um des Guten 
willen auch das Lustgewährende, nicht imigekehrt. Das Lnstgewährende aber 
ist vom Guten verschieden (öO<}d). Nach dieser Feststellung wendet sich die 
Verhandlung zurück zu der Unterscheidung der Berufsarten, die das 
seelische Beste, und derjenigen, die lediglich die Lust schlechthin 
ohne Sonderung ihrer Qualitäten ins Auge fassen, mit vornehmlicher 
Berücksichtigung der Rhetorik in ihrer Verwendung gegenüber dem athenischen 
Demos. Sokrates gibt die Möglichkeit einer auf das seelische Beste 
der Bürgerschaft bedachten Rhetorik zu (503a, vgl. 504d), bestreitet 
aber, daß sie in Athen vertreten sei, während KaUikles Themistokles, Kimon, 
Miltiades imd Perikles als solche sittlich wirkenden Redner an- 
führen zu dürfen glaubt. Die Prüfung dieser Behauptung führt zur Wieder- 
aufnahme der prinzipiellen L'ntersuchung, wobei neue, dem pythagoreischen 
Gedankenkreise entnommene Gesichtspunkte geltend gemacht werden 
(503 d ff.), deren Einführung 493 a ff. vorbereitet wurde. Wie jedes Wirken, so 
muß auch das Wirken auf die Seele Harmonie, Ordnung und Regelung 

17- 



Oßy § 40. Piatons Schriften: Gorgias. 

des Objektes sich zum Ziele setzen. Ordnung und Regelung der Seele, die mit 
ihrer Gesetzlichkeit gleichbedeutend sind und ihre Gerechtigkeit und Maßhaltung 
herbeiführen, müßte der gute Redner sich zur Aufgabe stellen (504 d), wodurch 
die Erfüllung ihrer Begierden, solange sie sich im Zustande der Zügellosigkeit 
und Ungerechtigkeit befindet, ausgeschlossen ist (505 b,i. Die gute Beschaffenheit 
eines jeden Dinges tmd Wesens beruht auf seiner geordneten und regelrechten 
Verfassung. Die geordnete Seele ist die maßhaltende. Die maßhaltende Seele 
also ist die gute (506 d ff.i. Mit der Maßhaltung, insofern sie Tun des Zukom- 
menden ist, sind auch die übrigen Tugenden, Gerechtigkeit, Tapferkeit imd 
Frömmigkeit gegeben. Der Maßhaltende i.«t also der vollkommen Gute und 
demgemäß — wie unter Benutzung des Doppelsinns vop sv Tioüxieiv (gut handeln, 
und: sich wohl befinden) gefolgert wird — Glückselige (509 ci. Damit bestätigt 
sich die frühere Kritik der Anschauungen des Polos und Kallikles (mit 507 e 
vgl. 491,2. mit 508 b : 4S0 b c, mit 508 c : 4S6 a b), insbesondere auch hinsichtlich 
der Bewertung des Unrechtleidens und des straflosen Unrechttuns (yj8c ff.i. Es 
fragt sich nun, mit welchen Mitteln Unrechtleiden und Unrechttun 
zu vermeiden sind — denn auch das Unrechttun und seine Vermeidung sind 
nicht Sache des bloßen Wollens (509 e ; vgl. oben S. 157). Vermeidung des 
Unrechtleidens ist nur zu erreichen durch Angleichung an die herrschende 
Macht, im gegebenen Falle den athenischen Demos. Dies fi'üirt zur Anwendung 
der schmeichlerischen Rhetorik (513 bei. Ihr gegenüber steht das Streben nach 
dem Besten, d. h. der sittlichen Förderung der Bürgerschaft. Wer diesen ^Veg 
beschreitet, muß sich hinsichtlich seiner Vorbildung, seines Könnens und semer 
bisherigen Leistungen prüfen. Wie für Kallikles selbst, der eben im Anfange 
pohtLscher Tätigkeit steht, so ergibt diese Prüfung auch für die von ihm als ver- 
dient bezeichneten vier Staatsmänner kein günstiges Resultat (515 d ff.). 
Gegen sie spricht schon ihr persönliches Schicksal. Als Perikles begann, haben 
die Athener, die damals noch ..geringwertiger- waren, nichts gegen ihn unter- 
nommen. Als er sie zur ., Trefflichkeif' erzogen hatte, hätten sie ihn beinahe 
zum Tode verurteilt. Und ähnlich ging es Kimon. Thendstokles und Jkliltiades. 
So sind diese Staatsmänner Tierhaltern zu vergleichen, die Esel, Pferde und 
Rinder als gutartige Tiere übernehmen und sie im Verlaufe ihrer Pflege zu 
Schlägern, Stößern und Beißern machen (516 ai. Die ihnen nachgerühmten Ver- 
dienste verhalten sich zu der wahren, auf das Beste abzielenden politischen Tätig- 
keit, wie auf dem Gebiete der körperlichen Fi'ursorge gute Leistungen der dienen- 
den Künste des Bäckers, des Kochs, des Webers und Schusters zu solchen der 
herrschenden Künste des Turnmeisters imd des Arztes, die allein über die richtige 
Anwendung der von jenen gelieferten Hilfsmittel zu entscheiden vermögen. 
Jene Politiker haben die Bürgerschaft mit dem was sie begehrte bewirtet sonder 
Bedacht auf die Folgen, indem sie ohne die Tugenden der Maßhaltung und Ge- 
rechtigkeit die Stadt mit Häfen und Schiffswerften und Mauern und Tribtiten 
und „solcherlei Tand" anfüllten (519 a). Für Sokrates gilt es, in seinem Wirken 
das Beste, nicht das Lustreichste ins Auge zu fassen, unbekümmert um das 
möglichenveise drohende Urteil eines Gerichtes, vor dem er so hilflos dastehen 
wird wie ein Arzt, den ein Koch vor Kindern anklagt 1 521 a). Das Gericht im 
HadeS; dessen Schilderung in einem orphische Färbung zeigenden Mythus den 
Schloß des Dialoges (523 a ff.) bildet, wird den Philo3oi)hen, der seiner Aufgabe 
und nur dieser Aufgabe gelebt hat (526 c (fi/.oao^ov za airov Tiod^avxo; y.ai ov 
no/.v:Toay/4oyr/(>ayzo; er xol ßtoj) ehren und zu den Inseln der Seligen ent- 
senden. 



§ 40. Piatons Schriften: Gorgias. 261 

Für die Bcurtoilung dieser Ausführungen ist vor allem ihr Verhältnis zu 
zwei früheren Dialogen, zum Protagoras und zum ersten Buche der Politcia, von 
Wichtigkeit. Was die Beziehungen zum Protagoras betrifft, so fällt sofort die 
verschiedene Stellung zum Lustproblem ins Auge. Der Protagoras entwickelt 
eine hedonistische Theorie, den Kern des Gorgias bildet die Bekämpfung des 
Luststrebens und die Erhebung des Guten zum Lebensziele. Die Erbitterung, 
mit der dieser Kampf geführt, die Schärfe, mit der der (iregensatz betont wird, 
hat die meisten Piatonforscher dazu verleitet, die Spannung zwischen den beiden 
Werken zu überschätzen und von einer Bekehrung Piatons, einer grundsätzlichen 
Wandlung in seiner Stellung zur Lustfrage zu sprechen. Zunächst und in der 
Hauptsache gilt der Kampf dem niederen sinnlichen Lustprinzip des Kallikles. 
Nun Avird freilich von 499 d an dargelegt, daß auch bei der guten Lust nicht 
die Lust selbst, sondern das Gute das Ziel sei. Aber dieses Gute wird durchaus 
subjektiv-eudämonistisch als Glück eines oder vieler Individuen verstanden, und 
das Verhältnis dieses Eudämouismus zu einem geläuterten Hedonismus bleibt 
unerörtert. Wollte man der Wendung sv jigdzTovra i^iaxägiöv zs y.ai svöal/nora 
tlvai (s. oben) besonderes Gewicht beilegen, so stände ein hedonistischer Eudä- 
mouismus außer Frage. Auch der Piaton des Protagoras würde keinen Augen- 
blick bestritten haben, daß das Gute in diesem Sinne als letztes Ziel seiner Lust- 
und L^nlustmeßkunst zu gelten habe, und im Gorgias ist, behält man das Ganze 
im Auge, mit dem Satze exeqov tö tjöv tov dya&ov noch keineswegs bestritten, 
daß doch auch dieses dya&öv wieder als Eudämonie ein freilich über das nächst- 
liegende elementare ^)Sv unendlich erhabenes Lustgefühl sei. So hindert nichts, 
im Gorgias nicht eine Umkehr, sondern einen Fortschritt auf der Bahn des 
Protagoras zu erkennen, der sich dadurch vollzieht, daß aus der guten, d. h. 
nützlichen, Einzellust das Gute abstrahiert und verselbständigt zum letzten 
Zwecke erhoben wird. Der Leser des Lysis wird sich dabei der in diesem 
Dialoge 219 b ff. erörterten, bis zu einem letzten Ziel ansteigenden Zielskala er- 
innern, und ich zweifle nicht, daß in der Tat Gedankengänge, wie sie sich bei 
Abfassung des Lysis darboten, auf den Gorgias von Einfluß gewesen sind. 

Das Verhältnis des Gorgias zu Politeia I wurde schon S. 248 berührt. Es 
ist im Grunde der gleiche Gegensatz zweier Weltanschauungen, der uns hier wie 
dort entgegentritt. Aber an die Stelle des kühl forschenden Begriffsethikers ist 
der feurige Bekenner eines Lebensideales, an die Stelle der abstrakten tl'nter- 
suchung der Kampf gegen und für konkrete Mächte im geistigen Leben der Zeit 
getreten. Der sitthche Nihilismus hat in den der athenischen Demokratie 
schmeichelnden sophistischen Rhetoren, sein Gegensatz in dem unentwegt im 
Dienste des Wahren und Guten verharrenden Sokrates greifbare Gestalt ange- 
nommen. Alles ist aus dem Schatten der Schule in das scharfe Licht des (iffent- 
lichen Lebens gerückt. Selbst die Doktrin vom höchsten Glück des Tyrannen 
hat jetzt in der Person des zeitgenössischen Schurken auf dem Throne Archelaos 
(471 a ff.) Farben und Umrisse gewonnen. Auf diesem Geiste eines sittlichen 
Bekenntnisses dem Leben und der Wirklichkeit gegenüber beruht der gewaltige 
Eindruck, den der Gorgias Avie im Altertum (vgl. Themist. or. 33 S. 356 Dind. 
= Aristot. fr. 64), so auch heute auf jeden Leser hervorbringt, so weit uns auch 
die geschichtlichen Verhältnisse, aus denen er erwuchs, entrückt sind. Aber auch 
dogmatisch bedeutet das Werk einen großen Fortschritt, wie über Politeia I so 
über alle seine anderen Vorgänger hinaus, einen Fortschritt insbesondere in der 
Richtung auf die Ideenlehre. Mit dem orphisch-pythagoreischen Gedankenkreise 
setzt eine neue mächtige Triebkraft ein, die dieser Lehre entgegenführt. Die 
Anschauung von einer jenseitigen Welt und einem körperlosen Zustande der 



262 § ■^^*- l^latons Schriflcn: Gorgias. Menon. 

Seele (523 a ff.), die Auffassung vom aw//a als a)j/(a — diese letztere freilich 
493a nur als fremde Lehre wiedergegeben; vgl. Philolaos, oben S. Hi — , ver- 
einigen sich mit der scharfen Entgegensetzung von Sein und Schein (4r)9 e. 
527 b). von Streben nach dem Guten und Jagd nach Sinnenlust, zur Förderung 
jenes Dualismus, der ein Grundzug der Ideenlehre ist. Auf dem Felde der 
Politik bilden sich unter dem Einfluß dieses Dualismus jetzt schon die Keime, 
die sich später in den Büchern II — X der Politeia im Lichte der ausgebildeten 
Ideenlehre machtvoll entwickeln. Wird auch die Forderung, daß die Philosophen 
Könige und die Könige Philosophen werden, noch nicht in aller Form gestellt, 
so ist der politische Philosophenberuf doch nur eine natürliche Folgerung aus 
dem Verlangen einer auf Schulung und Sachkeniltnis beruhenden sittlichen 
Hebung der Bürgerschaft und findet in Sokrates' Äußerung von einer ihm zur 
Aufgabe zu stellenden OrnarrFia rijg jTÖ/.swg (521 a) sogar ausdrückliche Erwäh- 
nung. Das zä ai'Tov ngdzTsir und die Meidung des :io).vjTouyi^iov£Tv scheidet den 
Philosophen hier wie in der Politeia von allen niederen Interessen, und die Ge- 
ringschätzung des Materiellen, wie sie in der Bezeichnung der äußeren Macht- 
mittel des Staates als Tandes zur Erscheinung kommt, findet in dem philo- 
sophischen Absolutismus der Politeia ihr Gegenstück. 

Nüchterner, aber an philosophischem P>trage reicher als das zuletzt be- 
sprochene Werk ist der 

Menon. Er führt uns zunächst auf wohlbekannte sokratische Fährten. 
Das Problem des Protagoras, die Lehr barkeit der Tugend, taucht wieder 
auf, und wie dort am Schlüsse verlangt war, soll seine Lösung auf eine andere